Grundlagenseminar: Einführung in die Sprachwissenschaft
Arbeitspapier: Semantik
Horst Lohnstein
1.Aussagenlogik
In den folgenden Abschnitten betrachten wir die Beziehung zwischen sprachlichen
Ausdrücken und der Welt und sehen uns dazu zunächst die einfachen
(Aussage-) Sätze in (1) an.
| (1) (i) | Peter ist in Paris. |
| (ii) | Ein brauner Hund läuft den Hügel hinauf. |
| (iii) | Karl hat gestern drei Autos zu Schrott gefahren. |
Derartige Sätze analysieren wir zunächst nicht weiter, sondern fassen
sie als elementare Aussagen auf. Als solche können diese Sätze entweder
wahr oder falsch sein. Wenn z.B. in einer Weltsituation, in der ein brauner Hund
den Hügel hinauf läuft, eine Person den Satz (1)(ii) äußert,
dann ist dieser Satz wahr. Ist es hingegen nicht der Fall, daß ein brauner
Hund den Hügel hinauf läuft, so ist der Satz (1)(ii) falsch.
Andere einfache Sätze wie die in (2) können nicht wahr oder falsch sein.
| (2) (i | Kommt Franz morgen? |
| (ii) | Wer will schwimmen gehen? |
| (iii) | Gib mir 'mal fünf Mark! |
| (iv) | Wäre das doch nicht passiert! |
Der Satz (2)(i) ist eine Entscheidungsfrage, auf die mit Ja oder Nein
geantwortet werden kann, während der Satz (2)(ii) eine Ergänzungsfrage
ist, die beantwortet werden kann, indem man die Personen nennt, die schwimmen
gehen wollen. Satz (2)(iii) ist ein Imperativsatz, auf den eine Handlung des Hörers
erfolgt, und (2)(iv) ist ein Exklamativsatz, mit dem eine innere Befindlichkeit
ausgedrückt werden kann. Diesen vier Sätzen ist gemeinsam, daß
sie weder wahr noch falsch sein können. Da wir gerade nach den Wahrheitsbedingungen
von Sätzen fragen, fallen sie nicht in den Bereich unseres Interesses.
Nun interessieren uns nicht nur einfache Sätze wie in (1), sondern auch komplexere
Zusammenfassungen solcher Sätze wie in (3).
| (3) (i) | Petra ist im Kino und Franz ist in der Kneipe. |
| (ii) | Peter kommt nicht. |
| (iii) | Wenn Franz Bier trinkt, dann ist Petra sauer. |
| (iv) | Peter ist in Rom oder Karl ist in London. |
Wir wollen auch zu diesen z.T. koordinierten Sätzen feststellen können,
unter welchen Bedingungen sie wahr oder falsch sind. Offensichtlich hängt
diese Bewertung nicht ausschließlich davon ab, ob die einzelnen Sätze
jeweils wahr oder falsch sind, sondern auch davon, welche Verbindung zwischen
den jeweils verknüpften Sätzen besteht. So ist der Satz (3)(i) nur
dann wahr, wenn sowohl Petra im Kino als auch Franz in der Kneipe ist, d.h.
beide Teilsätze müssen wahr sein, damit auch der Gesamtsatz wahr ist.
Bei dem Satz (3)(iv) ist dies aber anders. Hier genügt ein wahrer Teilsatz
für die Wahrheit des Gesamtsatzes.
Der Satz (3)(ii) sieht zunächst wie ein einfacher Satz aus. Doch auch dieser
Satz ist komplex, denn in ihm steckt der Teilsatz Peter kommt, und
dieser Teilsatz wird negiert mit dem Wörtchen nicht. Wenn Peter
tatsächlich kommt, dann ist der Satz Peter kommt wahr, der Satz
Peter kommt nicht ist hingegen falsch.
Schwieriger als diese ersten Sätze ist der Satz (3)(iii) zu beurteilen.
Er ist sicherlich wahr, wenn Franz tatsächlich Bier trinkt und Petra tatsächlich
sauer ist. Der Satz ist aber sicherlich falsch, wenn Franz tatsächlich
Bier trinkt, Petra aber nicht sauer ist. Wenn Franz kein Bier trinkt, Petra
aber sauer ist und jemand äußert in dieser Situation (3)(iii), so
ist dieser Satz hinsichtlich seines Wahr- bzw. Falschseins intuitiv schwierig
zu beurteilen.
1.1 Syntax der Aussagenlogik
Uns interessiert nun, welche Auswirkung die Verwendung der unterschiedlichen
Satzkonnektoren auf die Wahrheit des Gesamtsatzes hat. Um dies systematisch
zu untersuchen, wollen wir zunächst festlegen, welche Menge von Sätzen
wir überhaupt betrachten wollen. Nun haben wir in der Mengenlehre bereits
unterschiedliche Verfahren kennengelernt, mit denen wir Mengen angeben können.
Da es sich bei der Menge der einfachen und komplexen Sätze bereits um unendlich
viele Sätze handelt, ist es prinzipiell unmöglich, alle Sätze
aufzuschreiben. Wir wollen daher rekursiv definieren, welche Sätze
Gegenstand unserer Untersuchung sind. Dazu geben wir zunächst an, was atomare
Aussagen sind und legen fest, daß alle atomaren Aussagen zur Menge
der wohlgeformten Formeln (wff) gehören. Sodann geben wir an,
wann zwei wohlgeformte Formeln wieder eine wohlgeformte Formel ergeben. Und
schließlich müssen wir noch festlegen, daß außer dem
genannten nichts anderes eine wohlgeformte Formel ist. Damit haben wir ein syntaktisches
System konstruiert, welches uns eine unendlich große Menge wohlgeformter
Formeln definiert. Wir formulieren also rekursive Regeln für die Menge
der wffn. Die Regelmenge nennen wir die Syntax der Aussagenlogik. Die
einzelnen Regeln legen fest, in welcher Art und Weise einzelne Aussagen verknüpft
werden können. Die atomaren Aussagen p, q, ... und die Konnektoren bilden
das Vokabular der Aussagenlogik.
(4) Syntax der Aussagenlogik.
|
(i) |
Jede atomare Aussage ist eine wohlgeformte Formel (wff). |
|
(ii) |
1. Jede wff, der das Symbol '¬' (Negation) vorausgeht, ist eine wff. |
|
(iii) |
Nichts sonst ist eine wff. |
Dieses syntaktische System erlaubt uns u.a. die folgenden wohlgeformten Formeln
zu bilden:
(5) p, (pÙq), ¬(p <->
q), ¬(¬r), ((((pÚq) Ù¬s)®
r) <-> s)
Damit haben wir zunächst die syntaktische Struktur der Ausdrücke
festgelegt, die wir betrachten wollen. Nun möchten wir darüberhinaus
auch wissen, welche Wahrheitswerte diese komplexen Ausdrücke haben, d.h.
wir fragen nach ihrer semantischen Struktur.
1.2. Semantik der Aussagenlogik
Um sicherzugehen, daß wir zu allen Ausdrücken eine semantische Struktur
erhalten, müssen wir semantische Regeln angeben, die den syntaktischen Regeln
zugeordnet sind, d.h. jedesmal, wenn eine syntaktische Regel angewendet wird,
wird auch eine korrespondierende semantische Regel angewendet. Über diese
Korrespondenz der Anwendungen von syntaktischen Regeln und semantischen Interpretationsregeln
werden wir genau die Wahrheit bzw. Falschheit von komplexen Sätzen berechnen
können. Da die wohlgeformten Formeln aus atomaren Aussagen und Verknüpfungen
bestehen, gehen wir so vor, daß jeder atomaren Aussage ein Wahrheitswert
zugeordnet wird. Als Wahrheitswerte wählen wir das Symbol 1 für
eine wahre Aussage und das Symbol 0 für eine falsche Aussage.
Sodann müssen wir festlegen, welche Wahrheitsbedingungen die Konnektoren
haben. Diese Festlegung geschieht durch sog. Wahrheitswert-Tabellen.
In einer solchen Tabelle sind alle möglichen Kombinationen von Wahrheitswerten
der beteiligten Aussagen erfaßt, und die Tabelle gibt jeweils an, bei welcher
Verteilung sich welcher Wahrheitswert ergibt. Betrachten wir zunächst die
einfache Tabelle für die Negation. Diese Tabelle ist deshalb unkompliziert,
weil sich die Negation nur auf eine Aussage bezieht, wie wir aus den
syntaktischen Regeln ersehen können. Die vier anderen Konnektoren beziehen
jeweils zwei Aussagen aufeinander.
Wenn wir untersuchen wollen, was die Bedeutung der Negation einer Aussage ist,
so sind zwei Fälle zu unterscheiden. Eine Aussage kann entweder wahr oder
falsch sein. Wenn eine Aussage wahr ist, so ist ihre Negation falsch; und wenn
eine Aussage falsch ist, so ist ihre Negation wahr. Wenn z.B. die Aussage Paul
ist in Rom wahr ist, d.h. daß Paul tatsächlich in Rom ist, dann
ist die negierte Aussage Paul ist nicht in Rom oder Es ist nicht
der Fall, daß Paul in Rom ist falsch. Ist die Aussage Paul ist
in Rom falsch, d.h. daß sich Paul tatsächlich nicht in Rom aufhält,
dann ist die negierte Form dieser Aussage, nämlich Paul ist nicht in
Rom oder Es ist nicht der Fall, daß Paul in Rom ist, wahr.
Die Eigenschaft der Negation scheint also zu sein, daß sie die Wahrheit
von Aussagen gerade in ihr Gegenteil verkehrt. Diesen Sachverhalt drücken
wir nun in der folgenden Wahrheitswert-Tabelle aus.
(6) Negation:
| p | ¬p |
| 1 0 |
0 1 |
|
Beispiel: |
p = Peter kommt. |
|
¬p = Es ist nicht der Fall, daß Peter kommt. |
|
|
= Peter kommt nicht. |
In der ersten Spalte von (6) stehen die beiden möglichen Wahrheitswerte,
die die Aussage p annehmen kann. In der zweiten Spalte stehen die Wahrheitswerte,
die die Formel ¬p hat, wenn p den Wert in der ersten Spalte annimmt. Damit haben
wir zu der ersten syntaktischen Regel eine semantische Regel
formuliert.
Dies wollen wir nun auch für die zweite syntaktische Regel vornehmen. Die
Konjunktion verbindet zwei Aussagen miteinander, etwa die Aussage p
= Peter ist in Rom und die Aussage q = Maria ist in Paris.
Wann ist demnach die Aussage Peter ist in Rom und Maria ist in Paris
wahr bzw. falsch? Nun, wenn Peter tatsächlich in Rom ist und wenn Maria
tatsächlich in Paris ist, dann ist diese Aussage wahr. Wenn aber Peter
nicht in Rom ist, Maria hingegen in Paris ist, dann ist die Aussage falsch.
Genauso verhält es sich, wenn Peter tatsächlich in Rom, Maria aber
tatsächlich irgendwo anders als in Paris ist. Die Aussage ist auch falsch,
wenn sowohl Peter tatsächlich nicht in Rom, und Maria tatsächlich
nicht in Paris ist. Wir müssen also, wenn wir alle Fälle berücksichtigen
wollen, eine Wahrheitswert-Tabelle mit vier Zeilen aufstellen. Jede Zeile enthält
eine mögliche Verteilung der Wahrheitswerte der beiden Aussagen.
(7) Konjunktion:
| p | q | (p Ù q) |
| 1 | 1 | 1 |
| 1 | 0 | 0 |
| 0 | 1 | 0 |
| 0 | 0 | 0 |
|
Beispiel: |
p = |
Peter raucht. |
|
q = |
Maria trinkt. |
|
|
(p Ù q) = |
Peter raucht und Maria trinkt. |
Damit haben wir auch für die zweite syntaktische Regel eine semantische
Regel formuliert.
Die Zeilenanzahl einer Wahrheitswert-Tabelle ist abhängig von der Anzahl
der auftretenden Variablen. Hat man eine Verknüpfung mit drei Variablen,
so erhöht sich die Zeilenanzahl auf acht, bei vier Aussagen auf sechzehn
usw. Die Anzahl der Zeilen einer Wahrheitswert-Tabelle läßt sich berechnen,
wie in (8) angegeben.
(8) Wenn eine komplexe Formel n verschiedene Aussagen enthält, so ist die
Anzahl der Zeilen für die Wahrheitswert-Tabelle dieser Formel gleich 2n.
Die Disjunktion entspricht der Verknüpfung mit 'oder'. Diese Art
der Verbindung zweier Aussagen hat andere Wahrheitsbedingungen als die Verknüpfung
mit der Konjunktion 'Ù'. Wäre dies nicht so, so
würde 'oder' das gleiche bedeuten wie 'und'.
Betrachten wir nochmals die beiden Aussagen p = Peter ist in Rom und
q = Maria ist in Paris. Die Aussage Peter ist in Rom oder Maria ist
in Paris ist offensichtlich wahr, wenn Peter tatsächlich in Rom und
zugleich Maria tatsächlich in Paris ist. Dabei setzen wir voraus, daß
das einschließende 'oder' gemeint ist, das mit vel ins Lateinische
übersetzt wird, und nicht das ausschließende entweder oder,
das mit aut zu übersetzen ist. Im Deutschen haben beide Bedeutungen
nur eine Lautform. Die komplexe Aussage ist -im Gegesatz zur Konjunktion- aber
auch dann wahr, wenn nur eine der beiden beteiligten Aussagen wahr ist. Wenn also
nur Peter tatsächlich in Rom ist, Maria aber in London, dann ist die Gesamtaussage
in diesem Fall genauso wahr, als wenn Peter tatsächlich in London, Maria
aber in Paris ist. Nur wenn beide Teilaussagen falsch sind, wird auch deren Verknüpfung
mit 'Ú' falsch. Wenn also weder Peter in Rom noch Maria
in Paris ist, so ist die Gesamtaussage falsch. Wir erhalten damit die Wahrheitswert-Tabelle
für die Disjunktion in (9).
(9) Disjunktion:
| p | q | (p Ú q) |
| 1 | 1 | 1 |
| 1 | 0 | 1 |
| 0 | 1 | 1 |
| 0 | 0 | 0 |
|
Beispiel: |
p = |
Peter raucht. |
|
|
q = |
Maria trinkt. |
| (p Ú q) = |
Peter raucht oder Maria trinkt. |
Die wenn ... dann ...-Beziehung wird Konditional '®'
genannt, und sie verknüpft ebenfalls zwei Aussagen. Nur sind die Wahrheitswert-Verteilungen
bei dieser Verknüpfung nicht so leicht ausfindig zu machen. Wenn wir wieder
die beiden Aussagen p = Peter ist in Rom und q = Maria ist in Paris
betrachten, so sagt uns unser intuitives Verständnis, daß, wenn beide
Aussagen wahr sind, auch die wenn...dann...-Verknüpfung wahr ist.
Wenn es also wahr ist, daß Peter in Rom und Maria in Paris ist, dann ist
die Aussage Wenn Peter in Rom ist, dann ist Maria in Paris wahr. Und
ähnlich plausibel erscheint es uns, daß diese Aussage falsch ist, wenn
Peter in Rom, Maria aber nicht in Paris ist.
Problematisch wird die Bewertung, wenn die Aussage p falsch ist. Wenn Peter tatsächlich
nicht in Rom, Maria aber tatsächlich in Paris ist, und irgendjemand sagt,
Wenn Peter in Rom ist, dann ist Maria in Paris, dann scheint dieser Satz
zunächst falsch zu sein. Tatsächlich können wir aber gar nicht
genau sagen, was er bedeutet. Denn wenn wir von einer Voraussetzung ausgehen,
die falsch ist, dann kann daraus alles mögliche folgen. Wenn etwa 2 x 2 =
5 ist, dann wissen wir einfach nicht, wie die Welt beschaffen ist, so daß
die Aussage Es gibt zehn Päbste wahr sein könnte. In der Tat
scheinen unsere Intuitionen bzgl. der Aussage wenn p, dann q zu versagen,
wenn p falsch ist. Solange wir aber nur zwei Möglichkeiten zur Auswahl haben,
nämlich wahr oder falsch, müssen wir uns für
eine der beiden entscheiden. Da es -wie wir später noch sehen werden- gute
Gründe dafür gibt, dem Konditional bei falschem Vordersatz den Wert
wahr zuzuordnen, wollen wir die Wahrheitswert-Tabelle entsprechend festlegen.
(10) Konditional:
| p | q | (p ® q) |
| 1 | 1 | 1 |
| 1 | 0 | 0 |
| 0 | 1 | 1 |
| 0 | 0 | 1 |
|
Beispiel: |
p = |
Peter raucht. |
|
q = |
Maria trinkt. |
|
|
(p ® q) = |
Wenn Peter raucht, dann trinkt Maria. |
Wenn wir den nächsten Konnektor, das Bikonditonal '<->'
diskutiert haben, werden wir sehen, daß diese Festsetzung durchaus vernünftig
war. Das Bikonditional läßt sich im Deutschen auch mit genau dann,
wenn paraphrasieren. Des Ausdruck p <-> q
entspricht einer zweifachen Verwendung des Konditionals, nämlich: p ® q
und q ® p. Das Bikonditional ist also ein
Konditional in beide Richtungen. Eine Aussage, die aus zwei mit demn Bikonditional
verknüpften Aussagen gebildet ist, ist genau dann wahr, wenn beide Ausagen
den gleichen Wahrheitswert haben. Dies führt zu der Wahrheitswert-Tabelle
in (11).
