There is no switch off to the technical.
Avital Ronell: Telephone Book
Gute Bücher hat es immer gegeben. Bücher, die es lohnen, daß man sie liest. Bücher, die ihren Lesern etwas geben - und dieses ´etwas´ meint hier insbesondere jene Form des Belesen-Seins, die man mit einiger Unschärfe, aber doch so, daß man verstanden wird, als "Literarische Bildung" bezeichnet.
In diese Kontinuität brechen seit einiger Zeit Nachrichten, die beunruhigen. Beunruhigt sind zum einen wir, weil wir in unserem eigenen Erfahrungshorizont gravierende Veränderungen erleben. Irritiert sind auch all jene Institutionen, die von dieser Kontinuität und der mit ihr einhergehenden Selbstversändlichkeit in der Wertschätzung "Guter Bücher" leben - etwa der Deutschunterricht, die Philologie - oder der Suhrkamp Verlag.1 Die Nachrichten selbst lauten so - oder so ähnlich - wie die folgende von letzter Woche: Die Bundesregierung habe soeben beschlossen, wird da gemeldet, 1,9 Milliarden DM für den Aufbau einer digitalen Bibliothek auszugeben, einer sog. "Cyberlib", die dann jedermann über das Internet zugäglich sein soll.2 Fast 2 Miliarden DM in den Zeiten der "Sparpakete" - und die auch noch im Bereich von "Kultur und Bildung" - , das läßt den Schluß zu, daß es diesmal ernst wird. Daß jetzt, anders als zu Zeiten von Mircofilm oder Microfiche, das Buch sich tatsächlich ändert und d.h. zunächst einmal, daß sich seine handgreifliche Phänomenalität entmaterialisiert: Das Buch scheint in der uns gewohnten Form zu verschwinden.3
Aber was heißt das? Ist es das viel beschworene Ende der Buchkultur? Der Untergang? Ruin & Abendland? Jedenfalls sagt das der apokalyptische Ton. Doch in einer Welt, wo es zu jener Meinung die gegenteilige gibt, zu jedem Gutachten das Gegengutachten, weiß man nicht, welcher Stimme, welcher Statistik man glauben kann. So macht der Suhrkamp-Verlag, angeblich in der Krise, Umsätze wie noch nie. Ja der ganze Büchermarkt bewegt sich nahe an Rekordzahlen. Und wer hätte, um zu den eigenen Verhältnissen zu springen, schon gehört, daß die Zahl der Germanistikstudenten eingebrochen sei? Welche Realität ist hier also gemeint?
I.
Technologische Innovationen sind eine Konstante unserer Gesellschaft. Ein Buch-Verlag mag Umsatz und Gewinn verlieren, sich um neue Produkte kümmern müssen. All dies ist Normalität, jedenfalls für marktorientierte Unternehmungen. Und der Deutschunterricht? Schließlich hält er sich nicht an das Gängige, sondern an das Bewährte. Ist er deshalb schon eine eine Insel der Kontinuität? Das wird sich noch zeigen. Einerseits wird argumentiert, daß der Zug zur Digitalisierung an ihm vorbeigeht, schließlich geht es in seinem Fall nicht um Nachschlagewerke, um krude Informationsbeschaffung, bei der Parameter wie Direktzugriff und Schnelligkeit zählen, sondern um Gute Bücher. Und die stehen bekanntlich im Kanon, sind also nicht erst in einem weltweiten Datenmeer zu suchen. Und gelesen werden sie auch nicht am Bildschirm, sondern auf Papier. Was soll sich daran schon ändern? Daran wohl nichts - aber alles andere, die Evidenzrahmen, die Kontexte, die er für eine primär pädagogisch bestimmte Lektüre bereitstellt, die werden sich, - und das ist die Gegen-Prognose - ändern. Doch genau der Fortbestand dieser Funktion ist fraglich geworden. Gut möglich, daß der Deutschunterricht verschwinden wird, daß man ihn - und gibt es nicht schon Anzeichen dafür? - aufteilen wird in zwei Fächer. In eine "informationstechnische Grund-Ausbildung" und das Werte-Fach Lebensführung, Ethik und Religion -, in das man dann all das hineinpackt, was an sog. Orientierungswissen aus dem alten Fach übriggeblieben ist. Und die Literatur? Nun, sie wird dann in freiwilligen Arbeitsgemeinschaften - am Feitag Nachmittag und selbstredend von begeisterten Schülerinnen - gelesen werden.4
Sollte es tatsächlich so kommen, und das auseinanderfallen, was zumindest lange zusammen gehört hat, dann sollte das nicht gleich den ignoranten Verhältnissen angelastet werden, die der Literarischen Bildung nicht länger mehr geben, was ihr an Geld, Stundenplanzeit und an gesellschaftlicher Anerkennung eigentlich zusteht. Vor solchen Schuldzuschreibungen steht die eigene Anstrengung, der Literarischen Bildung auch in den Zeiten der Technikkultur Plausibilität zu geben. Das "Bewahren" und "Erhalten" im Namen einer kulturkritischen Groß-Semantik der "Werte", der "gesellschaftliche Relevanz" und "Emanzipation" wird nicht reichen. Eher schon ist es ein Weg geradewegs ins Museum. [ Selbst so hehre Begriffe wie "Emanzipation" verbinden junge Leute, die dies immerhin noch ernst nehmen, mit der Vokabel: "emanzipationskonservativ" Radikaler ist die schiere Indifferenz gegenüber einer solchen Ideal-Semantik. Stichwort: Deutschunterricht oder auch Germanistik - das gibt sich nichts - als "Laberfach" ]
II
Das Folgende versucht, unter diesem kulturkritischen Radar zu bleiben.5 Begrifflicher Ausgangspunkt ist, - wie bereits im Titel meines Vortrags angezeigt - das sog. "Gute Buch". Als gemeiner Leser weiß man, was gemeint ist. Das sind Bücher, die man gelesen haben sollte. Typischerweise aber steht dieses so selbstverständliche wie schlechterdings unverzichtbare Phänomen im Schatten einer Rhetorik der Bedeutsamkeit. Was für den gemeinen Leser zentrale Referenz ist für sein Verhältnis zu Buch und Lesen, erscheint der Literaturpädagogik oft genug als von zu geringer Dignität. Was ist schon ein "Gutes Buch" gegen Groß-Begriffe wie "Klassik", "Dichtung" oder "ästhetisches Kunstwerk"? Offensichtlich will man lieber am Diskurs der ´richtigen` Wissenschaften und ihren Theorien zur "spekulativen Hermeneutik" oder "ästhetik" partizipieren. Nicht entschieden ist, ob und wieweit diese Neigung zur idealisierenden Semantik polemisch motiviert ist und ihre Karriere zurückgeht auf den Sieg der Bildungsphilosophie über die Rhetorik, damals, gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Jedenfalls wird diese Pädagogik oft genug als Gegenrede inszeniert zum medientechnischen Fundament der Literarischen Bildung. Oder geht es hier etwa nicht um eine Form des Bücher-Lesens?
