[PD Dr.Nikolaus Wegmann: Lehrveranstaltungen im Sommersemester 2000 am Institut für Deutsche Sprache und Literatur (IDSL) der Universität zu Köln ]

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Lehre: Sommersemester 2000








Einige Kapitel aus der Geschichte des Lesens
Ohne Lesen gibt es keine Literatur. Das ist unstreitig, und doch steht das Lesen vielerorts noch immer im Schatten einer philosophischen Hermeneutik, die das Lesen nur als simplen Vorgang - wenn überhaupt - zur Kenntnis nimmt. Als eigentliche Operation der Aneignung gilt das Verstehen, und auch in der Literaturwissenschaft ist für viele die Interpretation - und nicht die Lektüre - das fachspezifische Verfahren. Die Vorlesung will diese gewohnte Gewichtung anhand einzelner Kapitel aus der Geschichte des Lesens überprüfen.
"Geschichte" meint hier nicht das Ausgraben vergangener und damit scheinbar überholter Formen des Lesens. Das Interesse gilt vielmehr der Genealogie dieser Kulturtechnik. Ein Ergebnis steht schon vorab fest: Das Lesen ist nicht die einfache Operation, für die man die Lektüre gerne hält: Es gibt sie in einer Unzahl von Formen und Techniken, die dann wieder miteinander verbunden und so weiter variiert werden können. Zudem hat die Lektüre sehr wohl hermeneutische Folgen; ihr Anteil am Sinn-Verstehen ist beträchtlich, vielleicht ist sogar das "Verstehen" nur ein (wenn auch besonderer) Effekt des Lesens.
Konkret werden die ausgesuchten Kapitel nach einzelnen Parametern des Lesens fragen: nach der Unterscheidung von lautem und leisem Lesen, nach geschlechtsspezifischen Leseweisen, nach den Folgen eines schnellen oder langsamen Lesens, nach den bildenden Effekten der Wiederholungslektüre bis hin zu einer Steigerung des Lesens ins Extreme, etwa in Gestalt der sog. "Lesesucht" im 18. Jahrhundert.
Literaturhinweis: Artikel: "Lesen". In: Fischer Lexikon Literatur. Hrsg. v. U. Ricklefs. Frankfurt/M: Fi TB 1996. S. 961-1005.zurück zur Übersicht

Kalt und warm: Ein soziales Orientierungsmuster
"Wo bleibt in der kalten Wirtschaft der Mensch" - sagt Sabine Christiansen, und wir wissen, was gemeint ist, aber wir wissen noch nicht, welche Unterscheidung hier angespielt wird: Woher kommt die so selbstverständliche Trennung unserer Erfahrungen und unserer Sicht auf die Welt in "kalt" und "warm"? Das Seminar will dieser Frage als kulturwissenschaftliche Problemstellung nachgehen. Sondiert wird einmal im 18. Jahrhundert, wo man unter dem Leitbegriff der "Empfindsamkeit" zum ersten Mal jene Interaktionsmuster ausarbeitet, die von da an als genuin menschliche Soziabilität gelten und gegen eine im Unterschied dazu als "kalte Erwerbswelt" bezeichnete gesellschaftliche Realität abgesetzt werden. Der zweite historische Einsatzpunkt sind die 20er und 30er Jahre des 20. Jhs. Hier werden unter der Leitsemantik der "Kälte" Verhaltensweisen gesucht, mit "denen sich die Menschen nahekommen, ohne sich zu treffen, mit denen sie sich voneinander entfernen, ohne sich durch Gleichgüligkeit zu verletzen." (H. Plessner)
Die Texte des Seminars werden sich auf diese beiden historischen Felder verteilen. Eher unbekannte Autoren aus der zweiten Reihe des 18. Jhs stehen ebenso auf der Liste wie die Autoren der "Neuen Sachlichkeit" (H. Plessner, C. Schmitt, E. Jünger bis hin zu B. Brecht). Schließlich ist auch die Frage zu stellen, an welchem Punkt in der Herkunftsgeschichte dieses kulturellen Orientierungsmusters wir heute stehen: sind wir "betroffen" oder "cool"?
Literaturhinweise: N. Wegmann: Diskurse der Empfindsamkeit. Stuttgart: Metzler 1988; H. Lethen: Verhaltenslehren der Kälte. Lebensversuche zwischen den Kriegen. Frankfurt/M: Suhrkamp 1994; C. Stephan: Der Betroffenheitskult. Eine politische Sittengeschichte. Berlin 1993.zurück zur Übersicht

