Reflexionsgruppen, vor allem, wenn sie sich zum ersten Mal treffen, tendieren zur Ankündigungspolitik. Es wird versprochen, verheißen, anvisiert. Es ist die Stunde des Projektmachens. Zu dieser Kunst gehört insbesondere der Nachweis der Durchführbarkeit, der Machbarkeit solcher Vorhaben. Der gute Wille, oder, näher zur real organisierten Forschung, Zeit und Geld, reichen daür nicht. Entscheidend ist, etwas zu wissen und zwar jetzt, zu diesem Zeitpunkt, am Beginn , was man noch nicht weiß. Wie soll man sonst den Weg zu den erwünschten, aber eben nochnichtgewußten Ergebnissen finden?
All das ist wissenschaflicher Alltag und also gibt es hierfür bereits eine bewährte Antwort: Das Projekt, zunächst nur Titel und Versprechen, muß in ein Problem umgeschrieben werden.
I.
Wie also aus der "Literarischen Autorität" ein Problem, genauer: ein literaturwissenschaftliches Problem machen? Zunächst scheint das leicht. Allzu leicht. 'Autorität` ist, nicht nur im bundesrepublikanischen Kontext, bereits selber ein ´Problem`, weil verstrickt in Konfliktlinien. Autorität, heißt es, ist konservatives Gedankengut, ist bei den Rechten zuhause. Während die Linken, man weiß es, auf das AntiAutoritäre setzen. Und schon ist man mitten drin, nicht in der Problemformulierung, sondern in der Kulturkritik. Das Thema ist besetzt. In der Forschung ist das gut zu sehen z.B. bei Johannes Anderegg und seiner nicht 1968, sondern 1992 publizierten Sicht auf das Phänomen. Da heißt es, daß die Sprache in Politk und Wirtschaft, eigentlich aber jeder normale Sprachgebrauch, "autoritären Charakters" sei, während dagegen der literarische Text, so Anderegg, "quer zu jener Art von Ordnung und Begriffen liegt".1 Doch diese einfache Aufteilung der TextWelt in die Schlechten und die Guten, in die Autoritären und die AntiAutoritären, übersieht, daß dieses SympathieSchema die Literarische Autorität nur an der Oberfläche behandelt: Der als AntiAutorität ausformulierte Wert der Literatur ist nur eine Einkleidung, eine inhaltliche Fixierung eines Sonderstatus, den es schon längst vor dieser konkreten Wertung gab und der solche emphatischen Hochschätzungen erst ermöglicht respektive ihnen Plausibilität gibt.2 Im folgenden dagegen interessiert genau jene der Literatur zugeschriebene Sonderrealität selber. Also jene textuelle und soziale Tatsache, nach der man der Literatur typischerweise eine Überlegenheit anerkennt, ihr eine positive und legitime Autorität zubilligt und sie unter diesen essentiellen Voraussetzungen in der Gesellschaft zirkulieren läßt.
Über die Klarstellung eines Missverständnissses hinaus ist damit nur gesagt, wie tief im folgenden angesetzt werden soll. Für eine voll ausformulierte Problemstellung aber braucht es mehr. Braucht es, das vor allem, Theorie. Schließlich ist die Formulierung eines Problems, so heißt es, ihre eigentliche Leistung. Doch Theorie kommt heute immer im Plural, stellt unvermeidlicherweise das Auswahlproblem. Und dies um so mehr, wenn nach den medialen Bedingungen gefragt wird, unter denen die Literatur und so auch die Literarische Autorität gegenwärtig steht. So ist nicht nur die Wahl von z. B. soziologischer und literaturwissenschaftlicher Theorie in ihren folgenreichen Alternativen zu bedenken. Der explizite Bezug zu den Medien verschärft noch diese heikle Grundsatzfrage nach der Leitkompetenz. Inzwischen ist jedermann klar, daß die Medien sich in einer rasanten Entwicklung befinden und schon allein deshalb für die Philologen, die lieber abwarten, bis die Dinge sich gesetzt haben, unangenehme Phänomene sind. Zugleich, und das ist Teil ihrer Dynamik, sind die Massenmedien derart groß und mächtig geworden, daß sie längst ihre eigene TheorieProduktion ausgelöst haben. Und für die ist nicht mehr ausgemacht, ob die Aufmerksamkeit noch für die Literatur reicht oder ob sie diese nicht als ein Phänomen von gestern dem Museum überläßt.4
Was tun? In dieser Situation halte ich es mit der Taktik des Zögerns, schiebe den Moment, wo man sich für eine Theoriereferenz entscheidet, auf und orientiere mich erst einmal nicht bei der Theorie, sondern beim Nächstliegenden, beim Common Sense. Schließlich können auch aus der "Irritation des täglichen Lebens", so Niklas Luhmann, Probleme hervorgehen und also auch eine Wissensproduktion in Gang setzen.
II.
