Arbeitspapier: Pragmatik
Horst Lohnstein



Inhalt

Sprache vs. Kommunikation
Sprechakttheorie
Zur Theorie Austins
Klassifikation von Sprechakten (Searle)
Indirekte Sprechakte
Implikaturen
Die Grice'schen Konversationsmaximen
Deixis
Wörtliche und nicht-wörtliche Bedeutung
Satzbedeutung und Wahrheit
Sinnrelationen
Freges Kompositionalitätsprinzip





Sprache vs. Kommunikation

Literatur:
Bierwisch, M., 1979. Wörtliche Bedeutung - eine pragmatische Gretchenfrage. In: Grewendorf, G. (Hrsg.), 1979. Sprechakttheorie und Semantik. Frankfurt, Main: Suhrkamp, 119-148.
Bierwisch, M., 1980. Semantic structure and illocutionary force. in: Searle, J.F./ Kiefer, F./ Bierwisch, M. (Hrsg.), Speech Act Theory and Pragmatics. Dordrecht, 1-35.


In weiten Bereichen des menschlichen Verhaltens dient die natürliche Sprache der Kommunikation und ist umgekehrt die natürliche Sprache das Hauptverständigungsmittel in der Kommunikation. Dennoch können beide Bereiche nicht einfach identifiziert werden. Die folgenden Gründe sprechen für eine Trennung von Sprache und Kommunikation:

- Sprache wird häufig ohne kommunikative Funktion verwendet (Monologe, Einkaufszettel zur Gedächtnisstütze usw.)
- Kommunikation vollzieht sich auch sprachunabhängig (Gesten und Mimik, Handbewegungen, böse Blicke usw.)
- Sprache und Kommunikation basieren auf unterschiedlichen Kenntnissystemen.

Sprachgebrauch basiert auf Prinzipien und Strukturen des grammatischen Systems, während Kommunikation auf den Prinzipien der sozialen Interaktion basiert. Sprechakte resultieren aus der Interaktion dieser beiden Kenntnisdomänen und werden in der Sprechakttheorie auf diese Domänen bezogen.
Austins (1962) und Searles (1969) Differenzierung eines Sprechaktes in phonetischen, phatischen und rhetischen Akt entsprechen den phonetischen, morpho-syntaktischen und semantischen Aspekten einer sprachlichen Äußerung und gehören daher zur Domäne linguistischer Kenntnis. Illokutionärer und perlokutionärer Akt beziehen sich auf Äußerungsabsicht und deren Wirkung beim Hörer und gehören daher zur Kenntnisdomäne der sozialen Interaktion.

Formal: (i) u = <ins, p, t, ls>,

wobei ins die Inskription eines akustischen oder visuellen Signals ist, das von einer Person p zu einem Zeitpunkt t in Form einer linguistischen Struktur ls produziert wird. Die linguistische Struktur ls läßt sich weiter differenzieren:

(ii) ls = <pt, syn, sem>,

wobei pt die phonetiche, syn die syntaktische und sem die semantische Struktur der Äußerung bezeichnet.
pt determiniert die Produktion und Rezeption der Inskription ins (d.h. einer Lautkette, eines Schriftstücks usw.), syn bezieht pt und sem in der Art aufeinander, daß etwa einer phonetischen Form eine semantische Struktur zugewiesen wird. sem spezifiziert die Bedeutung m (meaning) einer Äußerung. Die Festlegung der Bedeutung m von einer Person p zur Zeit t hängt ab vom Kontext ct in dem die Äußerung u interpretiert wird. Die Integration von (ii) sowie ct und m in (i) ergibt die formale Darstellung einer bedeutungstragenden Äußerung mu:

