Anhang zu:

Marc Bühlmann und Markus Freitag: Individuelle und kontextuelle Determinanten der Teilhabe an Sozialkapital [KZfSS, 56, 2004: 279-303]

 

 

Individuelle und kontextuelle Determinanten der Teilhabe an Sozialkapital

Eine Mehrebenenanalyse zu den Bedingungen des Engagements in Freiwilligenorganisationen*

 

Marc Bühlmann und Markus Freitag

 

 

 

 


Hypothesen und Operationalisierung

 

Variable

Hypothese

Operationalisierung und Quelle1)

ERZ2)

HYP3)

abhängige Variable

Anzahl Mitgliedschaften in sozialen Organisationen

In wie vielen Vereinen, Clubs oder anderen Organisationen sind Sie insgesamt Mitglied?

 

 

Individualniveau

a) Werteinstellungen

Vertrauen

 

 

 

     in Mitmenschen

Je höher das Vertrauen in andere Menschen ist, desto zahlreicher sind die Vereinsmitgliedschaften.

„Würden Sie sagen, dass man den meisten Menschen vertrauen kann oder kann man im Umgang mit anderen Menschen nicht vorsichtig genug sein?“ Geben Sie mir bitte Ihre Meinung auf einer Skala von 1 bis 10 an, 1 bedeutet ‚man kann nicht vorsichtig genug sein’ und 10 bedeutet ‚den meisten Menschen kann man trauen’.“

+

B

     in das lokale politische  

     System

Je ausgeprägter das Vertrauen in das lokale politische System ist, desto zahlreicher sind die Vereinsmitgliedschaften.

Faktor aus den Antworten zu den Fragen: „Ich lese Ihnen nun einige Namen von unterschiedlichen Institutionen vor (z.B. Polizei, Nationalrat etc.). Bitte sagen Sie mir jedes Mal auf einer Skala von 1 bis 10, wie groß Ihr Vertrauen in diese Institutionen ist.“ 1 bedeutet ‚überhaupt kein Vertrauen’ und 10 bedeutet ‚sehr großes Vertrauen’. Berechnet wurde das Vertrauen in den Gemeinderat, in den Gemeindepräsidenten und in die Gemeindeverwaltung. Aus der Faktorenanalyse resultiert ein eindimensionaler Faktor mit einem Eigenvalue von 1.67 (Ladungen: .82, .75, .66). Die Faktorenwerte wurden den Individuen per Regressionsverfahren zugeordnet (vgl. Backhaus et al.. 2003). Diese wurden dann als Index für das Vertrauen in das lokale politische System verwendet. Sie reichen von -.79 bis 7.89.

+

F

Hilfsbereitschaft

Je positiver die Einschätzung  der Mitmenschen ausfällt, desto zahlreicher sind die Vereinsmitgliedschaften.

„Würden Sie sagen, dass die Menschen meistens versuchen, hilfsbereit zu sein oder würden sie sagen, dass die Menschen meistens nur für sich selber schauen? Geben Sie mir bitte Ihre Meinung auf einer Skala von 1 bis 10 an, 1 bedeutet ‚Menschen schauen meistens nur für sich selbst’, 10 bedeutet ‚die Menschen versuchen meistens hilfsbereit zu sein’.“

+

F

Ideologische Einstellungen

Je stärker das Individuum linke (postmaterialistische) Werteinstellungen teilt, desto zahlreicher sind seine Vereinsmitgliedschaften.

„In politischen Angelegenheiten spricht man oft von „links“ und „rechts“. Wenn wir einen Maßstab von 1 bis 10 verwenden, mit 1 = links und 10 = rechts, wo auf diesem Maßstab würden Sie im allgemeinen Ihre eigene Einstellung einstufen?“

-

F

b) Ressourcen

Bildungsgrad

Je höher der Bildungsabschluss eines Individuums ist, desto zahlreicher sind seine Vereinsmitgliedschaften.

„Was ist Ihr höchster Schulabschluss?“  obligatorische Schule nicht fertig gemacht (1), obligatorische Schule (2), Sekundarschule (3), Berufsschule (4), Berufsmatura (5), Gymnasium (6), Universität (7).

+

B

Berufsstand

Je höher / geringer der Berufsstand eines Individuums ist, desto zahlreicher sind seine Vereinsmitgliedschaften.

