Arbeitspapier: Pragmatik
Horst Lohnstein
Sprache vs. Kommunikation
Literatur:
Bierwisch, M., 1979. Wörtliche Bedeutung - eine pragmatische Gretchenfrage.
In: Grewendorf, G. (Hrsg.), 1979. Sprechakttheorie und Semantik. Frankfurt,
Main: Suhrkamp, 119-148.
Bierwisch, M., 1980. Semantic structure and illocutionary force.
in: Searle, J.F./ Kiefer, F./ Bierwisch, M. (Hrsg.), Speech Act Theory
and Pragmatics. Dordrecht, 1-35.
In weiten Bereichen des menschlichen Verhaltens dient die natürliche
Sprache der Kommunikation und ist umgekehrt die natürliche Sprache
das Hauptverständigungsmittel in der Kommunikation. Dennoch können
beide Bereiche nicht einfach identifiziert werden. Die folgenden Gründe
sprechen für eine Trennung von Sprache und Kommunikation:
- Sprache wird häufig ohne kommunikative Funktion verwendet (Monologe,
Einkaufszettel zur Gedächtnisstütze usw.)
- Kommunikation vollzieht sich auch sprachunabhängig (Gesten und
Mimik, Handbewegungen, böse Blicke usw.)
- Sprache und Kommunikation basieren auf unterschiedlichen Kenntnissystemen.
Sprachgebrauch basiert auf Prinzipien und Strukturen des grammatischen
Systems, während Kommunikation auf den Prinzipien der sozialen Interaktion
basiert. Sprechakte resultieren aus der Interaktion dieser beiden Kenntnisdomänen
und werden in der Sprechakttheorie auf
diese Domänen bezogen.
Austins (1962) und Searles (1969)
Differenzierung eines Sprechaktes in phonetischen, phatischen und rhetischen
Akt entsprechen den phonetischen, morpho-syntaktischen und semantischen
Aspekten einer sprachlichen Äußerung und gehören daher
zur Domäne linguistischer Kenntnis. Illokutionärer und perlokutionärer
Akt beziehen sich auf Äußerungsabsicht und deren Wirkung beim
Hörer und gehören daher zur Kenntnisdomäne der sozialen
Interaktion.
Formal: (i) u = <ins, p, t, ls>,
wobei ins die Inskription eines akustischen oder visuellen
Signals ist, das von einer Person p zu einem Zeitpunkt t in Form einer
linguistischen Struktur ls produziert wird. Die linguistische Struktur
ls läßt sich weiter differenzieren:
(ii) ls = <pt, syn, sem>,
wobei pt die phonetiche, syn die syntaktische und sem die semantische
Struktur der Äußerung bezeichnet.
pt determiniert die Produktion und Rezeption der Inskription ins (d.h.
einer Lautkette, eines Schriftstücks usw.), syn bezieht pt und sem
in der Art aufeinander, daß etwa einer phonetischen Form eine semantische
Struktur zugewiesen wird. sem spezifiziert die Bedeutung m (meaning) einer
Äußerung. Die Festlegung der Bedeutung m von einer Person p
zur Zeit t hängt ab vom Kontext ct in dem die Äußerung
u interpretiert wird. Die Integration von (ii) sowie ct und m in (i) ergibt
die formale Darstellung einer bedeutungstragenden Äußerung
mu:
(iii) mu = <ins, p, t, <pt, syn, sem>, ct, m>
(iii) beschreibt, was Austin und Searle als lokutionären und propositionalen
Akt bezeichnen.
sem kann aufgefaßt werden als diejenige Funktion, die eine Person
p zu einer Zeit t auf einen Kontext ct anwendet, um die Bedeutung m zu
erhalten. Diese Konstruktion führt zu einer Theorie, die mit der
intensionalen Logik kompatibel ist, so daß sem, ct und m in dem
formalen Rahmen einer Theorie über mögliche Welten gehandhabt
werden kann. Dabei spezifiziert sem die Wahrheitsbedingungen, die mit
einer Äußerung u verbunden sind, und m spezifiziert Zustände
und Sachverhalte, die diese Bedingungen erfüllen.
Eine Person p versteht eine bedeutungsvolle Äußerung mu hinsichtlich
eines spezifischen Kontextes ct, wenn sie die Äußerungsbedeutung
m auf die Inskription ins bezieht.