Doch möglicherweise wissen wir noch immer nicht, was ein Buch ist. Trotz - oder gerade - wegen all jener schönen Gemeinplätze, die das Buch als "kulturelles Medium" oder als "Träger der geistigen Kommunikation" zu schätzen vorgeben. In solchen Lobreden scheint es dann auch schnell sein bewenden zu haben. Selbst jetzt, wo alle Welt vom Ende des Buches spricht, scheint das Buch als eigenes Phänomen weiter an analytischem Interesse zu verlieren. Auch und gerade die (ästhetische) Theorie überläßt - so mein Eindruck - dieses Feld der Kulturkritik oder den Propagandisten, und wendet sich selber lieber den neuen Medien zu, um auch ihnen den Status der Kunstauglichkeit zu verleihen [ - und sich selber einmal mehr die Expertenrolle zu sichern. ] Interessant ist das ´Buch` eben vor allem als Antonym zu den neuen Medien. Es ist das Licht, das den Konkurrenten einen noch spektakuläreren Auftritt verschafft. Einen Auftritt, in dem dann die Guten Bücher als "alt" oder "veraltet" erscheinen und in dem sie, und das ist fatal, zugleich zu etwas ganz anderem werden: Entgegen den Schlagwort von der Medienkonkurrenz ist das Buch hier nicht mehr ein Medium unter anderen, = also etwas, das auch tatsächlich mit Vergleichbarem konkurrieren kann = sondern unterderhand wird es zu einer ontologisch eigenen, ja geradezu anthropomorphen Größe. Kürzer: alle Welt spricht vom ´Buch`, aber gemeint ist eigentlich stets etwas anderes6 - je nachdem, wofür man sich gerade engagiert, ob für Tradition, Humanität, Geist oder Bildung ... [ die Reihe ist offen ... ]
Eine solche Szene muß Widerspruch provozieren. Umberto Eco schreibt in einer seiner Glossen, er könne "nicht glauben, daß das Buch ein obsoleter Gegenstand werden kann." Denn, und das ist zugleich eine erste Antwort auf unsere Frage nach dem Guten Buch: "Es bleibt ein technisch vollendetes Meisterwerk (wie der Hammer, das Fahrrad (...), das sich, soviel man auch noch erfinden mag, nicht mehr verbessern läßt"7. Das ist eine Antwort, die unsereins - von Berufs wegen auf "Meisterwerke" abonniert - , gerne hört. Davon abgesehen - sie weist in die richtige Richtung. Das Gute Buch wird hier nicht idealisiert, zum "Menschenfeund" oder gar zum sinnfälligen Ausdruck von Humanität schlechthin geadelt. Es ist vielmehr eine technische Realität. Zu bezweifeln dagegen ist, daß es eine so einfache, und das meint auch: eine, wie Eco behauptet, immer schon vollkommene "Erfindung" ist. Hier handelt es sich schließlich um eine Großtechnologie, an der - wie immer bei Techniken in dieser Größenordnung und mit solcher Relevanz für die Gesellschaft - fortwährend gefeilt wird. Wo man Zusatzerfindungen macht, Verbesserungen erzielt oder Sondermodelle auflegt.
III.
All dies wird deutlicher, wenn man zurückgeht an den Anfang, zur Urszene des Guten Buchs. Und die liegt dort, wo man sie erwartet, bei der Erfindung des Buchdrucks. Der Druck ist in Europa weniger eine technologische Erst-Erfindung - Buchdruck gab es schon in China und Korea - als eine komplizierte Verbindung von technologischer Innovation und einer speziellen Einbindung dieser neuen Technik in die Gesellschaft. Der europäische Buchdruck ist nämlich, anders als in den asiatischen Kontexten, keine Technik, die eine Schicht exklusiv für sich monopolisiert hat. Sie ist vielmehr - wie man heute sagt - für den Markt freigegeben worden: Man hat nicht nur gedruckt, wofür es eine Nachfrage gab, sondern auch gedruckt, um eine Nachfrage erst hervorzurufen. Diese unbeschränkte Anwendung erklärt einerseits die enorme Druchsetzungskraft der Drucktechnik wie ihre - im wörtlichen Sinn - unabschätzbaren Folgen. Zugleich ist sie jedoch für die Gesellschaften, in denen sie sich derart "frei" entfaltet bis heute ein Problem: Wenn frei gedruckt werden darf, dann wird nicht nur das gedruckt, was "wünschenswert", was "bedeutsam" ist. Gedruckt wird alles; also auch Häretisches, bloße Propaganda oder das bloß Unterhaltsame. Und nicht nur die Qualität, auch die Quantität ist an kein vogegebenes Maß gebunden. Eine derart freigelassene Drucktechnik druckt mehr, als ein Leser noch sichten kann. Aus der dem Prinzip nach unbegrenzten Produktivität - wer ein ´gutes´ Buch drucken kann, kann auch ´Schund` drucken, wer gute Bücher lesen kann, kann auch alle anderen lesen - entsteht die Notwendigkeit, in den ungebremsten Markt einzugreifen: 8Man kennt diese von der Geschichte der Drucktechnik nicht zu trennende Intervention meist als Zensur - und begreift sie, vor allem in einer liberalen Gesellschaft, als negative, eigentlich abzulehende Kontrolle. Doch aus der gleichen Problemkonstellation heraus entsteht zugleich die Notwendigkeit, positiv zu diskriminieren. Aus der schnell zum Topos avancierenden "uferlosen Fülle" des Gedruckten ist das auszuwählen, was sich für den Leser lohnt, was bevorzugt zu behandeln und zu lesen ist. Genau diese grundsätzliche pädagogische Problemstellung scheint mit der Gutenberg-Bibel als dem ersten aller Bücher gelöst. Am Anfang steht so weder ein "Volksbuch" zur Unterhaltung, noch ein politisches Pamphlet gegen ungerechte Verhältnisse, sondern der Text mit der unstreitig maximalen Qualität. Eine solche Konstellation suggeriert - auch im Rückblick aus späteren Epochen! - die gleichsam natürliche Verbindung von technischem Medium und inhaltlicher Qualität. Als Gründunsgmythos eines essentiell guten Mediums wirkt sie bis in die Gegenwart.