Als Common Sense lassen sich wohl kaum die eigenen Irritationen anführen im Umgang mit den Medien und angesichts deren, wie man sagt, übermächtiger Konkurrenz. Der "gemeine Sinn", mit Clifford Geertz als "zwingend selbstverständliche Realität"5 verstanden, braucht andere Referenzen, andere Autoritäten wie etwa Newt Gingrich, der republikanische Sprecher des USRepräsentantenhauses (und z. Z. einer der einflußreichsten Politiker der USA). 6
Gingrichs für uns interessanteste Einlassung zum Thema kommt live aus einer HighSchool in einem sogenannten Problemviertel Chicagos. Und auch hier wieder ist sich Gingrich sicher, daß man ihn draußen im Lande verstehen wird, daß er nur sagt, was alle wissen. Und das meint hier nicht die republikanischen Wähler, sondern das Volk der Medienbenutzer. Gingrich ist also in dieser Schule und kommentiert das, was er sieht, mit einem finanziellen Angebot: Jeder Schüler erhält von ihm persönlich $ 3 für jedes Buch, das "ganz" gelesen worden sei. Natürlich ist das ein Spektakel, aber es verdient einen Kommentar. Das ausgelobte Geld gibt es demnach nicht, wie man, zumal von einem Wertkonservativen, erwarten könnte, für die Lektüre eines bestimmten Buchs, eines aus dem Kanon, am besten gleich eines aus dem mit den 'richtigen` Werten und Normen, sondern für das BuchLesen selber. Ziel ist bereits das bloße Betätigen eines bestimmten Mediums, nennen wir es vorläufig: das Gute Buch. Bedingung ist nur, daß dieser Mediengebrauch 'richtig' gemacht beziehungsweise regelgerecht durchgeführt wird. Geld gibt es nicht für das einfache Rumblättern, das Anlesen oder AufsGerateWohl Aufschlagen, sondern allein für das von AnfangbisEndeLesen. Für das EinGutesBuchDurchLesen. Soll man das ernstnehmen? Macht das überhaupt Sinn? Auch in dieser Sache ist Gingrich nicht zu unterschätzen. Immerhin scheint er mit seinem Vorschlag, den BuchUmgang, die Leseweise selber zu prämieren, weiter als ein großer Teil unserer Disziplin. Denn dort begreift man den literarischen Wert von einer gegenständlichkonkreten, eminenten Bedeutung der Literatur her und sucht, gleichsam im Reflex, die Quellen der literarischen Autorität mit Vorliebe bei den Großen Autoren und ihren Meisterwerken.
III.
Um das Wissen des Common Sense für die gesuchte literaturwissenschaftliche Problemstellung nutzen zu können, sei eine zweite, wiederum etwas abseits liegende Referenz gewählt. Auch sie gleicht einem Common Sense, allerdings ist es mehr eine Grundplausibilität aus den Sprach und Literaturwissenschaften. Entsprechend elaborierter ist ihre Form, manchmal auch ihr Wissen und kann daher im folgenden aufgerufen werden als MythoGeschichte der literarischen Autorität. Ihren Anfang hat sie, wie anders, in einem mythischen Ursprung: in der Urszene `Babel`. Das ist bekanntlich jener Stichtag, von wo an die Sprache als grundsätzlich prekär gilt. War die Verständigung bis dahin problemlos, weil die eine Sprache, die man nur brauchte, fest und zuverlässig mit dem, was sie bezeichnete, verbunden war, so ist 'Babel` nichts weniger als die Vertreibung aus dem SprachParadies.
Natürlich ist das bloßer Mythos. Doch die Sprachunsicherheit und Sprachskepsis sind 7 noch immer Teil unseres Verhältnisses zur Sprache und ihren kommunikativen Möglichkeiten. Denn dieser Verlust, darauf kommt es an, wiederholt sich immer wieder. Nur die Form und Kontext ändern sich. Eine dieser periodischen WiederErinnerungen ist mit dem namen Saussure und damit einem der Klassiker unseres Fachs verbunden: Seine Sprachlehre hat die prinzipielle NichtIdentität zwischen der Sprache und einer ihr vorausliegenden Realität in eine solche Form gebracht Stichwort: Arbiträrität des Zeichens8 , daß sie auch Literaturwissenschaftler wahrnehmen, mehr noch: als semiologisches Paradima anerkennen. Seit Saussure kann man also wissen, daß es, wie Roland Barthes dieses zeichentheoretische Grundaxiom kommentiert, keinen "GoldStandard", keine BedeutungsSicherheit gewährende Deckung in der Sprache gibt.9 Aber wie in der Währungspolitik so gibt es auch in unserem Verhältnis zur Sprache immer wieder Versuche, zu einer irgendwie doch tragfähigeren Form, zu einer einfacheren Regelung zu kommen. Gold, das stimmt immer, fasziniert. Und also wird leicht vergessen, daß auch und gerade Wertbehauptungen insofern sie davon abhängen, daß sie (überhaupt) geltend gemacht werden können durch das Nadelöhr der Sprache müssen. Doch inzwischen gibt es eine weitere Fassung, einen neuerlichen Angriff so sehen es zumindest all jene, die zurück zu festen Währungskursen wollen oder solche auch nur für möglich halten. Diesmal ist es nicht ein Angriff auf dem Feld der Linguistik oder Semiologie, sondern auf dem der Medien, genauer: es sind die Massenmedien selber, die einmal mehr das mythische 'Babel` assozieren lassen: Man muß nur erinnern, daß wir zwar sehr wohl wissen und anerkennen, daß wir noch nie so ausführlich über die Welt informiert worden sind. Zugleich jedoch ist uns ebenso klar, daß wir eigentlich schlecht informiert sind.10 Diese vetrackte Gleichzeitigkeit zählt inzwischen, so der MedienHistoriker Jörg Requate, zum "Kanon der gesellschaftlichen Gewißheiten"11. Ihr volles Gewicht hat sie dort, wo man nicht länger daran glaubt, andere, sprich: wahrere und bessere Medien haben zu können. Wahrer, weil nicht länger von Drahtziehern und Agenten gelenkt und besser, weil befreit von sex und crime. Beunruhigend ist dieses Mißtrauen, weil auch noch so riskante Anleihen bei zentralen Wertkomplexen wie Natur, Anthropologie oder Geschichte diese GlaubwürdigkeitsLücke nicht stopfen können. Sie ist nämlich nicht Folge eines irgendwie abstellbaren Mißbrauchs dieser Einrichtungen. Sie ist vielmehr ein Effekt der normalen Operationen dieser Medien.12
IV.
