[Nikolaus Wegmann: Wer von der Sache nichts versteht, macht Theorie. Zur Curiositas der Literaturwissenschaft. © (= Vorlage für das DFG Symposion zur Wissenschaftsforschung 1998 unter Vorsitz von J. Schönert). Stuttgart: Metzler (10.Dez.) 2000 ]



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"Wer von der Sache nichts versteht, macht Theorie"

Ein Topos der philologischen Curiositas



"Es fragt sich aber doch, was Grimm an der Arbeit gehalten hat."
Ulrich Wyss: Die wilde Philologie

"Im übrigen liest man sich nie direkt. Ich weiß wohl, daß man immer von Schemata und Vermittlungen aus liest."
Jacques Derrida im Interview mit Florian Rötzer (1986)



Die Literaturwissenschaft gilt als schlecht konsolidierte Disziplin. Es fällt ihr schwer zu sagen, was sie ist oder was sie nicht ist, was sie wissen will und was nicht. Inzwischen erscheint zweifelhaft, ob sich das Fach überhaupt noch solchen Fragen stellen kann. Die Zeit ist vorbei, in der die Philosophie als erste Autorität anerkannt war und das Fach sich von der Ästhetik als Verbindung von Literatur (als Kunst), Erkenntnistheorie und Ethik hat soufflieren lassen.1 Das wuchernde Ineinander von Unter, Neben und BindestrichWissenschaften belegt offensichtlich, daß es der Literaturwissenschaft an Profil und Richtungssinn fehlt. Jedenfalls sind nicht nur Außenstehende verunsichert: Hat das Fach eine ‘reiche Vielfalt’ oder versinkt es in ‘bloßer Beliebigkeit’?
Die ungeklärte Lage läßt sich als Krise darstellen2, die dann ihrerseits Bemühungen um eine andere Literaturwissenschaft zu legitimieren hat. So zielt die Bürokratie mit ihren Mittelzuweisungen auf eine Umwidmung der Lehrstühle, die dem Fach zu jenen Innovationen verhelfen soll, zu denen es aus eigener Kraft nicht fähig scheint.3 Parallel dazu hat man eine FindungsKommission aus Wissenschaftsforschern, Vertretern der Wissenschaftsstiftungen und des Bundesforschungsministeriums eingerichtet, die ebenso grundsätzlich wie ergebnisorientiert klären soll, wie man herausfindet, was man wissen will: "Suchprozesse für innovative Forschungsfelder" heißt der offizielle Auftrag, und das Ergebnis wird Grundlage für die künftige Schwerpunktbildung der Wissenschaftsorganisationen sein. So aufgeklärt, wollen sie dann eine Literaturwissenschaft, die nicht in der Lage scheint, ihre Curiositas selbst zu modellieren, auf Kurs bringen.4

I.
Verschiedenheit oder Pluralität sind nicht per se ein Problem. Vielfältigkeit kann auch anregen, kann Variation und Innovation anstoßen. Erst wenn das Volumen des möglichen Wissens überhandnimmt, ändern sich die Vorzeichen. Die Fülle dessen, was man auch noch wissen kann, wird kontraproduktiv, das Fach stagniert oder schließlich geht es hier um die Philologie es verzettelt sich. Folgt man diesem unbestreitbaren Für und Wider, wird man dem Fach eine mittlere Bandbreite, eine große, aber eben nicht zu große Auffächerung empfehlen. Doch dieser Mittelweg wird den Verhältnissen nicht gerecht. Er unterstellt Planbarkeit und Regelung, wo das Fach gegen Limitierungen angeht, und dies als wissenschaftliche Disziplin auch tun muß: Für den wissenschaftlichen Drang nach Wissen darf es keine festen Grenzen geben. "Die Neugierde", so Johann Georg Schlosser, "will nur erwerben, was sie noch nicht hat, ohne sich zu bekümmern [...] wie es sich mit dem verträgt, was sie vorhin schon hatte."5 Folglich ist die Unübersichtlichkeit des Fachs auch nicht schon der Beweis für ein OrganisationsDefizit. Zunächst handelt es sich um die Folge einer für die Wissenschaft signifikanten Wissensdynamik: Der Forschungsimperativ, die wachsende Internationalisierung oder eine immer neue Kombinationen suchende Interdisziplinarität setzen als strukturelle Eigenschaften der Wissenschaft eine Produktion wissenschaftlichen Wissens frei, die jede Rückversicherung in festen Ordnungen fraglich macht: Das moderne Wissenschaftssystem "radikalisiert [...] den Produktionsgesichtspunkt in einem solchen Maße, daß es in der Folge eigentlich keine Garantie mehr gibt, daß die Wissenschaft gleichzeitig auch noch hinreichend stabile Strukturen zu bilden imstande ist, die die unablässige Produktion von Forschungsneuheit auffangen, kontrollieren und sie zuverlässig instruieren könnten."6
Mit Blick auf die Ausgangsfrage kann dies nur heißen, daß es aussichtslos ist, das ‘amorph’ gewordene Fach durch eine Ordnung ersetzen zu wollen, die vorgibt, welches Wissen noch nicht vorhanden und wo Gefundenes dann einzupassen ist. Die Curiositas wird sich als ‘Wißbegierde’ nicht daran halten und das gilt auch für ein Fach, das lange von sich behauptete, daß es sich vornehmlich für tote Sprachen respektive nur für abgeklärte Phänomene interessierte: "Der Impuls zur Philologie", so Heiner Müller dazu, "ist eigentlich Gier. Es gibt ja nicht nur Neugier, es gibt auch eine Altgier. Das ist fast dasselbe. Einfach alles haben wollen, alles greifen, alles wissen wollen."7
‘Alles’ ist jedoch ein Grenzwert. Er läßt jede Unterscheidung, jede Diskriminierung zusammenkippen und unterläuft so jeden Ordnungsversuch. Oder, als Aufgabe und darin auch als Perspektive für das Folgende formuliert: Das Fach, obwohl es zum ‘Alles’ hin tendiert, kann sich selbst nur immer gegen das ’Alles’ realisieren.8 Als wissenschaftliche Disziplin muß das Fach es mit seiner eigenen Curiositas aufnehmen. Klar ist, daß die Lösung nicht in ihrer Abschaffung liegen kann.9 Andererseits, und dies ist das Motiv für das Folgende, könnte die Auseinandersetzung mit der Curiositas Aufschluß über die Frage einer facheigenenen Epistemologie geben. Ob das Fach tatsächlich eine genuine, ‘naturalisierte’ Form von Wissenschaftlichkeit besitzt, ist nicht ausgemacht. Sicher ist jedoch, daß die Arbeit an dieser Frage sich nicht auf das Reflexionswissen einer nur retrospektiven Wissenschaftsgeschichte beschränken kann.

