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Universität zu Köln
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Thomas Scharping
Bevölkerungspolitik und demographische Entwicklung in China
Eine Reihe vom Autor, der sich am Ostasiatischen Seminar mit Modernen China-Studien befaßt, durchgeführter Projekte hat sich mit den langfristigen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Implikationen der chinesischen Bevölkerungspolitik beschäftigt. Im Vordergrund hat dabei zunächst die seit 1979 in China verfolgte Ein-Kind-Politik gestanden. Ein mit Unterstützung der DFG aufgenommenes Forschungsprojekt hat die Motive, Durchführungsprobleme und Ergebnisse dieser Politik untersucht. Wegen der damit verbundenen Menschenrechtsproblematik, die wiederholt im Kreuzfeuer westlicher Kritik gestanden hat, ist dies ein politisch sensibles Thema. Über die Menschenrechtsproblematik hinaus bleibt die chinesische Bevölkerungspolitik jedoch auch eine entscheidende Grundlage zur Einschätzung der künftigen Entwicklungsmöglichkeiten des Landes. Die Umsetzungsprobleme der Ein-Kind-Politik dokumentieren die Komplexität politischer Entscheidungsprozesse, die Eigendynamik finanzieller Probleme, bürokratischer Strukturen und sozialer Interessen in China. Sie zeugen von der schwierigen Politikimplementierung in einer Umbruchgesellschaft, die sich mit vielfältigen Regionalisierungstendenzen und Gegenstrategien immer mehr der zentralen Steuerung entzieht. Für die Untersuchung wurden im Abstand mehrerer Jahre drei Interviewserien bei rund 140 chinesischen Demographen, Soziologen, Statistikern, Bevölkerungspolitikern und Verwaltungsbeamten durchgeführt. Außerdem wurden zahlreiche bisher unbearbeitete Originaldokumente und Fachpublikationen, Massenstatistiken und Stichprobenerhebungen aus China ausgewertet. Ein gemeinsam mit Prof. Robert Heuser von den Modernen China-Studien herausgegebener Band, der 1995 beim Hamburger Institut für Asienkunde erschien, enthält zusätzliche Analysen und Dokumente zu den rechtlichen, sozialen und regionalen Aspekten der chinesischen Ein-Kind-Politik (Anmerkung 1). Er dokumentiert auch die zunehmende Tendenz zur Verrechtlichung, die an die Stelle der früheren Massenbewegungen getreten ist und langfristig neue Strukturen für Politik und Gesellschaft Chinas schafft. Ein weiteres von der VW-Stiftung unterstütztes Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, die Migrationsbewegungen innerhalb Chinas und besonders die seit Beginn der Wirtschaftsreformen stark angeschwollene Landflucht zu untersuchen. In diesem Zusammenhang unternahmen der Autor und Walter Schulze, Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei den Modernen China-Studien, 1993 in drei südchinesischen Küstenprovinzen eine Reihe von Hintergrundbefragungen bei Akademien und Hochschulen, Straßen- und Einwohnerkomitees, Polizeibehörden, Statistischen Ämtern, Plankommissionen und verschiedenen Wirtschaftsverwaltungen. Außerdem führten sie in Kooperation mit dem Statistischen Amt der Volksrepublik China eine Stichprobenerhebung in den südchinesischen Städten Foshan und Shenzhen durch, die bevorzugte Zuzugsgebiete sind. Die chinesischen Kooperationspartner bereiteten 1994 bei einem Arbeitsbesuch in Köln eine erste gemeinsame Grobanalyse der Erhebungsergebnisse vor (Anmerkung 2). Eine internationale Konferenz über Migration und Mobilität in China, die ebenfalls von der VW-Stiftung unterstützt wird und Fachleute aus dem chinesischen Festland, aus Taiwan, den USA, Großbritannien, den Niederlanden und Deutschland zusammenführen wird, wird im Mai 1996 in Köln stattfinden.
Schließlich wurde im Zusammenhang dieser beiden Projekte eine Untersuchung zu den langfristigen historischen Trends bei der Bevölkerungsentwicklung in Norost-China, der früheren Mandschurei, durchgeführt, für die Materialien aus den Akademien in Peking und Taipei sowie aus den Beständen der Hoover-Institution in Stanford, USA, ausgewertet wurden (Anmerkung 3). All diese verschiedenen bevölkerungspolitischen Untersuchungen haben bisher folgende Ergebnisse erbracht.
