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Global Info

Ein neuer Fokus für Digital Library-Entwicklungen in Deutschland
Rudi Schmiede (Darmstadt)

Redaktionelle Vorbemerkung:
Der folgende Text ist die schriftliche Fassung des einführenden Vortrags, der am 5.12.1997 auf der ersten Vollversammlung des GLOBAL INFO-Projekts in Frankfurt a.M. vorgetragen wurde. Digital verfügbare Informationen sind ein wichtiger Meilenstein zur Globalisierung des Wissenschaftssystems und werden den Arbeitsplatz jedes einzelnen Wissenschaftlers verändern. Daher haben wir uns entschlossen, den Beitrag hier in voller Länge aufzunehmen.


Die elektronische Fachinformation und Kommunikation (ELFIKOM) hat sich in den letzten Jahren, befördert durch das rasche Wachstum des Internet und vor allem seines WWW-Teils, rapide ausgebreitet. Während diese Entwicklung in den Geistes- und Sozialwissenschaften noch in den Anfängen steht, sind der nationale und internationale elektronische Dokument-, Volltext- oder Faktennachweis, die weltweite Recherche, die rasche Kommunikation, die Verteilung von Information und Kommunikation durch Mailing, die elektronische Publikation und die elektronisch unterstützte Kooperation in den Ingenieurwissenschaften, aber erst recht in der Medizin und den Naturwissenschaften schon weit verbreitet. Diese Entwicklung führte vor gut zwei Jahren zur Gründung der IuK-Kommission der wissenschaftlichen Fachgesellschaften in Deutschland. 1997 entstand als neuer Fokus für große integrierte wissenschaftliche Informationssysteme das BMBF-Förderprogramm GLOBAL INFO.

Die gemeinsame Initiative ("IuK-Kommission") der wissenschaftlichen Fachgesellschaften zur elektronischen Information und Kommunikation

In der deutschen Wissenschaftslandschaft haben sich im Bereich der ELFIKOM in den letzten drei Jahren entscheidende Veränderungen angebahnt: Im Januar 1995 haben die vier Fachgesellschaften Deutsche Mathematiker-Vereinigung (DMV), Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG), Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) und Gesellschaft für Informatik (GI) eine Kooperationsvereinbarung (http://elfikom.physik.uni-oldenburg.de/IuK/Koop_Vereinb/Koop_Vereinb.html) unterzeichnet, in der sie als gemeinsame Zielsetzungen u.a. festhalten:

Organisatorisch soll auf lokaler Ebene durch die Harmonisierung der technischen Systeme und der inhaltlichen Strukturierung des Informationsangebots, durch die Schaffung der Funktion von Informationsbeauftragten an den Fachbereichen bzw. in den Instituten und durch die Kooperation über die Fachgrenzen hinweg die IuK-Struktur an Hochschulen, Universitäten und außeruniversitären wissenschaftlichen Instituten verbessert werden. Auf nationaler Ebene wurde eine IuK-Kommission (http://elfikom.physik.uni-oldenburg.de/IuK/) gebildet, in der die beteiligten Fächer durch Vertreter der wissenschaftlichen Fachgesellschaften sowie durch Vertreter der Fachbereiche (Informationsbeauftragte) repräsentiert sind. Die IuK-Kommission organisiert jährlich einen workshop zu IuK-Fragen. Der letzte fand im März 1997 in Würzburg zum Rahmenthema "Multimedia in Science" statt (http://schiele.organik.uni-erlangen.de/cic/IuK97/index.html); der nächste wird im März 1998 in Hamburg "Integrierte wissenschaftliche Informationssysteme" zum Gegenstand haben (http://elfikom.physik.uni-oldenburg.de/IuK/iuk-hh.html). Die IuK-Kommission bildete außerdem Arbeitsgruppen zu wichtigen Themen, so gegenwärtig etwa eine zur elektronischen Publikation von Dissertationen (http://elfikom.physik.uni-oldenburg.de/iuk/dissertationen/) und eine zur Weiterentwicklung der Metadaten, also der Beschreibung von elektronischen Dokumenten durch allgemeine Deskriptoren, um sie besser recherchierbar zu machen (http://www.mathematik.uni-osnabrueck.de/ak-technik/anlagen/vortrag.html). Schließlich wurden eine allgemeine IuK-Mailingliste sowie spezifische Listen der beteiligten Fachgesellschaften eingerichtet. Diese Aktivitäten dienen der Erarbeitung eigener Informations- und Anforderungsprofile in den Fächern, aber auch der Abstimmung der Konzepte und Vorhaben zwischen den Fachgesellschaften. Eine Zusammenarbeit mit, aber auch die fachwissenschaftliche Interessenvertretung gegenüber den anderen am Prozeß der Bereitstellung von Information und Dokumenten beteiligten Akteuren - den Verlagen, den Fachinformationszentren und den Bibliotheken - ist gemeinsames Ziel; dies gilt analog für die einschlägigen staatlichen und überstaatlichen Instanzen und beteiligte Dritte wie z.B. den DFN-Verein oder die Internet Society ISOC. Abgerundet wird diese vereinbarte Konzeption durch die gemeinsame Organisation und Pflege internationaler Kontakte wie etwa mit dem US-amerikanischen Digital Library Project oder dem britischen United Kingdom Online Library Network (UKOLN).

