[Nikolaus Wegmann: Im Reich der Philologie. Vom Sammeln und Urteilen. © In: Konkurrenten in der Fakultät. Kultur, Wissen und Universität um 1900 (=Vorträge einer Tagung des Marbacher Arbeitskreises für Geschichte der Germanistik). Hrsg. v. Christoph König und Eberhard Lämmert. Fft/M: Fischer 1999. ]

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Im Reich der Philologie.
Vom Sammeln und Urteilen



Für die Literaturwissenschaft ist die Frage nach ihren Fachgrenzen ein immer wiederkehrender Anstoß zur Beschreibung der eigenen disziplinären Identität. Das gilt auch in der aktuellen Situation: Wenn ständig weitere Paralleldisziplinen und immer neue Paradigmen ausformuliert werden, stellt sich gleichsam im Rücken dieser allseitigen Veränderungen noch dringlicher die Frage, wo sich in all dem signifikante Trennlinien lokalisieren lassen. Um das Folgende von ausführlichen Bezugnahmen auf laufende Diskussionen und weit zurückreichende Traditionen freizuhalten, vorab zwei Präzisierungen:
1.Typischerweise versteht man im Kontext der Wissenschaftsgeschichte "Fachgrenze" als eine Abgrenzung nach außen. Hier interessieren jedoch Grenzziehungen innerhalb des Fachs. Man kann dann z.B. nach Fachgegenständen oder Schulbildungen unterscheiden oder auch, und das wird hier Thema sein, die Differenz von Zentrum und Peripherie anlegen. 1
Mit der ZentrumPeripherie Unterscheidung ist nicht Hauptstadt versus Provinz oder ZentralInstitut versus ProvinzUniversität gemeint. Die Unterscheidung wird auf die Disziplin selber bezogen, gelten doch bestimmte Bereiche des Fachs stets als zentral, andere dagegen als peripher: Innerhalb des Fachgebiets wird nach der ZentrumPeripherie Form differenziert und zugleich wird das so Markierte als Unterschiedenes und Unterschiedliches zusammengehalten.
2. "Paradigma" bezieht sich üblicherweise auf kognitive Prozesse und Strukturen eines Fachs und steht so für das epistemologische Muster, woran man das Fach erkennt. Auch wenn man sich dem anschließt, besteht heute nicht mehr eine Verpflichtung, sich auf Thomas Kuhn zu beziehen und nach einer allgemeinen Logik in der Entwicklung wissenschaftlicher Disziplinen zu suchen. Hier wird die Schwelle niedriger gesetzt und Paradigma als Leitdifferenz verstanden, an der sich ein Fach orientiert. Leitdifferenzen gewinnen ihre Plausibilität insbesondere dort, wo sie je aktualisiert werden, wo man sie in der Anwendung immer wieder neu bestätigt und sie in der Kette dieser Bestätigungen sowohl Dauer als auch Evidenz erlangen. Identitätsstiftende Paradigmen sind demnach vor allem in den basalen Operationen des Fachs zu suchen, in den kognitiven Grundoperationen der Disziplin sowie in deren Verhältnis zueinander.

