Von Köln nach Rom
Äußerlich hat sich nicht viel geändert. In Köln schaute
ich aus meinem, im ersten Stockwerk des Küpperstiftes gelegenen Dienstzimmers
während den verschiedenen Jahreszeiten in das dichte Astwerk der Kastanien
auf dem Parkplatz am Weyertal, heute hier in Rom geht mein Blick in den Garten
des evangelischen Pfarrhauses an der Via Sardegna – nicht weit entfernt
von der nun nicht mehr so mondänen Via Veneto. Den Wechsel hilft auch
die Kontinuität der Feste überbrücken, in Köln waren es
die sommerlichen Grillfeste der verschiedenen Institute im Hause, in Rom die
der Gemeinde, deren Bratendüfte ebenfalls in mein Zimmer ziehen. Aber
die Bäume sind nun immergrün, Palmen und Libanonzedern.
Hatte ich anfangs die Hoffnung auf einen ewigen Sommer, holte mich bald die
Wirklichkeit ein. Denn im römischen Institut dröhnen die Presslufthämmer
und wenn nicht die, dann dringen die Metallschneider, mit denen die Fensterrahmen
zersägt werden, mit ihrem hohem Kreischton in den letzten Winkel des fünfstöckigen
Gebäudes, aber selbst in den untersten Keller. Und als habe sich das ganze
Viertel verschworen, beginnen auch ringsherum alle zu renovieren und zu entkernen
und jeder zweite „Palazzo“ verschwindet hinter einem Gerüst,
aus dem die gleichen Töne, bisweilen um ein vielfaches gesteigert, herausschallen.
Glücklicherweise war ich durch die Umbauarbeiten im Kölner Küpperstift
schon abgehärtet, so dass ich den zum Überleben derartiger Ereignisse
notwendigen Fatalismus gleich mitbrachte. Auch sonst haben mir meine Erfahrungen
an der Kölner Universität sehr geholfen, etwa bei der Evaluierung
durch den Wissenschaftsrat, die in den ersten Monaten nach Eintritt in das
neue Amt erfolgte, oder in der Verwaltung der Mängel des hiesigen Instituts.
Derartige Beschränkungen mindern zwar die Freude, aber es bleibt überwältigend
viel Neues. Das römische Institut mit einer Tradition von nun genau 178
Jahren bildet eines der Superlative unserer Fächer mit der größten
Bibliothek und einer der größten Phototheken im Bereich der Altertumswissenschaften,
die teilweise schon digitalisiert sind, aber in dieser Hinsicht weiter erschlossen
werden müssen. Wiederum ist die Erfahrung und der Rückhalt aus Köln
in Gestalt des Forschungsarchivs Antike Plastik mit seinem Leiter Reinhard
Förtsch und seinem Datenbanksystem „Arachne“ äußerst
hilfreich. Auf diese Weise ergeben sich vielfältige weitere Verschränkungen
mit den Aktivitäten des gesamten Deutschen Archäologischen Institutes
(DAI) in Berlin und seinen Außenstellen in Athen, Istanbul, Kairo oder
Madrid.
In den Archiven des römischen Instituts lagern die Ergebnisse langjähriger
und intensiver Forschungen in Italien und Nordafrika. Sie müssen gesichtet
und für Publikationen vorbereitet werden, es handelt sich also oft um „Ausgrabungen“ im
eigenen Hause. Die vielfältigen Aktivitäten sollen zugleich aber
auch in das neue Forschungsprofil des DAI mit seinen Clustern eingefügt
werden. Dieser Begriff mit den damit verbundenen Strukturen war mir ebenfalls
schon von der Exzellenzinitiative der Universität vertraut, so dass ich
wusste, was mir bevorstand. Für die Abteilung Rom konnten die diversen
Aktivitäten im Bereich der Erforschung „politischer Räume“,
aber auch der „Heiligtümer“ und zur „Geschichte des
Hauses im 20. Jh.“ gebündelt und in die Gesamtarchitektur der Forschungen
des Instituts eingebracht werden. Das gilt nicht zuletzt auch für meine
eigenen Arbeiten zu der Villa des römischen Kaisers Domitian in Castel
Gandolfo, im Wesentlichen auf dem Gelände des heutigen Sommersitzes des
Papstes, und zu einem Heiligtum in Cori, einer kleinen Stadt in Latium, die
auch heute noch nichts von ihrem Charme verloren hat, den sie schon vor fast
dreißig Jahren besaß, als ich dort mit den Arbeiten begann. Weitere
Arbeiten zur Domus Aurea – der extravaganten Residenz des Nero in Rom – und
zu den Heiligtümern des Kaiserkultes auf dem Marsfeld sollen sich anschließen.
Schon in Köln lagen die Altertümer vor der Haustür, aber hier
in Rom sind es einfach mehr und einige davon auch prominenter. Deshalb interessiert
sich alle Welt dafür, die Lehrer an den deutschen Schulen, das ZDF oder
auch Diplomaten und Politiker aus den deutschen Parlamenten. Alle wollen Informationen
zu den neuen Grabungen und Entwicklungen, Führungen und nicht zuletzt
auch Auskünfte, wie es mit der Betreuung und Verwaltung der Antiken steht.
Auf der Piazza Venezia fühlte ich mich in einem Erprobungsschacht, der
für die neue U-Bahn-Trasse angelegt war, durchaus wieder an Köln
erinnert, wo ich auch schon am Breslauer Platz in einer ähnlichen Baustelle
gestanden hatte. Aber es ist eben auch alles anders. In Köln wurde sorgfältig
dokumentiert und im Anschluss alles für die neue Station abgeräumt,
in Rom wird ebenfalls auf das Beste gegraben, um dann auf Grund der unterschiedlichen
Gesetzeslage festzustellen, dass wegen des dichten Fundbestandes im Untergrund
die Anlage einer Bahn-Station nicht möglich ist, und eine große
Ratlosigkeit ist zu spüren.
Vor allem aber sind die fast dreitausend Jahre Geschichte zu beiden Seiten
der Via Flaminia – des heutigen Corso und damit der Hauptachse des Marsfeldes – deutlich
im Innern des Erprobungsschachtes abzulesen: die Palazzi der Renaissance, von
denen jener der venetianischen Gesandten unter Mussolini abgerissen und verstellt
wurde, um einen Platz für Aufmärsche und Ansprachen zu schaffen.
Von diesem Gebäude hat der Platz seinen Namen empfangen und seine ursprüngliche
Position konnte in der Grabung wieder gefunden werden. Darunter schließen
die Häuser des Mittelalters an, in ca. sechs Meter Tiefe die Umbauten
und Nutzungen karolingischer Zeit der römischen Mietskasernen, schließlich
die römische Straße selbst mit ihrem Belag aus Basaltsteinen, die
von Augustus erneuert wurde, und am Beginn der Geschichte in etwa acht Metern
unter dem heutigen Niveau des Platzes, schon im Grundwasser des Marsfeldes
kaum mehr zu erforschen, die Schichten des republikanischen Roms. So ähnlich
sieht es zwar auch in Köln aus, aber die Zeit der Republik, und Personen
wie Sulla, Caesar und Augustus fehlen und ebenso die Symbole für das Zentrum
einer vergangenen Macht, die auch heute in der Säule des Trajan mit ihrem
Siegesbildern oder des monströsen Altares des Vaterlandes, der marmornen „Schreibmaschine“ auf
dem östlichen Kapitolshügel, allen Besuchern der Stadt unübersehbar
gegenwärtig sind. Bei aller Wertschätzung der Metropole am Rhein
zeichnet also meine neue Umgebung eine andere Aura der Geschichte aus, die
selbst noch den müdesten Touristen belebt. Vielleicht ist es deshalb wenige
Jahre vor dem endgültigen Ausscheiden aus dem Dienst nicht schlecht, noch
einmal neue Impulse zu empfangen und sich von einer solchen Umgebung beleben
zu lassen, zumal die Kontinuität – wie eingangs erwähnt – ja
bleibt und die Verbundenheit mit der alten Alma Mater in der Domstadt am Rhein
auch durch die jetzige Nähe zum Petersdom am Tiber nicht geschwächt
wird.
Rom, Henner von Hesberg
Professor von Hesberg ist seit 2006 Direktor der Abteilung Rom des Deutschen Archäologischen
Instituts
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Blick aus dem Fenster
Küpperstift in Köln, Pfarrgarten in Rom (Foto: Heide Behrens)
Fotomontage auf der Basis des Originals von:
Johan Christian Clausen Dahl
(1788 - 1857)
Blick aus einem Fenster auf Schloss Pillnitz (1824)
Öl auf Lw 46 x 70 cm,
(c) Museum Folkwang, Essen
Mit freundlicher Genehmigung des Museums |