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Universität zu Köln
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Dietrich Neumann
Fischökologische Probleme des Rheins und seiner AuengewässerDer Rheinstrom ist im niederrheinischen Tieflandgebiet während der letzten 180 Jahre wasserbaulich tiefgreifend umgestaltet worden, durch Flußbegradigungen, Uferbefestigungen und die Einengung der ehemaligen Überschwemmungsgebiete auf eine relativ schmale Zone zwischen den Hochwasserdeichen. Der Strom erfüllt drei wirtschaftlich wichtige, hinsichtlich der Wasserqualität gegenläufige Funktionen: internationale Wasserstraße für die Binnenschifffahrt, Entnahmestelle zur Trink- und Brauchwassergewinnung für Millionen von Menschen und deren Industrien, Vorfluter (Abflußkanal) für alle kommunalen und industriellen Abwässer. Die fischereiliche Nutzung wurde bereits seit dem Ende des letzten Jahrhunderts beeinträchtigt, als der vom Meer zu den Süßwasser-Laichplätzen zurückwandernde Lachs seltener wurde. Seit den dreißiger Jahren ist die Lachspopulation des Rheins ausgestorben.Die direkten und unkontrollierten Abwasserbelastungen des Rheins stiegen gegen Ende der sechziger Jahre derart an, daß die Trinkwassergewinnung durch Sauerstoffmangel und begleitende chemische Mißstände (z.B. Schwermetallbelastungen) akut gefährdet war. Deutliches ökologisches Indiz hierfür waren Fischsterben und die katastrophale Verödung der gesamten natürlichen Lebensgemeinschaft des Rheins mit Algen, Wasserinsekten, Krebsen, Muscheln, Fischen und Wasservögeln. 1965 wurde eine Arbeitsgemeinschaft der anliegenden Bundesländer für die Reinhaltung des Rheins gegründet, erst dann wurden allerorten leistungsfähige Kläranlagen installiert. Seit Mitte der siebziger Jahre verbesserten sich daher die Sauerstoffkonzentrationen wieder deutlich. Auch die Phosphat- und weiteren chemischen Belastungen nahmen dann in den achtziger Jahren ab. Die biologische Lebensgemeinschaft begann sich im Rhein langsam zu erholen [1]. Zahlreiche ökologische Probleme harren aber nach wie vor einer intensiveren Bearbeitung, in der Kombination von Freilanduntersuchungen und ökophysiologischen sowie toxikologischen Laboratoriumsexperimenten [2].
Sandoz-Unfall führte zu Beschluß der BundesregierungEin extremer Chemie-Unfall am 1. November 1986 bei der Firma Sandoz in Basel, bei dem im Rhein durch eine Biozid-Schadstoffwelle ein Fischsterben über eine Strecke von 400 km ausgelöst wurde, machte dramatisch anschaulich, daß nach wie vor nicht nur die Tierwelt des Stroms gefährdet war, sondern auch seine Trinkwasserqualität. Ein verbessertes chemisches und ökologisches Beobachtungs-und Überwachungssystem wurde gefordert (Beschluß der Bundesregierung vom 3. Dezember 1986). Wenig später entschieden die für den Gewässerschutz zuständigen Minister der Rheinanliegerstaaten, das Rheinökosystem langfristig sogar so zu verbessern, daß auch früher vorhandene Fischarten wie der Lachs im Rhein wieder heimisch werden könnten (Aktionsprogramm Rhein "Lachs 2000"). Der Lachs darf als eine kritische und besonders repräsentative Indikator-Art für ein insgesamt wiederhergestelltes und wenig durch Abwässer belastetes Flußökosystem gelten. Was wissen wir heute über die Fischfauna des Niederrheins, nicht nur über das Schicksal der in den letzten Jahren ausgesetzten Junglachse, sondern vor allem über die Vielzahl seiner Flußfischarten? Hierzu sind nicht nur Bestandsaufnahmen durch Landesumweltamt und Fischereigenossenschaft gefragt, sondern genauere praxisorientierte ökologische Grundlagenforschungen. Hierbei gilt es genauere Kenntnisse über Laichplätze, Jungfischaufkommen, Populationsentwicklung und Verhalten der verschiedenen Arten in diesem durch die Kanalisierung völlig veränderten Flußökosystem zu sammeln und ein modernes ökologisches Konzept für die fischökologische Rehabilitation des Rheins und gleichartiger Flußsysteme zu entwickeln, ohne dabei die wirtschaftlichen Funktionen des Stroms in Frage zu stellen. Regelmäßige Befischungen zeigten: die für den Rhein typischen Fischarten kehrten Ende der siebziger Jahre aus den weniger belasteten Neben- und Randgewässern in den Fluß zurück. 