Was können wir tun?
Wie weiter oben schon angedeutet, hängt es in erster Linie von den politischen und
ökonomischen Verhältnissen ab, ob
eine Sprache aufgegeben wird oder
erhalten bleibt. Darauf haben
Außenstehende oft nur wenig Einfluss.
Dennoch gibt es vielfältige
Möglichkeiten,
dazu beizutragen, dass bedrohte
Sprachen erhalten oder zumindest
dokumentiert werden. Eine Sprache
kann nur dann weiterleben, wenn die
Sprechenden daran interessiert sind
und wenn sie deshalb weiterhin auch
von ihren Kindern gelernt wird. Und
das ist in der Regel nur dann der Fall,
wenn die Sprache ein gewisses Prestige
genießt.
Ansehen stärken -- Sprachzentren -- Medien -- Patenschaften
-- Kooperation -- Dokumentation
Ansehen der Sprachen stärken
Schon die Anerkennung der
Existenz einer Sprache, der Ausdruck
des Interesses, etwas über diese
Sprache zu erfahren, und eine
'gleichwertige' Behandlung mit
Mehrheitssprachen, beispielsweise bei
der Verschriftung oder bei der
Erstellung von Radioprogrammen,
können einen Ausgleich zur ständigen
Dominanz einer Mehrheitssprache
darstellen und dazu beitragen, das
Ansehen einer Minderheitensprache zu
steigern.
- So gibt es sowohl in Nordamerika als
auch
in Australien inzwischen ein Netz von
Sprachzentren ("Language Centres"), die
sich für die rechtliche Gleichstellung von
Minderheitensprachen einsetzen und
versuchen, moderne Medien zu ihrer
Aufrechterhaltung nutzbar zu machen.
Dort werden zum Beispiel Lehrbücher
für den Schulunterricht, Wörterbücher
und Geschichtensammlungen, aber auch
Videos und Radiosendungen in den
einheimischen Sprachen erstellt.
- In Nordeuropa wird heute das
Samische
verstärkt in Radiosendungen, im
Theater sowie als Literatursprache
verwendet. Gerade in
Dokumentarfilmen können gleichzeitig
mit der Sprache auch Aspekte der
Kultur einer Gemeinschaft
dokumentiert werden.
- Viele
Sprachgemeinschaften sind auch
durchaus offen für
Multimedia-Anwendungen: Unter
Mitarbeit von einer Linguistin und einer
karaimischen Musikethnologin wird
beispielsweise zur Zeit eine
multimediale Dokumentation des
Karaimischen auf CD-ROM erstellt.
- Auch ein mehrere tausend Wörter
umfassendes Wörterbuch des Oluta
Popoluca kann bereits im Internet
eingesehen werden. (Dass das Wort für
'Kakao' im Oluta kakaw lautet, ist kein
Zufall, denn dieses Wort haben wir aus
Sprachen der Mije-Familie, zu denen
auch das Oluta Popoluca gehört,
entlehnt).
-
Als besonders erfolgreich haben sich
Maßnahmen herausgestellt, bei denen
ältere Menschen gezielt mit Kindern im
Vorschul- und Schulalter
zusammengebracht werden, um mit
ihnen in der eigenen Sprache zu
kommunizieren ("apprenticeship programme"). Solche Programme gibt
es beispielsweise für das
Nordfriesische, das Maori auf
Neuseeland und die irokesische
Sprache Mohawk in Nordamerika.
- Oft entscheiden sich Menschen aber
auch
erst als Erwachsene, die Sprache oder
den Dialekt ihrer Vorfahren zu sprechen
oder sogar wieder zu erlernen. Solche
Bemühungen werden oft von
Linguisten und Linguistinnen beratend
und praktisch unterstützt, etwa durch
die Mitarbeit bei der Entwicklung von
Lehrmaterialien und Wörterbüchern.
Beispielsweise arbeiten eine lasische
und eine deutsche
Sprachwissenschaftlerin seit einigen
Jahren gemeinsam an einer
Dokumentation des Lasischen.
- Auch in solchen Fällen, in denen das
Verschwinden einer Sprache
offensichtlich nicht mehr aufzuhalten ist,
kann es - abgesehen vom rein
sprachwissenschaftlichen Interesse an
dieser Sprache - noch einen anderen
wichtigen Grund für deren
Dokumentation geben: Solche
Aufzeichnungen bieten den
Nachkommen die einzige Möglichkeit,
etwas über die Sprache ihrer Eltern und
Großeltern zu erfahren - oder sie sogar
wieder zu erlernen. Das bekannteste
erfolgreiche
Beispiel der Wiederbelebung einer
Sprache ist das Hebräische in Israel.
Aber auch in Nordamerika und
Australien werden heute Sprachen
anhand von Dokumenten wieder erlernt.
So ging auch die Erstellung einer
ausführlichen grammatischen
Beschreibung des Martuthunira durch
einen australischen Linguisten,
einschließlich Textsammlung und
Wörterbuch, wesentlich auf die Initiative
des letzten Sprechers dieser Sprache
zurück, der sein Wissen für seine
Nachfahren erhalten wollte.
weiterführende Literatur
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