(11) Bikonditional:
| p | q | (p <-> q) |
| 1 | 1 | 1 |
| 1 | 0 | 0 |
| 0 | 1 | 0 |
| 0 | 0 | 1 |
|
Beispiel: |
p = |
Peter raucht. |
|
q = |
Maria trinkt. |
|
|
(p <-> q) = |
Peter raucht, gdw. Maria trinkt. |
Mit den fünf verschiedenen Wahrheitswert-Tabellen haben wir zu jeder syntaktischen
Regel eine semantische Regel formuliert, so daß wir nun zu einer beliebig
komplexen Formel, die unser syntaktischer Apparat erzeugt, auch die Wahrheitswerte
angeben können.
Wir gehen von der syntaktischen Struktur der Formel aus und berechnen an jedem
Knoten dieser Struktur die Wahrheitswerte.
Der Ausdruck ((p Ú q) ®
¬(p Ù q)) ist sicherlich eine wohlgeformte Formel.
Wie lassen sich zu dieser Formel die Wahrheitsbedingungen angeben? Wir müssen
alle Kombinationen von Wahrheitswertverteilungen für p und q betrachten und
diese für die einzelnen Verknüpfungen aus den jeweiligen Wahrheitswert-Tabellen
entnehmen. Dazu benötigen wir aber die syntaktische Struktur des Ausdrucks,
der ja auch schon durch die Klammerung sichtbar wird, den wir aber nochmals als
Baumstruktur darstellen wollen.
(12)
Um die Wahrheitsbedingungen am obersten Knoten dieses Baumes zu berechnen, beginnen
wir bei den atomaren Aussagen und prüfen die Wahrheitsbedingungen an allen
Knoten von unten nach oben. Wir folgen dabei der Strategie, daß wir zunächst
die Wahrheitswerte der weniger komplexen Teilausdrücke berechnen und diese
sodann nach den Wahrheitswert-Tabellen der jeweiligen Konnektoren aufeinander
beziehen. Dazu betrachten wir die folgende Tabelle, in der jedem einzelnen Knoten
eine Spalte zugeordnet ist. In diesen Spalten stehen die Wahrheitswerte, die an
den Knoten jeweils unter allen möglichen Ausgangswerten von p und q auftreten.
(13)
| p | q | (p Ú q) | (p Ù q) | ¬(p Ù q) | ((p Ú q) ® ¬(p Ù q)) |
| 1 | 1 | 1 | 1 | 0 | 0 |
| 1 | 0 | 1 | 0 | 1 | 1 |
| 0 | 1 | 1 | 0 | 1 | 1 |
| 0 | 0 | 0 | 0 | 1 | 1 |
| (1) | (2) | (3) | (4) | (5) | (6) |
In der untersten Zeile stehen die Spaltennummern, die den Knotennummern in dem
Baum in (12) entsprechen. Um zu sehen, welche Wahrheitswerte an den Baumknoten
in Abhängigkeit von den Wahrheitswerten von p und q auftreten, betrachtet
man zu jedem Knoten im Baum (12) die zugehörige Spalte in der Tabelle (13).
In den Spalten (1) und (2) stehen die möglichen Wahrheitswert-Verteilungen
für p und q. Da wir die Kombinatorik von zwei Aussagen betrachten, die jeweils
zwei mögliche Wahrheitswerte annehmen können, ergeben sich also vier
Zeilen.
Die Spalten (3) und (4) sind identisch mit den Wahrheitswert-Tabellen für
die Disjunktion und die Konjunktion. Spalte (5) enthält die Werte für
die negierte Spalte (4); und Spalte (6) gibt an, welchen Wahrheitswert die Gesamtformel
-abhängig von den Wahrheitswerten von p und q- jeweils hat. Spalte (6) zeigt
also, daß die Gesamtformel falsch ist, wenn p und q wahr sind, und daß
sie in allen anderen Fällen wahr ist.
Mit Hilfe der Wahrheitswert-Tabellen lassen sich die Wahrheitswerte komplexer
aussagenlogischer Formeln systematisch ermitteln. Der Wahrheitswert der Gesamtformel
ist dabei stets abhängig von den Ausgangs-Wahrheitswerten der beteiligten
atomaren Aussagen. Man spricht daher auch von den Wahrheitsbedingungen
einer aussagenlogischen Formel.
Wir kommen nun auf das Konditional zurück und wollen die Festlegung seiner
Wahrheitswert-Tabelle mit Bezug zum Bikonditional motivieren. Das Bikonditional
p <-> q drückt ja aus, daß p
® q und q ® p
zugleich gelten, so daß die beiden Formeln in (14) bei gleicher Anfangsbelegung
für p und q die gleichen Wahrheitswerte haben sollten.
(14)
|
(i) |
p <-> q |
|
(ii) |
(p ® q) Ù (q ® p) |
Dies prüfen wir einfach anhand der Tabelle in (15) nach.
(15)
| p | q | (p <->q) | (p ® q) | (q ® p) | (p ® q) Ù (q ® p) |
| 1 | 1 | 1 | 1 | 1 | 1 |
| 1 | 0 | 0 | 0 | 1 | 0 |
| 0 | 1 | 0 | 1 | 0 | 0 |
| 0 | 0 | 1 | 1 | 1 | 1 |
| (1) | (2) | (3) | (4) | (5) | (6) |
Ein Vergleich der Spalten (3) und (6) zeigt, daß beide Formeln tatsächlich
zu den gleichen Wahrheitswerten führen. Nehmen wir nun an, daß wir
das Konditional anders definiert hätten, nämlich wie in (16).
(16) ungünstige Definition des Konditionals:
| p | q | (p ® q) |
| 1 | 1 | 1 |
| 1 | 0 | 0 |
| 0 | 1 | 1 |
| 0 | 0 | 0 |
Dann sollten die Spalten (3) und (6) ebenfalls identisch sein. Dies ist, wie
wir der Tabelle in (17) entnehmen können, aber nicht der Fall, da in der
vierten Reihe zwischen den Spalten (3) und (6) keine Übereinstimmung besteht.
(17)
| p | q | (p <->q) | (p ® q) | (q ® p) | (p ® q) Ù (q ® p) |
| 1 | 1 | 1 | 1 | 1 | 1 |
| 1 | 0 | 0 | 0 | 1 | 0 |
| 0 | 1 | 0 | 1 | 0 | 0 |
| 0 | 0 | 1 | 1 | 1 | Þ0 |
| (1) | (2) | (3) | (4) | (5) | (6) |
Die Tabelle ist also hinsichtlich unserer Intuition in den Spalten (3) und
(6) kontraintuitiv. Nun ließe sich einwenden, daß der Unterschied
in diesen Spalten dadurch behoben werden kann, daß das Konditional auch
in der vierten Reihe den Wert 1 annimmt, so daß wir die Tabelle in (18)
erhalten würden.
(18) ebenfalls ungünstige Definition des Konditionals:
| p | q | (p ® q) |
| 1 | 1 | 1 |
| 1 | 0 | 0 |
| 0 | 1 | 0 |
| 0 | 0 | 1 |
Diese Definition führt aber zur Ununterscheidbarkeit von Konditional und
Bikonditional, so daß auch diese Definition nicht sinnvoll sein kann.
Als letzte Möglichkeit verbleibt die Definition in (19), für die wir
aber schon in Tabelle (17) gesehen haben, daß sie in der vierten Reihe
zu kontraintuitiven Resultaten führt.
(19) ebenfalls ungünstige Definition des Konditionals:
| p | q | (p ® q) |
| 1 | 1 | 1 |
| 1 | 0 | 0 |
| 0 | 1 | 0 |
| 0 | 0 | 0 |
Wir können also festellen, daß für die Fälle mit falschem Vordersatz keine Änderung in der Festlegung der Wahrheitswert-Tabelle des Konditionals vorgenommen werden kann, ohne daß kontraintuitive Ergebnisse auftreten.
1.3. Tautologien, Kontradiktionen und Kontingenzen.
Es gibt Formeln, deren Wahrheitswerte unabhängig von der Ausgangswerten
der beteiligten Aussagen stets gleich sind, d.h. solche Formeln sind unter allen
Anfangsbelegungen der Teilausdrücke stets nur wahr oder nur falsch.
|
(20) |
(i) |
Eine Aussage, die stets wahr ist, wird Tautologie genannt. In diesem Fall enthält die letzte Spalte der Wahrheitswert-Tabelle nur 1-en. |
|
(ii) |
Eine Aussage, die stets falsch ist, wird Kontradiktion genannt. In diesem Fall enthält die letzte Spalte der Wahrheitswert-Tabelle nur 0-en. |
|
|
(iii) |
Eine Aussage, die abhängig von den Ausgangswerten der beteiligten Aussagen sowohl wahr als auch falsch sein kann, wird Kontingenz genannt. In diesem Fall enthält die letzte Spalte der Wahrheitswert-Tabelle sowohl 1-en als auch 0-en. |
Der Satz Es regnet oder es regnet nicht ist tautologisch. Wenn wir
den Satz Es regnet mit p bezeichnen, so läßt sich der komplexe
Satz in die folgende Formel übersetzen: p Ú
¬p. Wie wir aus der Tabelle ersehen können, enthält die letzte Spalte
nur 1-en, und die Formel ist nach (20)(i) eine Tautologie.
(21)
| p | ¬p | p Ú ¬p |
| 1 | 0 | 1 |
| 1 | 0 | 1 |
| 0 | 1 | 1 |
| 0 | 1 | 1 |
Der Satz Es regnet und es regnet nicht ist hingegen kontradiktorisch.
Dieser Satz wird mit dem Konnektor 'Ù' übersetzt:
p Ù ¬p. Aus der letzten Spalte der Wahrheitswert-Tabelle
läßt sich nach (20)(ii) ablesen, daß es sich um eine Kontradiktion
handelt. Die beiden mit 'Ù' verknüpften Sätzen
können nicht gleichzeitig wahr sein.
(22)
| p | ¬p | p Ù ¬p |
| 1 | 0 | 0 |
| 1 | 0 | 0 |
| 0 | 1 | 0 |
| 0 | 1 | 0 |
Der Satz Es regnet und die Sonne scheint ist kontingent. Denn wenn
wir den Satz Es regnet mit p bezeichnen und den Satz Die Sonne
scheint mit q, so erhalten wir die folgende Wahrheitswert-Tabelle für
den komplexen Satz:
(23)
| p | q | p Ù q |
| 1 | 1 | 1 |
| 1 | 0 | 0 |
| 0 | 1 | 0 |
| 0 | 0 | 0 |
Nach (20)(iii) ist dieser Satz eine Kontingenz, da in der letzten Spalte sowohl 1-en als auch 0-en auftreten. Die Wahrheit dieses Satzes hängt also von den anfänglichen Wahrheitswerten von p und q ab.
2. Prädikatenlogik
2.1. Prädikate und Valenz
Wir haben bisher betrachtet, wie vollständige Aussagen verknüpft werden
können und wie sich der Wahrheitswert von komplexen Aussagen mittels der
Wahrheitswert-Tabellen der verknüpfenden Konnektoren ermitteln läßt.
Nun wissen wir aber auch, daß Aussagen bzw. vollständige Sätze
nicht die kleinsten sprachlichen Einheiten sind, sondern daß diese durch
Kombination von kleineren Einheiten aufgebaut werden. Solche kleineren Einheiten
sind etwa die Wörter. Wenn wir z. B. den Satz (1) betrachten, so können
wir feststellen, daß dieser Satz aus sieben Wörtern besteht, die
auf eine ganz bestimmte Art geordnet sind.
(1) Ein blauer VW steht an der Straßenecke.
Wir stellen auch fest, daß das Wort Straßenecke aus zwei
Wörtern besteht, die wir aber als zusammengehörig betrachten. Offensichtlich
lassen sich in natürlichen Sprachen Wörter zu neuen Wörtern verbinden.
Das soll uns aber im weiteren nicht interessieren. Wir fragen vielmehr danach,
ob es zwischen den Einheiten der Wörter und der Sätze noch andere
Einheiten gibt, die wir so ohne weiteres nicht sehen. Die Antwort auf die Frage,
ob es diese Einheiten gibt, lautet: Ja. Welche Einheiten sind dies? Nun, wir
können mit dem Satz anfangen zu spielen, indem wir versuchen, Wörter
oder Wortgruppen umzustellen. Dabei fällt uns zuerst auf, daß durch
eine bestimmte Umordnung auch wieder ein Satz entsteht.
(2) An der Straßenecke steht ein blauer VW.
Dieser Satz bedeutet in etwa dasselbe wie der erste Satz. Wenn wir nun versuchen,
weitere Umstellungen vorzunehmen, so bemerken wir, daß dies nicht mehr
funktioniert. Die folgenden Umstellungen führen nicht wieder zu deutschen
Sätzen.
|
(3) |
(i) |
Der Straßenecke steht ein blauer VW an. |
|
(ii) |
VW steht an ein blauer der Straßenecke. |
|
|
(iii) |
An VW blauer Straßenecke der steht ein. |
usw.
Offensichtlich erlauben nur ganz bestimmte Wortgruppen oder Wörter, daß
man sie umstellt, so daß immer noch ein richtiger Satz entsteht. Diese
Wortgruppen nennt man auch Konstituenten. In dem angegebenen Satz sind
offensichtlich die Wortgruppen ein blauer VW und an der Straßenecke
Konstituenten. Wir haben also festgestellt, daß zwischen der Wort- und
der Satzebene weitere Einheiten existieren, obwohl unsere Schrift- und Lautsprache
dies nicht direkt sichtbar werden läßt.
Wir fragen nun danach, welche Verbindung zwischen den verschiedenen Konstituenten
eines Satzes besteht und wodurch diese Verbindung hergestellt wird. In unserem
Beispielsatz ist außer den beiden Konstituenten noch ein Verb enthalten.
Dieses Verb heißt stehen und bezeichnet den Zustand, daß
irgendetwas irgendwo steht. Das irgendetwas ist in unserem Satz ein blauer
VW und das irgendwo ist an der Straßenecke. Der Ausdruck
ein blauer VW bezeichnet ein Objekt und der Ausdruck an der Straßenecke
bezeichnet eine Lokalität, und offensichtlich stellt das Verb stehen
einen Bezug zwischen dem Objekt und der Lokalität dar, so daß der
ganze Satz oder die Aussage einen Zustand beschreibt. Wir wollen sagen, daß
das Verb stehen eine Relation zwischen einem Objekt und einer
Lokalität darstellt und daß diese Relation die Relation des Stehens
ist. Wenn wir in dem Beispielsatz das Verb stehen durch das Verb parken
ersetzen, so bedeutet der Satz fast wieder das gleiche, allerdings ist es jetzt
die Relation des Parkens, die zwischen einem blauen VW und
der Straßenecke ausgedrückt wird.
Wir kennen nun eine ganze Menge deutscher Verben, und alle stellen Relationen
zwischen unterschiedlichsten Objekten, Individuen, Lokalitäten, Zeiten
usw. her. Hier sind einige weitere Beispiele:
|
(4) |
(i) |
Der Opa streichelt seine Katze. |
|
(ii) |
Die Oma schläft. |
|
|
(iii) |
Der Fußballspieler schenkt Maria einen Luftballon. |
|
| (iv) |
Clara behauptet, daß Karl in Ägypten ist. |
Das Verb streicheln stellt eine Relation zwischen dem Opa und der Katze
dar; nämlich, daß der Opa die Katze streichelt und sie nicht etwa
schlägt, verjagt, tritt oder sonst irgendetwas.
All diese Verben sind transitiv und stellen als solche zweistellige
Relationen zwischen zwei Argumenten her.
Das intransitive Verb schlafen ist einstellig, d.h.
es benötigt nur ein Argument, in unserem Fall die Oma. Das bitransitive
Verb schenken hingegen ist dreistellig. Es drückt eine
Relation zwischen drei Argumenten aus, nämlich dem Fußballspieler,
der schenkt, Maria, die beschenkt wird und einem Luftballon, der verschenkt
wird. Eine etwas andere Relation stellt das Verb behaupten her. Hier
handelt es sich um die Relation zwischen einem Individuum, das etwas behauptet
und einer Aussage, die behauptet wird.
Offensichtlich ist es so, daß die unterschiedlichen Verben ein- oder mehrstellige
Relationen ausdrücken, und daß ein Satz dann vollständig ist,
wenn alle Stellen der Relation auch besetzt sind. Der Teilsatz (5) ist unvollständig,
da eine Argumentstelle des Verbs schenken nicht besetzt ist.