Die Gesellschaft für Didaktik der Mathematik (GDM) ist der IuK-Kommission assoziiert und wird durch die DMV mitvertreten. Im Sommer 1996 ist die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) der Kooperationsvereinbarung beigetreten, im November 1996 hat die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS) diesen Schritt vollzogen. Der Vertreter der DGfE, Prof. Dr. Peter Diepold von der Humboldt-Universität Berlin, ist derzeit Sprecher der IuK-Kommission. Die Informationstechnische Gesellschaft (ITG), in der die IuK-Interessen der Elektroingenieure zusammengefaßt sind, sowie die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGP) wurden im Sommer 1997 in die IuK-Kommission aufgenommen, im Oktober 1997 trat schließlich der Verband Deutscher Biologen (VDBiol) bei. Der Verfasser (E-Mail: schmiede@ifs.tu-darmstadt.de) vertritt (zusammen mit Prof. Dr. Jürgen Krause, dem Geschäftsführenden Direktor des IZ Sozialwissenschaften) die DGS in der IuK-Kommission.

Das Global Info Programm des BMBF

Mitglieder der IuK-Kommission waren maßgeblich beteiligt an der Initiierung und inhaltlichen Ausformulierung eines im Frühjahr 1997 ausgeschriebenen neuen Förderprogramms des BMBF (auch wenn dieses Programm am Ende andere Akzentsetzungen aufwies als ursprünglich von den Fachgesellschaften intendiert). Dieses Programm mit dem Namen "Globale Elektronische und Multimediale Informationssysteme für Naturwissenschaft und Technik - Global Info" (vgl. Forschungs-Info des BMBF Nr. 14/97 vom 30.4.1997, Bundesanzeiger Nr. 84 v. 7.5.97, S. 5620f.; im WWW zusammen mit weiteren Informationen unter http://www.bmbf.de/forschinf/foin1497.htm) ist auf die Dauer von 6 Jahren (1998 bis 2003) angelegt und sieht für diesen Zeitraum (mit einem Schwergewicht in der zweiten Hälfte der Periode) ein Volumen von rd. 60 Mill. DM vor. Proklamierte Politik des BMBF ist es, neben den im Programmtitel erwähnten Disziplinen Naturwissenschaft und Technik auch diejenigen geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer in die Förderung einzuschließen, die sich durch Mitarbeit und Beitritt zur IuK-Kooperationsvereinbarung die Selbstverpflichtung der Beteiligung an der Weiterentwicklung der fachlichen IuK-Strukturen auferlegt haben und dies in Kooperation über die Fachgrenzen hinweg realisieren wollen.