Übergang zur Ein-Kind-PolitikBeim Vollzug der chinesischen Ein-Kind-Politik lassen sich vier Perioden unterscheiden: Die Anfangsperiode 1979-83 sah den Übergang von der seit Anfang der 70er Jahre in China verfolgten Zwei-Kind-Politik zur Ein-Kind-Politik. Diese wurde zunächst als Massenkampagne mit Übergriffen und Gewaltakten, aber auch großen lokalen Implementierungsunterschieden durchgeführt. In dieser Zeit wurden erste provisorische Geburtenplanungsbestimmungen mit Anreizen und Sanktionen ausgearbeitet. Eine anschließende Liberalisierungsphase, die von 1984 bis 1985 währte, weitete den vorher bescheidenen Ausnahmekatalog für Zweitkind-Genehmigungen auf bis zu 17 Ausnahmebedingungen aus. Vorsichtige Kritik an den zuvor praktizierten Zwangsabtreibungen und Zwangssterilisierungen wurde laut, die Wahlfreiheit für Verhütungsmittel stärker betont. Ein wichtiger politischer Schritt war die regionale Differenzierung bei der Geburtenplanung, die hinfort unterschiedliche Vorschriften für fünf bis sieben verschiedene Gebietstypen vorsah. In den Jahren 1986-89 entbrannte ein heftiger interner Richtungsstreit um die weitere Fortführung der Ein-Kind-Politik. Während einige chinesische Politiker sie in einem graduellen Wandel zur vormaligen Zwei-Kind-Politik zurückführen wollten, warnten andere vor einer neuen Geburtenexplosion und begründeten damit ihre Forderung nach weiterer Anwendung von Zwangsmaßnahmen. De facto lockerten viele Provinzen die Ausnahmebedingungen für Zweitkind-Genehmigungen und erkannten auch einen vierjährigen Geburtenabstand oder die Geburt eines Mädchens als ausreichenden Grund für eine zweite Geburt an. Seit 1990 prägt schließlich eine Verwaltungsstrategie die weitere Ein-Kind-Politik. Die Bestimmungen haben sich vermehrt und sind auch auf Randgruppen der Gesellschaft ausgedehnt worden. Gleichzeitig sind die Strafsummen für die Überschreitung der Geburtenpläne drastisch gestiegen. Dem haben ein finanzieller und personeller Ausbau des Apparates und die Einführung restriktiver Verantwortungssysteme mit kollektiven Haftungen von Kadern und Betriebsleitern, Belegschaften und Dorfgemeinschaften entsprochen. Vor diesem Hintergrund sind auch die Umsetzungsprobleme der Ein-Kind-Politik von den zeitlich und regional schwankenden politischen Rahmenbedingungen beeinflußt worden. Folgende Problemfelder haben sich jedoch über die Jahre hinweg als die schwierigsten Hindernisse für einen raschen Geburtenrückgang erwiesen: Als Folge der wiederholten politischen Änderungen sind die Geburtenplanungsvorschriften mehrfach geändert worden. Statt einheitlicher Normen für ganz China existieren zahllose Bestimmungen auf Provinzebene, die durch noch weitergehendere Ergänzungsbestimmungen auf Stadt-, Kreis-, Betriebs- oder Dorfebene ausgestaltet werden. Die Anerkennung einer regionalen Vielfalt muß als Sieg für die liberaleren Kräfte in China gewertet werden. Aber der Preis für diese Vielfalt ist häufig ein Verlust an Transparenz und Planungssicherheit. Die regionalen Bestimmungen sind seit Beginn der Ein-Kind-Politik fast alle drei Jahre geändert worden. Sie haben bis Ende der 80er Jahre zumeist nur provisorischen Charakter besessen und sind durch eine Fülle von parteiinternen Anweisungen überlagert worden. Diese Instabilität der Rechtsnormen einerseits und die zunehmende Regelungsdichte andererseits haben ein äußerst komplexes Regelwerk entstehen lassen, das nicht immer leicht handhabbar ist. Auch die fortlaufende Delegierung von Geburtenplanungsaufgaben über bis zu sieben verschiedene Ebenen hinweg wirkt einer Transparenz und Kontrolle entgegen.
Heiratsalter ist zurückgegangenAls Reaktion auf massiven gesellschaftlichen Druck wurde das gesetzliche Heiratsalter 1980 durch ein neues Ehegesetz um drei Jahre herabgesetzt. Einige Minderheitengebiete gingen darüber hinaus und senkten es noch um weitere zwei Jahre ab. Die im Prinzip aufrechterhaltene und in den 70er Jahren mit starkem Druck durchgesetzte Spätehen-Empfehlung von 23 Jahren für Frauen und 25 Jahren für Männer ist dadurch immer mehr in den Hintergrund getreten. Entsprachen ihr früher rund 90 %der neuen Eheschließungen, so ist dieser Anteil in den 80er Jahren auf ca. 30 % zurückgegangen. 