Diese Gleichsetzung von technischem Medium und positivem Wert hat einerseits dem Buch Aufmerksamkeit und Unterstützung gesichert. Andererseits, und das führt bereits in die aktuelle Situation, hat sie verdeckt, daß das Buch zunächst auch "nur" ein Medium ist, und daß es als ein solches technisches Medium selber nichts bedeutet: Keineswegs also besitzt es gleichsam natürliche, gar "menschenfreundliche" oder "denkfreundliche" innere Werte. Alles hängt davon ab, wozu man es verwendet, was man aus ihm macht.
Wie unwahrscheinlich diese "natürliche" Kopplung von Medium und Qualität tatsächlich ist, illustriert der Vergleich mit anderen Medien und deren Urszenen. "So hat bekanntlich" - um mit F. Kittler zu spechen - der erste am Telefon gesprochene Satz geheißen: "Das Pferd frißt keinen Gurkensalat." Und in den USA ist der Tonfilm sofort als Unterhaltungsfilm gestartet worden. In Deutschland dagegen, und das bestätigt die Ethnologen, die hier das Land der Bildungsreligion sehen, wurde die Technik des Tonfilms zuerst dazu benutzt, um - Sie ahnen es - um eine Goethe-Verse-Rezitation in Bild und Ton zu setzen.9 Demnach ist die "Bibel" - wie auch - nicht der tiefere Sinn des Druckmediums, sondern nur ein Beispiel für einen bestimmten, damals unter theologischen Vorzeichen gehandelten Buchtyp: eben für das Gute Buch. Das Gute Buch verdankt seine Entstehung wie seine ungebrochene Aktualität demnach einer durch den Erfolg der Drucktechnologie selbst geschaffenen - und mit diesem Erfolg auch andauernden - Situation. Es ist eine jener prekären, weil immer wieder auf ihr zeitgerechtes Funktionieren zu überprüfenden Zusatz-Erfindungen, die es erst rechtfertigen, vom Buch als technologischem "Meisterwerk" zu sprechen.
Vor hier aus bietet es sich an, der Geschichte des Guten Buchs nachzugehen und eine Art Formengeschichte des Guten Buchs freizulegen.10 - Und zum Beispiel nach den säkularen "Bibeln" zu fragen, die in späteren Zeiten das Dauerproblem einer pädagogischen Kontrolle jener "Bücherflut" gelöst haben
oder - wie immer bei nachträglich eingeführten Kontrollen - hätten lösen sollen.11 Zu klären wäre etwa auch der buchmythologische Beitrag einer so Druckgläubigen Epochen wie dem 18. Jahrhundert. Und erst recht spannend wird es, wenn man unter diesem Aspekt einen Staat wie die DDR untersucht - das wohl einzige Land mit einer offiziell organisierten "Literaturpopaganda".12
IV.
Doch die Zeit drängt, und das meint nicht nur die Zeit meines Vortrags. Zurück also in die Gegenwart - in eine Zeit, für die - so Gero von Wilpert - gilt: "Man tut so, als wäre alles beim alten, aber nichts ist mehr wir früher." Seine Diagnose zu den hiesigen Verhältnissen kommt nicht aus Deutschland. Wilpert beobachtet aus dem Abstand heraus, aus Australien, um genau zu sein. Auch die folgende Anekdote zur aktuellen Situation des Guten Buchs kommt von außen, aus den USA. Die dabei zu Wort kommene Autorität ist nicht vom Fach. Weder spricht ein Germanist respektive Anglist, noch ein entsprechend studierter literarischer Autor. Es ist ein leibhaftiger Politiker. Die Rede ist von Newt Gingrich, republikanischen Sprecher des US-Repräsentantenhauses und einer der einflußreichsten Politiker der USA.13
Gingrichs Einlassung zu unserem Thema kommt live aus einer High-School in einem sogenannten Problemviertel Chicagos. Er spricht vor laufenden Kameras, ist sich also sicher, daß man ihn draußen im Lande verstehen wird, daß er nur sagt, was alle wissen. Und das meint hier nicht die republikanischen Wähler, sondern das Volk der Medienbenutzer. Gingrich sitzt in keinem Studio, keiner gepflegten Institution, sondern er spricht vor Ort, ist in der Schule und kommentiert das, was er sieht, mit einem finanziellen Angebot: Jeder Schüler erhält von ihm persönlich $ 3 für jedes Buch, das "ganz" gelesen worden sei. Natürlich ist das ein Spektakel, aber es verdient einen Kommentar. Das ausgelobte Geld gibt es demnach nicht, wie man, zumal von einem Wertkonservativen, erwarten könnte, für die Lektüre eines bestimmten Buchs, eines aus dem Kanon, am besten gleich eines aus dem mit den 'richtigen` Werten und Normen, sondern für das Buch-Lesen selber. Ziel ist bereits das bloße Betätigen eines bestimmten Mediums. Bedingung ist nur, daß dieser Mediengebrauch 'richtig' gemacht beziehungsweise regelgerecht durchgeführt wird. Geld gibt es nicht für das einfache Rumblättern, das Anlesen oder Aufs-Gerate-Wohl Aufschlagen, sondern allein für das von Anfang-bis-Ende-Lesen. Für das Ein-Buch-Durch-Lesen.