Ein Kontext ct und eine Äußerungsbedeutung m müssen in
einer Theorie über mögliche Welten und Objekte beschrieben werden,
die ihrerseits durch mengentheoretische Strukturen beschreibbar sind.
Diese Konstrukte können als formale Strukturen mentaler Zustände
interpretiert werden, d.h. als interne mentale Repräsentationen von
möglichen Welten, Objekten und Zuständen. Diese werden ihrerseits
von einem System PC perzeptueller und konzeptueller Regeln, Prinzipien,
Schemata und Operationen von einer Person p aufgebaut und zwar ganz analog
zu der Art und Weise, wie eine linguistische Struktur ls von einer Grammatik
G aufgebaut wird.
In dieser Sichtweise ist Linguistik ein Teilbereich der kognitiven Psychologie;
was nicht weiter verwunderlich ist, wenn wir unter Sprechen das ausdrücken
von Gedanken verstehen.
Zur Theorie der Kommunikation:
Ein kommunikativer Akt ca besteht aus einer bedeutungstragenden Aktivität
ma, der ein kommunikativer Sinn cs hinsichtlich eines bestimmten Interaktionsgefüges
ias (interactional setting) zugewiesen wird.
Formal: (iv) ca = <ma, ias, cs>.
Eine bedeutungstragende Aktivität ma kann aufgefaßt werden
als ein Teil externen Verhaltens, das eine Person p zur Zeit t als Ausdruck
eines mentalen Zustands zeigt. ma kann eine bestimmte Mimik, das Fahren
eines bestimmten Wagens usw. sein. In diesem Sinne ist eine sprachliche
Äußerung u eine bedeutungstragende Aktivität ma. Unterscheidungskriterium
zwischen ma und u: u besitzt eine spezifische semantische Struktur; dies
gilt nicht für nichtsprachliche ma's.
Eine Person p verfügt über ein System von Regeln, Prinzipien
und Schemata der sozialen Interaktion, die es ihr erlauben ein interaktionales
Gefüge zu konstruieren und den kommunikativen Sinn cs einer bedeutungstragenden
Aktivität ma abzuleiten.
Zusammenfassende formale Charakterisierung eines Sprachaktes:
(v) <<ins, p, t, <pt, syn, sem>, ct, m>, ias, cs>
Sprechakttheorie
Der
Satz Paul kommt morgen kann unterschiedlich verstanden werden.
Etwa als:
1) Mitteilung
2) Warnung
3) Frage
4) Ankündigung
5) Antwort
6) usw.
Indem man mit Äußerungen warnt, feststellt, ankündigt usw. vollzieht man
Handlungen.
Für eine Theorie sprachlichen Handelns stellen sich die folgenden Fragen:
- Welcher Art sind die Handlungen, die mit Äußerungen vollzogen werden?
- Wie läßt sich feststellen (wie interpretieren Hörer), um welche Handlung
es geht?
- Welche Struktur besitzen diese Handlungen?
- Welche systematischen Beziehungen bestehen zwischen diesen Handlungen?
Zur Theorie Austins (1962):
Die Sprachphilosophie betrachtete Sprache noch bis Mitte des 20 Jhd.
als Mittel, um Aussagen über die Welt zu machen, die wahr oder falsch
sein können; etwa:
(i) Die
Erde ist eine Scheibe.
(ii) Zwei
mal zwei ist gleich vier.
aber: (iii) Ich verurteile
Dich zum Tode.
(iv) Ich verspreche
Dir, zu kommen.
Während die Äußerungen (i) und (ii) wahr oder falsch sein können, sit
dies für die Äußerungen (iii) und (iv) nicht möglich. Es ist vielmehr
der Fall, dass mit den Äußerungen (iii) und (iv) eine Handlung dergestalt
vollzogen ist, dass - geeignete Umstände vorausgesetzt - die Welt in der
Hinsicht verändert ist, dass jemand zum Tode verurteilt ist bzw. ein Versprechen
gegeben wurde. Dieser Sachverhalt führt zur Dichotomie: konstativ vs.
performativ.
performative
Äußerungen:
- stellen den Vollzug einer Handlung dar
- können weder wahr noch falsch sein
konstative Äußerungen:
- stellen Aussagen über die Welt dar und können, je nach dem,ob sie den Tatsachen entsprechen, wahr oder
falsch sein.
performative Äußerungen lassen sich weiter unterscheiden in
(i) explizit
performative Äußerungen:
Ich verspreche Dir, zu kommen.