(5) *Der Fußballspieler schenkt Maria
In diesem Sinne erfordert die Verwendung bestimmter Verben auch immer eine bestimmte
Realisierung von Argumenten. Die Anzahl und die Art der geforderten Argumente
nennt man die Valenz eines Verbs. Wenn von Valenz die Rede ist, so
verwendet man auch den Begriff Prädikat und spricht von ein-,
zwei- oder dreistelligen Prädikaten.
Wir können feststellen, daß nicht nur Verben eine bestimmte Valenz
haben, sondern auch Präpositionen, Adjektive und auch Nomina. Dazu betrachten
wir die Beispiele in (6).
(6)
|
(i) |
Das Buch (ist) |
auf/unter/neben/in |
dem Tisch. |
| (ii) |
Karl (ist) |
überlegen/treu/größer als |
Paul. |
| (iii) |
Peter (ist) |
Bruder/Fan/Vater von |
Clara. |
Im weiteren wird uns aber vor allem die Valenz von Verben interessieren. Von
ihrer Bedeutung her lassen sich dabei grob die folgenden Klassen unterscheiden:
(7)
|
(i) |
Prozeßverben: |
|
erblühen, gleiten, sinken, fliegen usw. |
|
(ii) |
Aktivitätsverben: |
|
laufen, tanzen, streicheln, reparieren usw. |
|
(iii) |
Zustandsverben: |
|
hassen, lieben, wissen, besitzen usw. |
|
(iv) |
Verursachungsverben: |
|
geben, wecken, entkleiden, versenken usw. |
Wir wollen im folgenden sagen, daß Verben Prädikate sind,
die eine bestimmte Anzahl von Argumenten verlangen, und daß ein
vollständiger Satz dann vorliegt, wenn die Argumentstellen des Prädikats
gesättigt sind, d.h. wenn zu jeder Argumentstelle des Prädikats auch
genau ein Argument existiert. Wenn dies der Fall ist, so liegt eine vollständige
Aussage vor wie in den folgenden Sätzen.
|
(8) |
(i) |
Der Öltanker sinkt. |
|
(ii) |
Hans repariert seinen Sportwagen. |
|
|
(iii) |
Die Versicherung versenkt den Öltanker. |
|
|
(iv) |
Das Telefon weckt Maria. |
|
|
(v) |
Erwin schenkt seinem Freund drei Bücher. |
Nun kann aber zu dem Verb sinken nicht nur die spezielle Nominalphrase
der Öltanker als Argument fungieren, sondern auch beliebige andere
Nominalphrasen, wie etwa die Fähre, der Stein, das
Schiff usw., d.h. das Verb sinken läßt eine Vielzahl
anderer Nominalphrasen als Argumente zu. Wollen wir nun eine Darstellungsweise
für das Verb sinken finden, die einerseits ausdrückt, daß
dieses Verb ein Argument nimmt, also ein einstelliges Prädikat ist, andererseits
aber nicht festgelegt werden soll, wie dieses spezielle Argument aussieht, so
müssen wir diesem Verb einen Platzhalter für ein Argument zuweisen.
Dies können wir etwa folgendermaßen darstellen:
|
(9) |
1) x sinken |
|
oder: |
2) sinken(x) |
Das x ist eine Variable, und diese hält den Platz für
ein Argument frei, so daß diese Darstellung bedeutet, daß sinken
ein einstelliges Prädikat ist und genau ein Argument verlangt. Sie bedeutet
aber auch, daß dieses Argument ein beliebiges sein kann. Für x kann
also irgendeine Nominalphrase eingesetzt werden. Die beiden Darstellungsarten
in 1) und 2) drücken im wesentlichen dasselbe aus. Wir wollen jedoch im
weiteren die zweite Art der Darstellung bevorzugen, weil sie eine hergebrachte
Art ist, Funktionen zu schreiben. Wie wir im weiteren Verlauf noch sehen werden,
ist dies eine sehr nützliche Darstellungsweise.
Ganz genauso kann man nun mit zweistelligen Prädikaten verfahren. Dabei
müssen wir zwei Variablen als Platzhalter für die Argumente einsetzen:
|
(10) |
1) x küssen y |
|
oder: |
2) küssen(x, y) |
Für dreistellige Prädikate verfahren wir ganz ähnlich, nur setzen
wir nun drei Variablen als Platzhalter ein:
|
(11) |
1) x geben y z |
|
oder: |
2) geben(x, y, z) |
Jedes Prädikat hat also eine feststehende Anzahl von Argumenten, die durch
Variablen angegeben werden. Die Sequenz dieser Variablen wird gelegentlich auch
als Argumentstruktur des Prädikats bezeichnet. Wir können
nun sagen, daß eine vollständige Aussage vorliegt, wenn für
alle Variablen Argumente eingesetzt sind.
Das Verb singen etwa hat eine Variable und benötigt daher ein
Argument. Wenn dieses Argument z.B. Peter ist, so wird die Variable
durch dieses Argument ersetzt, und der Ausdruck sieht aus wie in (12).
(12) singen(Peter)
Dies bedeutet soviel, wie Peter singt.
Bei dem Verb küssen mit zwei Variablen müssen entsprechend
zwei Argument eingesetzt werden. Wenn also Peter Maria küßt,
so läßt sich dies so darstellen wie in (13).
(13) küssen(Peter, Maria)
Vertauscht man die beiden Argumente hinsichtlich ihrer Reihenfolge, so erhält
man (14).
(14) küssen(Maria, Peter)
Das heißt dann soviel, wie Maria küßt Peter. Die Reihenfolge
der Argumente spielt also eine wesentliche Rolle, für die Bedeutung eines
Satzes. Im folgenden werden wir sehen, daß in deutschen Sätzen nicht
nur die Reihenfolge der Argumente von Belang ist, sondern auch deren
hierarchische Struktur.
2.2. Kompositionalität
In diesem Abschnitt wollen wir erörtern, auf welche Weise es möglich
ist, daß wir als kompetente Sprecher einer natürlichen Sprache aus
einer endlichen Anzahl von Wortbedeutungen unendlich viele komplexe Bedeutungen
zusammenstellen können. Dazu betrachten wir nochmals kurz unser Vorgehen
in dem Kapitel über Aussagenlogik. Dort haben wir ja einfache Aussagen
als atomare Einheiten betrachtet. Die Syntax dieses Systems enthielt Regeln,
die einfache Aussagen mit Hilfe von Satzkonnektoren zu komplexeren Aussagen
verbindet. Die Semantik des Systems wurde durch Wahrheitswert-Tabellen angegeben,
die den semantischen Wert der Konnektoren festlegten. Zu jeder syntaktischen
Regel, die zwei Aussagen mit einem Konnektor verbindet, wurde eine semantische
Regel (Wahrheitswert-Tabelle) angegeben, die den semantischen Wert der komplexeren
Konstruktion bestimmt. Dabei entsprach jeder syntaktischen Regel genau eine
semantische Regel.
Bei der Konstruktion dieser Logiksprache sind wir so vorgegangen, daß
wir zunächst ein Lexikon mit Basiseinheiten (atomaren Aussagen) angelegt
haben. Sodann haben wir eine Syntax formuliert, die die Struktur von komplexeren
Aussagen festlegt, und schließlich haben wir die semantische Interpretation
für die Konnektoren angegeben. Wir waren damit in der Lage, aufgrund der
syntaktischen Regeln beliebig komplexe Aussagenverknüpfungen zu bilden,
und da jeder syntaktischen Regel genau eine semantische Interpretation entsprach,
konnten wir auch den semantischen Wert der komplexen Aussagen berechnen. Auf
diese Art und Weise war es möglich, die Struktur und die Bedeutung komplexer
Ausdrücke kompositionell herzuleiten. Daß Kompositionalität
auch in natürlichen Sprachen gelten muß, läßt sich leicht
an einem Beispiel erörtern. Betrachten wir etwa den folgenden Satz, von
dem wir sicherlich annehmen können, daß wir ihn bisher noch nie gehört
haben.
(15) Ein rot-weiß karierter Zwerg sitzt auf der Tragfläche eines
Flugzeugs und spielt Flöte.
Dennoch versteht jeder Sprecher des Deutschen diesen Satz, insofern er das (mentale)
Bild einer virtuellen Realität entwerfen kann, in dem tatsächlich
ein rot-weiß- karierter Zwerg flötespielend auf der Tragfläche
eines Flugzeugs sitzt. Die Fähigkeit, dieses mentale Bild zu konstruieren,
wollen wir so beschreiben, daß ein kompetenter Sprecher die Bedingungen
kennt, die erfüllt sein müssen, damit ein Satz wahr ist. Aus der Kenntnis
dieser Bedingungen kann er sowohl entscheiden, ob ein Satz in der realen Welt
wahr ist, als auch eine virtuelle Welt konstruieren, in der der Sachverhalt,
den dieser Satz ausdrückt, besteht. Offensichtlich läßt sich
die Bedeutung eines Satzes in einer bestimmten Art und Weise aus den einzelnen
Wörtern kompositionell zusammenfügen. Dabei spielt aber nicht
nur die Bedeutung der einzelnen Wörter eine Rolle, sondern ganz wesentlich
die syntaktische Struktur des Satzes. Diese Einsicht hat in der Geschichte
der Philosophie eine längere Tradition, die wohl mit den Ideen von Gottfried
Wilhelm Leibniz (1646-1716) beginnt. Leibniz hatte den für seine Zeit revolutionären
Gedanken, daß es möglich sein müsse, ein Denkverfahren zu finden,
das sogar unabhängig von den Bedeutungen der einzelnen Elemente die Richtigkeit
einer Gedankenkette nur aufgrund der formalen Beziehungen zwischen
den Elementen abzuleiten gestatte. Diese Idee lag annähernd drei Jahrhunderte
brach, bis sie von dem Logiker und Philosoph Gottlob Frege (1848-1925) aufgegriffen
und bei der Abfassung der Begriffsschrift (1879) konsequent zur Anwendung
kam. Heute ist diese Einsicht unter dem Namen Fregesches Kompositionalitäts-Prinzip
oder kurz: Frege-Prinzip bekannt. Wir formulieren es in (16).
|
(16) |
Frege-Prinzip: |
|
|
Die Bedeutung eines komplexen Ausdrucks läßt sich aus der Bedeutung der Einzelausdrücke und der Struktur des Gesamtausdrucks berechnen. |
Eine einfache Illustration verdeutlicht die Wirkungsweise dieses Prinzips.
Die zwei folgenden Aussagen bestehen aus den gleichen Basiseinheiten 'p, q,
Ú, ¬', haben aber verschiedene syntaktische Strukturen. Aufgrund dieses
Unterschieds ergeben sich für die beiden Ausdrücke unterschiedliche
semantische Werte.
(17) ¬(p Ú q)
(18) (¬p) Ú q
Die Aussage in (17) ist genau dann wahr, wenn sowohl p als auch q falsch sind,
während die Aussage in (18) auch dann wahr ist, wenn q wahr ist. Es genügt
zur Festlegung des semantischen Werts komplexer Ausdrücke also nicht, nur
die semantischen Werte der einzelnen Bestandteile zu beachten, sondern wir müssen
auch die Struktur des gesamten Ausdrucks berücksichtigen. Je nach Klammerung
ergeben sich die beiden folgenden Strukturen.
(19) 
Obwohl beide Ausdrücke aus den gleichen Einheiten, nämlich p,
q, ¬ und Ú aufgebaut
sind, haben sie doch verschiedene Wahrheitswerte. Diese Tatsache überprüft
man leicht, indem man zu den Formeln die Wahrheitswert-Tabellen angibt, und
die beiden letzten Spalten miteinander vergleicht.
(20)
| p | q | p Ú q | ¬(p Ú q) |
| 1 | 1 | 1 | 0 |
| 1 | 0 | 1 | 0 |
| 0 | 1 | 1 | 0 |
| 0 | 0 | 0 | 1 |
| p | q | ¬p | (¬p) Ú q |
| 1 | 1 | 0 | 1 |
| 1 | 0 | 0 | 0 |
| 0 | 1 | 1 | 1 |
| 0 | 0 | 1 | 1 |
Wie wir sehen, unterscheiden sich die Wahrheitswerte der beiden Ausdrücke.
Insofern wir aber identische Teilausdrücke verwendet haben, kann der Unterschied
allein aus der jeweils voneinander abweichenden Struktur der Sätze
resultieren.
Derartige Erscheinungen lassen sich an bestimmten Sätzen der deutschen
Sprache deutlich machen, die man strukturelle Ambiguitäten (strukturelle
Mehrdeutigkeiten) nennt. Der Satz in (21) kann auf unterschiedliche Weise
interpretiert werden, wobei für jede Interpretation das syntaktische System
des Deutschen eine strukturelle Option zur Verfügung stellt.
(21) Der Mörder erwürgte den Mann mit der roten Krawatte.
Zum einen kann (21) bedeuten, daß der Mann, der erwürgt wurde, eine
rote Krawatte trug. Wir können (21) aber auch so verstehen, daß der
Mann, mit Hilfe einer roten Krawatte erwürgt wurde. Der Satz kann also
auf zwei verschiedene Arten interpretiert werden, obwohl die verwendeten Wörter
jeweils dieselben sind. Offensichtlich muß für die Festlegung der
Bedeutung noch etwas anderes im Spiel sein als die Bedeutungen der einzelnen
Wörter, und das ist eben genau die syntaktische Struktur. In der ersten
Bedeutung ist die Präpositionalphrase mit der roten Krawatte syntaktisch
ein Präpositional-Attribut zu der Nominalphrase den Mann. In der
zweiten Bedeutung ist diese Präpositionalphrase syntaktisch ein Adverb,
welches das Verb erwürgen modifiziert. Nun können wir feststellen,
daß eine Interpretation stets von einer syntaktischen Struktur gestützt
werden muß, denn nur wenn die syntaktischen Regeln einen bestimmten Bezug
zwischen zwei Satzteilen herzustellen erlauben, ist auch eine entsprechende
Interpretation möglich. Wird der Mörder-Satz z.B. so geäußert,
daß das Objekt mit dem Präpositional-Attribut an den Satzanfang gestellt
ist, so fällt eine Interpretation weg.
(22) Den Mann mit der roten Krawatte erwürgte der Mörder.
(22) können wir nur noch so verstehen, daß der Mann, der erwürgt
wurde, eine rote Krawatte trug. Bei einer anderen Umstellung ist die Interpretation
möglich, daß der Mörder die rote Krawatte trägt, aber auch,
daß der Mann mit Hilfe einer roten Krawatte erwürgt wurde. Es entfällt
jedoch gerade die Deutung von dem Mann als Träger der roten Krawatte.
(23) Den Mann erwürgte der Mörder mit der roten Krawatte.
Fügt man außerdem noch ein Element in diesen Satz ein, welches die
Nominalphrase den Mörder von der Präpositionalphrase mit
der roten Krawatte syntaktisch trennt, so ist nur noch die Interpretation
als adverbielle Angabe möglich.
(24) Den Mann erwürgte der Mörder brutal mit der roten Krawatte.
Wie wir an diesen Beispielen sehen, spielt die syntaktische Struktur eine ganz
wesentliche Rolle für die Interpretation. Eine Aufgabe der semantischen
Theorie wird also darin bestehen, gerade diese syntaktischen Bezüge zwischen
den verschiedenen Phrasen eines Satzes zu interpretieren. Da die Syntax kompositionell
ist, muß auch die Semantik kompositionell sein.
In der Aussagenlogik haben wir als semantische Werte für die atomaren Aussagen
stets alle möglichen Verteilungen von Wahrheitswerten herangezogen und
konnten dann mit Hilfe der Wahrheitswert-Tabellen für die jeweiligen Konnektoren
den semantischen Wert des Gesamtausdrucks berechnen. Wir haben bei diesem Verfahren
nicht die Frage gestellt, wie die Wahrheitswerte für einfache Aussagen
kompositionell zustandekommen, d.h. wir haben nicht danach gefragt, in welchem
Verhältnis die Teilausdrücke eines Satzes zu den Bausteinen
von Situationen in der Welt stehen. Wir sind ja nur davon ausgegangen,
daß eine Aussage wahr sein kann oder falsch, und dabei haben wir die Prädikat-Argument-Struktur
der Aussagen gänzlich ignoriert. Es ist aber klar, daß sowohl die
Prädikate als auch die einzelnen Argumente für sich alleine betrachtet
eine Bedeutung haben, und daß diese einzelnen Bedeutungen zu komplexen
Bedeutungen zusammengesetzt werden können. Weiterhin müssen wir auch
darüber nachdenken, welcher Bezug zwischen der Sprache und der Welt
besteht, da wir mit sprachlichen Ausdrücken über die Welt
reden.
Mit einem Wort wie Haus bezeichnen wir eine Klasse von Objekten in
der Welt mit ganz bestimmten Eigenschaften. Mit einer Nominalphrase wie dieses
Haus bezeichnen wir ein ganz bestimmtes Objekt dieser Klasse, auf das wir
auch deiktisch verweisen können, d.h. durch Hinzufügen des Demonstrativpronomens
dieses wählen wir aus der Klasse von Objekten, die durch den Ausdruck
Haus bezeichnet werden, ein eindeutig identifizierbares Objekt aus.