„Welchen der folgenden Beschäftigungskategorien gehören [gehörten] Sie an: angestellt (1), angestellt mit Vorgesetztenfunktion (2), angestellt in leitender Funktion (Manager) (3), selbständig erwerbend (4)?“ Codiert wurde eine Dummyvariable mit 1 für die Angestellten und 0 für alle anderen Kategorien (2,3 und 4).

+ / -

F / F

Hausbesitz

Ein Individuum, das Wohneigentum / kein Wohneigentum besitzt, ist häufiger Mitglied in Vereinen.

Haben Sie die Wohnung / das Haus, in dem Sie wohnen, gemietet (0), oder gehört sie / es Ihnen (1)?

 

+ / -

B / F

c) Soziale Integration

 

 

 

Haushaltgröße

Je mehr Individuen in einem Haushalt zusammen leben, desto zahlreicher sind die Vereinsmitgliedschaften

„Wie viele Personen leben total mit Ihnen zusammen in Ihrem Haushalt?“ Indikator umfasst die Anzahl Personen.

+

F

Kirchenbindung

Je häufiger das Individuum die Kirche besucht, desto zahlreicher sind seine Vereinsmitgliedschaften

„Abgesehen von Hochzeiten, Beerdigungen und Taufen, wie oft besuchen Sie einen Gottesdienst? Würden Sie sagen mindestens einmal pro Woche (4), mindestens einmal pro Monat (3), mindestens einmal pro Jahr (2), weniger als einmal pro Jahr (1) oder nie (0)?“

+

B

Erwerbstätigkeit

Ein Individuum, das erwerbstätig ist, ist häufiger Mitglied in Vereinen.

 „Gehen Sie im Moment einer Beschäftigung nach?“ Dummy mit 1 für ja und 0 für nein.

+

F

Ortsansässigkeit

Je länger jemand am selben Ort wohnhaft ist, desto zahlreicher sind seine Vereinsmitgliedschaften

„Wie lange wohnen Sie schon in der Gemeinde, in der Sie jetzt wohnen?“ Indikator umfasst die Anzahl Jahre.

+

F

Nachbarschaftsbindung

Je stärker sich jemand mit seiner Nachbarschaft verbunden fühlt, zahlreicher sind seine Vereinsmitgliedschaften

„Nun möchte ich gerne von Ihnen wissen, wie stark Sie sich verschiedenen Orten (z.B. ihrer Gemeinde, ihrem Kanton, ihrer Nachbarschaft etc.) verbunden fühlen. Sagen Sie mir bitte jedes Mal auf einer Skala von 1 bis 10, wie stark Sie sich verbunden fühlen. 1 bedeutet ‚überhaupt nicht verbunden’, 10 bedeutet ‚sehr stark verbunden’.“ Codiert wurde die Verbundenheit mit der Nachbarschaft.

+

B

d) Soziodemographische Charakteristika

Geschlecht

Männer sind häufiger Mitglieder in Vereinen als Frauen.

Dummyvariable mit 1 für Mann und 0 für Frau.

+

B

Konfession

Nicht-Katholiken sind häufiger Mitglieder in Vereinen als Katholiken.

„Die meisten Leute gehören irgend einer Religionsgemeinschaft an, ob sie jetzt religiös sind, in die Kirche gehen, sich überhaupt um Religion kümmern oder nicht. Welcher Religionsgemeinschaft gehören Sie an? Protestantische Kirche (1), Katholische Kirche (2), Orthodoxe Kirche (3), Jüdische Gemeinde (4), Islam (5), Buddhismus (6), Hinduismus oder andere indische Religion (7), andere (8).“ Codiert wurde eine Dummyvariable mit 1 für katholisch und 0 für nicht katholisch.

-

F

Alter

Besonders junge und besonders alte Individuen sind weniger häufig in Vereinen Mitglied als Individuen mittleren Alters.

„In welchem Jahr sind Sie geboren?“ Indikator gibt die Umrechnung auf das Alter wieder.

∩ (kurvilinear)

B

Kontextniveau

 

 

 

a) Zusammensetzung des Kontextes

Klassenhomogenität

Je heterogener eine Gemeinde hinsichtlich ihrer Klassen zusammengesetzt ist, desto zahlreicher sind die individuellen Vereinsmitgliedschaften

Drei Klassen aufgrund der Beschäftigungskennzahlen: Selbständige/Arbeitgeber (employers), Angestellte in leitender Funktion (white collars), Arbeiter/Angestellte in niederer Funktion (blue collars). Absolute Heterogenität wird postuliert, wenn die drei Gruppen genau gleich groß sind. Absolute Homogenität wird postuliert, wenn die Gemeinde aus nur einer Gruppe besteht. Das Ausmaß der Klassenhomogenität wird in Anlehnung an Mouritzen (1989) durch die Summierung der Absolutwerte der Differenz des Anteils der jeweiligen Gruppe von 33.3 gebildet. Die Werte werden auf eine Skala von 0 (heterogen) bis 1 (homogen) transformiert. Quelle: Bundesamt für Statistik (2003): Volkszählung 2000; eigene Berechnungen.