(iii) mu = <ins, p, t, <pt, syn, sem>, ct, m>

(iii) beschreibt, was Austin und Searle als lokutionären und propositionalen Akt bezeichnen.
sem kann aufgefaßt werden als diejenige Funktion, die eine Person p zu einer Zeit t auf einen Kontext ct anwendet, um die Bedeutung m zu erhalten. Diese Konstruktion führt zu einer Theorie, die mit der intensionalen Logik kompatibel ist, so daß sem, ct und m in dem formalen Rahmen einer Theorie über mögliche Welten gehandhabt werden kann. Dabei spezifiziert sem die Wahrheitsbedingungen, die mit einer Äußerung u verbunden sind, und m spezifiziert Zustände und Sachverhalte, die diese Bedingungen erfüllen.
Eine Person p versteht eine bedeutungsvolle Äußerung mu hinsichtlich eines spezifischen Kontextes ct, wenn sie die Äußerungsbedeutung m auf die Inskription ins bezieht.
Ein Kontext ct und eine Äußerungsbedeutung m müssen in einer Theorie über mögliche Welten und Objekte beschrieben werden, die ihrerseits durch mengentheoretische Strukturen beschreibbar sind. Diese Konstrukte können als formale Strukturen mentaler Zustände interpretiert werden, d.h. als interne mentale Repräsentationen von möglichen Welten, Objekten und Zuständen. Diese werden ihrerseits von einem System PC perzeptueller und konzeptueller Regeln, Prinzipien, Schemata und Operationen von einer Person p aufgebaut und zwar ganz analog zu der Art und Weise, wie eine linguistische Struktur ls von einer Grammatik G aufgebaut wird.
In dieser Sichtweise ist Linguistik ein Teilbereich der kognitiven Psychologie; was nicht weiter verwunderlich ist, wenn wir unter Sprechen das ausdrücken von Gedanken verstehen.

Zur Theorie der Kommunikation:
Ein kommunikativer Akt ca besteht aus einer bedeutungstragenden Aktivität ma, der ein kommunikativer Sinn cs hinsichtlich eines bestimmten Interaktionsgefüges ias (interactional setting) zugewiesen wird.

Formal: (iv) ca = <ma, ias, cs>.

Eine bedeutungstragende Aktivität ma kann aufgefaßt werden als ein Teil externen Verhaltens, das eine Person p zur Zeit t als Ausdruck eines mentalen Zustands zeigt. ma kann eine bestimmte Mimik, das Fahren eines bestimmten Wagens usw. sein. In diesem Sinne ist eine sprachliche Äußerung u eine bedeutungstragende Aktivität ma. Unterscheidungskriterium zwischen ma und u: u besitzt eine spezifische semantische Struktur; dies gilt nicht für nichtsprachliche ma's.
Eine Person p verfügt über ein System von Regeln, Prinzipien und Schemata der sozialen Interaktion, die es ihr erlauben ein interaktionales Gefüge zu konstruieren und den kommunikativen Sinn cs einer bedeutungstragenden Aktivität ma abzuleiten.

Zusammenfassende formale Charakterisierung eines Sprachaktes:

(v) <<ins, p, t, <pt, syn, sem>, ct, m>, ias, cs>




Sprechakttheorie

Der Satz Paul kommt morgen kann unterschiedlich verstanden werden. Etwa als:
1) Mitteilung
2) Warnung
3) Frage
4) Ankündigung
5) Antwort
6) usw.

Indem man mit Äußerungen warnt, feststellt, ankündigt usw. vollzieht man Handlungen.

Für eine Theorie sprachlichen Handelns stellen sich die folgenden Fragen:
- Welcher Art sind die Handlungen, die mit Äußerungen vollzogen werden?
- Wie läßt sich feststellen (wie interpretieren Hörer), um welche Handlung es geht?
- Welche Struktur besitzen diese Handlungen?
- Welche systematischen Beziehungen bestehen zwischen diesen Handlungen?



Zur Theorie Austins (1962):

Die Sprachphilosophie betrachtete Sprache noch bis Mitte des 20 Jhd. als Mittel, um Aussagen über die Welt zu machen, die wahr oder falsch sein können; etwa:

            (i)         Die Erde ist eine Scheibe.
            (ii)        Zwei mal zwei ist gleich vier.
aber:    (iii)       Ich verurteile Dich zum Tode.
            (iv)       Ich verspreche Dir, zu kommen.