Über dieses Objekt können wir weitere Angaben machen, etwa, daß
es brennt, auf einem Hügel steht oder aus Backsteinen
gemauert ist. Für jede dieser Angaben verwenden wir andere Wörter
oder Wortgruppen und charakterisieren damit unterschiedliche Situationen oder
Zustände in der Welt, und wir wollen verstehen, welche Bedingungen erfüllt
sein müssen, damit eine Aussage wahr ist. Dazu betrachten wir den Satz
(25).
(25) Das Haus steht auf dem Hügel
(25) ist genau dann wahr, wenn das Haus, auf das wir uns mit der Nominalphrase
das Haus beziehen, tatsächlich auf dem Hügel steht, den wir
mit dem Ausdruck den Hügel bezeichnen. Steht dieses Haus hingegen
in einem Tal, so ist der geäußerte Satz falsch. Die Wahrheit bzw.
Falschheit von Aussagen charakterisiert demnach ein Verhältnis zwischen
der Sprache und der Welt, und wir werden im folgenden die Bedingungen formulieren,
die erfüllt sein müssen, damit eine Aussage wahr ist.
2.3. Denotation
In der Aussagenlogik haben wir die Kombinatorik und Interpretation komplexer
Aussagen behandelt, die aus elementaren Aussagen und Konnektoren gebildet wurden.
Als semantischen Wert einer Aussage haben wir einen Wahrheitswert (wahr oder
falsch, d.h. ein Element aus der Menge {0, 1}) angenommen. Wenn nun eine
Aussage aus verschiedenen Prädikaten und Argumenten zusammengesetzt ist,
wird ihr Wahrheitswert gemäß dem Kompositionalitätsprinzip aus
den semantischen Werten (die nicht notwendigerweise Wahrheitswerte
sein müssen) der Teilkomponenten der Struktur errechnet.
Wie ergibt sich aber die Bedeutung eines komplexen Ausdrucks aus den Bedeutungen
der Teilkomponenten? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Wir können
uns dem Problem aber so nähern, daß wir uns klar machen, worin denn
eigentlich die semantische Kompetenz von Sprechern einer Sprache besteht.
Diese sind offenbar in der Lage, in Kenntnis einer gewissen Situation in der
Welt zu entscheiden, ob eine Aussage über diese Welt zutreffend ist oder
nicht. Und indem sie dies können, vermögen sie, eine Aussage über
die Welt mit der Welt selbst zu vergleichen, und sie
können feststellen, ob die Aussage einen Sachverhalt ausdrückt, der
in der Welt tatsächlich besteht oder nicht. Was damit aber offensichtlich
zur semantischen Kompetenz gehört, ist die Fähigkeit, die Wahrheit
von Aussagen relativ zu den Gegebenheiten in der Welt zu bewerten. Wir wollen
also davon ausgehen, daß unsere semantische Kompetenz so beschaffen ist,
daß wir die Bedeutung eines Satzes auf eine Situation in der Welt beziehen
können. Unter dieser Annahme ließe sich der Begriff Bedeutung
etwa so charakterisieren:
(26) Die Bedeutung eines Satzes zu kennen, heißt, zu wissen, wie die Welt
beschaffen sein muß, damit der Satz wahr (oder falsch) ist.
Diese Annahme liegt der wahrheitsfunktionalen Semantik zugrunde, die
von dem Logiker Alfred Tarski im Jahre 1944 zu einem systematischen Verfahren
formalisiert wurde. Sie faßt den Begriff der Bedeutung als eine Funktion
zwischen sprachlichen Ausdrücken und der Welt auf und verwendet die Wahrheit
von Aussagen als Kriterium für die Ermittlung von deren Bedeutung. Zur
Illustration betrachten wir die Aussage: Die Schachtel ist offen in
den beiden Situationen, die die Graphik (27) zeigt. In der linken Situation
ist diese Aussage wahr, da die Welt zutreffend beschrieben wird. In der rechten
Situation ist die Aussage hingegen falsch, da die Welt nicht zutreffend beschrieben
wird.
(27) 
Unsere semantische Kompetenz ist scheinbar so beschaffen, daß wir (i.d.R.
sehr schnell) entscheiden können, ob ein sprachlicher Ausdruck mit einer
Weltgegebenheit übereinstimmt oder nicht. Es ist nun stets so, daß
das Feststellen einer Übereinstimmung immer einen Vergleich voraussetzt.
Wenn wir etwa feststellen wollen, ob zwei Objekte identisch sind, so müssen
wir prüfen, ob die Menge der Eigenschaften des ersten Objekts in der Menge
der Eigenschaften des zweiten Objekts enthalten ist und umgekehrt. Dazu fragen
wir uns, ob jede einzelne Eigenschaft, die in der ersten Menge auftritt auch
in der zweiten Menge enthalten ist, und jede Eigenschaft, die wir in der zweiten
Menge auffinden, auch in der ersten Menge gefunden werden kann. Wenn dies der
Fall ist, so sagen wir, daß die beiden Objekte übereinstimmen, oder:
Es ist wahr, daß die beiden Objekte übereinstimmen. Wenn dies nicht
der Fall ist, so sagen wir, daß es falsch ist, daß die beiden Objekte
übereinstimmen. In einem ähnlichen Sinne findet wohl auch ein Vergleich
zwischen der mentalen Konstruktion einer Situation, die durch einen Satz ausgedrückt
wird und einer Situation in der Welt statt, und wir verfügen über
die Kompetenz, ein mentales Szenario mit einem real existierenden Szenario zu
vergleichen. Wir sagen dann, daß ein Satz wahr ist, wenn beide Szenarien
in wesentlichen Hinsichten übereinstimmen. Damit haben wir die Frage nach
der Bedeutung eines Satzes verlagert auf die Frage nach der Wahrheit
eines Satzes. So unklar und problematisch das Konzept von der Wahrheit
eines Satzes auch sein mag, es scheint doch leichter zu fassen zu sein als das
Konzept der Bedeutung eines Satzes.
Was wir unter dieser Betrachtungsweise zu untersuchen haben, sind also die Bedingungen,
die erfüllt sein müssen, damit ein Satz wahr ist. Wir halten dieses
Resultat in dem folgenden Satz fest:
(28) Ein Satz ist wahr genau dann, wenn die Bedingungen, die er ausdrückt,
tatsächlich erfüllt sind.
Wir werden in diesem Abschnitt den Versuch unternehmen, die Wahrheitsbedingungen
von Sätzen anzugeben. Damit soll nicht unterstellt werden, daß die
Bedeutung von Sätzen vollständig durch ihre Wahrheitsbedingungen erfaßt
werden kann. Es scheint aber offensichtlich zu sein, daß die Wahrheitsbedingungen
eines Satzes ein ganz wesentlicher Bestandteil seiner Bedeutung sind, denn ganz
ohne Kenntnis der Wahrheitsbedingungen kann das Konzept der Bedeutung
eben auch nicht expliziert werden.
Nun stellt sich die Frage, wie diese Bedingungen zu formulieren sind. Betrachten
wir dazu den einfachen Satz (29).
(29) Peter schläft.
Dieser Satz besteht aus einem Subjekt Peter und einem Prädikat
schlafen. Es scheint einfach zu sein, den semantischen Wert des Ausdrucks
Peter anzugegeben, nämlich als dasjenige Individuum, welches mit
dem sprachlichen Zeichen Peter bezeichnet wird. Wir wollen auch sagen,
daß das sprachliche Zeichen Peter das Individuum Peter denotiert.
Die Beziehung zwischen Sprache und Welt bezeichnen wir demzufolge als Denotation.
(30) 
Wenn wir den Satz Peter schläft hören und wissen wollen,
ob dieser Satz wahr ist, so müssen wir prüfen, ob es in der Welt ein
Individuum Peter gibt, und ob dieses Individuum schläft. Dazu benötigen
wir eine Vorstellung vom Denotat des Prädikats schlafen. Nun,
wir würden sagen, daß der Satz Peter schläft, genau
dann wahr ist, wenn Peter ein Element der Menge der schlafenden Individuen ist.
Diese Menge muß durch einen Ausdruck in diesem Satz denotiert werden,
und dies scheint ganz offensichtlich durch das Prädikat schlafen
zu geschehen. Somit können wir sagen, daß das Prädikat schlafen
die Menge der Individuen denotiert, die schlafen. Im Sinne einer Wahrheitsbedingung
ist dieser Ansatz nicht unplausibel, da das Prädikat schlafen
das Diskursuniversum in zwei Klassen von Individuen zerlegt, nämlich in
solche, die schlafen, und in solche, die nicht schlafen. Anders formuliert heißt
dies, daß das Prädikat schlafen aus dem Diskursuniversum
diejenigen Individuen aussondert, die schlafen. Der Satz Peter schläft
ist also genau dann wahr, wenn Peter in der Menge der Individuen enthalten
ist, für die gilt, daß sie schlafen. Um dies aber zu entscheiden,
müssen wir wissen, welche Elemente in der Menge der schlafenden Individuen
enthalten sind, denn wir müssen ja zu jedem Individuum entscheiden, ob
es Peter ist oder nicht. Wir können somit sagen, daß wir in Kenntnis
der Bedeutung von schlafen feststellen, welche Individuen in der Diskursdomäne
D schlafen. Aufgrund der Bedeutung von schlafen können wir die
Teilmenge von D bilden, die alle Individuen enthält, die schlafen. Die
Bedeutung von anderen Prädikaten erlaubt uns, andere Teilmengen zu bilden.
Die Graphik in (31) zeigt eine Diskursdomäne mit acht Individuen. Von diesen
Individuen schlafen vier. Wenn wir die Bedeutung von schlafen kennen,
so können wir die Diskursdomäne in zwei Klassen einteilen, nämlich
solche Individuen, die schlafen, und solche, die nicht schlafen.
(31) 
Wir können sprachliche Prädikate somit als Klassifikatoren unserer
Welt auffassen, indem die Menge aller Individuen, in verschiedene Klassen
eingeteilt werden, nämlich in solche, auf die ein Prädikat zutrifft
und solche, auf die es nicht zutrifft. Da wir als native Sprecher über
eine relativ große Anzahl von Prädikaten verfügen, vermögen
wir unter vielen verschiedenen Perspektiven die Dinge in unserer Welt zu Klassen
zusammenzufassen. Das jeweils angewendete Prädikat liefert uns dabei die
Menge derjenigen Individuen, auf die dieses Prädikat zutrifft. Und da wir
in der Lage sind, zu jedem Individuum speziell zu entscheiden, ob es schläft
oder nicht, wollen wir sagen, daß das Prädikat schlafen
die Menge derjenigen Individuen denotiert, die schlafen. Dieses Resultat formulieren
wir in (32).
(32) Das Denotat eines einstelligen Prädikats ist die Menge derjenigen
Individuen, auf die das Prädikat zutrifft.
(32) gilt nun aber nicht nur für verbale Prädikate wie schlafen,
sondern für alle einstelligen Prädikate. So denotiert das
einstellige Prädikat blau die Menge all der Individuen, die blau
sind. Und das einstellige Prädikat unten denotiert die Menge all
derjenigen Individuen, die unten sind.
(33) 
Wenn wir nun einen Satz mit einem zweistelligen Prädikat betrachten, so
stellt sich natürlich die Frage, was das Denotat eines zweistelligen Prädikats
ist.
(34) Peter liebt Maria.
Wir haben in der Mengenlehre bereits den Begriff des cartesischen Produkts D x D
kennengelernt. Dies war die Menge aller möglichen Paare mit Elementen aus
D. Da das Prädikat lieben ein zweistelliges Prädikat ist,
stellt es eine Relation zwischen zwei Individuen her. Wenn verschiedene Individuen
ineinander verliebt sind, so können wir diese zur Menge der Liebespaare
zusammenfassen. Das Denotat eines zweistelligen Prädikats bildet damit
eine Teilmenge des cartesischen Produkts, nämlich die Menge aller Paare
<x,y>, für die gilt: x liebt y.
(35) Das Denotat eines zweistelligen Prädikats ist die Menge der geordneten
Paare, auf die das Prädikat zutrifft.
Diese Beziehung ist in (36) graphisch dargestellt.
(36) 
Es ist nun einfach, die Wahrheitsbedingungen für den Satz Peter liebt
Maria anzugeben. Dieser ist nämlich genau dann wahr, wenn das Paar
<Peter,Maria> ein Element der Menge der Paare ist, die von dem Prädikat
lieben denotiert wird. Wenn also in der Diskursdomäne D die drei
Individuen Peter, Maria und Clara auftreten, dann
ist das cartesische Produkt D x D die Menge in (37).
|
(37) |
D x D = { |
<Peter,Peter>,<Peter,Maria>,<Peter,Clara>, |
Wenn Peter Maria, Clara Peter und Maria
Peter liebt, dann denotiert das Prädikat lieben die Menge
von Paaren in (38).
(38) { <Peter,Maria>,<Maria,Peter>,<Clara,Peter> }
Diese Menge ist natürlich eine Teilmenge des cartesischen Produkts D x D.
Wenn wir entscheiden wollen, ob die beiden folgenden Sätze wahr sind, so
müssen wir prüfen, ob die Argument-Paare im Denotat von lieben
auftreten.
|
(39) |
(i) |
Clara liebt Peter. |
|
(ii) |
Peter liebt Clara. |
Damit (39)(i) wahr ist, muß in der Welt gelten, daß das Denotat
von lieben das Paar <Clara,Peter> enthält. Da dies der Fall
ist, ist der erste Satz wahr. Für den zweiten Satz müssen wir prüfen,
ob das Paar <Peter,Clara> im Denotat von lieben enthalten ist.
Dies ist nicht der Fall, und somit ist der Satz (39)(ii) falsch.
Wir gehen also so vor, daß wir das Denotat eines einstelligen Prädikats
als die Menge derjenigen Individuen auffassen, die das Prädikat erfüllen.
Das Denotat eines zweistelligen Prädikats ist diejenige Teilmenge von Paaren
von Individuen des cartesischen Produkts D x D, die in der durch das
Prädikat ausgedrückten Relation zueinander stehen.
Wir vermuten bereits, welches Denotat dreistellige Prädikate haben. Da
wir im Kapitel über Relationen sogar das n-fache cartesische Produkt definiert
haben, können wir das Denotat eines dreistelligen Prädikats folgendermaßen
festlegen:
(40) Das Denotat eines dreistelligen Prädikats ist die Menge derjenigen
Tripel von Individuen, auf die das dreistellige Prädikat zutrifft.
Der Satz in (41) ist also genau dann wahr, wenn das Tripel <Peter,Maria,Geld>
ein Element im Denotat des Prädikats schenken ist.
(41) Peter schenkt Maria Geld.
Zusammenfassend halten wir fest, daß die Denotate von Prädikaten
Mengen sind, die die Objekte in (42) enthalten.
|
(42) |
(i) |
Individuen |
|
(ii) |
2-Tupel von Individuen |
|
|
(iii) |
3-Tupel von Individuen |
usw.
Es ist leicht zu sehen, daß die Denotate von n-stelligen Prädikatsausdrücken
stets Teilmengen des n-fachen cartesischen Produkts darstellen, wobei wir für
n = 1, also für das Denotat von einstelligen Prädikaten, sagen können,
daß sie eine Teilmenge des 1-fachen cartesischen Produkts bilden. Eine
Individuum ist sozusagen der Spezialfall eines n-Tupels, wobei n = 1
ist, d.h ein Tupel mit nur einem Element.
Betrachten wir einige NPn, in denen sog. Quantoren auftreten.
| (43) |
(i) |
Einige Besucher des Museums sind gelangweilt. |
|
(ii) |
Kein Computer kann diese Aufgabe berechnen. |
|
|
(iii) |
Alle Frauen von Manta-Fahrern sind blond. |
Die kursiv gesetzten Satzteile sind quantifizierende NPn, weil in
ihnen Ausdrücke wie kein, einige, alle auftreten. Es scheint schwierig
zu sein, das Denotat des Ausdrucks Kein Computer anzugeben. Ein erster
Versuch könnte auf der Annahme beruhen, daß die NP Kein Computer
die leere Menge denotiert. Doch dann wäre man zu der Folgeannahme gezwungen,
daß andere NPn, wie etwa Kein Schwein, ebenfalls die leere Menge
denotieren, und folglich die Denotate von Kein Computer und Kein
Schwein identisch sind. Dies ist natürlich ein recht widersinniges
Ergebnis, denn intuitiv ist klar, daß ein Unterschied zwischen den Bedeutungen
dieser beiden NPn bestehen muß.
Auch diese Fragen wollen wir zunächst zurückstellen. In einem späteren
Kapitel werden wir sie wieder aufgreifen. Wir sollten im Auge behalten, daß
der Begriff Denotat problematischer ist, als es zunächst den Anschein
hat. Für die folgenden Überlegungen und die NPn, über die wir
reden, genügt es aber anzunehmen, daß das Denotat von NPn Individuen
sind, die in unserer Welt existieren.