II.
Wenn das Problem einer "selbstbewußten Curiositas" (Blumenberg) statt der Legitimität ist es die schiere Fülle des neuen Wissens, die beunruhigt bekannt ist, wird es bereits Erfahrungen im Umgang mit ihm geben.10 So ist es vielleicht auch eine Reaktion auf die Schwierigkeiten mit der Curiositas, wenn man den Fortgang des Fachs den persönlichen Neigungen der Wissenschaftler überläßt.11 Dies ist ein Vorgehen, das die Praxis des Fachs bestätigen wird, aber es kann nur solange als Lösung mißverstanden werden, wie ein fortdauerndes Größenwachstum der Disziplin Richtungsentscheidungen aufschiebt. Setzt die institutionelle Expansion aus, entstehen sofort ‘Orientierungskrisen’, weil jetzt entschieden werden muß, was weitergeführt und was besser ab oder aufgegeben wird.12 In dieser Situation fehlen dann Kriterien und Maßstäbe, um Wichtiges von weniger Wichtigem unterscheiden zu können. Doch woher nehmen? Naheliegend ist, sich einen Überblick über den Bestand als sichere Basis für alles weitere zu verschaffen. Aber die Herstellung von Übersichtlichkeit ist kein leichtes Unterfangen. Kein Wissenschaftler kann sich den Bestand selbst anschauen und gleichsam einen Ansatz nach dem anderen, eine Fachrichtung nach der anderen ausprobieren, um dann seine Empfehlung abzugeben. Praktikabel ist nur, sehr viel parallel zu lesen, zu bestimmten Themenbereichen, Positionsdebatten, großen Namen oder großen Werken.13 Daraus entwickelt sich eine Sensibilität für schon Bekanntes, man sieht einen ‘Stand der Forschung’ und scheint damit auch zu wissen, was das Fach wissen will und was nicht. Doch dieses Überblickswissen hat nur begrenzte Reichweite. Zwar gibt es im Fach zu jedem gegeben Zeitpunkt ein weites Feld von Themen, Methoden und Theorien und zu all dem auch wieder einen ‘Forschungsüberblick’, von dem sich dann Neues abhebt. Doch ein Neues, das sich nur in Kurzzeitkonjunkturen einer schnellen Karriere, einem Boom bestimmter Themen und Namen unterscheidet, kann sich als etwas herausstellen, das auch wieder rasch überholt ist und eher zu verlernen ist.14
Es fehlen demnach Bezugspunkte für die Unterscheidung von Wesentlichem und Unwesentlichem. In diese Lücke hinein empfiehlt sich die Wissenschaftsforschung. Als eine ‘Wissenschaftsgeschichte im Präsenz’ verspricht sie eine grundlegendere Sicht der Dinge, und für viele heißt das: Sie soll die Forschung verbessern können. Die politische Variante der Wissenschaftsforschung wollte dies mittels expliziter Zielvorgaben bewerkstelligen, die aus der Gesellschaftstheorie auf die als bekannt vorausgesetzten Strukturen von Wissenschaft hin vorformuliert wurden. Sie sollten der Forschung Halt und Richtung geben. Inzwischen ist man hier weiter. Wissenschaftsforschung wird nicht länger definiert als Intervention von außen, sondern als Forschung zur Forschung.15 Man zielt auf eine interne Überprüfung, aus deren Ergebnissen sich erkennen läßt, welche Vorgehensweisen für bestimmte Vorhaben besser geeignet sind als andere. Unternehmungen, die ‘nichts bringen’, können dann gleich unterbleiben, ohne daß knappe Ressourcen erst noch in einen Feldversuch gesteckt werden müssen.
Der Gedanke ist attraktiv. Das Fach könnte sich so eine Steuerungsinstanz aufbauen, die endlich auch die Curiositas zu dirigieren wüßte.16 Ob dies Wissenschaftsutopie ist oder doch Chancen auf Verwirklichung hat, wird sich vermutlich an der dafür notwendigen Selbstbeschreibung entscheiden. Sie ist auch dann kein leichtes Unterfangen, wenn man unterstellt, daß das Fach in Fragen, die es selbst betreffen, das reichste Wissen und die größte Kompetenz hat. Anders als im Fall der bürokratischen ‘Evaluation’ kann die reflexive Beobachtung nämlich nicht als simpler Rückgriff auf externe Kriterien erfolgen: Stützt sich auch das Fach auf Gesellschaftstheorien, Modernisierungsziele oder Effizienzvorgaben, überläßt es die Klärung der facheigenen Neugierde außerwissenschaftlichen Instanzen und setzt die eigene Souveränität aufs Spiel. Statt in Externalisierung auszuweichen, muß eine vom Fach zu erstellende Selbstbeschreibung den Schritt zu selbstreferentiellen Argumentationen wagen. Dafür ist es notwendig, daß ein Unterschied eingeführt wird zwischen dem, was das Fach in seiner wissenschaftlichen Arbeit mit der Literatur macht, und dem, was es als wissenschaftliche Disziplin unter anderen tut. Das Fach muß sich selber als Wissenschaft zum Gegenstand nehmen und zugleich, wenn es dies tut, auch Wissenschaft sein. 17 Das läuft auf eine Selbstanwendung hinaus, und d. h. dann auch: Es kommen Paradoxien ins Spiel. Daß man diesen Verkomplizierungen mit MetaTheorien abhelfen kann, ist nicht wahrscheinlich. Auch eine Theorie, die die Beobachtung von Selbstbeobachtung von Systemen organisieren will, kann keinen archimedischen Punkt herbeizaubern. Vielleicht ist die Frage nach epistemologischen Grenzen auch nur ein Nebenschauplatz. Entscheidend ist: MetaTheorien kommen nicht an. Es zählt zu den DauerErfahrungen im Fach, daß formale ModellBeschreibungen von Wissenschaft(lichkeit) zu ‘ideal’ ausfallen und wissenschaftstheoretische Vorgaben ’abgehoben’ daherkommen. Sie werden nicht als im Fach anschlußfähige Beschreibungen anerkannt. 18 Man kann die fehlende Resonanz wegerklären, indem man hier nur eine Frage der Zeit sieht: Da die Wissenschaftsforschung auch für die Literaturwissenschaft das Richtige weiß, wird das Fach früher oder später dieses Wissen als zutreffende Konstruktion in seine Selbstbeschreibung aufnehmen. Ob das zutrifft, sei dahingestellt.
19 Sicher ist, daß diese Lösung für das CuriositasProblem auf eine Forschung vertraut, die allein schon wegen des notwendigen Aufwands nur etwas für Spezialisten sein kann. Am ehesten wird sich hier noch der wissenschaftshistorisch arbeitende Germanist engagieren. Aber auch er muß gewärtig sein, daß er sich dann (noch weiter) an den Rand des Fachs schreibt.

III.
In diesem Befund steckt auch Skepsis, aber es handelt sich nicht um die Kritik an einer Überfremdung des Fachs. Es geht vielmehr um die Problemstellungskontrolle. Die Wissenschaftsforschung lokalisiert diese Kontrolle in der Regel in den sogenannten ‘Ansätzen’ oder ‘Positionen’ als einer Mixtur aus ‘Methode’, ‘Konzept’, ‘Theorie’ und ‘Ideologie’. Wie weit das Fach derart ‘kopflastig’ bei der Organisation seiner Neugierde vorgeht, ist eine kaum gestellte Frage wohl auch deshalb, weil man (sich) die eigene Gegenwart der Disziplin als eine theoretisch aufgeklärte darstellt. Zwar weiß man auch, daß stets nur ein kleiner Teil des Fachs an diesen PositionsfindungsArbeiten partizipiert und es sich daher keineswegs von selbst versteht, daß ein konzeptioneller Ansatz den ihm unterstellten Einfluß auch realisieren kann. Als Erklärungslücke fällt das so lange nicht auf, wie man sich das Denken im Modus der Theorie vorstellt und der Theoretiker als der klügere Kopf gilt. Ist das Fach überall dort, wo man nicht über Vor und Nachteil alternativer Methoden diskutiert und sich nicht um den Anschluß an den aktuellen Stand des Wissenschaftssystems bemüht, rückständig und borniert? Dazu müßte auch die ’schweigende Fraktion’ im Fach selbst gehört werden. Sie wird jedoch nicht in der expliziten Sprache der Theorien und Konzepte sprechen. In welcher dann? Gibt es überhaupt ein disziplinäres Richtungswissen, das sich weder im Kontext des allgemeinen Wissenschaftssystems expliziert noch sich auf ein Bekenntis stützt, das "moraltheologisch" (Luhmann) nach modern versus alt, links versus rechts etc. unterscheidet? Oder ist das eine suggestive Alternative, die bereits weitere Erkundungen verbaut? Wo eine generelle Antwort unsicher ausfallen muß, versucht es das Folgende mit einer Fallgeschichte.
Ausgangspunkt ist zunächst eine Vermutung, wo diese andere Form der Selbstreflexion zu finden ist: nicht in wissenschaftlichen Veröffentlichungen, vielleicht nicht einmal in Seminaren und Hörsälen, sondern ‘auf den Fluren’ und dort, gleichsam hinter der Bühne der Konzeptdebatten, spricht man nicht ‘abgehoben’. Man tut auch nicht so, als hätte man alle Zeit der Welt. Hier bringt man das Problem auf den Punkt und faßt den Unterschied zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem in einen Satz wie diesen: ‘Wer von der Sache nichts versteht, spricht von Theorie’.
Selbst wenn dieser Spruch offiziell zitiert wird, dann nur als mündliches Statement. Man kennt ihn vom Hörensagen. Hermann G. Koechly berichtet und das ist eine der raren direkten Fundstellen in seiner Lobschrift (von 1874) auf Karl Lachmann, daß er diesen Satz "selbst einmal aus seinem Mund" gehört habe.20 Daß der Spruch auch von Lachmann her autorisiert wird, ist kaum Zufall, aber entscheidend ist, daß es sich um eine Formulierung handelt, deren Herkunft und deren Geltung nicht an einzelne FachGrößen oder an spezielle Ereignisse gebunden sind. Es ist ein Topos, für den es kein Erstdatum gibt, und der wie man weiß noch in der Gegenwart wirkt. 21 Und wie immer bei einem in die Form des Topos gegossenen Wissens kann die Wertung kippen: "Wer über die Sache reden will, muß über die Methode reden, weil die ‘Sache’ des Philologen erst durch seine Methode als solche konstituiert wird."22 Doch diese andere Seite des Topos ist die schwächere. Ihr Gegensinn ist weniger offensive Replik als das Eingeständnis, daß sich die erwünschte Umwertung zugunsten der Theorie noch immer nicht (im Fach, in der eigenen Fakultät, am eigenen Institut) hat durchsetzen lassen. Man bleibt beim originalen Wortlaut und signalisiert den gegenläufigen Sinn ‘Wer von Theorie nichts versteht, der bleibt hinter dem Stand der Wissenschaft zurück’23 typischerweise mit einem Seufzer: In ihm konstatiert man das Unabänderliche als Widerstand gegen die wissenschaftstheoretische Aufklärung, und beklagt zugleich, daß dies so ist.

