Institut für Physikalische Chemie

(*Dieser Text wurde 1997 von den Mitgliedern Instituts als Beitrag zur Fakultätsbroschüre erstellt.)

Die Komplexität der Materie

Forschungsprofil

Die physikalische Chemie fragt nach den Eigenschaften der Materie und deren Veränderung als Funktion äußerer Parameter, wie Druck, Temperatur und Zeit. In der modernen physikalischen Chemie wird besonders Wert gelegt auf den Zusammenhang zwischen den Eigenschaften der einzelnen Bausteine (Moleküle, Ionen, Polymere etc.) und den Eigenschaften der daraus aufgebauten Materie. Dabei geht der Trend zur Untersuchung immer komplexerer Systeme, bei denen die makroskopischen Eigenschaften des Systems durch das detaillierte Zusammenspiel einer Reihe von Komponenten bestimmt werden. Viele der verwendeten Apparaturen werden im Institut selbst entwickelt und gebaut, eine für die physikalische Chemie typische Arbeitsweise.

Forschungsschwerpunkte

Die Untersuchung komplexer Fluide ist ein Schwerpunkt innerhalb des Instituts. Das besondere Interesse gilt dabei, neben der Strukturaufklärung, der thermodynamischen Beschreibung dieser Systeme durch Skalenansätze, d.h. unter Abstraktion von molekularen Eigenschaften. Besondere Aufmerksamkeit wird auf anwendungstechnische, materialwissenschaftliche und umweltrelevante Aspekte gelegt.

Die theoretische Berechnung der makroskopischen Eigenschaften gasförmiger, flüssiger oder überkritischer Reinstoffe und Gemische, ausgehend von molekularen Eigenschaften, ist ein weiteres Thema. Eine zentrale Frage ist dabei die Erarbeitung von Zustandsgleichungen und Mischungstheorien mit Hilfe statistisch - thermodynamischer Methoden sowie durch Einsatz von Computersimulation.

Ein anderer Aspekt des Zusammenhangs von Struktur und Eigenschaften organischer und vorzugsweise polymerer Materialien wird in einer Arbeitsgruppe verfolgt, die sich vorwiegend mit der Synthese und Charakterisierung neuer Materialien mit interessanten chemischen und physikalischen Eigenschaften beschäftigt. Von besonderem Interesse sind ultradünne organische und polymere Schichten mit funktionellen Eigenschaften und Schichten, die sich als Membranen für die Stofftrennung eignen.

Eine andere Arbeitsgruppe befaßt sich mit der Untersuchung der Kinetik und Thermodynamik von Strukturänderungen und Ligandenbindung bei Biopolymeren, bei kolloidalen Tensidsystemen und der Wechselwirkung von Proteinen und Tensiden. Eingesetzt werden vor allem chemische Relaxationsmethoden. Ziel der Untersuchungen ist die Aufklärung der Elementarschritte in komplexen Reaktionssystemen.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die experimentelle und theoretische Untersuchung mittelgroßer, meist ungesättigter Moleküle. Ziel ist die Aufklärung der strukturellen Eigenschaften und des dynamischen Verhaltens dieser Moleküle in Grund- und in niedrig liegenden elektronisch angeregten Zuständen. Neben verschiedenen spektroskopischen Methoden werden umfangreiche Berechnungen mit quantenchemischen Verfahren durchgeführt.

Dem Institut angegliedert ist die Bayer Stiftungsprofessur für Technische Chemie. Die Forschungen dieser Arbeitsgruppe werden in direkter Zusammenarbeit mit der Bayer AG durchgeführt. Zentrale Anliegen sind die verbesserte Führung chemischer Prozesse sowie die Erarbeitung neuer Methoden der Reaktionstechnik.

Verknüpfungen

Zu einzelnen Themen gibt es Kooperationen mit anderen Einrichtungen der Chemie sowie mit praktisch allen Teilbereichen unserer Fakultät. Zwei Arbeitsgruppen beteiligen sich am Graduiertenkolleg "Scientific Computing". Eine Reihe von Projekten sind in internationale Kooperationen eingebunden. Bei den mehr anwendungsorientierten Themen bestehen zum Teil enge Kooperationen mit der Industrie.

Perspektiven

Die wesentliche Perspektive ist bereits in dem vorangestellten Motto enthalten: die Komplexität der Materie immer besser zu verstehen und dadurch auch nutzbar zu machen. Neue Anwendungen setzen in vielen Fällen voraus, daß man erst einmal versteht, worauf das Auftreten einer bestimmten Eigenschaft zurückzuführen ist.