- Hiermit stelle ich fest, dass...
- Ich warne Dich, sei pünktlich |
(ii) implizit
performative Äußerungen:
- Ich komme.
- Dallas beginnt nach der Tagesschau.
- Sei bloß pünktlich. |
Komponenten eines Sprechaktes nach Austin (1962):
Ein Sprechakt hat mindestens die folgenden Komponenten:
(i) Das Äußern eines Satzes
| lukotionärer
Akt: |
| a)
phonetischer Akt |
Äußern
gewisser Laute und Lautkombinationen. |
| b)
phatischer Akt |
Die
vorkommenden Bestandteile des Satzes werden gemäß gewisser grammatischer
Prinzipien konstruiert. |
| c)
rhetischer Akt |
determiniert,
worüber gesprochen wird (Referenz) und was darüber ausgesagt
wird (Prädikation). |
|
| illokutionärer
Akt: |
Intention
des Sprechers |
| perlokutionärer
Akt: |
Effekt,
der beim Hörer erzielt wird |
Im
Falle von explizit performativen Äußerungen enthält Austins rhetischer
Akt bereits die illokutionäre Rolle der Äußerung. Daher trifft Searle
(1965, 1968) eine etwas modifizierte Differenzierung:
(i) Äußerungsakt
(ii) propositionaler Akt (besteht immer aus Referenz
und Prädikation)
(iii) illokutionärer Akt
(iv) perlukotionärer Akt
Klassifikation von Sprechakten nach Searle (1979)
Im Wesentlichen drei Klassifikationskriterion:
(i) illocutionary point (Intention
des Sprechers)
(ii) direction of fit (Anpsassungsrichtung:
Welt ! Wort)
(iii) ausgedrückter psychischer Zustand
|
|
Anpassungsrichtung
|
psychischer
Zustand
|
illocutionary
point
|
|
Repräsentativa
|
Wort
--> Welt
|
Glaube,
dass p
|
s
wird darauf festgelegt, dass p
|
|
Direktiva
|
Welt
--> Wort
|
Wille,
Wunsch
|
S
versucht H dazu zu bringen, a zu tun
|
|
Kommissiva
|
Welt
-- Wort
|
Absicht
|
s
verpflichtet sich, a zu tun
|
|
Deklarativa
|
Welt
--> Wort
|
|
beliebig
|
|
Expressiva
|
beliebig
|
beliebig
|
beliebig
|
Aktbedingungen nach
Searle: Sprechakte unterliegen spezifischen Gelingensbedingungen, die
Sprecher und Hörer bekannt sind, und die erfüllt sein müssen,
damit ein Sprechakt richtig und vollständig vollzogen werden kann.
Bedingungen für Glücken von Sprechakten (Glückensbedingungen) am Beispiel
'Versprechen'.
Ein Sprecher S verspricht
einem Hörer H mit der Äußerung von T aufrichtig, dass p, genau dann, wenn
die folgenden Bedingungen erfüllt sind:
1. allgem.
Bedgg.: Es gelten normale Ein- und Ausgabebedingungen.
2. Bedgg. des propositionalen Gehalts: S drückt mit der Äußerung von T
die Proposition aus, dass p.
3. Indem S ausdrückt, dass p, prädiziert S einen zukünftigen Akt A von
S.
4. Einleitungsbegg.: H würde es vorziehen, dass S A ausführt, statt das
H es unterließe, S auszuführen, und S glaubt, dass H es vorziehen würde,
dass S A ausführt, statt es zu unterlassen.
5. Offensichtlichkeitsbedgg.: Es ist sowohl für S als auch für H nicht
offensichtlich, dass S bei normalem Verlauf der Ereignisse A ausführen
würde.
6. Aufrichtigkeitsbedgg.: S beabsichtigt, A zu tun.
7. wesentliche Bedgg.: S beabsichtigt, sich mit der Äußerung T zur Ausführung
von A zu verpflichten.
zu 1.: Falls etwa S stumm und H taub ist, ist der Sprechakt bereits an
dieserr Bedingung gescheitert
zu 2. & 3.: Es handelt sich stets um einen zukünftigen Akt, den
S selbst ausführt, oder Sorge dafür trägt, dass jemand
anderes diesen Akt ausführt
zu 4. & 5.: pmuss
für den Adressaten angenehm sein, (bei einer Drohung liegt der umgekehrte
Fall vor)
Offensichtlichkeitsbedgg: Es ist normalerweise nicht klar, dass p eintritt.
