Warum Sprachen erhalten und dokumentieren?
Der Verfall bzw. die Zerstörung materieller kultureller Denkmäler und das Aussterben von Pflanzen- und Tierarten sorgen in der (westlichen) Öffentlichkeit für erhebliches Aufsehen und führen zu aufwendigen, oft sogar dramatischen Rettungsaktionen. Das Verschwinden von Sprachen und Dialekten scheint dagegen die meisten Menschen nicht zu berühren. Erst in jüngster Zeit dringen verstärkt Berichte über die kritische Lage vieler Sprachen an die Öffentlichkeit. Es ist höchste Zeit, dem sang- und klanglosen Verschwinden von Sprachen und Dialekten entgegenzuwirken und sich verstärkt um ihren Erhalt und ihre Dokumentation zu kümmern. Hierzu muss allerdings anerkannt werden, dass jede Sprache und jeder Dialekt einen Wert an sich darstellt.
Sprache und Kultur -- Sprache und Denken
-- Was ist menschliche Sprache?
Sprache und Kultur Sprache und Denken
Zunächst einmal ist eine Sprache das
wichtigste Mittel des sozialen Kontakts und
das Medium, in dem eine
Sprachgemeinschaft ihre Kultur überliefert.
Die enge Vernetzung von Sprache und Kultur
zeigt sich zum Beispiel in der Klassifikation
von Tier- und Pflanzenarten und
Gegenständen des Gebrauchs, die im
Wortschatz verankert ist. Mit einer Sprache
geht oft auch kulturspezifisches Wissen
verloren. Die Sprache ist daher ein
wesentlicher Bestandteil der Identität der
Sprecherinnen und Sprecher. Spätestens von
der dritten Generation an sehen oft die
Betroffenen selbst das Aufgeben der eigenen
Sprache und Kultur durch die Eltern und
Großeltern als schweren Verlust an.
weiterführende Literatur
Im Gegensatz zu einer weitverbreiteten
Annahme gibt es keine "primitiven" oder
"rückständigen" Sprachen oder
Dialekte. Gerade die Sprachen der
sogenannten Naturvölker weisen oft
eine komplexe Grammatik und sehr
differenzierte Ausdrucksmöglichkeiten
auf. In jeder Sprache und in jedem
Dialekt prägen sich menschliche Kultur
und menschliches Denken in ganz
spezifischer Weise aus.
So wie jede biologische
Spezies zur Vielfalt des Lebens auf der
Erde beiträgt, stellt jede Sprache einen
einzigartigen Schatz von Ideen und
Ausdrucksmöglichkeiten dar. Dabei
sind immer wieder neuartige Facetten
der zwischenmenschlichen
Verständigung zu entdecken. Oft genug
sind diese für Sprechende
europäischer Sprachen überraschend
und geeignet, Annahmen über die
Allgemeingültigkeit unserer Begriffe zu
relativieren. In vielen Sprachen gibt es
nämlich Unterscheidungen nicht, die für
uns selbstverständlich sind, oder es
werden umgekehrt Konzepte viel
differenzierter ausgedrückt. Einige Beispiele
sollen dies illustrieren.
Diese Beispiele sollen nicht den Eindruck
erwecken, als gingen mit einer Sprache lediglich ein
paar Kuriositäten des Ausdrucks verloren. Vielmehr
stellt jede Sprache ein komplexes System mit einer
eigenen Logik dar. Diese spezifische Art, die
Erfahrungswelt zu erfassen, können wir jedoch meist
erst über den Zugang der Sprache nachvollziehen, wie
schon Wilhelm v. Humboldt erkannte. Die
Angemessenheit des Bildes, das wir uns von der
menschlichen Sprachfähigkeit machen, hängt daher
entscheidend davon ab, dass sie sich auf die
Untersuchung möglichst vieler und möglichst
verschiedenartiger Sprachen stützen kann; sonst wird
das Bild einseitig und verzerrt. Leider basieren viele
Verallgemeinerungen heute immer noch auf einigen gut
untersuchten europäischen
Sprachen, die zudem größtenteils miteinander verwandt sind. Die Sprachwissenschaft hat daher ein
besonderes Interesse am Erhalt und an der
Dokumentation möglichst verschiedenartiger Sprachen.