Vielseitige Fakultät mit reichem Potential - Eine Einführung*
(*Dieser Text wurde 1997 von Herrn Professor Dr. T. Küpper als Einleitung
zur Fakultätsbroschüre erstellt.)
Diese Broschüre soll die Vielfalt der Themen, die an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen
Fakultät in Forschung und Lehre vertreten sind, vermitteln. Dabei werden
auch die Verknüpfungen mit den großen Forschungseinrichtungen unserer
Region und den Wirtschaftsunternehmen deutlich gemacht. Zugleich soll sie dazu
anregen, diese Zusammenarbeit weiter auszubauen.
Eine einzige große Fakultät
Die Kölner Universität ist eine der wenigen, bei der alle Naturwissenschaften
noch in einer einzigen großen Fakultät zusammengefaßt sind. Mit
mehr als
135 Professoren, einer großen Zahl wissenschaftlicher
und technischer Mitarbeiter sowie
ca. 9000 Studenten, die in 5
Fachgruppen und
19 Instituten organisiert sind, bietet die
Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät ein reiches Potential. Sie stellt
mit der hier vertretenen Fächervielfalt einen ausgezeichneten Rahmen für
fachübergreifende Forschung und Lehre dar, die gerade in den
modernen Naturwissenschaften von großer Bedeutung sind.
Darüber hinaus ermöglicht die Verbindung mit den anderen Fakultäten
interessante Kombinationen, etwa in der Wirtschaftsinformatik, der
Versicherungswissenschaft, der Umweltforschung, der Wirtschaftsgeographie oder
bei den naturwissenschaftlichen Grundlagen der Medizin.
Fachgruppe Mathematik/Informatik
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Fachgruppe Geowissenschaften
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Fachgruppe Physik
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Fachgruppe Biologie
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Fachgruppe Chemie
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Enger Praxisbezug
Zu allen wichtigen Forschungseinrichtungen in unserer Region bestehen enge
personelle und institutionalisierte Verknüpfungen. Dazu zählen die
Deutsche Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt, das Forschungszentrum
Jülich, die Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung
Birlinghoven sowie das Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung.
Dadurch erweitert sich das Lehrangebot, und Studenten und Doktoranden erhalten
Zugang zur
modernen Großforschung. Durch zahlreiche
Drittmittelprojekte ist unsere Fakultät mit bedeutenden Wirtschaftunternehmen
verbunden, so daß ein enger Praxisbezug gegeben ist. Eine Reihe von in der
Industrie tätigen Kollegen, die unserer Fakultät angehören, bereichern
das Lehrangebot durch praxisorientierte Vorlesungen.
Eine besonders enge Verbindung entsteht durch die Bayer-Stiftungsprofessur für
Technische Chemie. Sie besteht seit 1986 und wird demnächst von der
Universität übernommen, jedoch unter Beibehaltung der engen Kooperation.
Wichtige Dienstleistungen
Schwerpunktmäßig ist die Fakultät auf naturwissenschaftliche
Grundlagenforschung ausgerichtet. Darüber hinaus erbringt sie wichtige
Dienstleistungen von regionaler und überregionaler Bedeutung.
- Die 1951 von Martin Schwarzbach eingerichtete
Erdbebenwarte in Bensberg überwacht den seismisch aktiven
Raum der dichtbesiedelten Niederrheinischen Bucht und insbesondere mögliche
Auswirkungen des Braunkohletagebaus in Zusammenarbeit mit der Fa. Rheinbraun.
- Die vom
Geographischen Institut entwickelte Hochschulexkursionskarte
dokumentiert die Entwicklung der Naturlandschaft in der Niederrheinischen Bucht und die
Veränderungen der Umwelt dieses Ballungsraumes.
- Seit mehr als 20 Jahren ist die Außenstation des Zoologischen Instituts in
Rees-Grieterbusch ein Forschungs- und Ausbildungszentrum, in dem
vor Ort ökologische Untersuchungen am Beispiel der niederrheinischen Auengebiete
durchgeführt werden.
- Die aktuellen weltweiten Wetterinformationen des Instituts für
Geophysik und Meteorologie im Internet erfreuen sich mit ca. 250.000 Anfragen
pro Monat großer Beliebtheit, sei es für Vorhersagen über die
regionale Wetterentwicklung, Prognosen über das zu erwartende Urlaubswetter
oder wegen eines Überblicks über den historischen Klimaverlauf.