Während die Äußerungen (i) und (ii) wahr oder falsch sein können, sit dies für die Äußerungen (iii) und (iv) nicht möglich. Es ist vielmehr der Fall, dass mit den Äußerungen (iii) und (iv) eine Handlung dergestalt vollzogen ist, dass - geeignete Umstände vorausgesetzt - die Welt in der Hinsicht verändert ist, dass jemand zum Tode verurteilt ist bzw. ein Versprechen gegeben wurde. Dieser Sachverhalt führt zur Dichotomie: konstativ vs. performativ.

performative Äußerungen: 
- stellen den Vollzug einer Handlung dar
- können weder wahr noch falsch sein

konstative Äußerungen:
- stellen Aussagen über die Welt dar und können, je nach dem,ob  sie den Tatsachen entsprechen, wahr oder falsch sein.

performative Äußerungen lassen sich weiter unterscheiden in

(i) explizit performative Äußerungen:
Ich verspreche Dir, zu kommen.
- Hiermit stelle ich fest, dass...
- Ich warne Dich, sei pünktlich
(ii) implizit performative Äußerungen:
- Ich komme.
- Dallas beginnt nach der Tagesschau.
- Sei bloß pünktlich.



Komponenten eines Sprechaktes nach Austin (1962):

Ein Sprechakt hat mindestens die folgenden Komponenten:

(i) Das Äußern eines Satzes
lukotionärer Akt:
 a) phonetischer Akt Äußern gewisser Laute und Lautkombinationen.
b) phatischer Akt  Die vorkommenden Bestandteile des Satzes werden gemäß gewisser grammatischer Prinzipien konstruiert.
c) rhetischer Akt determiniert, worüber gesprochen wird (Referenz) und was darüber ausgesagt wird (Prädikation). 
illokutionärer Akt:  Intention des Sprechers
perlokutionärer Akt: Effekt, der beim Hörer erzielt wird

Im Falle von explizit performativen Äußerungen enthält Austins rhetischer Akt bereits die illokutionäre Rolle der Äußerung. Daher trifft Searle (1965, 1968) eine etwas modifizierte Differenzierung:
(i)   Äußerungsakt
(ii)  propositionaler Akt (besteht immer aus Referenz und Prädikation)
(iii) illokutionärer Akt
(iv) perlukotionärer Akt



Klassifikation von Sprechakten nach Searle (1979)

Im Wesentlichen drei Klassifikationskriterion:
(i)    illocutionary point (Intention des Sprechers)
(ii)   direction of fit (Anpsassungsrichtung: Welt !” Wort)
(iii)  ausgedrückter psychischer Zustand

 

Anpassungsrichtung

psychischer Zustand

illocutionary point

Repräsentativa

Wort --> Welt

Glaube, dass p

s wird darauf festgelegt, dass p

Direktiva

Welt --> Wort

Wille, Wunsch

S versucht H dazu zu bringen, a zu tun

Kommissiva

Welt -- Wort

Absicht

s verpflichtet sich, a zu tun

Deklarativa

Welt --> Wort

 

beliebig

Expressiva

beliebig

beliebig

beliebig

Aktbedingungen nach Searle: Sprechakte unterliegen spezifischen Gelingensbedingungen, die Sprecher und Hörer bekannt sind, und die erfüllt sein müssen, damit ein Sprechakt richtig und vollständig vollzogen werden kann.

Bedingungen für Glücken von Sprechakten (Glückensbedingungen) am Beispiel 'Versprechen'.

Ein Sprecher S verspricht einem Hörer H mit der Äußerung von T aufrichtig, dass p, genau dann, wenn die folgenden Bedingungen erfüllt sind:

1. allgem. Bedgg.: Es gelten normale Ein- und Ausgabebedingungen.
2. Bedgg. des propositionalen Gehalts: S drückt mit der Äußerung von T die Proposition aus, dass p.
3. Indem S ausdrückt, dass p, prädiziert S einen zukünftigen Akt A von S.
4. Einleitungsbegg.: H würde es vorziehen, dass S A ausführt, statt das H es unterließe, S auszuführen, und S glaubt, dass H es vorziehen würde, dass S A ausführt, statt es zu unterlassen.
5. Offensichtlichkeitsbedgg.: Es ist sowohl für S als auch für H nicht offensichtlich, dass S bei normalem Verlauf der Ereignisse A ausführen würde.
6. Aufrichtigkeitsbedgg.: S beabsichtigt, A zu tun.
7. wesentliche Bedgg.: S beabsichtigt, sich mit der Äußerung T zur Ausführung von A zu verpflichten.

zu 1.: Falls etwa S stumm und H taub ist, ist der Sprechakt bereits an dieserr Bedingung gescheitert

zu 2. & 3.: Es handelt sich stets um einen zukünftigen Akt, den S selbst ausführt, oder Sorge dafür trägt, dass jemand anderes diesen Akt ausführt

zu 4. & 5.: pmuss für den Adressaten angenehm sein, (bei einer Drohung liegt der umgekehrte Fall vor)
Offensichtlichkeitsbedgg: Es ist normalerweise nicht klar, dass p eintritt.