20 bis 30 % aller Eheschließungen waren zudem nach wie vor Frühehen unter dem gesetzlichen Heiratsalter. Solche Frühehen sind insbesondere in rückständigen Landgebieten weit verbreitet und gesellschaftlich akzeptiert, weil eine amtliche Eheregistrierung in China traditionell nicht bestanden hat. Das durchschnittliche Heiratsalter, das eine wichtige Einflußgröße für die Fruchtbarkeit der Bevölkerung darstellt, ist vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen von vormals 23 bis 24 Jahren auf ca. 22 Jahre zurückgegangen. Es ist lange umstritten gewesen, ob die Ein-Kind-Politik auch eine grundsätzliche Genehmigungspflicht für die erste Geburt impliziert. Hier hat sich im Laufe der Jahre in den Städten eine strenge Interpretation durchgesetzt. Geburtengenehmigungen werden dort heute nur in einem mehrstufigen Verfahren ausgestellt, das mit Verpflichtungserklärungen für späte Schwangerschaft und für die Geburt nur eines Kindes, Garantieerklärungen für die Durchführung von Verhütungsmaßnahmen nach der Entbindung sowie mit Dokumentenvorlage und Kautionshinterlegung arbeitet. In den Dörfern hingegen besteht dieses engmaschige Netz der Überwachung nicht. Hier werden Geburtengenehmigungen häufig erst ex post facto ausgestellt, solange nur die Bestimmungen über zweite Geburten eingehalten werden. Arbeitskräftemangel, Probleme bei der Altersversorgung von Bauern ohne männlichen Nachwuchs sowie das Streben nach einer Fortführung der Familienlinie sind die Hauptanerkennungsgründe für die Genehmigungen von Zweitgeburten. Übersee-Chinesen und Angehörigen der meisten nationalen Minderheiten sind darüber hinaus auch vielfach dritte Kinder, bei einigen kleinen Minderheiten sogar vierte oder fünfte Kinder gestattet worden. Die tibetische Landbevölkerung ist bis heute völlig von der Geburtenkontrolle befreit. Die Ausnahmebedingungen sind in den Geburtenplanungsbestimmungen in komplizierten Fallgruppen zusammengefaßt und im Laufe der Jahre kontinuierlich ausgeweitet worden. Vielfach operieren sie mit dem Begriff der "echten Nöte", die bei einer Zweitkind-Genehmigung nachgewiesen werden müssen. Solche dehnbaren Formulierungen führen abermals zu großen Implementierungunterschieden. Heute sind schätzungsweise 50 % der chinesischen Landbevölkerung zweitkindberechtigt, und dieser Prozentsatz würde bei einer Mitberücksichtigung ungenehmigter Zweitgeburten weiter steigen. Dadurch ist unter dem Dach der weiter bestehenden Ein-Kind-Politik auf dem Land häufig eine faktische Zweitkind-Situation eingetreten. Wegen ihrer prinzipiellen Reversibilität sind Pessare nach wie vor die bevorzugte Verhütungsmaßnahme nach der Geburt des ersten Kindes. Sterilisierungen werden zumeist erst nach der Geburt eines zweiten Kindes durchgeführt, obwohl sie einige Provinzen mit besonders hohen Geburtenzahlen in den 90er Jahren auch schon nach der ersten Geburt durchzusetzen begonnen haben. Zumeist erfolgen Tubenligaturen mit chemischen Substanzen. Antibabypillen, Kondome und andere Verhütungsmittel werden dagegen von weniger als 10 %der Paare im gebärfähigen Alter angewandt. Aus Kostengründen ist die prinzipiell immer wieder bejahte Wahlfreiheit der Verhütungsmittel in der Realität häufig eingeschränkt worden. Weil Pessare oft entfernt werden oder die Verhütung nachlässig praktiziert wird, bleiben die Abtreibungsraten mit 30 bis 50 Schwangerschaftsabbrüchen pro 100 Lebendgeburten hoch. Sie sind deshalb als Sympton von "erfolgreicher" und nachlässiger Geburtenkontrolle zugleich zu werten. Bei der Durchsetzung der Ein-Kind-Norm arbeitet die chinesische Politik mit Anreizen und Strafmaßnahmen. Dabei ist die mangelnde Finanzierbarkeit und Durchführbarkeit das Hauptproblem materieller Anreize. Die Ein-Kind-Prämie von zumeist 60 Yuan pro Jahr entspricht heute nur ca. 1 % des Jahreslohns von Arbeitern und Angestellten in den Städten; sie ist seit 1980 unverändert auf dem gleichen Niveau geblieben und durch Inflation entwertet worden. Während sie in den Städten von den Betrieben bezahlt wird, fehlt auf dem Land häufig ein verantwortlicher Träger. Der verlängerte und bezahlte Schwangerschaftsurlaub, der in vielen Fällen für Personen mit Ein-Kind-Zertifikaten gewährt wird, fällt zu gering aus. Präferenzen, die Einzelkinder bei der Arbeitsplatzzuteilung, Beschulung und Krankenversorgung genießen sollen, sind schwer durchsetzbar, weil sie den Amtsbereich verschiedener Verwaltungen berühren oder durch die hohe Zahl der Betroffenen ihren Vorzugscharakter verlieren. Auf dem Land wären zusätzliches Ackerland und eine staatlich oder kollektiv getragene Altersversicherung die zweifellos wirksamsten Anreize. Wegen der Entkollektivierung der Landwirtschaft sind sie jedoch zumeist nicht realisierbar oder finanzierbar.