IV.
Ein erster Verdacht wird in diesem Topos gerade nicht eine Modellierung der facheigenen Curiositas vermuten, sondern eine Denunziation, eine banale Reprise auf eine längst irreversibel theoretisierte Disziplin erkennen wollen. Der Topos wäre dann ein bloßes Schlagwort, das nicht mehr über das Fach sagt, als daß es noch immer unterkomplexe Reaktionen auf inzwischen avancierte Verhältnisse gibt.
Schon die Hartnäckigkeit, mit der sich der Topos in der wissenschaftlichen Kommunkation hält, deutet an, daß es hier um mehr gehen könnte. Hinzu kommt die aktuelle Situation: Die Eindeutigkeit, mit der in den vergangenen Jahrzehnten Fortgang und Fortschritt des Fachs mit einer immer nur weiter zunehmenden Theorieproduktion gleichgesetzt worden sind, löst sich auf. Die Karriere der Theorie ist inzwischen selbst zum Thema geworden.24 Sie wird jetzt (auch) von denen kritisiert, die diese Karriere mitgetragen haben. Tenor dieser Kritik ist, daß ’die Theorie’ der Kollektivsingular deutet an, daß nicht namentlich identifizierte EinzelTheorien, sondern Umfang und Status der Theorieproduktion gemeint sind25 nicht länger in die Rationalität der Disziplin integriert sei. Aus der Arbeit mit der Theorie, so heißt es, ist eine Arbeit nur an der Theorie geworden, die, statt sich und ihre Ziele an einem primären Gegenstand zu kontrollieren, in einen Überbietungsdiskurs umgeschlagen sei, in dem nur noch Theorie auf sich selber reagiert.26 Wo immer das neue Interesse an den Grenzen der Theorie auch hinführen wird:27 Der vertraute Mechanismus, wonach jede Unzulänglichkeit der Theorie mit noch mehr Theorie beantwortet wird, läuft nicht mehr störungsfrei28 und der alte Topos könnte von neuem an Aufmerksamkeit gewinnen.
Dann müßte man erst recht mehr über ihn wissen. Doch konträr zu seinem Bekanntheitsgrad ist der Topos nicht ohne weiteres zugänglich. So ist der Kontext, wie immer bei Formen des ungenauen Wissens, unterbestimmt. Es werden keine Autoren genannt, und es gibt keine Titel für ‘Ansätze’ und ’Positionen’ wie etwa Dekonstruktion, Textkritik oder Medientheorie, nach denen in der wissenschaftlichen Kommunikation üblicherweise Wissen organisiert wird. Aus der Sicht der Philosophie könnte das erkenntnistheoretische Problem von Realismus versus Nominalismus einspringen und den Satz im Kontext der philosophischen Erkenntnistheorie lesbar machen.29 Die Sozialwissenschaften wiederum könnten den Topos zum Anlaß nehmen, noch einmal den "Positivismusstreit in der deutschen Soziologie"30 nachzustellen. Doch der Topos soll hier nicht als Schwundstufe oder Quintessenz eines genaueren Wissens in eine besser dokumentierte Theorie oder Epistemologie rückübersetzt werden auf daß die Übersetzung zum Untersuchungsgegenstand wird. Es reicht, daß beide Termini ‘so’ in der Fachkommunikation zirkulieren. Hier interessiert nicht die Frage, ob der Satz richtig oder falsch ist oder wie er durch etwas anderes zu ersetzen wäre. Thema sind seine typischen Verwendungsweisen, seine Evidenzen und Funktionen in der facheigenen Ökonomie der Aufmerksamkeit.
Gefragt ist der Topos zunächst überall dort, wo vertraute Vorgehensweisen durch die Ankunft neuer Methoden und Ansätze unter Druck geraten. Man ist mit dem Gewohnten zufrieden, soll sich aber dennoch auf Neues einlassen. Auf diese Zumutung reagiert man mit der im Hintergrund bereitstehenden Polemik. Als solche fehlt ihr zwar das präzise Argument, aber sie schafft es andererseits, in ihrer kontroversen Form das Fach in eine problematische Unverträglichkeit zu verdichten. Daß dies weder selbstverständlich noch belanglos ist, zeigt der Vergleich mit anderen, offiziell anerkannteren Modellen, in denen das Fach sein Wissen, seine Fragen und seine Probleme organisiert hat. Üblich waren (und sind?) insbesondere additive oder komplementäre Schemata, und mit ihnen optierte man für Zuordnungen, die nicht als grundsätzlich problematisch galten. Res und verba sowie insbesondere die Unterscheidung von formalem Organon und Realien-Kunde 31 markierten mit irgendwie komplementären Seiten den Rahmen für die philologische Erkenntnis.32 Das war für die philologische Fachenzyklopädie nicht nur des 19. Jahrhunderts eine stilbildende Ordnung.33 Selbst die neueste Auflage des "Reallexikons der deutschen Literaturwissenschaft" steht noch in dieser Tradition und weicht dem Problem, zwischen Fachgegenstand und den im Fach vorhandenen Methoden und Theoriewissen zu unterscheiden, aus:
"Realien", so heißt es im Vorwort, "steht hier [...] nicht für ‘Sachen’, sondern für ‘Sachbegriffe’". 34 Solche problemlosen Zuordnungen werden durch das, was der Topos sagt, nicht ersetzt. In ihre ‘Harmonie’ wird vielmehr eine Unruhe hineinformuliert: Das bloße "Aggregat"35 von Begriffen und Realien wird in eine Reibungsfront verwandelt, die das philologische Erkennen als Problem benennt.
Das stellt klar, daß sich im Gebrauch des Topos mehr äußert als nur ein kultivierter Konservatismus, der seine Aversionen gegen alles Neue pflegt: ‘Polemik’ ist nicht nur bloße Polemik. Als ausschließlich defizitär gilt ihre Rede nur dort, wo man glaubt, daß das richtige Wissen einzig von der Kraft des besseren Arguments getragen sein soll. Doch es gibt auch die polemische Argumentation, Begriff und Reflexion müssen nicht fehlen. In der Polemik, und das macht sie als Form wissenschaftlicher Kommunikation interessant, darf man etwas sagen, was man nüchtern nicht behaupten würde. Man muß sich nicht alles klar machen, um dann vielleicht nur so weit zu kommen, daß man es läßt. In der Polemik kann man etwas, das auch seine Richtigkeit hat, einklammern. Man spricht dann wider besseres Wissen und kommt so zu einem Wissen, von dem keineswegs entschieden ist, ob es tatsächlich das schlechtere ist. Zurückgeblendet auf die Aussage des Topos: Obwohl das Fach ebensowenig ohne Theorie wie ohne Sachbezug auskommen kann, wird an dieser Stelle eine Gegenbegrifflichkeit installiert, die nicht als genaueres Wissen, sondern als polarisierende Asymmetrie überzeugen will. Man ist entweder auf der einzig richtigen Seite der ‘Sache(n)’ oder Partei der ‘Theorie’. Ein Drittes gibt es nicht. Folglich bleibt nur, daß man sich zu dieser einmal in die Welt gesetzten Alternative verhalten muß und ein Vorhaben, das den Topos unbefangen als eine epistemologische Leitformel der Philologie lesen will, riskant ist.

V.
Der Appell in dem immer auch ein moralischer Ton mitschwingt erklärt allein nicht die Karriere des Topos. Hinzu kommt seine Wahrheit. Es ist eine Wahrheit, die nichts expliziert und auch nicht sagt, was etwas ist, sondern einen Unterschied behauptet in der Relevanz zweier Formen des literaturwissenschaftlichen Wissens: Sachwissen vor Theoriewissen. Vorgetragen wird demnach nicht eine bestimmte Position, etwa in Gestalt einer speziellen Methode, einer Philosophie oder eines für all das und mehr einstehenden Klassikers. Der Topos formuliert nichts, das man nicht schon gewußt hätte. Er ist ein Ort des Selbstverständlichen36 und funktioniert darin als Selbstvergewisserung über den richtigen Kurs. In seinem Erfolg mag auch die "übliche Gegenstellung von Theorie versus dem faktisch Empirischen"37 oder der "Gemeinspruch: Das taugt für die Theorie, aber nicht für die Praxis" mitschwingen.38 Doch die Gegenbegrifflichkeit von Sache und Theorie hat eine eigene Aura der Evidenz. Woher kommt diese erstaunliche Wirkung? Kann man herausfinden, warum wir uns von diesem polemischen Satz sogar im ‘Zeitalter der Theorie’ beeindrucken lassen? Daß wir bei diesem Topos irgendwie immer schon wissen, worum es geht, verweist auf einen Wechsel der Zeithorizonte: Während der "Forschungsstand" nur dann in der Unübersichtlichkeit der laufenden Forschung orientieren kann, wenn er aktuell ist, aktiviert der Topos zum Zusammenhang von Sach und Theoriewissen das Langzeitgedächtnis des Fachs. Der allgemeinen Form nach handelt es sich dabei um Rückgriffe auf schon Bekanntes, zu dem die einmal vorhandenen Gegenvorstellungen nicht mehr (oder nur in Form einer archivierenden Wissenschaftsgeschichte) miterinnert werden. Der Rückgriff selbst und das bestätigt sich in der Schwierigkeit, das Wissen des Topos zu präzisieren hat nur eine sehr geringe Kapazität für Details. Die momentane Bereitschaft des erinnerten Wissens hat Vorrang vor Genauigkeit oder Explizitheit. Es geht um das richtige Wissen in der richtigen Situation und so ist die Gegenvorstellung zu diesem Topos auch keine diskussionswürdige Alternative, sondern ein Irrtum.
Auch wenn der Topos demnach immer nur ein ungenaues Wissen artikuliert, macht er gleichwohl eine man ist versucht zu sagen Aussage zur Sache. Worum geht es dabei? Zunächst ist der Vorstellungskomplex, den der Topos evoziert, ein Stück weit fachunspezifisch, gilt doch allgemein, daß alles Wissen einen Zugriff auf externe Quellen Fakten, Material, Stoff oder Realien braucht.39 Im Topos scheint der Bezug auf externe Quellen weniger ein erkenntnistheoretisches Problem denn eine offensichtliche Wahrheit: Der Satz: ‘Wer von der Sache nichts versteht, macht Theorie’ ist ein Plädoyer für das Realitätsverständnis des sensus communis. Wo immer der Topos gebraucht wird, spricht er zugunsten von Wahrnehmungs und Erfahrungsrealitäten, die der Common Sense schon immer als die wirklich relevanten propagiert hat, in den Theorien aber absorbiert worden sind.40