So ist etwa die Äußerung Ich esse heute zu mittag nur
dann ein Versprechen, wenn dies nicht zum normalen Verlauf der Ereignisse
gehört.
zu 6.: Aufrichtigkeitsbededingung: auch unaufrichtige Versprechen können
gegegeben werden, sind dann aber nicht gelungen, weil die Handlung nicht
erfolgreich vollzogen wurde.
zu 7.: wesentliche Bedingung: S verpflichtet sich dazu, p zu tun.
Aus diesen Bedingungen extrahiert Searle im Wesentlichen vier semantische
Regeln, die es erlauben, innerhalb der Sprechaktklassen verschiedene Sprechakttypen
zu unterscheiden.
Sprechakttypen (Typen illokutionärer Akte) entsprechen dabei den jeweiligen
illokutionären Verben.
Semantische Regeln:
1. Regeln des propositionalen Gehalts
2. Einleitungsregel
3. Aufrichtigkeitsregel
4. wesentliche Regel
Beispiele für Sprechakttypen in Sprechaktklassen:
| Repräsentativa:
|
behaupten, feststellen,
andeuten, prophezeien, ... |
| Direktiva: |
auffordern, bitten,
befehlen, anordne, einladen, ... |
| Kommissiva: |
versprechen,
geloben. drohen, vereinbaren, anbieten, ... |
| Deklarativa: |
exkommunizieren,
Krieg erklären, taufen, ernennen, ... |
Indirekte Sprechakte
Implikaturen
Literatur: Grice, 1975. Logic and Conversation.
Cambridge, London: Cambridge University Press.
Zwei Feststellungen führen Grice zur Theorie der Implikaturen:
(i) Aus der wörtlichen Bedeutung von Äußerungen geht nicht
immer hervor, was Sprecher tatsächlich meinen. Wörtliche Bedeutung
und kommunikativer Sinn weichen voneinander ab:
-in der wörtlichen Bedeutung ist nicht enthalten, was gemeint
ist
-es wird mehr ausgedrückt, als in der wörtlichen Bedeutung
enthalten ist
(ii) Jeder Konversation liegt ein Kooperationsprinzip zugrunde:
"Gestalte eine Äußerung so, daß sie dem anerkannten Zweck
dient, den du gerade mit deinen Kommunikationspartnern verfolgst."
Implikaturen liegen vor, wenn mit einer Äußerung
mehr gemeint ist, als in der wörtlichen Bedeutung dieser Äußerung
enthalten ist. Diese zusätzliche Information wird implikatiert (nicht
impliziert!, Implikation ist eine logische Relation, Implikatur eine pragmatische).
konventionelle vs. konversationelle Implikaturen
Konventionelle Implikaturen liegen vor, wenn mit Hilfe
konventioneller sprachlicher Mittel eine zur wörtlichen Bedeutung
hinzukommende Bedeutung implikatiert wird.
Bspe.: (i) Otto ist Boxer, deshalb ist er dumm.
"deshalb" ist ein konventionelles sprachliches Mittel, um Kausalbezüge
herzustellen. Daher wird mit (i) implikatiert, daß alle Boxer dumm
sind.
(ii) Kannst Du bitte dieses Gewicht hochheben?
"bitte" ist ein konventionelles sprachliches Mittel, um Aufforderungen
auszudrücken. Ohne die Partikel "bitte", wäre (ii) durchaus
als Frage zu verstehen.
Konversationelle Implikaturen liegen vor, wenn Zusatzinformationen
implikatiert werden, ohne daß diese durch konventionelle Mittel
angezeigt werden. (vgl. indirekte Sprechakte). Hierbei muß ein Hörer
mehr rekonstruieren und interpretieren, um den kommunikativen Sinn der
Äußerung zu erfassen.
Die Grice'schen Konversationsmaximen
Das Kooperationsprinzip ist die oberste Maxime, die jeder Konversation
zugrundeliegt. Es läßt sich differenzieren in die vier Submaximen:
(i) Maxime der Quantität
Mache deinen Beitrag so informativ wie notwendig und nicht
informativer als notwendig.