Das Programm soll, wie es in der Pressemitteilung des Ministeriums heißt,

Das Programm legt besonderen Wert auf die Zusammenführung und Zusammenarbeit aller am Prozeß der Bereitstellung von Information und Dokumenten beteiligten Akteure und unterscheidet dabei die Produzenten (d.h. die Autoren, die durch die Fachgesellschaften oder die Fachverlage vertreten sind), die Distributeure (zu denen Fachverlage, Fachbuchhandlungen, Fachinformationseinrichtungen und wissenschaftliche Bibliotheken rechnen) sowie die Konsumenten (d.h. die Leser und Nutzer, die durch die Fachgesellschaften bzw. die Vertreter von Fachbereichen vertreten sind).

Bedingung der Förderung von Projekten durch das BMBF ist, daß die Produzenten, Distributeure und Konsumenten bzw. deren Repräsentanten an den einzelnen Projekten mitwirken. (Genauere Informationen sind erhältlich bei dem Projektträger des Programms: Projektträger Fachinformation des BMBF, GMD-Forschungszentrum Informationstechnik GmbH, unter http://www.darmstadt.GMD.de/PTF/ptfd.html; alle einschlägigen Informationen zu GLOBAL INFO finden sich auf dem GLOBAL INFO Server unter http://www.global-info.org/).

Die Organisationsstruktur des Programms ist in der gegenwärtigen Startphase etwas kompliziert: Ausgeschrieben wurden mit Antragsfrist bis zum 31. Juli 1997 sog. Vorprojekte, die entweder von Hochschulen oder von Verlagen beantragt werden konnten. Sie dienen im wesentlichen dazu, die unterschiedlichen Beteiligten an einem Tisch zu versammeln und ihnen Unterstützung bei der Klärung ihrer jeweiligen Interessen, der Entwicklung einer Zusammenarbeit und der Ausarbeitung inhaltlich gehaltvoller Projektanträge zu geben. Bedingung für Hochschulanträge war deshalb, daß an ihnen lokal mindestens 4 Fächer der in der IuK-Kommission vertretenen Fachgesellschaften beteiligt sind. Die in der Ausschreibung auf die Zahl 40 (rd. 20 für Hochschulen und 20 für Verlage) begrenzten Vorprojekte konnten bis maximal 2 Jahre und bis zu einem Gesamtbetrag von 100.000 DM an Fördermitteln bewilligt werden. In einer Begutachtungsrunde im September 1997 wurden insgesamt 29 Vorprojekte bewilligt, davon 16 an Hochschulen und 13 an Verlage (vgl. die Übersicht mit ergänzenden Informationen unter http://www.global-info.org/org/vp.html). Sie liefen offiziell zum 1.1.1998 an, haben jedoch teilweise schon vorher mit Vorarbeiten begonnen. Ein sog. vorbereitendes Projekt strukturierte bis Ende 1997 die Arbeit des Leitungsgremiums von Global Info, das diesem Schwerpunkt zunehmend Struktur verleiht, des Global Info Consortiums (GIC).

Die längerfristige Organisationsstruktur und die inhaltlichen Schwerpunkte des Programms zeichnen sich jedoch weitgehend ab: In dem mittlerweile als Projektrat und als Projektleitung im Sinne der Ausschreibung fungierenden Global Info Consortium waren in der Vorbereitungsphase zunächst drei, nach einer Ergänzung sind nun fünf Mitglieder der Fachgesellschaften der IuK-Kommission (je einer für Mathematik, für Physik, für Informatik und Ingenieurwissenschaften sowie für Pädagogik und für die Sozialwissenschaften), vier Verlagsrepräsentanten, ein Beauftragter der Fachinformationszentren und Fachbibliotheken sowie ein Vertreter der wissenschaftlichen Bibliotheken vertreten; durch ergänzende Stellvertretungsregelungen sind auch die ITG, die GDCh sowie der Buchhandel in die Arbeit des GIC einbezogen (vgl. zur Zusammensetzung des GIC: http://www.global-info.org/projektrat.html). Schließlich ist durch den Vertreter der Gesellschaft für Informatik (GI) personell der einschlägige DFG-Schwerpunkt "Verteilte Informationssysteme" repräsentiert; die Kooperation mit der Bibliotheksgruppe der DFG ist durch den Gaststatus des zuständigen DFG-Referenten institutionalisiert. Gaststatus haben ebenfalls die Vertreter des zuständigen Referats im BMBF sowie der mit Global Info befaßte Referent des schon erwähnten Projektträgers bei der GMD in Darmstadt. Die Geschäftsstelle von Global Info liegt bei der GDCh in Frankfurt am Main. Der Sprecher des Global Info Consortiums kommt in Person des Verfassers aus dem Kreis der Fachgesellschaften.