Lange Geschichte
Die naturkundlichen Fächer waren von Beginn an in der alten Kölner
Universität vertreten. Das ist unter anderem darauf zurückzuführen,
daß der naturkundliche Unterricht an den mittelalterlichen Universitäten
durch aristotelische Vorstellungen geprägt war. Mit
Albertus Magnus
(ca. 1200-1280) und
Thomas von Aquin (ca. 1225-1274) hatten zwei
herausragende Vertreter dieser Schule in Köln gelehrt. Dem damaligen Verständnis
entsprechend waren die Naturwissenschaften bei der Gründung 1388 zunächst
in die Artes-Fakultät, später auch in die Medizinische Fakultät
integriert.
Der Fortschritt der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse erforderte immer wieder
Anpassungen der Unterrichtsinhalte. Insbesondere durch die umfassenden Reformen
des Botanik-Professors Franz Ferdinand Wallraf (1748-1824) wurden
die Ausbildungsmöglichkeiten in den Naturwissenschaften hervorgehoben; zu
gleich wurde schon damals auf ihre Bedeutung für die berufliche Eignung und
Einsetzbarkeit hingewiesen. Mit einem Botanischen Garten, einer Sternwarte, einem
gut ausgestatteten Physikalischen Kabinett und einem chemischen Labor verfügte
die Kölner Universität im Vergleich zu den benachbarten Hochschulen über
eine ausgezeichnete Infrastruktur für den naturwissenschaftlichen Unterricht.
Diese Sammlungen blieben auch nach der Schließung der Universität 1798
durch Napoleon erhalten, zum Teil in den Gymnasien. Das Physikalische Kabinett
wurde Georg Simon Ohm anvertraut. Im Jahre 1817 wechselte er
als Lehrer an das Gymnasium der Jesuiten in der Kölner Marzellenstraße
und entdeckte dort das nach ihm benannte Gesetz zur Leitung elektrischer Ströme.
Bereits bei der Wiedergründung, zunächst 1901 als Handelshochschule,
wurden naturwissenschaftliche Lehrstühle für Physik, Chemie und
Geographie eingerichtet, naturgemäß mit einer stark anwendungsorientierten
Ausrichtung. Diese Lehrstühle wurden zu Beginn der Neuen Unversität
ab 1919 in die Philosopische Fakultät integriert und sukzessive durch weitere
Lehrstühle fülr Mathematik, Physik, Biologie und Geophysik
ergänzt. Auf einem dieser traditionsreichen Lehrstühle erhielt Kurt
Alder 1950 den Nobelpreis für Chemie für seinen Beitrag zur Aufdeckung
der Dien-Synthese.
Afrika-Forschung
Gefördert durch die früh in Köln gegründete Deutsch-Ostafrika-Gesellschaft
und durch persönliche Verbindungen zu dem Ostafrikaforscher und Gouverneur von
Deutsch-Ostafrika Hermann von Wissmann, wurde bereits damals der Grundstock gelegt
für den auch heute noch bestehenden Schwerpunkt in der Afrika-Forschung.
Er kommt in der Beteiligung unserer Fakultät an dem
Sonderforschungsbereich "Arides Afrika" zum Ausdruck.
Gründung der Fakultät 1955
Die Nachkriegsjahre der Universität sind geprägt durch den Wiederaufbau
und die Zusammenführung der über ganz Köln verstreuten Institute,
die bis heute noch nicht vollständig abgeschlossen ist. Der rasche Zuwachs an
Studenten erforderte zugleich eine Erweiterung des Lehrkörpers, so daß
es am 1. April 1955 zur Gründung einer eigenständigen
Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät mit damals 31 Professoren kam.
Seitdem hat sich die Zahl der Professoren mehr als vervierfacht, die Zahl der
Studenten jedoch um den Faktor 10 vergrößert. Mit neuen Lehrstühlen
versuchte man, dieser Entwicklung Rechnung zu tragen; beispielsweise:
- Dem Versicherungsstandort Köln angemessen wurde eine Professur
für Versicherungsmathematik neu geschaffen. Ergänzt durch
einschlägige Lehrstühle in der Wirtschaft- und Sozialwissenschaftlichen
sowie der Juristischen Fakultät bietet diese Spezialisierungsmöglichkeit
auch heute noch unseren Absolventen gute Berufschancen.
- Die Einführung elektronischer Rechner und die Versorgung der gesamten
Universität mit Rechnerkapazität wurde bis zur Gründung des
zentralen Regionalen Rechenzentrums organisatorisch zu einem
großen Teil von unserer Fakultät getragen.
- Mit dem Aufbau des
Instituts für Genetik durch Max Delbrück konnte
dieses zukunftsträchtige Gebiet erstmalig auch in Deutschland institutionalisiert
werden.