DurchführungsproblemeWeil die materiellen Anreize beschränkt geblieben sind, arbeitet die chinesische Bevölkerungspolitik in der Realität sehr viel stärker mit Sanktionen. Diese sehen bei Nichteinhaltung der Geburtenplanungsvorschriften zumeist einen 10prozentigen Lohnabzug für beide Ehepartner über die ersten 14 Lebensjahre des Kindes hinweg vor. Der Lohnabzug ist bei Staatsbediensteten in den Städten leicht durchzusetzen. Bei den quasi privatwirtschaftlichen Verhältnissen auf dem Land ist er hingegen schwer implementierbar und führt zu hohen Eintreibungslücken. Die auch in den Städten wachsende Zahl von privatwirtschaftlich tätigen Personen entzieht sich darüber hinaus einer genauen Einkommenskontrolle. Vielfach liegen die Einkommen höher als angegeben und ermöglichen deshalb den "Kauf" einer Ausnahmegenehmigung, d.h. die freiwillige Bezahlung von Strafsummen für ein weiteres Kind. Als Reaktion darauf sind die Geldstrafen ständig erhöht worden und können mittlerweile auf bis zu 6 Jahreseinkommen anwachsen. Dabei existieren jedoch große Ermessensspielräume, die einerseits unter den gegebenen unklaren Einkommensverhältnissen notwendig sind, andererseits aber der Korruption Tür und Tor öffnen. Auch der Aufbau des zur Durchführung der Geburtenkontrolle notwendigen Verwaltungsapparates wirft Probleme auf. Die Anfang der 80er Jahre gegründeten Geburtenplanungskommissionen haben bis 1991 nur bis zur Kreisebene bestanden. Erst seitdem sind sie schrittweise auch auf die Ebene der ländlichen Gemeinden und kleineren Marktstädte ausgedehnt worden. Während in den Dörfern nur nebenberufliches Personal für die Geburtenkontrolle tätig ist, leidet der Beruf des Geburtenplanungskaders in den Städten zumeist unter mangelndem sozialen Ansehen, schlechter Entlohnung und fehlender Ausbildung. Personalmangel hat über die ganzen 80er Jahre hinweg die Geburtenplanung belastet. Mangelhaft ist auch das medizinische Netzwerk, in dem nach wie vor adäquat ausgestattete Einrichtungen auf unterer Ebene fehlen. Hinter allen diesen Problemen stehen stets Finanzierungsschwierigkeiten. Nur ca. 20 % der Geburtenplanungsmittel kommen von der Zentrale, den Hauptteil der Lasten müssen vor allem die Kreisverwaltungen und Betriebe übernehmen. Weil neben den Geburtenplanungskommissionen rund 20 andere Behörden direkt oder indirekt an Geburtenplanungsaufgaben beteiligt sind, haben schließlich auch ungelöste Kompetenzprobleme die Ein-Kind-Politik erschwert. Über solche bürokratischen Schwierigkeiten hinaus stellt aber zweifellos die mangelnde soziale Akzeptanz der Ein-Kind-Politik das Hauptproblem der chinesischen Bevölkerungspolitiker dar. Die pronatalistische Tradition der chinesischen Gesellschaft hat weitverbreitete Sabotage-Akte gegen die Ein-Kind-Politik begünstigt. Ehepartner, Eltern und Schwiegereltern dringen in vielen Fällen weiterhin auf die schnelle Geburt eines Sohnes oder verlangen bei dessen Ausbleiben die Scheidung. Dokumentenfälschungen und Übergriffe gegen Geburtenplanungskader, auswärtige Niederkünfte und unterlassene Anmeldungen, fingierte Abtreibungen und Sterilisierungen sowie die Verschleierung ungenehmigter Geburten durch Adaptionspraktiken gehören zu den auch offiziell beklagten Widerstandsakten. Die seit Mitte der 80er Jahre stärker verbreiteten Ultraschallgeräte für gynäkologische Untersuchungen haben pränatale Geschlechtsbestimmungen mit anschließender geschlechtsspezifischer Abtreibung ermöglicht. Dies hat zusammen mit dem lokal immer noch auftretenden Infantizid zu einer stark verzerrten Sexualproportion der Kleinkinder und Säuglinge geführt.
Angesichts solcher Umsetzungsprobleme bleiben Fälschungen und Unterregistrierungen von Geburtenzahlen ein großes Problem. Trotz bis zu sieben verschiedenen Parallelerhebungen hat es die amtliche Statistik nicht vermocht, einen ausreichenden Überblick über die Geburtenentwicklung zu verschaffen. In den 80er Jahren bestanden in den regelmäßigen statistischen Berichten der Geburtenplanungskommissionen Registrierungslücken von 30 bis 40 %, im polizeilichen Meldewesen lagen sie bei 20 bis 30 %. Auch diverse Stichprobenerhebungen müssen mit rund 10 % Erfassungslücken rechnen. Diese Lücken und die Parallelität verschiedener Informationssysteme haben eine Datenkonfusion herbeigeführt, die die Entscheidungsfindung in den politischen Führungsorganen erschwert. Die Geburtenplanung ist damit auf ein klassisches Problem aller Planwirtschaft, den mangelnden oder verzerrten Informationsfluß von unten nach oben, gestoßen.