Soll man das ernstnehmen? Macht das überhaupt Sinn? Zumindest in dieser Sache ist Gingrich nicht zu unterschätzen. Immerhin scheint er mit seinem Vorschlag, den Buch-Umgang, die technisch richtige Leseweise selber zu prämieren, weiter als ein großer Teil unserer Disziplin oder die bundesrepublikanische Kultur-öffentlichkeit. Denn dort begreift man den literarischen Wert - also das, was üblicherweise allererst die Existenz des Guten Buchs und damit auch den Gedanken einer Literarischen Bildung rechtfertigt - von einer gegenständlich-konkreten, eminenten Bedeutung der Literatur her und sucht, gleichsam im Reflex, die Quellen der literarischen Bildung mit Vorliebe bei den Großen Autoren und ihren Werken.14
Gingrichs Sicht des Themas verdient es, weitergedacht und auf unsere Verhältnisse hin überprüft zu werden. Natürlich kann man - wenn man will - auch hierzulande hören, daß eine bei den Heranwachsenden plausible Form des Guten Buchs sich nicht mehr auf das Gewohnte verlassen und z.B. weiterhin aus der Opposition zur Populärkultur gewonnen werden kann. "Höhenkamm-Literatur" als die Form des Guten Buchs ist inzwischen ein Teil der bundesrepublikanischen Geschichte, geprägt von der verblichenen Autorität eines "Adorno" - vielleicht der Meisterleser schlechthin. Und ob das Gute Buch sich noch einmal unter dem Zeichen des Protests wird revitalisieren lassen, ist nicht minder fraglich. Vielleicht kann man es wieder in eine Gegenstellung bringen zu einer technisch-kalten Welt, zur chauvinistischen Gesellschaft und anderen Ungerechtigkeiten. Aber diese altbekannte Plausibilisierung des Guten Buchs aus einer Gleichsetzung von Buch und Wertekanon - und sei es der der Post-68er - ist als Schema erkannt und entspechend sehr viel weniger motivationsstark oder gar evident. Es gibt eben auch Phyrrussiege.15
V.
Gingrich jedenfalls ist weiter. Ist grundsätzlicher. Hält sich nicht länger mit dieser Kette der ideologischen Indienstnahmen auf.16 Er begründet das Gute Buch von den Operationen her, die es zu seiner Aktivierung typischerweise braucht. Darin ist es nichts Singuläres, sondern etwas, das gegenüber anderem vergleichbar ist und als Resultat dieses Vergleichens auch begründet bevorzugt werden kann. Allerdings läuft diese Präferenz nicht mehr längs eines Sinngehalts, den die Literatur mit ihrem guten Namen bestätigen soll. Entscheidend für den Vorzug sind die an das Medium selber gebundenen technischen Eigentümlichkeiten, die dann ihrerseits - allein dadurch, daß man sie gekonnt ausführt - positive Effekte bei dem entstehen lassen, der sie praktiziert. Das Gute Buch ist eben mehr als nur das schiere Buch, mehr als der graphisch auf Papier, auf Diskette oder sonstwie fixierte Text. Es umfaßt stets auch die passende Zugriffstechnologie, also die vom Buch - soll es denn überhaupt funktionieren - nicht wegzudenkende Lesefertigkeit.17 Gingrichs Fallbeispiel ist eine Art Minimal-Version des technisch verstandenen Guten Buchs. Seine Version des Mediums gewinnt ihr Profil ganz aus der harten Konkurrenz vor allem zum Fernsehen - und entsprechend produziert das "Ein-Buch-ganz-Durchlesen", so die hier konstitutive Zentral-Operation, genau solche Qualitäten, deren Wert wie deren Plausibilität sich aus der Gegenstellung zu einem anderen Medium ergibt. Das schlichte, Zeile-für-Zeile folgende lineare Abtasten des Schriftbildes generiert in dem Maße, wie es vollzogen wird, Beständigkeit und Ausdauer; es entsteht im Vollzug des Durchlesens eine über eine längere Zeitstrecke aufrechterhaltene Aufmerksamkeit. Vielleicht war das einmal selbstverständlich und banal. Im Medienvergleich ist es das nicht mehr. Denn soll das Fernsehen, das Medium, das man mit der Fernbedienung in der Hand aktiviert, funktionieren, sind solche buchgenerierten Qualitäten schlichtweg hinderlich.
Literarische Bildung meint - natürlich - mehr als nur das. Schließlich hat sie in ihrer langen Tradition einen entsprechend elaborierten Formenreichtum ausgearbeitet.18 Aber Verdienste und Leistungen in der Vergangenheit lassen sich schwer konservieren.19 Was also - um auf die Hauptlinie unserer Argumentation wieder zurückzukommen, - was also wollen wir bei der Literatur pflegen? Als bloße Konzentrationshilfe ist sie uns zu schade. Das hieße, sie unter Wert zu verkaufen. Noch einmal: Warum soll sie bevorzugt sein? Worin soll sie sich auszeichnen?20 An Antworten zu dieser klassische Frage gibt es wohl kaum einen Mangel. Doch wo soll man anschließen? Das Folgende bleibt weiter auf dem mit "Gingrich" und seinem Instinkt für die wirklichen Realitäten eingeschlagenen Pfad. Hier hat nicht der feinsinnige Kenner oder der ideologiekritische Reformer das Sagen. Erste Referenz ist - und das aus systematischen Gründen - der gemeine Leser, ist seine Vorstellung, sein Wissen über oder vom Guten Buch. Ist nicht schließlich er es, der darüber entscheidet, was aus der Literatur werden wird? Eine legitime Quelle dieses Common Sense in Sachen `Gutes Buch` ist vermutlich das Genre der allgemeinen Nachschlagewerke, der Universallexika. Und keines spricht mit größerer Autorität als die Encyclopaedia Britannica. Zudem hat sie sich zu unserer Frage nicht einfach in einem Artikel unter anderen geäußert. Das Gute Buch behandelt sie gleich mit einer eigenen, mehrbändigen Unterabteilung - dem "Gateway to the Great Books". - (Great Books ist demnach die englische Version des "Guten Buchs" . Auch hier wird gerade nicht streng unterschieden zwischen sog. schöner oder fiktionaler Literatur und etwa Texten aus der Philosophie.) Ein derart aufwendiges Unternehmen verlangt geradezu eine ausführliche Antwort auf die Frage nach dem Guten Buch, nach dem, woran man ein solches Buch erkennen und wie man es schätzen soll. Natürlich gibt es in den entspechenden Einführungen zum nachfolgenden Textteil die erwarteten Hinweise auf die außergewöhnliche Bedeutung, die tiefe Weisheit - vielleicht