1980 konnten am unteren Niederrhein im Bereich der Außenstelle der Universität (Abb. 1) bereits 28 von ursprünglich 42 vorhandenen Arten wieder nachgewiesen werden; hinzu kamen drei weitere Neozoen-Arten [3]. Seitdem erfolgten weitere Kontrollbefischungen [4]. Ausgeklammert blieben dabei jedoch immer wieder die beiden folgenden Fragen: welche Reproduktionsmöglichkeiten finden heutigentags die mehr als 30 Fischarten längs der künstlich befestigten Rheinufer und welche Bedingungen sind für ein reiches Jungfischaufkommen günstig, wenn nicht gar essentiell? Diese ökologischen Probleme werden seit 1991 an der Außenstelle Grietherbusch mit finanzieller Unterstützung des Ministeriums für Umwelt, Raumordnung und Landwirtschaft des Landes NRW sowie der Rheinfischereigenossenschaft des Landes bearbeitet. Der Standort Rees ist für eine Bearbeitung der Probleme besonders dadurch geeignet, daß hier noch eine breite Auenlandschaft mit Altarmen, den natürlich entstandenen Stillgewässern einer Flußaue, erhalten blieb (Abb. 1). Darüber hinaus entstanden in diesem Gebiet eine Reihe von Abgrabungsseen, die wenigstens zum Teil mit dem Rheinstrom in Verbindung stehen. Hier kann also unter teils naturnahen, teils künstlich geschaffenen Verhältnissen vergleichend untersucht werden, welche ökologische Funktion Stillwasserbiotope der Aue im Vergleich zu den Rheinufern für das Jungfischaufkommen der Flußarten haben.
Altarme bildeten eine Art BeipaßZum Verständnis des ursprünglichen Nebeneinanders von Fließ- und Stillwasserbiotopen in einer Flußaue sei kurz auf die geomorphologische Entstehungsgeschichte der niederrheinischen Aue hingewiesen. Dieses Tiefland ist seit dem Ende der letzten Eiszeit vor etwa 10.000 Jahren entscheidend durch den wechselnden Verlauf des mäandrierenden Rheinstroms gestaltet worden. Flußschotter und -sande, die durch Materialabtragung an Prallhängen und Materialablagerung an Gleithängen stromabwärts verlagert wurden, bedingten den wechselnden Flußverlauf. Bei Hochwässern ergaben sich nicht nur weitflächige Überschwemmungen und eine verstärkte Ausweitung der Mäander, sondern dann und wann trat auch eine Neubildung und weiträumige Verlagerung der Strömungsrinnen auf. Mäanderbögen wurden hierbei vom Hauptstrom abgeschnitten und entwickelten sich dann im Verlauf von Jahrhunderten zu allmählich verlandenden Altarmen. Die Altarme standen zunächst so wie ein Beipaß ständig mit dem Fluß in Verbindung. Später nach Versandung der Zu-und Abflüsse blieben die Altarme inmitten der kilometerweiten Auengebiete liegen. Sie wurden dann nur noch bei Hochwässern geflutet. Mit dem Einsetzen einer starken Röhrichtbildung längs ihrer Ufer setzte schließlich eine biologische Verlandung mit Faulschlammbildung ein. In historischer Zeit entwickelten sich die Altarme letztendlich zu Grünland. Zeugnisse dieser Sukzession lassen sich auf beiden Seiten des Rheinkanals bis weit hinter die heutigen Deichbauten verfolgen. Der entscheidende Unterschied zu früheren Jahrhunderten besteht heute darin, daß der Rheinstrom kanalisiert wurde, daß die Altarme sich nicht mehr neubilden und daß auch in den bei der Flußbegradigung des Rheins zuletzt entstandenen Altarmen die Anbindungen an den Strom inzwischen zulanden. Die Rheinaue nördlich der Stadt Rees hat eine Breite von nahezu 4 km und besitzt zwei Altarme (Abb. 1). Ein Querschnitt durch die heutige, landwirtschaftlich genutzte Landschaft im Vordeichgebiet läßt aber erkennen (Abb. 2), daß das Rheinbett infolge der kanalisierten starken Strömung gegenüber dem Auenumland deutlich eingetieft wurde (im Raum Rees allein seit 1935 um etwa 150 cm). Die Folge ist, daß die beiden Altarme heute quasi terrassenartig gegenüber dem Rheinstrom erhöht liegen und daß ihre Anbindungen an den Strom schneller als in früheren Jahrhunderten verloren gegangen sein dürften, zumal am Auslauf des Grietherorter Altrheins zusätzlich ein Damm eingezogen wurde. Die einstigen Fischwanderungen zwischen Hauptstrom und den Altarmen sind daher in diesem Gebiet heute stark beeinträchtigt. Eine erneute künstliche Öffnung der Altarme würde keine Abhilfe schaffen. Im Gegenteil, die Altarme würden dann bei mittleren Rheinwasserständen trocken laufen, Röhricht-und Faunenbestände würden in kurzer Zeit verloren gehen, und damit ein gesamtstaatlich besonders wertvoll eingestuftes Naturschutzgebiet.