(ii) Maxime der Qualität
Sage nichts, was du für falsch hältst, oder wofür du keine
hinreichenden Gründe hast.
(iii) Maxime der Relevanz
Sei relevant. / Sprich zur Sache.
(iv) Maxime der Modalität
Mache deinen Redebeitrag durchsichtig
-vermeide Doppeldeutigkeit
-vermeide Unklarheit
-vermeide Weitschweifigkeit
Implikaturen können entweder durch (i) das Befolgen oder (ii) das
Verletzen von Konversationsmaximen erschlossen werden.
Deixis
Literatur: Bühler, K., 1934. Sprachtheorie. Stuttgart, New York:
Gustav Fischer Verlag (= UTB 1159).
Deiktische
Ausdrücke sind sprachliche Variable, die durch den Kontext
belegt werden.
Bsp.: Ich möchte, daß ihr mich bald
hier abholt.
Bereiche, in denen deiktische Ausdrücke möglich sind
-Personendeixis: Verhälnis von Sprecher, Hörer und Dritten,
erste, zweite, dritte Person: Ich, Du, usw.
-Ortsdeixis: Verhältnis von Sprecherort zu Ereignisort: dort, da,
unten, rechts usw.
-Zeitdeixis: Verhältnis von Sprechzeit zu Zeitpunkten oder -intervallen
der ausgedrückten Ereignisse: morgen, gestern, danach usw.
-soziale Deixis: Verhältnis der Gesprächsteilnehmer zu ihrer
sozialen Schichtzugehörigkeit:
Pluralis majestatis, Anrede-Pronomina, akade mische Titel
-Diskursdeixis: Verhältnis von Diskursteilen zur aktuellen Äußerung:
Diese Behauptung ist falsch.
Dieser Satz hat fünf Wörter.
Der letzte Satz ist ein Beispeil für sog. Token-Reflexivität,
d.h. ein Element (sog. token) einer ganzen Klasse gleichartiger Elemente
(sog. types) ist reflexiv, d.h.: bezieht sich auf sich selbst.
Fragen: Wie werden deiktische Ausdrücke von Hörern interpretiert?
Auf welche Kenntnissysteme beziehen sich Hörer, um diese
sprachlichen Variablen mit Referenzpunkten zu belegen?
Deiktisches Zentrum(auch: Ich-Hier-Jetzt Origo)
(i) zentrale Person: Sprecher
(ii) zentrale Zeit: Sprechzeit
(iii) zentraler Ort: Sprecherort zur Zeit der Äußerung
(iv) soziales Zentrum: sozialer Status des Sprechers
(v) Diskurszentrum: momentaner Äußerungspunkt des Sprechers
Deiktische Projektion
Verschiebung des deiktischen Zentrums auf ein anderes Zentrum.
Bspe.:
Protagonist
in Ich-Erzählungen
rechts-links Unterscheidung vom Hörer aus
Vergangenheits- und Zukunftspräsens
Wörtliche vs. nicht-wörtliche Bedeutung
Gegenstand der Semantik ist die Beschreibung der wörtlichen Bedeutung
von Sätzen. Dies ist der Teil der Gesamtbedeutung, der sich ausschließlich
aus den verwendeten sprachlichen Mitteln und ihrer Kombinatorik ergibt.
Dieser Sachverhalt drückt sich in der Formel:
ls = <pt, syn, sem>
aus, in der das folgende gilt: For any ls there is nothing in sem that
is not related by syn to some part or configuration in pt. sem determines
an utterance meaning m with respect to a context ct in which u is interpreted
(d.h.: sem(ct) = m). (vgl. Bierwisch 1980)
Alle zusätzlichen Bedeutungsanteile, die nicht mittels syn von pt
nach sem abgebildet werden, sind implikatiert.
wörtliche vs. implikatierte Bedeutung
Def.: Ein Bedeutungsanteil B eines sprachlichen Ausdrucks S im
Kontext K ist implikatiert, gdw. folgendes gilt:
(i) B ist variabel bzw. kontextabhängig
(ii) B ist streichbar (d.h.: an S kann im Kontext K die
Verneinung bzw. Rücknahme von B angeschlossen werden,
ohne daß S widersprüchlich wird.)
(iii) B ist pragmatisch rekonstruierbar.