Das Global Info Consortium hat gemeinsame Grundsätze und inhaltliche Schwerpunkte für die Ausgestaltung von Global Info formuliert (s. genauer http://www.global-info.org/program.html). Sie waren ein wichtiges inhaltliches Kriterium zur Begutachtung der Vorprojekte. Zu den Grundsätzen gehören:

Die fünf Schwerpunkte umschreiben die wichtigsten Teilbereiche für die Entwicklung integrierter wissenschaftlicher Informationssysteme, also von künftigen "digital libraries".

Schwerpunkt I: Ergänzung und Bearbeitung von Inhalten: Dokumenttypen, Verfahren und Werkzeuge für elektronisches Publizieren, Transfer, Speicherung (einschließlich Langzeitarchivierung elektronischer Dokumente), Konvertierung und Indexierung

Wichtige Stichworte zur Publikationskette sind:

Schwerpunkt II: Vernetzung von Lehr- und Lernmaterialien (einschließlich sich verändernder dynamischer Dokumente)

Wichtige Stichworte zum elektronisch unterstützten Lehren und Lernen sind:

Schwerpunkt III: Formale Beschreibung, Identifikation und Retrieval, Metadaten, Vernetzung

Wichtige Stichworte zur Deskription und Recherche von Dokumenten sind:

Schwerpunkt IV: Nutzung von Inhalten: Alerting, Awareness, Informationsverbünde, Informationsvermittlung, Evaluierung von Ergebnissen, Oberflächen, intelligente Agenten, Passwortproblematik

Wichtige Stichworte zur Nutzerseite von Inhalten sind:

Schwerpunkt V: Wirtschaftlichkeitsmodelle, Billing (micro-billing) und Abrechnung, Statistik

Wichtige Stichworte zum Bereich der Authentifizierung, der Verwaltungs- und Abrechnungsmodelle sind:

Diese Schwerpunkte mit ihrer inhaltlichen Aufteilung stellen weder eine prinzipiell inhaltlich begründete Abgrenzung unterschiedlicher Gegenstands- und Arbeitsbereiche von GLOBAL INFO noch die Vordefinition von irgendwie festgelegten Finanzbudgets dar, noch sind sie mit künftigen Sonderfördermaßnahmen identisch; sondern sie dienen einer pragmatischen Gliederung und Organisation der zu leistenden Arbeit. Die Grenzen sind daher fließend, Überlappungen und Querverbindungen nicht nur nicht zu vermeiden, sondern erwünscht. Über Projekte wird nicht nach dem Kriterium ihrer Schwerpunktzugehörigkeit zu entscheiden sein, sondern nach den Maßstäben ihres kooperativen, innovativen und schwerpunktverbindenden Gehalts sowie ihres für GLOBAL INFO insgesamt wegweisenden Charakters. (Dies gilt im übrigen auch für ein gegenwärtig in der Begutachtung befindliches Übergangsprojekt, durch das nach Vorstellung der Antragsteller und des GLOBAL INFO CONSORTIUMS die Datenbestände des gerade auslaufenden Medoc-Projekts der Informatik – des bislang einzigen größeren Digital Library-Projekts in Deutschland - gesichert und die dort entwickelten Module und tools auf ihre Qualität und überfachliche Nutzbarkeit hin evaluiert und gegebenenfalls für GLOBAL INFO nutzbar gemacht werden sollen.)