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Fragt man nach den Grenzen der Philologie, fragt man nach dem, wofür das Fach zuständig sein will, dann fallen nicht nur gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Antworten wenig präzise aus. Nur zu oft endet der Versuch einer Begrenzung in langen Katalogen, oder man zitiert gleich die alte Unterscheidung von einer "engeren" und einer "weiteren" Philologie und versteht diesen Rückgriff zugleich als Hinweis auf die Schwierigkeit, für das Reich der Philologie überhaupt Grenzen angeben zu können.
Mit "Reich" ist hier weder eine Analogie zur Verfassungspolitik intendiert, noch wird auf ein historisch konkretes Reich angespielt, etwa auf den deutschen Nationalstaat. "Reich" ist als Metapher für einen Kommunikationsraum gemeint und bezeichnet so die für ein Reich typischen, vielleicht sogar konstitutiven Kommunikationsverhältnisse. Ein Reich ist kommunikationstechnisch gesehen die Folge so Luhmann und die KittlerSchule gleichauf 2 der Ausdehnung von Kommunikationsmöglichkeiten. Zur Form des Reiches gehört daher auch das Fehlen definitiver Grenzen. An ihrer Stelle findet man Horizonte, die das Erreichbare bestimmen. Für das Reich der Philologie kann man dies nachlesen etwa bei Ulrich von WilamowitzMoellendorff und seiner Einlassung auf die Standardfrage:"Die Philologie, was ist sie?" 3 Wilamowitz hält sich nicht mit langen PrinzipienErwägungen auf. Ohne Umschweife heißt es:"Wir wollen die Wissenschaft durch ihr Objekt bestimmen." 4 Dieses"Objekt" wird auf zweifache Weise näher bestimmt. Zuerst in einer hermeneutischen Fassung, dann direkt und konkret, und darin auch näher am Alltag des Faches. Der Reihe nach: Die das Fach bestimmende Zentralreferenz, sei, wie anders, das Altertum. Es wird gedacht als eine zusammenhängende"Kultur", als"Einheit", und folglich ist alles, was aus diesem Objektfeld stammt, getreu dem hermeneutischen Topos von Teil und Ganzem, auch für das Fach relevant:"jede kleinste Erscheinung [trägt] ihren Zug bei zu dem Verständnisse des Ganzen, aus dem sie ward, in dem sie fortwirkt. Weil das Objekt eines ist, ist die Philologie eine Einheit."5 Die zweite Version der Gegenstandsdefinition kommt ohne aufwendige Reflexion aus. Hier bestimmt sich das"Objekt" aus der"kleinlichen Werkeltagsarbeit"6, und ist demnach definiert durch das, was man tagtäglich als Philologe tut. Zumindest: was die meisten tun, also der sogenannte Durchschnitt des Fachs. 7 Das folgende Zitat aus Wilamowitz’ Rede schließt unmittelbar an die hermeneutische Version der Objektbestimmung an. Jetzt genügt die schiere Reihung von Dingen und Sachverhalten, die auch noch zum Feld des philologischen Wissens zu rechnen sind:"Die Partikel an und die Entelechie des Aristoteles, die heiligen Grotten Apollons und der Götze Besas, das Lied der Sappho und die Predigt der heiligen Thekla, die Metrik Pindars und der Meßtisch von Pompeji, die Fratzen der Dipylonvasen und die Thermen Caracallas, die Amtsbefugnisse der Schultheißen von Abdera und die Thaten des göttlichen Augustus, die Kegelschnitte des Appolonius und die Astrologie des Petosiris: alles, alles gehört zur Philologie, denn es gehört zu dem Objekte, das es verstehen will, auch nicht eines kann sie missen."8

Das liest sich wie das Manifest einer panantiken ReichsPhilologie: Wilamowitz plädiert mit seiner Prorektoratsrede von 1892 für eine Philologie, die all das, was zu ihr respektive zu dem für sie reklamierten Gegenstand gehört, auch in ihren Kompetenzbereich hereinholt. Es wird ein Fach präsentiert, das entsprechend dem hier abgesteckten"ungeheuren Wissensgebiet" 9 expandieren will, ja nach dieser Selbstbindung an ein unendliches ObjektFeld auch expandieren muß. Dieses Reich der Philologie10ist der SinnHorizont für die wissenschaftliche Kommunikation der Philologen. Grenzen werden, wenn überhaupt, nur als vorübergehende Einschränkungen hingenommen: Die "gesamte" Antike ist das der Philologie zustehende und von ihr in Besitz zu nehmende Territorium.

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Reiche haben, trotz oder wegen ihrer Größe (auch) Probleme. Sie sind nicht so stabil, wie ihre Präsenz es suggeriert. Gerade ihr sichtbarster Erfolg, die andauernde Expansion, provoziert eigene, selbst zu verantwortende Schwierigkeiten. Je weiter sich das Reich ausdehnt, desto mehr rücken Zentrum und Peripherie auseinander, und das heißt zunächst einmal: Es wird für das Zentrum immer schwerer, die Kontrolle aufrechtzuerhalten. Wenn jedoch die Randgebiete nicht mehr rückgebunden sind, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, daß sie verlorengehen. Andere Größen und Mächte werden auf die führungslos gewordenen Gebiete zugreifen und eine territoriale Neuausrichtung zu ihren Gunsten versuchen.