Chinas Bevölkerung wächst jährlich um 15 Millionen MenschenDennoch existiert eine Reihe von Massenstatistiken, die in größeren Abständen unabhängig vom regulären Berichtswesen der Geburtenplanungs- und Polizeibehörden erhoben wurden und die bei sorgfältiger Auswertung und gegenseitigem Vergleich eine Nachzeichnung demographischer Trends gestatten. Hierzu zählen vor allem die Materialien der 4. chinesischen Volkszählung von 1990 und eine Reihe von Fruchtbarkeitserhebungen, die von verschiedenen chinesischen Behörden und Forschungsinstituten in den 80er und frühen 90er Jahren durchgeführt wurden. Sie haben ein außerordentlich dichtes Datengerüst geschaffen, das differenzierte Aufschlüsselungen und Kontrollrechnungen ermöglicht. Retrospektiv lassen sich anhand dieser Materialien für die chinesische Bevölkerungsentwicklung in den 80er und 90er Jahren folgende Trends feststellen: Trotz der Ein-Kind-Politik ist Chinas Bevölkerung zwischen 1980 und 1993 um durchschnittlich 15 Mio. Menschen pro Jahr gewachsen. Die Gesamtbevölkerung hat in diesem Zeitraum um mehr als 200 Mio. Menschen zugenommen. Dies ist zunächst auf die hohe Basiszahl der Bevölkerung zurückzuführen, die auch bei sinkenden natürlichen Zuwachsraten immer noch eine hohe Bevölkerungsdynamik in absoluten Zahlen erzeugt. Darüber hinaus ist dieser Bevölkerungszuwachs auch auf die oben geschilderten Umsetzungsprobleme zurückzuführen. Erstaunlich niedrig ist weiterhin der Anteil von Erstgeburten an der Gesamtzahl aller Geburten geblieben. Während er nach den Erfolgsberichten der Geburtenplanungskommissionen auf mehr als zwei Drittel angestiegen sein sollte, hat ihn eine nationale Fruchtbarkeitserhebung 1988 bei lediglich 50 % angesiedelt. Dies ist durch den hohen Anteil ungenehmigter Geburten bedingt. Ungenehmigte Geburten sollten nach Aussage der Geburtenplanungskommission in den 80er Jahren auf 15 % aller Geburten zurückgegangen sein, real ist ihr Anteil jedoch im Jahre 1988 auf fast 50 % angestiegen. Die besonders geburtenstarken Provinzen befinden sich zumeist im rückständigen Hinterland bzw. in den nordwestlichen und südwestlichen Minderheitenregionen. Daneben haben aber auch Küstenprovinzen wie Fujian und Guangdong hohe Geburtenzahlen besessen. Als Hauptindikator der Fruchtbarkeit ist in der chinesischen Geburtenplanung die zusammengefaßte Geburtenziffer (totale Fertilitätsrate) verwendet worden. Diese Kennziffer gibt an, wieviele Kinder eine Frau gebären würde, wenn sie während ihres gebärfähigen Alters den gegenwärtig in den verschiedenen Altersstufen herrschenden Fruchtbarkeitsverhältnissen unterworfen sein würde. Während die chinesische Propaganda mit dem Leitbild von einem Kind pro Frau gearbeitet hat, sind die internen Planungen in den 80er Jahren von 1,5 bis 1,7 Kindern pro Frau ausgegangen. Diese Planzahl ist nicht erreicht worden. Statt dessen hat die zusammengefaßte Geburtenziffer bis 1990 bei 2,2 bis 2,3 Kindern pro Frau gelegen. In einzelnen Jahren hat sie sogar den Wert von 2,5 überschritten. Deutlich lassen sich Wellenbewegungen erkennen, die sowohl auf Schwankungen in der Altersstruktur der Bevölkerung als auch auf die wechselnden politischen Rahmenbedingungen zurückzuführen sind. Lediglich verstädterte Regionen wie Beijing, Tianjin, Shanghai und Nordost-China sowie die Provinzen Jiangsu, Zhejiang und Sichuan, die wegen ihrer hohen Bevölkerungsdichte eine Vorreiterrolle bei der Geburtenplanung spielen, bewegen sich innerhalb des angestrebten Rahmens. Im Gefolge der wieder schärferen Ein-Kind-Politik in den 90er Jahren soll die zusammengefaßte Geburtenziffer auf heute 1,7 bis 1,9 Kinder pro Frau zurückgegangen sein und damit ihren historischen Tiefstand für ganz China erreicht haben. Diese Werte bleiben allerdings nach wie vor mit großen Unsicherheiten behaftet und können durch massive Unterzählungen bedingt sein. Bei einer Betrachtung der altersspezifischen Fertilitätsraten zeigt sich, daß das gesunkene Heiratsalter, der hohe Anteil von Frühehen und der gesunkene Prozentsatz von Spätehen sich auch auf die Fertilität übertragen. Nach wie vor erfolgen die meisten Geburten im ersten Jahr nach der Heirat. Die höchsten altersspezifischen Fertilitätsraten finden sich bei den 20- 24jährigen Frauen. Dies ist eine deutliche Verschiebung in jüngere Altersgruppen, waren doch noch 1978 die meisten Geburten bei den 25-29jährigen Frauen erfolgt. Die Verlagerung ist doppelt bedenklich, weil sie den Lebensabschnitt für potentielle Zweitgeburten verlängert und insgesamt zu einer Beschleunigung des Generationenwechsels mit entsprechend höherem Bevölkerungszuwachs führt.