Diese Schwerpunkte wurden erstmals auf einem Treffen des Global Info Consortiums mit Vertretern der bewilligten Vorprojekte im Oktober 1997 vorgestellt, diskutiert und präzisiert. Sie wurden zusammen mit ihrer internen Struktur (z.B. Arbeitsgruppen zu einzelnen Themenbereichen, steering commitees etc.) endgültig auf dem ersten Gesamttreffen aller Beteiligten an Global Info am 4./5.12.1997 in der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main konstituiert. Zu diesem Treffen waren erstmals zwei bislang nicht beteiligte Gruppen von Teilnehmern anwesend:

1. Nicht unter die Antragsberechtigung (Hochschulen, Verlage) fallende Institutionen konnten zeitgleich zur Beantragung von Vorprojekten Interessensbekundungen für eine künftige Mitarbeit in Global Info abgeben. Diese Erklärungen kamen aus drei Gruppen: Aus internationalen Verlagen, aus den Fachinformationszentren und aus wissenschaftlichen Bibliotheken. Ausgewählte Vertreter dieser drei Gruppen haben sich in Frankfurt den Schwerpunkten zugeordnet.

2. Aus nicht an den Vorprojekten beteiligten Institutionen im wissenschaftlichen Bereich wurden oder werden noch einige, von den Fachgesellschaften als fachlich einschlägig und für das Gesamtprojekt eminent wichtig angesehene Wissenschaftler um die Mitarbeit in Global Info gebeten. Auch diese Experten wurden in Frankfurt in die Gesamtarbeit von Global Info eingegliedert.

Das Global Info Consortium hat arbeitsteilig auch die Koordination und Leitung der operativen Alltagsarbeit übernommen, die vor allem in den Schwerpunkten stattfinden wird, um unnötige overhead-Ebenen und -Kosten zu vermeiden, um aber auch die optimale Koordination der Aktivitäten zwischen dem Leitungsgremium, das für die Gesamtausrichtung des Förderprogramms zuständig ist, und der Arbeit in den einzelnen Schwerpunkten zu sichern. Ein Grundprinzip der Organisation von Global Info ist es, daß das Programm nicht top-down verordnet und organisiert ist, sondern daß bottom-up die Produktivität und Kreativität der einzelnen Wissenschaftler, der Fachkulturen und ihrer unkonventionellen interdisziplinären Zusammenarbeit gefördert und für die weitere Entwicklung nutzbar gemacht werden sollen. Das Global Info Consortium hat deswegen eine Organisationsstruktur vereinbart, in der zwei Mitglieder des GIC, jeweils eines aus den Fachgesellschaften und eines vonseiten der Distributeure, als Zweierteam in Zusammenarbeit mit dem Sprecher die Schwerpunkte koordinieren; eines der beiden Mitglieder wird durch die Schwerpunkte als verantwortliche Ansprechperson bestimmt.

Die beiden Koordinatoren bilden für die Schwerpunkte steering commitees, zu denen sie auf Empfehlung der Schwerpunkte einige weitere, für die Schwerpunktthematik besonders ausgewiesene Experten und Expertinnen heranziehen; die steering commitees sollen jedoch in ihrer Größe auf eine operationale und leitungsfähige Einheit, also nach Daumenregel auf 4 –5 Personen beschränkt bleiben. Ob sie zu ihrer Organisationsarbeit einer Unterstützung bedürfen, wird sich im weiteren Verlauf ihrer Tätigkeit herausstellen.