VI.
Das ist eine These, die vielleicht unmittelbar einleuchtet. Ohne eine Nachbearbeitung wird sie jedoch nicht überzeugen, heißt es doch, daß Common Sense Argumente keine sind. Doch der sensus communis läßt sich nicht vom sicheren Ufer wissenschaftlicher Rationalität aus als minderwertiges und irrelevantes Wissen klassifizieren. Auch wenn seine Herkunft undifferenziert und die Valenz seiner EinzelElemente unklar ist, hat er ein eigenes Gewicht: Als "Wirrwarr überkommener Praktiken, einmütiger Glaubensvorstellungen, gewohnheitsmäßiger Urteile und selbstverständlicher Emotionen" so Clifford Geertz41 ist er keineswegs nur das, was jedermann mit einem einigermaßen klaren Kopf weiß. Als ein auf seine Weise "relativ geordneter Gesamtkomplex" 42 ist der Common Sense bewußtes Denken. Was er sagt, ist jedoch genau die Umkehrung davon: Sein Wissen soll sich "unmittelbar aus der Erfahrung" ergeben und sich gerade nicht einer gedanklichen oder theoretischen Verarbeitung verdanken. Die Begründung, die dafür gegeben wird, besagt, daß es sich bei dem, was das gemeine Wissen sagt, gar nicht um etwas Begründungsbedürftiges handelt, sondern um die Welt, und das meint hier: um die Sache selbst. Was immer die ‘Sache’ im einzelnen ist, ihr epistemologischer Status ist der von Gegebenem im Sinne von Unleugbarem. In ihrer "zwingend selbstverständlichen Realität" 43 drängt sie sich jedem "vernünftigen" Literaturwissenschaftler auf. Ihr vor allem anderen gebührt seine Aufmerksamkeit.
Diese Wahrheit beruht auf der unausgesprochenen Prämisse, wonach wahres Wissen nur ein von seinem Gegenstand affiziertes Wissen ist. Die Sinne nehmen auf, was es gegenständlichkonkret als Vorlage gibt, und das Wissen ergibt sich dann aus der Überprüfung des Sinneseindrucks am Objekt. Das kann man als epistemologisches Modell mit guten Gründen bezweifeln. Doch es geht hier nicht um Bestätigung oder Kritik des gemeinen Wissens, sondern um seine Machart: Entgegen seiner Selbstdarstellung ist der Common Sense kein Wissen, das nur das "Offensichtliche des Offensichtlichen" anerkennt. Aus der analytischen Sicht der Hermeneutik stellt sich dieses vermeintlich alternativenlose Vorgehen nur als die "Interpretation einer unmittelbaren Wahrnehmung" dar.44 Als Interpretation ist der Common Sense wie jede andere Interpretation auch "historisch konstruiert". Die Frage ist dann: Woher kommt diese Konstruktion, und was läßt sich mit ihr erreichen?
Der entscheidende Hinweis findet sich dort, wo der Common Sense nicht nur sagt, was die wirklich relevanten Dinge sind, sondern auch bestimmt, worum es sich dabei handelt. Im allgemeinen Wissen fallen Gegenstand und Erkenntnis im Topos von der "Natur der Sache" zusammen. 45 Was immer der Common Sense sagt, es klingt, als läge das, was ‘Sache ist’, nun mal in seiner Natur. Wer etwas anderes behauptet, riskiert mehr als nur den Disput über eine Methode oder über eine Theorie: Über die allgemeine oder ‘gesunde Vernunft’ ist nicht zu disputieren, ihre Autorität ist verbindlich, jedenfalls für die Aufklärung des 18. Jahrhunderts: ‘Natur der Sache’ und ’Gesunde Vernunft’ sind zwei ArgumentationsTopoi historischer Autoritätskritik. Ob es eine "allgemein einsehbare Sache" (Neusüß) tatsächlich gibt, ist zweitrangig gegenüber dem, was sich mit einer solchen Realitätsbehauptung erreichen läßt. Man kann z.B. einen Gegensatz erfinden zwischen einem zutreffenden Wissen falsche Auffassungen werden durch die sinnlichkonkrete Gegenständlichkeit korrigiert und einem dagegen nur spekulativen Wissen, das ohne Halt am Gegenstand fehlgeht. Im ideenpolitischen Kontext der Aufklärung ist Common Sense nur insoweit selbstverständlich, als sein Anspruch auf das ‘UnstreitigWahre’ in Gestalt einer ’Natur der Sache' oder ’Tatsache’ Kritik an der Autorität eines anderen Wissens ist. Die ’Natur der Sache’ ist das Gegenprinzip zur zweifelhaften Wahrheit eines sich in widersprechenden Exegesen verstrickenden Wissens der Alten.
Wieviel Common Sense in der Philologie steckt, wird sich nicht messen lassen. Sicher ist, daß das Verhältnis über nur punktuelle oder durch besseres Wissen auflösbare Verbindungen hinausreicht. So sieht z.B. auch die EditionsPhilologie in der Genauigkeit eine natürliche Reaktion auf die mit der ‘Sache selbst’ gegebenen Anforderungen. Die akribische Beobachtung des gegenständlichkonkret gegebenen Gegenstands produziert ein Wissen, das objektiv und verifizierbar ist und entsprechend gilt die Curiositas (der Textkritik) dem "Streben nach objectiver Wahrheit, nach dem rein und unzweifelhaft Thatsächlichen, Positiven, also auf unserem Gebiete nach exacter Quellenmäßigkeit."46 Ob solche Statements für ein ungebrochenes Pathos der Korrektheit stehen oder ob sie auch um ihrer polemischen Wirkung willen bemüht werden, ist nicht zu entscheiden. Sicher ist, daß diese Erfindung der Aufklärung der Gegensatz zwischen ‘Tatsachenwissen’ und ‘von den Sachen wegführender Spekulation' über das 18.Jahrhundert hinaus wiederaufgeführt werden kann. So steht auch Lachmanns Rückgriff auf den Topos dort in einem polemischen Gegensatz, wo der Vorrang der Textkritik gegen eine Philologie aus dem spekulativen ’Geist des Neuhumanismus’ behauptet werden soll.
Auch wenn der Common Sense nur eine inoffizielle Epistemologie 47 ist, so können ihm doch Leistungen zugeschrieben werden, die auch im Kontext wissenschaftlichen Wissens zählen. Wenn eine ‘Tatsache’ allein schon mittels eines genauen, unbestechlichen Blicks sowie dank eines guten Urteilsvermögens wahrgenommen werden soll, dann ist das epistemologisch naiv. Gleichwohl ist der den Sachen angemessene Faktenrealismus ein wirksames Korrektiv gegenüber einem ‘ungegenständlichen’ Tiefsinn. 48 Desweiteren hat das Fach mit diesem Verständnis von ‘subjectmatter’ riesige Materialmassen akquirieren können.49 Das bleibt eine Leistung selbst dann, wenn und zwar auch im Fach50 beklagt wird, daß kruder Stoff kein wirkliches Wissen sei und jeder, der Material aufhäuft ohne einen damit einhergehenden operativen Zugriff, ‘Faktenhuberei’ betreibe.
Vielleicht noch wichtiger ist, daß mit all dem eine zutreffende Erkenntnis darauf insistiert, daß die Gegenstände, nachdem sie einmal ihren Entstehungs oder Gebrauchskontext verlassen haben, nicht nur Gegenstände der Abstraktion sind. Sie sollen auch für den erreichbar sein, der nicht über die Mittel verfügt, um mit diesem aufwendigen Gedankengut umgehen zu können. Gesteigerte Zugänglichkeit und nicht ein militanter Faktenfetischismus ist das strategische Ziel, dem die Präferenz für ‘die Sache’ folgt. Wie dieses Ziel befördert wird, ist dagegen erst eine zweite Frage (die die Wissenschaftsgeschichte als Geschichte der Ideen und Entscheidungen bearbeiten könnte). In der philologischen Tradition gibt es keine starre Referenzbeziehung zum Gegenstand. Konstant bleibt nur die Grundvorstellung, daß der Gegenstand (auch) als Sache existiert und als solche wenn man sich anstrengt und intensiv bemüht aus der Wahrnehmung heraus erkannt werden kann.51
Dieser Habitus der referentiellen Zuwendung bestimmt selbst dort, wo man anerkennt, daß die Sache selbst sich nicht immer auf den ersten Blick sehen läßt. Auch dann kann der Zugang über das Material erfolgen, und auch dann wird das Mehr an Erkenntnis nicht einer Theorie oder einer Semiose, sondern wiederum der Wahrnehmung bzw. der Erfahrung der gegenständlichen Realität gutgeschrieben. Allerdings wird hier der Wahrnehmung sehr viel mehr zugestanden als im Umfeld des Faktenrealismus. Hat sie dort die ankommenden SinnesDaten nur korrekt aufzunehmen bzw. vom gegenständlichkonkreten Material abzulesen, so hat sie hier ‘übersinnliche’ Leistung zu erbringen. Sie steht dem Gegenstand nicht mehr gegenüber, sondern sie überläßt sich seinem Sog, gibt (s)einer Faszination nach und soll auf diese Weise vom bloßen Material zum spekulativen Gedanken gelangen können. Im Fach selbst wird diese intensivierte Wahrnehmung z.B. im Wort von der "Andacht zum Unbedeutenden" greifbar:52 In der SelbstVerpflichtung auf das Material wird die obligatorische Hinwendung ’zu den Sachen’ zu einem Sachvertrauen gesteigert, das als "Liebe zu Sache"53 zum Kriterium wird für eine wahre nicht wissenschaftliche! Philologie.54

VII.
Die Spannbreite von einer ’Natur der Sache’, der ’Andacht zum Unbedeutenden’ bis zu einer ’Liebe zur Sache’ soll hier nicht geleugnet werden. Doch es ist auch nicht die Absicht, die Präferenz der Philologie für einen Zugang zu ihren Gegenständen von ‘der Sache her’ auf Kohärenz zu prüfen und z. B. die Gemengelage solcher Grade und Varianten des Sachvertrauens als unbillig zu verwerfen. Worauf der Topos sich bezieht und womit er uns zu irritieren vermag ist ja gerade nicht ein ausformuliertes Wissen, etwa die ‘Lachmannsche Methode’ oder der ‘mikrologische Blick’ Benjamins. Das Langzeitgedächtnis ist weder ein Vorrat expliziter Wissensinhalte, noch funktioniert es als ein Herbeizitieren von Auswendiggelerntem. Es arbeitet auch ohne genaue Datierungen, ohne daß die Inhalte explizit aufgerufen und durch Reflexion geklärt werden. Dies gilt um so mehr, wenn es sich wie in diesem Fall um Negativformulierungen handelt.
Daß diese Anbindung klappt und sich der Richtungssinn aus dem Langzeitgedächtnis in der jeweiligen Gegenwart entfaltet, dafür gibt es selbstredend keine Garantie. Immerhin und das ist ein weiterer Punkt dieser Lobrede auf das inoffizielle Wissen im Fach macht die Art und Weise, wie der Topos sein Wissen formuliert, eine produktive Aufnahme leichter. Kritiker des Topos verweisen auf die sentenzenartige Form und nehmen dies als Beweis, daß es sich nur um eine Stereotype handele. Doch eine Formbestimmung, die hier aufhört, unterschätzt die Leistungskraft von schematisierenden Formulierungen. Auch dieser Topos funktioniert in der wissenschaftlichen Kommunikation als ein Schema, aber genau das macht einen Gutteil seines kognitiven Potentials aus: Ein Schema kann als Extraktion aus dem Gedächtnis gerade nicht schematisch angewandt werden. Soll es zur sinnvollen Aussage werden, muß es erst auf die je aktuelle Situation hin konkretisiert werden. Der Topos ist also nicht einfach das Zitat einer vergangenen Wahrheit: Was er sagt, kann muß! immer wieder als neu erfahren werden. Kürzer: die Anwendnung des schematischen Präferenzcodes ‘Wer von der Sache nichts versteht, macht Theorie’ ist ein Lernvorgang.55

VIII.
Daß dieser Satz den Philologen zusagt, wird nicht überraschen. Seine eigentliche Bewährungsprobe wird er daher erst auf der Seite der Theorie bzw. der Theoretiker bestehen müssen. Deutlich geworden ist, daß das Wissen des Topos weder die Komplexität noch die Explizitheit hat, die der Theoretiker verlangt. Wer sich darauf beruft, verkennt jedoch den Topos als Element der Rhetorik. Im Kern ist er nicht ein neues Wissen, sondern der Versuch, für das, was er sagt, Zustimmung zu organisieren. In der Terminologie der Rhetorik: die Funktion des Topos liegt vor allem im Bereich der Amplificatio.56 Damit ist klargestellt, wo der Topos in die wissenschaftliche Kommunikation eintritt: nicht auf der Seite des Wissenschaftlers, der sich in seiner Neugierde auf nichts auch nicht auf die Qualität seines Gegenstands festlegt, sondern auf der Seite des Rhetors, der seine "materia" möglichst überzeugungsstark beim Publikum zur Geltung bringen will. Aus diesem Motiv heraus ist er bereit, sich bei dem, was er selber tut, einzuschränken und ein Stück weit auch wieder besseres Wissen vorzugehen. Er nimmt sich und seine epistemologische Rolle in der Redesituation zurück, weil er so seiner "Parteisache" 57 ein Mehr an Glaubwürdigkeit verleihen kann: Indem die ‘Sache’ scheinbar ohne fremde Hilfe selber überzeugt, erreicht der Rhetor sein Ziel.
Im Fach ist dieser rhetorische Habitus insbesondere dort vertraut, wo man nicht nur forscht, sondern auch den Gegenstand vermittelt. ’Literarische Bildung' oder das ‘Wissen der Literatur’ lassen unklar, 58 ob das, wofür sie stehen, Erfundenes ist oder nicht doch, wie der Rhetor im Interesse am Erfolg ‘seiner Sache’ es stets nahelegen wird, ein in der Realität des Gegenstands VorGefundenes meint. Ein Vorgehen, das den Unterschied, wie der Gegenstand ist und wie er beobachtet wird, verschwimmen läßt, ist aus der Sicht des Wissenschaftlers nicht legitim. Schließlich geht der Rhetoriker hier soweit, daß er seinem Erfolgsdruck die eigentlich unbegrenzte Curiositas unterordnet. Doch der Rhetor will nicht ‘alles’ wissen. Er modelliert seine Curiositas nach dem, was es vor allem zu wissen gilt. Vorrang hat die Aufgabe, nicht die anarchischfreie Forschung. Entsprechend steht das Wissen des Rhetors, seine Geschichten, seine Lehrbeispiele wie seine spezielleren Kenntnisse, in einer Ordnung, die sich an der Vermittlung und nicht der Erforschung des Gegenstands als dem eigentlichen Ziel ausrichtet. Selbst der Faktenrealismus könnte hiernach noch eine Erfindung sein, ein rhetorisches Mittel, das auf Überredung hin kalkuliert ist.
Für den Wissenschaftler ist die rhetorische Überformung der Curiositas schlichtweg unwissenschaftlich. Doch dieses Urteil übersieht, daß auch das Fach als Wissenschaft vom rhetorischen ‘Einsatz für die Sache’ profitiert. Der Wissenschaftler wird es abstreiten und auf der selbstverständlichen Überlegenheit einer Neugierde bestehen, die sich nicht vom Gegenstand einfangen läßt, sondern auf der sicheren Distanz als Bedingung für die richtige Erkenntnis beharrt. Doch je mehr die Wissenschaft diesem Weg folgt, je mehr Distanzwissen die Theorie aufbaut, desto größer wird umgekehrt die Unsicherheit, ob dies überhaupt noch Wissen ist, oder ob es sich nicht längst um etwas Beliebiges handelt. In dieser Situation hilft noch mehr Theorie schwerlich weiter. Im Gegenteil. Denn sie wird an den Gegenständen nur noch mehr Komplexität aufzeigen und sie so vollends als bloß schwierig (und für alle NichtTheoretiker unzugänglich) darstellen können.59 Was es braucht, ist ein Widerstand, auf den die Theorie stößt und der ihr darin bestätigt, daß sie bei dem, was sie tut, keine ’Luftschlösser baut’, keine ‘leerlaufenden Abstraktionen’ pflegt und nicht den ‘Boden der Tatsachen’ verläßt.
Das Fach braucht einen Limes gegen einen theoretischen Zugriff, der nicht mehr glaubwürdig belegen kann, daß sein Wissen noch ausreichend Bodenhaftung hat. Ist nämlich der Gegenstand erst einmal auf den Begriff gebracht, kann im Begriff die ‘Sache’ aufgesogen werden: Das ‘fundamentum in re’ wird sich in dem Maße verflüchtigen, wie das begriffliche Datenformat des Gegenstands in immer neue Architekturen abstrakten Wissens verbaut wird. Das ist in Kriterien wie Komplexität und Explizitheit (vielleicht auch: Kühnheit) gerechnet ein Zugewinn. Doch es gibt dazu die Gegenrechnung. Sie basiert nicht auf einem ontologischen Fundamentalismus. Das ‘Fundament in der Sache’ ist keine tiefere Seinsschicht des Gegenstands; es ist vielmehr die Plattform für eine epistemologische Operation, die Erkenntnis an die Sache bindet. Das gilt insbesondere dort, wo neues Wissen zu etwas bis dahin bereits Bekanntem gesucht wird und zwar so, daß das Bekannte trotz des neuen Wissens wiedererkennbar bleibt. Anders gesagt: Ohne das ‘Fundament in der Sache’ gibt es keinen Raum für neue Lektüren des Alten. 60 Fehlt dieses epistemologische Potential, bleiben allein Botschaften und Interpretationen, ohne Möglichkeit, sie von der Evidenz der konkreten Sache wieder und immer wieder von neuem korrigieren bzw. irritieren lassen zu können.61 Faszination wie philologische Erkenntnis werden so fraglich: Dem gemeinen Leser fehlt die Schnittstelle, die ihm einen unmittelbar erlebten Zugang zum Gegenstand erlaubt. Und dem Wissenschaftler ist die Möglichkeit abhanden gekommen, Theorie und Interpretationswissen als Abschweifung, als unzulässige Entfernung vom Gegenstand zu annullieren und eine neuerliche Erkenntnisbemühung zu starten diesmal mit der Maßgabe, die interpretatorische Willkür mit Blick auf das zu begrenzen, was ‘von der Sache her’ nur behauptet werden kann.