In Baggerseen 300 mal mehr Zooplankton als im RheinEs ist jedoch ein neuer, künstlicher Stillwasserbiotop in der Flußlandschaft hinzugekommen, und zwar infolge der Abgrabung von Kiesen und Sanden: die Baggerseen an beiden Seiten des Rheinkanals (Abb. 1). Sie können bis zu 40 ha groß sein und haben eine beachtliche Tiefe, die bis weit unter die Sohle des Rheinbetts reicht. Einige stehen über eine tiefe Rinne mit dem Rheinstrom ständig in Verbindung (Abb. 3), da während der Abgrabung über diese das Baggergut per Schiff abtransportiert wurde. Unsere fischökologischen Untersuchungen im Umkreis der Altarme und des Rheins konzentrierten sich zunächst auf diese stromangebundenen Baggerseen. Infolge ihrer Anbindung an den Rhein machen diese Stillgewässer alle Wasserstandsschwankungen des Rheinstroms mit (in den Extremen ca. 9 m). Sie werden dabei fortlaufend mit den relativ hohen, für die Stärke des Algenwachstums ausschlaggebenden Phosphat- und Nitratkonzentrationen des Rheinwassers "gedüngt". Wegen der langen Aufenthaltszeit des Flußwassers in den Baggerseen entsteht dann in diesem Biotop eine hohe Produktion von Algen, und damit auch von Zooplankton (vorwiegend algenfressende und räuberische Kleinkrebse: Cladoceren, Copepoden). In einem Untersuchungsjahr (1990) war das Zooplankton dort im Sommer zeitweise um den Faktor 300 häufiger als im Rhein, und dieses, wie wir heute wissen, trotz eines erheblichen Fraßdruckes durch eine reiche Fischfauna. Auch im Winter war das Zooplankton noch 100fach stärker als im Rheinstrom. Es war daher zu erwarten, daß dieses reiche Nahrungsangebot und die Ruhigwasserbedingungen beste Voraussetzungen für ein hohes Jungfischaufkommen sein könnten. Die aktuelle Frage war jedoch, in welchem Ausmaß dieser künstliche Biotop von den Flußfischen tatsächlich angenommen und genutzt wird. Methodisch wurde das Problem zunächst mit Schubnetzen (vom motorgetriebenen Flachboot aus bedient), dann mit 10 m langen Uferzugnetzen (von 2 Personen bedient, Maschenweiten 1 mm und 4 mm) angegangen. Wenige Tage bis mehrere Wochen alte Jungfische konnten auf diese Weise in großer Zahl gefangen und taxonomisch - mit Hilfe von Aufzuchten in der Aquarienanlage der Außenstelle - genau bestimmt werden. Von besonderem Interesse war dabei, ob in dem Stillwasser der rheinangebundenen Baggerseen nur die Larven von strömungsindifferenten Arten vorkommen oder ob sich dort auch rheophile Arten nachweisen lassen, also typische Flußfischarten, die in der Regel strömendes Wasser bevorzugen. Eine Ergebnisübersicht vermittelt Abb. 4. Danach waren insgesamt 15 Arten mit hinreichender oder sogar hoher Anzahl in den Netzfängen enthalten, so daß keine Zweifel aufkommen konnten, daß diese Arten im näheren Umkreis des Niederrheins eine bestandserhaltende Reproduktion erreichten und nicht aus weiter abgelegenen Nebenflüssen zugewandert waren. Eindeutige Laich-Nachweise gelangen bei mehreren Arten an künstlich ausgelegten Laichsubstraten. Vermutlich waren aber nicht alle 15 Arten auch zum Laichen in die Baggerseen gewandert. Fischlarven können mit der Strömung über kürzere Strecken, ohne Schaden zu nehmen, verdriften und dann wenigstens teilweise infolge ihrer Orientierung zum Ufer hin in diese Stillwasserbereiche abgedrängt werden. Wichtig ist, daß sie die dort bestehenden günstigen Nahrungsbedingungen nutzen und heranwachsen können.