Die Koordinations- und Informationsarbeit des Sprechers wird unterstützt durch die Frankfurter Geschäftsstelle, durch eine persönliche Assistenz und – last but not least – durch einen in Oldenburg physisch angesiedelten und betreuten Server, der in einem relativ komplizierten Serverkonzept die komplexe Organisationsstruktur von GLOBAL INFO abbilden muß und organisatorisch und informatorisch unterstützen soll. Eine ausgeführte Konzeption für die Öffentlichkeitsarbeit von GLOBAL INFO ist in Vorbereitung.

Die Fachgesellschaften haben ebenso wie die Verlage und die Bibliotheken Listen deutscher wie ausländischer Gutachter mit Kennzeichnung von deren jeweiliger fachlicher Spezialisierung für das GLOBAL INFO CONSORTIUM zusammengestellt, um diesem die unabhängige Begutachtung künftiger Projektanträge zu ermöglichen. Hier gilt es, die schwierige Balance zwischen Selbstorganisation und Selbstverwaltung einer "scientific community" und der interessenunabhängigen Evaluation und Begutachtung zu bewältigen. Man darf in dieser Hinsicht jedoch optimistisch sein: Zum einen existieren Erfahrungen, Verfahren und Standards einer selbstorganisierten und gleichwohl von unmittelbaren Interessen unabhängigen Begutachtung in den großen Organisationen der Forschungsförderung wie z.B. DFG oder VW-Stiftung, an denen man sich orientieren kann; zum anderen spricht Vieles dafür, daß die Kooperation der verschiedenen Mitspieler in GLOBAL INFO insgesamt und im GLOBAL INFO CONSORTIUM, die ja zugleich ein Aufeinandertreffen sehr unterschiedlicher Umgangsweisen miteinander bedeutet, einen eher kritischen Blick auf den anderen Mitspieler favorisiert und damit eine Art "Doppelsicherung" gegen Interessenskartelle etabliert.

Die Organisationsstruktur von GLOBAL INFO ist dezentral aufgebaut. Das GLOBAL INFO CONSORTIUM macht zwar Rahmenvorgaben und ist die zentrale Entscheidungsinstanz. Es ist aber in seiner Wirksamkeit angewiesen auf die Initiativen, die Projektideen und die Kooperationsanstrengungen, die in den Schwerpunkten entwickelt werden. Die Grundsätze, die sich GLOBAL INFO gegeben hat, sollten mithin nicht die Sinnhaftigkeit und Zielbezogenheit der Arbeit hemmen: Wenn ein Projekt – meine Hoffnung ist es, daß dies für möglichst viele Projekte zutreffen wird – sich mehreren Schwerpunkten zuordnet, so soll – im Zweifelsfall – das Projekt gefördert, die Anpassung und die erforderliche Kooperation aber den Schwerpunkten zur Auflage gemacht werden. Die Selbstorganisation in Schwerpunkten, Arbeitsgruppen und Projekten ist eine pragmatische Herangehensweise an die komplexe Problematik, die vor uns liegt; die selbstgesetzten Regeln sollten aber unkonventionelle Wege zum Erfolg nicht behindern. Im Zweifelsfall sollte ein vielversprechendes Projekt durchgeführt werden, auch wenn es quer zu den vereinbarten Schwerpunkten steht. Den Schwerpunkten und insbesondere den sie koordinierenden steering commitees kommt in dieser dezentralen Organisationsform eine erhebliche Verantwortung zu.

Perspektiven

Die Vorprojekte sind - wie erwähnt - im Sinne von Vorarbeiten gerichtet auf die größeren inhaltlichen Hauptprojekte (im Ministeriumsdeutsch "Sonderfördermaßnahmen" geheißen), die 1998 beginnen können. In ihnen soll die eigentliche Forschung und Entwicklung stattfinden, aber auch die überfachliche und überinstitutionelle Kooperation realisiert werden. An ihrer Konzipierung, an der Realisierung der notwendigen Zusammenarbeit und Koordination sowie nicht zuletzt an der erforderlichen Orientierung an internationalen Entwicklungslinien und -standards werden sich in nicht allzu ferner Zeit die Perspektiven und die möglichen Erfolge von Global Info bemessen lassen.