Auf 1.000 Mädchen kommen 1.100 JungenParitätsspezifisch nach den Zahlen für die Geburten verschiedener Ordnung betrachtet, zeigt sich ein klares Stadt-Land-Gefälle. Während die chinesischen Städte das angestrebte Niveau von 1,5 bis 1,7 Kindern pro Frau überwiegend einhalten, ist die zusammengefaßte Geburtenziffer auf dem Land von fast 3,0 im Jahre 1978 auf das immer noch hohe Niveau von rund 2,5 im Jahre 1989 gesunken. In den Städten gingen die Zweitgeburten Anfang der 80er Jahre zunächst dramatisch zurück, um sich danach bei einem Beitrag von ca. 30 % zur Geburtenziffer einzupendeln. Auf dem Land hingegen ist die paritätsspezifische Geburtenziffer für zweite Kinder über die 80er Jahre hinweg kontinuierlich gewachsen. Auch die Geburtenziffer für Geburten dritter und höherer Ordnung blieb 1989 bedenklich hoch. Sie lag dort immer noch bei 0,7. Unter demographischen Gesichtspunkten ist dieser hohe Wert der eigentliche Grund, der einer generellen Freigabe von Zweitgeburten auf dem Land entgegensteht: Bei einem solchen Schritt wäre ein schneller Anstieg der Dritt- und Viertgeburten zu befürchten. Nach internationalen Vergleichszahlen müßte das Geschlechterverhältnis der Neugeborenen zwischen 1.050 und 1.070 Knaben pro 1.000 Mädchen im Alter von 0 bis 1 Jahren liegen. In diesem Rahmen hat es sich auch in China während der 50er und 60er Jahre bewegt. Seit Beginn der Ein-Kind-Politik jedoch ist die Sexualproportion zunehmend abnorm geworden: Sie liegt heute für ganz China bei über 1.100, regional kann sie sogar Werte von über 1.200 erreichen. Auffällig verhalten sich dabei sowohl rückständige Landgebiete mit traditioneller Geschlechtspräferenz als auch diejenigen Regionen, in denen eine besonders strikte Ein-Kind-Politik durchgesetzt worden ist. Künftige Verwerfungen auf dem Heiratsmarkt sind in allen diesen Regionen absehbar. Umgekehrt ist die Sexualproportion dort relativ normal, wo besonders weitgehende Ausnahmegenehmigungen für Zweit- oder Mehrgeburten eingeräumt worden sind. Soziale Indikatoren wie Bildungsstand und Berufszugehörigkeit weisen die erwartete negative Korrelation zum Fruchtbarkeitsniveau auf: Mit steigender Bildung nimmt die Kinderzahl ab, ähnliches gilt für qualifizierte Berufe mit längeren Ausbildungszeiten. Dennoch bleibt das Problem bestehen, daß 75 %der Bevölkerung Bauern sind, die zumeist nur eine Grundschulbildung besitzen. Die wenigen Stichprobenerhebungen zur einkommensspezifischen Fertilität deuten auf eine zweigipflige Häufung von Geburten bei Armen und Reichen hin. Nur in der Mittelgruppe scheint die Fruchtbarkeit abzunehmen. Insgesamt also scheint die sozioökonomische Eigendynamik für einen spontanen Fertilitätsrückgang noch immer so schwach zu sein, daß sich die chinesische Führung nicht auf sie verlassen kann. Eine leichte Entspannung für die chinesische Bevölkerungspolitik zeichnet sich lediglich für das kommende Jahrzehnt ab. Obwohl die Gesamtzahl der Frauen im gebärfähigen Alter von 15 bis 49 Jahren weiter zunehmen wird, ist bis zum Jahre 2005 ein Rückgang bei den besonders gebärfreudigen Kohorten im Alter von 21 bis 29 Jahren zu erwarten. Die demographischen Entwicklungen der 80er und 90er Jahre haben die chinesischen Zukunftsszenarios erheblich verändert. Statt der noch bis 1989 zum Ziel erhobenen 1,2 Mrd. Menschen im Jahre 2000 wird zur Jahrhundertwende eine Gesamtzahl von knapp 1,3 Mrd. erwartet. Für das Jahr 2050 wird statt der 1,07 Mrd. Menschen, die in früheren Hochrechnungen projiziert wurden, eine Zahl von 1,4 bis 1,5 Mrd. zugrunde gelegt. Bei einem höheren Fertilitätsniveau, als dieses die niedrigen Zuwachsraten der 90er Jahre suggerieren, kann die Gesamtbevölkerung im Jahre 2050 auch leicht auf 1,7 Mrd. steigen. Dies sind erschreckende Aussichten, weil damit Chinas reale Bevölkerungszahl mehr als doppelt so hoch wie das von chinesischen Wissenschaftlern anhand ökonomischer und ökologischer Daten empfohlene Optimum von 0,7 Mrd. Menschen ausfallen wird. China wird demgemäß seine Modernisierung und Industrialisierung unter den Bedingungen eines ständigen großen Bevölkerungsüberhanges leisten müssen. Ökologische Probleme wie Landhunger und Übernutzung sowie dadurch ausgelöste Erscheinungen wie Luft- und Wasserverschmutzung, Bodenerosion, Entwaldung und Desertifikation werden unter solchen Verhältnissen mit hoher Wahrscheinlichkeit zunehmen. Schwierig stellt sich auch die Getreideversorgung der Bevölkerung dar. Sollten hier keine durchgreifenden Änderungen im Preis-und Finanzierungssystem für die Getreideproduktion erfolgen oder ein agrotechnischer Durchbruch eintreten, kann leicht eine Stagnation der Pro-Kopf-Versorgung drohen. Dem wäre nur durch eine erhöhte Importtätigkeit mit entsprechenden Belastungen für den Staatshaushalt und Auswirkungen auf die internationalen Getreidemärkte zu begegnen.