- Das auf Initiative des Brauereiverbandes gegründete Institut für
Gärungswissenschaften wurde 1963 für das umfassende Gebiet der
Biochemie umgewidmet.
- Mit der Gründung des
Instituts für Kernphysik wurde der zweitgrößte an einer
deutschen Universität vorhandene Schwerionenbeschleuniger
konzipiert und in Betrieb genommen. Unsere Studenten werden dadurch unmittelbar
in den Aufbau und die Durchführung von Experimenten mit diesem Großgerät
einbezogen und praxisnah ausgebildet.
- Große Bauabschnitte wurden in den sechziger Jahren mit dem Neubau der
Chemischen Institute und der Physikalischen Institute im Grüngürtel
verwirklicht.
- Mit dem Neubau für einen Teil der Genetik mit dem Umzug der Biochemie
Ende 1996 von der Bottmühle an die Zülpicher Straße sind in
Verbindung mit der Renovierung des traditionsreichen Rundbaus
der geowissenschaftlichen Institute und mit den angrenzenden Studentenwohnungen
auch städtebaulich Akzente in Köln gesetzt worden.
Möglicherweise ist damit ein erster Schritt getan zur Verwirklichung unserer
Vision von einem die Bio- und Geowissenschaften unfassenden Zentrum, in dem die
gemeinsamen methodischen Ansätze zur Erforschung molekularer Strukturen
zusammengeführt und ergänzt werden können. Ideen für einen
weiteren Ausbau sind vorhanden, etwa auch für eine pädagogisch
reizvolle Verknüpfung der
Geologisch-Mineralogischen Sammlung mit einem integrierten Universitätsmuseums-Kindergarten.
Akademische Ehrungen
In den 42 Jahren des eigenständigen Bestehens der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen
Fakultät sind 14 herausragende Wissenschaftler mit der
Ehrenpromotion ausgezeichnet worden.
- Als erstem unmittelbar nach Gründung der Fakultät wurde diese Ehrung
Generaldirektor a. D. Hans Kühne für seine bahnbrechenden
Arbeiten in der anorganischen Chemie zuteil.
- Der 80. Geburtstag von Konrad Adenauer war für uns der
Anlaß, seine großen Verdienste bei der Wiedergründung der
Universität mit der Ehrenpromotion zu würdigen.
- Der französische Saharaforscher Théodore Monod, der erst vor
wenigen Wochen noch auf einer Afrika-Expedition mit Kollegen unserer
Fakultät zusammengetroffen ist, wurde 1965 für seine grundlegenden
Untersuchungen zur Genesis und Ökologie der Wüsten geehrt.
- Der kürzlich verstorbene Physiker Friedrich Hund wurde
1983 für seine grundlegenden Beiträge zur Theorie des Aufbaus der
Materie und zur Geschichte der Quantenmechanik mit der Ehrenpromotion
ausgezeichnet. Er hat die Entwicklung der Quantenmechanik in diesem Jahrhundert
von Beginn an mitgeprägt und war unserer Fakultät als Gastforscher
verbunden.
Perspektiven
Die Fakultät ist ständig im Umbruch. Pro Jahr erfolgen durchschnittlich
sechs Neuberufungen. In den vergangenen zehn Jahren sind damit 40 Prozent der
Professuren neu besetzt worden; dieser Wechsel wird sich auch im kommenden
Jahrzehnt fortsetzen.
Die kontinuierliche Verjüngung der Fakultät ermöglicht
es, aktuelle Verschiebungen der Forschungsschwerpunkte zu berücksichtigen und
zukunftsträchtige Gebiete einzurichten. Für die Kontinuität ist es
wichtig, daß auch die emeritierten Professoren der Fakultät weiterhin mit
Rat und Tat zur Seite stehen. Der künftige Rang der Fakultät wird auch
dadurch geprägt sein, ob es weiterhin gelingen wird, im Wettbewerb um die
besten Professoren erfolgreich zu sein. Die dazu erforderliche Ausstattung,
überhaupt die beständige Anpassung an zeitgemäße Standards,
erfordern große Anstrengungen. Das gilt vor allem in den experimentellen
Fächern und ist angesichts der angespannten Haushaltslage nicht immer einfach
zu erreichen. Die Fakultät leistet auch dazu ihren Beitrag, durch Konzentration
auf Forschungsschwerpunkte, Abstimmung mit benachbarten Hochschulen und Umwidmung
von Stellen. So versucht die Fakultät, den Mangel an Mitarbeiterstellen
teilweise durch Umwandlung von Professorenstellen zu beheben. Außerdem wird
durch das Konzept von Nachwuchsgruppen eine hohe Flexibilität
bewirkt. Eine besondere Herausforderung stellen die Entwicklung moderner
Visualisierungsmethoden und ihre Umsetzung bei der Lehre dar. Hier setzen wir auf
die Zusammenarbeit mit der Hochschule für Medien. Die langfristigen
Perspektiven werden in Strukturplänen der Fachgruppen erarbeitet.
- In der Chemie beispielsweise entwickeln sich die Forschungsschwerpunkte in die
Richtungen Bioorganische Chemie bzw. Festkörper-Materialwissenschaften.
- Die Genetik widmet sich zunehmend auch medizinisch orientierten Fragestellungen,
wie durch die Mitarbeit im Zentrum für Molekulare Medizin Köln und in
Sonderforschungsbereichen auch in der Medizinischen Fakultät deutlich wird.
- Ausgehend von dem Schwerpunkt in der Festkörperphysik und im Hinblick
auf eine verstärkte Zusammenarbeit mit der Kristallographie ist eine
Ergänzung bei der Materialforschung auch von seiten der Physik geplant.
- Außerdem soll der Schwerpunkt Astrophysik mit dem Betrieb des
Gornergrat-Observatoriumsdurch eine Zusammenarbeit mit der
Universität Bonn und dem Max-Planck-Institut für Astrophysik auf
eine bereitere Basis gestellt werden.
Wichtigstes Gremium ist die Engere Fakultät, in der
Professoren, Mitarbeiter und Studenten gemeinsam Entscheidungen in Personal-,
Organisations- und Finanzangelegenheiten treffen. Mit der durch die Einführung
des Globalhaushaltes seit 1.1.1995 gewonnenen erweiterten Flexibilität hat
die Fakultät gute Erfahrungen gesammelt. Die Situation der Ausbildung ist
erstmals 1995 systematisch in einem Lehrbericht erfaßt
worden, der in der Fakultät rege diskutiert worden ist, Anstoß zur
Verbesserung gab und künftig regelmäßig erstellt wird.
Die Absolventen unserer mathematisch-naturwissenschaftlichen Studiengänge
sind durch die in der Grundlagenforschung erworbenen Fähigkeiten geschult
und qualifiziert, die aktuellen fachlichen Herausforderungen im Beruf zu meistern.
Darüber hinaus ist sich die Fakultät der Notwendigkeit zusätzlicher
unmittelbar berufsbezogener Qualifikationen bewußt. Gemeinsam mit dem
Hochschulzentrum des Arbeitsamtes Köln ist dazu ein Projekt zur
"Berufsfeldorientierung für Studierende (BOS) eingerichtet
worden. Es erleichtert den Weg in die Arbeitswelt durch die Vermittlung von
Praktika und hilft beim Erwerb betriebswirtschaftlicher Kenntnisse.
Die folgenden Einzeldarstellungen der Institute beschränken sich auf die wesentlichen
Merkmale. Zusätzlich werden einige Highlights aus den einzelnen Fachgruppen besonders
hervorgehoben, um einen Eindruck von der Vielfalt der Forscherpersönlichkeiten, Projekte
oder Initiativen zu vermitteln.
- Mit
Klaus Rajewsky wird ein Forscher vorgestellt, in dessen Arbeitsgruppe
einer der herausragendsten Beiträge moderner Immunologie entwickelt worden ist.
- Mit Unterstützung der Kurt-Hansen-Stiftung sind mit der Entwicklung und
Umsetzung des sogenannten
Kölner Modells für die Weiterbildung von Chemielehrern
Maßstäbe gesetzt worden.
- Die Geowissenschaften sind beteiligt an der
Cassini-Mission und berichten über plasmaphysikalische
Modellierungen und Interpretation der Ergebnisse der Vorbeiflüge der
Galileosonde an den Galileischen Monden des Jupiter.
- Die fächerübergreifende Zusammenarbeit bei der Doktorandenausbildung
schließlich wird vor allem anhand des
Graduiertenkollegs "Phasenübergänge" deutlich, in dem
Kristallographie, Physik und Chemie eng zusammenwirken.
Dieser Querschnitt gibt nur einen ersten Überblick über die mannigfachen
Einrichtungen an der Fakultät. Für eine detaillierte Darstellung der
Schwerpunkte in Forschung und Lehre wird auf den Forschungsbericht der
Universität sowie auf Einzelbeschreibungen der Fachgruppen und Institute
auch im Internet verwiesen.
Die Studenten werden frühzeitig in die Forschung einbezogen; sie beteiligen
sich auch engagiert und kritisch an der Selbstverwaltung der Fakultät und
haben in dieser Broschüre als erste Gelegenheit, ihre Arbeit in einem
eigenen Beitrag darzustellen.