IX.
Die Konkurrenz zwischen Wissenschaftler und Rhetoriker im Fach ist demnach nicht zu entscheiden oder als bloße Unvereinbarkeit zu konstatieren. Es kommt vielmehr darauf an, beide Kompetenzen zugleich zu nutzen, und das kann jetzt nur heißen, sie in arbeitsfähige Kalküle umzuwandeln. Das wäre dann ein Zugriff auf das gesamte Feld der im Fach angesammelten epistemologischen Ressourcen, auf literaturwissenschaftliche wie philologische. Dieser Zugriff wird sich in seiner Kombination aus dem Vorhandenen nicht zu einem festen Verbund, zu einem Hybrid und damit zu einem Dritten verdichten. Es handelt sich vielmehr um eine bewegliche Operation, die fallweise präzisiert wird.
Diese Operation muß nicht erst neu erfunden werden, ist sie doch im Fach als ‘Kommentar’ schon lange vertraut. In ihrer Suche nach Wissen ist diese kommentierende Operation von ihrem Gegenstand voreingenommen. Voreingenommenheit ist zu unterscheiden von einer zweifelhaften Identifikation, die vom Gegenstand hingerissen ist oder an ihn glauben will und so die Probleme nur überspringt. Adäquater ist eine Referenz auf die ‘Sache’, die Motivation und Kognition zu verbinden weiß. Sichere Regeln wird man dafür nicht erwarten können, doch immerhin gibt es unter dem Arbeitstitel einer starken Lektüre ein Profil für diese wissenschaftliche Aufgabe: Lektüren sind ‘stark’, wenn sie in dem, was und wie sie etwas behaupten, möglichst schwer zu widerlegen sind. Überzeugen können sie vor allem dort, wo sie ihr Wissen in der Form der Sachkenntnis demonstrieren und dies kann nur gelingen, wenn auch auf das wissenschaftliche Wissen zugegriffen wird. ‘Stark’ ist diese Lektüre aber auch deshalb, weil sie sich für das, was sie so sachkundig liest, stark macht: Im erkenntnistheoretischen Motiv einer Verteidigung der Literatur kommen Wissenschaftler und Rhetoriker, unbegrenzte Curiositas der Forschung und Selbstverpflichtung auf eine Aufgabe zusammen jedenfalls dann, wenn man lesen kann, was geschrieben steht.


Anmerkungen




1 Im Zusammenhang mit dem Positionsverlust der Ästhetik ist nicht so sehr die Frage, ob z. B. die Wissenschaftsforschung den frei gewordenen Platz übernimmt. Entscheidend ist, ob der Fortgang von Themendiskussionen auch ohne den Antrieb von eigenem Nachfragen organisiert werden wird.

2 Die Diagnose von der "Konfusion" in den Geisteswissenschaften findet sich bereits als Spiegelartikel: Johannes Saltzwedel: "Karneval der Ideen. In den Geisteswissenschaften machen sich Konfusion und Krisenstimmung breit [...]". In: Der Spiegel 11(1998), S. 210213. Curiositas-Probleme in der Wissenschaft werden Thema in einem Medium, für das Neuigkeiten normal sind.

3 Haushaltstitel und Förderpläne wie ’Standortpflege’ oder ’Frauenförderung’ sollen unter den Leitterminologien von ’Medien' und ‘Women Studies’ als wissenschaftliche Problemstellungen anerkannt und zu Programmen für die Forschung werden.

4 Von der ersten Konferenz unter diesem Titel im September 1997 berichtet Michael Jeismann: "Im Suchbild". In: FAZ Geisteswissenschaften vom 1. 10. 1997, S. N 5.

5 Johann Georg Schlosser: Ueber Pedanterie und Pedanten. In: ders.: Kleine Schriften. 5.Theil. Basel 1787. S. 261f., hier S. 261. Zitiert nach: Rudolf Stichweh: Der frühmoderne Staat und die europäische Universität. Zur Interaktion von Politik und Erziehungssystem im Prozeß ihrer Ausdifferenzierung (16.18. Jahrhundert). Frankfurt a. M. 1991, S. 154.

6 Stichweh (Anm.5), S. 154.

7 "Ich schulde der Welt einen Toten". Heiner Müller im Gespräch mit Alexander Kluge. Berlin 1996, S. 13.

8 Im 19. Jahrhundert hat man die entgrenzende Dynamik der Curiositas mit der Zielvorgabe der ‘Vollständigkeit’ im Sinne eines KomplettBestandes des Wissens abmildern wollen. Eine aktuelle Parallele dazu ist der ‘Forschungsantrag’. Auch hier kann das Versprechen auf Vollständigkeit Schwächen bei der Frage, was man wissen will, überdecken.

9 Man kann den Eindruck haben, daß die Curiositas z. Z. erneut zum VorwurfsBegriff wird jetzt unter umgekehrten Vorzeichen. Daß es für sie keine Grenzen gibt, hält man für so selbstverständlich, daß sich jede Diskriminierung von etwas, das man nicht wissen will, rechtfertigen muß.

10 Blumenberg hat in einem Nachtrag zu seiner Geschichte der Curiositas diese aktuelle Form als "reflektierte" Curiositas beschrieben. Erstes Problem ist nicht länger die Legitimität des Wissens, sondern seine im Ansturm des Neuen sich immer weiter verkürzende Verfallszeit. Hans Blumenberg: "Neugierde und Wissenstrieb. Supplemente zur Curiositas". In: ArchfBegriff. S. 740.

11 Die rücksichtslose Produktivität der Curiositas scheint nur dort kein Problem, wo man darauf vertraut, daß sich hinter dem Rücken der Wissenschaftler eine ‘List der disziplinären Vernunft’ verwirklicht und das zusammengetragene Wissen sich von selbst in eine Ordnung findet.

12 Das Problem wird auch dort verfehlt, wo man die eigenen Ansprüche an das Fach soweit zurücknimmt, bis man es auch selber als ‘Hilfswissenschaft’ klassifiziert, als (einzelner) Wissenschaftler sich jedoch davon ausnimmt und sich mit etwas anderem in der Regel mit einer besser angesehenen Disziplin identifiziert. Statt "nur die alten Schwächen einer grundwissenschaftlich dilettierenden Disziplin zu erneuern", so ein Prospekt über die (alte) "künftige Germanistik", soll(te) das Fach "seine Neubestimmung im Umkreis der Sozialwissenschaften finden." Eberhard Lämmert: "Das Ende der Germanistik und ihre Zukunft". In: Jürgen Kolbe (Hrsg.): Ansichten einer künftigen Germanistik. (Reihe Hanser 29). München 1969, S. 79-104, hier S. 94. Statt ‘Sozialwissenschaften' kann man jetzt z. B. auch sagen: ‘Systemtheorie’.

13 Auch für das Folgende: Niklas Luhmann: Lesen lernen. Ms. Bielefeld, S.14, hier S. 2.

14 Luhmann (Anm. 13), S. 2. Anschauungsmaterial gibt die Debatte: "Über das Neue in der Literaturwissenschaft". In: Schiller-Jahrbuch 38 (1994), S. 407-461.

15 So N. Luhmann: Die Wissenschaft der Gesellschaft. Frankfurt a. M. 1990, S. 334.

16 "Die Einsicht in die Erfordernis einer solchen Metadisziplin, der Consenus hinsichtlich ihrer akuten Dringlichkeit, impliziert nicht das Geringste über ihre Möglichkeit." Hans Blumenberg: Der Prozeß der theoretischen Neugierde. Frankfurt a.M. (11966) 1973, S. 9.

17 Zu dieser epistemologischen Grundfigur der (nicht nur systemtheoretischen) Forschung über Forschung vgl. Luhmann (Anm. 15), S. 532f.

18 Jüngster Vorschlag dazu ist die Einrichtung von ‘SuperLehrstühlen’: Die Idee ist, daß von einem solchen Lehrstuhl aus eine Art Leitforschung betrieben wird, der das Fach dann folgen soll.

19 Stärke und Schwäche sind hier keineswegs so eindeutig verteilt. Schließlich ist es nicht "unbedenklich" (Luhmann), wenn eine Disziplin andere beobachtet, dabei deren Begriffe und Aussagen versteht und sie wie Wissen (und nicht: als Irritation) weiterbehandelt.

20 Das Zitat kommt ohne weitere Erläuterung aus und wird in einer Parallelformulierung wiedergegeben: "Wer von der Sache nichts versteht, der spricht von der Methode." W.H. Koechly: Zu seinem Hundertjährigen Geburtstage. Heidelberg 1874, S. 85.

