Als in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Schulpflicht eingeführt
wurde, galt auch der Analphabetismus als überwunden. Ein Indiz
dafür ist, dass die letzte offizielle Erhebung zum Analphabetismus
in Deutschland im Jahre 1912 durchgeführt wurde. Das Problem wurde
fortan als eines der Dritten Welt angesehen und hierzulande gemeinhin
ignoriert. In den 70er Jahren beispielsweise zeigten die Regierungen
Frankreichs, der BRD und Luxemburgs genau diese Haltung, als sie einen
vom Europaparlament ausgegebenen Fragebogen damit kommentierten, dass
Analphabetismus in ihren Ländern nicht existiere.
In den 80er Jahren ließ das Bundesministerium für Bildung
und Wissenschaft verlautbaren, dass Analphabetismus und
Re-Alphabetisierung

künftig keine
Tabuthemen mehr sein sollten. Am
13. Februar 2003 hat UNO-Generalsekretär Kofi Annan in New York
die UNO-Dekade der Alphabetisierung eröffnet. Das spiegelt sich
seitdem in vielen wissenschaftlichen Projekten und einem
breiten Kursangebot der Weiterbildungsträger wider. Zu Beginn
des Jahres
2008 schmiedeten die Universität zu Köln, die Volkshochschule
und die Lernende Region Köln ein gemeinsames Bündnis zur
Alphabetisierung in Kölner Sozialräumen. Das Teilprojekt
„Literacy entwickeln – Sprachlich-kommunikative Teilhabe
ermöglichen“ wird an der Philosophischen Fakultät vom
Englischen Seminar I und dem Institut für deutsche Sprache und
Literatur II durchgeführt.
„Literacy entwickeln“ verfolgt das Ziel, neue Konzepte und
Methoden für die Vermittlung einer umfassenden Schreib- und
Lesefähigkeit bei funktionalen Analphabeten zu entwickeln. Eine
Aufgabe ist es, den defizitorientierten Begriff des „funktionalen
Analphabeten“ zu überwinden und zu ermitteln, mit welchen
sprachlichen Mitteln die Lerner bisher ihren Alltag bewältigt
haben. Konkret sollen neuartige Alphabetisierungskurse in den
Sozialräumen angeboten werden und zwar für: