Die länderübergreifenden Vergleicharbeiten (auch:
Lernstandserhebungen) im Fach Deutsch in Klasse 8 (VERA 8) werden vom
Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) an der
Humboldt-Universität zu Berlin federführend durchgeführt. Im Auftrag
der Länder, vertreten durch die Kultusministerkonferenz, entwickelt das
IQB Aufgaben, die in Tests mit drei Schwierigkeitsabstufungen
eingesetzt werden. Die Aufgaben zu den jeweiligen Testdomänen werden
gemeinsam mit Lehrkräften aus den Schulen der verschiedenen
Bundesländer und mit Fachdidaktikern an Hochschulen entwickelt.
Seit dem 1. September 2010 liegt die fachdidaktische Verantwortung
für VERA 8 im Fach Deutsch am Lehrstuhl von Prof. Dr. Michael
Becker-Mrotzek, Institut für Deutsche Sprache und Literatur II der
Universität zu Köln.
Schwierigkeitsbestimmende Merkmale von Schreib- und Leseaufgaben
Welche Merkmale von Lese- und
Schreibaufgaben bestimmen die Schwierigkeit des produktiven und
rezeptiven Umgangs mit Texten? Wie lassen sich
schwierigkeitsbestimmende Merkmale theoretisch und empirisch bestimmen?
Welche Vorhersagen erlauben schwierigkeitsbestimmende
Merkmale von Lese- und Schreibaufgaben für die Aufgaben- und
Testentwicklung? Das sind die leitenden Fragestellungen des empirisch angelegten Projektes.
Kohärenz und (früher) Schreiberwerb. Zum Verhältnis von Lesen und Schreiben beim Lese- und Schreiberwerb
Kohärenz produktiv (beim Schreiben) oder rezeptiv (beim Lesen und
Verstehen) entwickeln bzw. herstellen zu können, ist Grundlage für auf
Sinnerzeugung gerichtetes kommunikatives Schreiben bzw. auf
Sinnentnahme gerichtetes Lesen und Verstehen. Der Erwerb von
Fähigkeiten, einen auf Kohärenz angelegten Text zu schreiben bzw. aus
Texten einen kohärenten Sinnzusammenhang zu entnehmen, ist wichtiger
Bestandteil der Kompetenzen, die Schüler im Umgang mit Texten erwerben
müssen (Schreib- und Lesekompetenz).
In der Forschung fehlen bislang vor allem empirisch gestützte
Aussagen über das Verhältnis von Lesen und Schreiben beim Lese- und
Schreiberwerb, insbesondere über das wechselseitige Verhältnis beider
Bereiche. Mit dem empirisch angelegten Projekt zu Kohärenz und (früher) Schreiberwerb
soll diese Forschungslücke ein Stück weit geschlossen werden. Damit
soll ein sprachdidaktischer Beitrag geleistet werden, der sich für die
Konzeption der schulischen Schreib- und Leseförderung fruchtbar machen
lässt.
Das Projekt zu Kohärenz und (früher) Schreiberwerb entsteht als eigenständiges Projekt im Forschungskontext des BMBF Projektes Diagnose und Förderung von Teilkomponenten der Schreibkompetenz (Prof. Dr. Michael Becker-Mrotzek/Prof. Dr. Joachim Grabowski).
BMBF-Projekt Schreibkompetenz: Diagnose und Förderung
von Teilkomponenten der Schreibkompetenz im Rahmen der
Forschungsinitiative "Sprachdiagnostik und Sprachförderung" (FiSS) des
BMBF (Projektlaufzeit: Juli 2009 Juni 2012)
Standort Hannover: Prof. Dr. Joachim Grabowski (Projektleitung),
Nicole Nachtwei, Markus Schmitt & Christian Weinzierl (Mitglieder
des erweiterten wissenschaftlichen Teams)
Standort Köln: Prof. Dr. Michael Becker-Mrotzek (Projektleitung),
Dr. Jörg Jost (Mitglied des erweiterten
wissenschaftlichen Teams), Matthias Knopp
Ziel des interdisziplinären Verbundprojektes
(Psychologie/Linguistik/Sprachdidaktik) ist die Identifikation von
Teilkomponenten der Schreibkompetenz. Dabei wird Schreibkompetenz als
komplexe Fähigkeit verstanden, an der unterschiedliche Komponenten
(darunter sprachliche, kognitive, motivationale etc.) beteiligt sind.
Bislang wurde die Fähigkeit, Texte zu schreiben, zumeist ganzheitlich
in Bezug auf bestimmte Textsorten (z.B. Erzählen, Instruieren oder
Argumentieren) vermittelt und untersucht. Im Projekt werden
textübergreifende Teilkomponenten der Schreibkompetenz identifiziert:
Die Ergebnisse sollen Aussagen darüber erlauben, inwieweit sich
Schreibkompetenz hinsichtlich einer Textsorte auf andere Textsorten
übertragen lässt. In weiteren Schritten sollen daraus Empfehlungen
abgeleitet werden, wie sich z.B. die Fähigkeit des Schreibens - durch
Zerlegung der Schreibanforderung in Teilaufgaben - vermitteln und
fördern lässt. Die im Projekt gewonnen Erkenntnisse sollen in einem
zweiten Schritt in Form schreibdidaktischer Konzepte für die Praxis
fruchtbar gemacht werden.
Standort Gießen: Prof. Dr. Katrin Lehnen, Dr. Sara Rezat
Standort Köln: Dr. Jörg Jost, Dr. Kirsten Schindler
Im Projekt werden kommunikative (schreib- und medienspezifische)
Anforderungen im Berufsalltag von Lehrern untersucht. Methodische
Grundlage der empirisch ausgerichteten Forschung bilden
leitfadengestützte Interviews mit Referendaren, Lehren und Schulleitern
unterschiedlicher Schulformen. Didaktisch fokussiert das Projekt eine
stärkere Integration beruflicher Schreibprozesse in die
Lehramtsausbildung mit dem Ziel, didaktische Konzepte für das Studium
und die Lehrerfortbildung zu entwickeln.
Prof. Dr. Michael Becker-Mrotzek, Dr. Jörg Jost, Matthias Knopp
Das Projekt "Zentrale Abschlussarbeiten Deutsch/IQ Hessen" ist ein
Forschungs- und Entwicklungsprojekt (Laufzeit: 2010-2012), in dessen
Rahmen wir die Arbeitsgruppe Deutsch am Institut für Qualitätssicherung
des Hessischen Kultusministeriums bei der Entwicklung der Zentralen
Abschlussarbeiten im Fach Deutsch beraten.
Abgeschlossen:
Dissertationsprojekt: Topos und Metapher: Zur Pragmatik und Rhetorik des Verständlichmachens
Mit Blick auf konkrete Problemstellungen wird ein pragmatisch
rhetorisches Verfahren topischen und metaphorischen Verständlichmachens
theoretisch begründet. Die Arbeit verbindet linguistische mit
rhetorischen und symboltheoretischen Überlegungen. Thematisch kann sie
dem Bereich der linguistischen Textverständlichkeitsforschung
zugeordnet werden. In der Arbeit wird gezeigt, inwiefern sich das
rhetorische Verfahren der auf Überzeugung abzielenden Rede auf eine
Theorie des topischen und metaphorischen Verständlichmachens
applizieren lässt, welche kategorialen Merkmale den spezifischen
Gebrauch von Topos und Metapher für ihre Einbettung in die sprachliche
Handlung des Verständlichmachens empfehlen und welche Potentiale daraus
für die Verständnissicherung resultieren.
Der entwickelte Ansatz geht von dem Befund eines zunehmenden
Verlustes einer gemeinsamen Verständigungsbasis von
Kommunikationsteilnehmern aus, wie er für einige Kommunikationsbereiche
konstatiert werden kann. Begründet wird dieser Wegfall einer
gemeinsamen Verständigungsbasis in der Forschung zum Beispiel damit,
dass bislang von Kommunikationsteilnehmern ,geteiltes' Wissen zunehmend
erodiert. Solche Wissenserosionen sind u.a. das Ergebnis von
Verwissenschaftlichungstendenzen innerhalb der Gesellschaft sowie von
funktionalen Ausdifferenzierungen und Spezialisierungen von Wissen.
Dadurch verliert der Common Sense in diesen Kommunikationsbereichen
zumindest teilweise an Akzeptanz und Wirkungsmächtigkeit und steht in
der Folge nicht mehr als hermeneutische Basis und damit als
Voraussetzung für Verstehensprozesse zur Verfügung. Dieser Befund wird
in der Arbeit aufgegriffen. Es wird argumentiert, dass sich mit
geeigneten Vermittlungstechniken eine gemeinsame Verständigungsbasis
wiederherstellen lässt, wo diese verloren gegangen ist, d.h. dass
entsprechenden Defiziten mit geeigneten Techniken zumindest teilweise
begegnet werden kann. Topisches und metaphorisches Verständlichmachen
wird als eine solche Vermittlungstechnik aufgefasst, mit der sich
kommunikative Handlungsziele (z.B. Verständnis sichern, zum Handeln
befähigen) auch über disparate Wissenshorizonte von
Kommunikationsteilnehmern hinweg erreichen lassen und mit der der
Übergang von Wissen in entscheidungs- und handlungsbefähigende
Information und Verstehen realisiert werden kann. Eingebettet in
sprachliche Verfahren des Verständlichmachens organisieren Topoi und
Metaphern - sprechhandlungstheoretisch argumentiert - den Übergang von
der Illokution zur Perlokution, d.h. sie unterstützen die illokutionäre
Wirkung der Verständnissicherung und schaffen damit die Voraussetzung
für das perlokutionäre Bewirken und fü mögliche Anschlusshandlungen.
Verständlichmachen wird als sprachliche Handlung auf illokutionärer
Ebene verstanden. Dadurch geraten die Konventionalitätund mit ihr der
Standardgebrauch sprachlicher Äußerungen in den Blick sowie das
Potential bestimmter sprachlicher Ausdrücke, Assoziationen zu
evozieren. Über das Konventionalitätskriterium werden Topoi und
Metaphern als geeignete sprachliche Mittel kommunikativer Handlungen in
den theoretischen Rahmen des vorgestellten Ansatzes eingeführt. Mit
ihnen wird das Erreichen des Handlungsziels Verständnissicherung
wahrscheinlich. Denn der Gebrauch bestimmter Topoi und Metaphern ist -
bezogen auf einige Kommunikationsbereiche und Textsorten - konventional
und evoziert Assoziationen, die sich für die Verständnissicherung
nutzbar machen lassen.
Besondere Bedeutung wird in der Argumentation der Arbeit dem
,geteilten' Wissenshintergrund von Sprachhandelnden (einer Gesellschaft
und Kultur) als wesentlichem kategorialem Merkmal von Metapher und
Topos beigemessen. Darin ist nicht nur das ,Funktionieren' beider
begründet, sondern auch das Potential, das Topoi und Metaphern im
Verfahren des Verständlichmachens für die Verständnissicherung
entwickeln: es ist eine Leistung des Gebrauchs von Topos und Metapher,
dass sie bei Kommunikationspartnern Hintergrundwissen aktivieren bzw.
für Inferenzen zur Verfügung stehen, wodurch schließlich
Verstehensprozesse unterstützt werden. Als weitere kategoriale Merkmale
von Topos und Metapher, die in einem funktionalen Zusammenhang mit dem
Verständlichmachen stehen, werden in der Arbeit diskutiert: ihre
Ubiquität im Sprachgebrauch und ihr domänenübergreifender Gebrauch, ihr
Symbolisierungsmodus sowie Formen ihrer sprachlichen Realisierung auf
der Textoberfläche. Neben ihrer Verankerung im ,geteilten Wissen' wird
dem Symbolisierungsmodus von Topos und Metapher eine für das
Verständlichmachen zentrale Rolle attestiert.
Topoi werden im Rahmen von Goodmans Symboltheorie als
Exemplifikationen gedeutet. Als Realisierungen (Token) in Texten
exemplifizieren sie ,geteiltes' Wissen, d.h. sie sind Akte des
Beispielgebens von Aspekten eines ,geteilten' Wissens über Sachverhalte
oder Gegenstände. Es wird die These vertreten, dass Realisierungen von
Topoi in Texten es Lesern ermöglichen, durch Assoziation den
(semantischen) Bezugsrahmen des derart exemplifizierten
Wissenshintergrundes um im Text nicht explizit gemachtes Wissen zu
erweitern, und dass sie weiterhin erlauben, den durch Assoziation
aufgerufenen Wissenshintergrund durch Inferenzen in den
Verstehensprozess zu integrieren. Schließlich wird gezeigt, dass Topoi
auf diese Weise eine hermeneutische Basis und gemeinsame
Verständigungsgrundlage schaffen und so Verständnissicherung
organisieren.
Metaphern werden symboltheoretisch als Ausdruck (metaphorische
Exemplifikation) diskutiert. Unterschieden nach dem Metapherntyp werden
in der Arbeit das die Verständlichkeit fördernde Potential sowie die
Anwendungsmöglichkeiten des Verfahrens metaphorischen
Verständlichmachens in Abhängigkeit vom Kommunikationsbereich und der
Textsorte als graduell abgestuft verstanden. Wie geeignet der Gebrauch
von Metaphern - abhängig vom Kommunikationsziel und der Textsorte - für
die Verständnissicherung ist, wird insbesondere in Abhängigkeit vom
Grad ihrer Konventionalität bzw. der Neuartigkeit des Symbolgebrauchs
gesehen. An der Metapher wird insbesondere auch gezeigt, dass die
Behandlung des Verständlichkeits- und Verständnisproblems auf
vornehmlich propositionaler Ebene nicht hinreicht.
Publikation: Jost, Jörg (2007): Topos und Metapher. Zur Pragmatik und Rhetorik
des Verständlichmachens, Heidelberg: Winter (SLG=34).(Dissertation)
Rezensiert in:
Muttersprache, 119 (2009) 4, 315-316.
Germanistik. Internationales Referatenorgan mit bibliographischen Hinweisen, 50 (2009) 1-2, 153-154.