[Nikolaus Wegmann: Vor der LITERATUR. Über Text(e), Entscheidungen und starke Lektüren © / erschienen in Literaturwissenschaft. Hrsg. v. Jürgen Fohrmann u. Harro Müller München: Fink UTB 1995. S. 77-102. ]

zurück zur Übersicht / Veröffentlichungen / home



Vor der LITERATUR.

Über Text(e), Entscheidungen und starke Lektüren *

"Auch weiß man (...), daß es bei weitem leichter ist, eine Person oder Sache zu diskreditieren (...) als sie zu illuminieren" 1

Rätselhafte Literatur! "Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich’s, will ich’s aber einem Fragenden erklären, weiß ich’s nicht."2 Im Normalfall kommt Literatur vor als Buch oder Autor, als Genre, Werk oder in Gestalt eines (Schul)Kanons und wird so in einer fest umrissenen Gegenständlichkeit erfahrbar. Doch sobald ausdrücklich nachgefragt wird, und das ist der Auftrag, dem dieser Text nachkommen soll, was all diesen Erscheinungsweisen des Phänomens gemeinsam ist, dann verwandelt sich das eben noch Vertraute in ein irritierendes Suchbild.3
Was bis dahin, weil in einem konkreten Objekt zusammengeschlossen, nicht weiter erklärungsbedürftig war, bricht auf und je länger die Suche nach dem Verbindendenden dauert, desto größer die Schwierigkeiten, die Funde in eine stabile Ordnung des Wissens zu bringen. Weil es kein genaues Wissen über die tatsächliche Wirkung des Phänomens gibt? Weil Wissenschaft sich nicht mit (Kultur)Kritik verträgt? Weil das, worüber man spricht, etwas ist, das man selber (mit)bestimmt, indem man davon spricht? Immer neue Daten, immer neue Konstellationen tauchen auf, jedoch nicht als Teile eines wieder zusammensetzbaren Puzzles, sondern als Fragmente. Die Identität des Gesuchten verschwindet in der Masse des heterogenen Materials, in der Fülle der Parallelphänomene Kunst, Autor, Werk, Poesie oder Dichtung. Wie wenn das Phänomen gar keine sichere Größe ist? Wenn das Wissen, das sich unter dem Titel `Literatur` ansammelt, weder zu Prinzipien noch Gesetzmäßigkeiten führt und so, entgegen einer ursprünglichen Hoffnung, der Durchgriff auf eine ‘Natur der Sache’ mißlingt? Ist die `Literatur selber` am Ende eine Büchse der Pandora? Etwas, das man besser nicht aufmacht?4
Was ist zu tun? Kann man, um im Bild zu bleiben, nur einen Spalt weit aufmachen? Im folgenden soll jedenfalls kein Theoriekolleg gegeben werden, das alles versammelt, was in dieser Frage Rang und Namen hat, um schließlich doch nur das zu empfehlen, für das man sich vorher schon entschieden hat, oder um einmal mehr festzustellen, daß keiner so genau weiß, was Literatur eigentlich ist. Ausgeschlossen ist auch eine Typologie der literarischen Formen, die wie ein Bestimmbuch die Welt der Texte klassizifiziert, so daß man das Gefundene nur anhand einer Merkmalliste mit den im Buch aufgeführten Spezies vergleichen muß, um zu sehen, ob es sich um ‘Literatur’ handelt oder eben nicht. Hintenangestellt sind schließlich auch all jene (wissenschaftsgeschichtlichen, literarhistorischen und literatursoziologischen) Erkundungen, die das Thema entweder auf Distanz halten wollen und strikt nach der Heuristik des WerhatWannWasalsLiteraturbezeichnet verfahren5 oder ihren Gang in die Geschichte als Schatzsuche verstehen: Ist erst die authentische Fassung des Phänomens gefunden, kann man selber als autoritativer Verwalter dieses OriginalGedankens auftreten.6 Das Folgende konzentriert die Suche dort, wo im Phänomenbereich Literatur ein auf Tatsachenbeobachtung gestütztes Sachwissen und Fragen der Relevanz ineinanderlaufen. Wie kommt es, daß Texte als Literatur wahrgenommen werden (können)? Wo hat das Phänomen seine Realität? Wie wird Literatur als ein kultureller Sachverhalt von Belang plausibel?

I.