Genau diese Gefahren der Expansion beschwört der Marschbefehl "zu den Sachen". Wenn die Disziplin an ein"ungeheures" Objektfeld gebunden wird, wenn jeder Fund auf diesem Feld sich (noch) als ein Umwandeln von Unbekanntem in Bekanntes verstehen läßt, dann breitet sich die Disziplin allein dadurch aus, daß sie sammelt und das meint stets: weiter sammelt. Belege dafür, und auch dies wohl nur als Spitze des Eisbergs, sind die großen, z.T. über Generationen hinweg geführten Unternehmungen wie etwa die unter Wilamowitz’ Führung organisierte"Sammlung der griechischen Inschriften" 11 als ostentative Erfolge philologischer Arbeit.

Doch das Sammeln ist keineswegs so schlicht, wie man lange geglaubt hat. Die epistemologische Unterströmung, die von dieser Tätigkeit ausgeht, wird unterschätzt. Was macht der Philologe, wenn er sammelt? Oder sollte es heißen: Was passiert mit ihm? Auffallen muß, daß das Sammeln in sich keine Grenze, keinen fixen Zielpunkt kennt. Es gilt stets nur: Man sammelt, was man noch nicht hat, und das, was man noch nicht hat, interessiert bereits allein aufgrund dieser Stellung in der Logik des Sammelns. Hat eine Sammlung erst einmal angefangen, dann wird im Blick des Sammlers gerade das, was er noch nicht hat, besonders interessant. Das ist ein unabschließbares Motiv, das für den Sammler zur Konsequenz hat, daß er immer weiter in den Ozean der potentiell vollständig zum Gegenstand des Sammelns werdenden ObjektWelt hinausgezogen wird. Jeder Fund, so Michael Cahn in seiner Hermeneutik des Sammlers, ist immer nur"Auslöser dafür [...] einen weiteren zu suchen." 12
Kurz, und auf den Kern der Sache verweisend: Jede"funktionierende Sammlung" so Boris Groys mit Blick nicht auf die Philologie, sondern das Museum "expandiert". 13Expansion ist der Normalzustand.

All dies gilt keineswegs nur für Archäologen oder EditionsPhilologen und deren Suche nach Textzeugnissen. Nicht umsonst nämlich sind die Etymologien von "Lesen" und "Sammeln" miteinander verbunden. 14So ist das Sammeln auch ein Modus des Lesens. Schließlich liest gerade der Philologe auf Funde. Im sammelnden Lesen werden ihm die Texte zu Fundfeldern von möglichen Zitaten:"Dieses Lesen gilt der Eventualität eines Zitats, es lernt nicht, es genießt nicht, es folgt nicht der Linie der Geschichte, sondern zerlegt diese in seine wiederum wiederverwendbaren Elemente." 15
Das Lesen liest demnach auf Wiederverwendbarkeit, auf Verwertbarkeit. Doch die kann sich im Vergleich zum Akt des Sammelns nur nachträglich und als Ergebnis einer weiteren Operation einstellen. Bis dahin müssen diese Funde gelagert bzw. erst einmal eingesammelt werden. Zum Beispiel in Florilegien oder Promptuarien oder, um wieder an die SammelOffensiven der Philologie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu erinnern, in kleinen und großen Fundbüchern, in Miszellen oder InschriftenKatalogen. 16
Dieses Lesen ist demnach kein SichSammeln, kein meditatives Verweilen, sondern greift mehr"seriell" (M. Cahn) auf den Gegenstand und dies zu einem Zeitpunkt, wo die Ausrichtung des neuen Funds auf einen valorisierenden Kontext noch nicht geschehen ist. Aufgrund dieser Vorläufigkeit ist das sammelnde Lesen eine nichthermeneutische, nicht auf Sinn gerichtete Lektüre. Gleichwohl ist die Verbindung vom Sammeln zum disziplinären Wissen klärungsbedürftig. Zwar wächst im Fortgang des Sammelns das Reich der Philologie, wird immer mehr und anderes in ihren Kommunikationsbereich hineingeholt. Doch folgt nur diese Expansion einer quantitativen Logik. Keineswegs gilt, daß je mehr man sammelt, desto größer auch das Wissen ist. Einen stetigen Wissenszugewinn gibt es nicht. Denn wo wäre die Garantie, daß die Menge der Funde auch tatsächlich in Bedeutung umgewandelt werden kann? Ist nicht wahrscheinlicher, daß die stets weiter wachsenden Sammlungen umgekehrt anerkanntes Wissen unterminieren bis in der Fülle des immer neu und anders Beigebrachten am Ende jede auf ein Allgemeines zielende These sich auflöst?

