Prof. Dr. Thomas Geider †
29.4.1953 – 15.10.2010
Das Institut für Afrikanistik beklagt das vorzeitige Ableben von Herrn Professor Dr. Thomas Geider. Er wurde am 29. April 1953 in Bonn geboren und starb, erst 57 Jahre alt, am 15. Oktober 2010 in Köln an den Spätfolgen eines Schlaganfalls. Er hinterlässt Ehefrau Anita sowie Sohn Leon *1989 und Tochter Sally *1993.
Thomas Geider nahm nach Schulzeit und Wehrdienst zum Wintersemester 1974/75 das Grundstudium in den Fächern Geographie, Ethnologie und Afrikanistik an den Universitäten Bonn und Köln auf. Im Dezember 1980 legte er am Kölner Institut für Afrikanistik sein Magisterexamen ab (schriftliche Note: sehr gut). Im Jahr 1977 betrat er im Rahmen des Kölner Großprojekts Dialect Atlas of Kenya erstmals afrikanischen Boden. Es zeigte sich schon damals, dass sein Herz vor allem für die mündlichen überlieferungen der afrikanischen Völker schlug. Als Doktorand (Betreuer W.J.G. Möhlig) und Stipendiat der Graduiertenförderung des Landes Nordrhein-Westfalen verbrachte er in den Jahren 1981-83 viele Monate bei den Pokomo am Tana-Fluss (Kenia), um deren orale Wortkunst an den Quellen zu studieren. Aus der umfassenden Dokumentation in Ton, Schrift und Bild ging das zweibändige Werk „Die Figur des Oger in der traditionellen Literatur und Lebenswelt der Pokomo in Ost-Kenya“ hervor. Die Philosophische Fakultät der Universität zu Köln verlieh ihm dafür im Februar 1989 den Doktorgrad mit der Note opus eximium. Das Werk ist inzwischen zum Klassiker der oralliterarischen Forschung in Afrika geworden. Es wurde international rezipiert und Geiders Methoden wurden erfolgreich auch auf andere Volksliteraturen angewendet. Durch Lehraufträge und Studentenbetreuungen blieb Thomas Geider über seine Promotion hinaus der Kölner Afrikanistik weiterhin verbunden. Vor allem mit Heike Behrend und Wilhelm J. G. Möhlig führte er gemeinsame Wissenschaftsprojekte durch, wovon mehrere Publikationen Zeugnis ablegen.
Eine neue Phase in Geiders wissenschaftlichem Werdegang brach an, als er 1991 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Frankfurter Sonderforschungsbereich 268 wurde. Die neue Tätigkeit führte ihn erstmals nach Zentral-Westafrika, wo er allein 17 Monate im Borno State Nigerias verbrachte. Dort legte er ein umfangreiches Archiv zur oralen Wort- und Dokumentarliteratur der Kanuri an. Es bildete die Grundlage für seine Habilitationsschrift „Motivforschung in Volkserzählungen der Kanuri (Tschadsee-Region). Ein Beitrag zur Methodenentwicklung in der Afrikanistik“. Nach vielfältigen Beschäftigungen in Forschung und Lehre an den Universitäten Bayreuth, Frankfurt, Köln und Mainz konnte 2001 mithilfe eines Stipendiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft die eigentliche Habilitation für afrikanische Sprachwissenschaften an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt erfolgen. Im Oktober 2007 ernannte ihn der Senat der Universität Frankfurt/Main zum außerplanmäßigen Professor. Von April 2008 an arbeitete er am Institut für Afrikanistik der Universität Leipzig.
Thomas Geider hat sich aus seinen Kölner Wurzeln heraus zu einem international anerkannten Fachmann für Fragen der afrikanistischen Erzählforschung entwickelt. Als Plattform diente ihm dazu u.a. der von Wilhelm Möhlig und Rüdiger Schott (Münster) 1986 begründete deutsch-französische Arbeitskreis zur Erstellung eines afrikanischen Motivkatalogs. Über ein Jahrzehnt lang traf sich der Kreis, zu dem auch Thomas Geider gehörte, wechselweise in Deutschland und in Frankreich zu Arbeitstagungen. Geider nutzte die Gelegenheiten intensiv zur Anbahnung eigenständiger Wissenschaftskontakte. Aufgrund seiner immensen Kenntnisse der einschlägigen Literatur erwarb er sich dabei allgemeine internationale Anerkennung. Bei jüngeren und älteren Fachkollegen war sein Rat stets sehr gefragt. In mehreren Anthologien und Sammelwerken trat er als Autor hervor. Zahlreich und thematisch breit gestreut ist das wissenschaftliche Schrifttum, das er uns nach einem viel zu kurzen Leben hinterlässt.
Thomas Geider hatte noch viele Pläne, um den afrikanistischen Zweig der Erzählforschung und Dokumentarliteratur weiter zu entwickeln. Man darf ohne Übertreibung sagen, dass er Deutschlands erste Autorität in Fragen der afrikanischen Wortkunst und oralen Dokumentarliteratur war. Es dürfte Jahrzehnte dauern, bis die Lücke, die sein vorzeitiger Tod gerissen hat, geschlossen werden kann. Das Institut für Afrikanistik der Universität zu Köln wird ihn stets als einen freundlichen und hilfsbereiten Kollegen in ehrender Erinnerung behalten.
Köln, im Oktober 2010
Wilhelm J.G. Möhlig
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