So ist etwa die Äußerung Ich esse heute zu mittag nur dann ein Versprechen, wenn dies nicht zum normalen Verlauf der Ereignisse gehört.

zu 6.: Aufrichtigkeitsbededingung: auch unaufrichtige Versprechen können gegegeben werden, sind dann aber nicht gelungen, weil die Handlung nicht erfolgreich vollzogen wurde.

zu 7.: wesentliche Bedingung: S verpflichtet sich dazu, p zu tun.


Aus diesen Bedingungen extrahiert Searle im Wesentlichen vier semantische Regeln, die es erlauben, innerhalb der Sprechaktklassen verschiedene Sprechakttypen zu unterscheiden.
Sprechakttypen (Typen illokutionärer Akte) entsprechen dabei den jeweiligen illokutionären Verben.

Semantische Regeln:
1. Regeln des propositionalen Gehalts
2. Einleitungsregel
3. Aufrichtigkeitsregel
4. wesentliche Regel


Beispiele für Sprechakttypen in Sprechaktklassen:
Repräsentativa: behaupten, feststellen, andeuten, prophezeien, ...
Direktiva: auffordern, bitten, befehlen, anordne, einladen, ...
Kommissiva: versprechen, geloben. drohen, vereinbaren, anbieten, ...
Deklarativa: exkommunizieren, Krieg erklären, taufen, ernennen, ...



Indirekte Sprechakte

Implikaturen

Literatur: Grice, 1975. Logic and Conversation.
Cambridge, London: Cambridge University Press.

Zwei Feststellungen führen Grice zur Theorie der Implikaturen:

(i) Aus der wörtlichen Bedeutung von Äußerungen geht nicht immer hervor, was Sprecher tatsächlich meinen. Wörtliche Bedeutung und kommunikativer Sinn weichen voneinander ab:
-in der wörtlichen Bedeutung ist nicht enthalten, was gemeint
ist
-es wird mehr ausgedrückt, als in der wörtlichen Bedeutung
enthalten ist

(ii) Jeder Konversation liegt ein Kooperationsprinzip zugrunde:
"Gestalte eine Äußerung so, daß sie dem anerkannten Zweck dient, den du gerade mit deinen Kommunikationspartnern verfolgst."

Implikaturen liegen vor, wenn mit einer Äußerung mehr gemeint ist, als in der wörtlichen Bedeutung dieser Äußerung enthalten ist. Diese zusätzliche Information wird implikatiert (nicht impliziert!, Implikation ist eine logische Relation, Implikatur eine pragmatische).


konventionelle vs. konversationelle Implikaturen

Konventionelle Implikaturen liegen vor, wenn mit Hilfe konventioneller sprachlicher Mittel eine zur wörtlichen Bedeutung hinzukommende Bedeutung implikatiert wird.

Bspe.: (i) Otto ist Boxer, deshalb ist er dumm.

"deshalb" ist ein konventionelles sprachliches Mittel, um Kausalbezüge herzustellen. Daher wird mit (i) implikatiert, daß alle Boxer dumm sind.

(ii) Kannst Du bitte dieses Gewicht hochheben?
"bitte" ist ein konventionelles sprachliches Mittel, um Aufforderungen auszudrücken. Ohne die Partikel "bitte", wäre (ii) durchaus als Frage zu verstehen.

Konversationelle Implikaturen liegen vor, wenn Zusatzinformationen implikatiert werden, ohne daß diese durch konventionelle Mittel angezeigt werden. (vgl. indirekte Sprechakte). Hierbei muß ein Hörer mehr rekonstruieren und interpretieren, um den kommunikativen Sinn der Äußerung zu erfassen.

 


Die Grice'schen Konversationsmaximen

Das Kooperationsprinzip ist die oberste Maxime, die jeder Konversation zugrundeliegt. Es läßt sich differenzieren in die vier Submaximen:

(i) Maxime der Quantität
Mache deinen Beitrag so informativ wie notwendig und nicht
informativer als notwendig.