Bei all dem mag man stellenweise etwas anders gewichten. Für die gegenwärtige Mediensituation kann diese Darstellung gleichwohl als plausibel gelten, jedenfalls unter dem Gesichtspunkt der Glaubwürdigkeit und den Folgen, die das Mißtrauen gegen die massenmedial vermittelte Version der Welt für die Wertschätzung der Medien erwarten läßt. Damit ist zugleich auch die Literatur aufgerufen: Ist sie Teil dieser Frustration? Oder kann sie von ihr umgekehrt profitieren? Und was meint die Rede vom "Literaturverfall"? Daß die Literatur keine Aufmerksamkeit mehr findet? Oder, gravierender, daß die Literatur in dieser Situation keinen Unterschied mehr machen kann?
Wenn die Literatur denn der Trumpf ist, der hier stechen soll, dann will sie gut ausgespielt sein. So reicht es nicht, eine wahre Wahrheit der Literatur gegen eine allgemeine Mediendekadenz zu setzen. Oder einmal mehr die Medien ob ihrer Unfähigkeit, Qualitäten unterscheiden zu können, pauschal für die gegenwärtige Sprachskepsis verantwortlich zu machen und noch einmal unter dem Topos der "Amerikanisierung" Medienkritik zu betreiben. Etwa so wie George Steiner. Hier nur ein Zitat, zu dem es viele Parallelstellen gibt: "Die Demarkationslinien zwischen dem Akademischen und dem Journalistischen, zwischen Zeitlosigkeit und dem Alltäglichen, zwischen auctoritas, die von der Souveränität des im Kanon festgeschriebnen Vorangegangenen kündet, und dem Experimentellen und Ephemeren sind verwischt."13
Doch eine solche dubiose ZweiWelten Konstellation unterschätzt die Frage nach dem StellenWert der Literatur. Sie gibt sie unter Wert ab. Weder versteht sich diese Frage von selbst, noch ist sie durch den Verweis auf die angeblich offensichtlichen Leistungen der Literatur bei der Kommunikation von Werten und Normen immer schon beantwortet. Michel Leiris formuliert unsere Frage ungleich radikaler: "Wenn alles Bedeutende seine Autorität einbüßt mit welcher Autorität spricht dann Literatur?"14 Bereits die Fragestellung schließt demnach das aus, was man typischerweise der Literatur so gerne so hoch anrechnet: daß sie bei der Selektion dessen, was sie sagt, sich nicht kurrumpieren läßt. Daß sie sich an das hält, was sich an Werten und Normen bewährt hat oder das eigentlich Wünschbare ist. Dieser einfache Mechanismus ist passé, ist "out", um einen Terminus aus der Medienwelt zu nehmen. Gleichfalls passé sind solche Verhältnisse, in denen man der Literatur eine privilegierte Beobachterposition eingeräumt hat und entsprechend das von dieser Stelle aus Gesagte immer schon mit einem Bonus rechnen konnte. Einen solchen Blankoscheck gibt es nicht (mehr) länger. Diese Quellen für die Autorität der Literatur sind inzwischen versiegt.
V.
Bleibt zu sehen, ob das eigene Vorgehen der Frage von Leiris genügt. Dazu zwei Skizzen, vielleicht auch nur Andeutungen zu dem, was hier gesucht und versucht wird. Einmal, und das versteht sich fast schon durch die bloße Evidenz der Wortgeschichte von 'Autorität`, muß der Autor interessieren. Das verlangt nach einer Geschichte des Autors, von auctor und auctoritas.15 Klarzustellen ist dabei vorab, daß es allenfalls am Rande um einen Autor geht, der sich als Vertreter, als Repräsentant einer andernorts dogmatisch vorformulierten Welt begreift. Eine so gestützte Autorität der Literatur wäre dann immer nur eine geliehene, wenn nicht gar eine kulturpolitisch verordnete. Sie müßte dann auch konsequenterweise in einer Art Wert(e)Soziologie bearbeitet werden. Nach ihrer Logik wird der Sonderstatus der Literatur zurückverlegt in bestimmte soziale Wertekonstellationen zwischen Schichten, Klassen und Gruppen einerseits und dem, was an Wertaussagen bei den Autoren oder deren Werken andererseits lokalisiert werden kann.16 Was hier interessiert, das sind vielmehr die Behauptungsstrategien des Autors selber. Er wird also nicht thematisiert als Anghöriger einer Wertegemeinschaft, sondern primär verstanden als ein Schreiber und Textproduzent, der seinen Schriften Aufmerksamkeit, Anerkennung und Langlebigkeit sichern will. Wie und wie nicht man das macht, das ist Thema der Autorpoetik. Sie genauer: die Poetikvorlesung oder Preisrede ist der privilegierte Ort, wo die Frage nach der positiven Sonderrealität der Literatur typischerweise unter der Leitfrage Warum Schreiben? reflektiert und am laufen gehalten wird. Kürzer, und mit einem dazu einschlägigen Buchtitel von Robert Gernhardt: Es geht um die "Wege zum Ruhm".