Stillwasserbereiche: optimal für JungfischeDie Ergebnisse wurden 1993 und 1994 im wesentlichen bestätigt, auch wenn sich von Jahr zu Jahr Verschiebungen in den relativen Häufigkeiten einiger Arten zeigten. Drei Schlußfolgerungen sind für die Praxis einer Rehabilitation der Fischfauna in einem kanalisierten Fluß besonders wichtig: (1.) Die Baggerseen haben nicht nur ein Jungfischaufkommen von den strömungsindifferenten Arten, sondern auch von ausgesprochen rheophilen Arten (1992 vor allem von Hasel und Aland). (2.) Die Frequenz der Fänge (Abb. 4) und die pro Fang nachgewiesenen absoluten Häufigkeiten der Arten (ohne Abb.) waren in der Regel in den Baggerseen erheblich größer als bei Fängen längs des Rheinstroms. Entscheidend dürfte dafür sein, daß die Stillwasserbiotope mit ihrem hohen Planktonaufkommen die optimalen Bedingungen bieten, und nicht die Uferzonen des heutigen Rheinkanals. Die Jungfische haben daher in den Seen höhere Überlebens- und bessere Wachstumschancen. (3.) Diejenigen Fischarten, die im Pflanzengürtel von stillen Randgewässern laichen und aufwachsen, wie die fischereilich interessanten Arten Hecht und Karpfen, fehlten nahezu vollständig, da die rheinangebundenen Baggerseen alle Wasserstandsschwankungen des Stroms mitmachen und ein für das Laichen dieser limnophilen Arten essentieller Pflanzengürtel sich dort nicht ansiedeln kann. Allerdings gibt es im Niederrhein rheophile Fischarten, wie Barbe und Nase, die in der Regel nur auf überströmtem Kiesgrund laichen und deren Jungfische bevorzugt in den flachen Uferbereichen des Stroms aufwachsen. Deswegen stellt sich die wasserbautechnische Frage, ob die Ufergestaltung des Rheinkanals zukünftig über weite Strecken derart monoton mit steilen, für Jungfische ungeeigneten Steinschüttungen gestaltet bleiben muß. Günstig wäre, die Ufer in weit größerem Umfang als bisher mit eingeschobenen Kiesbänken, kleinen Buchten oder abgetrennten Kleinwasserflächen auf dem Deichvorland zu strukturieren, ohne damit die Schiffahrtsrinne zu beeinträchtigen. Dieses würde zumindest in Jahren mit höheren Wasserständen während des Frühjahrs die ökologischen Ansprüche von rheophilen Fischarten besser erfüllen. Aufgrund unserer Untersuchungen können konkrete Planungsempfehlungen für eine angemessene Umgestaltung der Rheinufer nach fischökologischen Gesichtspunkten gemacht werden (vgl. Beitrag im Gewässergütebericht 1995 des Landesumweltamts NRW). Ein Einblick in die Adultfischbestände, vor allem aber in deren Verhaltensanpassungen, ergab sich an den Baggerseen mit Hilfe von Echolotaufzeichnungen. Hiermit (Abb. 5 und 6) lassen sich einzelne Fische, Gruppen von Fischen und große Fischschwärme lokalisieren. Rechnerunterstützte Auszählungen ergeben dann konkrete Zahlen über lokale Fischdichten und über Gesamtfischbestände in den Seen, und dieses in Abhängigkeit von Tageszeit, Jahreszeit und Hochwasserereignissen im Rheinstrom [6]. Die Echos repräsentieren bei entsprechender Einstellung von Senderintensität und Empfängerempfindlichkeit Fische ab einer Größe von etwa 7 cm. Aufgrund der mit der Wassertiefe zunehmenden Weite des Meßstrahls können anhand der Echosignale allerdings nicht absolute Fischgrößen und auch nicht die Artenzugehörigkeit ermittelt werden. Letzteres gelingt nur mit Stellnetzen, die in die entsprechenden Wassertiefen eingebracht werden, so daß dann punktuell festgestellt werden konnte, welche Arten sich zu der betreffenden Zeit und in den betreffenden Wassertiefen aufhielten.