Was ist nun das Denotat von Aussagen? Auf der Hand zu liegen scheint, daß
dies die Menge derjenigen Situationen ist, die die Ausssage beschreibt. Nun
interessiert uns aber gerade die Wahrheit von Sätzen. Wenn wir
die beiden Sätze in (48) betrachten und feststellen, daß beide Sätze
wahr sind, so haben sie mit ihrem Wahrsein etwas gemeinsam.
| (48) |
(i) |
Peter streichelt den Hund. |
|
(ii) |
Rom liegt auf dem 42-ten Breitengrad. |
Die Sachverhalte, die beschrieben werden, sind jedoch völlig verschieden.
Wenn wir sagen, daß das Denotat einer Aussage die Menge der Situationen
ist, die durch die Aussage beschrieben werden, so finden wir zwischen diesen
beiden Sätzen keine Gemeinsamkeit. Die Gemeinsamkeit, die wir feststellen
können, ist ihr Wahrheitswert. Aber auch wenn die beiden Sätze nicht
den gleichen Wahrheitswert haben, so weisen sie doch insofern eine Ähnlichkeit
auf, als sie beide überhaupt einen Wahrheitswert haben können, wie
auch immer dieser bestimmt sein mag. Wir wollen daher annehmen, daß das
Denotat einer Aussage ihr Wahrheitswert ist. Im letzten Kapitel werden wir aber
darüber hinaus auch der Intuition Rechnung tragen, daß ein Satz die
Menge derjenigen Situationen denotiert, in denen er wahr ist.
2.4. Die Sprache L1
Das Ziel dieses Abschnitts wird darin bestehen, eine Theorie-Sprache zu formulieren,
mit deren Hilfe wir die Denotate von komplexen Ausdrücken als Denotate
der einfachen Ausdrücke kompositionell berechnen können. Diese Sprache
nennen wir L1. Der Name soll uns daran erinnern, daß wir es
mit einer Sprache L1 der Prädikatenlogik erster Stufe zu tun
haben. Was dies genau bedeutet, werden wir später etwas besser verstehen.
Hier genügt die Anmerkung, daß wir mit einer Sprache erster Stufe
nur über Individuen quantifizieren können, aber auch das soll uns
eingangs noch nicht interessieren.
Wir betrachten L1 als eine Theoriesprache, in der wir die Semantik
der möglichen Ausdrücke genau angeben können. Darüber hinaus
existiert das von Tarski entwickelte Verfahren, um die (komplexen) Ausdrücke
dieser Sprache relativ zu einem Modell (der Welt) zu interpretieren. Natürlich
weicht diese Sprache in ganz erheblichem Maße von Deutsch, Französisch
oder Englisch ab, aber verschiedene Eigenschaften von L1 finden wir
auch in diesen Sprachen, und genau auf diese Eigenschaften kommt es uns an.
Wir werden sehen, daß nicht alle Ausdrücke des Deutschen in die auf
der Prädikatenlogik aufgebauten Sprache L1 übersetzt werden
können. Aus diesem Grund werden wir die Sprache L1 in den späteren
Kapiteln schrittweise erweitern, um somit zumindest eine immer größere
Annäherung zu erreichen.
Wir werden dazu in ähnlicher Weise vorgehen, wie wir es bereits in der
Aussagenlogik getan haben. Dort haben wir zunächst die elementaren Dinge
bestimmt, über die wir reden wollen, die sog. atomaren Einheiten. Diese
bilden hier das Lexikon bzw. das Vokabular der Theoriesprache.
Sodann geben wir Regeln an, die die Kombinatorik der Einheiten festlegen, so
daß wir auch über komplexe Sachverhalte und Zustände sprechen
können. Diese Kombinationsregeln formulieren wir in der Syntax.
Schließlich benötigen wir Prinzipien, nach denen die syntaktisch
geformten Ausdrücke interpretiert werden. Dazu entwerfen wir semantische
Regeln, mit deren Hilfe wir bewerten können, ob Aussagen wahr sind. Wir
verfahren also im Prinzip genauso, wie wir es aus der Aussagenlogik schon kennen,
nur daß unser Vokabular aus kleineren Einheiten als den Aussagen besteht
und daß die syntaktischen und semantischen Regeln inhaltlich anders formuliert
sind.
2.4.1. Das Vokabular von L1
Wenn man eine Fremdsprache erlernen will, so besteht eine Hauptaufgabe darin,
den Wortschatz dieser Sprache zu erwerben, bzw. ihr Vokabular kennenzulernen
und Übersetzungsäquivalente zu den Begriffen der eigenen
Sprache zu finden. Wenn wir den englischen Satz Dogs bark ins Deutsche
übersetzen wollen, so schlagen wir in einem Wörterbuch die beiden
Wörter dog und bark nach, entnehmen die zugehörigen
deutschen Wörter Hunde und bellen und können diese
-mit einigen weiteren Operationen, die uns hier aber nicht interessieren sollen-
in den deutschen Satz Hunde bellen übersetzen. Wenn wir uns nun
vorstellen, daß wir eine neue Sprache entwickeln, in die wir deutsche
Sätze übersetzen können, so müssen wir das Wörterbuch
und die darin enthaltenen Übersetzungen erst selbst schreiben. Einen solchen
Versuch wollen wir jetzt unternehmen.
Dazu müssen wir zunächst festlegen, welche Wörter diese Sprache
haben soll, d.h. wir entwerfen das Vokabular von L1. Das ist recht
einfach zu bestimmen, denn wir wollen in L1 im Prinzip über
all das reden können, über das wir auch im Deutschen reden: über
Tiere, Menschen, Kinofilme, das Wetter, Möbel, Häuser, Theorien,
Gebirgsformationen, Bücher aber auch über Otto, Clara, Maria,
unsere Nachbarn, den Bundeskanzler oder J.W. Goethe usw. Diesen
Dingen können wir Eigenschaften zuweisen, indem wir etwa Adjektive verwenden:
langweilige Kinofilme, blonde Menschen, blöde Theorien
usw. Darüber hinaus können wir zwischen diesen Dingen Bezüge
herstellen. Wir sagen etwa, daß Menschen Theorien aufstellen,
oder daß Otto kleine Tiere mag, oder daß die meisten
Bücher spannender sind als Kinofilme, oder daß Otto in Clara
verliebt ist, oder daß Möbel auf der Straße stehen.
Um solche sprachlichen Komplexe zu bilden, müssen wir natürlich wissen,
aus welchen Einheiten sich diese zusammensetzen und welche Eigenschaften diese
Einheiten haben, damit sie so und nicht anders zusammengesetzt werden können.
Ohne nun einen Exkurs in die Syntax natürlicher Sprachen zu unternehmen,
wollen wir ganz einfach sagen, daß die Ausdrücke in L1
Prädikate sind. Wir wissen, daß dies zwar sehr allgemein
ist und von vielen Eigenschaften, die sprachliche Ausdrücke sonst noch
haben, absieht, aber für unsere Zwecke mag dies genügen.
Wenn wir den Satz Paul klaut ein Buch betrachten, so stellt das Verb
klauen eine Relation zwischen Paul und einem Buch
dar, denn klauen ist ein zweistelliges Prädikat. Da nicht
nur Paul Bücher klaut, sondern auch Otto Autoradios, ist es sinnvoll, die
beiden Argumente des Verbs klauen durch Variablen x und y darzustellen,
also in der Art: x klauen y. Wenn wir nun für die Variable x Paul
und für die Variable y ein Buch einsetzen, so erhalten wir den
Satz Paul klauen ein Buch; und wenn wir für x Otto und für
y Autoradios einsetzen, so ergibt sich der Satz Otto klauen Autoradios.
Dabei sehen wir davon ab, zu welcher Zeit dieser Vorgang stattfindet, daß
die Kongruenz zwischen Subjekt und finitem Verb nicht gewahrt ist, daß
wir nicht ein bestimmtes, designiertes Buch meinen, daß die Genuskongruenz
in der Nominalphrase eingehalten wird, daß der Satz Verbzweit-Stellung
aufweist usw. usf. Uns interessiert nur, daß klauen ein zweistelliges
Prädikat ist.
Nun können auch andere syntaktische Kategorien als Prädikate charakterisiert
werden, wie wir bereits gesehen haben. Präpositionen spezifizieren z.B.
lokale oder temporale Relationen zwischen Individuen (oder Objekten): x in/auf/über/unter/neben y.
Andere Präpositionen sind einstellig: x ist unten/oben/hinten.
Adjektive wie blau, tief, lang, breit, schön
sind ebenfalls einstellige Prädikate, x ist blau/tief/breit, und
Nomina wie Fan, Bruder, Bürgermeister, wie man
an Beispielen wie Burger ist Bürgermeister von Köln, Karl
ist der Bruder von Otto sieht, können als zweistellige Prädikate
charakterisiert werden.
Kurzum, wir benötigen für unser Grundvokabular einerseits Ausdrücke,
die Individuen (und Objekte) denotieren und andererseits Prädikate,
die Relationen zwischen Individuen denotieren.
Diese Ausdrücke müssen wir in die Sprache L1 übersetzen.
Das ist sehr einfach, denn ein Ausdruck von L1 soll genauso aussehen,
wie ein Ausdruck des Deutschen, außer daß er durch ein Apostroph
als Vokabel von L1 gekennzeichnet ist. Das Wort lieben des
Deutschen wird also mit dem Ausdruck lieben' in L1 übersetzt.
Darüber hinaus ist festzulegen, daß der neue Ausdruck in L1
ein zweistelliges Prädikat bezeichnet. Dies ist aber ebenfalls sehr einsichtig,
da das Wort lieben im Deutschen ein transitives Verb ist und als solches
ebenfalls zwei Argumente benötigt. Die Übersetzung der deutschen Ausdrücke
in L1 geschieht in der folgenden Weise:
(49) 
Die Ausdrücke in der linken Spalte sind Elemente der Objektsprache,
d.h. Wörter des Deutschen. Die Ausdrücke in der rechten Spalte sind
Wörter der Metasprache, d.h Ausdrücke der Sprache L1.
Wörter des Deutschen wie Peter, Maria usw. werden in
Individuenkonstanten übersetzt. Verben wie schlafen, lieben,
schenken, usw. werden in ein-, zwei- bzw. dreistellige Pädikate
übersetzt, d.h. für jedes Verb, welches in L1 übersetzt
wird, gilt es zu bestimmen, welche Anzahl von Argumenten das übersetzte
Prädikat hat. Die Übersetzungsprozedur muß also festlegen,
daß 0-stellige Verben in 0-stellige Prädikate, 1-stellige Verben
in 1-stellige Prädikate, 2-stellige Verben in 2-stellige Prädikate
usw. übersetzt werden.
(50)
|
regnen, schneien, donnern,... |
® regnen', schneien', donnern',... |
PRED(0) |
|
schlafen, schwimmen, tanzen,... |
® schlafen', schwimmen', tanzen',... |
PRED(1) |
|
lieben, streicheln, verprügeln,... |
® lieben', streicheln', verprügeln',... |
PRED(2) |
|
geben, schenken, leihen,... |
® geben', schenken', leihen',... |
PRED(3) |
Unterschiedliche Wortformen wie geben, gebt, gab,
gibst wollen wir nicht unterscheiden, sondern alle diese Varianten
sollen in der Infinitivform als geben' übersetzt werden, da uns nur die
Prädikat-Argument-Struktur dieser Ausdrücke interessiert. Individuen-Konstanten
und Prädikate nennen wir im folgenden nicht-logische Konstanten.
Die Frage ist nun, warum wir diesen Aufwand der Übersetzung betreiben,
wenn die übersetzten Ausdrücke ohnehin fast identisch mit den Ausdrücken
des Deutschen sind. Der Grund dafür ist der folgende: Wir wissen nicht,
wie wir die Bedeutung von Sätzen des Deutschen angeben sollen. Natürlich,
allein die Übersetzung in die Prädikatenlogik bringt uns dabei nicht
weiter, da wir nur Symbol-Konfigurationen des Deutschen durch Symbol-Konfigurationen
der Prädikatenlogik ersetzen. Der entscheidende Punkt liegt jedoch darin,
daß es ein formales Verfahren gibt, mit dessen Hilfe wir die
Beziehung zwischen Ausdrücken von L1 und Zuständen und
Prozessen in der Welt so aufeinander beziehen können, daß sich die
Wahrheit der L1-Ausdrücke formal überprüfen läßt.
Da es nicht einfach ist, die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke zu ermitteln,
ist es umso wichtiger, daß wir uns stets auf eine explizite Theorie stützen
können, die es erlaubt, die komplexen Annahmen über Bedeutungen aufeinander
zu beziehen und ihre Kohärenz zu überprüfen.
Nun wollen wir aber nicht nur über Individuen wie Paul, Maria
und Clara reden, sondern auch über irgendwelche unbestimmten Individuen
wie in den folgenden Sätzen: Irgendjemand liebt Maria, Kein
Mensch wohnt freiwillig in Wanne-Eickel, Alle Schwäne sind weiß,
Mindestens drei Antworten sind richtig usw. Dabei legen wir uns mit
den Wörtern alle, kein, mindestens drei usw.
nicht auf spezielle Individuen fest, sondern auf eine unbestimmte Menge von
Individuen. Von dieser Menge können wir nur sagen, daß alle Elemente,
kein Element oder mindestens drei Elemente in ihr enthalten sind, etwa alle
Schwäne, kein Mensch, mindestens drei Antworten.
Wir können aber nicht genau sagen, um welche Elemente genau es sich dabei
handelt. Wiederum benötigen wir Variablen für Individuen oder Objekte.
Wir haben damit zwei Klassen von Ausdrücken für Individuen: (Individuen-)
Konstanten und (Individuen-) Variablen. Wir fassen Individuenkonstanten
wie (Paul, Clara usw.) und Individuenvariablen (x, y, z, ...)
unter den Oberbegriff Terme zusammen.
Da in der Sprache L1 alle komplexen Ausdrücke der Aussagenlogik
enthalten sein sollen, nehmen wir ebenfalls die Konnektoren der Aussagenlogik
mit in unser Vokabular auf, so daß auch ¬, Ù
,Ú ,® ,<->
mit zum Vokabular gehören. Damit können wir nun die folgenden Sätze
ausdrücken.
|
(51) |
(i) |
Otto schläft und Clara wandert. |
|
(ii) |
Wenn Peter Maria liebt, dann liebt Maria Peter. |
|
|
(iii) |
Hans schläft nicht. |
Um auch Aussagen behandeln zu können, wie Einige Fischer trinken Schnaps
oder Alle Tiere schlafen, müssen wir besondere Vorkehrungen treffen,
denn bei solchen Sätzen quantifizieren wir über bestimmte
Mengen (etwa:die Menge der Fischer). Dazu verwenden wir zwei Quantoren:"
und $. Der Quantor " besagt,
daß wir uns auf alle Individuen beziehen, die in der Diskursdomäne
auftreten, und der Quantor $
besagt, daß wir uns auf mindestens ein Individuum in der Diskursdomäne
beziehen.
Damit wollen wir das Vokabular der Sprache L1 abschließen.
Wir fassen die einzelnen Elemente nochmals zusammen.
|
(52) Das Vokabular von L1: |
||
|
(i) |
Individuenkonstanten: Peter', Clara', Otto', Luise', ... |
|
|
(ii) |
Individuenvariablen: x, y, z, ... |
|
|
(iii) |
Prädikate: schlafen', lieben', geben',... Zu jedem Prädikat ist die Anzahl der Argumente festgelegt. |
|
|
(iv) |
die fünf Konnektoren der Aussagenlogik: ¬, Ù, Ú, ®, <-> |
|
|
(v) |
zwei Quantoren:" , $ |
|
Dieses Vokabular scheint zunächst recht klein zu sein. Es gilt aber zu
bedenken, daß wir alle möglichen Individuen und Objekte in unser
Lexikon aufnehmen können, d.h. Bezeichnungen für alle Personen, für
alle Möbel, für alle Tiere, für alle Autos, kurzum für alle
Entitäten, die wir überhaupt kennen. Weiterhin können wir auch
alle Prädikate des Deutschen in das Vokabular von L1 übernehmen,
d.h. alle Verben, Präpositionen und Adjektive, um Beziehungen unterschiedlichster
Art zwischen Individuen und Objekten auszudrücken.
2.4.2. Der Begriff Modell für die Prädikatenlogik.
Um die Wahrheit bzw. Falschheit von Aussagen bezüglich einer Welt beurteilen
zu können, benötigen wir konkrete Vorstellungen von dieser Welt. Da
es mitunter schwierig ist, sich auf die gesamte aktuelle Welt zu beziehen, in
der wir leben, konstruieren wir uns ein Modell von der Welt, in dem
wir übersehen können, was in dieser der Welt der Fall ist und was
nicht. Natürlich konstruieren wir kein Modell für die gesamte Welt
-das wäre nämlich viel zu kompliziert-, sondern nur für einen
kleinen Weltausschnitt. In einem solchen Modell treten Individuen auf, zwischen
denen verschiedene Relationen bestehen können. Wir betrachten sodann Aussagen
über diese Modellwelt und zeigen an dem Bezug zwischen sprachlichen Ausdrücken
(über die Welt) und dem Modell (von der Welt), welche Interpretation
sprachliche Äußerungen in dem Modell erhalten, und wie diese Interpretation
gefunden werden kann. Wir wollen damit zeigen, auf welche Art und Weise sprachliche
Ausdrücke in Bezug zu unserer Modellwelt gesetzt werden, mag es uns gelingen,
besser zu verstehen, was wir in allen Kommunikationssituationen stets tun, nämlich
über die Welt zu reden und Urteile darüber abzugeben, ob die Welt
nun so oder so beschaffen ist. Wenn wir dieses Ziel erreicht haben, können
wir gewissermaßen formal nachspielen, wie unsere semantische Kompetenz
beschaffen sein muß, um die Wahrheit bzw. Falschheit sprachlicher Aussagen
relativ zur (Modell-) Welt zu bestimmen.
Dazu gehen wir so vor, daß wir zwischen Ausdrücken des Deutschen,
der Objektsprache, und solchen der Metasprache unterscheiden.
Dies haben wir bereits im vorhergehenden Kapitel durch die Übersetzungsfunktion
vorgenommen. Darüber hinaus muß unsere Schreibweise aber auch unterscheiden,
welche Ausdrücke logische Ausdrücke sind und mit welchen Ausdrücken
wir Individuen, Entitäten und Relationen im Modell bezeichnen, d.h. wir
müssen auch die metasprachlichen Ausdrücke in L1
von ihren Denotaten im Modell unterscheiden, so daß wir drei
Klassen von Ausdrücken erhalten: Ausdrücke der Objektsprache Deutsch,
die Übersetzung dieser Ausdrücke in L1 und die Bezeichnung
für die Denotate. Dies ist in der Graphik (53) dargestellt.
(53) 
Da wir den direkten Bezug zwischen den Sätzen einer natürlichen Sprache
und der Welt gerne verstehen möchten (unterer Pfeil), darüber aber
keine Kenntnisse haben, gehen wir so vor, daß wir die Sätze der Objektsprache
(Deutsch oder auch eine andere natürliche Sprache) zunächst in die
Metasprache L1 übersetzen. Wir verwenden dann das Tarski-Verfahren,
um zu bestimmen, in welchem Verhältnis die metasprachlichen Übersetzungen
zu einem Modell von der Welt stehen. Das deutsche Wort Tisch wird also
in die Metasprache als Tisch' übersetzt, und es denotiert in der
Welt [|Tisch'|], die Menge
derjenigen Objekte, die Tische sind.
Da wir nach wie vor an den Wahrheitsbedingungen von Aussagen in unserer Logiksprache
interessiert sind, müssen wir sicherstellen, daß jeder aus der Objekt-
in die Logiksprache übersetzte Ausdruck auch ein Denotat hat, denn Ausdrücke,
die kein Denotat in der Welt haben, sind auch nicht zu interpretieren. Wir müssen
also im Modell einerseits festlegen, über welche Individuen und Prädikate
wir reden, und andererseits, wie die Umstände in der Welt bezüglich
unserer Individuen und Prädikate beschaffen sind. Wenn wir in L1
das Prädikat lieben' verwenden, so müssen wir auch im Modell
festlegen, welches Individuum welches andere Individuum oder Objekt liebt. Verwenden
wir den Ausdruck Peter', so gilt es zu wissen, was das Denotat von
Peter' in der Welt ist. Wenn wir dies für alle nicht-logischen
Konstanten vollständig spezifiziert haben, wollen wir sagen, daß
wir ein Modell M für die Sprache L1 haben. Modelle
können ganz unterschiedliche Strukturen aufweisen, denn sie sollen jeweils
bestimmte Umstände darstellen, die bestehen können. So ist es z.B.
möglich, daß in einem Modell M1 festgelegt ist, daß
Otto schläft, während in einem Modell M2 gelten könnte,
daß Otto wach ist. Relativ zu dem Modell M1 ist dann der Satz
Otto schläft wahr, relativ zu dem Modell M2 ist er
hingegen falsch.
Da die Denotate der einzelnen Ausdrücke speziell für ein bestimmtes
Modell definiert sind, wollen wir auch in der Notation für das Denotat
markieren, für welches Modell es gilt. Das Denotat [|a
|]' des L1 -Ausdrucks a
wird relativ zu einem Modell M angegeben und durch das Superskript 'M'
gekennzeichnet.
(54) [|a |]M
ist das Denotat von a bzgl. des Modells M.
Ein Modell M besteht aus zwei Komponenten D und F. Es bildet damit ein zwei-Tupel
<D,F>, wobei D eine nicht-leere Menge von Individuen ist: die Diskursdomäne.
In D befinden sich alle Individuen, Objekte, Gegenstände usw. F ist eine
Funktion, die jeder nicht-logischen Konstanten von L1 ein Denotat
zuweist. F legt also fest, welche Interpretation die nicht-logischen Konstanten
in L1 haben. F bestimmt die Denotate wie folgt:
|
(55) |
(i) |
zu jeder Individuenkonstante ein Element aus D |
|
(ii) |
zu jedem einstelligen Prädikat eine Teilmenge von D |
|
|
(iii) |
zu jedem zweistelligen Prädikat eine Teilmenge von D x D |
|
|
(iv) |
zu jedem n-stelligen Prädikat eine Teilmenge von |
Wenn wir in L1 die Ausdrücke Peter' und Maria'
verwenden, so weist die Funktion F dem Ausdruck Peter' das Individuum [|
Peter'|]M zu und dem Ausdruck
Maria' das Individuum [|Maria'|]M.
Es gilt also:
|
(56) |
F(Peter') = [|Peter'|]M |
|
F(Maria') = [|Maria'|]M |
Wenn wir in L1 das zweistellige Prädikat lieben'
verwenden, und wenn es im Modell der Fall ist, daß [|Peter|]M
[|Maria|]M
liebt, und sonst niemand irgendjemand anderes liebt, so gilt:
(57) F(lieben') = [|lieben' |]M
= {<[|Peter|]M,[|Maria|]M>}
Wenn wir keine weiteren nicht-logischen Konstanten in L1 haben, so
hat mit dieser Festlegung jeder nicht-logische Ausdruck von L1 ein
Denotat in M, und damit haben wir ein Modell definiert. Es besteht aus der Menge
D = {Peter, Maria} und der Funktion F, wie sie in (56) und (57) angegeben
sind.
2.4.3. Die Syntax von L1
Nachdem wir das Grundvokabular von L1 festgelegt und für jede
nicht-logische Konstante ein Denotat im Modell spezifiziert haben, wollen wir
die syntaktischen Regeln für die Sprache L1 formulieren. Mit
diesen Regeln spezifizieren wir, auf welche Art und Weise die Elemente des Vokabulars
zu komplexeren Ausdrücken verbunden werden können. Wir machen uns
zunächst klar, daß wir die Strukturen von unendlich vielen Ausdrücken
festlegen. Wir müssen also wieder -wie in der Aussagenlogik- rekursive
Regeln angeben, die die Menge der prädikatenlogischen Formeln definiert.
(1) Syntaktische Regeln der Prädikatenlogik:
| (1) | Wenn P ein n-stelliges Prädikat ist und t1,t2,...,tn Terme sind, dann ist P(t1,t2,...,tn) eine Formel. |
| (2) | Wenn j und Y Formeln sind, dann sind auch ¬j, (j Ù Y), (j Ú Y), (j ® Y ), (j <-> Y) Formeln. |
| (3) | Wenn j eine Formel und x eine Individuenvariable ist, dann ist auch "(x)j eine Formel. |
| (4) | Wenn eine Formel und x eine Individuenvariable ist, dann ist auch $(x)j eine Formel. |
| (5) | Nichts sonst ist eine Formel. |
Da wir vermeiden wollen, daß unendlich komplexe Formeln gebildet werden
können, legen wir darüber hinaus fest, daß nur endlich viele
Regelanwendungen von (1)-(4) zur Erzeugung einer Formel erlaubt sind.
(2) Die Formeln von L1 können nur aus einer endlichen Anzahl
von Applikationen dieser Regeln erzeugt werden.
Mit Hilfe der Regel (1) können Prädikate mit Argumenten zu einer Formel
verbunden werden. Das einstellige Prädikat schlafen' und der Term
Paul' können zu der Formel schlafen'(Paul') kombiniert
werden. Im Deutschen entspricht dieser Formel der Satz Paul schläft.
Aber auch ein zweistelliges Prädikat wie lieben' kann nach Regel
(1) mit den zwei Argumenten Paul' und Maria' zu einer Formel
verbunden werden: lieben'(Paul',Maria'). Dieser Ausdruck ist die Übersetzung
des Satzes Paul liebt Maria.
Mit Regel (2) können einfache Formeln zu komplexen Formeln verknüpft
werden, so daß die Ausdrücke, die mit Hilfe der Aussagenlogik gebildet
werden, auch in der Prädikatenlogik formulierbar sind. Da schlafen'(Paul`)
nach Regel (1) eine Formel ist, ist ¬(schlafen'(Paul') nach Regel (2)
ebenfalls eine Formel. Da weiterhin nach Regel (1) der Ausdruck lieben'(Paul',Maria')
eine Formel ist, ist nach Regel (2) der Ausdruck ¬(schlafen'(Paul') lieben'(Paul',Maria')
ebenfalls eine Formel, und sie übersetzt den deutschen Satz: Wenn Paul
nicht schläft, dann liebt Paul Maria. In der gleichen Weise gilt dies
für die anderen Konnektoren der Aussagenlogik.
Die Regeln (3) und (4) behandeln die beiden Quantoren $
und " . Regel (4) besagt das Folgende: Wenn j(x)
eine Formel ist, dann kann der Operator $x
vor diese Formel geschrieben werden, wobei das Resultat wieder eine Formel ist.
Was besagt aber eine solche quantifizierte Formel? Der Existenzoperator
$x läßt sich paraphrasieren als: es
gibt (mindestens) ein x. Verbunden mit einer Formel j(x)
kann die Formel $xj(x)
durch die Paraphrase wiedergegeben werden: Es gibt (mindestens) ein x, für
dasj (x) gilt. Dabei ist es möglich, daß
die Variable x in der Formel j auftritt oder auch
nicht. Wir haben bei der Festlegung des Vokabulars Individuen-Konstanten
und Individuen-Variablen unter dem Begriff Terme zusammengefaßt.
Die Argumente von Prädikaten müssen daher nicht notwendigerweise (Individuen-)
Konstanten sein, sondern auch (Individuen-) Variablen können nach Regel
(1) als Argumente auftreten, da auch sie in die Klasse der Terme fallen. So
ergibt etwa die Kombination des einstelligen Prädikats schlafen'
mit der Individuenvariablen x die Formel schlafen'(x). Nach Regel (4)
ist der Ausdruck $x[schlafen'(x)] ebenfalls
eine Formel. Diese Formel wird paraphrasiert als: Es gibt (mindestens) ein
x, so daß gilt: x schläft.
Genauso verhält es sich mit dem Quantor "x.
Wenn der Ausdruck "x vor eine Formel j(x)
geschrieben wird, so wird diese -nach Regel (3) gebildete- Formel paraphrasiert
als: Für alle x gilt: j(x).
Wenden wir die Regel (3) auf die Formel schlafen'(x) an, so erhalten
wir die Formel "x[schlafen'(x)], die besagt:
für alle x gilt, x schläft, oder kurz: Alle schlafen.
Mit dem Existenzquantor wird also ausgedrückt, daß die Formel j
für mindestens ein x in der Diskursdomäne erfüllt
sein muß, und mit dem Allquantor wird ausgedrückt, daß die
Formel j für alle x in der Diskursdomäne
erfüllt sein muß. Hinter einem Quantor steht immer eine Variable,
auf die sich der Quantor bezieht, und nur für diese Variable ist er relevant.
Die Formel $x["y[lieben'(x,y)]]
besagt: Es gibt ein x, so daß für alle y gilt: x liebt y.
In diesem Fall gibt es also mindestens ein Individuum x, das alle Individuen
y liebt. Der Existenzquantor bezieht sich auf die Variable x und der Allquantor
auf die Variable y. Auf die Formel lieben'(x,y) wurde zuerst die Regel
(3) und dann die Regel (4) angewendet.
Betrachten wir nun die Formel "y[$x[lieben'(x,y)]],
bei der zuerst die Regel (4) auf die Formel lieben'(x,y) angewendet
wurde und dann die Regel (3) auf die Formel $x[lieben'(x,y)].
Diese Formel besagt nun nicht das gleiche, wie die vorhergehende, denn sie wird
paraphrasiert als: Für alle y gibt es ein x, so daß gilt: x liebt
y. Das bedeutet aber, daß es zu jedem y irgendein x gibt, so daß
x y liebt, d.h. jedes y wird von irgendeinem x geliebt; oder kurz: Jeder wird
geliebt.
Wir wollen uns nun mit einigen Termini und Redeweisen vertraut machen, die im
Zusammenhang mit Quantoren und Variablen wichtig sind. Jeder Quantor mit einer
Variablen kann im Prinzip vor jede Formel geschrieben werden, unabhängig
davon, ob die Variable in der Formel auftritt oder nicht: Der Ausdruck "x[j(y)]
ist daher eine zulässige Formel. Man spricht bei derartigen Formeln auch
von leerer Quantifikation, denn der Quantor bezieht sich nicht auf
eine Variable, die in j enthalten ist.
Wenn x eine Variable und j eine Formel ist, vor die
ein Quantor geschrieben wird, um einen Ausdruck der Form "x[j
] oder $x[j ] zu
bilden, dann nennt man j den Skopus des Quantors.
Gelegentlich bezeichnet man einen solchen Quantor auch als Operator.
Eine Variable ist gebunden, wenn sie im Skopus von "x
oder $x liegt. Eine Variable ist frei, wenn
sie nicht gebunden ist. Eine Variable kann daher entweder gebunden oder frei
sein. Aber es gilt, daß jede Variable höchstens einmal gebunden sein
darf. Ein Ausdruck der folgenden Art ist also unzulässig: $x["x[j(x)]].
In der folgenden Formel ist die Variable x frei, und die Variable y ist gebunden.
(3)

(Wenn alle schlafen, dann singt keiner.)
Der Operator "y bindet nur y in seinem Skopus,
nicht aber x. In der folgenden Formel sind sowohl x als auch y gebunden.
(4) (Jeder liebt jemanden.)
Der Skopus des Allquantors "x ist der
Ausdruck: $y[lieben'(x,y)], der Skopus des
Existenzoperators dagegen: lieben'(x,y).
Wir betrachten abschließend noch ein Beispiel für eine etwas komplexere
Formel. Diese Formel übersetzt den Satz: Für alle x gilt: Wenn
x singt, dann gibt es einen Menschen y, und y hört x.
(5) (Wenn alle singen, dann gibt es einen Menschen, der alle hört.)
In dieser Formel ist der Skopus des Allquantors "x
der Ausdruck:
[singen'(x) $ y [Mensch(y) Ù hören'(y,x)]],
und der Skopus des Existenzquantors $y ist
der Teil der Formel:
[Mensch(y) Ù hören'(y,x)].
Eine Formel der Prädikatenlogik, in der alle Variablen gebunden sind, bezeichnet
man als geschlossene Formel. Eine Formel mit mindestens einer freien
Variablen ist eine offene Formel. Offene Formeln lassen sich nicht
ohne weiteres interpretieren, da den freien Variablen mittels der Funktion F
kein Denotat zugewiesen werden kann. Freie Variablen müssen i.d.R. durch
Bedingungen, die der Kontext liefert, interpretiert werden. Für uns wird
diese Art der Interpretetation zunächst aber keine Rolle spielen, da wir
nur an geschlossenen Formeln interessiert sind. Darüber hinaus werden wir
ein Verfahren kennenlernen, welches auch freien Variablen ein Denotat zuweist.
2.4.4.Die Semantik von L1
Im letzten Abschnitt haben wir die Kombinationsregeln für die Elemente
des Lexikons betrachtet. Mit diesen Regeln ist es möglich, beliebig komplexe
L1-Formeln zu bilden. In diesem Abschnitt wollen wir erörtern,
wie die so gebildeten Formeln in einem Modell interpretiert werden können.
Dabei gehen wir so vor, daß wir zu jeder syntaktischen Regel genau eine
semantische Regel formulieren, die uns die Interpretation des Ausdrucks liefert,
den die syntaktische Regel konstruiert hat. Diese Interpretation geschieht relativ
zu einem vorgegebenen Modell M. Wir haben bereits erörtert, daß ein
Modell M aus dem Individuenbereich D und der Denotatsfunktion F besteht. Wir
fragen also danach, welche Interpretation eine Formel in einem Modell erhält,
und dabei interessiert uns insbesondere, wann eine Formel bzgl. eines Modells
wahr ist.