-

F

Sozioökonomische Homogenität

Je heterogener eine Gemeinde hinsichtlich ihrer Beschäftigungsstruktur zusammengesetzt ist, desto zahlreicher sind die individuellen Vereinsmitgliedschaften

Drei Gruppen an Beschäftigten nach Wirtschaftssektoren (I = Land- und Forstwirtschaft; II = Industrie; III = Dienstleistungen). Operationalisierung analog ‚Klassenhomogenität’. Quelle: Bundesamt für Statistik (2003): Volkszählung 2000; eigene Berechnungen.

-

F

Bildungsgrad

Je höher der aggregierte Bildungsgrad in einer Gemeinde ist, desto zahlreicher sind die individuellen Vereinsmitgliedschaften

100 minus Bevölkerungsanteile einer Gemeinde, die ohne Ausbildung, mit obligatorischem Schulabschluss (9 Jahre), noch nicht schulpflichtig oder in der Schule sind. Quelle: Bundesamt für Statistik (2003): Volkszählung 2000; eigene Berechnungen. 

+

F

Altersgruppen

Je heterogener eine Gemeinde hinsichtlich ihrer Altersgruppen zusammengesetzt ist, desto zahlreicher sind die individuellen Vereinsmitgliedschaften

Sieben Altersklassen (0 bis 14 Jahre; 15-24; 25-34; 35-44; 45-54; 55-64; 65 und älter). Operationalisierung analog ‚Klassenhomogenität’, allerdings Summierung der Absolutwerte der Differenz der Gruppenanteile von 14.29 (einem Siebtel). Umskalierung auf 0 (heterogen) bis 1 (homogen). Quelle: Bundesamt für Statistik (2003): Volkszählung 2000; eigene Berechnungen

-

F

b) Wirtschaftliche Rahmenbedingungen

Arbeitslosenquote in der Gemeinde

Je höher die Arbeitslosenquote in einem Gemeinwesen ausfällt, desto weniger häufig ist eine individuelle Mitgliedschaft in Vereinen.

Anteil Erwerbslose an der Gemeindebevölkerung. Quelle: Bundesamt für Statistik (2003): Volkszählung 2000.

-

F

Wirtschaftlicher Wohlstand

Je wohlhabender eine Gemeinde ist, desto zahlreicher sind die individuellen Vereinsmitgliedschaften

Kantonales BIP pro Kopf der jeweiligen Gemeinde im Jahr 2000. Quelle Bundesamt für Statistik (2003).

+

F

c) Geographische Rahmenbedingungen

Größe der Gemeinde               

Je kleiner (größer) ein Gemeinwesen ist, desto zahlreicher sind die individuellen Vereinsmitgliedschaften

Bevölkerungszahl einer Gemeinde im Jahr 2000 (logarithmiert). Quelle: Bundesamt für Statistik; eigene Berechnungen.

- / +

F / F

Wohndichte

Je kleiner (größer) die Wohndichte in einem Gemeinwesen ist, desto zahlreicher sind die individuellen Vereinsmitgliedschaften

Wohndichte einer Gemeinde (Anzahl Einwohner pro Wohnfläche im Jahr 2000). Quelle: Bundesamt für Statistik (2003)

- / +

F / F

d) Staatstätigkeit (kantonal)

Kantonale Bildungsausgaben

Je mehr für Bildung ausgegeben wird, desto zahlreicher sind die individuellen Vereinsmitgliedschaften

Durchschnittliche Bildungsausgaben des jeweiligen Kantons der Gemeinde (pro Kopf, 1985 bis 1998, logarithmiert). Quelle Freitag und Bühlmann (2003).

+

F

Kantonale Sozialausgaben

Je ausgebauter der Sozialstaat ist, desto häufiger / weniger zahlreich sind individuelle Vereinsmitgliedschaften.