Nach meiner Einschätzung wird dieses längerfristig konzipierte Förderprogramm - zusammen mit parallelen Aktivitäten in anderen Programmen im BMBF, in der DFG und im DFN-Verein sowie gefördert durch seinen engen Zusammenhang mit den Fachgesellschaften einerseits, durch die Einbeziehung der anderen IuK-Akteure andererseits - die Entwicklung der IuK-Infrastruktur der Wissenschaften in Deutschland (die ja ohnehin rapide an praktischer Bedeutung gewinnt) nachhaltig prägen. In GLOBAL INFO sehe ich die Chance, die unterschiedlichen Aktivitäten in diesem Bereich in einer vernünftigen, zielbewußten und zielgerichteten Weise zusammenzuführen.

Wohin will GLOBAL INFO gehen?

Der ideale Bezugspunkt von GLOBAL INFO sollte der einzelne praktizierende oder angehende Wissenschaftler sein, der von seinem Arbeitsplatz aus – ob alleine oder in einer Arbeitsgruppe - einerseits möglichst fachspezifische, aber auch fachübergreifende und weitgehend erschlossene Zugänge zu den einzelnen Bereichen seiner inhaltlichen Beschäftigung mit den Fragen seiner Wissenschaft finden will, der auf der anderen Seite einen Beitrag zu dieser Wissenschaft – sei es in Lehre oder Forschung oder Publikation – leisten und dafür optimale Publikationsbedingungen vorfinden soll. Diese Verbesserung und teilweise Neukonstitution der wissenschaftlichen Arbeitsbedingungen ist der Fokus der Arbeiten innerhalb von GLOBAL INFO.

Es ist ein, m.E. zu begrüßendes, Merkmal der heutigen Entwicklung der Einzelwissenschaften, daß sie es zunehmend mit Randbereichen der eigenen Disziplin – Gebieten also, die durch eine Dokumentation der Kernbestände des Faches nicht mehr zureichend erfaßt werden – zu tun haben, die sich als praktisch äußerst wichtig erweisen. Es ist diese Ausdifferenzierung der einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen, welche zugleich eine Erosion der fachwissenschaftlichen Grenzen darstellt, die zum einen als Ausweitung der Interdisziplinarität der wissenschaftlichen Tätigkeiten erscheint, die aber auch eine neue informationswissenschaftliche und –technische Anforderung formuliert: Es geht darum, durch intelligente wissenschaftliche Informationssysteme den Zugang zu und den Überblick über – naturgemäß quer zu den wissenschaftlichen Disziplinen stehende – Sachfragen zu ermöglichen; hierin sehe ich auch den allfälligen Anschluß an die praktischen Fragen, mit denen sich jede der wissenschaftlichen Disziplinen herumschlägt. Für die Verlage und für die Fachinformationseinrichtungen und Bibliotheken geht es in diesem Zusammenhang darum, in Zusammenarbeit mit den wissenschaftlichen Fächern offene Systeme zu erproben und zu etablieren, die einerseits quer zu den wissenschaftlichen Disziplinen stehen, andererseits sich aber auf der Höhe von deren disziplinärer Forschung und Diskussion befinden. Das Verhältnis dieser Distributeure zur eigenständigen Publikationstätigkeit der wissenschaftlichen Einrichtungen ist neu zu bestimmen und zu erproben. Hier liegen bislang kaum ins Visier genommene, inhaltliche und technisch schwierige Aufgaben der Weiterentwicklung bisher verfügbarer wissenschaftlicher Informationssysteme vor uns, deren Bearbeitung sicherlich eine der wichtigsten Aufgaben von GLOBAL INFO sein wird.