(ii) Maxime der Qualität
Sage nichts, was du für falsch hältst, oder wofür du keine
hinreichenden Gründe hast.

(iii) Maxime der Relevanz
Sei relevant. / Sprich zur Sache.

(iv) Maxime der Modalität
Mache deinen Redebeitrag durchsichtig
-vermeide Doppeldeutigkeit
-vermeide Unklarheit
-vermeide Weitschweifigkeit

Implikaturen können entweder durch (i) das Befolgen oder (ii) das Verletzen von Konversationsmaximen erschlossen werden.



Deixis

Literatur: Bühler, K., 1934. Sprachtheorie. Stuttgart, New York: Gustav Fischer Verlag (= UTB 1159).

Deiktische Ausdrücke sind sprachliche Variable, die durch den Kontext belegt werden.

Bsp.: Ich möchte, daß ihr mich bald hier abholt.

Bereiche, in denen deiktische Ausdrücke möglich sind

-Personendeixis: Verhälnis von Sprecher, Hörer und Dritten, erste, zweite, dritte Person: Ich, Du, usw.
-Ortsdeixis: Verhältnis von Sprecherort zu Ereignisort: dort, da, unten, rechts usw.
-Zeitdeixis: Verhältnis von Sprechzeit zu Zeitpunkten oder -intervallen der ausgedrückten Ereignisse: morgen, gestern, danach usw.
-soziale Deixis: Verhältnis der Gesprächsteilnehmer zu ihrer sozialen Schichtzugehörigkeit:
Pluralis majestatis, Anrede-Pronomina, akade mische Titel
-Diskursdeixis: Verhältnis von Diskursteilen zur aktuellen Äußerung:
Diese Behauptung ist falsch.
Dieser Satz hat fünf Wörter.

Der letzte Satz ist ein Beispeil für sog. Token-Reflexivität, d.h. ein Element (sog. token) einer ganzen Klasse gleichartiger Elemente (sog. types) ist reflexiv, d.h.: bezieht sich auf sich selbst.
Fragen: Wie werden deiktische Ausdrücke von Hörern interpretiert?
Auf welche Kenntnissysteme beziehen sich Hörer, um diese
sprachlichen Variablen mit Referenzpunkten zu belegen?


Deiktisches Zentrum(auch: Ich-Hier-Jetzt Origo)

(i) zentrale Person: Sprecher
(ii) zentrale Zeit: Sprechzeit
(iii) zentraler Ort: Sprecherort zur Zeit der Äußerung
(iv) soziales Zentrum: sozialer Status des Sprechers
(v) Diskurszentrum: momentaner Äußerungspunkt des Sprechers


Deiktische Projektion

Verschiebung des deiktischen Zentrums auf ein anderes Zentrum.
Bspe.:
Protagonist in Ich-Erzählungen
rechts-links Unterscheidung vom Hörer aus

Vergangenheits- und Zukunftspräsens



Wörtliche vs. nicht-wörtliche Bedeutung

Gegenstand der Semantik ist die Beschreibung der wörtlichen Bedeutung von Sätzen. Dies ist der Teil der Gesamtbedeutung, der sich ausschließlich aus den verwendeten sprachlichen Mitteln und ihrer Kombinatorik ergibt.

Dieser Sachverhalt drückt sich in der Formel:
ls = <pt, syn, sem>
aus, in der das folgende gilt: For any ls there is nothing in sem that is not related by syn to some part or configuration in pt. sem determines an utterance meaning m with respect to a context ct in which u is interpreted (d.h.: sem(ct) = m). (vgl. Bierwisch 1980)
Alle zusätzlichen Bedeutungsanteile, die nicht mittels syn von pt nach sem abgebildet werden, sind implikatiert.


wörtliche vs. implikatierte Bedeutung


Def.: Ein Bedeutungsanteil B eines sprachlichen Ausdrucks S im
Kontext K ist implikatiert, gdw. folgendes gilt:
(i) B ist variabel bzw. kontextabhängig
(ii) B ist streichbar (d.h.: an S kann im Kontext K die
Verneinung bzw. Rücknahme von B angeschlossen werden,
ohne daß S widersprüchlich wird.)
(iii) B ist pragmatisch rekonstruierbar.