Der Wege sind viele. Erleichtern soll ihre Kartographierung der mediale Kontext. So interessiert weniger, was geschrieben werden muß, damit das Produkt sich als Literatur qualifizieren können soll. Im Zentrum steht vielmehr jenes mit den Namen Mallarmé, Barthes oder Foucault verbundene Selbstverständnis des literarischen Schreibens, wonach es das Schreiben selbst, das Schreiben im Intransitiv ist, an dem sich die behauptete Besonderheit der Literatur entscheiden muß. Diese SchreibAuskünfte der Autoren sind zu sichten nach ihren Strategien und Taktiken mittels derer sie sich von anderen Schreibweisen absetzen oder konkurrierende Schreibmodi für die eigenen Ziele nutzen. Insbesondere gilt die Aufmerksamkeit jenen Fällen, wo die Selbstreflexion der eigenen Basisoperation 'Schreiben` im Hinblick auf das versucht wird, was andere Medien und deren Autoren tun oder nicht tun. Konkreter, direkter: Inwiefern, falls überhaupt, schreibt ein literarischer Autor anders als ein Journalist?
Vom Autor zum Leser, vom Schreiben zum Lesen diese gewohnte Direktverbindung soll auch eine zweite Richtung der Arbeit organisieren. Und auch hier ist es die eine Leitfrage, die die Richtung gibt: Was macht die Literatur anders? Wieso ist man bereit, ihr weiterhin einen Sonderstatus zu bestätigen? Ihren guten Namen zu schätzen? Eine Untersuchung, die parallel zur ersten vorgehen will, sieht sich vor der Schwierigkeit, nicht ähnlich zielgenau auf einen repräsentativen Leser zugreifen zu können.17 Wie also vorgehen?
Auch hier stehen zunächst bewährte, allerdings wiederum meist soziologisierende Anleitungen bereit. So ließe sich die Frage nach dem Sonderstatus der Literatur als eine Untersuchung zu ihrem primären Publikum bearbeiten. Man versucht z.B. eine aktuelle Bestandsaufnahme des Bildungsbürgertums, mit Trends und Wanderbewegungen, um so zu klären, ob und wieweit diese Schicht der Literatur noch Halt geben kann. Flankierend dazu ließe sich denken eine Studie über die Literaturkritik. Genauer: zu jener Kritik, die WertEngagements fordert, um dann eine Literatur, die ihr diese bietet, entsprechend auszuzeichnen. All dies scheint für das Phänomen der Literarischen Autorität zu wenig sensibel, weil zu weit weg von den sprachlichen bzw. textuellen Realitäten der Literatur. Nur zu oft wird ihre Glaubwürdigkeit im womöglich geteilten! Wertekosmos eines "auf Gutheit und Perfektion" bezogenen Wirklichkeitsbegriffs behandelt.18
Möglicherweise lassen sich diese Probleme umgehen, wenn man sich erinnert, daß die Sonderrealität der Literatur nicht nur eine Sach und Sozialdimension hat, sondern auch eine temporale. In der Tat ist die Literatur als eigene Autorität auch und gerade im Medium der Zeit plausibel. Die Sonderrealität der Literatur ist immer (auch) ein besonderer Zeitwert, ein besonderes Verhältnis zur Zeit. Literatur qualifiziert sich durch ihre Zeitresistenz, ihre Widerstandskraft gegen den Zeitstrudel. Sie entgeht nicht nur dem Abgrund der Zeit; sie wird, so der Topos, sogar mit fortdauernder Zeit immer besser. Daß man dies glaubt, dafür braucht es weder elaborierte Argumente noch eine strenge Dogmatik. Es genügt die Sofortplausbilität, die der Hinweis auf "einen Dante", "einen Goethe" noch immer hat.19 Diese so einfach sichtbare Qualität der Dauer wird, rückgekoppelt auf die Wahrnehmung der laufenden Produktion, zum Beweis für den aktuell gültigen wie auch künftigen Sonderstatus der Literatur: Wer kann schon die Zeit manipulieren? Und dazu noch zum eigenen Vorteil?
