Die Literatur ist die Infragestellung der Philologie (deren Zwillingsgestalt sie gleichwohl ist) 1
I.
Das Interesse an Theorie ist in der Philologie keine feste Größe. Zeiten intensiver Theorieproduktion wechseln mit polemischer Distanz. Auf die theoriegetränkten Gründungsakten der Disziplin, gleich ob von Wolf, Boeckh, Fr. Schlegel oder Ast, folgte kurz danach die Gegenbewegung. Otto Jahn, Ordinarius für klassische Philologie in Greifswald und Leipzig, behauptete, offensichtlich mit Stolz, noch nie ein philosophisches Buch gelesen zu haben.2
In der jüngsten Fachgeschichte jedoch scheint sich die Theorie einer stabilen Konjunktur zu erfreuen. Seit Mitte der 60er Jahre floriert die Theoriediskussion. Auf der Suche nach einer disziplinären Neuorientierung wandte man sich an die in der Theoriearbeit erfahreneren Disziplinen wie etwa Philosophie, Soziologie oder Psychologie. An Erfolg hat es nicht gefehlt. Die Zahl der Programme, Ansätze und exemplarischen Anwendungen ist kaum überschaubar, und vielerorts haben die germanistischen Seminare das Grundstudium als Einführung in Theorien und Methoden der Literaturwissenschaft organisiert. Dennoch ist das Bild nicht einheitlich; die Konjunktur hat ihren Höhepunkt überschritten, ist vielleicht schon umgeschlagen. Der wissenschaftliche Nachwuchs jedenfalls, so konnte man jüngst lesen, soll sich jetzt eher positivistischen oder historistischen Monographien zuwenden.3
Gut möglich, daß sich die Konjunktur überhitzt hatte. Ein immer größerer Teil der Theorieproduktion erreichte nur einen Tageserfolg, blieb Episode. Die von vielen erhoffte Transformation des Fachs in Richtung auf eine vor allem auch epistemologisch aufgeklärte, wissenschaftliche Disziplin blieb aus. Die Wirkung der Theorie war bei der 'Basis' der Disziplin eher gering. Selbst eine der einflußreichsten Theorieströmungen, wie der akademische Marxismus, ist, trotz seiner Erfolge auch in der Germanistik, nahezu spurlos verschwunden. Ein anderes Beispiel ist die literaturwissenschaftliche Dekonstruktion, wie sie vor allem mit Paul de Man bekannt geworden ist. Sie ist im folgenden der Ausgangspunkt für eine Fallgeschichte über die Schwierigkeiten der Theorie in der Philologie.
Keine andere Theorie hat in den letzten Jahren ein solches Aufsehen erregt, weltweit und jetzt auch in der Bundesrepublik. Der Erfolg ist vor allem in den USA, und da auch über die Universität hinaus, groß.4 In der Bundesrepublik dagegen läßt sich so einfach nicht von einem Erfolg sprechen. Zwar hat die politische Debatte um Paul de Man als Mitarbeiter bei zwei belgischen Zeitungen der Kollaboration in den 40er Jahren ihn auch in den Feuilletons der Bundesrepublik bekannt gemacht.5 Aber das Interesse des Fachs ist verhalten, Dekonstruktion der Sache nach wenig bekannt. Ein Grund dafür mögen die noch immer fehlenden Übersetzungen sein, ein anderer, gewichtigerer, die Bedenken, die der Fall de Man in einer Disziplin, die in ihrer Vergangenheit nur zu oft als nationale Wissenschaft Karriere gemacht hat, hervorrufen muß. Aber de Man war schon vor der Entdeckung seiner journalistischen Frühschriften ein 'Fall', ja für viele wegen seines vielzitierten 'Anti-humanismus' ein Skandal.6 "Who is afraid of Deconstruction?
" hieß dann auch der erste größere Versuch, die Dekonstruktion und de Man der deutschen Fachgemeinschaft bekannt zu machen.7 Die Irritation scheint zur Sache selbst zu werden. Das wirft Fragen grundsätzlicher Art auf. Denn wäre die Dekonstruktion ein 'Ansatz' wie viele andere auch, dürfte sie bei einer inzwischen theorieerfahrenen Germanistik kaum eine solche Verunsicherung auslösen. Was also macht die Dekonstruktion so schwierig?
Bisher war von der Dekonstruktion als einer literatur-wissenschaftlichen Theorie die Rede. Genau diese Annahme aber steht zur Diskussion. Paul de Man selbst hat erst in seiner letzten Buchveröffentlichung seine Arbeit ausdrücklich als "theory" bezeichnet.8 Sehr spät und möglicherweise als Antwort auf die wachsende Kritik an einer Theoretisierung des Fachs hat er seine Vorstellungen von Theorie präzisiert. Seine Antwort überrascht durch ihren Bezugspunkt. Im Blickpunkt steht nicht die Erfahrung von der produktiven Kraft theoretischer Reflexion, sondern, ganz im Gegenteil, der von aller Theorieanstrengung bewußt freigehaltene, streng philologische Literaturunterricht eines (wohl auch in den USA kaum bekannten) Reuben Brower in den 50er Jahren an der Harvard Universität. "Reading texts closely as texts", so de Man, sei das mit Blick auf den Leser wirkungsmächtigste Leseverfahren; es sei weit produktiver bzw. seriöser als jede "philosophical speculation oder das chit-chat of evaluation" - zumindest dann, wenn dieses Lesen mit der notwendigen analytischen Strenge betrieben wird.9 Das erinnert an den bekannten theoriekritischen Tonfall. Auch hier demnach der Verweis auf das Kunstwerk als eine der Theorie nicht zugänglichen oder gar überlegene Größe?
In der Tat hat dieser Konflikt zwischen Theorie und Praxis, zwischen begrifflicher Abstraktion und werkgetreuer Lektüre des Kanons eine lange Tradition. Aber die Selbstreflexion der Philologie hat diese Tradition kaum als ein eigenes Phänomen wahrgenommen. Das alte Konfliktmuster baut sich stets von neuem auf - als wäre es das erste Mal. Dabei zeigt ein Blick in die Wissenschaftsgeschichte schnell eine verblüffende Gleichförmigkeit des Konflikts, relativ unabhängig von der jeweiligen konkreten Opposition. Selbst der New Criticism, der gemeinhin heute für eine auf das literarische Werk verpflichtete, zur Theorie distanzierte Praxis gehalten wird, ist in seinen Anfängen als Theorie, als etwas der Philologie Fremdes kritisiert worden.10
Quer zu dieser typischen Konstellation steht jedoch de Mans Behauptung, daß die nur zu oft als spekulativ, nihilistisch, modisch etc. verdächtigte Theorie, von Nietzsche bis zu Foucault, Derrida und, selbstredend, de Man, sich von den eben noch herausgestrichenen, positiven Wirkungen des "close reading" gar nicht so sehr unterscheiden soll. Diese poststrukturalistische Theorie teile nämlich mit jenem "mere reading", dem Lesen ohne Theorie(anleitung), das zentrale Interesse an einem gemeinsamen Gegenstand, d.i. der Struktur der Sprache. Daher der überraschende Schluß:
"the turn to theory occured as a return to philology".11 Wie hat man das zu verstehen?
Hatte sich die bundesdeutsche Germanistik nicht gerade deshalb in Fragen der Theorie engagiert, um von der Tradition der Philologie wegzukommen, um an ihre Stelle eine "neue", "künftige" Germanistik zu setzen?
Philologie gilt seit damals vielen als ein politisch belasteter und erkenntnistheoretisch naiver bzw. spekulativer Umgang mit der literarischen Tradition. Wie soll die hier angezeigte Einheit von Philologie und Theorie aussehen?
Sein Interessse, so de Man, gelte dem Problem des "literary understanding" 12, den "theoretical questions about the possibility of literary interpretation".13 Und nach wie vor, unabhängig vom jeweiligen Standort, markiert die Interpretation den Zentralpunkt des Fachs:
Wer an dieser Stelle Erfolg hat, der schreibt, so S.J.Schmidt, Wissenschaftsgeschichte:
"the interpretation of 'interpretation' ... reliably characterizes every concept of literary scholarship; and it is the sequence of these interpretations of 'interpretation' that turns out to be the path along which historical changes in literary scholarship occur".14 Aber die Perspektive, unter der de Man diese "literaturwissenschaftliche Vernunft" 15 der Interpretation beleuchtet, orientiert sich weder an den Klassikern der philosophischen Hermeneutik noch gar an den Verfechtern einer sich gegenüber der Literatur autonom verstehenden "science of literature". Wahrheitsanspruch und Legitimität der Interpretation kann allein der Einblick in "the cognitive structure of the interpretative process" klären.16 Für de Man ist das zugleich der Weg, um "the nature of a genuine critical discourse" 17 zu klären, und das meint nichts weniger als die Logik des philologischen Kommentars als der wissenschaftlichen Rede über einen - auch im übertragenen Wortsinn - ersten Text, das literarische Werk.18
Obwohl der Kommentar im Zentrum literaturwissenschaftlicher Arbeit steht, hat man nur selten seinen Regeln und Funktionen nachgespürt. Das Interesse der Theorie richtet sich entweder auf eine allgemeine Theorie des Texts und seiner Gattungen, auf Fragen nach der Literatur als Institution oder System und ihrem genetischen wie funktionalen Zusammenhang mit der Geschichte. Oder aber die Theorie folgt den Vorgaben einer philosophischen Hermeneutik und arbeitet an einer Philosophie des Kunstwerks und beschäftigt sich mit den damit verbundenen Problemen des Wertes, der Normen und des Verstehens der literarischen Werke. Als terminus technicus ist der Kommentar, abgesehen von der Begriffsverwendung in der Editionsphilologie, dagegen meist nur Gegenstand einer strengen Kritik, die ihn als Teil einer überlebten Tradition abwertet.
Vielleicht liegt es am Projekt einer Theorie des Kommentars selbst, daß ihre Kritik an der (wie zutreffend auch immer:
theorielosen) Praxis so leicht zur Polemik neigt. Zumal dann, wenn die Logik der Theoriearbeit sich nicht mehr von der philologischen Praxis der Werklektüre anregen oder korrigieren läßt. Das geschieht um so leichter, als die Leitlinien für die praktische Arbeit am Werk kaum jemals in abstrahierten Prinzipien niedergelegt worden sind.19 Grundlage philologischer Arbeit ist mehr die (gelehrte) Tradition; sie aber folgt eher Konventionen als den Anweisungen einer auf exakt umschriebene Problemlagen rückdatierbaren Theorie.20 In einer solchen Situation aber müssen sich beide Seiten solange verfehlen, wie es nicht gelingt, so Jean Bollack, "die Praxis selbst zu theoretisieren". Eine angemessene Reflexion auf die Ordnung des Fachs hätte demnach "die (theoretischen) Voraussetzungen der Praxis aus der Praxis zu verstehen".21 Vielleicht hat die Arbeit an der Theorie in den letzten Jahrzehnten das eigene Potential für Theoriebildung vernachlässigt.22
Über dem nur zu berechtigten Drang, Anschluß an die Theoriediskussion der Geisteswissenschaften zu finden, kam die Rückbesinnung auf die eigene Wissenschaftstradition zu kurz. Die auf die Zielvorstellung von einer Wissenschaft oder Geschichte der Literatur ausgerichtete Theorie hat den philologischen Kommentar als eine eigene Form des Wissens von der Literatur nicht zuletzt mit polemischer Kritik unter Verschluß gehalten. Das scheint sich nun zu ändern. Einmal sind die Erwartungen an die Theorie bescheidener geworden. Große Gesellschaftstheorie ist heute für viele eine Sache der Vergangenheit, erscheint nur noch als ein "Kult" der Intellektuellen.23
Und zum anderen gewinnen Wissenschaftstraditionen, wie etwa der "literary criticism" oder auch die hier vorgestellte Dekonstruktion, die einer nicht streng wissenschaftlichen oder historischen Erkenntnis der Literatur verpflichtet sind, an Interesse.24
II.
Der Kommentar steht schon lange im Zentrum der Disziplin.25 Noch bis ins 18.Jahrhundert hinein hatte er universale Geltung für eine gelehrte Wissenschaft, die für alle Formen schriftlich überlieferten Wissens zuständig ist und neue Erkenntnisse durch die "Auslegung antiker Autore"n gewinnt.26Mit dem Aufkommen neuer, z.B. auf der Auswertung empirischer Experimente basierender Verfahren und wissenschaftlicher Kommunikationsformen büßt er seine monopolartige Stellung ein. Zugleich fällt er, zusammen mit dem ihn tragenden Wissenschaftstyp, der Gelehrsamkeit, in der Konkurrenz der Wissensformen zurück. Was den Kommentar über lange Zeit auszeichnete, die Einheit von Wort- und Sachkommentar, von eloquentia und sapientia, gilt zunehmend nur noch als ein 'historisches' Wissen schaffendes Verfahren, das allein für die Erkenntnis von Einzeldingen (notitia rerum singularum) zuständig ist. Fragen der Bedeutung bleiben eng gefaßt, zielen nur auf die Aufdeckung einer falschen Bedeutungszuschreibung. Das dagegen zunehmend höher geschätzte Vernunft-Wissen, d.i. ein auf philosophischer Abstraktion basierendes Gesetzes-Wissen, ist dem Kommentar verwehrt.27
Dennoch verschwindet der Kommentar nicht, weicht keiner, wie Michel Foucault hervorhebt, anderen "sekundären Sprache". 28 Der Sach- und Wortkommentar überdauert als ein dokumentarisches Wissen, das Autor, Überlieferungsgeschichte, Einflüsse, Anomalien etc. des primären Texts klärt.29 Neues Gewicht aber gewinnt der Kommentar - wie auch die Literatur selbst! - in einer (Wieder-)Aufnahme exegetischer Techniken. Er wird zur "Analyse des Sinns und der Bedeutung" 30, zur Suche nach dem Ausdruckswert des ersten, hier: des literarischen Texts. "Ausgehend von einer Theorie der Bedeutung" 31 soll eine tiefere, eine eigentliche Bedeutung tragende Schicht aufgedeckt werden, in der sich ein "fundamentales Wollen der Sprechenden" 32 offenbart. Die Sprache der Literatur ist nicht mehr (nur) Gegenstand eines Wortkommentars, sondern verspricht den Zugang zu einer tieferen Bedeutung. Der Kommentar wird so zur Interpretation, jener historischen Form, in der er schließlich die Philologie bis zur Gegenwart prägt.33
Allerdings ist diese Festlegung des Kommentars auf die Frage nach einer (verborgenen) Bedeutung des Textes nicht ohne Widerspruch geblieben. Eine ganze Reihe von aktuellen Theorieüberlegungen - von Foucaults Diskursanalyse bis etwa in den Umkreis der Luhmannschen Systemtheorie - sieht hier ihre Herausforderung und sucht nach anderen Formen einer sekundären Sprache.34
Auch de Mans Überlegungen setzen hier ein. So stellt er über einen seiner zentralen Aufsätze als Motto die nachgerade klassisch gewordene Formulierung dieses Problems einer nur schwer vorstellbaren Alternative zu einem auf die Sinn-Suche festgelegten Kommentar:
"... einen Text als Text ablesen zu können, ohne eine Interpretation dazwischen zu mengen, ist die späteste Form der 'inneren Erfahrung',- vielleicht eine kaum mögliche...."35
Eine Alternative zur Interpretation zu denken, ist, trotz der als notwendig erkannten Kritik am "pneumatischen Denken" (Nietzsche), schwierig, vielleicht aussichtslos. Die naheliegende Frage, wieweit die Dekonstruktion eine solche nicht-interpretative Form des wissenschaftlichen Umgangs mit literarischen Texten sein kann, greift vor. Ohne Zweifel aber ist die von Nietzsche aufgeworfene Frage der wissenschaftsgeschichtliche wie wissenschaftskritische Anknüpfungspunkt für de Man. Angemerkt werden kann dazu bereits hier, daß auch de Mans 'Interpretation' der Interpretation mit gewohnten Bezugsgrößen bricht:
1. mit der Vorstellung von einer in der Interpretation dingfest zu machenden universalen Wahrheit und
2. mit einer für die Interpretation maßgebenden subjektiven Intention des Autors oder Lesers.36 Den Wahrheitsanspruch einer Interpretation trägt dagegen - und das ist folgenreich - die (interne) Stringenz bzw. Notwendigkeit des interpretatorischen Verfahrens:
"what makes a reading more or less true is simply the predictability, the necessity of its occurence, regardless of the reader's or of the author's wishes".37
De Man steht so einerseits ganz in der Tradition der Philologie, sieht die Erkenntnis der Literatur nur als Ergebnis eines "encounter between text and commentary" 38 - und stellt doch zugleich die radikale, für ihn offene Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit des interpretatorischen Kommentars als eines wissenschaftlichen, auf Wahrheitskriterien ausgelegten Textumgangs. Ob Wissenschaft und Kommentar sich überhaupt vereinbaren lassen, ist keineswegs sicher. Der Kommentar erscheint in der Perspektive einer theoretischen bzw. wissenschaftlichen Disziplin nur als eine unscharfe Bezeichnung für die theorieferne bzw. gar nicht theoretisierbare philologische Praxis der Interpretation literarischer Werke. Andererseits jedoch, gleichfalls wissensstrategisch gesehen, ist die Existenz des Kommentars in seiner besonderen Nähe zum (einzelnen) Werk ein Beleg dafür, daß sich die Literatur gerade nicht einem 'wissenschaftlichen' Zugriff subsumieren läßt, es sei denn um den Preis eines Reduktionismus. Anders als der Wissenschaft sind dem Kommentar nicht alle Gegenstände gleich. Sein Wahrheitsanspruch, d.i. die Behauptung, durch das zu erkennende Objekt, die Literatur, in seinem methodologischen Verfahren selbst legitimiert zu sein, ist für eine strenge Wissenschaftslogik ein Problem, wenn nicht gar eine Unmöglichkeit - und dennoch liegt hier eine der zentralen Arbeitshypothesen für die literaturwissenschaftliche Dekonstruktion.
III.
Eine wissenschaftstheoretische Logik oder eine philosophische Hermeneutik kann diese Frage einer immanenten Erkenntnis der Literatur, so de Man, nicht klären. Dazu sind beide Disziplinen zu weit vom literarischen Text selbst entfernt. Sicher ist für de Man nur, daß jede Erkenntnis sich im Modus des Lesens vollzieht. Das Lesen aber ist nicht einfach eine 'einfache' wissenschaftliche Methode und schon gar nicht ein problemloser technischer Automatismus, dem erst die (philosophische) Hermeneutik eine der Theorie würdige Form gibt und fortan als ein Problem des verstehenden Bewußtseins behandelt.
Das Lesen selbst ist die epistemologische Basis des Kommentars und daher auch das die Disziplin konstituierende, weil im doppelten Sinn erste Problem der Literaturwissenschaft:
"Criticism is a metaphor for the act of reading".39
Eine Theorie der Philologie kann es daher nur als Einlassung auf die "complexities of reading" geben.40 Wer umgekehrt vorgeht, eine Lektüre von (z.B.) ethischen oder ästhetischen Überlegungen abhängig macht, ist in de Mans Augen naiv, da alle Verallgemeinerungen, also auch jedes Konzept von Geschichte, doch nichts anderes sein können als "correlatives of the understanding the reading is able to achieve".41 Dem wäre möglicherweise leicht zuzustimmen, wenn nicht zugleich die außergewöhnliche Schwierigkeit des Problems behauptet würde:
Das Lesen nämlich sei "an act of understanding, that can never be observed, nor in any way prescribed or verified" 42, ja, noch weiter zugespitzt, "the possibility of reading can never be taken for granted". 43 Wenn aber das Lesen der kontrollierenden Beobachtung nicht zugänglich sein soll, wie entkommt dann der Kommentar der Beliebigkeit?