Fische lösen sich erst nachts aus dem SchwarmInteressant für den Biologen und beachtenswert für den Praktiker (der tagsüber die Fischbestände eines solchen rheinangebundenen Baggersees zu kontrollieren und zu bewerten hat): es gibt einen drastischen und ökosystembiologisch bedeutsamen tagesperiodischen Verhaltenswechsel der Fische (Abb. 5). Im Sommer ist bei Tag der Wasserkörper scheinbar nahezu fischfrei, da sich die Tiere zu dieser Zeit in wenigen großen, schwer zu findenden Schwärmen vereinigen. Es dürfte dieses eine Schutzanpassung gegenüber Raubfischen und tauchenden Wasservögeln sein. Erst bei Nacht lösen sich die Schwärme wieder auf, die Tiere verteilen sich dann gleichmäßig über den oberen planktonreichen Wasserkörper. Daraus kann man auf dem Echogramm die Fischbestände genau ermitteln. Der Fraßdruck durch die Fische auf das Plankton ist also auf diese Weise tageszeitlich begrenzt, mit der Konsequenz für das Ökosystem, daß die algenfressenden Zooplankter bei Tag relativ ungestört filtrieren und wachsen können; bei ihrer kurzen Generationsdauer von 1-2 Wochen begünstigt dieses ihre Produktivität im System. Damit erreicht aber auch das Nahrungsangebot für die Fische, über einen längeren Zeitraum gesehen, eine stabilisiertere und aufs Jahr gesehen höhere Biomasse. Insgesamt wird die Produktivität des Gesamtsystems durch diese tagesrhythmische Anpassung gesteigert. Bei den Echolotmessungen ließen sich aufschlußreiche Ausnahmesituationen entdecken: bei steigendem Hochwasser im Rhein wurden deutlich höhere Fischdichten in den Baggerseen vorgefunden (Abb. 6). Hierbei waren die Fische auch während der hellen Tageszeit gleichmäßig und in großen Schwärmen über den gesamten Wasserkörper verteilt. Offensichtlich gibt es gezielte Wanderungen zwischen Rheinstrom und Stillwassergebieten, indem viele Flußfische bei zu starker Strömung und Turbulenz den Fluß verlassen und Stillwasserzonen bevorzugen. Bei abklingenden Wasserständen und wieder verminderter Wasserfracht des Rheinstroms stellten sich wieder die geringeren Dichten und der oben beschriebene Tag-Nacht-Wechsel des Verhaltens ein. In den Wintermonaten fanden sich auch größere Ansammlungen in der Tiefe der Baggerseen, wenn die sommerliche Temperaturschichtung des Wasserkörpers aufgelöst war und sauerstoffreiches Oberflächenwasser bis in die Tiefe zirkulierte.