Gut möglich, daß man hier, im Medium der Zeit, auf eine der besonders kräftig sprudelnden Quellen der literarischen Autorität stoßen wird. Indizien gibt es. Einmal ist zu sehen, daß die temporale Besonderheit der Literatur eine Form der Auszeichnung ist, die weitgehend unangefochten anerkannt wird, also nur indirekt von einzelnen Gruppen und Schichten und deren Wertekanones abhängig ist. Weiter fällt auf, daß gegenwärtig Zeitdiagnosen eine riesige Konjunktur haben. Die Beschreibung der Gesellschaft und erst recht ihre SelbstTransformation durch die Massenmedien wird heute auch und gerade als Kritik an den dominanten Zeitverhältnissen formuliert. Man denke nur an die wertende Unterscheidung von ungebremster Beschleunigung und der dagegen gesetzten Verlangsamung. Inzwischen gibt es sogar die programmatische Rede von einer Rückführung und Rückbau versprechenden "Entschleunigung". Und dieser Neologismus reicht bereits bis in Planungsbürokratien hinein.20
VI.
Kann man diese Anomalie in der Zeit aber auch analysieren? Oder nur bestaunen? Nur rühmen? Worauf will man setzen, wenn die Dauer der Literatur nicht einfach Folge ihrer ewigen Gehalte sein soll? Nicht ein Resultat ihrer eigenen, durch alle Widrigkeiten der Zeiten hindurchgehenden idealen Wesensnatur sein soll?
Auch hier soll die aktuelle Mediendiskussion den Kontext geben. Gegenwärtig werden die elektronischen Medien typischerweise auch als die "neuen" Medien bezeichnet: Indem man dies tut, wird die Literatur umgekehrt als ein ´altes´, auch als ein veraltetes?, klassifiziert. Das stellt die Frage nach dem ZeitWert der Literatur.21 Ist die Literatur als ein Medium unter anderen noch auf der Höhe der Zeit? Oder ist ihr guter Ruf nur Nostalgie, ihre Autorität nur ein Nimbus und die aktuelle Literatur nur noch eine Charge?22 Diese Zuspitzung des Problems auf die These einer vielleicht: spezifischen Form der Rückständigkeit der Literatur (was heißt eigentlich 'Rückständigkeit`? 23) soll Anstoß sein für eine vergleichende Perspektive. Wie und stets auch: wie nicht unterscheiden sich die neuen Medien vom alten Medium Literatur speziell in ihren temporalen Strukturen?
Antworten gibt es zuhauf. Zunächst einmal das Dogma: Das eine sind, auf die Betonung kommt es an, die Massenmedien. Das andere dagegen ist Kunst und für die gilt schon immer: ars longa, vita brevis. Weiter wird verwiesen auf die unterschiedliche Nähe der beiden Phänomene zur Ökonomie, zum Markt, zum schnellen Geld. Markterfolg und Dauer werden als unvereinbar begriffen. Anders dagegen der Common Sense der Medienbenutzer. Hier weiß man, daß das, was die neuen Massenmedien ins Haus bringen, schnell veraltet: Wer will schon Nachrichten von gestern? Und die Samstagsabendshow auch gleich an den folgenden Wochenenden sehen? Die Produkte der Literatur dagegen, kann man sich immer wieder vornehmen. Die Literatur ist wiederholungsfest.
Geht das zu schnell? Sind Literatur und Massenmedien überhaupt vergleichbar? Ein Einwand, der "alt" und "Rückständigkeit" als Ehrentitel versteht und von daher den Sonderstatus des Phänomens nur als Unvergleichbarkeit (oder Hohe Kunst) denken will, verlangt eine ausführliche Diskussion. An dieser Stelle jedoch muß eine einfache Analogie genügen. Könnte es nicht sein, daß für viele die Literatur etwas in der Art der Muttersprache ist? Etwas, das man allzu gewohnt ist, das als Teil der eigenen kulturellen Sozialisation allzu selberverständlich ist? Das man intuitiv benutzt, ohne sich für die komplizierten Operationen zu interessieren, die dabei immer schon ablaufen? Auffällig anders dagegen das neue Medium Internet. Der ausgewiesene Grad an Technizität ist hier enorm. Er schreckt die einen ab, zieht die anderen an, führt letztlich jedoch, zumindest bei den Benutzern, zu einer breiten Diskussion darüber, wie dieses Medium eigentlich funktioniert und wie man es betätigen muß, um seine Möglichkeiten freizusetzen.