Die Frage nach der ‘Literatur selber’ stellen, heißt den Begriff als konzeptionelle Organisation des Phänomens in Gang setzen in der Hoffnung, es so besser entziffern zu können. Und das scheint nicht weiter schwer, ist doch das Gesuchte weder erst aus entlegenen Gefilden herbeizuschaffen noch aus dem Schutt der Zeit auszugraben. Schon die erste Spur, die Wortbedeutung von ‘Literatur`, verzweigt sich jedoch schnell in der etymologischen Lektüre. Abgleitet ist das Wort aus dem Lateinischen litteratura also Buchstabe und verweist so auf das, was schriftlich fixiert wird. Zugleich stellt sich mit dieser ersten Definition die Frage, ob das Phänomen auch oder gerade! für das steht, was es überhaupt wert ist, aufgeschrieben zu werden. Schließlich gilt für uns, so Vilém Flusser, die wir (noch) im Zeitalter der Schrift und des Buches aufgewachsen sind, etwas erst dann, wenn es schwarz auf weiß gedruckt ist.7 Ein Topos, der sich zudem mit dem wortgeschichtlichen Befund trifft, wonach litteratura mit Wissenschaft und Bildung, oder, als Sammelbegriff, mit der Semantik von Kultur korreliert wird.8 Auch wenn diese erste Spur in einer offenen Frage endet, führt sie gleichwohl zur gegenwärtigen Realität oder zu gegenwärtigen Realitäten des Phänomens. Das Buchstäbliche der Literatur9, ihre Bindung an Materialien der Kommunikation wie Schrift oder Text, ist heute aktuell in der massenmedialen Unterscheidung von Printmedien versus (elektronische) Bildmedien. Unter dieser Perspektive ist Literatur Teil der sozialen Alltagserfahrung. Als ein massenmediales Produkt (unter anderen) existiert sie als Artefakt, gestützt auf eine umfangreiche Infrastruktur, angefangen von den Literaturproduzenten, dem literarischen Betrieb, den Instanzen der Aufbewahrung und Vermittlung bis hin zu den kulturellen Techniken des Schreibens und Lesens. Mehr als nur ein Halbfabrikat wird Literatur jedoch erst dann, wenn auch das hinzugenommen wird, was ein solches Produkt tut oder kann, daß z.B. eine fiktive Welt entfaltet wird, daß etwas erzählt wird, das ein Rezipient mittels einer medienspezifischen Wahrnehmung also: einer Lektüre auf seine eigene Erfahrungswelt beziehen kann.10 Zugleich werden dem Phänomen auch besondere Qualitäten zugeschrieben. Literatur ist ein Gegenstand allgemeiner Hochschätzung und das (gerade) nicht, weil man an ihr das Technische oder gar die Technisierung unserer Lebenswelt feiert. In ihrer privilegierten Stellung gilt sie gemeinhin weder nur als ein Medium unter anderen, noch als bloße Ware. Das Phänomen genießt ein Ansehen, dem unter dem Gedruckten allein eine Heilige Schrift gleichkommt und wird folglich unter allgemeiner Zustimmung in vielfältiger Weise subventioniert.11 Literatur kursiert, und das mit (noch immer) gesellschaftsweiter Ausstrahlung, als ein Verpflichtungsbegriff, vergleichbar mit Individualität, Humanität oder Dialog: Literatur soll sein.12 Gehen diese beiden Bestimmungen zusammen? Oder führt die Literatur eine Doppelexistenz? Hat man es bei ihr mit einer gespaltenen Wirklichkeit zu tun, die folglich auch eine doppelte Lesart verlangt, eine wortwörtliche, die sich an ‘sichere Fakten’ hält und eine zweite, die ‘zwischen den Zeilen liest’ und sich auf eine eigentliche Realität des Phänomens konzentriert? Nach der ersteren führt das Phänomen eine durchschnittliche Existenz, erscheint als technische Installation, die in Speicherkapazität und Effektpotential zwar neueren Medientechnologien unterlegen ist, dafür jedoch netzunabhängig funktioniert, eine außerordentlich lange Haltbarkeit besitzt und, nicht zuletzt, ein System ist, für das es einen riesigen Bestand an Programmen und einen großen Kreis erfahrener Benutzer gibt. In der zweiten Lesart dagegen, wie sie die Träger und Promotionsagenturen, von der Schule bis hin zum Verlagsmarketing, unterstützen, bleibt die auf den Vergleich mit unstreitig profanen Dingen angelegte Sicht des Phänomens außen vor. Hier gehört sie nicht wirklich zum Gegenstand, da sie, so der typische Vorbehalt, gerade das übergehe, was die Literatur auszeichne: die positive Sonderrolle im Reich der Texte und Medien. Man ist fasziniert von ihrer glänzenden Existenz, die sie überall dort hat, wo sie mit Normen unterlegt, mit Werten aufgeputzt und mit Hoffnungen besetzt ist, kurz: wo Literatur sich in LITERATUR verwandelt.13

II.