Baggerseen sind wichtige ErsatzbiotopeDie Untersuchungen machen darauf aufmerksam: der natürliche Lebensraum der Fischarten eines Stroms erfordert strömungsreiche und strömungsarme Bereiche. Die rheinangebundenen Baggerseen können daher heute die fischökologische Funktion der Stillgewässer der ehemaligen Auenlandschaft wenigstens teilweise übernehmen, indem sie je nach Jahreszeit als Laichplatz und Abwachsstätte der Jungfische, als Nahrungsplatz während der sommerlichen Hauptwachstumsperiode, als Schutzzone bei Hochwasserwellen im Hauptstrom und als Überwinterungsplatz dienen. Ihre große Tiefe, also ihr großes Wasservolumen, hat dabei eine zusätzliche vorteilhafte Bedeutung. Da die Altrheinarme wegen ihrer relativ höheren Lage zum Rheinbett nur bei höheren Wasserständen (Grietherorter Altrhein oberhalb des Mittelwassers, Bienener Altrhein nur bei extremen Hochwasserereignissen) mit dem Rhein verbunden sind (vgl. Abb. 2), haben diese flußangebundenen Abgrabungsseen einen wichtigen Ersatzbiotop-Charakter. Daraus ergibt sich in der Landschaftsplanung eine neue Zielsetzung: statt Wiederverfüllung der Abgrabungsseen ist eine Beihaltung von Restflächen dieser Auskiesungsflächen als fischökologisch wichtige Stillwasserbiotope gefragt. Eine für die Fischfauna günstige Ufergestaltung (Uferabflachung, Weidenanpflanzungen u.a.)wäre dabei zusätzlich empfehlenswert. Weitere Untersuchungen haben das Verhalten der Altfische in den noch bestehenden Verbindungsstrecken zwischen dem Rhein und den Altarmen bei Rees zum Ziel. Dazu wurden Fischreusen so aufgestellt, daß bei täglicher Fangkontrolle die Zu- und Abwanderungen festgestellt werden konnten. Wenn dann beispielsweise im Frühsommer die laichbereiten, kiloschweren Brachsen in diese ruhigen Nebengewässer hineindrängen und sich in den Reusen verfangen, ist auch für Biologen einmal wirklich Muskelkraft gefragt (Abb. 7). Die Tiere - sie werden alle wieder freigelassen - werden vermessen, um zum einen Hinweise auf die Alterszusammensetzung der Population zu gewinnen. Zum anderen werden die Tiere mit einem blauen Farbstoff im Unterhautgewebe lokal markiert, um dann, bei möglichen Wiederfängen zu einem späteren Zeitpunkt, aus dem Verhältnis von unmarkierten und markierten Individuen im Gesamtfang konkrete Anhaltspunkte über Populationsgrößen (sogen. Fang-Wiederfang-Methode) oder über Ausbreitungstendenzen der Art zu erhalten. Diese Untersuchungen befinden sich derzeit noch in der Auswertung. Auf erste Ergebnisse sei kurz hingewiesen. Beim Güster, einer mittelgroßen Weißfischart, setzte 1995 das Reproduktionsverhalten im Grietherorter Altrhein erst dann ein, als infolge starker Regenfälle der Wasserstand in Rhein und Altarm steil anstieg und die Tiere in einen etwas höhergelegenen, makrophytenreichen Seitenstrang einwandern konnten (Abb. 8). Daraus ergeben sich erste Hinweise, welche Umweltbedingungen bei dieser Art den Beginn der Laichzeit kontrollieren. Beim Brachsen, der bereits erwähnten Weißfischart mit beachtlich höherer Endgröße, konnte am Bienener Altrhein zusammen mit dem Hochwasserabfluß eine Abwanderung des einjährigen Jahrgangs festgestellt werden. Dieser Befund ist deshalb so interessant, weil in der Alterszusammensetzung der Bienener Altrheinpopulation des Brachsen vermutlich regelmäßig eine markante Lücke klafft (Abb. 9). Die 2 bis etwa 4-jährigen Tiere sind unterrepräsentiert. Wir möchten gerne wissen, ob diese Störung der Altersverteilung daran liegt, daß diese Jahrgänge einem stärkeren Räuberdruck ausgesetzt sind, oder ob vielmehr ein vorübergehender Habitatwechsel zum normalen Verhaltensrepertoir und Lebenszyklus dieser Art gehört: Abwanderung der Einjährigen in den Fluß, um dort die günstigen Ernährungsbedingungen durch am Flußgrund lebende Kleintiere (Köcherfliegenlarven, Kleinkrebse, Weichtiere u.a.) zu nutzen, und Rückwanderung in die Stillwasserbereiche mit den für diese Art adäquaten Laichsubstraten (Makrophyten) und optimalem Planktonangebot für die Fischlarven. Die Fortsetzung der Fischfänge über mehrere aufeinanderfolgende Jahre kann es allein möglich machen, die Zusammenhänge zwischen Reproduktionserfolg, Mortalitäten, Habitatwechsel und Populationsdynamik aufzuklären. Allgemein machen auch diese Fallstudien an einzelnen Arten deutlich, daß für eine artenreiche und produktive Fischbiozönose des Rheins eine Vernetzung mit Biotopstrukturen und Nahrungsspektren in den Stillgewässern der Aue wichtig ist. Ufergestaltende Maßnahmen längs des Rheins, die Erhaltung der rheinangebundenen Baggerseen als Ersatzbiotope, aber auch die Pflege von makrophytenreichen Auengewässern (ohne starke Wasserstandsschwankungen) werden die zukünftigen Aufgaben sein, um das umweltpolitische Ziel der Rheinanliegerstaaten tatsächlich zu erreichen. Diese Empfehlungen sollten jedoch am Niederrhein nicht als Argument für eine generelle Befürwortung jeglicher zukünftiger Abgrabungen ausgenutzt werden, denn Abgrabungen können in den Bereichen der ehemaligen Aue die Grundwasserverhältnisse von erhaltenswerten Feuchtgebieten gefährden. Die Empfehlungen beziehen sich daher in erster Linie auf die ökologisch sinnvolle Folgenutzung der bereits bestehenden Abgrabungsflächen.