Ein zugegeben etwas didaktischer Einschub, der zudem nur meinem Vorschlag entgegenarbeiten soll: Vergleichende Medienanalysen müssen zunächst die Literatur entverselbständlichen und das meint stets auch: Abstand gewinnen zu einer Optik, die sie vorschnell unter dem Aspekt der Bedeutung sieht. Nur so wird die Sicht frei auf jene spezifischen Operationen, in denen die Literatur ihre Realität hat 24 und die überhaupt erst der Rede von einer Medienkonkurrenz 25 Sinn geben. Allerdings liegt eine solche medientechnische Reformulierung der Literatur noch nicht vor. Nach wie vor wird der literarischen Text typischerweise als Kunstwerk gesehen und damit meist auch der philosophischen Ästhetik unterstellt. Ihn als ein Lesewerk zu begreifen, das seine Möglichkeiten bzw. deren Realisierung den jeweiligen Betätigungen verdankt, hat dagegen noch immer den Geruch des Illegitimen. Es muß hier demnach bei einem punktuellen, auf eine Aktivierungsform beschränkten Einsatz bleiben: Der Versuch wird gemacht, diejenige Operation zu analysieren, in der sich die Literatur jene Zeitverhältnisse schafft, in denen man typischerweise ihren Sonderstatus erkennt. Denn die Literatur, wie auch, hat keine eigene Zeit. Jedenfalls nicht in dem Sinne, daß sie in einer eigenen Welt existiert oder auf die Zeit selber direkt zugreifen könnte. Wenn sie gleichwohl kein Verfallsdatum hat, nicht wie andere Texte und andere Medien in konsumeristischem Verbrauch oder Unterhaltung endet und also vergessen wird, dann ist dies ein Ergebnis einer besonderen Form des Umgangs mit der Zeit. Ihr temporaler Sonderstatus ist Teil man kann auch sagen: selbstgenerierter Teil ihrer operativen Realität. Zuständig speziell für diese Zeit der Dauer ist eine eigene Lektüre. Ihr Profil wird deutlicher über eine erste, generelle Überlegung: Soll dieses Leseverfahren tatsächlich das leisten, was hier behauptet wird, dann muß es ebenso unspezifisch wie einfach sein, da andernfalls das Überdauern der Literatur allein auf die Lektürekompetenz von Spezialisten angewiesen wäre:26 Genau dies trifft zu auf die Wiederholungslektüre. Als ein allgemein zugänglicher und gleichzeitig von Experten in höchste Raffinements steigerbarer Lesemechanismus ist sie die zeitbindende Operation. Auch hier ist klarzustellen, daß Zeit nicht gebunden werden kann. Vielmehr gilt nur die Umkehrung. Zeit kann binden, etwa zwei (oder mehr) Ereignisse, in diesem Fall: zwei oder mehr Lektüren. Ohne die Intervention der Wiederholung verschwänden solche Ereignisse genau so schnell, wie sie enstanden sind. Genau diese AnbindungsLeistung steht im Kern der Wiederholungslektüre. Sie bindet je einzelne Textlektüren in ein festes Muster, in die Struktur einer Wiederholung. An die Stelle der eigentlich wahrscheinlichen Beliebigkeit, der beziehungslosen Vereinzelung von Lektüreereignisen, schließt jetzt, kraft dieser Selektionsstruktur, eine Lektüre an die andere an, so daß schließlich in der Reihe der aufeinanderverweisenden Lektüren jene Dauer entsteht, die wir mit der Literatur verbinden.
Dauer aus Wiederholung produziert dabei zusätzliche Effekte, gleichsam sachliche und soziale Nebenwirkungen. So ist die Wiederholung eine Struktur, die iterativ, Imimmerwiederdaraufzurückkommen, bezeichnet und sich in dieser Form der Bedeutungsproduktion von der bloßen Sukzession als einfacher Ereignisabfolge ´qualitativ´ unterscheidet.
Indem die nächste Lektüre sowohl nicht einfach etwas ganz anderes sagt dann wäre sie ja keine Wiederholung mehr als auch nicht nur mechanisch redupliziert dann hätte man es mit einer bloßen Repetition zu tun gewinnt das derart Bezeichnete an Gewißheit und Glaubwürdigkeit. Anders gesagt: Dadurch, daß die in der Struktur der Wiederholung organisierte Lektüre immer wieder zu einem Selbigen zurückkehrt, leistet sie eine "Entarbitrarisierung"27 textueller Aussagen. Das, was heute gilt, galt auch schon gestern und wird aller Voraussicht nach warum sollte die Kette der Wiederholungen, die schon so lange gehalten hat, abbrechen? auch morgen gelten: An die Stelle des illusionär gewordene Goldstandards tritt die Wiederholungslektüre als ein ungleich weniger voraussetzungsreiches, weil nicht auf Glaube und Hoffnung, sondern Technik gestütztes Verfahren ?????
Ein weiterer Effekt ist, daß mittels der Operation der Wiederholung der auf solche Art betätigte Text auch in sachlicher Hinsicht hinzugewinnt. Denn eine zweite Lektüre liest nicht einfach dasselbe noch einmal, sondern sie liest, insofern sie immer schon in einer im Vergleich zur ersten verschiedenen Situation stattfindet, das Lesen der ersten. Und indem sie liest, was und wie zuvor gelesen wurde, bringt sie Redundanz und Varietät zusammen: Sie produziert Abweichung, aber nur so viel, daß die Identität des in der Lektüre stehenden Textes nicht aufgekündigt wird. Der zu wiederholende Text muß sich in jeder Wiederholung als Dasselbe erkennen lassen z.B. in neuen Kontexten bestätigt werden oder Sinnverweisungen entwickeln. Kurz: im Zuge dieses per Wiederholungslektüre DurchdieZeitGehens produziert der Text Sinnreichtum. Und auch das ist eine Qualität, die nicht nur für Vergangenheit und Gegenwart, sondern ebenso für die Zukunft ´gilt`: Aus der Reihe der bis jetzt geführten Lektüren ergibt sich die sichere Vermutung, daß ein derart betätigtes Lesewerk auch weiterhin Sinn, und das meint stets auch: bis jetzt nicht bekannten Sinn, freigeben wird. Demnach wird der Text erst im Verlauf dieses Leseverfahrens mit dem angereichert, was man ihm typischerweise als inhärente Qualität, als Werte und Normen, zubilligt. Demnach besteht also eine direkte, eine technischoperative Verbindung zwischen Wiederholungslektüre und literarischem Wert, genauer: die WiederholungsLektüre ist eine der Literatur eigene Form der Wertbehauptung: Was, wie sich gleich zeigen wird, der `Ingenieur` Paul Valéry schon früher gewußt hat: "Die ausschließlichen Liebhaber des Neuen können sich gar nicht denken, was es heißt, daß etwas wiederholt werden kann, wiedergehört, wiedergedacht, wiedergesehen und sie ahnen nichts vom WiederWert der Werke. Dabei ist es gerade dies, wodurch ein Werk funktional wird Zur Form wird ; wenn es einmal über die Schwelle des bloßen Staunens hinaus ist."28
VII.