Was auffällt ist, daß beide Perspketiven sich nicht treffen. Weder ergänzen sie sich zu einer Einheit, noch reduziert sich die eine auf die andere. Noch mehr: Diese Diskrepanz unterschiedlicher, jedoch gleichevidenter Lektüren schlägt auf die Beobachtung selber zurück und stellt die Frage nach nach der richtigen oder angemessenen Optik. Wie soll man das Phänomen beobachten? Von außen, wertneutral und objektiv? Oder braucht es vielmehr ästhetische Einfühlung, Intuition und verwandte (nichtwissenschaftliche) Mittel, um das Phänomen wahrnehmen bzw. um auf eine ihm angemessene Weise mit ihm umgehen zu können?
All das wird diskutiert und, vor allem, praktiziert in einer ebenso ausgedehnten wie traditionsreichen und letztlich für das Fach systembildenden Debatte.14 Die jeweiligen Bestimmungen sind verhältnismäßige, d.h. die Argumente der einen Seite gehen auf Kosten der anderen. Als Parole zitiert: "Wer sie [die Literaturwissenschaft] betreibt, verfehlt entweder die Wissenschaft oder die Literatur."15 Wie die Realität der Literatur ‘letztendlich’ aussieht das wird hier nicht verbindlich entschieden, sondern in eine Kontroverse der Epistemologie bzw. der Wissens(chafts)politik überführt und als ein nichtauflösbarer Widerspruch in Gang gehalten. Nicht wenige machen für diese Unentschiedenheit wissenschaftstheoretische Defizite der Disziplin verantwortlich. Das mag (auch so) sein, sicher ist, daß hier das Fehlen eines (ver)eindeutigen(den) sozialen Verwendungskontexts durchschlägt. Anders als z.B. Gesetzestexte, ohne die die Justiz (hierzulande) ihre Arbeit nicht tun kann, fehlt im Fall der Literatur eine vergleichbare, und damit stets auch den Spielraum der Ausdeutungen limitierende Notwendigkeit. Zwar gibt es eine angewandte Literatur, etwa für die Schule oder therapeutische Ziele. Doch diese Fixierungen gelten typischerweise als nicht repräsentativ für das Phänomen. Ja selbst die Anlehnung an Konventionen ist der Literatur verwehrt, da dies ihre Sonderrolle gefährden muß. Zweckgebunde Literatur, so heißt es, ist keine.
Zurück zur Divergenz in der disziplinären Beobachtung des Phänomens. Auf der einen Seite hält man die Literatur für einen prinzipiell problemlos erkennbaren Sachverhalt. Wenn nur genau genug beobachtet wird so die einzige Voraussetzung dann sehen alle, sofern man sich nicht irrt, gleichsinnig. (Und ein bloßer Irrtum läßt sich bekanntlich korrigieren.) Literatur ist gedacht als eine unabhängig vom Betrachter existierende Größe, die nach allgemeingültigen Regeln etwa aus der Grammatik oder der Metrik abgetastet werden kann. Die Frage nach der Realität der Literatur wird durch eine Praxis der wort und buchstabengenauen Tatsachenbeobachtung beantwortet, genauer: die Literatur erscheint in einem unter den Maximen von Sachnähe, Exaktheit und logischer Auswertung gewonnenen Sachwissen. Zum eigenen Thema, zur `Literatur selber’, wird das Phänomen nicht. Orientiert am Modell einer empiristischen Wissenschaftlichkeit grenzen solche (textkritischen, sozialhistorischen oder jetzt auch medientechnischen) Beschreibungungen Behauptungen über eine Sonderrealität des Phänomens aus dem Kreis der ernstzunehmenden Fragestellungen aus oder sie werden nur noch (de)thematisiert als bloße Mystifikation und Ideologie16: "Angesichts der vorurteilsvollen Aufladung der Begriffe Dichtung und Literatur (...) kann der Rat nur lauten, diese Worte (...) streng wertneutral zu verwenden oder besser noch auf ihren Gebrauch weitgehend zu verzichten."17 Anders die emphatische Beobachtung. Sie sieht das Phänomen gleichsam mit Ausrufezeichen. Auch ohne explizite Begründung werden über Gestus und Tonstärke all jene Prädikate wie etwa wertvoll, bildend, dauernd, meisterhaft usw. angestoßen, die typischerweise als essentielle Momente dem Phänomen als LITERATUR zugeschrieben werden. