Sprachen verschwinden
Auf jedem Kontinent sind Sprachen und
Dialekte vom Aussterben bedroht.
Aramäisch war bis zum Beginn der
islamischen Ära die am weitesten
verbreitete Sprache im Nahen Osten;
heute existiert sie nur noch in wenigen
Sprachinseln. Im Jahre 1999 starb der
letzte bekannte Sprecher der
neuaramäischen Mlahsô-Sprache, die
zuvor nur in zwei Dörfern in der
türkischen Provinz Diyarbakir
gesprochen wurde.
Eine der zahlreichen bedrohten
Sprachen auf dem Gebiet der
ehemaligen Sowjetunion ist das Alutor
auf der Halbinsel Kamtschatka; es wird
nur noch von wenigen der etwa 800
Mitglieder des Alutor-Volkes
gesprochen. Ein besonders
dramatisches Verschwinden von
Sprachen ist in Nordamerika und in
Australien zu beklagen, wo viele
Sprachen bereits ausgestorben sind. In
Westaustralien starb 1995 der letzte
Sprecher des Martuthunira. Das
Cayuga, eine irokesische Sprache, wird
heute noch von weniger als 100
Menschen gesprochen.
Nicht viel besser steht es um viele der
indigenen Sprachen Lateinamerikas; als
eines der vielen Beispiele sei hier das
Oluta Popoluca angeführt, das heute
noch etwa 60 ältere Menschen in einem
einzigen Dorf in Mexiko beherrschen. In
Afrika sind unter anderem die
südafrikanischen Khoisan- oder
'Buschmann'-Sprachen, zu denen das
Khoekhoe und das Nama gehören,
extrem bedroht. Das Lasische, eine
südkaukasische Sprache, hat schätzungsweise noch
einige hunderttausend Sprecherinnen
und Sprecher, die nahe der türkischen
Schwarzmeerküste leben, doch lernen
die meisten lasischen Kinder nur noch
Türkisch.
weiterführende Literatur
Wer spricht was? -- Europa -- Deutschland -- Sprache oder Dialekt?
Wer spricht was?
Europa Deutschland Sprache oder Dialekt?
Derzeit gibt es weltweit noch gut 6000 Sprachen mit wiederum unzähligen Dialekten. Nach
Schätzungen der UNESCO wird jedoch am Ende des
21. Jahrhunderts nur noch etwa die Hälfte,
möglicherweise auch nur noch ein Zehntel dieser
Sprachen existieren. Die meisten Sprachen werden nur
von kleinen Gemeinschaften gesprochen und fallen
daher besonders leicht der Verdrängung zum Opfer.
Allein auf Papua-Neuguinea gibt es derzeit (bei nur ca.
3,6 Millionen Einwohnern und Einwohnerinnen!)
noch mehr als 850, teilweise nicht miteinander
verwandte Sprachen.
Eine Graphik illustriert
die Situation: Etwa die Hälfte der
Menschheit spricht heute eine von nur
11 Sprachen. Ein weiteres knappes
Viertel hat eine von 29 weiteren
Sprachen als Muttersprache, und auf
das verbleibende Viertel der
Weltbevölkerung entfallen über 6000
Sprachen.
weiterführende Literatur
Obwohl 1982 das Europäische Büro für Sprachminderheiten gegründet wurde und das Recht auf den Gebrauch der
eigenen Sprache in die vom Europarat initiierte Europäische Charta für
Regional- oder Minderheitensprachen aufgenommen wurde, gibt es auch in Europa Minderheitensprachen, deren
Zukunft ungewiss ist.
Neben dem Baskischen und den keltischen Sprachen Gälisch, Walisisch und Bretonisch zählen dazu das
Rätoromanische in der Schweiz, das Romani (die Sprache der Sinti und Roma), das Färöische, das Jiddische
sowie viele der kaukasischen Sprachen Südosteuropas. Im äußersten Norden
Europas, auf die Staatsgebiete Schwedens, Norwegens, Finnlands und Russlands verteilt, leben etwa
100.000 Samen (früher oft als 'Lappen' bezeichnet). Sowohl die eigenständige,
nomadische Kultur der Samen als auch ihre Sprache, das Samische, das vor
mehreren tausend Jahren eine gemeinsame Ursprache mit dem
Finnischen hatte, sind immer stärker im Rückzug begriffen. Noch weniger
bekannt ist die Existenz des Karaimischen, einer Turksprache, die
noch in einigen wenigen kleinen und isoliert lebenden Gemeinschaften in
Litauen und Polen gesprochen wird.
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In Deutschland sind unter anderem das Saterfriesische, das Nordfriesische und
das Sorbische bedroht. Das Friesische
ist nicht etwa ein deutscher Dialekt,
sondern eine eigenständige
germanische Sprache. Während das
Westfriesische im niederländischen
Staatsgebiet noch ca. 400.000
Sprechende hat, werden die
verschiedenen Dialekte des
Nordfriesischen in Schleswig-Holstein
nur noch von insgesamt 8000 und
Saterfriesisch in Niedersachsen sogar
nur noch von 2000 Menschen
gesprochen - Tendenz fallend.
Die sorbische Sprachgruppe ist dem
westslavischen Sprachzweig
zuzurechnen, sie ist also zum Beispiel
mit dem Polnischen
verwandt. In der Lausitz, also im
Südosten des Bundeslandes
Brandenburg und im angrenzenden
Osten des Freistaates Sachsen, leben
etwa 60.000 Sorben. Sie stellen jedoch
in vielen Ortschaften heute eine
Minderheit dar. Zudem gibt es nur in
einem Teil dieses Gebietes Schulen mit
Sorbisch als Unterrichtsfach, so dass
der Gebrauch des Sorbischen bei der
jüngeren Generation stark nachlässt.
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Bei all diesen Aufzählungen sind die
unzähligen Dialekte, die zur Zeit von der
sprachlichen Landkarte verschwinden,
noch nicht einmal mitgerechnet. Dazu
gehören z.B. die niederdeutschen
(plattdeutschen) Dialekte, die vielerorts
nur noch von älteren Menschen
gesprochen werden. Nicht immer lässt
sich eindeutig entscheiden, ob es sich
bei einem Idiom um eine eigenständige
Sprache oder 'lediglich' einen
Dialekt einer Sprache handelt. Neben
dem Kriterium der gegenseitigen
Verständlichkeit spielen hier auch
politische Gründe eine Rolle. So
werden Varietäten, die gemeinsam
unter dem Einfluss einer
Standardsprache stehen und mit dieser
verwandt sind, oft als Dialekte
bezeichnet, auch wenn ihre Sprecher
und Sprecherinnen sich nicht unbedingt
gegenseitig verstehen können. Oft wird
auch vergessen, dass es letztlich
historische Gründe sind und nicht eine
irgendwie geartete sprachliche
Überlegenheit, die die Auswahl eines
Dialekts als Standardsprache
begründen. Die im folgenden dargestellten
Gründe für das Aufgeben einer Sprache
gelten auch für Dialekte, und die
Aufgabe eines Idioms wird von der
ursprünglichen Sprachgemeinschaft meist als
großer Verlust empfunden, unabhängig
davon, ob es sich um eine eigenständige
Sprache oder einen Dialekt handelt.
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