Ob noch Zeit ist, auf die entsprechenden Verhältnisse in den Massenmedien einzugehen? Zumindest Fragen zu stellen? Vielleicht gibt es ja schon Antworten: Hierzulande weiß man, daß "nichts so alt ist, wie die Zeitung von gestern." In den USA z.B. wird die auflagenstärkste Tageszeitung "USA Today" von ihren Konsumenten direkt und genau: McPaper genannt. Schnelle Lektüre ist EinmalLektüre. Luhmann, der den operativen Code der Massenmedien in der Unterscheidung von Information/ NichtInformation sieht, sagt im Klartext: (was der common sense schon lange weiß): "Informationen lassen sich nicht wiederholen."(S.19) Und wenn doch, dann sind sie eben keine Nachrichten mehr, weil schon längst bekannt. Es scheint, als haben diese Medien ein zur Literatur geradezu gegenläufiges Zeitverhältnis. Aber dazu braucht es genauerer Studien. Statt sich auch eine Zeit der Dauer zu schaffen, zumindest als Zusatzmöglichkeit, als Variante oder Alternative, "veralten" sich, so Luhmann, die Massenmedien selber. Genau in diese Konstellation weist auch Boris Groys mit seiner Frage an die Propagandisten der allerneuesten Medien: "Wie stirbt man in einer virtuellen Stadt?"29 Oder, mit etwas weniger Verblüffungseffekt formuliert: Wie können bestimmte Abschnitte im Internet, das wir bislang nur als einen unaufhörlichen Datenverkehr, als fortwährende unbeschränkte Bewegung kennen, auf jene Dauerhaftigkeit gestellt werden, die das Medium Literatur mittels der Wiederholungslektüre seinen Benutzern ermöglicht und deren positive Effekte wir vielleicht noch gar nicht alle kennen.
Natürlich bietet diese medientechnische Recherche zu den Quellen der literarischen Autorität jetzt noch die Gelegenheit, das Loblied auf die Wiederholungslektüre fortzuschreiben. Plädoyers zu halten für die wunderbaren Dinge, die mit dieser Steigerungsform des Lesens möglich werden und also auch für die Weitergabe dieser Spezialkompetenz zu werben. Also doch wieder bei der Kulturkritik enden?
1 Anderegg: In: Autorität. Spektren harter Kommunikation. Hrsg. v. ..... Opladen 199 S. Hier S.
2 und der durch die Geschichte hinweg die unterschiedlichsten, auch gegenläufige inhaltliche Festlegungen erfahren hat.
3 Zum Verhältnis von Forschungsdesign und Problemformulierung vgl. N.Luhmann: Die Wissenschaft der Gesellschaft (Index).
4 Zu dieser Abschiebe und NischenPolitik gehört auch das immer wieder aufgefrischte oder nur breitgetretene Interesse an den sog. literatiurwissenschaftlichen Medienklassikern: also insbesondere Benjamin u Brecht, und , wenn man schon die Ahnengalerie besetzt, Adorno. All das ist gelehrt und vgl. S. Weber auch mit den korrekten Erkenntnisinteressen anmotiviert. Nicht Analyse, sondern Medienlehre.Allein, so Christiane .....: diese Positionen sind "out". .... Was ist 'out` : ein Maßstab: für ds, was angesagt ist: wenn soviele Theoriepostionen gleichzeitig aktibviert werden.... dann auch so etwas wie 'Evidenz` und 'Aufmerksmakeit` als Selektion zu berücksichtigen? Vgl. dazu auch: Assmannsche Archäologie Projekt: ausdrücklich ist es keine Theorie oder methodischer Vorgabe sondern ?? (AZ)
5 Geertz, Clifford: Stets mehr als einen Common Senese... Gegenwärtig wohl am ehesten zu finden bei der und als Effekt der Realität der Massenmedien. Typisch hier aber nicht auszuführen für die Form des Common Senese Wissens, daß es jederzeit, ohne jede Anstrengung u mit gleicher Plausibilität (!) genau in die andere Richtung fallen kann. ( Ist das Archie Bunker... Type: what is the difference?!)
6 Gingrich hat sich, soweit ich das mitbekommen habe, zweimal, genauer: auf zwei sehr unterschiedliche Weisen zu unserem Thema geäußert. Einmal spricht Gingrich als Lobbyist und Propagandist einer Medien und Kommunikationsrevolution und scheint sich dabei vollends als Banause zu bestätigen, wenn er all diejenigen, die noch nicht an das neue Zeitalter glauben, ob ihrem Festhalten an alten, jetzt anachronistischen Medien kritisiert: zu viele seien noch immer, so Gingrich, "too textbound" und "too bookoriented." Quelle? Harper's?
8 Also jenes Axiom, wonach es zwischen Lautkörper u Bedeutung nur eine willkürliche (oder konventionelle) Verbindung besteht.
9 Barthes, Roland: Saussure, das Zeichen und die Demokratie. In: Ders.: Das semiologische Abenteuer. Fft/M : Suhrkamp 1988. S. 159164
10 = Nicht wissen, was wichtig und was nebensächlich, keine Ahnung vom Zusammenhang der Dinge haben oder nicht wissen, wozu all diese Informationen übermittel werden.=)
11 Requate, Jörg: Von der Gewißheit, falsch informiert zu werden. In: Obsessionen. Beherrschende Gedanken im wissenschaftlichen Zeitalter. Hrsg. v. Michael Jeismann. Fft/M: SUhrkamp 1995. S: 272292. Hier S. 272.
12 Von Sloterdijk bis Luhmann. EIn Effekt, der gerade weil er in jeder neuen Sendung, in jedem neuen Medienprodukt immer wieder mitreproduziert wird, auch nicht zu 'kompensieren' ist ...mit Tugend u Moral und Appellen an Verantwortung.
13 Steiner, George: Von realer Gegenwart. München: Hanser 1990. S. 51
14(in seinem letzten Buch 1985 Langage Tangage) Übersetzt und präpariert von Gert Mattenklott:
15 Mehr als nur eine Fundgrube für diese Geschichte ist der Artikel : auctoritas i, Historischen Wörterbuch der Rhetorik. ,,,
16 Das etwa das Modell, das Tery Eagleton die Literaturwissenschaft empfiehlt.
17 Arbeitshypothese: es gibt nicht die eine Instanz, i.e. nicht die Literaturkritik oder gar den Kritiker-Papst sondern, das die These: die reräsentative Form, in der Literatur gelesen oder nicht gelesen wird, stellt sich in einem 'Streit` heraus: im sogenannten Literaturstreit. Als periodisch wiederkehrende Auseinandersetzung zwischen aufeinander gegensätzllich bezogene Positionen, die getragen werden sowohl von den Autoren wie den Kritikern, Literaturwissenschaftlern und, nicht zuletzt, von den Massenmedien. Gegenstand des Streits nicht zu verwechseln mit den Anlässen ist dabei folgende Leitfrage: Was bleibt und das in der Form von: wie muß man lesen, um Werk x,y als LITERATUR behaupten zu können und nicht i.a. als Gesinnung, als Tendenzliteratur etc etc. Literaturstreit konträr zu seinem Namen, weniger ein Streit, als eine Abklärung im gemeinsamen Interesse der Sache: Was ist Literatur bzw. welche Literatur ist auf der Höhe der Zeit.
18 Zu befürchten ist, daß die Forderung nach Wertengagements hier in Deutschland in der Schul und Kultusbürokratie, in der GEW und ihren Mitgliedern, in bewegten Lehrern etc wirkungsmächtig propagiert u das heißt auch in allerneueste Lehrpläne so den für das Land Schleswig Holstein hineingeschrieben werden. Vgl. zuletzt: FAZ vom
19 An dieser Prämisse hängt viel. Inwieweit oder ob überhaupt sie z.B. (noch) für die Gesellschaft(en) der Vereinigten Staaten zutrifft, ist fraglich. Was dann?
20 Schon der Neologismus selber zeigt die Virulenz der ZeitFrage in der Gesellschaft an. Und, auch das nicht zu vergessen, ist die mit slcher Aufmerksamkeit jetzt wahrgenommene Zeitresistenz schon immer einer der Topoi, mit denen die Autorität der Literatur gerechtfertigt wurde.
21 ... und nicht mehr nur ihren einzelnen Produktionen / bzw. Kanones um die ZeitResistenzt ihrer einzelnen Produktioen. Das stellt Fragen nach der Kanonisierung bzw. Dekanonisierung und legt es nahe, sich an die im Umkreis zur "Archäologie der literarischen Kommunikation" und deren Grabungen nach allgemeinen Mechanismen der Kanonsierungetwa anzuschließen.
22 ( Schlaffer: Valéry ))
23 Vgl jetzt: Luhmann....
24 Brauchbar für diesen Zweck könnte es dabei sein, die Literatur als Lesewerk zu thematisieren und sie so auch terminologisch etwas aus dem Sog Sog einer auf ihre Bedeutung fixierten Sicht herauszubringen.Diese keineswegs wirklich neue Gewichtung ich keine einen Vortrag von Geoffrey Hartman: "literature is not a work of art but a work of reading"
25 So gesehen: eine literaturwissenschaftliche Antwort auf die "Technisierung der KOmmunikation".
26 Ein zunehmenden Normalität werdender Spezialfall? Liegt die ´Zukunft` der Literatur im Museum? In den Händen von öffentlich subventionierten Experten, Kuratoren und Sammlern, die Spaß haben an alten Dingen? Oder gibt es Konjunkturen der Repopularisierung (slampoetry) und wiederum Kurve zur Expertenkultur?
27 Gefunden bei Peter Fuchs: Moderne Kommunikation. FFT/M: Suhrkamp 199?
28 Cahiers Bd. 6. S. 58. (von 1929)
29 Groys: Fund in FAZ (AZ)