Auch die Beschäftigungssituation in China wird unter den geschilderten Rahmenbedingungen äußerst angespannt bleiben. Aus der heutigen Altersstruktur der Bevölkerung läßt sich eine Zunahme des Arbeitskräftepotentials um netto 230 bis 250 Mio. Menschen bis zum Jahre 2030 ableiten. Ausbildung und Arbeitsplätze für diese riesige Zahl an zusätzlichen Erwerbspersonen zu schaffen, wird ein Hauptproblem der chinesischen Wirtschaftspolitik bleiben. Dies zeichnet eine Niedriglohn- und Hochbeschäftigungspolitik vor, die sich in einem ständigen Spannungsverhältnis zu wirtschaftsreformerischen Zielen wie Einkommenserhöhung und Produktivitätssteigerung befindet.
Steigende Zahl von egozentrischen EinzelkindernPositivere Entwicklungen lassen sich lediglich hinsichtlich der Altenlast voraussehen. Angesichts der andauernd hohen Geburtenzahlen werden der wachsenden Menge von alten Menschen nicht so wenige Berufstätige entgegenstehen, wie dieses zu Beginn der Ein-Kind-Politik befürchtet worden war. Für ganz China ergeben die Projektionen einen Anteil von 17 % alter Menschen ab 65 Jahren im Jahre 2040. Das würde ungefähr dem heutigen Zustand in Deutschland entsprechen. Anders sieht die Situation jedoch in denjenigen Städten und Regionen aus, die in den 80er Jahren eine strikte Ein-Kind-Politik durchsetzen konnten. Hier drohen im gleichen Zeitraum Altenanteile von bis zu 40 %. Dies wird gravierende Sozialprobleme aufwerfen, die nur über starke Zuwanderung aus dem Umland mit entsprechenden Belastungen in anderen Bereichen zu lösen sind. Nicht bezifferbar sind schließlich langfristige Folgen der demographischen Entwicklung in anderen Sektoren: Das ständig wachsende Arbeitskräftepotential erzeugt einen ständigen Bedarf an Regulierungsmaßnahmen, die der angestrebten Einführung eines Arbeitsmarktes zuwiderlaufen. Der offene Ausbruch von Massenarbeitslosigkeit bleibt ein Damoklesschwert, das über China hängt und sowohl durch die Wirtschaftsreformen als auch durch demographische Entwicklungen bedingt ist. Eine Einschränkung der Freizügigkeit, ein hohes innenpolitisches Unruhepotential und steigende Kriminalität sind unmittelbare Konsequenzen solcher Verhältnisse. Subtiler sind schließlich die schleichenden Veränderungen, die durch den Wandel der Familienstruktur bewirkt werden. Chinas steigende Zahl von egozentrischen Einzelkindern läuft den gruppen- und gemeinschaftsbezogenen Werten der chinesischen Kultur fundamental zuwider. In ihren eigenen Zwängen gefangen, müssen Chinas Bevölkerungspolitiker schon heute erkennen, daß ihre Gesellschaft, deren Wohlstand durch die Ein-Kind-Politik gefördert werden sollte, künftig nicht mehr die gleiche sein wird. Chinas vielgerühmte soziale Kohäsion nimmt ab. Ebenso gravierend sind die durch Migration ausgelösten Veränderungen der inneren Struktur Chinas. Die Entkollektivierung der Landwirtschaft und die schrittweise Liberalisierung vieler melderechtlicher, arbeits- und wohnungspolitischer Bestimmungen haben größere Wanderungsbewegungen in die boomenden Küstenregionen sowie eine erhebliche Landflucht ausgelöst. Während Zuzüge vom Land in die Stadt, die nach offiziell genehmigter Änderung des Wohnsitzes erfolgten, in der zweiten Hälfte der 80er Jahre mit insgesamt 16-17 Mio. Fällen für chinesische Verhältnisse noch begrenzt geblieben sind, ist die Wanderbevölkerung ohne offiziellen Wohnsitzwechsel auf 80-100 Mio. Menschen angewachsen. Ein Ende der Lawine ist nicht in Sicht. Nach dem Willen der chinesischen Regierung soll die Migration weiter gelenkt bleiben und überwiegend in kleinere Marktstädte erfolgen. Doch trotz entsprechender Maßnahmen geraten auch die chinesischen Großstädte immer mehr in den Sog der Massenwanderung. Viele Millionenstädte besitzen heute bereits reale Migrantenanteile von 15-20 % der Bevölkerung, unter besonderen Bedingungen können sie sogar auf über 50 % ansteigen. In der überwältigenden Mehrzahl der Fälle stellen ländliche Beschäftigungsprobleme, das Einkommensgefälle zwischen Stadt und Land sowie die Suche nach neuen Erwerbsmöglichkeiten den Hauptmigrationsgrund dar, daneben spielt auch der Nachzug von Ehepartnern und Familienangehörigen eine größere Rolle. In den Hintergrund getreten sind dagegen offizielle Dienstversetzungen und Arbeitsplatzzuteilungen, die für die starren Reglements des alten Systems so typisch waren. Der Segen der neuen Freizügigkeit bleibt allerdings zweigeteilt: Als kleine Händler und Gewerbetreibende haben die Migranten das Versorgungsangebot und den Dienstleistungssektor in den Städten deutlich belebt. Als Zeitarbeiter haben sie ein großes Reservoir an billigen Arbeitskräften geschaffen und viel zum chinesischen Wirtschaftsboom beigetragen. Ihre persönlichen Einkommen sind im Vergleich zu den früher auf dem Land erzielbaren Einkünften deutlich gestiegen. Und die Zuwanderer haben eine neue Flexibilität und Mobilität in die früher so erstarrten Strukturen der chinesischen Gesellschaft getragen.