Was sichert die Autorität einer Lektüre?
In der Logik des Kommentars kann das nur der erste Text, das Werk selbst sein. Auch für de Man ist er die Richtgröße, an der eine 'Abweichung' zwischen erstem und sekundärem Text abgemessen werden kann:
"The work can be used repeatedly to show where and how the critic diverged from it".44 Immanenz, so heißt es daher weiter, ist "necessarily part of all critical discourse". 45
Aber zugleich gibt de Man auch zu bedenken, daß der Zugang zum literarischen Werk als Voraussetzung einer jeden immanenten Erkenntnis höchst problematisch ist:
Literatur ist nämlich kein "phenomenal event that can be granted any form of positive existence", gleich ob als "fact of nature or as an act of the mind".46 Demnach erschließt sich der Status des literarischen Werks weder eindeutig auf der Seite einer phänomenalen Gegenständlichkeit noch andererseits nur als Konstrukt eines lesenden Subjekts. Auch wenn die Theorieanlage den Gedanken einer Adäquanz von Werk und Interpretation als Wahrheitskriterium nahelegt, so ist diese Entsprechung von Werk und Kommentar nur das Resultat (de Man spricht von einer "Erzählung") einer - allerdings, wie zu zeigen ist, problematischen - Wahrnehmung. Oder, um den bereits bekannten Begriff für diese Doppelheit der gegenstandskonstitutierenden Perspektive zu benutzen: das Werk existiert im Modus der (schriftlich fixierten) Lektüre, und steht so sowohl für das, was gelesen wird, als auch für den Lesevorgang selbst.
Die direkte Bindung des interpretierenden Kommentars an das literarische Werk wird dann auch mit einer auffälligen Vorsicht formuliert. Offensichtlich ist der Akt des Lesens nicht einfach die schlichte Aktualisierung von Textstrukturen bzw. Folge eindeutiger Leseanweisungen:
"the encounter with the language of literature involves a mental activity which, however problematical, is at least to a point governed by this language only".47
Die Geltung des Prinzips sei problematisch und zugleich vielleicht nur an einem Punkt gegeben. Was steuert aber dann die Interpretation mit einer für ihren Wahrheitsanspruch essentiellen Notwendigkeit?
Wie ist der Zusammenhang zwischen "Vollzug" und "Reflexion" (Adorno), zwischen Werk- und Rezeptionsästhetik zu denken? Eine Antwort ist nur möglich, falls Aussagen über das Literarische, über die Literatur als Literatur gemacht werden können - was aber nicht nur für de Man keineswegs ausgemacht ist.
IV.
Die Frage nach dem Literarischen ist mit dem Erfolg einer prinzipiellen Kritik an der Behauptung eines substantiellen Wahrheitsgehalts der Kunst noch schwieriger geworden. Die Praxis der Allegorese kann den Kommentar nicht mehr rechtfertigen. Selbstredend könnte man mit diesem Ende der Kunstreligion auch gleich das Problem des Literarischen für erledigt halten und es ersetzen durch die historische oder funktionale Frage nach den materiellen Bedingungen, die einen solchen Anspruch auf eine besondere Existenzweise des Literarischen möglich gemacht haben. Literatur ist dann ein vergangenes Problem, Gegenstand einer Literaturwissenschaft, die sich als "Archäologie der literarischen Kommunikation" (Gumbrecht) versteht. Für de Man ist das keine Alternative. Er hält es eher mit den "New Apologists for Poetry" und verweist auf den beharrlichen Anspruch der Literatur, ein Phänomen zu sein, das uns etwas über die Welt sagen können soll, was man nirgends sonst in Erfahrung bringen kann.48
Eine Theorie des Kommentars jedenfalls muß sich dem Problem einer (expliziten) Definition des Literarischen stellen, gerade weil der Kommentar von sich behauptet, in seiner Organisation durch eine immanente Verbindung mit dem literarischen Werk geprägt zu sein. Erst in der Definition des Literarischen kann demnach eine solche Theorie sich ihres Rationalitätskriteriums - und d.i. die Frage, ob sie der Literatur 'als solcher' gerecht wird - vergewissern.49 Ob sich dieses gesuchte Kriterium allerdings verifizieren läßt, ist, anders als in der Praxis der Philologie, die gemeinhin sich als 'werkgetreu' versteht, nicht sicher.
Konsens über eine Definition des Literarischen gibt es in der Fachgemeinschaft nicht, trotz aller Versuche. Lang ist die Liste der von de Man abgewiesenen Bestimmungen. Erkenntnistheoretische Naivität, die das Problem in einer einfachen (deskriptiven) Wahrnehmung zu lösen glaubt, scheidet ebenso aus wie alle metaphysischen oder ontologischen Textmodelle, die einen unmittelbaren Zugang zum Werk versprechen. Überzeugen können weder der (vermeintlich) nicht-interpretatorische, auf quantitative und objektive Kriterien verpflichtete Kommentar einer strengen Editionsphilologie, noch ein Textverständnis, das glaubt, den Gehalt des Kunstwerks gleichsam als passive Resonanz aufnehmen zu können, ihn nur 'erläutert', aber nicht mehr in der Interpretation erarbeitet.50
Damit aber ist zunächst nur gesagt, wie es nicht geht. De Mans eigener Versuch setzt als Ausgangspunkt die Einheit der Differenz von einem ersten und einem sekundären Text:
Kenntnis über den Gegenstand kann nur in der kommentierenden Sprache, in der sich Text und Leser begegnen, gewonnen werden. Da weiter gelten soll, daß die Interpretation vor allem ein kognitiver Akt ist, ein "epistemological event prior to being an ethical or aesthetic value" 51 - und so ihr Wissen also nicht der Intuition eher essayistischer Zugangsweisen oder den Resultaten einer interpretatorischen Kunstfertigkeit verdanken soll - kommt der Klärung ihres kognitiven Status entscheidendes Gewicht zu. Erst dann läßt sich auch die Geltung möglicher Aussagen über die Literatur 'als solche' näher bestimmen.52
Allerdings setzt nun de Man, trotz der Behauptung von der Interpretation als einem kognitiven Akt, bei der weiteren Klärung nicht auf die Erkenntnismöglichkeiten einer 'positiven', d.h. zu einem stabilen und eindeutigen Wissen führenden Theorie. Scheinbar ganz auf der Linie des Philologen Friedrich Schlegel, der zeigen wollte, "daß man die reinste und gediegenste Unverständlichkeit gerade aus der Wissenschaft und aus der Kunst erhält, die ganz eigentlich aufs Verständigen und Verständlichmachen ausgehn", 53 spricht auch de Man dem Kommentar eine 'einfache', auf mehr oder minder unproblematische Weise fixierbare Erkenntnis ab:
Der Schlüssel zur eigentümlichen kognitiven Struktur dieser kommentierenden Erzählung liegt für de Man in der komplexen Relation von Einsicht und Blindheit, jenem zentralen Nexus, den er als Titel seinem Sammelband vorangestellt hat. Die Einsicht des Kommentars in das Werk ist erst einem zweiten, um die Zwänge der Mitteilbarkeit wissenden Leser zugänglich, (der allerdings seinerseits wieder eine Blindheit nicht vermeiden kann):
"The insight exists only for a reader in the privileged position of being able to observe the blindness as a phenomenon in its own right." 54 Die nähere Begründung für einen solchen notwendigen Zusammenhang von Einsicht und Blindheit bei der Wahrnehmung der Literatur als sprachlicher Gegenstand muß, und darauf kommt es hier an, auch zu einer Antwort auf die Frage nach dem Literarischen führen:
"what characteristic aspect of literary language", so stellt de Man die Frage selbst, "causes blindness in those who come into close contact with it?" 55
De Mans dekonstruktive Philologie sucht die Antwort - und mit ihr auch ihre eigene Theoriearchitektur - einmal bei den aktuellen Bestimmungsversuchen des Literarischen, dann, allerdings eher implizit, bei der Geschichte der Problemformulierung und schließlich in einer für die Definition des Literarischen paradigmatischen Lektüre Rousseaus.
Aus den Überlegungen seiner Fachkollegen entnimmt de Man kein inhaltliches Argument. Das Interesse gilt der Form der (jeweils einer 'immanenten' Perspektive verpflichteten) Argumentation über das Literarische. Alle Versuche, unabhängig von ihrer inhaltlichen Aussage, stellen sich nicht als Beschreibungen des Gegenstands dar. Sie werden vielmehr stets in einer negativen Absetzung, ja Umkehrung von einer vorausgehenden, angeblich irrigen Bestimmung formuliert: mit systematischer Regelmäßigkeit unterstellt man der jeweils kritisierten Definition ein - selbstredend jetzt korrigiertes - "fundamental misreading of literature".56 Genau in diesem 'indirekten' Ergebnis des Kommentars sieht de Man ein essentielles Moment des Literarischen:
"the specificity of literary language resides in the possibility of misreading and misinterpretation".57
Die Natur der literarischen Sprache ist demnach von genau der Art, daß sie immer schon die Möglichkeit einer falschen Lektüre impliziert. Sie ist notwendigerweise ambivalent.58
Auch die literaturwissenschaftliche Tradition, soweit sie aus der Begriffsgeschichte erkennbar wird, gibt wenig Hilfe. 59 Ein Anhaltspunkt findet sich erst im eher praktischen Umgang mit Literatur. Die von de Man konstatierte Ambivalenz der literarischen Sprache erinnert nämlich an eine die Interpretation seit langem prägende Grunderfahrung, d.i. die Uneindeutigkeit des literarischen Werks. Seit altersher kann jede Stelle eines literarischen (aber auch theologischen) Texts, so Peter Szondi, allegorisch oder wörtlich, figural oder auf den Wortsinn hin gelesen werden. Der Philologe steht demnach bei der Interpretation stets vor der Entscheidung, "ob eine Stelle metaphorisch gemeint ist oder nicht".60
Die Erfahrung der Uneindeutigkeit eines Texts hat man, gerade weil sie unvermeidlich scheint, mit zahllosen Konzepten zu deuten und das heißt meist auch:
zu kontrollieren versucht.61 De Man selbst orientiert sich nicht an hermeneutischen bzw. ästhetischen Formulierungen. Uneindeutigkeit wird als eine Konsequenz der Sprache gesehen - und nicht als Ausdruck einer Metaphysik des Kunstwerks.62 Daher zielt de Man - durchaus auf der Linie einer philologischen Tradition in der auch Szondi steht - auf die rhetorische Organisation, oder, wie es bei de Man heißt:auf die Rhetorizität der Sprache. Sie soll Aufschluß geben über das Fehlen einer festen bzw. eindeutigen Beziehung des (literarischen) Textes zu einer einzigen, objektiv zugänglichen Wirklichkeit. Rhetorik wird - insofern sie Sprache als Sprache thematisiert - bei de Man zu einer Epistemologie der Sprache. Zentraler Bezugspunkt, von dem aus eine solche Rhetorik als Schlüssel zum Literarischen entwickelt und dargestellt wird, ist eine Lektüre Rousseaus. Im folgenden soll zunächst eine erste, eher definitorische Rekonstruktion gegeben werden. Wie stark die Argumentation ist - und das ist auch die Frage nach der Möglichkeit einer philologischen, gegenüber der Philosophie relativ eigenständigen Theorie - soll dann in einem weiteren Schritt, in einem Vergleich mit der philosophischen Dekonstruktion Jacques Derridas, geprüft werden.
Rousseaus Texte, hier vor allem der Essai sur l'origine des langues und der Discours sur l'origine et le fondements de l'inégalité parmi les hommes, thematisieren nun die Sprache nicht nur als ein Objekt der Reflexion. Sie geben zugleich in dem, was sie über Sprache sagen, Auskunft - und zwar mit paradigmatischer Geltung für Literatur 'an sich' - über die eigene Sprachlichkeit bzw. Rhetorizität einschließlich deren Wahrnehmbarkeit. Diese Selbstbezüglichkeit der literarischen Sprache zeigt sich, so de Man, in einem Selbst-Kommentar im Hinblick auf die Frage: wie ist Literatur (als Sprache) zu lesen?
Was der Sache nach behauptet wird, läßt sich wie folgt zusammenfassen:
Sprache ist notwendigerweise figural, da sie ihrer Natur nach prinzipiell nicht-mimetisch ist. Substantielle Bedeutung kann es nicht geben. Sprache ist, so Rousseaus Analogie, der Musik vergleichbar, die nur als Bewegung, als Abfolge von Tönen zu verstehen ist und daher erst in der Sequenz einen (Bedeutungs-)Wert erhält. Eine volle Präsenz der Bedeutung ist unmöglich. Auch der Text, der dies sagt, so der erste Schluß, steht demnach im figuralen Modus. Wenn dem aber so ist - und hier entfaltet sich erst das volle Problem einer Anwendung der Unterscheidung von figural und literal - , dann muß auch diese Behauptung im Modus des Uneigentlichen gesagt werden: sie ist demnach nicht wörtlich aufzufassen.63 Der Text wird prinzipiell mißverständlich, jedenfalls dann, wenn an der die Interpretation steuernden Differenz von figural und wörtlich festgehalten wird. Der erste Satz, daß eben Sprache figural sei, kann nur dann seine Geltung entfalten, wenn man ihn nicht wörtlich, nicht ernst nimmt:
"for as it [der Text] accounts for its own mode of writing, it states at the same time the necessity of making this statement itself in an indirect, figural way that knows it will be misunderstood by being taken literally. Accounting for the 'rhetoricity' of its own mode, the text also postulates the necessity of its own misreading".64
Der Kommentar, den Szondi, mit einer langen Tradition im Rücken, als eine "kritische Tätigkeit" sieht, der seine Erkenntnis dem "Scheiden und Entscheiden verdankt",65 sieht sich so in eine Problemformulierung (und Gegenstandsbestimmung) hineingezogen, die nicht der gewohnten Form wissenschaftlicher Erkenntnis folgt. Informationen über den Gegenstand soll die Lektüre zwar auch hier durch eine kategoriale Unterscheidung gewinnen. Doch ist die verbindliche Anwendung dieser Relation grundsätzlich in Frage gestellt, ohne daß es andererseits aber möglich ist, so de Mans Behauptung, das Textverstehen von dieser instabilen Differenz abzukoppeln. Die historisch weit zurückreichende Unterscheidung von figural und wörtlich zählt zu jenen kulturellen Konventionen des Verstehens, die noch immer unsere Wahrnehmung der Sprache prägen. Sie ist in der Ordnung des Verstehens, so de Man, immer schon impliziert:
"the necessity of making such a decision cannot be avoided or the entire order of discourse would collapse. The situation implies that figural discourse is always understood in contradiction to a form of discourse that would not be figural".66
Ein von de Man derart in einer Gleichheit konträrer Argumente inszenierter Text muß sowohl figural als auch wörtlich gelesen werden. Keine Lesart kann sich auf eine größere Validität (de Man denkt auch nicht an die von Szondi oder Staiger empfohlene "Evidenz" als Kriterium 67) berufen - immer unter der Voraussetzung, daß der Text in der Behauptung der eigenen metaphorischen Sprachlichkeit die Wahrheit sagt. Die Entscheidung für eine Lesart verfehlt immer schon die gleich stark begründete, gemessen an der Unterscheidung von figural und wörtlich: entgegengesetzte Lektüre. Das Literarische definiert sich selbst als das, was immer nur falsch gelesen werden kann:
"We are entitled to generalize in working our way toward a definition by giving Rousseau exemplary value and calling 'literary', in the full sense of the term, any text that implicitly or explicitly signifies its own rhetorical mode and prefigures its own misunderstanding as the correlative of its rhetorical nature".68 Zwar ist damit der Erkenntnisanspruch des Kommentars, gemessen an den ihm traditionell als Interpretation zugeschriebenen Möglichkeiten, stark zurückgenommen. Dennoch aber ist er legitim und notwendig, - weil eine Konsequenz der selbstbezüglichen Sprache des primären Texts.69 Der 'immanente', von de Man ganz auf das Problem der Unterscheidung von wahr und falsch festgelegte Kommentar zeigt, daß keine Lektüre je als Wahrheit der Literatur im Sinne einer entscheidbaren Bedeutung des Texts ausgegeben werden kann:
als "guided misguided reading" 70 erzählt er die im streng logischen Sinn undefinierbare Literarizität einer ersten Erzählung.71
Den alten Topos von der Literatur als einem stets umstrittenen Verhältnis zur Wahrheit bzw. Realität nimmt de Man so aus der Tradition des interpretatorischen Kommentars auf, reformuliert ihn in der Aporie einer selbstbezüglichen literarischen Sprache und macht ihn zum zentralen Kriterium für Literarizität. Daß diese literarische Sprache "epistemologically highly suspect and volatile" 72 ist, führt jedoch nicht, wie bereits angedeutet, zum Rückzug aus epistemologischen Fragen.73 Anzuerkennen ist zunächst nur, daß die Epistemologie der Sprache nicht einfach auch die der nicht-sprachlichen Welt ist:
"Literature is fiction not because it somehow refuses to acknowledge 'reality', but because it is not a priori certain that language functions according to principles which are those of the phenomenal world".74 Was Literarizität - von de Man mit Fiktionalität gleichgesetzt - demnach auszeichnet, ist eine besondere kognitive Qualität, ein negatives Wissen, das besagt, daß keine sicher begründbaren Aussagen möglich sind. Und weil es ein Wissen von der Sprache selbst ist, liegt es in seiner Geltung vor jedem konkreten Gebrauch der Sprache in konzeptuellen Diskursen:
alle "considerations of truth and falsehood, good and evil, beauty and ugliness, or pleasure and pain" weist die paradoxale Figürlichkeit der literarischen Sprache auf die prinzipielle (d.h. unabhängig von der 'vertraglichen' bzw. konventionellen Autorisierung eines Geltungsanspruchs) Unzuverlässigkeit sprachlicher Behauptungen hin, oder, in einem Wort, sie erinnert an die Existenz der 'Literatur':
"Whenever this autonomous potential of language can be revealed by analysis, we are dealing with literariness and, in fact, with literature as the place where this negative knowledge about the reliablity of linguistic utterance is made available".75
V.
Diese Definition des Literarischen kann jedoch das methodische und theoretische Selbstverständnis einer 'philologischen Theorie' nur tragen, wenn sie sich gegen zwei Einwände behauptet. Einmal ist zu prüfen, ob die selbstbezügliche Bewegung der Literatur nicht wieder, wenn auch unfreiwillig, ein metaphysisches Textmodell bestätigt und so die alte Vorstellung von einer ontologischen Autonomie des Kunstwerks erneuert. Ein Verdacht, den de Man noch bestätigt, wenn er in Blindness and Insight einerseits die dekonstruktive Lektüre mit der Selbstbezüglichkeit des Textes gleichsetzt und andererseits "the self-reflecting mirror-effect" als diejenige Eigenschaft bestimmt, die "the work of literature in its essence" charakterisieren soll.76
Ein zweiter Einwand zielt auf den Status der vorgetragenen Behauptungen. Zumindest bis Blindness and Insight (1971) wird der postulierte Eigensinn der (literarischen) Sprache kaum näher präzisiert. De Mans Interesse gilt hier weit mehr der subversiven Kritik an literaturwissenschaftlichen Konventionen und theoretischen Dogmen. Die Art und Weise aber, wie diese augenscheinlich destruktive Kritik an interpretatorischen Schlüsselkategorien vorgebracht wird, bleibt über das allgemeine Vorzeichen von Blindheit und Einsicht hinaus abstrakt, wenn nicht gar undurchschaubar. Statt einer strengen Analyse oder einer verallgemeinerbaren Lesestrategie scheint man eher eine virtuos gehandhabte Intuition für argumentative Schwachstellen oder textuelle Widersprüche vor sich zu haben.