Kantonale (und kommunale) Ausgaben für Soziale Wohlfahrt (Sozialversicherungen, Fürsorge, sozialer Wohnungsbau) in CHF pro Kopf eines Kantones, gemäß funktionaler Gliederung der Ausgaben der Kantone und Gemeinden nach Abzug der Bundesbeiträge. Quelle: Eidgenössische Finanzverwaltung (1999)

- / +

F / F

e) Politische Institutionen

Direkte Demokratie

In Gemeinden mit / ohne Möglichkeiten direkter Bürgerbeteiligung, sind Individuen häufiger Mitglied in Vereinen. 

Dummy: (1), wenn direktdemokratische Beteiligung auf Gemeindeebene (Gemeindeversammlung mit Möglichkeit direkter Bürgerbeteiligung) möglich ist; (0), wenn direktdemokratische Beteiligung auf kommunaler Ebene nicht möglich ist. Quelle: verschiedene Gemeinderegister. Stand: 2000.

+ / -

B / F

Konsensdemokratie 1

Je konsensdemokratischer ein Gemeinwesen ist, desto zahlreicher sind die individuellen Vereinsmitgliedschaften

Wahlsystem der Gemeindeexekutive: Mehrheitswahlsystem (1) vs. Verhältniswahlsystem (2). Quelle: verschiedene Gemeinderegister. Stand: 2000.

+ / -

F / F

Konsensdemokratie 2

Je konsensdemokratischer ein Gemeinwesen ist, desto zahlreicher sind die individuellen Vereinsmitgliedschaften

Anzahl der Regierungssitze in einer Gemeinde. Quelle: verschiedene Gemeinderegister. Stand: 2000.

+ / -

F / F

Grad kommunaler Autonomie

Je höher der Grad an kommunaler Autonomie ist, desto zahlreicher sind die individuellen Vereinsmitgliedschaften

 

Index der Gemeindeautonomie nach Ladner (1994: 81): der kantonale Index basiert auf einer Befragung von Gemeindeschreibern (Vorsteher der kommunalen Verwaltung) aus 1856 unterschiedlichen Schweizer Gemeinden, die die lokale Autonomie ihrer Gemeinde auf einer Skala von 1 (keine Autonomie) bis 10  (sehr große Autonomie) einzuschätzen hatten.

Je höher der Index ist, desto höher ist die Autonomie der Gemeinden in diesem Kanton.

+ / -

F / F

c) Politische und kulturelle Bedingungen

Katholikenanteil

Je kleiner / größer der Anteil an Katholiken unter den Gemeindebewohnern ist, desto zahlreicher sind die individuellen Vereinsmitgliedschaften

Anteil Katholiken in der Gemeinde. Quelle: Bundesamt für Statistik (2003): Volkszählung 2000.

+ / -

B / F

Anteil Deutschsprachige

Je höher der Anteil an deutsch-sprechenden Gemeindebewohnern ist, desto zahlreicher sind die individuellen Vereinsmitgliedschaften

Anteil Deutschsprachiger an der Gemeindebevölkerung. Quelle: Bundesamt für Statistik (2003): Volkszählung 2000.

+

F

Anteil Linke / Anteil bürgerliche Parteien in der Gemeinderegierung

Je stärker linke / bürgerliche Parteien in der Regierung eines Gemeinwesens vertreten sind, desto zahlreicher sind die individuellen Vereinsmitgliedschaften

Regierungszusammensetzung der lokalen Exekutive. In die Berechnung sind die Sitzanteile linker und bürgerlicher Parteien eingegangen. Quelle: verschiedene Gemeinderegister. Stand: 2000.

+ / +

F / F

1) Quellen nur für Kontextvariablen; alle Individualvariablen entstammen Ladner und Bühlmann (2002).

2) Erwartete Richtung des Zusammenhangs.

3) Hypothese bestätigt (B) oder falsifiziert (F)

 



*         Dieser Beitrag ist im Rahmen des vom Schweizer Nationalfonds unterstützten Forschungsprojektes ‚Size and Local Democracy’ (Nr. 1215-063600.00) entstanden. Wir möchten uns bei Axel Franzen, Ben Jann, Thomas Plümper, den Herausgebern und dem anonymen Gutachter für die wertvollen Hinweise und die anregende Kritik bedanken. Ein weiterer Dank geht an Andreas Diekmann, der dem Zweitautor die Möglichkeit gab, als Gast an der ETH Zürich wesentliche Teile dieser Arbeit zu verfassen.