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Sammlungen legt man vor allem für andere an,"so daß jeder Forscher, der das einzelne brauchte, sicheren Rat fände." 17 Das sind Philologen, die ein anderes Verhältnis zu diesen EinzelGegenständen haben, als es der Sammler hat. In der Disziplin heißt Sammeln zuarbeiten und das bringt das Zentrum in den Blick. Hier dominiert eine andere Form der Zuwendung zu den Dingen. In der Selbstbeschreibung des Fachs ist sie typischerweise als die eigentliche, im vollen Sinn philologische Form des Gegenstandsbezugs anerkannt. Auch hier weist die Tradition weit zurück; sie ist sogar zum Fachtitel "Philologie" selber kondensiert:"How then do we define philology? Perhaps we can do no more than define it by paraphrase of its constituent parts, that is: by philology is meant the conducting of a philia relationship (that is, in a relationship of ‘affection’, ‘respect’, and ’close proximity’ to the logos (that is, the ‘word’, or the ’text’).18
Das ist nicht Wilamowitz, sondern Richard F. Thomas, Philologe an der Harvard Universität, und er sagt dies nicht im 19. Jahrhundert, sondern 1988 in Boston.

"Philia", auch hier mit Freundschaft übersetzt, steht für ein Ethos, das verlangt, daß man Sympathie und Engagement für das aufbringt, was einem nahesteht. Hier wird eine Haltung zum Gegenstand eingefordert, die ganz auf den besonderen Wert respektive die außerordentliche Wertschätzung setzt, die man schon immer der Antike entgegenbringt. Das "Klassische" ein Imperativ, der als Eigenwert philologischer Kommunikation sich immer wieder neu reproduziert hat Priorität, und entsprechend soll von hier aus diese besondere Qualität des Gegenstands für das Fach insgesamt glaubhaft werden. Das Zentrum, und das ist seine wesentliche Formbestimmung, lebt, ja die Philologie als Disziplin soll sich gerade dadurch auszeichnen, daß sich das Fach mehr als jedes andere auf diesen lebendigen und verlebendigenden Mittelpunkt hin ausrichtet.
In der Philologie, so derselbe Wilamowitz, der eben noch den universalen, in eine uferlose Breite ausgreifenden Sammelauftrag propagiert hat, ist der"centripetale Zug stärker [...] als sonst irgendwo". Als wäre das nicht genug, fährt Wilamowitz fort:"das behaupte ich, weil es eine Thatsache ist, eine offenkundige, und wie mich dünkt, eine merkwürdige." 19
Zentrum und Peripherie sind so zunächst einmal verteilt. Allerdings ist über die grundsätzliche Anknüpfung an das philologische Ethos hinaus nicht geklärt, wie das Zentrum dieser überkommenen Einstellung gerecht zu werden versucht und zwar insbesondere dann, wenn (auch) die Philologie sich als neutrale Wissenschaft ausweisen will oder muß. 20
Natürlich gibt es eine hehre Semantik, die immer wieder sagt, daß die Antike wertvoll, bildend, exemplarisch, klassisch ist, daß das Altertum Ideal, Norm, Vorbild ist oder sein soll. All dies ist Standard, ist etwas, das immer wieder gesagt wird und offensichtlich gesagt werden muß. 21
Die schiere Wiederholung, schon gar nicht als Festtagsrede oder Legitimationsprogramm, kann jedoch dieses epistemologische Vorurteil kaum geltend machen und dies um so weniger, als die Disziplin auf immer neues Gelände ausgreift. Es entsteht eine Situation, in der mehr anfällt, als eine der philia verpflichtete Epistemologie verarbeiten kann. Das Fach, scheinbar erfolgreich wie nie, stürzt in die Krise. Jedenfalls ist das die Einschätzung Nietzsches. 22
Er interveniert als ein Reformer, der, wie das immer bei Geschichten von alten und großen Reichen ist, den Niedergang abwehren will. Gelingen soll dies, indem das Verhältnis von Zentrum und Peripherie wieder neu justiert wird, um ihre ungleiche Balance wiederherzustellen. Nach Lage der Dinge kann das jetzt nur heißen:
das Zentrum stärken.