Analog definiert man die wörtliche Bedeutung, die unter den gegebenen
Voraussetzungen
(i) nicht variabel (also kontextinvariant)
(ii) nicht streichbar
(iii) nicht pragmatisch rekonstruierbar ist.
Satzbedeutung und Wahrheit
Wahrheit
Ein Satz S, der konstatiert, daß p, ist wahr, gdw.
der Sachverhalt p ist in der Situation, über die man spricht, der
Fall.
Wie läßt sich die Bedeutung (konstativer) Äußerungen
auf ihre Wahrheit bzw. Falschheit beziehen?
Es besteht der folgende Zusammenhang:
Die Bedeutung eines Satzes S ist bekannt, gdw. alle
Situationen bekannt sind, in denen S wahr ist.
(Die Bedeutung eines Satzes zu kennen, heißt zu wissen, wie die
Welt beschaffen sein muss, damit er wahr ist.)
Teil der Bedeutung.
S' ist Teil der wörtlichen Bedeutung von S, gdw.
in jeder Situation, in der S wahr ist, auch S' wahr ist. (S -> S')
Bedeutung
Die Bedeutung von S ist gleich der Summe aller Teibedeutungen (d.h.: die
Bedeutung von S ist gegeben durch die Menge aller Folgerungen aus S).
Bedeutung (extensional)
Die Bedeutung von S ist gegeben durch die Menge aller Situationen, auf
die bezogen S wahr ist.
Sinnrelationen
Synonymie
Zwei Sätze S1 und S2 sind synonym, gdw.
in jeder Situation, in der S1 wahr ist, ist auch S2 wahr und umgekehrt.
(kürzer: S1 <-> S2, d.h. aus S1 läßt sich S2 folgern
und aus S2 läßt sich S1 folgern.)
Inklusion
Ein Satz S1 inkludiert (echt) einen Satz S2, gdw.
in jeder Situation, in der S1 wahr ist, ist auch S2 wahr, aber nicht notwendigerweise
umgekehrt. (kürzer: S1 -> S2)
Kontradiktion (Komplementarität)
Zwei Sätze S1 und S2 sind kontradiktorisch, gdw.
aus der Wahrheit von S1 die Falschheit von S2 folgt und umgekehrt. (kürzer:
S1 -> ¬S2 und S2 -> ¬S1)
weitere Sinnrelationen:
Hyperonymie - "Oberbegriff von": Pferd:Rappe, Gebäude:Haus usw.
Hyponymie - "Unterbegriff von": Pferd:Lebewesen, Amsel:Vogel usw.
Antonymie - "im Gegensatz zu": hoch:tief, weit:nah usw.
Zu unterscheiden ist weiterhin: Wortsemantik vs. Satzsemantik
Wortsemantik oder lexikalische Semantik beschreibt die
Relationen und charakterisierenden Bedeutungskomponenten der Wörter
der Sprache in ihrem Verhältnis zu anderen Wörtern der Sprache.
(-> Sinnrelationen, Wortfeldtheorie, Komponentenanalyse)
Satzsemantik beschreibt die Wahrheitsbedingungen und
-werte komplexer strukturierter Anordnungen von Wörtern der Sprache.
Das wesentliche Anliegen der Satzsemantik besteht in der kompositionellen
Rekonstruktion komplexer Bedeutungen. Da mit einer endlichen Anzahl von
Bedeutungen (der vorhandenen Lexikoneinträge) beliebig viele -letztlich
unendlich viele- komplexe Bedeutungen aufgebaut werden können, muss
ein Kompositionalitätsprinzip angenommen werden. Die Formulierung
eines solchen Prinzips schreibt man dem deutschen Logiker, Mathematiker
und Philosophen Gottlob Frege zu (, obwohl dieser es nie explizit angegeben
hat. Gleichwohl entspricht es genau dem Geist seiner Schriften.).
Freges Kompositionalitätsprinzip
Die Beutung eines komplexen sprachlichen Ausdrucks läßt sich
aus der Bedeutung der beteiligten Teilausdrücke und der Art ihrer
Zusammensetzung berechnen.
Komplexe Bedeutungen
ergeben sich demzufolge aus der Bedeutung der Teilausdrücke und der
syntaktischen Struktur.
(Zu weiteren Einzelheiten
vgl. Arbeitspapier Semantik)
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