Mehrsprachigkeit ermöglichen
Um einem Missverständnis vorzubeugen: Hier soll keineswegs dafür plädiert werden, dass Minderheiten nur noch ihre Sprachen und Dialekte lernen sollen. In den meisten Fällen würde es erhebliche Nachteile für sie bedeuten, die offizielle Sprache, Standardsprache oder Mehrheitssprache der Umgebung nicht zu beherrschen. Jedoch hängt die ökonomische und soziale Benachteiligung von Minderheiten nicht ursächlich mit ihrer Sprache zusammen. So hat sich z.B. die Lage der First Nations (der indigenen Völker Nordamerikas) oder der Afro-Amerikaner und Amerikanerinnen in den USA in keiner Weise dadurch verbessert, dass sie ihre eigenen Sprachen aufgegeben haben.
Mehrsprachigkeit als Gewinn --
Stabile Mehrsprachigkeit -- Schulunterricht in der Muttersprache
Mehrsprachigkeit als Gewinn
Stabile Mehrsprachigkeit Schulunterricht in der Muttersprache
Alles spricht dafür, dass
Mehrsprachigkeit - in Westeuropa oft als Kuriosität
bestaunt - nicht nur unproblematisch,
sondern vielmehr natürlich und
wünschenswert ist. Insbesondere
Kinder können mühelos zwei
oder auch mehr Sprachen
nebeneinander erwerben. Es kann
auch als erwiesen angesehen werden,
dass das Beherrschen von mehreren
Sprachen - das ja gleichzeitig den
Umgang mit verschiedenen
Denksystemen erfordert - die
Intelligenz und Kreativität fördert. Für
Menschen, die eine regionale Sprache
oder einen Dialekt neben der
Mehrheitssprache oder
Standardsprache sprechen, ist dies
deshalb nur dann ein Nachteil, wenn es
von der Mehrheit abgelehnt wird. Wo
die Zugehörigkeit zu mehreren Kulturen
anerkannt und nicht als Problem oder
Stigma angesehen wird, kann sich eine
gesunde, vielschichtige Identität
entwickeln.
Menschen, die sich von klein auf in
zwei oder mehr Sprachen bewegt
haben, zeigen auch eher Interesse an
und Akzeptanz für Menschen mit einem
anderen kulturellen und sprachlichen
Hintergrund und fühlen sich weniger
von ihnen bedroht. Deshalb fördert
nicht Einsprachigkeit, sondern
Mehrsprachigkeit die
Völkerverständigung.
weiterführende Literatur
Überregionale Vernetzung und Erhalt
sprachlicher Vielfalt schließen sich nicht
gegenseitig aus. In vielen Regionen der
Welt hat es lange Phasen einer stabilen
Mehrsprachigkeit gegeben, wobei eine
überregionale Verkehrssprache mit
zahlreichen lokalen Sprachen
koexistierte. Im insularen Südostasien
bestand beispielsweise das Malaische
als Verkehrssprache neben hunderten
von lokalen Sprachen, deren jeweiliges
Gebiet oft nur wenige Dörfer umfasste.
Auf europäischer Ebene wird eine ähnliche
Sachlage im Slogan vom "Europa der
Regionen" formuliert. Unter solchen
Umständen können auch sehr kleine
Sprachgemeinschaften durchaus über
Jahrhunderte hinweg intakt bleiben.
Um Mehrsprachigkeit zu fördern, ergibt
sich als Konsequenz für die Erziehung, dass Kinder
Lesen und Schreiben zuerst in der Muttersprache
lernen sollten; erst später sollte in der Amts- oder
Mehrheitssprache unterrichtet werden. Dies ist
inzwischen auch als eines der sprachlichen Rechte von
der UNESCO festgehalten. Die vielerorts gängige
Praxis, dass Schulunterricht nur in der
Mehrheitssprache stattfindet, hat oft verheerende
Folgen für die schulische Entwicklung der betroffenen
Kinder. Stellen Sie sich vor, Sie seien vom ersten Tag
Ihrer Einschulung an nur auf Latein unterrichtet
worden!