[Nikolaus Wegmann: Dekonstruktion © / Artikel im : Reallexikon der Deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte. Hrsg. v. Klaus Weimar. Berlin / New York: de Gruyter 1997. Bd I. S. 334-337 / ]

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Dekonstruktion



Kalkül, das bei der Lektüre von Texten angewandt wird, um die Geltungsansprüche einer auf die Ermittlung von Sinn ausgerichteten Interpretation zu unterlaufen.

Expl: Als Gegenbewegung zu einer hermeneutischen Interpretation, die Texte auf einen bestimmten Sinn hin liest, richtet sich die Aufmerksamkeit auf die rhetorischen Gesten und die unvermeidbare Metaphorik eines jeden Textes, eines literarischen so gut wie eines philosophischen oder anderen auch wenn die Dekonstruktion Texte so beobachtet, als wären es literarische Texte. Ausgangspunkt ist die Gleichursprünglichkeit von ‘Bedeutung’ und ‘Schrift’ (Derrida) bzw. ‘Rhetorizität’ (De Man) als der unhintergehbaren Sprachgebundenheit von Bedeutung. In dieser auch polemischen Ausrichtung kann die Dekonstruktion leicht als ein Verfahren der Entlarvung erscheinen: Texte werden so gelesen, daß es nicht nur keine ‘reine’ Bedeutung unabhängig vom sprachlichtextuellen Ausdruck gibt, sondern auch der gewohnte Zusammenhang zwischen Autor und Text, d.h. die Intention aufgegeben werden muß. Ziel ist eine Schicht des Textes, von der der Autor nichts weiß oder die er zumindest nicht beherrscht und die den Zusammenhang des Texts und damit eine Auffassung in Frage stellt, für die ein Text nur eine ‘transparente Folie’ über Bedeutung und Sinn ist. Eine Freilegung dieser gefährdenden Kräfte verlangt einmal, daß der Text von innen, von seinen eigenen Voraussetzungen her nachvollzogen wird. Andererseits wird gezeigt, daß das jeweils Vorausgesetzte nur eine Setzung ist, die andere Möglichkeiten ausblendet und dabei übersieht, daß das, was vermeintlich ausgeschlossen ist, weiter fortwirkt, ja die Konstruktion des Textes zerrüttet. Der Text wird zu einer Struktur ohne sinngebendes Zentrum, in der konträr zu einem Textverständnis, das von der Autorität des Autors oder vom Gedanken einer organischen Einheit her gedacht wird, alle Beziehungen, und zwar ohne jede Hierarchie, möglich sind.

WortG: Der Ausdruck, von Jacques Derrida Ende der 60er Jahre gleichsam unterderhand eingeführt, ist einerseits ein Neologismus. Andererseits verbindet er zwei bekannte Wörter. Konstruktion und Destruktion werden in ein gleichzeitiges und gleichwertiges Verhältnis gesetzt. Damit gibt der Name bereits Auskunft über die Sache: Indem er die einander widersprechenden Vorgänge des Aufbauens und Abbauens vereinigt, zielt er auf Formen wie /Paradox oder /Ironie, die das, was der Logik nach sich ausschließt, zusammenbringen und zwar ohne in ein EntwederOder bzw. ein zeitliches Nacheinander auszuweichen. Allerdings macht das Wort den Vorgang über den Hinweis auf prinzipielle Definitionsschwierigkeiten hinaus nicht verständlich. Das kann erst die Ausführung der Dekonstruktion.
Ein vereinfachter Wortgebrauch assimiliert die Dekonstruktion als eine (weitere) Form der Interpretation. Eine dekonstruktive Lektüre ist dann das, was ein Text ‘sagt` oder ‘bedeutet’ und nicht das set der Operationen, das an einem Text entfaltet worden ist. Speziell in den USA kursiert der Terminus in Oppositionsbewegungen im Umkreis von Multikulturalismus und Feminismus auch als Inbegriff einer (ideologie)kritischen Methode.

BegrG: Zwar hat der Audruck selbst keine Geschichte, aber zumindest der mitgedachte Begriff der Destruktion verweist auf eine philosophische Tradition auf Heideggers Projekt einer Metaphysikkritik als Infragestellung von Sein als Anwesenheit. Doch der Terminus wird an ganz verschiedenen, den abendländischen Kanon der Philosophie und Literatur (Derrida ‘liest’ u.a. Platon, Rousseau, Husserl, Kant, Kafka, Celan, Ponge, Joyce) durchschreitenden Textkonstellationen entfaltet. Dekonstruktion ist kein hierarchisch oder deduktiv gegliedertes Theoriegebäude, sondern eine Praxis, die sich die nötigen Begriffe (bei Derrida z.B. ‘différance’, ‘Spur’, ‘Dissemination’, ‘Supplement’, ‘pharmakon’) in der Auseinandersetzung mit jeweils bestimmten Texten selbst bildet, ohne sie gegeneinander abzugrenzen. Gemeinsam ist ihnen nur die strategische Verwendung gegen das, was die Dekonstruktion mit Derrida Phonozentrismus nennt und als Grundaxiom europäischer Metaphysik bezeichnet, daß sich nämlich eine Bedeutung ohne einen an ihr mitwirkenden Bedeutungsträger denken lasse.
Dekonstruktion ist der Name für eine transzendentale Frage: Was sind die Bedingungen der Möglichkeit von Bedeutung. Für jede Antwort gilt, daß sie (1) unabschließbar ist, weil eine Bedeutung immer schon die Möglichkeit ihrer Zersetzung miteinschließt, und (2) keinen Metastandpunkt beanspruchen kann, da auch das eigene Unterfangen als Versuch der Bedeutungsartikulation selber zum Gegenstand zählt.

SachG: Neben der französischen (seit Derrida, 1967) gibt es eine eigenständige amerikanische Entwicklung (seit de Man, 1969), die ‘Yale School’ (neben de Man noch Harold Bloom, Geoffrey Hartman und J. Hillis Miller), durch die die Dekonstruktion in den USA zur einflußreichsten Position an den Literaturdepartments avancierte. Ihrer Herkunft nach ist die Dekonstruktion ein Amalgam sehr unterschiedlicher Strömungen. Einerseits übernimmt sie Einsichten aus Saussures /Semiotik, Heideggers Metaphysikkritik oder dem franz. /Strukturalismus und /Poststrukturalismus. Andererseits hält sie vor allem in ihrer literaturwissenschaftlichen Ausrichtung die Verbindung zur scheinbar gänzlich theoriefernen, auf die Autorität des Kanons fixierten Lesepraxis des /New Criticism. Die Dekonstruktion ist der Versuch, an der Notwendigkeit von Metaphysikkritik festzuhalten, ohne den Gedanken einer immanenten Erkenntis der Literatur aufzugeben.
Am außerordentlichen Erfolg hat auch der `Fall` de Man Ortwin Graef entdeckte belastende Zeitungsartikel, die de Man (mit Anfang 20) für belgische Kollaborationszeitschriften zwischen 194042 geschrieben hat (Hamacher, 1989) nichts entscheidend geändert. Inzwischen wird die Dekonstruktion auch von der (amerikanischen) Jurisprudenz importiert und in neuen Lektürekontexten erprobt (Derrida, 1990, Haferkamp, 1994).
Gründe für den Erfolg:
(1) Die Dekonstruktion erhebt das Lesen in den Rang eines erkenntnistheoretischen Problems und profiliert sich damit sowohl gegenüber der philosophischen Hermeneutik wie der weltanschaulich gebundenen Ästhetik.
(2) Die Dekonstruktion stützt ihren Geltungsanspruch auf Strukturen der Sprache bzw. des Zeichens selber und schottet sich kraft dieses grundbegrifflichen Fundamentalismus gegen Kritik ab;
(3) sie verbindet ihre Theoriekenntnis mit der Werkimmanenten Interpretation und beharrt so auf der disziplinären Eigenständigkeit der Literaturwissenschaft bzw. des literary criticism;
(4) sie wendet ihr Wissen um die Aporien der textuellen Bedeutungsproduktion zur Ideologiekritik und gewinnt so auch über die Universität hinaus Beachtung;
(5) indem sie kognitive Interessen mit dem emphatischen Gedanken von der Einzigartigkeit der Literatur verbindet, revitalisiert sie die Autorität der Literatur als einer ausgezeichneten Schreibweise.

