Warum werden Sprachen aufgegeben?
Sprachwechsel hat es zu allen Zeiten
gegeben; man denke nur an die
Verdrängung der keltischen Sprachen
auf dem europäischen Festland, die in
Frankreich zur Vorherrschaft des
Französischen geführt hat.
Typischerweise haben sich derartige
Prozesse in der Vergangenheit aber
über einen langen Zeitraum erstreckt.
Heute hingegen verschwinden
Sprachen in einem Ausmaß und mit
einer Geschwindigkeit, wie das bisher
wahrscheinlich noch zu keiner Zeit der
Fall war.
Wie freiwillig ist Sprachwechsel? --
Kolonisation und Nationenbildung
-- Erzwungene Internatsunterbringung --
Stigmatisierung -- Globalisiserung
Wie freiwillig ist Sprachwechsel? Kolonisation und Nationalstaatenbildung Internatsunterbringung Stigmatisierung Globalisierung
In der Diskussion über das
Verschwinden
von Sprachen wird gelegentlich der
Einwand erhoben, dass Menschen ihre
Sprache freiwillig aufgäben. Nur in den
wenigsten Fällen kann man jedoch von
'Freiwilligkeit' sprechen. Vielmehr ist
die Tatsache, dass eine Sprachgruppe
die Sprache einer anderen übernimmt,
meist auch mit irgendeiner Form der
Repression verbunden. Oft genug sind
nicht nur Sprachen 'bedroht', sondern
in erster Linie Menschen, sei es durch
extreme soziale Benachteiligung oder
andere Formen der Unterdrückung bis
hin zu Gewaltanwendung.
weiterführende Literatur
In vielen Regionen ist das Aufgeben der
traditionellen Sprache eine direkte
Folge der Kolonisation und/oder der
Bildung von Nationalstaaten, in denen
eine Vereinheitlichung in sprachlicher
und kultureller Hinsicht angestrebt
wird. Beispielsweise hatte die
Aufspaltung des traditionellen
Weidegebietes der Samen auf mehrere
Nationalstaaten mit teilweise
undurchlässigen Grenzen Ende des 19.
Jahrhunderts einen unmittelbaren
negativen Einfluss auf die Ausübung der
samischen Kultur und den Gebrauch
der samischen Sprache.
Der rapide Niedergang des Alutor und
anderer Sprachen Sibiriens ist zum
größten Teil auf die ehemalige
staatliche Praxis der
Internatsunterbringung von Kindern aus
ethnischen Minderheiten
zurückzuführen, die in der Sowjetunion
bis in die achtziger Jahre des 20.
Jahrhunderts gebräuchlich war. Diese
Praxis ist auch aus vielen anderen
Staaten - auch aus Lateinamerika und
den USA - bekannt. Besonders
aufschlussreich ist der Lebensweg des
letzten Martuthunira-Sprechers. Dieser
erlernte die Sprache von den
Großeltern, mit denen er sich in
unzugänglichen Gebieten versteckte,
um der in Australien lange üblichen
Praxis der Entführung und
Heimunterbringung von
'Mischlingskindern' zu entgehen.
Die Abwendung von der eigenen
Sprache
kann aber auch auf subtilere Weise
verursacht worden sein: durch
Stigmatisierung der Sprache und Kultur
durch die herrschende Mehrheit. Dies kann sich z.B. darin
äußern, dass die Minderheitensprache
nicht als Amtssprache oder als
Unterrichtssprache in der Schule
zugelassen ist. Ein solches Vorgehen ist oft verbunden mit
weiteren Repressalien wie z.B. dem
Verbot von Publikationen und
kulturellen Veranstaltungen. Keine
offizielle Maßnahme, aber unmittelbar
wirksam ist die Ausgrenzung und
Hänselei insbesondere von Kindern
wegen ihrer Sprache oder ihres
Dialekts. Deshalb sprechen Eltern und
Großeltern in vielen
Sprachgemeinschaften auch ohne
direkten Zwang mit ihren Kindern lieber
in der Mehrheitssprache, weil sie sich
davon für sie später Vorteile in der
herrschenden Kultur versprechen, z.B.
im Hinblick auf Schulbildung und
Berufsmöglichkeiten. Dieser Prozess
wurde zum Beispiel für das Yimas in
Papua-Neuguinea dokumentiert, das
kaum noch an die Kinder
weitergegeben wird. Stattdessen wird
das Tok Pisin benutzt, eine auf dem
Englischen basierende Kreolsprache,
die die lingua franca (Verkehrs- und
Handelssprache) in Papua-Neuguinea
ist.
Verstärkt wird die soeben beschriebene
Tendenz heute durch die sogenannte
Globalisierung, durch die fast jede
kleinere Sprachgemeinschaft
fortwährend dem Einfluss einer
Mehrheitssprache ausgesetzt ist. Durch
solche Einflüsse wird eine Sprache in
immer weniger Gebrauchsbereiche
zurückgedrängt. Eine Sprache, die im
Unterricht in der Grundschule
verwendet wird, ist beispielsweise
meist weniger gefährdet als eine
Sprache, die nur noch innerhalb der
Familie gebraucht wird. Ebenso ist eine
Sprache, die zu vielen Anlässen und in
einem größeren Gebiet gesprochen
wird, weniger bedroht als eine Sprache,
deren Gebrauch sich auf wenige
Verwendungssituationen
(beispielsweise rituelle Handlungen)
oder ein kleines Dorf beschränkt. Für
eine Sprache, die nicht mehr im
Umgang mit Kindern verwendet wird
und deshalb von diesen nicht mehr oder
nur noch rudimentär erlernt wird, ist das
Aussterben absehbar.