Zum Thema werden beide Kritikpunkte in der Auseinandersetzung mit Jacques Derrida. Für de Man ist dessen Theorie (und Schreibweise) die zentrale Herausforderung für den eigenen Versuch, der Dekonstruktion einen möglicherweise eigenständigen, philologisch ausgerichteten Weg zu bahnen. Derridas Werk ist so kurzum "one of the places where the future possibility of literary criticism is being decided".77
Mit dieser Auseinandersetzung ist zugleich die entscheidende Frage provoziert, ob die das Selbstverständnis der Philologie tragende textimmanente Arbeit des "close reading" gegen den (traditionellen) Überlegenheitsanspruch der Philosophie, also hier der philosophischen, d.h. mit den Mitteln einer interpretierenden "metalanguage" 78 arbeitenden Dekonstruktion, verteidigt werden kann. Erst in dieser Abgrenzung (vgl. bes. die Rousseau-Interpretation 79) jedenfalls präzisiert de Man seine dekonstruktiven Lektüren.80
Der Verlauf dieser Debatte ist im Werk de Mans nur zu einem Teil explizit dokumentiert. Die Auseinandersetzung über die jeweils favorisierte Sprachtheorie als die unverzichtbare Argumentationsbasis muß aus einer rekonstruktiven Gegenüberstellung beider Positionen extrapoliert werden.
De Man setzt seinen Ausgangspunkt mit wünschenswerter Direktheit. In offen bewußtseinsphilosophischen Wendungen beschwört er die kognitive Selbstkontrolle eines von blinden Stellen unbefleckten Textes - und betont so die Differenz zwischen einer immanenten und einer extern gelenkten Textbeschreibung:
"Rousseaus text has no blind spots:
it accounts at all moments its own rhetorical mode".81 Mit dieser Figur eines Wissens, das der Text über seine eigene rhetorische Praxis besitzen soll, radikalisiert de Man eine im einleitenden Aufsatz von Blindness and Insight nur skizzierte Bestimmung des Fiktiven literarischer Texte.82
Selbstreflexion gilt hier noch als ein Prozeß, durch den literarische Werke sich ihrer Machart inne werden und damit zugleich ihre Eigenständigkeit behaupten. Erst diese Rückkoppelung von Text und Selbstkommentar setzt Literatur von der Alltagssprache ab:
Während in der gewöhnlichen Rede der Schein einer vorsprachlichen Bedeutungsbildung bzw. einer Koinzidenz zwischen Zeichen und Bedeutung herrscht, läßt sich am literarischen Text, so de Man, ablesen, daß die Verbindung von Zeichen und Bedeutung arbiträr ist (bzw. konventionellen Regeln unterliegt), daß ein unvermittelter Ausdruck von Bedeutung also nicht möglich ist. 83
In Derridas Rousseau-Lektüre sieht de Man eine besonders aufschlußreiche Verschränkung von Einsicht und Blindheit. Derrida kritisiert nämlich eine substantialistische Sprachauffassung an einem Text, der diese Kritik, so de Man, bereits unausgesprochen enthält. Die externe Perspektive verführt Derrida zu einer buchstäblichen, gegenüber der rhetorischen Eigenart der Rousseauschen Argumentation blinden Lektüre.84
Diese Lektüre 'überliest' dann zwangsläufig die folgenreiche Spannung zwischen dem vollentwickelten figuralen Charakter und der einseitigen Leseperspektive des eigenen Textes.
De Man konzentriert seine Kritik auf zwei Punkte:
Derridas Lektüre unterziehe eine fertige philosophische Argumentation einem exegetischen Test, der dieser Argumentation zwar suggestive Kraft, aber keineswegs schon Geltung verleiht. Darüber hinaus verfehle eine solche mit externen Vorgaben arbeitende dekonstruktive Analyse die subversive Schärfe eines bereits in sich dekonstruktiv angelegten Textes. Die quasi-metasprachliche Dekonstruktion ist nicht nur ein redundantes Verfahren, das die Leistungen des Basistextes auf unnötigen Umwegen imitiert. Sie fällt sogar hinter den Text zurück. Da eine Dekonstruktion eben gerade nicht nur destruiert, sondern stets auch "the possibility of rebuildung" 85 impliziert - also weder nihilistische, noch relativistische Konsequenzen hat - , entsteht eine Differenz zwischen der immanent und der extern ansetzenden dekonstruktiven Erzählung. Der Basistext (hier: Rousseaus Abhandlung über den Ursprung der Sprache) erzählt "the story of an inexorable regression" und stellt so die Sprache selbst unter Anklage: der Prozeß des sprachlichen Mißverstehens wird (destruktiv) bloßgestellt, um ihn zugleich in seiner Unhintergehbarkeit (konstruktiv) darzustellen. Der dekonstruktive Metatext (hier Derridas Rousseau-Lektüre) 'verbessert' nur:
"Derrida rectifies a recurrent error of judgement".86
Derrida verläßt sich so einerseits auf die (nach de Man) bloßen (Schein-)Behauptungen Rousseaus und dekonstruiert durch seine wörtliche Lektüre gerade jene Figuren, die die Unhintergehbarkeit des Mißverständnisses zeigen; andererseits re-konstruiert er auf dieser Negativfolie seine Kritik am Gedanken einer 'vollen' Bedeutung. Damit aber trifft Derridas Argumentation wieder auf die - unabhängig von der Textlektüre gewonnene - philosophische Vorgabe.
Nun läßt sich freilich einwenden, daß de Man selbst wiederum nur seinen dekonstruktiven Sprachbegriff auf Rousseaus rhetorische Figuren projiziert. Diese Retourkutsche verliert aber den entscheidenden Punkt aus den Augen. Denn de Mans Kritik an einer sprachphilosophischen, gegenüber dem "'real' Rousseau" 87 aber eigentlich unangebrachten Lektüre, ist nicht bloß eine Invektive gegen den metatheoretischen Zugriff auf den Basistext. Sie läßt zugleich auch anklingen, daß Derridas Sprachtheorie zu 'tief' ansetzt und daher in der dekonstruktiven Lektüre eines fremden Textes sich selbst notwendig entschärft. Derridas Lektüre überzeugt de Man 'nur' in ihrer rhetorischen Schreibweise:
"Derridas text is less radical, less mature than Rousseau's, though not less literary".88
De Man hat jedoch Derridas Sprachbegriff an keiner Stelle eigens untersucht. Seine Einwände stützen sich bis zuletzt auf die Grundgedanken der Selbstreflexivität und Immanenz:
Selbstreflexiv ist der Text in dem Sinn, daß er in an absolute way weiß, was er tut. Auch wenn de Man zugleich einräumt, daß diese Unterstellung nicht zutrifft ("I know this is not the case"), soll sie als Arbeitshypothese unverzichtbar sein. Immanenz ist als Prinzip der Lektüre unvermeidlich, da gelten soll, "that the text deconstructs itself ... rather than being deconstructed by a philosophical intervention from the outside".89
Folgerichtig empfiehlt de Man Derrida dann auch den Verzicht auf die Dekonstruktion fremder Texte. "Between him and his own text" 90 sei ein dekonstruktiver Selbstbezug gewonnen, der von keiner Lektüre anderer Autoren übertroffen werden kann.
De Man unterläßt bis zuletzt die nähere Begründung seiner Bedenken. Die Entscheidung zwischen einer externen oder immanenten Perspektive spielt er (ironisch?) herunter zu einer bloßen Frage persönlicher oder disziplinärer Vorlieben und Fertigkeiten des Autors/Lesers. Damit entschärft er anscheinend Einwände, die sich nur halten lassen, wenn es gelingt, eine gegenüber Derrida alternative Bestimmung der für jede Variante der Dekonstruktion zentralen Unzuverlässigkeit der Sprache zu liefern. Vielleicht vermeidet de Mans Konzilianz aber nur die offene Konfrontation, denn in der epistemologischen Rhetorik aus den Allegories of Reading hat er ein Modell entwickelt, das die 'parteiliche' Unterscheidung zwischen intervenierendem Diskurs und immanenter allegorischer Lektüre rechtfertigt.
Das allegorische Lesen als selbstreflexiver Prozeß liest das Scheitern des Lesens. Es sprengt den hermeneutischen Zirkel des Verstehens textimmanent auf, um die (allgemein anerkannte) Vieldeutigkeit sprachlicher Ausdrücke auf einen unlösbaren und zugleich unvermeidbaren Widerspruch zuzuspitzen. Wörtliche und figurale Bedeutung von Textelementen treten in eine notwendige Wechselbeziehung. Der hermeneutische Zugang schaltet demgegenüber stets eine der beiden Bedeutungen unter Rekurs auf Kontexte oder nicht hintergehbare Sinnhorizonte aus. Im Akt des Verstehens werden wörtliche und figurale Bedeutung voneinander abgekoppelt: die rhetorische Figur bleibt daher stets in einen eigentlichen Referenten rückübersetzbar.91
De Man besteht auf einer unhintergehbaren Texterfahrung. Sie ist für ihn zugleich der Initiationsritus für die dekonstruktive Leseweise.92 Jeder Text drängt dem Leser die Differenz von wörtlicher und figuraler Bedeutung auf, fordert eine Entscheidung zwischen diesen Polen, ohne aber ein Wissen zur Verfügung zu stellen - auch kein grammatisches - , das die Gabelung des Sinns unterbindet. Diese Erfahrung bricht mit gewohnten Vorstellungen von Grammatik und Rhetorik. Tropen behandelt die Tradition üblicherweise einmal als semantische Mittel, die den angemessenen Ausdruck der Sache leisten, und zum andern als textproduzierende Funktionen, die keine Beziehung zur nicht-verbalen Realität aufweisen. Während die Grammatik per definitionem als geeignetes Instrumentarium galt, um universelle Bestimmungen der Welt zu gewinnen.93 De Mans Lektüren kappen jedoch die Verbindung der Grammatik an eine außersprachliche Realität und betonen statt dessen den systematischen Zusammenhang des semantischen und des formal-funktionellen Aspekts der Rhetorik:
Tropen stiften nur den Schein von Referenz; sie schließen die Grammatik mit dem Referenten gleichsam kurz.94 Keine Trope behauptet Referenz dabei so nachdrücklich wie die Metapher.95 Gleichwohl kann sie diesen Anspruch am wenigsten einlösen:
Die Metpaher substituiert und verkehrt nur sprachliche Elemente. Statt der Bedeutung selbst erzeugt sie nur den Effekt einer Bedeutung.96
Damit hat De Man die Rhetorik als Kunst der Überlistung 97 in eine Lehre von der unhintergehbaren tropologischen Struktur der Sprache übersetzt. Diese Lehre ist freilich in erster Linie eine Anweisung zum Lesen, keine ausgeführte Theorie der Sprache; ihre Behauptungen sind sich selbst dementierende, paradoxe Sätze, die den Bezug zur Realität unterstellen müssen, den sie in Zweifel ziehen. Diese 'lesende' Kritik der Metapher, deren Referenzsog die Möglichkeit einer eigentlichen Bedeutung vorspiegelt, greift selektiv auf die Jakobsonsche Rhetorikforschung zurück.98
De Man entziffert metaphorische Ähnlichkeiten als metonymische Kontiguitäten und verwandelt so notwendig erscheinende Beziehungen in zufällige Konstellationen.99 An den Verkettungen der Metonymie zerbricht der ontologische Anspruch, den der metaphorische Substitutionsprozeß erhebt. Im Zuge dieser Bewegung wird zugleich der grammatische Boden der Sprache als ein generatives und nicht-referentielles System freigelegt.100 Ein solcher wie eine Maschine funktionierender Code kann in den Grenzen, die die formalen Regeln der Grammatik ziehen, beliebige - also auch sinnlose - Ausdrücke erzeugen.101 Die referentielle, von der Sprache nicht zu trennende Funktion unterminiert das grammatische Prinzip. Sie schließt in jedem Sprechakt das offene System - und erfüllt so die Bedingung der Möglichkeit für Bedeutung.
Das Oszillieren zwischen einer generativen, formalen Struktur und der auf den Erfolg der Kommunikation ausgerichteten referentiellen Funktion läßt sich - das ist de Mans zentrale These - an Texten regelrecht ablesen. Jedenfalls dann, wenn die Lektüre sich der figuralen bzw. literarischen Dimension der Sprache stellt. Bricht diese (in der Alltagssprache verdeckte 102) Differenz von Grammatik und Bedeutung im Prozeß der Lektüre auf, so verwandeln sich Texte in Erzählungen über das Scheitern der Denomination. Damit werden sie zugleich unlesbar, jedenfalls insoweit Lesen als ein Akt gilt, der am Verstehen orientiert ist. Diese eigentümliche Unlesbarkeit des gelesenen Textes kann jedoch nicht als strenge Theorie ausgesprochen werden. Sie realisiert sich nur als Erzählung des paradoxen Leseprozesses. Die narrative Gestalt der Unlesbarkeit faßt de Man als allegorischen Text, der den gleichen Gesetzen des Scheiterns unterliegt, die er aufgewiesen hat. Jede Lektüre zieht eine weitere nach sich, die sie erneut in die aporetische Struktur einbindet, aus der sie als Metatext scheinbar heraustrat.
Als strenges Modell eines mehrstufigen Scheiterns präzisiert die Figur der allegorischen Lektüre den kognitiven Status des in Blindness and Insight verwendeten Kommentarbegriffs. De Man konnte nämlich in diesen Arbeiten noch nicht bestimmen, in welcher Form das am primären Text aufgewiesene Verhältnis von Blindheit und Einsicht sich auf den sekundären Text überträgt und dessen Wissen von Literatur charakterisiert.
Die Allegories of Reading fassen den Gedanken von der Unzuverlässigkeit der Sprache wie folgt zusammen: zunächst wird das zweifache Scheitern der Denomination festgestellt; einmal müssen wechselseitig ausschließende und doch zugleich bedingende Bedeutungen akzeptiert werden (wörtliche vs. figurale Lesart), zum andern verwandelt sich ein substantielles Bild der Bedeutung unvermeidlich in die Figur einer maschinellen Zeichenverkettung (Metonymisierung der Metapher). Daraus resultiert schließlich die Unlesbarkeit von Texten, so daß der textimmanente Kommentar nur die paradoxale Struktur des negativen Wissens erzählen kann.
VI.
Vor dem Hintergrund dieses philologischen Modells der Dekonstruktion soll im folgenden Textanlage und Lektürestrategie Derridas überprüft werden. Denn de Mans Vorschläge lassen sich nur dann verteidigen, wenn man nachweisen kann, daß Derridas philosophisches Konzept das Problem des Textes letzlich doch nur unzulänglich beschreibt.
De Mans Modell provoziert drei kritische Fragen an Derrida:
1. ist seine Dekonstruktionsarbeit nicht mit unnötigem theoretischen Ballast beschwert?
Und, falls dies zutrifft, zwingt ihn 2. der theoriegeleitete, externe Zugriff auf den Text zu unangemessenen Lesarten (vgl. das Rousseau-Beispiel), so daß schließlich 3. Derrida das Verhältnis zwischen Rhetorik und philosophischer Bedeutungstheorie bei seinen eigenen Schriften falsch einschätzt?
Derrida hat bereits in seinen frühen Studien zu Husserl 103 den Ort eingekreist, an dem das Dilemma der Sprache seinen Ursprung haben soll.104 Anspruch und Reichweite seiner Diagnose sind auf den ersten Blick überraschend, denn Derrida analysiert nicht etwa im direkten Zugriff Sätze der Umgangssprache, Elemente des politischen Jargons oder die Ding- und Ereignisterminologien der ausdifferenzierten Wissenschaften. Sein Feld ist eine spezifische Philosophie der Bedeutung, die als Kronzeuge für die abendländische Verständigung über Sprache im Medium der Sprache selbst herhalten muß. Derridas Untersuchung verläuft in zwei getrennten Schritten. Ihre zwingende Verknüpfung liefert die Pointe des dekonstruktiven Programms.
Zunächst arbeitet er die Grundbegriffe der Husserlschen Sprachtheorie heraus und weist nach, daß diese Begriffe, sobald ihre Implikationen entfaltet werden, in eine Aporie führen. Derridas zentrales Argument ist erstaunlich einfach:
Die phänomenologische Philosophie will die transzendentalen Voraussetzungen des Sprachgebrauchs klären. Sie geht davon aus, daß die Bedeutung von Zeichen aus Bewußtseinsakten resultiert, die eine intentionale Struktur haben (also auf reale oder fiktive Objekte bezogen sind):sprachliche Zeichen können allein dann funktionieren, wenn sie die Garantie der Wiederverwendbarkeit und -erkennbarkeit bieten. Eine solche Garantie der Identifizierbarkeit von Zeichen zu unterschiedlichen Zeitpunkten (und in variierenden Situationen) gewährt nur eine ideale Ordnung.105 Die Idealität ist freilich, so Derrida, bloß ein "Name für die Permanenz des Selben und hängt völlig von der Möglichkeit der Wiederholungsakte ab".106 Es ist demzufolge gerade die "Temporalität, die die Reinheit der Idealität, d.h. den Zugang der unendlichen Wiederholung zum Selben, gewährleisten kann". Wenn aber "die Möglichkeitsbedingungen des Zeichens" seine Überantwortung an die Zeit, sein "Vergehen" oder - wie Derrida auch pathetisch formuliert - "eben dieser Bezug zum Tod ist"107, dann haben sich innerhalb der phänomenologischen Bedeutungstheorie nicht allein die Konstitutionsverhältnisse verkehrt, sondern die Ersetzung der zeitlichen und situativen "Nicht-Identität durch Idealität wird zum Unendlichen hin verschoben".108 Der Versuch, die Bedeutungsbildung und ihr Funktionieren unter Rekurs auf ein ideales Reich unveränderlicher Vorstellungen zu erklären, hat eine Kluft zwischen "Idealität und Nicht-Idealität" zutage gefördert, die Derrida mit dem Neologismus "différance" belegt.109
Derridas These ist nun, daß die an Husserl exemplarisch dargestellte Verkehrung begrifflicher Bedingungsverhältnisse und die "différance" zwischen den zentralen Kategorien in allen Denksystemen des Abendlandes stattfindet. Zwangsläufig werden so die substantiellen Konzepte des Guten, Wahren, Schönen, der Subjektivität, der Gesellschaft usw. zersetzt. Anhand der Schrift-Metapher hat Derrida zu zeigen versucht, daß die "différance" notwendig jenen Topos der sich selbst gegenwärtigen Stimme auflöst, der das abendländische Denken bisher beherrscht hat.110 Nun reicht es aber Derrida nicht, dem metaphysischen Denken die Verdrängung der Sprachaporie nachzuweisen. Gelten soll zugleich, daß gerade die metaphysische "Verschleierung" der zeitlichen und räumlichen (also der différance ausgelieferten) Natur des Zeichens "Bedeutung zu produzieren vermag".111
Mit dieser starken These leitet Derrida den zweiten Schritt der Dekonstruktion ein. "Die Bestimmung und Verfehlung des Zeichens in der Metaphysik" 112 und die daraus resultierende aporetische Form ihrer Denkfiguren sollen keine bloßen Irrtümer oder Konstruktionsmängel der Philosophie anzeigen:
Sie legen die Bedingungen frei, unter denen Bedeutung als solche zugleich gebildet und destruiert wird. Der zweite Schritt schließt von der Selbstdementierung des metaphysischen Programms auf die generelle aporetische Struktur sprachlicher Bedeutung. Löste die dekonstruktive Analyse zunächst starre begriffliche Dualismen auf, so diagnostiziert sie nun eine widersprüchliche Konstellation, die keine Lösung zuläßt. Bedeutung entsteht nämlich nur in der paradoxen Einheit von Konstruktion und Destruktion. Das metaphysische Denken wird mithin nicht einfach abgelöst oder überwunden. Es kann jetzt die eigene, in die Latenz gedrückte aporetische Struktur wahrnehmen und als der 'Sachlage' angemessen akzeptieren.