auch auf die unversellen Werte - , die in diesen Büchern enthalten sein sollen. Ausführlich und im Detail ist jedoch von etwas ganz anderem die Rede, nämlich vom richtigen Lesen, vom richtigen Umgang mit diesen Büchern. Und das meint weder Devotion noch philosophische Hermeneutik. Es geht vielmehr um eine basale Leselehre = the art of reading a book" (S. 19) = die ich hier verkürzen kann auf die eine Kernregel: "great books" heißt es, "are readable again and again, with renewed pleasure and added profit". (S. 16) "It might almost be said, that a book which is not worth rereading one or more times is not really worth reading carefully in the first place." (18) Der Unterschied zwischen einem Buch und einem Guten Buch entscheidet sich demnach am scheinbar so schlichten technischen Kriterium der Wiederholungslektüre: Ein Gutes Buch ist eines, das Wiederholungen aushält, das wiederholungsfest ist. [Die Zentralstellung der Wiederholungslektüre läßt sich mühelos auch bei den ausgewiesenen Autoritäten der Rhetorik bzw. der Literaturtheorie nachweisen: angefangen von Quintilian (Rhetorik, 12. Buch) - über Friedirch Schelgel bis hin zu Roland Barthes: entscheidend jedoch ist, daß sich die Einsicht, daß für das Funktionieren des Buchs als ein "Great Book", als Gutes Buch die Wiederholungslektüre entscheidend ist, kein Expertenwissen (mehr) ist, sondern offensichtlich - und dafür steht die Encyclopaedia Brittanica - in das allgemeine Hintergrundwissen auch und gerade des gemeinen Lesers durchgedrungen ist.]
VI.
Nach dieser - wie erhofft - klaren Auskunft bleibt nur zu fragen: Was passiert eigentlich in dieser Operation? Was wird aus einem Buch, das derart traktiert wird? Wie macht die Wiederholungslektüre das Gute Buch? Und wie sieht der Ertrag aus für den Leser, schließlich bedeutet eine wiederholende Lektüre auch einiges an Aufwand? 21
Zunächst einmal kanalisiert eine wiederholende Lektüre die Aufmerksamkeit. Allerdings lenkt sie die vom Leser selbst generierte konzentrierte Zeit nicht einfach nur auf einen bestimmten Text, sondern auf den Leser selber: Der Leser wird auf sich selber aufmerksam - liest er doch im Prozedere der Wiederholungslektüre unvermeidlicherweise das, was er zuvor gemacht, was er in einer vorausliegenden Lektüre gelesen hat. "Bildung" und ich zitiere hier Georg Franck und seine Skizze zu einer ökonomie der Aufmerksamkeit "ist zunächst nichts anderes als Investition von Aufmerksamkeit in sich selbst."22 Aufmerksamkeit, eine ebenso knappe wie für den Mediengebrauch entscheidende Größe, wird in der Widerholungslektüre nicht nur auf den Leser selber gerichtet. Sie wird auch strukturiert, d.h. in Operationen gefaßt, die dann ihrerseits, in dem Maße wie sie vollzogen werden, jene Wahrnehmung des Guten Buchs tragen, die wir typischerweise von einem Guten Buch erwarten - und die wir außerhalb theoretischer Kontexte dem gegenständlich-konkreten Buch selbst gutschreiben.23 Aber heißt dieses Starkmachen technischer Operationen nicht die Kausalitäten vertauschen? Ist die Tatsache, daß man ein Gutes Buch wiederholt liest, nicht vielmehr Beweis dafür, daß es etwas sagt, dessen Wahrheit über der Zeit steht? Ist die Zeitresistenz des Guten Buchs nicht doch eine von seinem Inhalt bewirkte Größe? Das hieße die Wiederholungslektüre zu unterschätzen. Schließlich ist sie es als technische Operation, die allererst die für den Griff zum Guten Buch motivierende Dauer herstellt. Als ein allgemein zugänglicher (und gleichzeitig von Experten in höchste Raffinements steigerbarer) Lesemechanismus ist sie die zeitbindende, das Buch gegen das Vergessen imprägnierende Operation. Dazu im einzelnen: Klarzustellen ist, daß Zeit nicht gebunden werden kann. Vielmehr gilt nur die Umkehrung. Zeit kann binden, etwa zwei (oder mehr) Ereignisse, in diesem Fall: zwei oder mehr Lektüren. Ohne die Intervention der Wiederholung verschwänden solche Ereignisse genauso schnell, wie sie enstanden sind. Genau diese Anbindungs Leistung steht im Kern der Wiederholungslektüre. Sie bindet je einzelne Textlektüren in ein festes Muster, in die Struktur einer Wiederholung. An die Stelle der eigentlich wahrscheinlichen Beliebigkeit, der beziehungslosen Vereinzelung von Lektüreereignisen, schließt jetzt, kraft dieser Selektionsstruktur, eine Lektüre an die andere an, so daß schließlich in der Reihe der aufeinanderverweisenden Lektüren jene Dauer entsteht, die wir mit dem Guten Buch verbinden.
Ist die Wiederholungslektüre einmal in Gang gebracht, produziert ihre aus Wiederholung geschaffene Dauer zusätzliche Effekte, gleichsam sachliche und soziale Neben-Wirkungen. Einer dieser Effekte ist die gesteigerte Glaubwürdigkeit., die wir mit dem Guten Buch verbinden. So ist die Wiederholung eine Struktur, die iterativ, im immer-wieder-darauf-zu-rückkommen, bezeichnet und sich in dieser Form der Bedeutungsproduktion von der bloßen Sukzession als einfacher Ereignisabfolge ´qualitativ´ unterscheidet. Indem die nächste Lektüre sowohl nicht einfach etwas ganz anderes sagt - dann wäre sie ja keine Wiederholung mehr - als auch nicht nur mechanisch redupliziert - dann hätte man es mit einer bloßen Repetition zu tun - gewinnt das derart Bezeichnete an Gewißheit und Glaubwürdigkeit. Anders gesagt: Dadurch, daß die in der Struktur der Wiederholung organisierte Lektüre immer wieder zu einem Selbigen zurückkehrt, leistet sie eine "Entarbitrarisierung" (Peter Fuchs) textueller Aussagen. Genau dieser Effekt, bekannt und geschätzt, beschwört etwa Adolf Muschg, wenn er sich, obschon mit anderer Argumentation, an den gemeinen Leser wendet und ihm die "verläßliche Lektüre" der Welt als Vorzug der Literatur anpreist.24 Das wiederholende Lesen bestätigt im Betätigen: Das, was heute gilt, galt auch schon gestern und wird aller Voraussicht nach auch morgen gelten. Warum sollte die Kette der Wiederholungen, die schon so lange gehalten hat, abbrechen?