ForschG: Eine wissenschaftsgeschichtliche Aufarbeitung der Dekonstruktion gibt es noch nicht. Prominent wurde sie in Deutschland durch die (auf Derrida zentrierte) Debatte mit der u.a. von Hans Georg Gadamer vertretenen Hermeneutik des Sinnverstehens (Forget, 1984). Vor allem über die vermittelnde Position Manfred Franks - der Gegensatz zwischen Sinnverstehen und Texttheorie sollte zugunsten einer erst noch freizulegenden deutschen Tradition hermeneutischer Theoriebildung (Schleiermacher) aufgelöst werden - ist die Dekonstruktion bis zur Mitte der 80er Jahre hierzulande rezipiert worden. Daß gleichwohl ein vergleichbarer Erfolg in Deutschland bislang ausgeblieben ist, geht zurück auf eine doppelte, von zwei entgegengesetzten Seiten her argumentierende Kritik. Zum einen wird die Unvereinbarkeit disziplinärer Paradigmen `Wissenschaft’ vs. ‘literary criticism’ betont und die Dekonstruktion als bloße Literaturkritik ausgegrenzt. Zum anderen wird kritisiert, daß die dekonstruktive Art des Kommentierens das (emphatisch verstandene) Werk nur verstelle und letztlich in seiner Wirkung neutralisiere (Steiner, 1990; Strauß, 1990).
Wenn gegenwärtig in der Dekonstruktion diskutiert wird, ob in den Strukturen des Texts selber ein ethisches Moment erkannt werden kann (J.Hillis Miller, 1987), dann ist das auch Selbstkritik. Gegenüber dem bisher dominierenden Interesse am Grundsätzlichen der Literatur fragt man jetzt verstärkt nach der thematischen Dimension der Texte, nach ihrer Fähigkeit, auf eine nichttextuelle Realität zu referieren.

Eine künftige Geschichte der Dekonstruktion müßte insbesondere klären:
(1) das Verhältnis zwischen Derrida und de Man;
(2) die Anleihen der Dekonstruktion bei der jüdischen Schriftgelehrsamkeit bzw. beim theologischen Denken
sowie
(3) den disziplinengeschichtlichen und institutionellen Kontext als Ort ihres Erfolgs.

LitG: Jonathan Arac u.a.: The Yale Critics. Deconstruction in America. Minneapolis 1983. Ästhetik und Rhetorik. Lektüren zu Paul de Man. Hg. v. Karl Heinz Bohrer. Frankfurt 1993. Jonathan Culler: Dekonstruktion. Derrida und die poststrukturalistische Literaturtheorie. Reinbek b. Hamburg (engl. Orig. Ithaca 1982) 1988. Paul de Man, Rhetorique of Temporality. In: Interpretation Theory and Practice. Hg. v. Charles Singleton. Baltimore 1969, S. 173209 (teilw. übersetzt als: Allegorie und Symbol in der europäischen Frühromantik. In: Typologia Literarum (Festschrift f. Max Wehrli) Zürich 1969. Ders.: Allegories of Reading. Figural Language in Rousseau, Nietzsche, Rilke, and Proust. New Haven und London 1979 (teilw. übersetzt als Allegorien des Lesens. Frankfurt 1988). Jacques Derrida: Grammatologie. Frankfurt (franz. Orig. 1967) 1974. Ders.: Randgänge der Philosophie, Wien (franz. Orig. 1972) 1988. Ders.: Vor dem Gesetz. Wien (franz. Orig. 1985) 1992. Ders.: Gesetzeskraft. Der ‘mystische Grund der Autorität`. Frankfurt (zuerst als engl. Übers. in: The Cardozo Law Review, vol. 11, July/August 1990) 1991. Ders.: Acts of Literature. Hg. v. Derek Attridge. New York 1992. Lutz Ellrich, Nikolaus Wegmann: Theorie als Verteidigung der Literatur? Eine Fallgeschichte: Paul de Man. In: DVjs 64(1990), S. 467-513. Text und Interpretation. Deutschfranzösische Debatte. Hg. v. Philippe Forget. München 1984. Manfred Frank: Das Sagbare und das Unsagbare. Studien zur neuesten französischen Hermeneutik und Texttheorie. Frankfurt 1980. Gewalt und Gerechtigkeit. Derrida-Benjamin. Hg. v. Anselm Haverkamp. Frankfurt 1994. Responses: On Paul de Man’s Wartime Journalism. Hg. v. Werner Hamacher u.a. Lincoln 1989. HansThies Lehmann: Paul de Man: Dekonstruktionen. In: Merkur 42 (1988), S. 445460. Niklas Luhmann, Deconstruction as SecondOrder Observing. In: NLH 24(1993/4), S. 763782. Bettine Menke: Dekonstruktion Lektüre: Derrida literaturtheoretisch. In: Literaturtheorien. Eine Einführung. Hg. v. KlausMichael Bogdal. Opladen 1990. J. Hillis Miller. The Ethics of Reading. Kant de Man, Eliot, Trollope, James and Benjamin. New York 1987. Jeffrey T. Nealon: The Discipline of Deconstruction. In: PMLA 107(1992), S. 1266-1279. George Steiner: Von realer Gegenwart. Hat unser Sprechen Inhalt? Mit einem Nachwort von Botho Strauß. München 1990. Vgl. die (kommentierte) Bibliographie in Culler 1988. Wichtige Zeitschriften: Diacritics, Glyph, Yale French Studies.


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last update 19/11/00 by Mladen Gladic