Um die These, Bedeutungsverstehen beruhe auf Voraussetzungen, die die Sprache in ihrem Vollzug notwendig zersetzt, zirkelfrei zu begründen, müßte sie allerdings vom dekonstruktiven Gang durch die Metaphysik abgekoppelt und in der Erfahrung des Sprachgebrauchs unmittelbar verortet werden. Derrida hält einen solchen Beweis jedoch für undurchführbar. Die Erfahrung der Sprache geschieht immer schon im Horizont metaphysischer Figuren. Sie sind daher nur von innen her aufzubrechen, indem man sich "aller subversiven strategischen und ökonomischen Mittel der alten Struktur" bedient.113 Ein anderer Weg steht der Metaphysikkritik nach Derrida nicht offen.
Hermeneutik und analytische Sprachphilosophie betonen dagegen zwei Eigenschaften der Sprache, die eine alternative Destruktion der Metaphysik rechtfertigen sollen:
Einerseits sei die Sprache stabil genug, um Handlungsorientierung zu sichern. Andererseits sei sie so beweglich und offen, daß welterschließende Innovationen möglich werden. Beide Funktionen bindet Derrida jedoch an die Paradoxie der Bedeutungsbildung. Diese aporetische Problembestimmung wiederum hält die Hermeneutik für unangemessen, da aus ihrer Sicht die Bedeutung im kommunikativen Prozeß selbst entsteht. Zum Rückgriff auf das Paradox zwingt nicht die Praxis der Bedeutungsbildung, sondern das metaphysische Modell transzendentalen Wissens. Dieser Einwand gilt aber nur dann, wenn die Erfahrung eines dialogisch erzielten Einverständnisses vorausgesetzt wird. Genau hier widerspricht Derrida.114 Für ihn sind die "Bedingungen des Verstehens", auf die kommunikative Prozesse verwiesen sind, eher "eine Aufhebung der Vermittlung als ein sich kontinuierlich entfaltender Bezug". Im Wechsel der Paradigmen - von der Figur des transzendentalen Wissens zum Konzept kommunikativer Praxis - sieht Derrida bloß eine metaphysikkritische Verkleidung der Metaphysik, die ihre dekonstruktive Selbstkritik verleugnet.115 Daß Sprache öffentlich gelernt und benutzt wird, ändert nicht die zentrale Einsicht: die Sprache weckt einen Bedarf an der Kotrolle des von ihr generierten Sinns, den sie aus strukturellen Gründen selbst nicht befriedigen kann.
Nur der Gang durch die Metaphysik und nicht etwa die direkte Analyse beliebiger verbaler Ereignisse kann demnach zeigen, warum Sprache unerfüllbare Ansprüche erheben muß. Hier schließt sich der Kreis: nur über die Aporie der metaphysischen Bedeutungstheorie läßt sich die aporetische Struktur der Bedeutung erkennen. Sie ist daher eine paradoxe Metapher für das metaphysische Denken, das mit der Behauptung von Identität und Präsenz eine elementare Aporie verdeckt. Mit dieser Verdoppelung der Aporie entsteht jedoch eine Metapher, in der das Widerspiel figuraler und wörtlicher Aspekte entfallen ist. Dieser Verlust ist das Ergebnis der zweistufigen dekonstruktiven Analyse:
zunächst bestätigt das kritische Durchqueren der Metaphysik deren aporetisches Grundmuster. Sie verschiebt es aber nur an einen anderen Ort und gibt so dem figuralen Sinn (hier dem aporetischen Verfahren) die Priorität über den wörtlichen Sinn der metaphysischen Bestimmungen (nämlich die Identität als Idealität). Anschließend nimmt die dekonstruktive Analyse den figuralen Sinn wörtlich (die aporetische Sprache der Bedeutungsidentität wird zur Aporie der Sprache), um zuletzt die doppelte Substitution erneut zu figuralisieren. Anstelle der Spannung zwischen Wörtlichkeit und Figuralität tritt reine Figuralität:
116 Derridas Bedeutungstheorie kann also nur als tropologisches Modell gefaßt werden.
Derrida hat die Dekonstruktion der Bedeutung als Logik des metaphorischen Verfalls an Heideggers Seinsbegriff durchgespielt. 'Sein' hat keine Bedeutung, sondern ist eine der "Metaphern-Faltung" entsprungene Figur der Bodenlosigkeit der Bedeutung. Die "supplementären Metaphern-Faltungen" 117 umspielen die Grenze der Metaphysik, sie über- und unterschreiten eine Markierung, die nur als be-schriebene existiert. Bei diesem Stand der Rekonstruktion stellt sich aber die Frage:
Wenn die nicht mehr überbietbare These aufgestellt ist, daß der Mißstand ("Predicament") von Sprache aus dem Widerspruch der Bedeutungsbildung selbst resultiert, warum läßt Derrida es dann nicht bei seiner ohnehin paradoxen Theorie der Bedeutung bewenden?
Anders gefragt: warum hält er dennoch so emphatisch an der Lektüre von Texten fest?
Derrida ignoriert de Mans polemischen Rat, statt fremder Autoren den eigenen Text dekonstruktiv zu lesen. Für ihn existiert kein originärer Text:
Texte sind immer mit anderen Texten verwoben. Was Derrida noch eigens herausstreicht, gilt de Man freilich eher als philosophischer und literaturwissenschaftlicher Gemeinplatz. Intertextualität bezeichnet ein unvermeidliches Phänomen der Sprache. Derrida bestreitet dies (natürlich) nicht. Für ihn ist der ausdrückliche figurale Hinweis auf die Intertextualität notwendig, um zu demonstrieren, daß die Bedeutungsaporie nur im Kontext des metaphysischen Diskurses angemessen erfaßt werden kann.118 Die Ausführlichkeit, mit der Derrida das metaphysische Denken durchquert, parodiert und bearbeitet, soll nicht nur zeigen, daß es unmöglich ist, ihm zu entrinnen.119
Sie ist zugleich auch das Gebot, die Grenzen dieses Denkens zu durchbrechen.
Jeder Text wird von Derrida als eine Darstellung der Bedeutungsaporie gelesen. Seinen eigenen Text inszeniert er dementsprechend als rhetorische Illustration solcher Darstellungen. An Plato, Rousseau, Hegel, Husserl, Freud und anderen be-schreibt er, wie die Bedeutungsaporie in einem Zug zugleich verleugnet und durch kategoriale Inkonsistenzen freigelegt wird. Nietzsche, Saussure, Artaud, Bataille, Levinas oder Foucault liefern ihm Beispiele, wie die zunächst anerkannte Aporie letztlich doch wieder durch die argumentativen Muster der Präsenzmetaphysik ersetzt wird.120 Und schließlich stößt er auf Texte oder genauer Textelemente, die die Grenzen der Metaphysik auf eine eigene, von der nur thetischen Dekonstruktion 121 unterschiedene Weise öffnen:
sie sind aufgrund ihrer sprachlichen Materialität buchstäblich "Durchbrüche".122
Der auffällige Wechsel im Tenor der Schrifen Derridas ab circa 1972 ist wohl die Antwort auf das Darstellungsproblem dekonstruktiver Kritik:
123 Was Derrida ausfindig machen will, ist ein Modus der Dekonstruktion, der mehr und anderes wäre als eine bloße Abfolge von Thesen oder Positionen. Für die Darstellung der Bedeutungsaporie sucht er einen Weg, der weder diesseits noch jenseits der Metaphysik verläuft. Die Grenze soll als das Sprachliche der Sprache selbst aufscheinen und auf diese Weise zugleich betont und sogar - in den Texten von Mallarmé und Heidegger etwa - durchbrochen werden. Wie aber muß ein Kommentar beschaffen sein, der solche Durchbrüche bestimmt und für Leser erkennbar macht?
Denn es handelt sich ja um 'charismatische' Texte, die die Aporie bereits voll zur Darstellung bringen, also im strengen Sinne gar keine dekonstruktive Lektüre benötigen. Derrida glaubt sich auf die poetische Simulation beschränken zu können, um seinen Kanon mit den geforderten Qualitäten auszuzeichen. Es gelingt ihm aber nicht, den Kommentar mit der sich dem fremden bzw. ersten Text anverwandelnden Schreibweise bruchlos zu verschmelzen. Der thetische Charakter und das sprachliche Formbewußtsein fallen in seinen Schriften auseinander.124 Auf der einen Seite stehen bedeutungstheoretische Behauptungen, die sich der philosophischen Disziplin zuschlagen lassen, auf der anderen Seite die ostentative, ja geradezu pädagogische Vorführung einer mit ihren Möglichkeiten spielenden Sprache, die keine wahrheitsfähigen Aussagen, sondern nur sich selbst 'behauptet'.Das Programm, in beiden Seiten den Gegenpart hervorzutreiben, wirkt besonders in den späten Arbeiten wie eine dem Textgewebe aufgesetzte hermeneutische Leseanweisung, die unreflektiert bleibt. Dabei richteten sich die Kernthesen der frühen Aufsätze genau auf das Verhältnis des Thetischen und des Spielerischen in der Sprache:
"es gibt nur einen Diskurs und dieser vermittelt Bedeutung; [die poetische oder] souveräne Rede ist kein anderer Diskurs oder eine andere Verkettung, die neben dem bedeutendenden Diskurs entwickelt würde ... Das Poetische ... ist dasjenige, was in jedem Diskurs dem absoluten Verlust eines Sinns ... sich erschließen kann".125
In seinen späten Texten will Derrida zeigen, daß die interne Verklammerung von diskursiver und poetischer Sprachdimension sich artistisch darstellen und nicht bloß theoretisch behaupten läßt. Die Theorie der Bedeutungsaporie soll in eine unmittelbare Erfahrung der Sprache übersetzt werden. Mit einem speziellen Verfahren (der "Pfropfung"), das die generelle Schreibpraxis des Zitierens, Aufrufens und Einfügens fremder Texte explizit vorführt, will Derrida (neben der Heterogenität von Texten überhaupt) das Zusammenspiel von Wiederholung, Identität und Idealität herausstellen. Derrida repetiert mit dem fremden Text metaphorisch den eigenen theoretischen Text über die Wiederholung, der den phänomenologischen Bedeutungsbegriff dekonstruierte. Welche Funktion hat diese rhetorische Verdopplung aber, wenn Derridas Bedeutungstheorie bereits eine tropologischen Struktur aufweist, die dem Modell der "supplementären Metaphern-Faltung" entspricht?
126 Die "Pfropfung" bleibt hinter der Figuralität, die der Bedeutungstheorie als zirkulärer Konzeption eigen ist, zurück, sie verweist bloß auf das Theorem der Bedeutungsaporie; sie führt aber weder seinen figuralen Aufbau noch das Dilemma der Sprache als solcher vor Augen.127
Wenig überzeugend sind dann auch Derridas Versuche, Bildung und Entzug der Bedeutung durch 'poetische' Mittel (Wortspiele, Synonyme und Homonyme) zu demonstrieren. Allein die plastische Darstellung der figuralen Dimension der Sprache macht jedoch die aporetische Bedeutungskonzeption nicht stichhaltig. Warum sollte auch die Demonstration der assoziativen Vernetzung sprachlicher Elemente die Problematik von Wiederholung und Identität schlagender beweisen als z.B. die semiologische Analyse eines schlichten Aussagesatzes?
Zwar arbeitet die poetische Sprache mit ihren verwirrenden Ähnlichkeiten von Laut- und Schriftbildern 128 die Schwierigkeit der Differenzierung und damit der Identifikation von Zeichen klar heraus, aber die bedeutungsgenerierende und -untergrabende Funktion der Wiederholung von Zeichen erfaßt diese Strategie gerade nicht.129
So bleibt, trotz höchster Anstrengungen, das Verhältnis zwischen der zentralen These und der artistischen Schreibweise willkürlich. Die "Pfropfungen" schlagen nur das Thema der Wiederholung von Zeichen an, die poetischen Wortspiele allein das Problem von Identität und Idealität, während die entscheidende Verbindung der beiden Aspekte offenbar unterbleibt. Korrigiert werden könnte dieses Fazit nur durch jene berühmten Begriffsfiguren (wie etwa"Hymen", "Pharmakon", "Gramma", "Markierung" u.a.), die Derridas Texten ihr wortmagisches Flair verleihen und die Aufgabe haben, die metaphysischen Dualismen im Akt ihrer Präsentation zu entkräften.
Mallarmés Begriff "Hymen", den Derrida übernimmt und ausreizt, liefert ein griffiges Beispiel für dieses Programm.130 Er soll nicht allein das Thema des möglichen Durchbruchs, also seine eigne textuelle Funktion, anzeigen, sondern auch die Gleichzeitigkeit von Bildung und Entzug der Bedeutung ausdrücken. Die von ihm gesetzten klassischen Dualismen (Innen/Außen, Identität/Differenz) werden einem Weder/noch- Gedankenspiel unterzogen, dessen doppelte Negation jedoch keine Versöhnung der Extreme in einem Dritten vorsieht.131 Ersetzt nun tatsächlich die figurale Choreographie des Weder/noch-Begriffs die thetische Fassung der Bedeutungsaporie?
Zwar wird die dem Zeichen essentielle Wiederholbarkeit im Zitat versinnbildlicht und die prekäre Rolle von Identität und Idealität im Doppelspiel des Setzens und Verwerfens anschaulich gemacht. Daß aber die Wiederholung die notwendige Identitätssicherung des Zeichens untergräbt, kann an den Bewegungen und Positionswechseln des Weder/noch-Begriffs nicht abgelesen werden. Sie illustrieren bloß die Annahme, Bedeutung bilde sich allein in der Gleichzeitigkeit gegenstrebiger Effekte. Damit wird ein anderes Modell der Bedeutungsaporie durch die Rhetorik des Derridaschen Textes selbst etabliert. Die sich als Lektüre maskierende Schreibstrategie Derridas ist demzufolge nicht in der Lage, die transzendentale Theorie über das Dilemma der Bedeutungsbildung an die Oberfläche des Textes zu treiben. Keiner der zahlreichen und zentralen Weder/noch-Begriffe 132 holt den theoretischen Gehalt der Derridaschen Texte ein; sie unterbieten ihn vielmehr. Man muß Derridas Theorie der Bedeutungsaporie bereits kennen und verstanden haben, um die Funktion seiner Schreibart zu erfassen; der artistische Stil kann (mit Pfropfungen, Wortspielen und beidseitig negativen Begriffen) auf die Theorie als eine vorgängige und selbständige Größe eben nur verweisen. Weil das Konzept der Bedeutungsaporie aber selbst figural ist , d.h sich in der Metaphern-Faltung erfüllt , greift seine poetische Repräsentation zu kurz.133
Der untaugliche Versuch setzt auf Umwegen nur die Rhetorik ins Recht. Denn Derrida führt letztlich nur vor, daß die Aporie der Bedeutung als philosophisches Argument gar nicht einzusehen, sondern bloß als Sprachbewegung lesend/schreibend zu erfahren ist.
Es ist genau dieser selbstdekonstruktive Zug des Derridaschen Schreibens, der de Man fasziniert und dazu bewogen hat, seine Wortakrobatik gegen die äußerliche Last einer philosophischen "metalanguage" zu verteidigen. Aus de Mans Perspektive modifiziert die unverkennbar ostentative Geste des Derridaschen Stils das Problem, auf das aufmerksam gemacht werden soll. Die Theorie der Bedeutungsaporie muß sich in Derridas Text buchstäblich darüber belehren lassen, daß sie ihre eigene rhetorische Darstellung nicht kontrollieren kann. Die Unzuverlässigkeit der Sprache ist nicht bedeutungstheoretisch bestimmbar, sondern nur durch ein akribisches philologisches Lektüreverfahren, das den Spannungsbögen nachspürt, denen die Sprache als figurales Phänomen ausgeliefert ist. Denn die 'tiefschürfende' Analyse der Bedingung der Möglichkeit von Bedeutung, die Derrida vornimmt (indem er die transzendentale Analyse 'wiederholt'), erweist sich als abwegig, wenn die Aporie der Sprache bereits durch allegorisches Lesen an der Textoberfläche zu greifen ist.
Derrida wie de Man schreiben eine paradoxe Theorie. Beide Konzepte unterscheiden eine synchrone und eine diachrone Achse. Derrida notiert auf der synchronen Achse das bedeutungstheoretisch zentrale Verhältnis von Identität und Wiederholbarkeit, auf der diachronen Achse das von theoretisch behaupteter und artistisch dargestellter Bedeutungsaporie. De Man verzeichnet auf der synchronen Achse die Konstellation figuraler und wörtlicher sowie metaphorischer und metonymischer Sichtweisen, auf der diachronen die Unendlichkeit allegorischer Leseakte. Jenseits der bereits erörterten immanenten Probleme, stellt sich generell die Frage nach Reichweite und Produktivität einer paradoxen Theorieanlage.134 Per definitionem können Paradoxien nicht aufgelöst werden.135 Ihrer Struktur nach sollen zwei gleichstarke Argumente gelten:
Paradoxien können daher nur pragmatisch behandelt werden. Damit wird die Frage nach der Praxis zum Kriterium für die Theoriewahl. Derridas letztlich transzendentale Fragestellung verführt zur thematischen Verengung der Lektüren auf das allgemeine Problem der Bedeutung. Die Lektüre wird zum unendlichen Verweis auf schon konstatierte Thesen. Darüber hinaus sieht sich ein Leser nach diesem Modell gezwungen, die rhetorischen Darstellungsmittel den interpretatorischen oder theoretischen Behauptungen anzugleichen - was nur zu oft allein um den Preis des Manierismus gelingt. De Mans Lektürestrategie dagegen behauptet, wie zu zeigen ist, ihre Vorteile auf dem Gebiet der Pädagogik. Was auf der Ebene der paradoxalen Theoriearchitektur selbst nicht zwingend entschieden werden kann, soll sich an der Frage einer Didaktik der Literatur klären:
paradoxale Theorie kommt nicht nur nicht ohne Pragmatik aus, sie findet erst hier ihre Rechtfertigung.
VI.