Gastarbeiter kommen aus den Dörfern des eigenen LandesSolchen Aktivposten stehen auf der anderen Seite wachsende Infrastrukturprobleme der Städte gegenüber. Vor allem aber ruft die Migration einen schweren Interessenkonflikt in der chinesischen Gesellschaft hervor: Während die städtische Bevölkerung an kontinuierlichen Einkommenssteigerungen und einer Verbesserung ihres Lebensstandards interessiert ist, drücken die Zuwanderer die Löhne, treiben die Preise hoch und erhöhen die Unsicherheit in den Städten. Vor allem aber streben sie eine Legalisierung ihres offiziell nur "provisorischen" städtischen Wohnsitzes an. Ohne solch eine Legalisierung entsteht in Chinas früher so homogenen Städten eine Unterschicht, der Sozialleistungen und normale Wohnverhältnisse, ein Familienleben und Ausbildungsmöglichkeiten verweigert werden. Umgekehrt drohen die Lasten der chinesischen Städte bei einer Legalisierung der Zuwanderung nicht mehr zu bewältigen zu sein. Die grundsätzlichen strukturellen Probleme erinnern dabei in vieler Hinsicht an aus Europa vertraute Gastarbeiterprobleme - nur kommen Chinas Gastarbeiter aus den Dörfern des eigenen Landes, in Zahlen, die bald über der 100-Millionen-Grenze liegen werden. Die Dramatik dieser Bevölkerungsprobleme läßt sich erahnen, wenn einige chinesische Provinzen mittlerweile zu Abschiebeaktionen, Bahnkontrollen und Arbeitsplatzprotektionismus greifen, um der Migration Herr zu werden. Das gilt naturgemäß in erster Linie für die attraktiven Küstenregionen mit hohem Wohlstandsgefälle zum Hinterland. Neben ihnen spielen auch Minderheitengebiete und Neulandregionen an der chinesischen Peripherie eine besondere Rolle in der Migrationsproblematik. Ein klassisches Beispiel hierfür bietet die Mandschurei im Nordosten Chinas, die als historisches Stammland von Chinas letzter mandschurischer Fremddynastie lange Zeit für die chinesische Siedlungstätigkeit gesperrt war, bis sie Ende des 19. Jahrhunderts zum Zankapfel zwischen China, Japan und Rußland wurde und sich zum Hauptzielgebiet von interregionalen Wanderungsströmen aus dem chinesischen Kernland entwickelte. Als Resultat der chinesischen Zuwanderungen werden die Neulandreserven dieses einstmals dünn besiedelten Gebietes in absehbarer Zeit erschöpft sein. Die ethnische Zusammensetzung der Region hat sich heute stark verschoben. Chinesen stellen rund 90 % der Bevölkerung. Trotzdem sind im letzten Jahrzehnt auch die Minderheitenzahlen in dieser Region wieder stark angewachsen. Dieser Vorgang zeugt jedoch weniger von einer Renaissance der tungusischen Urbevölkerung als von massenhaften Umdeklarierungen der Volkszugehörigkeit. Sie werden von weitgehend sinisierten Mischlingen vorgenommen, die in den Genuß von Präferenzregelungen für nationale Minderheiten kommen wollen. Hierzu zählen neben den finanziellen Subventionen für Minderheitengebiete die teilweise Vorzugsbehandlung bei Schulbesuch und Arbeitsplatzbeschaffung und vor allem die Ausnahmegenehmigungen für Angehörige der Minderheiten, die ein zusätzliches Kind wünschen. Während die ethnischen Auseinandersetzungen der Vergangenheit durch solche Regelungen in mancher Hinsicht entschärft werden konnten, erscheinen jedoch am Horizont die Konturen eines neuen und gleichzeitig alten Konflikts: Auf bis zu 2 Millionen Menschen wird die Zahl der Chinesen geschätzt, die seit Beginn der 80er Jahre nach Sibirien und in den russischen Fernen Osten eingewandert sind und in Zukunft zu Rußlands zweitstärkster Minderheit werden könnten. Das russische Stirnrunzeln hat mittlerweile Diskussionen um Gegenmaßnahmen wie neue Kosackenansiedlungen oder Landverpachtungen an japanische Geschäftsleute zur Sicherung der Amur-Grenze ausgelöst. Es ist nur ein kleines Beispiel der vielfältigen Auswirkungen, die Chinas Bevölkerungsprobleme in einer immer stärker verflochtenen Welt besitzen und die neben solch klassischen Konfliktfeldern der Außenpolitik vor allem das weltwirtschaftliche und ökologische Gebiet betreffen. Daß sie bewältigt werden, muß daher auch im Interesse der ganzen Welt liegen.
Anmerkungen
1 Scharping, Thomas, und Heuser, Robert, ed., Geburtenplanung
in China, Analysen, Daten, Dokumente, Hamburg 1995.
Prof. Dr. Th. Scharping
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