21 Eine Vorgeschichte läßt sich möglicherweise im Kontext der GelehrtenSchule finden. Schulbildung beruhte hier "von altersher auf dem Auswendiglernen und damit ständigen Parathaben des Stoffes". (Wolfgang Brückner: "Loci Communes als Denkform. Literarische Bildung und Volkstradition zwischen Humanismus und Historismus". In: Daphnis 4 (1975), S. 112, hier S. 6.) Vermutlich hat sich diese Korrelation von Sache (als Stoff) und situatives Zugreifen Können dort durchgehalten, wo in der vor allem mündlichen wissenschaftlichen Kommunikation die Präsenz eines detail und faktengetränkten Sachwissens gegen ein im Vergleich dazu schwerfälliges Theoriewissen ausgespielt wird.

22 Heribert Hilgers in einer Replik auf Karl Stackmann. (In: Euphorion 65 (1971), S. 46.)

23 Diese Wendung zum Gegensinn ist nicht erst im gegenwärtigen ‘Zeitalter der Theorie’ vollzogen worden. Ein erster Kontext war die Theologie und der Disput zwischen philosophischtheologischer Spekulation und einem Offenbarungspositivismus: "Sich immer wider alle Theorien und Hypothesen sträuben, und von Thatsachen reden, nichts als von Thatsachen hören wollen, und sich gerade da am wenigsten nach Thatsachen umsehen, wo es am meisten ankommt." Moses Mendelssohn verteidigt so die spekulative Interpretation ohne die rhetorische Kraft von "Tatsache" der Gegenpartei überlassen zu wollen. Moses Mendelssohn: Jerusalem oder Über religiöse Macht und Judentum (1783). Hier zitiert nach: Reinhart Staats: "Der theologiegeschichtliche Hintergrund des Begriffs ‘Tatsache’". In: Zeitschrift für Theologie und Kirche 70 (1973), S. 316-345, hier S. 342.

24 Die ‘Enden der Theorie’ sind bereits selber ein etabliertes Thema in der Theorie. Eine der ersten Monographien zu diesem Thema: David Carroll: Paraesthetics. Foucault. Lyotard. Derrida. New York/London 1987. Inzwischen zeichnet sich ein neues, auch theoretisch aufgeklärtes Interesses am ‘Stoff’ ab: Der Einsatz steht schon im Titel: Rembert Hüser: "Stoff geben". In: Verstärker (www.culture.huberlin.de verstaerker) 1.1. (10/1996). In Köln hat im Sommer 1998 ein Kongreß stattgefunden zum Thema: "STOFF. Diskussionsforum zu Material und Themenwahl in Wissenschaft, Politik und Kunst." Organisiert wurde er außerhalb bzw. am Rande der Universität. Die akademische Themenkonvention scheint für diesen anvisierten Bruch zu träge.

25 Man kann z.B. mit Peter von Matt "Theoriemolche" entdecken und wird dabei auch ohne nähere Erläuterungen verstanden. Nachzulesen in der Kanondebatte in der ZEIT vom Mai 1997.

26 So die Linie der (Selbst) Kritik, wie sie am prominentesten von Murray Krieger formuliert wird. Äußerer Beleg ist die institutionelle Anerkennung einer selbständig gewordenen Theorie: Aus ‘Literary Criticism’ (oder ‘Comparative Literature’) ist an einigen Departments ‘Critical Theory’ geworden. Murray Krieger: The Institution of Theory. Baltimore/ London 1994.

27 Eine Richtung, in die es gehen könnte: ‘Critical Theory’ wird zu einem politischen Issue in den sog. ‘PC Wars’. Die TheorieKritik kritisiert wiederum Michael Sprinker: "The War against Theory". In: Jeffrey Williams (Hrsg.): PC Wars. Politics and Theory in the Academy. London 1995, S. 149171.

28 Allein die Dekonstruktion scheint als Literaturtheorie auf interne Grenzen der Theoretisierung eingestellt. Der "Widerstand der Theorie" wird zur Begründung für den Vorrang der Lektüre: Das Lesen ist die epistemologisch überlegene Operation, weil es zwischen theoretischer Abstraktion und Nachvollzug sprachlicher Strukturen (‘Rhetorizität’ oder ‘Schrift’) oszillieren kann. Vgl. insbesondere: Paul de Man: "The Resistance to Theory" (1982). In: ders.: The Resistance to Theory (Theory and History of Literature 33). Minneapolis 1986, S. 320. Eine Prüfung der im Fach kursierenden Theorien, die bereit ist, diesen auch ‘etwas anzutun’ so HillisMiller zum TheorieVerständnis der Dekonstruktion , ist hierzulande rar.

29 In seiner neuesten Auflage bewegt sich dieser alte Streit auf die hier verfolgte Themenstellung zu: In den USA steht der epistemologische Status (natur)wissenschaftlicher Erkenntnis unter dem Druck einer Politisierung, die angeblich jede ‘Tatsache’ in die Diskursregeln einer Interpretationsgemeinschaft zurückverlegen will. Zum Stand der Debatte: Paul Gross u. a. (Hrsg.): The Flight from Science and Reason. New York 1997.

30 Dokumentiert in: Theodor W. Adorno u. a.: Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie. Neuwied 1969.

31 Der Ausdruck bezeichnete (mit schwankender Festlegung bei Umfang und Inhalt) die Gruppe der Sachfächer des nachmittelalterlichen Lehrplans. Anfang des 17. Jahrhunderts grenzt man sich mit der Bezeichnung ‘Realien’ von den Sprachstudien als den ‘Verbales’ ab.

32 Die fehlenden Argumente für diese Art der Zuordnung von "formaler Theorie der philologischen Wissenschaft" und "Materiale Disciplinen der Alterthumslehre" (so die Klassifikation in Boeckhs FachEnzyklopädie) werden durch das Layout bzw. eine durchlaufende Inhaltsnummerierung ersetzt. Das formale Organon bildet den "Ersten Haupttheil", die Realien den "Zweiten", und beide trennt und verbindet eine weiße Seite. August Boeckh: Encyclopädie und Methodologie der philologischen Wissenschaften. Hrsg. v. Ernst Bratuscheck. Leipzig 21886, hier S. 262.

33 Daß diese Aufgliederung bereits im 17. Jahrhundert praktiziert worden ist, belegt Volker Hoffmann: Johann G. Hamanns Philologie. Hamanns Philologie zwischen enzyklopädischer Mikrologie und Hermeneutik. Stuttgart 1972.

34 Entsprechend gibt es jetzt nicht nur den Artikel ‘Aphorismus’, sondern auch einen zur ‘Dekonstruktion’. Die alte Unterscheidung zwischen ‘Sache’ und ‘Begriff’ wird durch die unverfänglichere Distinktion von "Sachbegriff" und "’Eigennamen als Personalien’" ersetzt. So das Reallexikon der deutschen Literaturwissenschschaft ("Über das neue Reallexikon"), S. VIIVIII, hier S. VII. Berlin 1997ff. Dagegen das Diktum Adornos, der hier ungleiche Erkenntnismodi sieht: Zwischen Methodologie und "materialen Arbeiten" besteht "Diskontinuität". Theodor W. Adorno: Negative Dialektik. Frankfurt a. M. 1970, S. 7.

35 Für Hegel war die unterkomplexe Organisation Grund zur Abwertung. Als bloßes "Aggregat von Kenntnissen" konnte die Philologie keine eigenständige Disziplin sein. Georg W.F. Hegel: Einleitung zur 1.Aufl. der Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften (HegelJubiläumsausgabe Bd. 6). Stuttgart 1968, § 10. S. 27.

36 "Topoi ermöglichen es, ‘Sinn’ nicht qua Referenz, sondern qua Reverenz herzustellen." Markus SchäferWillenborg: "Form und Rhetorik". In: Jürgen Fohrmann/ Harro Müller (Hrsg.): Literaturwissenschaft. (UTB 1874). München 1995, S. 217248, hier S. 239.

37 Max Horkheimer: Traditionale und Kritische Theorie. Frankfurt a.M. 1970, S. 48.

38 Immanuel Kant: "Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis". In: ders: Werke in zehn Bdn. Hrsg. v. W. Weischedel. Darmstadt 1975. Bd. 9, S. 127172. Kant kommentiert als Philosoph in grundbegrifflicher Absicht. Gleichwohl registriert auch er die kommunikative Form seines Themas, wenn er davon spricht, daß dies ein Feld sei für "polemische Behandlung" (z. B. S. 134). Auch Kant selbst gerät in diesen Sog einer ‘nur’ polemischen Auseinandersetzung. So wird er von Mendelssohn kritisiert, weil er behauptet habe, den Gang der Menschheit als "Theorie" und "Hypothesen" erkannt zu haben. Mendelssohn setzt dagegen, daß alles ist, was es zu sein scheint: "schauet nur umher auf das, was wirklich geschieht". Mendelssohn weiter: "Dieses ist Tatsache". (Hier S. 166).

39 Dazu: Niklas Luhmann: "Soziologie des Wissens: Probleme ihrer theoretischen Konstruktion". In: ders.: Gesellschaftsstruktur und Semantik Bd. 4. Frankfurt a. M. 1995, S. 151180, hier S. 151.