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Nietzsches Kritik am Zustand seines Fachs zeigt auf die Risiken einer vornehmlich als Sammlung betriebenen Philologie. Als praktizierender Philologe weiß er, daß jedes Sammeln auch umschlagen kann in ein Desaster: Zwar ist es gängige Praxis, daß man das, womit man sich beschäftigt, auch ordnet, es verzettelt, und so fließend den Übergang in die Bearbeitung der Funde vollzieht. Aber man kann sich dabei stets auch verzetteln und sich unversehens in der Masse der Funde verlieren.

Genau diese Kritik findet sich unter dem Titel "Alexandrinismus", und ist damit, so vermute ich, zugleich die philologische Fassung des HistorismusProblems. Was ist gemeint? Wenn Nietzsche seine Gegenwart als"alexandrinische Kultur" 23 bezeichnet, dann kritisiert er an ihr einmal, daß man sich bei dem, was man Wissen will, keine Grenzen mehr auferlegen will oder kann. Die im Zeichen des Historismus stattfindende Entgrenzung verführt zu einer"überreichen Wissenslust", die statt zu einer Erfüllung und das geht direkt auf das Sammeln als Modus des philologischen Wissens nur ein"ungesättigtes Finderglück" 24 erreichen kann.
"Alexandrinismus" beschwört demnach nicht zufällig Alexandria als den mythischen Ort der alles und jedes sammelnden Bibliothek. "Alexandrinismus" ist der Name für einen Zustand, wo das Wissen sich ungeheuer ausgedehnt hat und sich immer weiter ausdehnt, ohne daß erkennbar wird, ob diese Expansion überhaupt noch zum Halten kommen wird. 26
Das aber muß für das Wissen, und das ist die zweite, entscheidende Stoßrichtung der Kritik, negative Folgen haben. Nietzsche registriert als Folge dieser WissensDynamik eine"ungeheure Verweltlichung" 27, die die erhoffte positive Kraft, durch die sich das philologische Wissen als ein eigenes Wissen auszeichnen soll, unterminiert. Am Ende, wenn die Philologie vollends "alexandrinisch" geworden sein wird, ist als Ergebnis nur noch zu bilanzieren:"Die Folgenlosigkeit des Buches für alles Leben als Regelfall". 28

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Das Zeitalter des Historismus bedeutet für das Reich der Philologie demnach eine Schwächung des Zentrums. Ihre gesamte innere Ordnung scheint gefährdet, weil ein kraftlos gewordenes Zentrum die alte, im Grenzverlauf von Zentrum und Peripherie angelegte Arbeitsteilung und damit auch die kraft dieser Unterscheidung organisierte Produktivität zu kippen droht. Das ungebremste"Finderglück" erschlägt durch die unaufhörlich heranbrandende Masse an historischem Material Bedeutung, Aura oder Autorität einer "klassisch" gedachten Antike.
Fällt aber das Zentrum vollends aus, kann kann nicht mehr unterschieden werden zwischen"Wichtigem" und"Unwichtigem", zwischen"Meisterwerken und Machwerken".
Der einmal in Gang gesetzte Prozeß verstärkt sich noch. Die Peripherie rückt noch weiter weg, und die Gefahr wächst, daß sie ihre Arbeit umsonst macht oder gar der philologischen Katastrophe, dem Verzetteln, entgegenarbeitet. Ohne die Rückbindung an das Zentrum, ohne die Arbeit an der Wiederverwendung der Funde, so Nietzsche, ist"der größte Teil jener Ameisenarbeit einfach Unsinn und überflüssig." 29
Daß Nietzsche seinem Fach die Leviten liest, ist bekannt. Nicht minder bekannt ist, was er dem Alexandrinismus entgegensetzen will:
eine lebendige und bedeutende Antike, die"altgriechische Urwelt des Großen, Natürlichen und Menschlichen".30
An dieser Stelle kann nicht Nietzsche als Philologe zum Thema werden. Er interessiert in diesem Kontext, weil er ein allgemeines, möglicherweise für die Philologie noch immer passendes Problemformular aufgesetzt hat. Selbstredend kann dieses Formblatt unterschiedlich ausgefüllt werden. Aber selbst ein Wilamowitz, der typischerweise als der Antipode zu Nietzsche gilt, hat dieses Problemformular und darauf kommt es hier an ausgefüllt. Auch er stellt sich der Frage nach dem "Zentrum", auch wenn sein Antwort ungleich schlichter ausfällt als das, was z.B. Nietzsche entwickelt: 31
Selbst wenn das Fach noch so weit ausgreift und immer mehr aus seinen Territorien zusammenträgt, wird für Wilamowitz die Expansion nicht problematisch:"Die Vermehrung des Materials ändert das Ergebnis, nicht die Methode." 32
Das Zentrum ist für ihn weniger ein epistemologisches Grundproblem als eine im wörtlichen Sinne zentrale SammelStelle, die alle Funde zusammenführt, auf daß sich aufgrund der einfachen Tatsache, daß sie möglichst vollständig sind, ein "Vollbild" (Wilamowitz) einstellt. Sicher ist, daß Wilamowitz das nicht nur für realisierbar gehalten hat. Er glaubte die herkulische Arbeit des totalisierenden Überblicks auch selber gelöst zu haben.
Die Bibliographie seiner Publikationen, und sie wäre der Beweis dafür, zählt mehr als 650 Titel.