Das Lesen kann nicht allein Gegenstand einer strengen Epistemologie sein, hat es doch neben den kognitiven auch soziale und psychologische Funktionen. Eine Wissenschaft von der Literatur braucht neben der Poetik, die Literatur als eine vom Betrachter weitgehend unabhängige Form beschreibt (und nur unter dieser Prämisse den Anspruch der Disziplin auf den Status einer strengen Wissenschaft einlösen kann) auch eine Hermeneutik bzw. Didaktik des Lesens, die sich dem Problem des Wahrheitswertes der Literatur stellt. Fragen des Verstehens als Reflexion auf die Existenz der Literatur im Sozialen können nicht ausgeklammert werden.136
De Man geht es allerdings weniger um die auch kaum bestrittene Berechtigung beider Perspektiven als um die Klärung des Verhältnisses zwischen ihnen. Eine Antwort fällt schwer, ist vielleicht unmöglich - und doch hat man die Erkenntnis und die Didaktik der Literatur seit alters her als miteinander verbunden gedacht. Gerade auch die Karriere des interpretierenden Kommentars im 19.Jahrhundert ist maßgeblich von den Anforderungen des Schulunterrichts getragen worden.137 Die Pädagogik ist Teil des disziplinären Selbstverständnisses und über lange Zeit hinweg vom Fach selbst nicht zu trennen: "die Philologie (ist) ihrem Ursprunge nach und zu allen Zeiten zugleich Pädagogik gewesen".138 An der hier vom Philologen Friedrich Nietzsche formulierten pädagogischen Grundverpflichtung hält de Man mit auffallender Bestimmtheit fest: "scholarship has, in principle, to be eminently teachable".139 Aber die einschränkende Formulierung läßt bereits anklingen, daß diese Tradition nicht mehr selbstverständlich ist. Das Problem ist dabei nicht nur eines der Epistemologie. Es ist vor allem die Praxis des Literaturunterrichts, die scheinbar Selbstverständliches zum Problem hat werden lassen.140 Erfolg im Unterricht ist, wie die Geschichte des Deutschunterrichts einschließlich der universitären Didaktik der Literatur nur zu gut beweist, nicht einfach Resultat einer 'richtigen' Methode. Ob die didaktische Stärke einer Methode sich der Genauigkeit und Stringenz der Theorie und der durch sie gewonnen Erkenntnis der Literatur verdankt oder aber umgekehrt eine Art Kompensation darstellt für theoretische Mängel und Zwänge, ist für de Man ungeklärt.141
De Man selbst argumentiert vom Gegenstand, d.h. von der immanenten Erkenntnis der Literatur aus. Nur eine Theorie der Literatur, die dem Gegenstand gerecht wird, kann auch in der Frage der Pädagogik bestehen:
"a theory that is true to its object lends itself better, in the long run, to being taught than one that is not".142
Hier klingt die neuhumanistische Bildungstradition an. Nach ihrem Anspruch sollen Wissenschaft und Bildung in einer mit der Autorität der Wissenschaft legitimierten und als 'Einsicht' didaktisch konzipierten Erkenntnis des Gegenstands zusammenkommen. Ein pädagogisches Konzept, das sich nicht nur absetzt von der alten Zielvorstellung der rhetorischen Eloquenz als Qualifikation für eine stratifikatorisch gegliederte Gesellschaft, sondern auch, und allein diese zweite Distanz interessiert hier, von der Verwertbarkeit des Lesens und Schreibens als Techniken der Arbeitswelt.143
Auch der dekonstruktive Begriff von Bildung - de Man benutzt den schlichten Begriff des "teaching" - steht in einer für seine Geltung essentiellen Distanz zu Fragen einer allgemeinen Verwertbarkeit. Bezugspunkt für die Distanz kann aber nach dem, was bisher gesagt wurde, nicht mehr ein emphatischer, idealistisch-spekulativer Begriff von Individualität sein. Ihrer Begründung nach ist Bildung hier keine Funktion der in den Begriffen von Moral und Natur behaupteten Perfektibilität des Menschen. Das heißt jedoch nicht, daß es all das für de Man gar nicht gibt, nur:
"what is at stake is not the existence of an ethical, psychological, or theological discourse but their authority in terms of truth and falsehood".144 Daher führt de Man die eigentliche Debatte mit der traditionellen Bildungssemantik auch nicht auf dem Gebiet der Bildungsphilosophie, sondern, entsprechend der behaupteten Zentralstellung des Lesens, über die Frage nach den technischen Verfahren, genauer:
über die Vereinbarkeit von technischen Verfahren und behaupteten Bildungsgehalten. Die technische Seite einer literarischen Bildung kann sich nun nicht mehr in einer einfachen Aneignung der apodiktisch behaupteten Bildungswerte der (griechischen) Antike, der Weimarer Klassik oder schließlich eines Kanons der Weltliteratur erschöpfen. Denn die Behauptung von der "unmittelbaren Sagkraft" (Gadamer) des klassischen Texts ignoriert das Wissen der Poetik von der Epistemologie der literarischen Sprache und das heißt hier:
sie unterschlägt den Eigensinn des immer schon in die Aporien der textuellen Bedeutungsproduktion verstrickten Lesens. Das gilt auch dann, wenn man, wie von den Leseexperten und Bildungsphilosophen gegen Ende des 18.Jahrhunderts erstmals getan, das Lesen am Modell der (philosophischen) Einsicht - und nicht mehr an dem der (rhetorischen) imitatio - ausrichtet.145 Die Lektüre wird (zumindest in der verflachenden Tradition dieser Lesedidaktik) ganz vom pädagogisch wertvollen Gegenstand her gedacht und erscheint daher 'nur' als Vermittlung von Bildungsgehalten, deren Geltung von den im Bezug auf das Humanum ausgebildeten (Geistes-)Wissenschaften abhängt.146 Ein erfolgreiches Lesen wäre nach dieser wohl noch immer verbreitetsten Vorstellung ein Lesen, das sich im bloßen Vollzug eines Transfers von Bildungsschätzen als eigenständige Größe überflüssig macht.
Ein solcher Wissenstransfer ist schwerlich mit der dekonstruktiven Bestimmung der Literatur vereinbar. Gerade die strenge epistemologische Befragung erbrachte als Ergebnis doch nur die Einsicht, daß das Wissen der Literatur nur ein Nicht-Wissen-Können ist. Wenn aber der Status der Literatur ein problematischer bleibt, dann kann es auch keinen sicheren Übergang von einer wissenschaftlich legitimierten Wahrheit der Literatur zur Pädagogik geben:
Der Literatur läßt sich kein stabiler Bildungswert als Voraussetzung für ihre Didaktisierung als Kulturgut zuschreiben.
Diese Kritik spitzt das Problem zu. Denn der Verweis auf die aporetische Epistemologie der literarischen Sprache bringt de Man nicht nur in eine Opposition zur Tradition des Neuhumanismus, sondern auch in einen entschiedenen Gegensatz zur Ästhetik als der wissensgeschichtlichen Antwort auf diese Frage nach einer mit der Erkenntnis der Literatur vereinbaren Didaktik:
Mit Alexander G. Baumgartens Aesthetica tritt eine erkenntnislogische Disziplin ("gnoseologia inferior") auf den Plan, deren erklärtes strategisches Ziel es ist, den in der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts aufklaffenden Gegensatz von Kunst und Philosophie zu überbrücken. Die Ausdifferenzierung eines von Moral wie Logik unabhängigen Systems Kunst wird begleitet von einer 'vermittelnden' Instanz, eben der Ästhetik, welche die Wahrheit der Kunst mit der Philosophie versöhnen soll.147
Aber eine Verbindung von Theorie und Pädagogik, von Poetik und Hermeneutik, die auf der Übersetzung der Literatur in Termini der Philosophie, Moral oder einer idealen Geschichte beruht, und so auch das Skandalon des uneindeutigen Texts kontrolliert, ist mit der negativen Epistemologie des Literarischen unvereinbar. Umgekehrt wird die Kritik an dieser "ideology of the aesthetic" zum zentralen Motiv des de Manschen Werks.148
Zugleich beweist de Mans prinzipielle Kritik Realitätssinn. Das traditionelle Selbstverständnis der Philologie, Einheit (der Differenz) von Wissenschaft und Pädagogik zu sein, wird - soweit eine vorrangig systematisch oder historisch orientierte Forschung überhaupt noch an ihm festhalten will - brüchig. Eine doppelte Kritik stellt die Basis der überkommenen Bildungssemantik in Frage:
Einerseits wächst der Einfluß einer radikalen Metaphysikkritik am Gedanken eines idealen Subjekts oder an der Vorstellung von der aufklärenden Kraft des Wissens bzw. der Wissenschaft. Und andererseits ist der Zugriff von Technik und Arbeitswelt auf Belange der Erziehung stärker geworden. Angesichts der sich wandelnden kulturellen und sozialen Identität läßt sich die traditionelle Semantik literarischer Bildung, die den für das Fach essentiellen Anschluß an das Erziehungssystem lange Zeit sichern konnte, weder einfach nur in der Haltung des trotzig-melancholischen Dennoch wiederholen, noch ist eine neue 'große Theorie' in Sicht, die die schwindende Legitimität und Emphase wieder auffrischen könnte.
De Man sucht einen anderen Weg. Seine Argumentation geht dabei einmal in Richtung auf den keineswegs unbekannten Topos von der Literatur als einem subversiven 'Gegentext' zur sozial normierten Sprache. Eine zweite Argumentationslinie zielt auf den Status thematischer bzw. moralischer Aussagen im Akt des Lesens.
Als Ausgangspunkt gesetzt wird ein Widerspruch. Literarische Bildung soll einerseits ein wesentlich kognitiver Prozess sein. Da aber auch das strengste logisch-analytische Denken nur einen der logischen Begrifflichkeit unzugänglichen Begriff von Literatur angeben kann,149 muß andererseits auch gelten, daß eine werkgetreue Lektüre gerade nicht zu einem stabilen und kohärenten Wissen führt. In einer für de Mans Unternehmen eigentümlichen Wendung soll nun aus diesem Konflikt von Erkenntnisanspruch und unausweichlicher Enttäuschung eine pädagogische Wirkung ausgehen:
Denn genau in jener eigentümlichen Unzulänglichkeit einer Theorie, die eben gerade nicht alle Entscheidungen logisch begründen kann, sondern in ihrer aporetischen Theoriearchitektur notwendigerweise auf ein Moment von Pragmatik angewiesen ist - Stanley Fish spricht von der Notwendigkeit einer "theory, that didn't work" 150 - , liegt nach de Man eine subversive Kraft und damit auch eine potentiell pädagogische Qualität. Diese Schwäche der Theorie verhindere nämlich, wissensstrategisch gewendet, eine nach den mißglückten Erfahrungen des Literaturunterrichts verdächtige Gleichnamigkeit eines Wissens von der Literatur mit dem anderer Disziplinen. Eine solche Theorie der Literatur, so de Man, "contains a necessarily pragmatic moment that certainly weakens it as theory but that adds a subversive element of unpredictability and makes it something of a wild card in the serious game of the theoretical disciplines".151
Eine von hier aus gedachte Didaktik der Literatur vermittelt keine normativen Gehalte. Ihr geht es vielmehr um die Entfaltung dieses der Literatur eigenen subversiven oder kritischen Potentials. Gegenstand wäre demnach nicht ein positives Wissen oder ein moralischer Wert, sondern der theoriegeleitete, gemessen an der Logik des Literarischen, richtige Umgang mit dem Text 152 - der dann auch eine andere und möglicherweise produktive Aneignung der (großen) literarischen Tradition erlaubt.153 Ein angemessener Textumgang aber meint vor allem die Technik einer negativen Lektüre, in der jene der Literatur eigentümliche "actively negative relationship" zu den Bedeutung produzierenden Disziplinen der Logik und Grammatik ausgespielt wird. Anders gesagt:
in einer solchen Lektüre unterminiert die Literatur als Funktion des aporetischen Selbstbezugs der Sprache die Unterscheidungskraft kategorialer Modelle und damit zugleich, da keine positive Bedeutung ohne sie behauptet werden kann, jeden sprachlichen Geltungsanspruch. Das scheint in der Argumentation konsequent, aber gleichwohl stellt sich die Frage, wieweit ein vor allem technisches Verfahren, das alle autoritativen Sinnansprüche abweisen soll, den behaupteten didaktischen Anspruch einlösen kann. Zunächst einmal heißt das nur, daß eine solche Lektüre in ihrer unbegrenzten negativen Stoßkraft quer steht zur gesamten, also auch der humanistisch-aufklärerischen Tradition einer wertorientierten Literaturdidaktik. Kann aber eine auf das Eigenleben der Sprache beschränkte Lektüre, die die Instanz des personalen Lesers nur (noch) als eine Art Durchgangsstadium für anonyme Textprozesse führt bzw. auf Fragen der Bedeutung nur negativ bezogen ist, überhaupt noch eine Parteilichkeit (eingerechnet einer der Wissenschaft oder dem Wissen der Literatur selbst eigenen Ethik) ausweisen?
Hat man es hier, wie oft behauptet, doch mit einer 'nihilistischen', oder, weniger dramatisch formuliert, vorrangig wissenschaftlich-abstrakten, d.h. zur moralischen Welt beziehungslosen und so letztlich für eine Pädagogik gänzlich ungeeigneten Variante von Literaturwissenschaft zu tun?
Richtig ist, daß sich bei de Man kaum eine explizite Wendung zu Themen der Politik oder Moral findet. Gleichwohl aber soll diese Dimension im Kalkül des de Manschen Werks liegen.154 Basis dafür ist eine in den Begriffen der Linguistik bzw. Rhetorik konzipierte Sicht der sozialen Realität. Der Philologe thematisiert Politik eben nur als Reflexion auf die "textual complexities that lead up to it".155 Das alltagsweltlich gewendete Wissen als Pendant zu dieser linguistischen Einsicht kann dann beim Leser nur eine grundsätzliche Skepsis sein gegenüber den in der sozialen Realität behaupteten Geltungsansprüchen. Es gibt keine Instanz, die diesem sprachlich unstabilen Weltverhältnis enthoben ist. Das Leben sei in der Gesellschaft, so de Man in einer kurzen Einlassung, durch Lektüren von einer stets nur brüchigen epistemologischen Validität bestimmt:
"The innumerable writings that dominate our lives are made intelligible by a preordained agreement as to their referential authority; this agreement however is merely contractual, never constitutive. It can be broken at all times and every piece of writing can be questioned as to its rhetorical mode".156
Ob zum Besseren oder Schlechteren überläßt de Man weitgehend dem Leser; allerdings ist nicht zu übersehen, daß das Aufbrechen der Geltungsansprüche durchaus mit Emphase formuliert wird.157
Eine dekonstruktive Pädagogik der Literatur ist so gesehen eine wesentlich sinnkritische Literaturdidaktik, ohne aber ihrerseits eine positive Position auszuweisen. Wenn es überhaupt ein Äquivalent zur alten Vorstellung von einem Bildungsgehalt gibt, dann ist es der die Literatur als solche kennzeichnende Beweis für die Unbeweisbarkeit sprachlicher Geltungsansprüche. An die Stelle des politisch-moralischen Diskurses ist die Epistemologie der Sprache getreten:
"What we call ideology is precicely the confusion of linguistic with natural reality, of reference with phenomenalism. It follows that, more than any other mode of inquiry, including economics, the linguistics of literariness is a powerful and indispensable tool in the unmasking of ideological aberrations, as well as a determining factor in accounting for their occurence".158
Die auf die Epistemologie der Sprache - und das meint hier zunächst den Nachweis von der Unvereinbarkeit von sprachlicher und außersprachlicher Realität - gegründete Ideologiekritik ist dabei unausweichlich und notwendig, selbst dann, wenn man, wie auch de Man zugesteht, das Wissen über die Sprache für nicht ausreichend hält. Sprache ist, da wir in ihr leben, eine unvermeidliche Verpflichtung, eine "didactic assignment that no human being can bypass".159
Ein vorläufiges Fazit bietet sich an. Die Literatur wäre demnach aus der Debatte um die Frage, welche Werte die Literatur vermitteln soll und welche nicht, herausgenommen. Ihr Verhältnis zum moralischen Diskurs ist jedoch mit einer in der Logik der Sprache gegründeten Ideologiekritik nur unzureichend geklärt. Das gilt auch dann, wenn man Barbara Johnson zustimmt und hier (mit Rekurs auf den gleichfalls vorgeblichen außermoralischen Gestus Nietzsches) die für eine jede Didaktik der literarischen Bildung notwendige ethische Dimension zu finden hofft:
"the critiquing of value systems is itself a valuable activity".160 Eine vorrangig aus einer linguistischen Perspektive beschriebene Literatur mag über die sinnkritische Ausrichtung selbst wiederum Sinn generieren. Doch wie will man dann dem Einwand entgehen, daß jene ideologiekritische Kraft der literarischen Sprache letztlich nur um den Preis einer idealistischen Überhöhung der Literatur zu haben ist?
Literatur erscheint hier als eine unmittelbar der Sprache unterworfene Größe:
das macht sie frei gegenüber allen 'ideologischen', d.h. referentiellen Sinnansprüchen. Mit dieser "poetische(n) Befreiung vom Diskurs" 161 jedoch könnte die Verteidigung der Literatur in einem Rückfall in die eben noch kritisierte Sinnfülle enden:
Literatur wäre dann selbst der Maßstab aller Kritik. Aus einer solchen Überschätzung der Literatur ließe sich auch die Unzahl der dekonstruktiven Interpretationen erklären, die an den amerikanischen Universitäten bzw. in dem dort organisierten Literaturunterricht geschrieben werden - und die oft stellvertretend für den außergewöhnlichen Erfolg de Mans gelten. Ein großer, vielleicht sogar der größte Teil all dieser Interpretationen gebraucht jedoch die Theorie der Dekonstruktion nur als 'Thema'.162 Ähnlich wie etwa im Fall der marxistischen Theorie dient sie vielfach als Grundlage für eine allegorisierende Lesart, in der die theoriegeladenen Grundbegriffe über ein dekonstruktives Lektüreverfahren zu inhaltlichen Aussagen über die Welt bzw. das zu interpretierende Werk umgedeutet werden. Die epistemologische Negativität der Sprache wird so zur existenziellen Aussage; die Erkenntnis der Literatur wird anthropologisiert.163163
Aber ein derart alltagsweltlich bedeutsames Wissen, das nur um den Preis einer Entscheidung für die Hermeneutik und ihrer Frage nach der Bedeutung des Werks erreicht wird, widerspricht den Intentionen de Mans. Diese weitverbreitete, gar schon institutionalisierte Praxis einer solchen thematischen Interpretation unterläuft die linguistisch fomulierte Universalität der Ideologiekritik, indem sie das Wissen der Dekonstruktion von der Literatur in den allgemeinen Zusammenhang des Wissens stellt. Eine Theorie und Praxis der Lektüre die sich selbst als Ausnahme von der Regel des - allein möglichen - negativen Wissens setzt, kollidiert mit de Mans Anspruch auf eine wissenschaftlich legitimierte Didaktik der Literatur.164
Nun sind aber in der philologischen Dekonstruktion thematische, d.h. mit konkreten Referenzen auf die nicht-sprachliche Welt aufgefüllte Lektüren weder illegitim noch unerwünscht. Allerdings sind diese Aussagen über die moralische Welt kein Ausdruck eines angeblich dem literarischen Werk eigentümlichen Gehalts noch realisiert sich in ihnen ein dem Leser wesenseigener anthropologischer Sinnbedarf. Notwendiger Teil einer jeden Lektüre sind sie schon allein deshalb, so de Man, weil sie im aporetischen Gesetz der literarischen Sprache begründet sind:
"The ethical category is imperative ... to the extent that it is linguistic and not subjective".165 Die ethische Dimension - de Man spricht auch von einem ethischen Ton oder gar von "ethicity" - ist eine Konsequenz der eigentlich unmöglichen textuellen Leseanweisung, die mit gleicher Unbedingtheit eine figurale und eine wörtliche, d.h. auf die moralische Welt sich beziehende Lektüre verlangt. Wissenschaftliche, in der Differenz von wahr und unwahr gehaltene Kriterien behaupten trotz des kognitiven Anspruchs der dekonstruktiven Lektüre weder eine epistemologische Überlegenheit noch einen gegenüber einer thematischen oder in diesem Sinne moralischen Lektüre durchsetzbaren Exklusivitätsanspruch. Moralische Aussagen sind unvermeidbar, und zwar auch dann, wenn das allgemeine Wissen von der Literarizität der Sprache den immer schon möglichen Nachweis ihrer epistemologischen Unzuverlässigkeit führt.