40 Vgl. Reinhard Brandt: "Kant und das Schnabeltier. Der weltbekannte Sonderling watschelt auf dem Boden der Tatsachen" (Rezension zu Umberto Eco). In: FAZ vom 24.3.1998, S. L 28.

41 Clifford Geertz: "Common Sense als kulturelles System". In: ders.: Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Frankfurt a.M. 1987, S. 261288, hier S. 262.

42 Geertz (Anm. 41). S. 263. Als Ethnologe kann Geertz bestätigen, daß es Common Sense nicht nur beim ‘gemeinen Mann’ gibt, sondern sich nach sozialen Schichten und so wäre zu ergänzen auch nach Professionen und wissenschaftlichen Disziplinen differenziert.

43 Geertz (Anm 41), S. 263

44 Geertz (Anm. 41), S. 265.

45 Diesem Topos (im Kontext des Rechts) ist nachgegangen Wolfgang Neusüß: Gesunde Vernunft und Natur der Sache. Studien zur juristischen Argumentation im 18. Jahrhundert. Berlin 1970. Zur Herkunft des Topos als Absetzungsbewegung von den alten "dunklen" Topoi, die noch an die Autorität der Alten gebunden waren. Vgl. Thomasius’ Ruf "zu den Sachen": "Bloß auff die Sache selbst" sollte und durfte ein aufgeklärter Autor seine Leser führen. Hier S. 24ff.

46 Wilhelm Siegmund Teuffel: "Ueber die Hauptrichtungen in der heutigen classischen Alterthumswissenschaft" (1858). In: ders.: Studien und Charakteristiken zur griechischen und römischen sowie zur deutschen Literaturgeschichte. Leipzig 1871.

47 Vgl. Barbara HerrnsteinSmith: "Belief and Resistance. A Symmetrical Account". In: Critical Inquiry 18 (1991), S. 125139. ‘Informell’ ist ein Wissen, das nicht nur die Existenz von "autonomously resistant objects" behauptet, sondern zugleich davon ausgeht, daß sich an diesen Objekten auch wissenschaftliche Wissensansprüche korrigieren lassen (müssen).

48 Klassische Stelle ist Nietzsches Kritik an der ausdeutungswütigen Lektüre der Theologen als "Kunst des Schlecht-Lesens". Friedrich Nietzsche: "Die Philologie des Christenthums". In: ders.: Morgenröthe. Gedanken über die moralischen Vorurtheile. Nietzsche Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bdn. München 1980, Bd. 3, S. 79f.

49 Zugleich ist das eine der Einlaßstellen für das Material als Stoff. MaterialSammeln als bloße ‘SammelGelehrsamkeit’ ist das Konzept, das in der auf explizite Theorie und Methode ausgerichteten Wissenschaftsgeschichte zur Philologie des 19. Jahrhunderts nicht auf seinen epistemologischen Wert befragt wird. Volle Aufmerksamkeit erhält nur eine begriffene Hermeneutik. Vielleicht gibt es im Umfeld der ‘MedienPhilologie’ eine Parallele zum begeisterten Sammler: Das "wilde" Interesse an einem ingenieurmäßigen Wissen (vgl. bes. die Kittler-Schule) macht die Archive der Medientechnik zu einem riesigen Fundfeld.

50 Die Kritik an einem unterkomplexen Materialbegriff ist als Spott gegenüber einer pedantischen Gelehrsamkeit oder in der Ablehnung eines ‘geistlosen’ Positivismus weitgehend konstant. Dennoch hat selbst Nietzsche, der als Philosoph um die Notwendigkeit höher abstrahierender Erkenntnisioperationen wußte, Exaktheit und Unbestechlichkeit des TatsachenUrteils zu den unabdingbaren Tugenden des Philologen gerechnet. Das Lob des ‘Faktischen’ wird als Korrektiv zu einer verfälschenden Hermeneutik formuliert: "Unter Philologie soll hier, in einem sehr allgemeinen Sinne, die Kunst zu lesen, verstanden zu werden, Thatsachen ablesen zu können, o h n e sie durch Interpretation zu fälschen [...]". F. Nietzsche: Der Antichrist. Fluch auf das Christentum. Nr. 52. In: Nietzsche Sämtliche Werke (Kritische Studienausgabe in 15 Bdn.) München 1980, Bd. 6, S. 233.

51 Bei Paul de Man z.B. heißt es daher, daß über das bloße ZurKenntnisNehmen eine Rigorosität ("rigor") hinzukommen muß. Generell gilt, daß einfaches Hinsehen keine Evidenz ergibt: "Instead of being selfexplanatory, ostension is something that first of all has to be learned." So Zdravko Radman: "On the Limits of Literalness". In: Zeitschrift für philos. Forschung 46 (1992), S. 7688, hier S. 78.

52 Walter Benjamin: "Strenge Kunstwissenschaft". [Rez.] "Kunstwissenchaftliche Forschungen" (1931). In: ders.: Gesammelte Schriften. Frankfurt a. M. 1972 und 1980. Bd. III, S. 363369, hier S. 366. Zum Entstehungskontext dieses von Benjamin irrtümlicherweise den Grimms als Selbstcharakterisierung zugeschriebene Statements: August W. Schlegel hatte die Grimmschen Altdeutschen Wälder rezensiert. Mit Bezug auf diese Rezension formuliert Sulpiz Boisserée: "Schlegel lobt an ihnen, was zu loben ist, aber nicht das nichtige, kleinliche sinnbildeln und wortdeuteln, ihre ganze Andacht zum Unbedeutenden, verspottet er". Für Benjamin zeigt sich in dieser Haltung der "Geist wahrer Philologie". (Ebenda) Ausführlich dazu: Roland Kany: Mnemosyne als Programm. Geschichte, Erinnerung und die Andacht zum Unbedeutenden im Werk von Usener, Warburg und Benjamin. Diss. Tübingen 1987, bes. S. 189191.

53 In dieser Tradition zitiert Benjamin den Topos: "Liebe zur Sache" in der Gegenstellung zu "der geile Drang aufs ‘Große Ganze’". Walter Benjamin: [Rez.] "Oskar Walzel: Das Wortkunstwerk". In: W.Benjamin (Anm.50), S. 5051, hier S. 51.

54 In der modernen Wissenschaft sind auch ‘Vertrauen’ und ‘Treue’ keine sinnvollen Größen für den Umgang mit dem Gegenstand. Ontologische Erkenntnisbedingungen sind schon lange passé, und im übrigen kann man sich nicht vorstellen, daß auch eine Verpflichtung, von der man selber weiß, daß man sie nie vollkommen wird einhalten können, und sie dennoch eingeht, einen Unterschied macht. Anders Barbara Johnson: "Die Treue, philosophisch gesehen". In: B. Gössmann und C. Hollender (Hrsg.): Schreiben und Übersetzen. Tübingen 1994, S. 197202.

55 "Bei der Verwendung von Schemata setzt die Kommunikation voraus, daß jedes beteiligte Bewußtsein versteht, was gemeint ist, daß aber andererseits dadurch nicht festgelegt ist, wie die Bewußtseinssysteme mit dem Schema umgehen, und erst recht nicht: welche Anschlußkommunikationen sich aus der Verwendung von Schemata ergeben. Die Schemata können konkretisiert und jedem Bedarf angepaßt werden." Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt a. M. 1997, S. 111.

56 Luhmann (Anm. 55), S. 322f.

57 Heinrich Lausberg: Elemente der Literarischen Rhetorik. 3.Aufl. München 1963, §§ 435440 ("Hinwendung zur Redesituation"), bes. S. 144.

58 Beide AnspruchsBegriffe sind nicht nur Abwehrformeln gegenüber Interventionen aus Theologie, Politik oder Ökonomie. Sie sind auch ein Versuch, die Souveränität des Fachs gegenüber einer Verwissenschaftlichung zu behaupten, die keine Rücksicht nimmt auf jene einheimische Tradition der Selbstbeschreibung, die das Fach vor allem anderen als ‘Sachwalter’ eines primären Gegenstands sieht.

59 Daß ’Schwierigkeit’ keineswegs Resultat schwieriger Phänomene ist, macht Russel Jacoby seinen sozialwissenschaftlichen Kollegen zum Vorwurf, wenn sie ‘Einfachheit’ abwerten, indem sie diese Form der Darstellung mit Banalität und Dilettantismus bzw. Kapitalismus und Konservatismus assoziierten. Russel Jacoby: "Journalists, Cynics and Cheerleaders". In: Telos 97 (1994). Hier zitiert nach dem Abdruck in: Harper’s 9 (1994), S. 2228.

60 "Wenn die Präferenz für Neues gleichzeitig und unvermeidlich das entwertet, was durch diese Neuheit als alt deklariert wird, dann braucht es Vorkehrungen, die dem EntwederOder von dauernder Neuheit und bloßer Wiederholung des Bekannten entgehen: Es braucht eine Operation, die eine Form des Altseins ausweisen kann, zu der dann immer wieder neue Informationen und Interpretationen hinzuerzeugt werden können." Niklas Luhmann: Die Realität der Massenmedien. 2.erw. Aufl. Opladen 1996, S. 45f.

61 "The radical potential of material culture, of concrete objects, of real things, of primary sources, is the endless possibility of rereading." Eilean HooperGreenhill: Museums and the Shaping of Knowledge. London/New York 1992, S. 215


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last update 01/04/22 by Mladen Gladic