2.4.4.1.Wahrheitsbedingungen für Prädikatsausdrücke
Nach der syntaktischen Regel (1) kann aus einem einstelligen Prädikat P
und einem Term t die Formel P(t) gebildet werden. Das Denotat des Prädikatsausdrucks
P ist die Menge derjenigen Individuen in dem Modell, auf die das Prädikat
P zutrifft. Das Denotat des Terms t ist das Individuum [|t|]M.
Wir sagen, daß die Formel P(t) im Modell M wahr ist, wenn das Individuum [|t|]M ein
Element des Denotats [|P|]M
von P ist. Wenn P das Prädikat schnarchen' ist, das verbunden
mit dem Term Peter' die Formel P(t) (= schnarchen'(Peter'))
bildet, so ist diese Formel im Modell M genau dann wahr, wenn das Individuum [|Peter'|]M
ein Element derjenigen Menge ist, die das Prädikat schnarchen'
denotiert. Diese Menge ist die Menge aller Individuen, die schnarchen, also: [|schnarchen'|]M.
Die Formel schnarchen'(Peter') ist im Modell M genau dann wahr, wenn
gilt:
(6) [|Peter'|]M Î[|schnarchen'|]M
Und die Formel ist genau dann falsch, wenn in M gilt:
(7) [|Peter'|]M Ï[|schnarchen'|]M
bzw. wenn [|Peter'|]M
im Komplement von [|schnarchen'|]M
bzgl. D liegt.
In dem Modell in (8) sind [|Clara'|]M
und [|Hans'|]M
Elemente des Denotats von schnarchen'.
(8) 
Bezüglich M ist sowohl der Satz Hans schnarcht als auch der Satz Clara schnarcht wahr. Die Sätze Luise schnarcht und Peter schnarcht sind in dem Modell M falsch, da weder [|Luise'|]M
noch [|Peter'|]M
Elemente in der Menge [|schnarchen'|]M
sind.
Für alle Formeln, die sich aus einem einstelligen Prädikat und einem
Term zusammensetzen, formulieren wir jetzt eine allgemeine Bedingung, die angibt,
wann eine Formel, die aus einem einstelligen Prädikat und einem Term besteht,
wahr ist.
|
(9) |
Für jedes einstellige Prädikat und jeden beliebigen Term t gilt: |
|
P(t) = 1 <-> [|t|]M Î[|P|]M. |
Das Denotat eines zweistelligen Prädikats ist die Menge der geordneten
Paare <x,y>, die in der durch das Prädikat ausgedrückten Relation
zueinander stehen. Nach der syntaktischen Regel (1) gilt, daß ein zweistelliges
Prädikat P verbunden mit zwei Termen t1 und t2 eine
Formel ist. Wann ist eine solche Formel wahr? Zur Beantwortung dieser Frage
erinnern wir uns an die Konstruktion des cartesischen Produkts D x D.
Dieses war definiert als die Menge aller Paare von Elementen aus D. Ein zweistelliges
Prädikat denotiert eine Menge von Paaren, und ganz offensichtlich bildet
diese Menge eine Teilmenge des cartesischen Produkts, in dem alle möglichen
Paare enthalten sind. Wenn wir nun -ganz analog zu der Wahrheitsbedingung für
einstellige Prädikate- feststellen wollen, ob t1 und t2
in der durch das Prädikat ausgedrückten Relation zueinander stehen,
so müssen wir in M prüfen, ob das Paar <t1,t2> ein Element in der Menge der Paare ist, die von P denotiert wird. Wenn die Diskursdomäne D von M die folgende Menge darstellt: {Peter, Clara, Hans, Luise}, so ist das cartesische Produkt D x D die Menge aller Paare von Individuen aus D. Wenn Peter Clara, Clara Peter und Hans Luise liebt, und wenn sonst niemand irgendjemanden liebt, so bilden die drei Paare eine Teilmenge von D x D. Diese Teilmenge ist das Denotat [|lieben'|]M
des Prädikats lieben'.
(10) 
Möchten wir nun wissen, ob der Satz Peter liebt Clara im Modell
M wahr ist, so müssen wir prüfen, ob das geordnete Paar <[|Peter'|]M, [|Clara'|]M>
in der Menge der geordneten Paare <x,y> enthalten ist, für die gilt,
daß x y liebt, oder anders formuliert, ob gilt: <[|Peter'|]M, [|Clara'|]M> Î[|lieben'|]M.
In unserem Modell ist diese Aussage wahr, da <[|Peter'|]M, [|Clara'|]M>
ein Element in der Menge [|lieben'|]M
ist. Der Satz Clara liebt Hans ist in unserem Modell hingegen falsch,
da das Paar < [|Clara'|]M,[|Hans'|]M>
kein Element von [|lieben'|]M
darstellt.
Wir halten die folgende Wahrheitsbedingung für zweistellige Prädikate
fest:
|
(11) |
Wenn P ein zweistelliges Prädikat ist, und t1 und t2 Terme sind, dann gilt: |
|
P(t1,t2) = 1 <-> < [|t1 |]M,[|t2 |]M> Î [|P|]M. |
Es sollte nicht mehr schwerfallen, dieses Ergebnis für Formeln mit n-stelligen
Prädikaten zu verallgemeinern. Ein n-stelliges Prädikat denotiert
die Menge derjenigen n-Tupel von Individuen, auf die das Prädikat zutrifft.
Wenn das n-Tupel in dieser Menge enthalten ist, so ist der Satz wahr. Die folgende
Wahrheitsbedingung gilt für Formeln mit n-stelligen Prädikaten mit
n Termen.
(12) Semantische Regel (1') für n-stellige Prädikate:
Für jedes n-stellige Prädikat P und beliebige Terme t1,
t2, ..., tn gilt: P(t1, t2, ..., tn) = 1
<-> [|<t1, t2, ..., tn>|]M Î[|P|]M.
Diese Regel ist das semantische Korrelat zu der syntaktischen Regel (1), d.h.
Formeln, die nach der syntaktischen Regel (1) gebildet werden, werden nach der
semantischen Regel (1') interpretiert.
2.4.4.2Wahrheitsbedingungen für die Konnektoren
Wie werden die semantischen Werte der anderen Elemente des Basisvokabulars bestimmt?
Die Konnektoren der Aussagenlogik '¬', 'Ù', 'Ú',
'®', '<->', die
wir in die Prädikatenlogik übernommen haben, behalten genau die gleiche
semantische Interpretation, die wir in den Wahrheitswert-Tabellen festgelegt
haben. Der Satz Peter schläft und Maria wandert kann in die beiden
Teilformeln schlafen'(Peter') und wandern'(Maria') zerlegt,
mit dem Konnektor Ù verbunden und in die
Formel (13) übersetzt werden. Diese ergibt sich nach Anwendung der syntaktischen
Regel (2).
(13) schlafen'(Peter') Ù wandern'(Maria')
Wenn in M einerseits gilt: [|Peter'|]M Î[|schlafen'|]M,
d.h. daß das Individuum [|Peter'|]M
in der Menge der schlafenden Individuen enthalten ist, dann ist die Formel schlafen'(Peter')
wahr. Wenn aber andererseits im Modell M nicht gilt, daß [|Maria'|]M Î[|wandern'|]M,
d.h. daß Maria nicht wandert, dann ist die Formel wandern'(Maria')
in M falsch. Nun sagt uns die Wahrheitswert-Tabelle, daß eine komplexe
Formel, die zwei Aussagen mittels der Konjunktion verbindet, genau dann wahr
ist, wenn beide Aussagen wahr sind. Die erste Formel ist im Modell wahr, die
zweite hingegen falsch. Die mittels der Konjunktion gebildete komplexe Formel
ist also falsch, da nicht beide Konjunkte wahr sind. Bevor wir den Wahrheitswert
einer Konjunktion berechnen können, müssen wir jeweils die Wahrheitsbedingungen
der beiden Teilformeln im Modell überprüfen. Dabei können folgende
vier Fälle auftreten:
|
(14) |
1. Die erste Formel ist wahr, und die zweite Formel ist wahr. |
|
2. Die erste Formel ist wahr, und die zweite Formel ist falsch. |
|
|
3. Die erste Formel ist falsch, und die zweite Formel ist wahr. |
|
|
4. Die erste Formel ist falsch, und die zweite Formel ist falsch. |
Dies sind aber genau die vier Fälle, die die Wahrheitswert-Tabelle erfaßt,
die wir im Abschnitt über Aussagenlogik behandelt haben, so daß wir
jetzt in der Lage sind, die semantischen Werte der Teilformeln kompositionell
zu berechnen. Ganz ähnlich verhält es sich mit den anderen Konnektoren.
Auch dabei müssen wir zunächst die Wahrheitsbedingungen der Teilformeln
im Modell überprüfen und können dann erst feststellen, ob die
gesamte Formel wahr oder falsch ist.
Eine negierte Formel wie etwa ¬(schlafen'(Peter')) besagt, daß
Peter nicht schläft. Wie überprüfen wir, ob diese Formel in einem
Modell wahr ist? Nun, wir bestimmen zunächst, ob das Individuum [|Peter'|]M
ein Element des Denotats [|schlafen'|]M
ist. Trifft dies zu, so ist die Formel wahr und es gilt:
(15) [|schlafen'(Peter')|]M
= 1.
Wendet man jetzt die Negation an, so verkehrt sich der Wahrheitswert in sein
Gegenteil. Wenn also schlafen'(Peter') in M wahr ist, so ist die Formel
¬(schlafen'(Peter')) in M falsch, und es gilt:
(16) ¬[|schlafen'(Peter')|]M
= 0.
Wir formulieren die semantische Regel (2') in genauer Übereinstimmung mit
den semantischen Regeln der Aussagenlogik. Wenn p und q Formeln sind, so gelten
für die Konnektoren '¬', 'Ù', 'Ú',
'®', '<->' die Wahrheitswert-Tabellen
der Aussagenlogik. Allerdings müssen wir jetzt Prinzipien der Komposition
formulieren, denn in der Aussagenlogik haben wir ja alle Verteilungen der Wahrheitswerte
in die Tabellen aufgenommen. Da wir mit der Prädikatenlogik in der Lage
sind, die Wahrheitswerte von Aussagen direkt zu berechnen, müssen wir angeben,
wie sich diese bei einer Kombination von Aussagen mit den Konnektoren ergeben.
Wir müssen also spezifizieren, wie sich das Denotat einer komplexen Formel
aus den Denotaten der einfachen Formeln ergibt.
(17) Semantische Regel (2') für die Konnektoren der Aussagenlogik:
Wenn j und Y Formeln sind,
die jeweils das Denotat [|j|]M
und [|Y|]M
haben, dann gilt:
|
[|¬j|]M |
= ¬[|j|]M |
|
[|j Ù Y|]M |
= [|j|]M Ù [|Y|]M |
|
[|j ÚY|]M |
= [|j|]M Ú [|Y|]M |
|
[|j ®Y|]M |
= [|j|]M ® [|Y|]M |
|
[|j <->Y|]M |
= [|j|]M <-> [|Y|]M |
Wenn p := schlafen'(Peter') und q := trinken'(Maria',Schnaps'),
dann lassen sich die semantischen Werte von Formeln, die p und q mit einem Konnektor
verbinden, nach den Wahrheitswert-Tabellen der Aussagenlogik berechnen, wobei
jetzt allerdings nicht mehr alle möglichen Wahrheitswerte für p und
q einzusetzen sind, sondern nur noch diejenigen, über die die Formeln p
und q jeweils relativ zum Modell M verfügen. Wenn also in M gilt, daß
Peter schläft und daß Maria Limonade trinkt (und nicht Schnaps),
dann ist die Formel p wahr und die Formel q falsch. In diesem Falle gilt (18).
(18)
|
(i) |
[|¬p|]M |
= ¬[|p|]M |
=¬1 |
=0 |
|
(ii) |
[|p Ù q|]M |
= [|p|]M Ù [q|]M |
=1 Ù 0 |
=0 |
|
(iii) |
[|p Úq|]M |
= [|p|]M Ú [|q|]M |
=1 Ú 0 |
=1 |
|
(iv) |
[|p®q|]M |
= [|p|]M ® [|q|]M |
=1 ® 0 |
=0 |
|
(v) |
[|p <->q|]M |
= [|p|]M <-> [|q|]M |
=1 <-> 0 |
=0 |
Die Denotate der komplexen Formeln werden also aus den Denotaten der einfachen
Formeln berechnet, gerade so, wie wir es in der Aussagenlogik kennengelernt
haben.
2.4.4.3 Wahrheitsbedingungen für $ und "
Wir fragen nun nach den Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit
quantifizierte Formeln wahr sind. Die Formel j(x)
kann nach Regel (3) mit dem Allquantor kombiniert werden, woraus die Formel
"x[j(x)]
entsteht. Wenn j= schlafen' ist, so ergibt
sich die Formel in (19)(i) mit der Paraphrase in (19)(ii), die dem Satz (19)(iii)
entspricht.
|
(19) |
(i) |
"x[schlafen´(x)] |
|
(ii) |
Für alle x gilt: x schläft. |
|
|
(iii) |
Alle schlafen |
Wie sich aus der Paraphrase in (19)(ii) ersehen läßt, wird über
alle Individuen in der Diskursdomäne quantifiziert. Damit die Formel (19)(i)
wahr ist, muß also für alle Individuen x in D gelten, daß sie
schlafen. Wenn es ein Individuum in D gibt, welches nicht schläft, so ist
die Formel falsch. Um die Wahrheit der allquantifizierten Formel zu überprüfen,
müssen wir also zu jedem Individuum x in D entscheiden, ob die Formel schlafen'(x)
für dieses Individuum wahr ist. Sofern dies für alle Individuen gilt,
wollen wir sagen, daß auch die Gesamtformel wahr ist. Dies ist in (20)
als Wahrheitsbedingung für allquantifizierte Formeln formuliert.
(20) Semantische Regel (3') für den Allquantor ":
Wenn x eine Variable und j(x) eine Formel ist, dann
ist die Formel "x[j(x)]
genau dann wahr, wenn die Formel j(x) für alle
Individuen in D wahr ist.
Wendet man auf die Formel schlafen'(x) die syntaktische Regel (4) für
den Existenzquantor an, so ergibt sich der Ausdruck in (21)(i) mit der semi-logischen
Paraphrase (21)(ii) zu dem Satz (21)(iii).
|
(21) |
(i) |
$x[schlafen'(x)] |
|
(ii) |
Für mindestens ein x gilt: x schläft. |
|
|
(iii) |
(Mindestens) eine(r) schläft. |
Damit die Formel (21)(i) wahr ist, muß -wie man leicht anhand der Paraphrase
in (21)(ii) sieht- für mindestens ein Individuum in D gelten, daß
es schläft. Wenn ein solches Individuum in D existiert, so ist die Formel
(21)(i) wahr, anderenfalls falsch. Wir können also die semantische Regel
(4') für den Existenzquantor formulieren wie in (22).
(22) Semantische Regel (4') für den Existenzquantor $:
Wenn x eine Variable und j(x) eine Formel ist, dann
ist die Formel $x[j(x)]
genau dann wahr, wenn die Formel j(x) für mindestens
ein Individuum in D wahr ist.
Bisher haben wir hauptsächlich solche Ausdrücke betrachtet, bei denen
j ein einstelliges Prädikat ist, so daß
sich eine quantifizierte Formel entweder auf alle Individuen oder nur auf irgendein
Individuum bezieht, ohne daß wir über die Individuen selbst etwas
ausgesagt hätten. Wir betrachten nun einige Formeln, bei denen j
selbst komplex ist, z.B. die Übersetzung des Satzes Alle Hühner
schlafen. Eine erste intuitive Annäherung könnte dabei das folgende
annehmen:
|
(23) |
(i) |
Alle Hühner schlafen. |
|
(ii) |
"x[Huhn'(x) Ù schlafen'(x)] (falsche Übersetzung) |
|
|
(iii) |
Für alle x gilt: x ist ein Huhn und x schläft. |
Die Formel (23)(ii) drückt aber sicherlich nicht die Bedeutung des Satzes
(23)(i) aus, wie man an der Paraphrase in (23)(iii) leicht sieht. (23)(ii) besagt
nämlich, daß jedes Individuum in D ein schlafendes Huhn ist. Wir
müssen überlegen, auf welche Art und Weise wir die Bedeutung von (23)(i)
angemessen darstellen können. Dies wäre etwa möglich, wenn wir
anstelle der Konjunktion das Konditional verwenden, so daß wir die Formel
in (24)(ii) mit der Paraphrase in (24)(iii) erhalten.
|
(24) |
(i) |
Alle Hühner schlafen. |
|
(ii) |
"x[Huhn'(x) ® schlafen'(x)] (richtige Übersetzung) |
|
|
(iii) |
Für alle x gilt: Wenn x ein Huhn ist, dann schläft x. |
Diese Übersetzung ist nun in mehrfacher Hinsicht sinnvoll. Um dies deutlich
zu machen, wollen wir erst einmal die folgende abkürzende Schreibweise
festlegen: H := Huhn' und S := schlafen'.