Alle Dauer bleibt kalt, wenn das Gute Buch, wie es heißt - "mir nichts bringt". Das wirklich Gute Buch, so die Rede des gemeinen Lesers, ist eines, das auf meine Fragen eingeht, das mir etwas sagt. Und auch diese Wirkung des Guten Buchs kann die Wiederholungslektüre plausibel machen. Schließlich gewinnt ein Text, der mittels der Operation der Wiederholung betätigt wird, auch in sachlicher Hinsicht hinzu. Denn eine zweite Lektüre liest nicht einfach dasselbe noch einmal, schließlich findet sie immer schon in einer im Vergleich zur ersten verschiedenen Situation statt. Eine zweite Lektüre liest das Lesen der ersten. Und indem sie liest, was und wie zuvor gelesen wurde, bringt sie Redundanz und Varietät zusammen: Sie produziert Abweichung, aber nur so viel, daß die Identität des in der Lektüre stehenden Textes nicht aufgekündigt wird. Der zu wiederholende Text muß sich in jeder Wiederholung als dasselbe erkennen lassen - z.B. in neuen Kontexten bestätigt werden oder Sinnverweisungen entwickeln. Kurz: im Zuge dieses per Wiederholungslektüre Durch-die-Zeit-Gehens produziert das Buch Sinnreichtum. Und auch das ist eine Qualität, die nicht nur für Vergangenheit und Gegenwart, sondern ebenso für die Zukunft gilt: Aus der Reihe der bis jetzt geführten Lektüren ergibt sich die sichere Vermutung, daß ein derart betätigtes Lesewerk auch weiterhin Sinn freigeben wird, und das meint stets auch: bis jetzt nicht bekannten Sinn. Jeder Leser, so er diese Lesefertigkeit einsetzen kann und will, wird demnach in diesem auch durch sein eigenes Lesen forterzeugten Sinnreichtum etwas finden, was ihn - und im vollen Sinn dann nur ihn - interessieren wird. Kürzer, den eingangs zitierten Topos als Resultat formuliert: "Das Buch hat mir ´was gebracht."
Demnach wird das Buch erst im Verlauf des wiederholenden Leseverfahrens mit dem angereichert, was man ihm typischerweise als inhärente Qualität, als Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit, zubilligt. Es besteht also eine direkte, eine technisch-operative Verbindung zwischen Wiederholungslektüre und jener Präferenz, die im Begriff des Guten Buchs immer schon enthalten ist. Zugleich steckt in diesem technischen Fundament des Guten Buchs eine bemerkenswerte Autonomie gegenüber allen Sinnagenturen, die selber, kraft ihrer inhaltlichen Vorgaben über das Gute Buch bestimmen wollen. Das Gute Buch ist - weil zuerst und vor allem ein Produkt der Drucktechnologie - auf solche Hilfen nicht grundsätzlich angewiesen. Seine Realität sichert vielmehr der immer wieder neu produzierte Bedarf für ein "Buch", das in der unvermeidlichen Unabsehbarkeit des Gedruckten einen positiven Unterschied macht. Gleichwohl braucht das Gute Buch die Pädagogik, wahrscheinlich auch die Subvention und offizielle Förderung. All das liefert die notwendigen Begleit-Kontexte, die Gelegenheiten, um die komplementären Lesefertigkeiten weiterzugeben und sie den sich ändernden Verhältnissen anzupassen. Vielleicht auch um Werbung zu machen, schließlich gibt es bekanntlich auch andere Technologien. Dennoch: Das technische Medium der "Guten Bücher" ist seinem Kern nach unabhänging von externen Kausaliäten zu denken. Es ist eine autopoietische Technologie, die man gewöhnlich nur bei den sogenannten "Neuen" Medien zu sehen glaubt: Auch das Gute Buch, "ist ein System, das sich schleifenförmig selbst erzeugt." Auch das Gute Buch operiert als ein sich selbst erzeugender Kreis, als eine rekursive Schleife, bei der das Erzeugte selbst zum Erzeuger wird."25 Kürzer, als konstruktivistisch eingefärbte Formel: die operativ erzeugten Eigenwerte des Mediums setzen, gleichsam als Nebenprodukte, Effekte und Wirkungen frei, die in einem pädagogischen Kontext als Werte ausgewiesen und nutzbar gemacht werden können.
VII.
All dies ist demnach auch nichts "Neues". Und will es auch gar nicht sein. Eher ist es ein Versuch, auf andere, auf technische Weise jene schon lange geschätzen positiven Wirkungen plausibel zu machen, die wir mit dem tradierten Konzept der literarischen Bildung verbinden. Immerhin wäre diese Form des Guten Buchs in der Lage, die Einheit von technischem Medium und Wertbehauptung fortzuschreiben. Und wäre darin zugleich eine Absage an die sich abzeichnende schlechte Doppelung von allgemeiner Medienkunde und dogmatischer oder dilettantischer Katechismusstunde. Auch im technisch verstandenen Guten Buch - und das ist eine Probe auf den Gang meiner Argumentation - ist der Modus der literarischen "Erziehung" stets "indirekt" - was nur einmal mehr bestätigt, was man in der Literarischen Bildung schon immer weiß und gleichsam den Kern aller literaturgestützten Pädagogik ausmacht: das Bildende kann nicht abgetrennt werden vom Medium, kann nicht außerhalb der Lektüre wirken.