Analog definiert man die wörtliche Bedeutung, die unter den gegebenen Voraussetzungen
(i) nicht variabel (also kontextinvariant)
(ii) nicht streichbar
(iii) nicht pragmatisch rekonstruierbar ist.



Satzbedeutung und Wahrheit

Wahrheit
Ein Satz S, der konstatiert, daß p, ist wahr, gdw.
der Sachverhalt p ist in der Situation, über die man spricht, der Fall.

Wie läßt sich die Bedeutung (konstativer) Äußerungen auf ihre Wahrheit bzw. Falschheit beziehen?
Es besteht der folgende Zusammenhang:

Die Bedeutung eines Satzes S ist bekannt, gdw. alle Situationen bekannt sind, in denen S wahr ist.
(Die Bedeutung eines Satzes zu kennen, heißt zu wissen, wie die Welt beschaffen sein muss, damit er wahr ist.)

Teil der Bedeutung.
S' ist Teil der wörtlichen Bedeutung von S,
gdw. in jeder Situation, in der S wahr ist, auch S' wahr ist. (S -> S')

Bedeutung
Die Bedeutung von S ist gleich der Summe aller Teibedeutungen (d.h.: die Bedeutung von S ist gegeben durch die Menge aller Folgerungen aus S).

Bedeutung (extensional)
Die Bedeutung von S ist gegeben durch die Menge aller Situationen, auf die bezogen S wahr ist.



Sinnrelationen

Synonymie
Zwei Sätze S1 und S2 sind synonym, gdw.
in jeder Situation, in der S1 wahr ist, ist auch S2 wahr und umgekehrt. (kürzer: S1 <-> S2, d.h. aus S1 läßt sich S2 folgern und aus S2 läßt sich S1 folgern.)

Inklusion
Ein Satz S1 inkludiert (echt) einen Satz S2, gdw.
in jeder Situation, in der S1 wahr ist, ist auch S2 wahr, aber nicht notwendigerweise umgekehrt. (kürzer: S1 -> S2)

Kontradiktion (Komplementarität)
Zwei Sätze S1 und S2 sind kontradiktorisch, gdw. aus der Wahrheit von S1 die Falschheit von S2 folgt und umgekehrt. (kürzer: S1 -> ¬S2 und S2 -> ¬S1)

weitere Sinnrelationen:
Hyperonymie - "Oberbegriff von": Pferd:Rappe, Gebäude:Haus usw.
Hyponymie - "Unterbegriff von": Pferd:Lebewesen, Amsel:Vogel usw.
Antonymie - "im Gegensatz zu": hoch:tief, weit:nah usw.



Zu unterscheiden ist weiterhin: Wortsemantik vs. Satzsemantik

Wortsemantik oder lexikalische Semantik beschreibt die Relationen und charakterisierenden Bedeutungskomponenten der Wörter der Sprache in ihrem Verhältnis zu anderen Wörtern der Sprache. (-> Sinnrelationen, Wortfeldtheorie, Komponentenanalyse)
Satzsemantik beschreibt die Wahrheitsbedingungen und -werte komplexer strukturierter Anordnungen von Wörtern der Sprache. Das wesentliche Anliegen der Satzsemantik besteht in der kompositionellen Rekonstruktion komplexer Bedeutungen. Da mit einer endlichen Anzahl von Bedeutungen (der vorhandenen Lexikoneinträge) beliebig viele -letztlich unendlich viele- komplexe Bedeutungen aufgebaut werden können, muss ein Kompositionalitätsprinzip angenommen werden. Die Formulierung eines solchen Prinzips schreibt man dem deutschen Logiker, Mathematiker und Philosophen Gottlob Frege zu (, obwohl dieser es nie explizit angegeben hat. Gleichwohl entspricht es genau dem Geist seiner Schriften.).



Freges Kompositionalitätsprinzip
Die Beutung eines komplexen sprachlichen Ausdrucks läßt sich aus der Bedeutung der beteiligten Teilausdrücke und der Art ihrer Zusammensetzung berechnen.

Komplexe Bedeutungen ergeben sich demzufolge aus der Bedeutung der Teilausdrücke und der syntaktischen Struktur.

(Zu weiteren Einzelheiten vgl. Arbeitspapier Semantik)


Lezte Aktualisierung am 11.1.2001 von Horst Lohnstein