Damit die Formel (24)(ii) wahr ist, muß nach der semantischen Regel (3')
die Formel H(x) ® S(x) für jedes Individuum
in D wahr sein. Aus der Wahrheitswert-Tabelle für das Konditional wissen
wir bereits, daß dieses genau dann falsch ist, wenn der Vordersatz wahr,
der Nachsatz aber falsch ist. In D seien nun sowohl solche Individuen, die Hühner
sind als auch solche, die keine Hühner sind, als auch solche, die schlafen,
und solche, die nicht schlafen. Die Formel H(x) ® S(x)
ist für alle Individuen wahr, für die S(x) wahr ist, da der Vordersatz
für diese Individuen falsch ist. Die Formel ist natürlich auch für
alle x wahr, für die sowohl H(x) als auch S(x) wahr ist, und sie ist nur
für diejenigen Individuen falsch, für die H(x) wahr, S(x) aber falsch
ist. Das bedeutet, daß die Formel für alle Individuen, die keine
Hühner sind, wahr ist, und es bedeutet weiterhin, daß die Formel
für alle Individuen, die schlafende Hühner sind, ebenfalls wahr ist,
und zu guter Letzt, daß die Formel nur für solche Individuen falsch
ist, die Hühner sind, aber nicht schlafen. Wenn es solche Individuen in
M nicht gibt, so ist die Formel H(x) ® S(x)
für alle Individuen in M wahr. Gibt es dagegen solche Individuen, so ist
die Formel in M falsch.
Jetzt können wir verstehen, daß unsere Übersetzung sinnvoll
war, denn das soeben erörterte Bedingungsgefüge des Konditionals entspricht
genau der Wahrheitsbedingung, die mit der semantischen Regel (3') ausgedrückt
wird. Bezüglich unseres Beispiels ergibt sich die Bedingung, daß
für alle Individuen in M die Formel H(x) ® S(x)
wahr sein muß, und dies ist genau dann der Fall, wenn es in M keine Hühner
gibt, die nicht schlafen. Wir halten dieses Resultat in einem gesonderten Satz
fest.
(25) Für (komplexe) allquantifizierte Formeln wird das Konditional verwendet.
Damit haben wir eine intuitiv adäquate Bedingung für die Verwendung
des Allquantors formuliert, die wesentlich auf der Verwendung des Konditionals
beruht. Es zeigt sich zugleich, daß die Festlegung der Wahrheitswert-Tabellen
für das Konditional sinnvoll war, indem wir bei falschem Vordersatz stets
den Wert 'wahr' für den Konditionalausdruck angenommen haben.
Betrachten wir nun eine Formel mit dem Existenzquantor. Man könnte zunächst
versucht sein, auch diesen in Kombination mit dem Konditional zu verwenden.
Damit erhielten wir die folgende Übersetzung.
|
(26) |
(i) |
(Mindestens) ein Huhn schläft. |
|
(ii) |
$x[Huhn'(x) ® schlafen'(x)] (falsche Übersetzung) |
|
|
(iii) |
Für (mindestens) ein x gilt: Wenn x ein Huhn ist, dann schläft x. |
Diese Übersetzung wäre dann angemessen, wenn es in M ein Individuum
gibt, welches ein Huhn ist, das schläft, denn dann wäre die Formel
H(x) S(x) für irgendein Individuum wahr, und nach der semantischen
Regel (4') wäre dies für die Wahrheit der Formel (26)(ii) hinreichend.
Damit haben wir den Fall abgedeckt, daß sowohl H(x) als auch S(x) wahr
sind. Die Formel (26)(ii) wird aber auch dann wahr, wenn es in M überhaupt
keine Hühner gibt, da der Vordersatz des Konditionals in diesem Falle für
alle Individuen in M falsch wäre, so daß das Konditional für
alle Individuen in D wahr würde. In einer Situation, in der es keine Hühner
gibt, ist der Satz (Mindestens) ein Huhn schläft aber falsch.
Die Übersetzung mit dem Konditional liefert uns also ungenügende Ergebnisse.
Wiederum sollten wir ausprobieren, ob nicht ein anderer Konnektor unsere semantische
Intuition besser ausdrückt. Wir versuchen es diesmal mit der Konjunktion.
|
(27) |
(i) |
(Mindestens) ein Huhn schläft. |
|
(ii) |
$x[Huhn'(x) Ù schlafen'(x)] (richtige Übersetzung) |
|
|
(iii) |
Für (mindestens) ein x gilt: x ist ein Huhn, und x schläft. |
Die Formel (27)(ii) ist nach der semantischen Regel (4') genau dann wahr, wenn
sie für irgendein Individuum in M wahr ist. Nun wird die Konjunktion aber
nur dann wahr, wenn beide Konjunkte wahr sind. Insbesondere muß also gelten,
daß für irgendein Individuum in M sowohl H(x) als auch S(x) wahr
ist. Wenn es ein solches Individuum in M gibt, so ist (27)(ii) wahr, anderenfalls
falsch. Diese Bedingung entspricht genau der Interpretation von (27)(i). Unsere
semantische Intuition sagt uns also:
(28) Für existenzquantifizierte Formeln wird die Konjunktion verwendet.
Im nächsten Abschnitt wollen wir ein Verfahren kennenlernen, welches uns
erlaubt, die Interpretation von quantifizierten Formeln in einem Modell formal
nachzuspielen.
2.4.4.4. Interpretation der Quantoren: $ und "
Bevor wir das formale Verfahren der Tarski-Semantik betrachten, mit Hilfe dessen
wir Quantorenausdrücke interpretieren können, wollen wir uns an einem
Beispiel klar machen, wie wir überprüfen können, ob der Satz
Alle Seminarteilnehmer sind blond wahr ist. Stellen wir uns dazu ein
Modell M vor, das die folgende Situation darstellt. Wir befinden uns in einem
Seminarraum, in dem zehn Seminarteilnehmer sitzen: Peter, Maria, Otto, Clara,
Hans, Jens, Petra, Susanne, Katja und Luise. Diese zehn Individuen bilden die
Diskursdomäne D. Wenn wir in dieser Situation bestimmen wollen, ob der
Satz in (29)(i), bzw. dessen Übersetzung in (29)(ii) wahr ist, so müssen
wir jedes einzelne Individuum anschauen und prüfen, ob es blond ist oder
nicht.
|
(29) |
(i) |
Alle Seminarteilnehmer sind blond. |
|
(ii) |
"x[Seminarteilnehmer'(x) ® blond'(x)] |
Wir könnten dabei bei Peter anfangen, und wenn Peter blond ist, können
wir sagen, daß der Satz bis jetzt nicht falsch ist. Wenn wir für
Peter festgestellt haben, daß er blond ist, können wir aber
noch nicht behaupten, daß der allquantifizierte Satz (29)(ii) wahr ist,
weil wir ja für alle Individuen prüfen müssen, ob sie
blond sind. Wir betrachten also als nächstes Maria, und wenn auch Maria
blond ist, wissen wir, daß die Chance besteht, daß der Satz wahr
sein kann, wiewohl wir auch jetzt noch nicht sagen können, ob er wahr bleibt,
denn wir haben ja noch andere Individuen zu überprüfen. In dieser
Art verfahren wir weiter, bis wir die ersten neun Individuen hinsichtlich ihrer
Haarfarbe bestimmt haben. Wir nehmen an, daß bisher alle blond sind. Wir
überprüfen jetzt die Haarfarbe von Luise. Wenn auch Luise blonde Haare
hat, so ist der allquantifizierte Satz wahr. Wenn Luise aber schwarze Haare
hat, so ist der Satz falsch, da nicht alle Individuen blond sind.
Dieses Beispiel zeigt folgendes: Um festzustellen, ob die allquantifizierte
Aussage in (29)(i) wahr ist, muß zu jedem einzelnen Individuum in der
Diskursdomäne entschieden werden, ob es blond ist oder nicht. Das bedeutet,
daß die gesamte Diskursdomäne durchlaufen werden muß, um die
Wahrheit eines allquantifizierten Satzes zu ermitteln. Die Falschheit
dieses Satzes hätte sich (abhängig von Gegebenheiten möglicherweise)
schneller ermitteln lassen. Wenn wir nämlich schon beim dritten Seminarteilnehmer
Otto festgestellt hätten, daß dieser schwarze Haare hat,
so wäre bereits an dieser Stelle klar gewesen, daß der allquantifizierte
Satz falsch ist, und es wäre nicht mehr nötig gewesen, auch die restlichen
Seminarteilnehmer zu betrachten.
In ähnlicher Weise müssen wir vorgehen, wenn wir die Wahrheit des
Satzes (30)(i) mit der Übersetzung (30)(ii) ermitteln wollen.
|
(30) |
(i) |
(Mindestens) ein Seminarteilnehmer ist blond. |
|
(ii) |
$x[Seminarteilnehmer'(x) Ù blond'(x)] |
Wiederum gilt es die Individuen in der Diskursdomäne zu betrachten. Wenn
das erste Individuum (Peter) blond ist, so ist die Formel (30)(ii) wahr, und
es ist nicht mehr nötig, die restlichen Individuen zu betrachten. Nehmen
wir nun aber an, daß das Modell die folgende Struktur hat: Fünf Seminarteilnehmer
haben schwarze und fünf haben blonde Haare. Wenn wir zuerst diejenigen
Individuen mit den schwarzen Haaren betrachten, können wir noch nicht schließen,
daß der Satz falsch ist, denn es könnte ja immer noch sein, daß
einer der folgenden Teilnehmer blond ist. Wir müssen also weitersuchen,
bis wir einen blonden Seminarteilnehmer gefunden haben. Wenn das sechste Individuum
(Petra) nun tatsächlich blond ist, können wir an dieser Stelle sagen,
daß der Satz wahr ist. Wären wir oben von einem Modell ausgegangen,
in dem alle zehn schwarze Haare haben, müßten iwr dagegen bis zum
letzten Seminarteilnehmer weitergehen, um feststellen zu können, daß
der Satz falsch ist. Für die Wahrheitswert-Ermittlung quantifizierter Formeln
gilt (31).
|
(31) |
(i) |
Um die Wahrheit eines existenzquantifizierten Satzes nachzuweisen, genügt es, ein Individuum zu finden, welches die im Skopus des Quantors ausgedrückte Bedingung erfüllt. |
|
(ii) |
Um die Falschheit eines allquantifizierten Satzes nachzuweisen, genügt es, ein Individuum zu finden, welches die im Skopus des Quantors ausgedrückte Bedingung nicht erfüllt. |
|
|
(iii) |
Um die Wahrheit eines allquantifizierten Satzes nachzuweisen, müssen alle Individuen die im Skopus des Quantors ausgedrückte Bedingung erfüllen. |
|
|
(iv) |
Um die Falschheit eines existenzquantifizierten Satzes nachzuweisen, muß für alle Individuen gezeigt werden, daß sie die im Skopus des Quantors ausgedrückte Bedingung nicht erfüllen. |
Diese Vorgehensweise drückt die Idee aus, die der Tarski-Semantik zugrundeliegt,
und wir wollen diese Idee nun formal präzisieren.
Dabei ergibt sich eine Schwierigkeit: Um nämlich die Wahrheit der einfachen
Formel blond'(x) zu berechnen, müssen wir das Denotat der Individuenvariablen
x kennen, und wir haben bisher nicht angegeben, was das Denotat einer solchen
Variablen ist. Für eine Variable kann jedes beliebige Individuum eingesetzt
werden, und es scheint, als habe eine Variable gar kein festgelegtes Denotat.
Nun wissen wir aber, daß ein Ausdruck, der kein Denotat hat, nicht interpretiert
werden kann, so daß wir uns fragen sollten, wie wir diesem Dilemma entrinnen
können. Ein Ausweg bestünde darin, der Variablen x zunächst irgendein
Individuum als Denotat zuzuweisen, etwa [|Peter'|]M.
Wir könnten dann zu der Formel blond'(Peter') prüfen, ob
diese Formel wahr ist. In einem zweiten Schritt könnten wir der Variablen
x den Wert [|Maria'|]M
zuweisen und feststellen, ob die Formel blond'(Maria') wahr ist usw.
Wenn wir diesen Prozeß zehnmal wiederholen, so haben wir die Variable
x nacheinander mit zehn verschiedenen Werten belegt, nämlich genau den
zehn Individuen aus M. Für alle zehn Belegungen gilt es jeweils festzustellen,
ob die Formel blond(x) wahr ist. Da wir alle Individuen aus
M einsetzen, spielt es keine Rolle, mit welchem Individuum wir anfangen, und
in welcher Reihenfolge wir vorgehen.
2.4.4.5. Die semantischen Regeln der Prädikatenlogik
Wir haben in den vorangegangenen Abschnitten bereits alle relevanten Mechanismen
kennengelernt, um die Formeln, die mittels der syntaktischen Regeln (1) bis
(4) gebildet werden, bzgl. eines Modells M zu interpretieren. In diesem Abschnitt
wollen wir die neuen Mechanismen mit den bereits bekannten zusammenfassen.
Jede Interpretation geschieht relativ zu einem Modell M = <D,F>. D ist
die Diskursdomäne und F die Denotatsfunktion, die jeder nicht-logischen
Konstanten ein Denotat zuweist. Demgemäß werden Individuen-Konstanten
und Prädikate mittels F interpretiert.
|
(45) |
(i) |
Wenn a eine Individuen-Konstante oder ein n-stelliges Prädikat ist, dann ist: [|a|]M,g= F(a). |
|
(ii) |
Wenn x eine Variable ist, dann ist: [|x|]M,g= g(x) |
Damit ist das Denotat der nicht-logischen Konstanten und der Variablen festgelegt.
Die semantischen Regeln (1') - (4') formulieren wir in Abhängigkeit
von der Variablenbelegung g und ihren Alternanten g'. Wir fassen die Regeln
in (46) zusammen.
(46) Reformulierung der semantischen Regeln:
|
(1'') |
Wenn P ein n-stelliges Prädikat und t1,t2,...,tn
Terme sind, dann ist: |
|
(2'') |
Wenn j und Y Formeln sind, so werden die Formeln ¬j, j Ù Y, j Ú Y, j ®Y, j <-> Y gemäß der Wahrheitswert-Tabellen der Aussagenlogik interpretiert. |
|
(3'') |
Wenn j eine Formel und x eine Variable ist, dann ist [|"xj|]M,g = 1, gdw. für alle Variablenbelegungen g', die genauso definiert sind wie g, aber an der Stelle x alternieren dürfen, gilt: [|j|]M,g' = 1. |
|
(4'') |
Wenn j eine Formel und x eine Variable ist, dann ist [|$xj|]M,g = 1, gdw. für mindestens eine Variablenbelegung g', die genauso definiert ist wie g aber an der Stelle x alternieren darf, gilt: [|j|]M,g' = 1. |
Der Hauptunterschied bei der Reformulierung der semantischen Regeln (3') bzw.
(4') liegt darin, daß wir anstelle der Überprüfung der Formel
j für alle Individuen
bzw. (mindestens) ein Individuum in M die Alternanten g' der Funktion g verwenden.
Die Regel (3'') besagt, daß eine allquantifizierte Formel genau dann wahr
ist, wenn sie für alle Alternanten g' von g wahr ist. Da die Alternanten
von g aber alle Individuen für x einsetzen, ist dies gleichbedeutend mit
der Definition (3'). Lediglich das Verfahren der Überprüfung hat sich
geändert, während inhaltlich natürlich alles beim Alten bleibt.
Der gleiche Unterschied besteht zwischen (4'') und (4'). (4') wurde so formuliert,
daß die Bedingung j
für mindestens ein Individuum in D erfüllt sein muß, während
die Bedingung (4'') besagt, daß die Bedingung j
für mindestens ein g' zu gelten hat.
Übungsaufgaben
1. Übersetzen Sie die folgenden Sätze in L1-Formeln:
(i) Peter schnarcht.
(ii) Otto schläft und Peter liebt Maria.
(iii) Otto schnarcht nicht.
(iv) Wenn Peter Maria liebt, dann haßt Otto Peter.
(v) Jemand schnarcht.
(vi) Niemand schläft.
(vii) Alle lieben Peter.
(viii) Peter liebt jeden.
(ix) Wenn Peter schnarcht, dann haßt Maria Peter.
(x) Keiner liebt Maria.
(xi) Keiner liebt jeden.
(xii) Wenn jeder jeden liebt, dann liebt jeder sich selbst.
2. Geben an, welchen Skopus die jeweiligen Quantoren in den folgenden Formeln
haben. Wie lassen sich diese Formeln im Deutschen paraphrasieren?
(i) "x[schlafen'(x)]
(ii) $x[Kind'(x) Ù schlafen'(x)]
(iii) "y[$x[Mann'(x) Ù [Frau'(y) ® lieben'(x,y)]]]
(iv) "y[Mann'(y) ® $x[Frau'(x) Ù lieben'(x,y)]]
(v) $x[Frau'(x) Ù "y[Mann'(y) ® lieben'(y,x)]]
3. Zeige anhand der semantischen Regeln (1'') bis (4''), daß die Formel
in (61)(ii): $y[Frau'(y) Ù "x[Mann'(x)
® lieben'(x,y)]] bzgl. des Modells M falsch ist.