Kult-Kultur - Kultbuch
Literarische Werke können auf sehr unterschiedliche Art unsere Aufmerksamkeit binden. Man kann sie als Kunstwerke erleben und analysieren, man kann sie als Unterhaltung konsumieren oder als Medium für die eigene Bildung einsetzen. Doch Bücher können auch dazu provozieren, sie auf eine Weise zu gebrauchen, die sehr viel weniger sozial anerkannt ist: Wo das Buch zum sog. Kultbuch wird, bewegen sich die fraglichen Bücher und erst recht ihre Verehrer oder Anhänger in dubioser Gesellschaft. Dennoch scheint das Kultbuch einen festen Platz in unserer Buchkultur einzunehmen, zumindest kennt die Literaturgeschichte bereits eine lange Reihe von solchen (weltlichen) Kultbüchern. Den Anfang der zu untersuchenden Kette macht Goethes Werther, die Stationen sind neben Hitlers Hausbüchern ( Rienzi‘ und Kellermanns Der Tunnel‘) oder Salingers Fänger im Roggen‘ Karl Kochs Illuminatus-Lektüre, Theodore Kaczynskis ( Una-Bomber‘) Conrad-Exegese und Charles Mansons Bibel-Lektionen. Das Seminar will diesem faszinierenden Phänomen nachgehen. Versucht wird ein multiperspektivischer Zugang, der Vorabfestlegungen vermeidet: Was macht ein Buch zum Kultbuch? Gibt es spezielle Lektüren, die diesen Effekt hervorrufen? Was genau irritiert an dieser gesteigerten Wertschätzung eines Buches?
LH: Heinz Schlaffer, Die Verachtung der Bücher und die Verehrung des Buches, in: R. Habermas (Hg.), Der Aut or, der nicht schreibt, Frankfurt/M. (1989), S.18 – 27; Umberto Eco, Casablanca oder die Wiedergeburt der Götter, in: ders., Im Labyrinth der Vernunft. Texte über Kunst und Zeichen, Leipzig (1989), S.295 – 300; H.-C. Schmid/Michael Gutmann, 23 Die Geschichte des Hackers Karl Koch, München (1999).zurück zur Übersicht


Die Dichterlesung
Thema das Kolloquiums ist die Autorenlesung oder Lesereise als ein Phänomen, das zwar unstreitig typisch ist für die soziale Existenz der Literatur, jedoch bislang kaum eine systematische Forschung auf sich gezogen hat. Was genau spielt sich in diesen Situationen ab, wo der Autor im Modus des Vorlesens seine eigenen Texte liest, Literatur Ereignis und das Publikum unmittelbar adressiert wird? - "Sie standen dicht um mich herum. Ich las, und ich sah nicht wenige Thränen. Ich las fast den ganzen fünften Gesang. Sie verstünden alles, alles, sagten sie; vorher hätten sie nicht alles verstanden." (Klopstock) - Handelt es sich um bloßes Marketing, um simple Selbstdarstellung, oder läßt sich hier ein Zugang zu grundsätzlicheren Fragen der Literatur, der Medien und des Zusammenspiels von Autor, Text und Publikum finden? Das Kolloquium will Forschung nicht nur nachlesen, sondern praktisch erproben. An selbstgewählten Beispielen (welcher Autor hat nicht auch seine Werke einem interessierten Publikum vorgelesen?) sollen von den Teilnehmern eigene Fallstudien versucht werden. Wenn die Ergebnisse es rechtfertigen, steht am Ende eine Publikation zum Thema.
Für die Teilnahme ist eine persönliche Anmeldung Voraussetzung.zurück zur Übersicht





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last update 01/04/22 by Mladen Gladic