Bleibt der Einwand, ob eine als Lesewerk explizierte Form des Guten Buchs nicht "weit hergeholt" ist. Soviel Technik? Ist das nicht eine riskante Umorientierung? Darf man das Gute Buch als Hochtechnologie, als "Lesewerk" loben? Geht das überhaupt? Vergrault das nicht die auf "Kunstwerke" eingestellten Stamm-Leser? Ganz ohne Risiko, so meine Antwort, ist allerdings auch der alte Kurs nicht:
Schon ist man dabei, unsere Phänomene auf Schöngeistiges, auf Kompensatorisches, ja auf "Kritisches" und "Alternatives" festzulegen - oder sollte ich besser sagen: "wegzuloben"? Denn trotz dieser schönen offiziellen Reden hört man immer häufiger, daß die Germanistik ein "Laberfach" sei oder sich zum "Damenfach" entwickle. Ob das wirklich weniger riskant ist? =]
Und schließlich sollte man die Faszination von Technik nicht unterschätzen oder sie als illegitim diskreditieren. Auch ein HiFi Freak kommt zur Musik. Wer hätte noch vor wenigen Jahren sich vorstellen können, daß der gemeine Leser, jedenfalls wenn er mit Dingen wie einem Personal-Computer oder dem Internet umgeht, sich keineswegs am enormen Ausmaß der hierbei ausgestellten Technizität stört - sondern geradezu lustvoll bereit ist, sich in dieser Technik zu bewegen und herauszufinden, was sich damit machen läßt. Kürzer, und hoffentlich legen Sie mir das nicht als Schleichwerbung aus: Seit ein paar Wochen hat selbst die BILD-Zeitung, über deren Lesserzahl und deren Marketingresearch wir hier nicht spekulieren müssen, einen Technik-Ableger - die "Computer-Bild". Und auch sie ist, unvermeidlicherweise, voll mit Technik, mit Daten und Fachvokabular. Und all dies wird ausführlich erklärt, weil man offensichtlich davon ausgeht, das man genau dies heute wissen will. Wann wird endlich der Suhrkamp-Verlag sein Techno-Journal zum Guten Buch auf den Markt bringen?
1Greiner: eine "Geistige Institution" (Greiner, Die Zeit vom 27.9.1996) wie
2 FAZ Geisteswissenschaften
3 Weitere Meldung, ebenfalls aus den letzten 2 Wochen: nach der alle Schüler der Klassen 5-10 mit der Benutzung des Internet vertraut gemacht werden sollen: das, was früher allein dem Buch (als Lexikon bis ... ) zugerechnet, jetzt als Bestandteil einer sog. Informationstechnologie: was ist dann das Gute Buch? Erbauung? - Kölner Stadtanzeiger vom 25.6.1996
4 Das worst case Szenario ist mancherorts bereits Realität. In den USA wird offen vom Auszug des "straight white male" aus der Literatur. In deutschen Universitäten wird die Germansitik - selbsteredend hinter vorgehaltener Hand - als Damenfach bezeichnet. Männer dagegen, auch und gerade die mit Begabung und Engagement, entscheiden sich gegen die sog. Laberfächer und für Disziplinen, die - nicht nur Einkommen und Status -sondern auch ein interessantes und überzeugendes Wissen verspechen können.
5 Allerdings soll dies nicht dadurch geschehen, daß das Thema Literarische Bildung - ob mit oder ohne Bedauern - für obsolet erklärt und wieder einmal sagt wird, was man statt dessen tun kann: Statt Literaturlesen "Internetsurfen" oder anhand von sog. Orientierungstexten über den Sinn des Lebens nachdenken
6 Folgerichtig zieht es die Theorie zu den neuen Medien. Schließlich gilt es jetzt - wo man noch nicht weiß, was aus den neuen Medien werden soll, auch ihnen den Status der Kunsttauglichkeit zuzuschreiben und entspechend sie zu besetzen mit neuen Spekulationen über die gesellschaftsweite Wirkungskraft ästhetischer Erfahrungen ....
7Eco, Umberto: Das Buch, ein technisch vollendetes Meisterwerk. In: Derselbe: Das alte Buch und das Mittelalter. München/ Wien: Hanser 1995 (ital. Orig. 1995). S. 10-13. Hier S. 10.
8 Hinweise zur Geschichte des Mediums Druck aus Niklas Luhmann. Die Gesellschaft der Gesellschaft. Mskpt. Bielefeld 1995.
9Wo / Gurken-Satz (A-z)
10 Weitere Kandidaten auf der Liste: "die Alten", die "National-Klassiker", der "ideologiekritische Kanon" , "Erbe", "Höhenkamm-Literatur" und?
11 Teil dieser "ewigen" Formengeschichte: Gottscheds Regel-Poetik: Nachzulesen in der Critischen Dichtkunst mit ihrer direkten Anleitung zur Verfertigung eines Guten Buchs: "Der Poet wählet sich einen moralischen Lehr-Satz, den er seinen Zuschauern auf eine sinnliche Art einprägen will, dazu ersinnt er sich eine allgemeine Fabel, daraus die Wahrheit seines Satzes erhellet." Fertig - Gottsched. Versuch einer Critischen Dichtkunst. In: Ders. Schriften zur Literatur. Stuttgart: Reclam 1972. S: 161
12 Vgl. Kulturpolitisches Wörterbuch. Berlin/DDR: Dietz 1978 - und Christoph Diekmann: DDR als Textverhältnisse (a-z aus ZEIT Artikel)) .
13 Gingrich hat zwei sehr unterschiedliche PR Statements zu unserem Thema verbreiten lassen. Einmal tritt er auf als Lobbyist und Propagandist einer Medien- und Kommunikationsrevolution und scheint sich dabei vollends als Banause zu bestätigen. Wer noch nicht an das neue Zeitalter glaubt, wird als schlichtweg anachronistisch im polemischen Sinn von ewig-gestrig kritisiert: Zu viele hängen noch am Buch, seien noch immer ´too textbound und ´too book-oriented.´ Zugleich aber, und das interessiert hier allein, stimmt Gingrich auf eine technisch-pragmatische Weise in das Lob des Guten Buchs ein.