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Die hier allein mögliche Skizze läßt es nicht zu, weitere Eintragungen in das von Nietzsche an die Philologie ausgegebene Formular zu sichten. Stets aber, und das betrifft die generellen Anforderungen, die bei der jeweiligen Bearbeitung des Formblatts zu beachten sind, muß ein Zentrum Differenzierbarkeit bereitstellen:
Ex luto aurum, so sagt es der Topos. Man muß aus Tonnen von taubem Gestein Klümpchen von Gold herausdestillieren können. Dafür braucht es, und das weist zugleich auf die philologischen Operationen, die das Zentrum als Zentrum organisieren muß, Wertigkeiten, Selektivität, Konnektivität und Hierarchien.
Diese Anforderungen markieren noch kein kognitives Niveau. Die Qualität der Antworten differiert enorm. So hat die Disziplin nur zu oft sich auf externe, von der Politik gegebene Vorgaben eingelassen und das Zentrum einem jeweiligen Fundamentalismus überantworten wollen. Eine andere Linie dagegen stellt sich den epistemologischen Schwierigkeiten eines der philia verpflichteten Gegenstandsverhältnisses und markiert ihren Einsatz mit einer zeitlosen Polemik, die zugleich ein Reflexionsniveau setzt, das jeden Fundamentalismus ausschließt:
"Als ob die Werte in den Dingen stecken und man sie nur festzuhalten hätte." 34
Das korrigiert zugleich das (zu) einfache Bild vom Goldkorn im tauben Gestein. Was wichtig ist, kann gerade nicht aufgesammelt oder einfach aus dem Schutt freigelegt werden, sondern muß in eigenen Operationen erst herausgearbeitet werden. Es braucht vor allem die Konfrontation, das gegeneinander Abwägen der Funde. Doch das ist eine voraussetzungsreiche Operation, weil sie auf kulturelle und ästhetische Konstruktionen angewiesen ist. 35
Erst auf dieser Basis kann der valorisierende Vergleich stattfinden. Daß solche Konstruktionen sollen sie geltungsstark sein! höchst anspruchsvolle Anforderungen an das Fach stellen, versteht sich von selbst, und das gilt auch dann, wenn man konzediert, daß inzwischen ein beträchtlicher Fundus an Konstruktionsunterlagen bereitliegt. Fraglich jedoch ist, ob alles nur eine Frage der besten oder bestmöglichen Konstruktion ist.
Gut möglich, daß auch ein "objektiver" Vergleich nur dann zu einem Resultat kommt, wenn zugleich beurteilt wird. Vielleicht ist auch der sorgfältigste Vergleich in seinem Kern nur ein Urteil, das jetzt, in der Figur des Vergleichs, nur explizit und nachträglich gerechtfertigt wird."Urteilen", so jedenfalls Nietzsche über die eigentliche Aufgabe wie die problematische Epistemologie der Philologie,"ist am schwierigsten".36