Lachsbrut aus Irland importiertZuletzt sei auf das Problem einer möglichen Wiedereinbürgerung des Lachses eingegangen. In den Nebenflüssen wurden einige für die Fische unpassierbare Staustufen durch Blocksteinrampen oder Fischtreppen durchgängig gemacht. Es wurde dann in den letzten Jahren von der Landesanstalt für Fischerei NRW Lachsbrut vornehmlich aus irischen Freilandpopulationen importiert, aufgezogen und dann in Nebenflüssen wie z.B. Sieg und Bröl ausgesetzt (insgesamt einige hunderttausend Junglachse). Einige dieser Tiere sind im Verlauf von 1-2 Jahren dort herangewachsen, ins Meer abgewandert und nach weiteren 1-2 Jahren vereinzelt zurückgekehrt, was durch markierte Ab- und Rückwanderer sicher bestätigt werden konnte. Dieses zeigt eindeutig, daß die Wasserqualität der fließenden Welle von Rhein und Nebenflüssen nicht die begrenzende Bedingung für eine neu zu etablierende, sich selbst reproduzierende Lachspopulation darstellt. Auch wurden bereits Laichgruben durch die Landesanstalt und durch Fischereivereine in Zusammenarbeit mit einem lachskundigen Mitarbeiter des Zoologischen Instituts Köln entdeckt. Dennoch, eine besonders kritische Bedingung dürfte in dem ökologischen Zustand des Kiesbetts dieser Flußabschnitte rund um die Laichplätze liegen, wo sich in 20- 40 cm Tiefe die entwickelnden Eier und dann die Dottersacklarven (Abb. 10) insgesamt 4-5 Monate aufhalten. Von natürlichen Lachslaichplätzen am Rande der süd-französischen Pyrenäen wurde bekannt, daß der Entwicklungserfolg von Forellen- und vermutlich auch von Lachseiern schon dann sehr gering sein kann, wenn die Flüsse saprobisch sehr gering belastet sind und im Sedimentlückensystem zu starke Zehrungsprozesse mit Sauerstoffmangel auftreten [8]. Bei der relativ hohen Nitratbelastung mitteleuropäischer Flüsse und deren Grundwasserzufluß aus intensiv genutzten Landwirtschaftsflächen könnten bei Sauerstoffmangel zusätzlich die für viele Fische toxischen Nitritionen freiwerden und die Salmonidenbrut zusätzlich gefährden. In einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützten Projekt werden daher in dem Kiesbett von potentiellen Lachslaichplätzen an Sieg, Bröl und Nette sowohl die chemischen Bedingungen als auch der Entwicklungsverlauf von Salmonideneiern verfolgt. Dabei zeigte sich bisher: die Kiesbetten waren an solchen Stellen trotz starker Strömung durch Feinmaterial stark verdichtet; sie können sich selbst nach Ausschwämmen des Feinmaterials (so wie es sich ereignen würde, wenn sich ein Lachsweibchen die Laichgrube freischlägt) innerhalb weniger Wochen wieder zusetzen; zugleich waren die für die Entwicklung notwendigen Sauerstoffwerte unterschritten. Es ist derzeit ein offenes Problem, ob in Nebenflußabschnitten des Rheins noch genügend Standorte mit geeignetem Sedimentlückensystem und reichem Sauerstoffangebot im Kiesbett vorhanden sind, oder ob derartige potentielle Stellen erst "saniert" werden müßten, um den zurückkehrenden Lachsen den Startpunkt für eine sich selbständig vergrößernde Population im Rhein und seinem Einzugsgebiet zu bieten.
Literatur
[1] Kinzelbach, R., G. Friedrich (Hrg.), 1990: Biologie des Rheins.
Limnologie aktuell, Bd. 1, 496 S., G. Fischer Verlag, Stuttgart
- New York.
Prof. Dr. D. Neumann
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