Auch für de Man lassen sich die Kategorien oder binären Steuercodes von Wissenschaft und Moral nicht mehr aufeinander abbilden oder gar miteinander versöhnen. Daraus folgt für ihn jedoch nicht, daß die Erkenntnis der Literatur diesem historischen Ausdifferenzierungsprozess nur mit einem Entweder-Oder gerecht werden kann. Das disziplinäre Wissen der Philologie geht weder auf in einer wissenschaftlichen Theorie des Texts noch kann es begrenzt werden auf eine an moralischen Fragen ausgerichtete Hermeneutik des literarischen Werks. In der dekonstruktiven Lektüre haben beide Wahrnehmungsweisen einen gleich starken Geltungsanspruch:
"For de Man the categories of truth and falsehood can never be reconciled with the categories of right and wrong, and yet they are values, in the sense of making an unconditional demand for their preservation".166
Die Aporie der literarischen Sprache erweist sich hier als eine zwar logisch nicht schlüssige, aber gleichwohl bindende Klammer für getrennte, je eigenen Funktionsmaximen unterworfene Teilsysteme. Diese paradoxe Verklammerung realisiert sich dann auch weniger in einer programmatischen Theorie als in der dekonstruktiven Lesedidaktik:
Eine derart doppelt perspektivierte Erkenntnis der Literatur muß, soll sie die ihr von de Man zugedachten ethischen Implikationen entfalten, in der im Vollzug ihres Verfahrens Sinn zugleich generierenden wie destruierenden Lektüre praktiziert werden.167
Der infinite Wechsel von Konstruktion und Destruktion macht in einem solchen Lektüreprozeß einen abschließenden Sinn unmöglich. Und doch berührt diese Art der Lektüre die für einen Leser bedeutsamen Überzeugungen und Orientierungen. Im steten Wechsel von referentialisierender und figuraler Textwahrnehmung wird die Erfahrung von der Kontingenz der moralischen Welt unabweisbar, ohne daß sie durch einen Verweis auf eine angeblich überlegene 'poetische Realität' relativiert werden kann:
die Lektüre erzeugt beim Leser ein ironisches Wissen, ja sie verlangt in ihrem Vollzug geradezu eine "Haltung der ontologischen Ironie" gegenüber allen metaphysischen Geltungsansprüchen der moralischen Welt.168 Die Unterscheidung von figuraler und wörtlicher Lesart steht hier demnach nicht für zwei Arten der Bedeutung oder Interpretation. Ihren didaktischen Wert hat sie in der Unterscheidung von anerkannten und neuen Auslegungen. Sie unterbricht vertraute Weltdeutungen, verlangt neue Beschreibungen der moralischen Welt und zwar - aufgrund der problematischen Grund-Differenz von figuraler und wörtlicher Sprache - potentiell an jedem Punkt einer Lektüre. Richard Rorty, auf den Spuren einer dekonstruktiven Gegenwartsdiagnose, feiert dann auch den dekonstruktiven Textumgang als Inbegriff einer "post-metaphysische(n) Kultur".169 De Man, weitaus nüchterner, ja skeptischer, betont dagegen die Grenzen eines ironischen Wissens. Zwar kritisiert die Ironie den falschen Schein einer Analogie oder gar Repräsentation, in der Sprache und Realität zusammenfallen sollen. Aber der dekonstruktive Leser ist als Ironiker gespalten "into an empirical self that exists in a state of inauthenticity and a self that exists only in the form of a language that asserts the knowledge of this inauthenticity".170 Ein Ausgang aus dieser Figur in Richtung auf eine authentische Erkenntnis ist unmöglich: das ironische Wissen, trotz seiner Einsicht in die Unzuverlässigkeit der Sprache, bleibt, sobald es sich der moralischen Welt stellt, "totally vulnerable to renewed blindness".171
VII.
Auch und gerade eine Theorie der Literatur, die das Problem einer Didaktik der Literatur akzeptiert, sich sogar in die Tradition der Ideologiekritik stellt, gerät in den Sog einer hypertrophen Selbstdarstellung. Davor warnen etwa jene Stimmen, die de Mans Arbeit als 'negative Theologie' charakterisieren. Wieweit de Man auf seine Kritiker gehört hat, sei dahingestellt. Immerhin lassen sich zwei Vorkehrungen gegen die Gefahr, die eigene Theorie als "master theory" inthronisieren zu müssen, erkennen:
Zum einen ist dies, wie gezeigt, die Verlagerung des Referenzpunktes der Ideologiekritik in die Negativität einer Sprachtheorie. De Mans zweite Rückversicherung, jetzt eher eine Erkenntismoral als eine logisch zwingende Lösung, ist die bewußte Anlehnung an das überkommene Ethos des Philologen. Denn nicht die Philosophie oder eine 'szientifische' Theorie, sondern der literarische Text selbst soll die entscheidende Autorität besitzen:
"my starting point ... is not philosophical but basically philological and for that reason didactical, textoriented. Therefore I have a tendency to put upon texts an inherent authority".172
An dieser Stelle durchqueren sich das Ethos des praktischen Philologen, der sich ganz dem großen Werk verplichtet und das strenge Denken des Theoretikers, der den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit forciert. Praxis und Theorie kommen im selbstironischen Gestus eines Theoretikers der Philologie zusammen:
Autorität hat der literarische Text, nicht die Theorie - oder doch nicht?
:
"I assume as a working hypothesis (as a working hypothesis, because I know better than that), that the text knows in an absolute way what it's doing".173
De Man läßt hier die Frage nach der Validität seiner Arbeit als einer philologischen, d.h. von der 'immanenten' Erkenntnis der Literatur her gedachten Theorie in der Figur der Ironie verschwinden - und überläßt sie so dem Leser, genauer:
der Fachgemeinschaft. Denn selbstredend hängt die Einschätzung einer Theorie auch vom Stand der fachinternen Diskussion ab und das meint im Fall der Philologie stets auch eine weit zurückreichende (gelehrte) Tradition. Eine Theorie wäre dann auch danach zu bemessen, ob es ihr gelingt, an die facheigenen, für die disziplinäre Identität essentiellen Problembezüge des Gegenstands anzuknüpfen. Aus dieser wissenschaftshistorischen wie systematischen Perspektive wird deutlich, daß de Mans negative Epistemologie des Literarischen ihren eigentlichen Bewährungspunkt in einem - zumal für die Theoriediskussion in der Germanistik - erstaunlich traditionellen, weil nicht zuletzt emphatischen Objektverständnis von Literatur hat:
De Mans Theorie versucht, ihm unter geänderten epistemologischen und politischen Vorzeichen eine neue, mit den aktuellen Diskussionen in den nach-saussureschen Geisteswissenschaften vereinbare Begründung zu geben.
Wissenschaftskritisch gesehen leistet eine solche Theorie einerseits einen Beitrag zur notwendigen Entsubstantialisierung der Philologie, ohne dabei andererseits die disziplinäre Tradition im Namen von etwas, was man statt dessen machen könnte, zu denunzieren. Die unsichere Disziplinarität der Literaturwissenschaft soll, so die umgekehrte Strategie, durch einen epistemologischen Rückbezug auf die Tradition des philologischen Kommentars abgesichert werden. Unstreitig ist dabei aber auch, daß diese Form der philologischen Selbstkritik nicht die Radikalität einer konsequenten Systematisierung oder Historisierung der Disziplin bzw. des Wissens von der Literatur erreicht. Ein nur relativer Mangel, wenn die Theorie der Philologie, wie von de Man getan, an der Aufgabe einer Verteidigung der Literatur gemessen wird. Anders und kürzer gesagt:
Kriterium für die Stärke der Theorie ist nicht zuletzt die Frage, ob es ihr gelingt, literarische Kommunikation vom Geruch des Anachronismus zu befreien.174
Dem Kommentar bleibt nach dieser kritischen Überprüfung seine Funktion. Er ist auch in der dekonstruktiven Reformulierung der notwendige philologische Widerpart für einen emphatischen Begriff von Literatur, wie er sich in der philologischen Praxis in den Topoi von der Autorität des Texts und der Vorstellung von einer einzigartigen literarischen Bildung (einschließlich eines gesellschaftskritischen Begriffs von der 'Wahrheit' der Literatur) entfaltet. De Mans Definition des Literarischen sichert dem Kommentar aber keineswegs schon die Einsicht in das Erkenntnisobjekt 'Literatur'. "Mit Logik das Problem stellen, aber nicht lösen können" 175 - das gilt auch für den 'Sthenographen' de Man. Sein in der Genauigkeit radikales Denken treibt den interpretatorischen Kommentar in die Paradoxie. Auch wenn eine Lesart noch so genau und kompetent verfährt, dann zeigt sie sich gleichzeitig doch auch als gänzlich unwissend, da es, wie von de Man vorgeführt, keine sichere Unterscheidung zwischen figuraler und wörtlicher Lesart gibt. "Die Paradoxie konfrontiert den Beobachter mit einer unendlichen Information über ein Phänomen, in dem sie sich einnistet. Der Beobachter erfährt alles über das Phänomen und zugleich nichts".176 Die Erkennbarkeit der Literatur hat hier eine entschiedene Grenze. Andererseits aber heißt dies nicht, daß der Kommentar angesichts zweier gleich-berechtigter Lesarten nur gelähmt stehen bleiben muß, das Werk schlicht als unerreichbar ausgibt oder gleich einem 'Irrationalismus' verfällt. Umgekehrt ließe sich argumentieren, daß die aporetische Form des Kommentarproblems sich in der in Wissenschaft und Pädagogik institutionalisierten Kommunikation über Literatur als besonders produktiv erweist.
Die Differenz zwischen figuraler und wörtlicher (bzw. metonymischer und metaphorischer) Lesart fungiert als Kriterium für die Annahme oder Ablehnung eines Kommentars:
Die literarische Kommunikation bleibt lebendig, prozessiert weiter, weil sowohl eine sterile Dogmatik sich nur wiederholender als auch eine in ihrer Offenheit schon beliebige, also an keinen vorausgehenden bzw. nachfolgenden Kommentar anschließende Lektüre ausgeschlossen ist. Ein dekonstruktiver Leser kann sich auf die traditionelle Vorstellung von der besonderen Bedeutung eines literarischen Texts einlassen, kann ihn als ein Werk akzeptieren, weil er zugleich auch weiß, daß er den Gedanken von der Verstehbarkeit eines (geschlossenen, einzigartigen, sinnvollen usw.) Texts begründet ablehnen kann.177
Der Kommentar als traditionelle Form des Wissens von der Literatur überlebt demnach auch ohne den Gedanken von einem 'tieferen' Gehalt der Literatur. Möglich ist das jedoch nur, weil die traditionelle Festlegung des Kommentars auf die Interpretation reformuliert wird. Der dekonstruktive Kommentar steht, wie gezeigt, im Schnittpunkt zweier grundlegender Umgangsweisen mit dem Text. Die dekonstruktive Lektüre ist als eine "critical-linguistic analysis", 178 die sich mit den allgemeinen Gesetzen der literarischen Sprache befaßt, eine Technik der Formalisierung. Nicht der Exegese, sondern der Regularität der Sprache noch vor jedem konkreten Bezug auf eine nicht-sprachliche Welt gilt ihr Interesse. Der dekonstruktive Kommentar ist so mit der Interpretation verbunden wie von ihr geschieden.
Wenn Dekonstruktion das ist, was der literarische Text selbst vollzieht, dann ist die dekonstruktive Lektüre Interpretation, weil sie das wiederholt, was im Text ist. Aber das, was sie als ihr Ergebnis ausweisen kann, ist nur negativ auf mögliche Bedeutungen bezogen, also weit entfernt davon, einen Sinn als Gehalt des Werks zu behaupten. Ihr Ergebnis ist daher 'nur' die formalisierte Beschreibung der Mechanik des Texts, seine in der rhetorischen Organisation begründete Unstetigkeit. Die aporetische Rhetorizität des literarischen Texts, die sich nur zeigt, wenn man den Text nach seiner Bedeutung fragt, läßt die Lektüre zur formalen Analyse der Sprache selbst werden, ohne daß eine solche Formalisierung ihrerseits als die gesuchte Bedeutung namhaft gemacht werden könnte. Formalisierung und Interpretation wären dann, wie Michel Foucault in einer verblüffend exakten Beschreibung eines bis dahin vielleicht nur im Werk Nietzsches zu findenden dekonstruktiven Kommentars ausführt, "zwei korrelative Techniken", zwischen denen es keine "einfache Wahl" gibt, nach der die Philologie sich entscheiden könnte "zwischen der Vergangenheit, die an den Sinn glaubte, und der Gegenwart (der Zukunft) ..., die den Signifikanten entdeckt hat".179 Eine Auflösung dieser Zwiespältigkeit nach der einen oder anderen Seite ist nur mit dem Verlust des einmal erreichten Problembewußtseins über die Aufgabe des Textverstehens zu erkaufen.
Eine Theorie, die zugleich Wissenschaft und Verteidigung der Literatur ist, die ihr Verfahren zwischen dem der Interpretation des Werkes und der linguistischen Analyse der Sprache oszillieren läßt, kann jedoch in Fragen ihres Erfolgs in der Fachgemeinschaft sich nicht sicher sein. Ihre Doppelgestalt irritiert, da sie quer zu den im Fach verteilten Arbeitsfeldern und Kompetenzen steht. Die dekonstruktive Philologie mischt über kreuz:
sie insistiert sowohl auf der Notwendigkeit wissenschaftlicher Abstraktion wie auf der Emphase für die Literatur - und unterläuft so die Trennung von Text und Werk wie die Polemik zwischen Theorie und Praxis. Sie mißt sich an der Tradition einer immanenten, gemeinhin wertkonservativen Philologie und arbeitet dennoch zugleich an einer sprachtheoretischen Ideologiekritik als Basis literarischer Bildung. Die Schwierigkeit mit der Dekonstruktion ist so auch die Schwierigkeit, die das Fach mit der eigenen Tradition hat.
1 Michel Foucault, Ordnung der Dinge (1966/1978), S. 365.
2 Fundstelle:
Johan Figl, "Hermeneutische Voraussetzungen der philologischen Kritik. Zur wissenschaftsphilosophischen Grundproblematik im Denken des jungen Nietzsche", Nietzsche Studien 1983, S. 111-128; hier S. 113, Anmerkung 10.
3 Hans Ulrich Gumbrecht, "Über allen Wipfeln ist Ruh. Literaturwissenschaft jenseits der Literatur", FAZ, 20.Juli 1988, S. 29.
4 Die Größe des Erfolgs spiegelt sich bereits in den frühen Versuchen, schon die Geschichte dieser Theorie zu schreiben. Vgl. Frank Lentricchia, After the New Critics (1980) oder Rhetoric and Form. Deconstruction at Yale, hrsg. C. Davis und R. Schleifer (1985). Wer einen Anfang sucht, könnte im Jahr 1966 fündig werden:
an der Johns Hopkins University fand das Symposion:
"#the Impact of Contemporary `structuralist' thought on critical methods in humanistic and social studies statt". Zu den Teilnehmern gehörten Roland Barthes, Tzetan Todorov und Jacques Lacan - aber auch die damals kaum bekannten Jacques Derrida und Paul de Man.
5 Ausgelöst wurde diese Debatte in der Bundesrepublik - übrigens fast zeitgleich mit der Auslieferung des ersten Aufsatzbandes auf dem deutschen Markt - von Frank Schirrmacher in der FAZ vom 10.2.1988:
"Der Fall de Man. Totgeschwiegene Schuld", S. 31f. Die fraglichen Texte de Mans einschließlich der Reaktionen seiner Schüler und Freunde wurden kürzlich veröffentlicht:
Wartime Journalism, 1939-1943 by Paul de Man und:
Responses. On Paul de Man`s Wartime Journalism, jeweils herausgegeben von Werner Hamacher, Neil Hertz und Tom Keenan (1988 und 1989).
6 Eine nicht nur polemische Kritik am dekonstruktiven Lektüremodell kommt von M.H. Abrams:
"What we lose is access to the inexhaustible variety of literature as determinably meaningsful text by, for, and about human beings". Abrams, "How to Do Things with Texts", Partisan Review, Jg.46 (1979), S. 566-588; hier S. 588.
7 So der Titel eines bereits Februar 1983 in Amerika gehaltenen Vortrags von H.U.Gumbrecht. Publiziert in:
Diskurstheorien und Literaturwissenschaft, hrsg. Jürgen Fohrmann und Harro Müller (1988), S. 95-114. Ansonsten scheint die philologische Dekonstruktion angesichts der jeweiligen Publikationsorte bislang eher am Rand der Disziplin diskutiert zu werden - vgl. z.B. H. Müller und H.T. Lehmann im Merkur Heft 2/1986 und Heft 6/1988 oder das Themenheft der (erst seit 1986 erscheinenden) Zeitmitschrift über den 'Widerstand gegen das Lesen' vom Mai 1987-Dezember 1988.
8 Paul de Man, Allegories of Reading:
Figural Language in Rousseau, Nietzsche, Rilke and Proust (1979), S. ix; im folgenden zitiert als AR.
9 "Return to Philology", TLS vom 10.Dezember 1982, S.1355f.; hier zitiert nach der Buchausgabe:
The Resistance to Theory. Theory and History of Literature, vol. 33 (1986), S. 24; im folgenden zitiert als RT.
10 Vgl. den Angriff von Douglas Bush aus dem Jahr 1948 gegen den New Criticism:
kritisiert werden die Theorielastigkeit, die Wissenschaftsgläubigkeit sowie eine "avoidance of moral values". Das Vokabular dieser Kritik an der Theorie in der Philologie scheint geradezu zeitlos. Hinweis und Zitat aus:
Gerald Graff, Professing Literature:
An Institutional History (1987), S.248.
11 RT, S. 24.
12 Paul de Man, Blindness and Insight:
Essays in the Rhetoric of Contemporary Criticism (1971), zweite, überarbeitete Auflage mit einer Einführung von Wlad Godzich. Theory and History of Literature, vol. 7 (1983), S. 135; im folgenden zitiert als BI.
13 So im Vorwort zur zweiten Auflage (1983) von Blindness and Insight, S. xi.
14 So der in einer ganz anderen Theorietradition stehende Siegfried J.Schmidt, "Interpretation Today - Introductory Remarks", Poetics 12 (1983), S.71-81, hier S. 71; dreißig Jahre früher fomulierte Alewyn diese Ausrichtung der Literaturwissenschaft auf die Interpretation noch mit Emphase:
"Bei einer systematischen Aufgliederung der Aufgaben der Literaturwissenschaft hat, wie heute auch in weiteren Kreisen bewußt wird, billigerweise die Interpretation des einzelnen Werks voranzustehen". Richard Alewyn, "Aufgaben der deutschen Literaturwissenschaft", in Aufgaben deutscher Forschung, hrsg. L. Brandt, Bd.I, Geisteswissenschaften (1952), S. 181-191; zitiert nach dem (gekürzten) Wiederabdruck in:
Jahrbuch für Internationale Germanistik, Jg II, Heft 1, 1970, S. 115-121, hier S.115.
15 Kurt Wölfel, "Zur aktuellen Problematik der Interpretation literarischer Werke", in Germanistik. Forschungsstand und Perspektiven. Vorträge des Deutschen Germanistentages 1984, hrsg. Georg Stötzel, 2.Teil (1985), S.398-410; hier S. 399.
16 "The Rhetoric of Blindness:
Jacques Derrida's Reading of Rousseau", BI, S. 79-102; hier S. 135; eine stark veränderte, kürzere Fassung dieses Aufsatzes erschien 1977 in Dialectical Anthropology; Jg 2, Heft 1. S.1-18.
17 "Literature and Language:
A Commentary", BI, S.277 - 291, hier S. 289.
18 Als Prämisse soll nämlich gelten, daß das theoretische bzw wissenschaftskritische Interesse dem an den "primary literary texts" untergeordnet bleiben soll. Ob das bereits das Ausweichen in ein primär emphatisches, die begriffliche Anstrengung vernachlässigendes Verständnis der Literatur bedeutet, ist im folgenden zu prüfen.