14 Daß diese Suche dann, wenn genauer betrachtet, mit einer auffallenden Regelmäßigkeit in publizistischen Texten, in Tagebüchern oder ähnlich expliziten Schriftem fündig wird, wäre ein andere, wenn auch sich hier anschließendes Thema.
15 Aus der Kanonrevision des - rot-grün regierten Schleswig Holstein . ist bekannt geworden, daß der gesamte Schulunterricht aus 4 basalen Grundwerten ( u.a. "Emanzipation der Frau" ) herausdeduziert werden soll. Literatur ist hier - wie zugegeben sehr oft in der Geschichte, nur ein Vehikel für eine vorab - und das meint stets: außerhalb von Lektüren festgelegte Bewußtsseinsschulung. Eine mildere Variante dazu findet sich dort, wo man das Gute Buch mit dem Verweis auf alten Funktionen von Literatur auszeichnen will. Doch die Codierung von Intimität leistet heute - und darauf hat Jochen Hörisch hingewiesen - weniger Romane als Filme wie "Fatal Attraction".
16 Dagegen fordert ein - im Wahlkampf den Umfragen und Parteistrategen höriger - Bob Dole von den Medien einen inhaltlichen - und das meint selbstreded: republikanisch-konservativen Wertekanon. Alle äußerungen Doles - immerhin möglicherweise der nächste Präsident der USA - lassen erkennen, so viele Kommentatoren , daß der, der hier spricht, vom dem, worum es geht, keine Ahnung hat. Weder kennt er die laufende Filmproduktion noch die Gegenwartsliteratur oder die Musik seines Landes. Statt dessen hält er sich an das, was er - wohl irriger Weise - für den Mainstream, für den Wählerwillen hält. Und wie ist das hierzulande?
17 Selbstredend gibt es auch auf beiden Seiten, dem ´Buch` wie auf Seiten des ´Lesens` eine fortwährende technische Innovation. In der Buchgeschichte kann man nachlesen, wann Paginierung oder Taschen(buch)größe eingeführt wurden: während man in der Geschichte der Hermeneutik erfahren kann, welche Neuerungen - und mit welchen kalkulieretn oder nicht-kalkulierten Effekten - in der Geschichte des Guten Buchs entwickelt und (manchmal auch) in pädagogischen Kontexten eingesetzt bzw. modifiziert worden sind. Wesentlich ist dabei - aber in der einer arbeitsteilig verfahrenden Fach, das zwischen Wissenschaft und Pädagogik tennt - weitgehend unbekannt, daß die hermeneutischen oder lesetechnischen Innovationen keineswegs, wie man heute zu glauben geneigt ist, primär aus dem Denkvermögen der Philosophie stammen. Zentrale Neuerungen - wie z.B. die cursorische Lektüre oder die dekonstruktive Lektüre (in der Version von Paul de Man) stammen wesentlich aus dem Lektüre-Unterricht!
18 Das gilt zunächst einmal für das allgemeine Schulsstem. An den (Spitzen-)Universitäten dagegen, wo in den ersten 2 Jahren alle Studenten allgemeinbildende Kurse belgen - und so in der Regel auch im Seminarraum Literatur lesen - sieht es anders aus: schließllich ist wohl aus genau diesem Grund die besonders aufwendige Form der dekonstruktiven Lektüre als Betätigungs-Modus des Guten Buches in den USA - nicht in Deutschland - für den gemeinen Leser praktizierbar geworden.
19 Auch in den intellektuellen Technologien des Guten Buchs gibt es - wie man bei Jacob Burckhardt etwa für die Zeit xy nachlesen kann - Rückschritte. ( vgl. a-z)
20 Dies ist selbst wiederum eine klassische Frage: Italo Calvino - z.B. - hat sie 1985/6 zur Ausgang genommen für eine Vorlesungsreihe über die Literatur im nächsten Jahrtausend: Six Memos for the Next Millennium. Seine Frage im genauen Wortlaut: "What should be cherished in literature?". Erschienen unter dem selben Titel: New York: Vintage 1993 (Cambridge: Harvard UP 1988).
21 Gute Bücher "will not yield their treasures to us unless we give something to them." (18) Alle Zitate aus: Gateway to the Great Books Bd. 1: Introduction. Encyclopaedia Britannica: Chicago (u.a.)1963. S. 1-34. Das stellt die weiterreichende Frage nach den Motivationen: was bringt einen Leser dazu, ein Buch mit derartigem Aufwand zu berabeiten? Zeit und Aufmerksamkeit in dieser Größenordnung zu investieren? Die Standard Antwort, also die, die gemeinhin mit der größten Plausibilität rechnen konnte, schiebt die Antwort auf den Gehalt, das Bedeutende, kurz: auf das, was das Buch an Inhalten für einen daran Interessiereten zu bieten hat. Um diese Motivation voll auszuspielen braucht es entsprechende Vermittlungsagenturen - etwa einen Wertorientierten Deutschunterricht, der bestimmte Buch-Auswahlen als Weisheitscontainer anpreist. Eine weitgreifende Wert-Semantik lockt, so ließe sich nüchtern die Situation darstellen, den für alles und nichts interessierten, den "browsenden", den frei herumschweifenden Leser an diese Futtertröge des Klassischen, des Wertvollen und wie immer die Vergegenständlichungen des Guten Buchs lauten. (Weitere Kandidaten: Genuß und Kennerschaft; Selbstvervollkommnung (auch: Unterhaltung und Belehrung ) ) .
22 Franck, Georg: Ökonomie der Aufmerksamkeit. In: Merkur Heft 533(1993). S. 748ff. Hier S. 758.
23 Folgerichtig zieht es die Theorie zu den neuen Medien. Schließlich gilt es jetzt - wo man noch nicht weiß, was aus den neuen Medien werden soll, auch ihnen den Status der Kunsttauglichkeit zuzuschreiben und entspechend sie zu besetzen mit neuen Spekulationen über die gesellschaftsweite Wirkungskraft ästhetischer Erfahrungen .
24 Muschg: FAZ Beilage (a-z) 1996.
25 Morin, Edgar: Kommunizierende Röhren. Elektronische Vernetzung, Selbstorganisation, Realitätserfahrung. In: Lettre Heft 34(1996) S. 12-14. Hier S. 12.