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Kann man hier abbrechen? Vielleicht, wenn man wüßte, wo wir eigentlich stehen. Um 1900? Um 2000? Oder haben wir nur einmal mehr festgestellt, daß Nietzsche ein Klassiker ist, weil er uns Fragen hinterlassen hat, für die wir auch jetzt Antworten suchen?
Womöglich jetzt mehr denn je, weil wir uns auf ein neues, im Zeichen weltumspannender Computernetze stehendes, alexandrinisches Zeitalter zubewegen? Zu bedenken wäre dann, daß nach der Logik der ZentrumPeripherie Unterscheidung das Zentrum stärker auf die Peripherie angewiesen ist, als dies umgekehrt der Fall ist. Die Peripherie scheint sich jedoch heute zu wandeln. Sie steht nicht mehr für Inschriften oder Textzeugnisse, sondern für das, was man als Faktizität der Medien bezeichnet und unter dem Titel Neue Medien mehr und mehr an Raum gewinnt.
Kann man auch das noch von einem lebendigen Zentrum aus rückbinden an ein UrteilsWissen? Oder sind das Fragen von gestern?37Vielleicht ist ja auch schon das Zentrum leer 38 und dann gäbe es auch keine Peripherie mehr. Oder nur noch Peripherie.




Anmerkungen




1 Zur generellen Konstellation: Niklas Luhmann, Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt am Main 1984, S. 258ff.

2 Einen Anfang für diese Sicht findet sich bei: Harold Innis, Empire and Communications, Toronto und. Buffalo 1950. Daran (und an Michel Foucault) schließt an: Bernhard Siegert,"Der Untergang des römischen Reiches", in: Paradoxien, Dissonanzen, Zusammenbrüche. Situationen offener Epistemologie, hrsg. von Hans U. Gumbrecht und Karl L. Pfeiffer, Frankfurt am Main 1991, S. 495514. Das Reich als Folge von expandierenden Kommunikationsmöglichkeiten wird expliziert mit Blick auf die (Verbreitungs) Medien der Kommunikation: so ist z.B. die Post als Zustellinstanz für den Befehl bzw. die Befehlsgewalt Inbegriff imperialer Macht.

3 Ulrich von WilamowitzMoellendorff,"Philologie und Schulreform. Prorektoratsrede, gehalten zur akademischen Preisverteilung am 1. Juni 1892", in: ders., Reden und Vorträge, 2. Aufl., Berlin 1902, S. 96119, hier S. 104.

4 Ebd.

5 Ebd., S. 105.

6 Ebd., S. 108.

7 Und die Großen, die Meister des Fachs? In ihrem Fall ist der "Alltag" nicht die einzige oder auch nur überwiegende Form philologischer Arbeit:"Wenig ist charakteristischer für Benjamin, als sein Blick für das zugleich Geringste und Größte". So mit Rekurs auf das Urteil von (u.a.) Gershom Scholem: Roland Kany, Mnemosyne als Programm. Geschichte, Erinnerung und die Andacht zum Unbedeutenden im Werk von Usener, Warburg und Benjamin, Tübingen 1987, S. 189.

8 WilamowitzMoellendorff,"Philologie und Schulreform" (Anm. 3) , hier S. 105 (Herv. N.W.).

9 Ebd.

10 Vgl. Wilamowitz’ Aufsatz (von 1914) mit gleichem Titel in: ders.: Kleine Schriften, Bd. 4, Berlin 1969, S. 402416. Die Sammlung, so der diesem Aufsatz vorangestellte Bericht, ist schon 1815 gestartet worden und hat demnach zu diesem Zeitpunkt bereits eine 100jährige Geschichte. Ebd., S. 412416, bes. S. 412

11 Michael Cahn,"Das Schwanken zwischen Abfall und Wert. Zur kulturellen Hermeneutik des Sammlers", in: Merkur, 1991, S. 674690, hier S. 679.

12 Boris Groys,"Sammeln, gesammelt werden. Die Rolle des Museums, wenn der Nationalstaat zusammenbricht", in: Lettre, H. 33, 1996, S. 3237, hier S. 34.

13 Zum Verhältnis von Lektüre und Kollektion, von legere und collegere: Cahn,"Schwanken zwischen Abfall und Wert" (Anm. 17), S. 683.

14 "Jeder Text zerfällt in seine Stellen: solche die man sich merken möchte, anstreicht [...] aufhebt oder abschreibt." Ebd.