19 Nur die Hermeneutik weiß sich hier vielleicht zuständig, aber sie bleibt ganz überwiegend an philosophischen - nicht:
philologischen - Problemstellungen orientiert.
20 So auch die Argumentation von Jean Bollack, "Über die Voraussetzung wissenschaftlicher Beschäftigung mit Literatur", Jahrbuch des Wissenschaftskollegs 1982/83, S.47-66; hier S.54.
21 Bollack, S. 47 und 48.
22 Wolfgang Iser ist hier eher eine Ausnahme. Er sieht die epistemologische Gegenwart der anglistischen Philologie als "gleitende Übergänge von Tradition und Innovation". Iser, "Anglistik - Eine Universitätsdisziplin ohne Forschungsparadigma?
", in:
Poetica (1984), S. 276-306, hier S.276.
23 So Henning Ritter, "Wer glaubt noch an den Marxismus?
", FAZ vom 6.9.89, S. N 3.
24 Allerdings auch nur dann, wenn sie nicht sofort in einer blind reproduzierten Opposition von 'konservativ' und 'progressiv' zum Scheitern gebracht werden.
25 Entsprechend umfangreich ist die Liste der Synonyme. Glossae, adnotationes, commentaria oder scholia sind von der Philologhie nicht zu trennen. Eine Differenzierung führt hier allerdings zu weit. Zur Frühgeschichte des literaturktitischen Kommentars erscheint demnächst:
Herbert Jaumann, Von der Arbeit am Kanon zum Journal:
Untersuchungen zur Literaturkritik zwischen Alteuropa und früher Neuzeit, Habilitationsschrift Bielefeld 1988.
26 August Buck, "Einführung", in Der Kommentar in der Renaissance, hrsg. Buck (1975), hier S. 7.
27 Vgl. dazu ausführlich, Rudolf Stichweh, Zur Entstehung des modernen Systems wissenschaftlicher Disziplinen (1984), S.18ff. In dieser konkurrierenden Differenz zweier Wissensformen liegt vielleicht auch der wissenschaftshistorische Ort der Enstehung jener wechselseitigen Polemik von Theorie und Praxis in der Philologie.
28 Foucault, S.118.
29 Auch in der weiteren Geschichte verliert sich dieses Wissen nicht. In der bis heute anhaltenden Historisierung der Disziplin erfüllt es sogar eine zusätzliche Funktion, da der Kommentar jetzt auch den jeweiligen Ort des Werkes in der Geschichte festlegt.
30 Foucault, S. 75.
31 Foucault, S. 77.
32 Foucault, S. 354.
33 Der interpretatorische Kommentar setzt sich allerdings in der universitär organisierten Philologie nur langsam durch. Den Erfolg als Wissenschaft sichert bis über die Mitte des Jahrhunderts hinaus der editorische Textkommentar eines Karl Lachmann. Die Literaturgeschichte dagegen, mit ihrer größeren Nähe zur Interpretation, bleibt lange Zeit auf Öffentlichkeit und Erziehungssystem begrenzt. Nach Klaus Weimar hat sich die Interpretation im Fach selbst erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts durchgesetzt. Vgl. Weimar, Geschichte der deutschen Literaturwissenschaft bis zum Ende des 19.Jahrhunderts (1989), vor allem die Abschnitte S. 148-171 und 347-411 und Holger Dainat/Rainer Kolck, "'Geselliges Arbeiten'. Bedingungen und Strukturen der Kommunikation in den Anfängen der Deutschen Philologie", in Sonderheft der DVjs zur Wissenschaftsgeschichte der Germanistik im 19.Jahrhundert:
Von der gelehrten zur disziplinären Gemeinschaft, hrsg. Jürgen Fohrmann und Wilhelm Voßkamp, 1987, S.7*-42*.
34 Foucaults "Diskursanalyse" will das vertikale Modell der Exegese durch die Beschränkung auf die Positivität der gemachten Aussagen beschränken. Alternativen werden auch im Umkreis der Systemtheorie geprüft. So hält Jürgen Fohrmann am alten Begriff des Kommentars fest, will ihn aber neu konzipieren als ein selbstreferentielles System, das nur noch vorgibt, sich nach einem gegebenen Gegenstand, dem Text selbst, zu richten. Der Kommentar, seine Organisation wie sein Wahrheitsanspruch, ist hier eine Funktion des Wissenschaftssystems. Vgl. dazu Fohrmann, "Der Kommentar als diskursive Einheit der Wissenschaft", in Diskurstheorien und Literaturwissenschaft, S. 244 - 257.
35 BI, S. 102. Original:
Friedrich Nietzsche, "Aus dem Nachlaß der achtziger Jahre", Schlechta Ausgabe Bd. III (1969), S.805.
36 Zwei Prämissen, die er auch mit ganz anders ausgelegten, explizit wissenschaftlich konzipierten Theorieansätzen teilt. Vgl.am ganz anderen Ende des Theoriespekturms den Konstruktivisten Ernst von Glasersfeld, "On the Concept of Interpretation", Poetics 12 (1983), S.207-218; hier:
S.217.
37 P. de Man, "Vorwort" zu:
Carol Jacobs, The Dissimulating Harmony (1978), S. xi.
38 BI, S.109.
39 BI, S. 107. Der oft monierte apodiktische Ton bei de Man kommt auch daher, daß er seinen theoriebautechnischen Grundentscheidungen keinen wissenschaftshistorischen Index gibt. Das gilt gerade auch im Fall dieser für die Dekonstruktion typischen Aufwertung des Lesens zur epistemologischen Zentralperspektive. Der literarische Text ist erst in der 2.Hälfte des 18.Jahrhunderts als Objekt eines lesenden Betrachters 'entstanden'. Davor war er Teil einer gerade nicht in Schreiber (Autoren) und Leser unterscheidenden gelehrten Kommunikation. Vgl. dazu auch Weimar, Geschichte der deutschen Literaturwissenschaft, S.385.
40 BI, S. viii.
41 P.de Man, "Vorwort", S. xi.
42 P.de Man, "Vorwort", S. xi.
43 BI, S. 107.
44 BI, S. 109.
45 BI, S. 107. In der Bundesrepublik dagegen hat eine polemisch oder wissenschaftspolitisch gefärbte Kritik eine mögliche Fortentwicklung der werkimmanenten Methode behindert, wenn nicht unmöglich gemacht. Neues, in seinen Erkenntnischancen höher bewertetes Paradigma wurde die (vor allem historische) Kontextanalyse. Politische Argumente beiseite gelegt, scheint jedoch das Problem einer eigenen Disziplinarität durch die Anlehnung an die Historie weniger gelöst als mit der Erschließung neuer literarhistorischer Arbeitsfelder nur vertagt worden zu sein.
46 BI, S. 107. An gleicher Stelle:
"a literary text ... leads to no transcendental perception, intuition, or knowledge".
47 BI, S. 106f.
48 Ähnlich auch die Position von Murray Krieger, The New Apologists for Poetry (1956), S. 192ff.
49 Im Originalton:
Eine Definition des Literarischen ist die "necessary precondition of any theory" und damit zugleich auch ein wichtiger Beitrag für die Sicherung einer disziplinären Identität:
"#the need for determination thus becomes all the stronger as a way to safeguard a discipline". RT, S. 19.
50 So de Man in der Kritik an der Heideggerschen 'Philologie' im Fall Hölderlin:
"Heidegger's Exegeses of Hölderlin", BI, S. 246-267; hier:
S. 253.
51 BI, S. 109.
52 Die kommentierende Sprache bezeichnet de Man als eine wiederholende Erzählung ("repetetive narration"). Wiederholung meint genau nicht den identischen Nachvollzug, sondern definiert sich erst in der Spannung von Unterschied ("difference") und Ähnlichkeit ("resemblance"). Der Begriff der Erzählung soll dagegen klarstellen, daß sich eine Interpretation nur der "intervention of another language" verdanke, sich also keineswegs von selbst versteht. Vgl. BI, S. 108.
53 Friedrich Schlegel, "Über die Unverständlichkeit", Schriften zur Literatur (1972), hrsg. von Wolfdietrich Rasch (1972), S. 235.
54 BI, S. 106.
55 BI, S. 106.
56 BI, S. 280. Ist für Riffaterre Literatur z.B. statisch und monumental, so behauptet Fish gerade das Gegenteil:
diese Statik des literarischen Texts sei nur eine Illusion; vgl. S. 279.
57 BI, S. 280.
58 De Man spricht von einer "necessarily ambivalent nature of literary language". BI, S.136. Ambivalenz meint ausdrücklich keinen einfachen oder auch dialektischen, d.h. in einer universalen Erkenntnisfigur aufzuhebenden Widerspruch. Behauptet wird eine gleichmögliche und also auch gleichzeitige Widersprüchlichkeit:
"simultaneously positive and negative evaluation". BI, S. 121.
59 Literatur ist schon immer in einer auffälligen Weise un(ter)bestimmt geblieben. Das gilt bereits für die Anfänge, als sich der Begriff als Bezeichnung für eine Textgruppe im letzten Drittel des 18.Jahrhunderts durchsetzt. Was zu dieser Textgruppe gehören soll, hat man 'nur' "pragmatisch und intuitiv festgelegt", oder "sich von Tradition und Gewohnheiten vorgeben lassen", so daß das Ergebnis nur die "Bräuche und Interessen" der Philologen wiederspiegele. Vgl. Klaus Weimar, "Literatur, Literaturgeschichte, Literaturwissenschaft. Zur Geschichte der Bezeichnungen für eine Wissenschaft und ihren Gegenstand", Zur Terminologie der Literaturwissenschaft, hrsg. C. Wagenknecht (1989), S. 9-23, hier S. 18.
60 Für Szondi liegt hier eines "der ältesten Probleme der Hermeneutik überhaupt (zu deren Ursprüngen die theologische Auseinandersetzung um den allegorischen Schriftsinn des Alten Testaments gehört)". Szondi, "Über philologische Erkenntnis", Hölderlin-Studien. Mit einem Traktat über philologische Erkenntnis, 3.Aufl. (1967), S. 9-34, hier S. 16.
61 Zuletzt sehr ausführlich dazu Christoph Bode, Ästhetik der Ambiguität:
zu Funktion und Bedeutung von Mehrdeutigkeit in der Literatur der Moderne (1988); als Fallbeispiel sehr überzeugend ist die Kritik an Michael Titzmanns Strukturaler Textanalyse:
Theorie und Praxis der Interpretation (1988), S. 138ff.
62 Die metaphysische bzw ästhetische Tradition dieses Problems der Vieldeutigkeit hat Bernd Brunemeier für die `Goethezeit' aufgearbeitet. Vgl. Brunemeier,"Die Vieldeutigkeit des Kunstwerks", Lili, Heft 30/31 (1978), S. 71-83 und:
Brunemeier, Vieldeutigkeit und Rätselhaftigkeit (1983), bes. S. 79-106.
63 Literarizität als aporetischer Selbstbezug der Sprache zieht sich durch das gesamte Werk de Mans; vgl. nur die entsprechende Stelle aus den Allegories of Reading S. 125:
"#the deconstruction states the fallacy of reference in a necessarily referential mode".
64 BI, S.136.
65 Szondi, "Über philologische Erkenntnis", S.13.
66 AR, S. 201. Das Lesen enstehe sogar erst aus diesem nicht zu vermeidenden Irrtum ("presumption of reference") heraus:
"#the reader, conditioned by the constant use of referential language rationalizes as if there were a reference". De Man, "Hypogram and Inscription, Michael Riffaterre`s Poetics of Reading", Diacritics 11 (1981), S.17-35, hier S. 23.
67 Im Originalton:
"Die Wahrheit, die ich in Anspruch nehme, hat den Charakter der Evidenz. Die Evidenz kommt dadurch zustande, daß alles mit allem zusammenstimmt". Emil Staiger,"Das Problem der wissenschaftlichen Interpretation von Dichtwerken:
Ein Radiovortrag", Worte und Werte, Festschrift für B. Marquardt (1961), S.355-358; hier S.358.
68 BI, S.136.
69 Vgl. nur in AR, S. 217:
"Texts engender texts as a result of their necessary aberrant semantic structure".
70 P.de Man, "Hypogram and Inscription", S.23 (auch RT, S.36).
71 Was umgekehrt auch die Mitteilbarkeit oder Verständlichkeit des Werk-Kommentars immer schon zum Problem macht.
72 RT, S.10.
73 Gleichfalls ausgeschlagen wird der Weg in eine Spekulation, die das Problem einer wahrheitsfähigen Lektüre durch den Gedanken einer philosophischen Wahrheit, die in der Literatur zum Ausdruck kommen soll, ersetzt.
74 RT, S.11.
75 RT, S.10. Im Medium der Literatur wird demnach, trotz ihres problematischen epistemologischen Status', ein singuläres, eben nur der Literatur eigenes Wissen erfahrbar.
76 BI, S.17.
77 BI, S.111.
78 P.de Man, Critical Writings. 1953-1978, hrsg. L.Waters, Theory and History of Literature, vol. 66 (1989), S. 217.
79 Vgl. BI, S.102ff. Als erste mustergültige Arbeit des dekonstruktiven Typs darf der 1955 verfaßte Aufsatz über Heideggers Hölderlininterpretation gelten. Vgl. BI, S.246ff.;
80Vgl. hierzu Richard Kleins These, daß im Essay über Derrida deutliche Spuren einer begrifflichen Krise auszumachen sind, die eine Modifikation des de Manschen Ansatzes erzwingen. Klein, "The Blindness of Hyperboles", Diacritics 3 (1973), S.41.
81 BI, S.139.
82 Das Wissen, das der reflexive und daher fiktionale Text erzeugt, beschreibt de Man nun zunächst nicht als eine kognitive Selbststeuerung literarischer Sprache, sondern als Wissen von Personen, das in den alltäglichen Sprechakten verdrängt und durch Wunschdenken ersetzt wird:
"All of us know ... that sign and meaning can never coincide ... although we know it in the misleading way of a wishful assertion of the opposite". Vgl. BI, S.17.
83 BI, 17. Allein die Selbstreflexion literarischer Sprache kann auch die sogenannte kratylische Illusion (vgl. u.a. RT, S. 9), es bestehe ein natürlicher Zusammenhang zwischen der materiellen Form der Worte und dem bezeichneten Wesen der Sache, entkräften. Am Kampf gegen diese Illusion hält de Man fest, weil sie das alltägliche Sprachbewußtsein affiziert, ein zentrales Element der ästhetischen Ideologie der Literatur darstellt und den herkömmlichen Begriff der poetischen Funktion prägt.
84 Vgl. BI, S.103.
85 BI, S.140.
86BI, S.140.
87 BI, S.140..
88BI, S.140.
89RT, S.118.
90 RT, S.118.
91 Vgl. AR, S.201.
92Vgl. RT, S.18.
93 Vgl. hierzu de Mans Referat desr traditionellen Verständnisses von Grammatik und Rhetorik. RT, S.15.
94 Hans Blumenberg hat dazu ein einflußreiches Gegenmodell entwickelt, das anhand von Metaphern die lebensweltliche Einbindung und Grundlegung kognitiver Prozesse zu zeigen versucht. Blumenberg, Paradigmen zu einer Metaphorologie (1960), sowie:
Blumenberg, Die Lesbarkeit der Welt (1983).
95 Vgl. u.a. AR, S.151.
96 "It [d.i. Sprache] always refers but never to the right referent". P. de Man, The Rethoric of Romanticism (1984), S. 285; im folgenden zitiert als RR.
97 Vgl. Michael Cahns gleichnamige Studien zur Wissenschaftsgeschichte der Rhetorik (1986).
98 Vgl. R.Jacobson/M.Halle, Die Grundlagen der Sprache (1960). Kritisch zu de Mans Umgang mit der traditionellen Rhetorik äußert sich Brian Vickers, In Defence of Rhetoric (1988), S. 458-468.
99 Vgl.insbesondere die Kap. 5 und 11 den Allegories of Reading.
100 Vgl. AR, S.270.
101 Vgl. AR, S.293.
102 Vgl. AR, S.270.
103 J. Derrida, Husserls Weg in die Geschichte am Leitfaden der Geometrie (1962/1987). "Genesis und Struktur" (1966), in:
Derrida, Die Schrift und die Differenz (1967/72). "Die Form und das Bedeuten", in Derrida, Randgänge (1971/1988). Derrida, Die Stimme und das Phänomen (1967/1979).
104Die in den Husserl-Studien gewonnenen Ergebnisse wurden von Derrida durch die Kritik am Code-Modell des Strukturalismus und an den Kategorien "Intention", "Konventionalität", "Kontext" der Sprechakt-Theorie ergänzt. Eine dekonstruktive Auseinandersetzung mit den harten Brocken der analytischen Philosophie - Quine und Davidson einerseits, Dummett und Putnam andererseits - hat Derrida nicht gesucht.
105 Vgl. J. Derrida, Die Stimme und das Phänomen, S. 103:
"Diese Identität ... ist notwendig eine ideale". Im folgenden zitiert als SP.
106 SP, S.107.
107 SP, S.108.
108 SP, S.160. Der dekonstruktiven Rolle der Zeit für das Problem der Wiederholung eines identisch zu haltenden Zeichens korrespondiert die des Raumes für das Problem des zeichenhaften Ausdrucks (Veräußerlichung) einer angeblich vor-ausdrücklichen inneren Bedeutung. Denn das Zeichen muß, um seine spezifische Bedeutung repräsentieren zu können, sich zuvor von allen übrigen Zeichen durch räumliche Intervallbildung unterschieden haben. Mit diesem Umpolen der Innen/Außen-Relation findet also auch hier die für den ersten Dekonstruktionsschritt typische Verkehrung der Prioritäten statt.
109 SP, S.159. Vgl. auch:
"Die différance", in:
Derrida, Randgänge, S.29ff.
110 Am Beispiel der Schrift erläutert Derrida freilich nicht nur den zeitlichen Verzug, der das wiederholte Zeichen entstellen soll, sondern auch den räumlichen Aspekt der "différance", der den Abstand zu den übrigen potentiell bedeutungstragenden Zeichen betont.
111 SP, S.108.
112SP, S.108.
113 Derrida, Grammatologie (1967/1974), S. 45.
114 Vgl. Derrida, "Guter Wille zur Macht" (I), Text und Interpretation, hrsg. Philippe Forget (1984), S. 58, wo Derrida die Argumentationsbasis von Hermeneutik, wittgensteinianischen Sprachpragmatikern und Theoretikern angreift.
115 Die bewußtseinsphilosophische Erläuterung der dekonstruktiven Ausgangsproblematik muß prinzipiell mit dem gleichen Vorwurf rechnen:
Aufschlußreich ist Manfred Franks Versuch, gerade am hermeneutischen Topos des Gesprächs eine unhintergehbare Differenz kenntlich zu machen. Er weist auf Schleiermachers Feststellung hin, daß es keine Gewißheit dafür gebe, ob Dialogpartner mit demselben Wort auch "dasselbe innere Bild konstruieren" (Frank, "Die Beherrschbarkeit der Sprache", in Text und Interpretation, hrsg. Forget, S. 196). Für Frank liegt hier eine Form der Unsicherheit vor, die durch keinen Rückstieg in ein transzendentales Wissen ausgeschaltet, sondern nur durch Akte kommunikativer Bewährung entschärft werden kann. Er stimmt Derridas radikalem Differenzierungsprinzip unter bewußtseinsphilosophischen Prämissen grundsätzlich zu, um dann mit leichter Hand eine pragmatische Lösung des Problems anzubieten. An die Stelle des hermeneutischen Erfahrungsbegriffs wird so das Konzept einer nützlichen Hypothese gesetzt. Dieses Manöver läßt den Paradigmenwechsel geradezu als Pointe der dekonstruktiven Analyse erscheinen. Deren zweiter (oben erläuterter) Schritt läuft demgegenüber auf die These hinaus, daß die Überwindung der "vermeintlichen Innerlichkeit des Sinns" (Derrida, Positionen (1986), S. 77) in der "Wirklichkeit" der Sprache die Aporie der Bedeutungskonstitution nicht kompensieren kann.