Global Info begibt sich auf den Weg, zum Fokus der Digital Library-Aktivitäten in Deutschland zu werden. Darin liegt die Chance einheitlicher Lösungen, die nicht nur die vielfache Neuerfindung des Rades vermeiden helfen können, sondern auch das Interesse von Produzenten und Nutzern an einer möglichst einheitlichen, dadurch leicht erfaßbaren und intuitiven Arbeitsumgebung fördern können. Diese Bestrebung, Doppelentwicklungen und andere Formen der Redundanz zu vermeiden und dadurch die Effektivität zu steigern sowie den Nutzeffekt der eingesetzten Mittel zu erhöhen, soll jedoch nicht den gerade in einer dezentralen Organisationsform notwendigen Wettbewerb unterschiedlicher Konzeptionen ausschalten. In vielen Fällen wird erst die praktische Bewährung konkurrierender Entwicklungen und ihre Bewertung durch das tatsächliche Verhalten der Nutzer ein Urteil über ein System erlauben. "Soviel Einheitlichkeit wie möglich, soviel Konkurrenz wie nötig" muß die Devise lauten.

Die Zielsetzung der Bewertung neuer Systeme durch die Praxis setzt nicht nur die erwähnte generelle Blickrichtung auf den Nutzer voraus, sondern sie macht es zur Aufgabe von GLOBAL INFO, parallel zur Entwicklung einzelner Module und Systeme die Einrichtung realer testbeds zu betreiben und zu fördern, damit die Nutzer auch tatsächlich auf die angebotenen tools und Systeme zugreifen. Realbedingungen sollten, wo immer möglich, anstatt von Spielwiesen der Rahmen von Systementwicklungen, Erprobungen und ihrer Evaluation sein.

Die Perspektive des nationalen Fokus für Digital Library-Projekte in Deutschland sollte keinesfalls im Sinne der Erarbeitung nationaler Sonderlösungen mißverstanden werden, für die es sowohl im Bibliotheksbereich als auch bei Informationssystemen einige nicht nachahmenswerte Beispiele gibt. GLOBAL INFO wird sich kontinuierlich darum bemühen müssen, immer wieder und für alle Bereiche einen Überblick über den internationalen Entwicklungsstand zu gewinnen und zu erhalten. Das GLOBAL INFO CONSORTIUM, die Gutachter und die steering commitees werden ebenso wie die einzelnen Projekte gut beraten sein, das GLOBAL im Namen des Programms wirklich ernst zu nehmen. Ich sehe die Zwangsläufigkeit einer solchen Orientierung an "Weltmarktstandards" besonders in Teilgebieten wie Dokumentformaten (mit ihrem zunehmend engeren Bezug zu Internet-Standards), bibliographischen Formaten oder Zahlungskonventionen und –standards. Abgesehen von solchen relativ eindeutigen Zwängen sollte in GLOBAL INFO aber generell die Suche nach dem internationalen state-of-the-art, nach der Nutzung von und der eigenen Bemessung am internationalen Entwicklungsstand, die Regel sein.

Die dezentrale Organisationsform von GLOBAL INFO ist nicht der Normalfall der Organisation von Forschungsschwerpunkten generell, und erst recht nicht im BMBF. Sie erscheint mir allerdings dem Charakter dieses Förderprogramms angemessen; denn sein Erfolg wird von seiner innovativen Kraft einerseits, von seiner internen und externen Kooperationsfähigkeit andererseits abhängen. Das GLOBAL INFO CONSORTIUM wird seinen Beitrag dazu nach bestem Wissen und Gewissen zu leisten sich bemühen. Es wird letztlich jedoch von der Arbeit der einzelnen Arbeitsgruppen und Schwerpunkte, aber auch von der Koordination und einer unabhängigen Begutachtung der Projekte abhängig sein, ob das Programm die hohen Erwartungen, die mit ihm verbunden werden, wird erfüllen können.

Rudi Schmiede

Global Info Organigramm

Korrespondenzadresse:
Prof. Dr. Rudi Schmiede, Institut für Soziologie, Fachbereich 2, Technische Hochschule, Schloß, 64283 Darmstadt, e-mail: schmiede@ifs.th-darmstadt.de

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Datei aktualisiert am 17.12.2003 in der Redaktion der KZfSS