15 Die philologische Basisoperation schlägt sich in fachspezifischen Wissenschaftsgenres nieder. Typische Titel aus den Anfängen (z.B.) der Deutschen Philologie sind: Findlinge (1860), Fundgrube für Geschichte deutscher Sprache und Litteratur (18301837), Miscellaneen zur Geschichte der teutschen Literatur (1807) oder Museum für altdeutsche Literatur und Kunst (18091811). Vgl. Ulrich Hunger,"Altdeutsche Studien als Sammeltätigkeit", in: Wissenschaft und Nation. Zur Entstehungsgeschichte der deutschen Literaturwissenschaft, hrsg. von Jürgen Fohrmann und Wilhelm Voßkamp, München 1991, S. 8998, bes. S. 90.

16 WilamowitzMoellendorff,"Bericht über die Sammlung der griechischen Inschriften" (Anm.10), S. 413.

17 Richard F. Thomas,"Past and Future in Classical Philology", in: On Philology, hrsg. von Jan Ziolkowski, University Park / London 1990 [=Vorträge zur Tagung"What is Philology?" im März 1988 an der Harvard University], S. 6674, hier S. 69.

18 WilamowitzMoellendorff:"Philologie und Schulreform" (Anm. 6), S. 109 (Herv. N.W.).

19 Für Wilamowitz gibt es keinen Zweifel an der Dominanz wissenschaftlichen Wissens auch auf dem Feld der Philologie: Die Wissenschaft ist für ihn die"Majestät". Ebd., S. 108.

20 Nietzsche ist trotz seiner singulären SelbstAufgeklärtheit als praktizierender Philologe demnach durch andere Namen, durch andere Vertreter des Zentrums austauschbar.

21 Friedrich Nietzsche, Geburt der Tragödie, in: ders.: Werke, hrsg. von Karl Schlechta, 6.Aufl., Bd. 1, München 1969, S. 100.

22 Ebda., S. 128.

23 Wenn überhaupt, so Nietzsche, braucht es ein"GegenAlexandern". Nietzsche: Geburt der Tragödie (Anm. 21), S. 103.

24 Ebenda. S. 128.

25 Zitiert nach Josef Fürnkäs,"Die Bibliothek als Ort fiktiver Identitäten", in: Identitätskrise und Surogatidentitäten. Zur Wiederkehr einer romantischen Konstellation, hrsg. von Cornelia und Richard Stäblein, Frankfurt am Main und New York 1989, S. 307ff., hier S. 325.

26 Friedrich Nietzsche: Wir Philologen, in: ders.: Werke, hrsg. von Karl Schlechta, 6.Aufl., Bd. 3, München 1969, S. 326.

27 Friedrich Nietzsche:"Vom Nutzen und Nachteil der Historie", in: ders.: Werke, hrsg. von Karl Schlechta, 6. Aufl., Bd. 1, München 1969, S. 261.

28 Vgl. Nikolaus Wegmann,"Was heißt einen "klassischen Text" lesen? Philologische Selbstreflexion zwischen Wissenschaft und Bildung", in: Wissenschaftsgeschichte der Germanistik im 19. Jahrhundert, hrsg. von Jürgen Fohrmann und Wilhelm Voßkamp, Stuttgart 1994, S. 334450, bes. Abschnitt VI (Nietzsche), S. 419441.

29 Wilamowitz in seinem Vorwort zum Glauben der Hellenen. Zitiert nach Uvo Hölscher, Ulrich von WilamowitzMoellendorff, in: Neue Rundschau, 1962, S. 166185, hier S. 177.

30 Vgl. Ebd., S. 167.

31 Friedrich Nietzsche,"Aus dem Nachlaß der Achtzigerjahre", in: ders.: Werke, hrsg. von Karl Schlechta, 6. Aufl., Bd. 3, München 1969, S. 447.

32 Wissenschaftliches Wissen weiß, daß es keine natürliche Qualitäten oder überzeitliche Konstanten gibt, sondern "nur" Konstruktionen. Allerdings, so stellt Culler in seinem Plädoyer für eine dekonstruktive Philologie klar, ist die Philologie in ihrem Umgang mit Konstruktionen frei. Sie kann auch in einer"critique of construction" ihr eigentliches Ziel haben. Jonathan Culler,"AntiFoundational Philology", in: On Philology (Anm. 17), S. 4951, hier S. 51.

33 Friedrich Nietzsche,"Wir Philologen" (Anm. 26), S. 326.


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last update 01/11/00 by Mladen A. Gladic