Bemerkenswert ist, daß de Man selbst in seinen frühen Texten zwischen 1953 und 1966 die Tragik der menschlichen Kommunikation nach Schleiermachers Modell der wechselseitigen Intransparenz der Bewußtseine füreinander bestimmt hat.
116 Derridas Theorie des figuralen Charakters der Philosophie löst alle tropologischen Differenzierungen zugunsten der "Metaphern-Faltung" auf, die die Sprache der Metaphysik als ein von Metaphern beherrschtes Instrumentarium des Willens zur Macht zwar nicht über-, aber ver-winden kann. Vgl. Derrida, "Die weiße Mythologie", Randgänge, S.205ff. sowie Der Entzug der Metapher, in Literatur und Philosophie, hrsg. Volker Bohn (1987), S. 317ff.
117Derrida, "Der Entzug der Metapher", S. 338.
118Der metaphysische Diskurs bezeichnet für Derrida stets das 'Andere' im eigenen Text. - De Man blendet die Verknüpfung zwischen der sprachlichen Bedeutung und dem metaphysischen Diskurs aus. Er fragt nicht danach, ob der Text den metaphysischen Bann unfreiwillig oder vorsätzlich beschwört, ob die Bedeutungsaporie verdrängt oder buchstäblich anerkannt wird. Er feiert Derridas selbst-dekonstruktive Texte nicht als Glanzstücke niedergeschriebener Lektüren metaphysischen Denkens, sondern als Zeugnisse der aporetischen Figuralität. Ein solcher Umgang mit Derridas Texten verschiebt nun das "predicament" der Sprache von der Ebene der Bedeutungsbildung auf die Folie der tropologischen Organisation und impliziert die These, daß Derridas Text als syntaktisches Gewebe eine Fehllektüre der ihm zugrundeliegenden Theorie der Bedeutung darstellt. Nur wenn es gelingt, diese These plausibel zu machen, kann sich die philologische Variante der Dekonstruktion gegenüber der philosophischen behaupten.
119Wie leicht diese Strategie mißzuverstehen ist, zeigt Habermas' Derrida-Interpretation. Er liest nämlich den ursprungsphilosophischen Diskurs, den Derrida im erläuterten Sinne wiederholt, ebenso wörtlich wie Derrida (laut de Man) Rousseaus Abhandlung über die Sprache. Es verwundert daher nicht, wenn Habermas Derrida eine Überbietung der temporalisierten Ursprungsphilosophie vorwirft. Vgl. Habermas, Der philosophische Diskurs der Moderne (1985); bes. S.211.
120 Die Dekonstruktion der beiden Textgruppen beruht auf dem gleichen Verfahren. Derrida konfrontiert die expliziten Thesen oder Aussagen von Texten - also das, was (in de Mans Worten) die Texte "predigen" (AR, S.15) - mit den impliziten gegeläufigen Schlüssen, die ihre Kernbegriffe aufdrängen. Er stellt Behauptungen und Argumentationsketten einzelnen Begriffen bzw. Begriffspaaren (-oppositionen), die als versteckte Grundthesen aufgefaßt werden, gegenüber. So entstehen die bekannten Figuren der wechselseitigen Subversion.
121 Vgl. als Paradigma Derridas referierte Husserlanalyse.
122 Derrida, Positionen, S. 134.
123Die explizit vorgetragene Behauptung der Notwendigkeit einer als unhaltbar erkannten Struktur bezieht zwangsläufig einen Standort außerhalb des Geltungsbereichs des erörterten Gegenstandes. Diese Paradoxie ist natürlich banal im Vergleich zu der aporetischen Figur, auf die die Dekonstruktion zielt.
124 Es entsteht wieder nur ein Dualismus, der als Figur einer unkorrigierten Metaphysik längst durchschaut worden ist.
125 Derrida, Die Schrift und die Differenz, S. 395.
126 Siehe oben S.35. Die metaphorische Anspielung, die das "Pfropfung" leistet, könnte allenfalls als radikalisierter Selbstbezug verstanden werden, der die Logik der Metaphern-Faltung bekräftigt.
127 Ohne Rekurs auf die argumentative Version, verliert die "Pfropfung" ihre spezifische Pointe. Sie ist dann bloß noch eine matte Wiederholung von Montaignes bekanntem Apercu, Autoren machten "nichts als Anmerkungen übereinander". Michel de Montaigne, zitiert nach Foucault, Die Ordnung der Dinge, S. 62.
128 Z.B. "germe"/"terme" oder "le fin du fin"/"la fin de la fin"/"la fin des fins".
129 Aus den offensichtlichen Schwächen von Derridas Annahme, die These von der Bedeutungsaporie sei am überzeugendsten mit Mitteln der poetischen Sprache zu explizieren, läßt sich allerdings auch schließen, Derridas Bedeutungstheorie könne zwar für den Bereich des Ästhetischen Geltung beanspruchen, verfehle aber die Strukturen der Bedeutungsbildung in der Alltagssprache. Vgl. Christoph Menke-Eggers, Die Souveränität der Kunst (1988).
130 Vgl. Derrida, "double seance", La dissemination (1972) (engl. 1981).
131 Der Begriff "Hymen" ruft also z.B. den Dualismus Identität/Differenz auf, um zu sagen, daß weder Identität noch Differenz gemeint ist.
132 Von denen "Hymen" (ein Anagramm von 'Hymne') wegen der sexuellen Assoziationen von Unversehrtheit und Zerrissenheit bloß der auffälligste ist.
133 Als figurale Darstellung einer in ihrer Figuralität erkannten Bedeutungstheorie wäre sie bloß redundant, als figurale Darstellung einer wörtlich verstandenen Argumentation ebenso flach wie die wörtliche Lektüre Rousseaus.
134 Vgl. dazu die für die Disziplin typische Äußerung Ernst Tugendhats:
"Wenn sich bei der Beschreibung eines Phänomens Paradoxien ergeben, müssen wir annehmen, daß die Beschreibung von unangemessenen Prämissen ausgeht, daß sie sich inadäquater kategorialer Mittel bedient". Tugendhat, Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung (1979), S. 11.
135 Diese apodiktische These ist unumgänglich, wenn man die Paradoxie, auf die die Analyse stößt, entweder dem beobachteten Phänomen und/oder der selbstreflexiven Theorieanlage zurechnet. Paradoxien können zwar durch eine Reihe von Verfahren 'vorübergehend' zum Verschwinden gebracht werden. Diese strategische Entparadoxierung läßt sich aber durch die Beobachtung solcher theoriebautechnischen Verfahren stets wieder aufheben. Der paradoxale Widerspruch bleibt demnach unaufhebbar.
136Die Philologie hat demnach eine doppelte und gerade deshalb auch problematische Rationalität:
als Poetik ist sie "a metalinguistic, descriptive or prescriptive discipline that lays claim to scientific consistency"; als Hermeneutik dagegen zielt sie "toward the determination of meaning" und muß sich daher auseinandersetzen mit den Ansprüchen eines "extralinguistic truth value of literary texts". P.de Man, "Reading and History" (Einleitung zur amerikanischen Ausgabe von H.R.Jauss, Towards an Aesthetics of Reception (1982), auch RT, S. 54-72; hier S. 55f.
137 Vgl. ausführlich dazu Detlev Kopp/Nikolaus Wegmann, "'Die deutsche Philologie, die Schule und die klassische Philologie':
Zur Karriere einer Wissenschaft um 1800", DVjs Sonderheft 1987, S. 123*-152*.
138 Nietzsche, "Homer und die klassische Philologie", Schlechta Ausgabe Bd. III, S. 157.
139 RT, S. 4.
140 In der hiesigen Ordnung der Disziplinen steht dieses Problem nicht gerade im Mittelpunkt. Die organisatorische Trennung von 'Wissenschaft' und 'Didaktik' mag ihre Berechtigung in der Gliederung des Schulsystems haben. Ob diese Aufgabenverteilung dagegen im Interesse der Sache liegt, ist eine andere Frage.
141 Vgl. RT, S. 28f.
142 RT, 29.
143 Vgl. dazu:
Niklas Luhmann/Karl Eberhard Schorr, Reflexionsprobleme im Erziehungssystem (1979), bes. S. 72ff. Unstreitig, daß die Rhetorik ihren Platz in der öffentlichen Rede bzw. im Erziehungsprogramm verloren hat. In der Dekonstruktion de Mans, so ließe sich behaupten, lebt der alte pädagogische Anspruch wieder auf - nicht als Eloquenz, sondern als eine Epistemologie der Sprache, die ihrerseits die Basis für einen kognitiven (und d.h. wesentlich metaphysikkritischen) Bildungsprozeß darstellt.
144 AR, S. 158, Anmerkung 34.
145 In jüngster Zeit hat eine 'innere' Geschichte des Lesens, die an den Veränderungen des Lesens selbst interessiert ist, diesen Wechsel der Paradigmen des Lesens stärker in den Blick gerückt. Vgl. dazu:
Lili 15 (1985), Heft 57/58 bes. die Einleitung der Herausgeberin Brigitte Schlieben-Lange S. 7-14 und Kopp/Wegmann, "Das Lesetempo als Bildungsfaktor?
Ein Kapitel aus der Geschichte des Topos 'Lesen bildet'", DU, IV, 1988, S. 45-59.
146 Der alte Katalog der Bildungswerte - Individualität, Nationalität, Religiosität und Geschichtlichkeit, oder, mehr ins Formale gewendet, Universalität, Totalität und Harmonie - scheint heute überholt, ohne daß jedoch eine neue, überzeugende Liste aufgestellt werden könnte.
147 So auch die prägnante Formulierung von Joachim Ritter, Artikel:
"Ästhetik", Historisches Wörterbuch der Philosophie, hrsg. J. Ritter, Bd.I, 1971, Sp. 555-580; hier Sp. 556. Die Schrift Baumgartens ist in ihrer strategischen Anlage wünschenswert deutlich:
"die unteren Erkenntnisvermögen haben ...eine sichere Führung nötig...Die Ästhetik wird diese Führung übernehmen..." Der Ästhetiker "muss sie in eine gute Richtung bringen"; zugleich aber sieht Baumgarten auch schon die 'Gefahr' einer Beeinträchtigung der streng logischen Erkenntnis durch die so andere Art des Denkens der Kunst:
"Es ist zu befürchten, dass das Gebiet der streng rationalen Erkenntnis durch die Pflege des intuitiven Denkens zu Schaden kommt" - und ganz entgegen der anfänglichen Zuversicht, nach über 900 Paragraphen, bricht Baumgartens Kolonialisierungsunternehmen ab; hier zitiert nach der zweisprachigen Ausgabe:
Hans Rudolf Schweizer, Ästhetik als Philosophie der sinnlichen Erkenntnis (1973), § 12, S.111 und § 9.
148 P.de Man, "Aesthetic Formalization:
Kleist's Über das Marionettentheater", RR, S. 263-314; hier S. 265. Kurz zuvor charakterisiert de Man die Rolle der Ästhetik in der Rolle eines Verbindungsagenten:
"the aesthetic is a principle of articulation between various known faculties, activities, and modes of cognition. What gives the aesthetic its power and hence its practical, political impact, is its intimate link with knowledge". Die Kritik macht auch vor Texten nicht halt, die, wie Schillers Über die ästhetische Erziehung des Menschen, in einer aufgeklärt-fortschrittlichen Pädagogik kanonischen Rang haben.
149 RT, S. 4.
150 Stanley Fish, Is there a Text in this Class:
The Authority of Interpretative Communities (1980), S. 68.
151 RT, S.8. Auch diese Behauptung von der Subversivität der Literatur bzw. ihrer Theorie zeigt noch einmal die Kritik de Mans an der philosophischen Ästhetik. Eine Definition des Literarischen als einer ästhetischen Qualität nämlich kassiere in ihrer vermittelnden Funktion nur wieder diese subversive Kraft der Literatur als eines problematischen Wissens:
eine ästhetische Erziehung neigt stets dazu, die Literatur in ein philosophisches System einzubinden und so die Ordnung des Wissens (wieder) zu stabilisieren. Was üblicherweise zusammen gesehen wird, stellt de Man so in eine strikte Opposition:
"Literature involves the voiding, rather than the affirmation, of aesthetic categories". RT, S.10.
152 Eine genauere Entschlüsselung der in der 'literarischen' Lektüre angewandten Verfahren ist, so die implizite Kritik, bislang meist vernachlässigt worden. Nur zu oft hat sich das Fach an einem unproblematischen, von den Prozeduren seiner Produktion losgelösten Wissen orientiert, das sich anhäufen, transferieren, ablegen und schnell wieder abrufen läßt. So auch die Kritik von Stefan Collini an einem Großteil der geisteswissenschaftlichen Forschung:
"Neue Leier, neue Dreier. Forschung in den Geisteswissenschaften", Kursbuch 91 (März 1988), S. 2-8; hier S. 5f.
153 De Mans gesammelte Muster-Lektüren bestätigen dabei einerseits die getroffenen Selektionsentscheidungen des Kanons. Sie beschränken sich erstaunlich streng auf die als 'eigentliche' Literatur immer schon anerkannte Höhenkammliteratur ab der Mitte des 18.Jahrhunderts (Rousseau) über die europäische Romantik bis hin zur Klassischen Moderne. Andererseits stellen sie ihn in der Figur des misreading, wie etwa B. Johnson angedeutet hat, von innen heraus in Frage. Die Frage nach dem Verhältnis der dekonstruktiven Philologie zum Kanon soll einer weiteren Arbeit vorbehalten bleiben.
154 "I don't think I ever was away from these problems" - so de Mans Antwort auf die Frage Stefano Rossos nach dem Stellenwert der Politik in seiner Arbeit. RT, 117.
155 RT, S. 117.
156 AR, S. 204.
157 Barbara Johnson spricht von einer großen Dringlichkeit ("urgency"); vgl. "Rigorous Unreliability", S. 73.
158 RT, S. 11.
159 RT, S. 13.
160Johnson, "Rigorous Unreliability", S.73.
161 Kurt Röttgers, "Diskursive Sinnstabilisation durch Macht", in Diskurstheorien und Literaturwissenschaft, S. 114 - 133, hier S. 131.
162 Vgl. dazu Roger Seamon, "Poetics against Itself:
On the Self-Destruction of Modern Scientific Criticism", PMLA, May 1989, S.294-304. Roger Seamon (unter Rekurs auf Jonathan Culler) sieht hier eine generelle, das Verhältnis von wissenschaftlich-systematischer Theorie und interpretierender Hermeneutik grundsätzlich kennzeichnenden Vorgang:
"the jargon of a science furnishes metaphors for 'theming' ..., a procedure that each literary science adopts when it moves from theory to analysis". S.303.
163 So argumentiert auch Krieger für die von ihm verteidigte Unvermeidbarkeit einer 'moralischen' Lektüre:
"what seems a prestine instrument of verbal analysis takes on substance, projects itself into a metaphysic that sets out the guidelines of the existential universe which circumscribes first this literary work and then every literary work worth talking about it". Krieger, "In the Wake of Morality:
The Thematic Underside of Recent Theory", NLH 1983, S. 119-136; hier S. 130f.
164 Seamon hält diesen Übergang zur Hermeneutik für unvermeidbar. Jede wissenschaftliche Poetik, stellt sie sich der Aufgabe einer Lektüre eines Einzel-Werks, muß zur Interpretationshermeneutik werden:
sie wird, so Seamons (zu) weitreichende These, "primarily undone by hermeneutic practice". Seamon, "Self-Destruction", S.303.
165 AR, S. 206.
166 So die Argumentation von J. Hillis Miller, The Ethics of Reading (1987), S. 49.
167 Eine angemessenes Lektüre verlangt demnach gegenläufige Kompetenzen, deren Zusammenspiel eben nicht von einer Theorie der Literatur allein vermittelt werden kann:
"Nur in dem Maße, wie der Rezipient sich der unendlichen Vielfalt der unter der Bezeichnung 'lesen' zusammengefaßten Tätigkeiten inne ist, besteht die Chance, daß er jene Rezeptionsleistungen erbringt, die den Text selbst erst in seiner Gegebenheit einlösen können. Die kompetente Rezeption von Literatur setzt eine theoretisierbare, aber theoretisch nie einholbare Gelenkigkeit, ein Rezeptionsrepertoire voraus, das nur durch eine sich nicht vorschnell abdichtende Praxis der Rezeption gewonnen werden kann". Karlheinz Stierle, "Was heißt Rezeption bei fiktionalen Texten", Poetica 7 (1975), S.345-387, hier S.360.
168 Kurt Röttgers, Texte und Menschen (1983), S. 19.
169 Richard Rorty, Kontingenz, Ironie und Solidarität (1989), S. 15. Nur folgerichtig, wenn er die entsprechende Literaturwissenschaft an die "führende Stelle in der demokratischen Hochkultur" setzt (S. 141). Anzumerken ist jedoch, daß Rorty in seiner Begeisterung für die - angeblich dekonstruktive - Form der moralischen Reflexion in Gestalt einer infiniten Kette von "Neubeschreibungen" (S. 138) der moralischen Welt das Problem einer immanenten Verbindung zwischen dem Gegenstand und seiner ironischen Umschrift nicht mehr in den Blick nimmt.
170 P. de Man, "The Rhetoric of Temporality", BI, S. 214.
171 BI, S. 226.
172 RT, S. 118.
173 RT, S. 118.
174 Wieweit das gelingen kann, sei dahingestellt. In den USA mit einer anderen, am Begriff des "literary criticism" ausgerichteten Wissenschaftstradition wohl eher als in der zu strengeren Standards der Wissenschaftlichkeit neigenden "Literaturwissenschaft" in der Bundesrepublik. Lohnend wäre sicherlich eine vergleichende wissenschaftsgeschichtliche und systematische Untersuchung der unterschiedlichen Traditionen eines wissenschaftlichen Umgangs mit der Literatur in den USA und in Deutschland. Das umso mehr, als die Literaturdepartments der großen Universitäten zunächst nach dem Modell der deutschen Universitätsseminare organisiert worden waren.
175 Niklas Luhmann, "Sthenographie", in:
Luhmann/Maturana/Namiki/Redder/Valera, Beobachter, Konvergenz der Erkenntnistheorie?
, München 1990, S.119-137, hier S.121. Stheno ist eine der Gorgonen, deren Anblick jeden Menschen erstarren läßt. Sie ist unsterblich:
"Man muß sich also nicht nur bei einem Versuch, sie zu töten, vorsehen, sondern hat gar keine andere Wahl als:
nicht hinzuschauen." Luhmann, "Sthenographie", S.120.
176Dirk Baecker, "Gewagtes Lob der Perfidie. Literaturwissenschaftliche Schwierigkeiten im Umgang mit paradoxem Denken", FAZ, 19. 4. 1989, S. 3N.
177Zu diskutieren wäre, wieweit das von de Man praktizierte dekonstruktive Verfahren bereits selbst dieses selbständige Prozessieren der literarischen Kommunikation 'abbildet':
ist die allegorische Lektüre und ihr ironisches Wissen auch ihrerseits wiederum negierbar oder hat man in ihr eher eine Art 'Monade' zu sehen?
178 Vgl. auch die Charakterisierung des dekonstruktiven Verfahrens als "technically correct rhetorical readings may be boring, monotonous, predictable and unpleasant, but they are irrefutable". RT, S. 20.
179Foucault, S. 364.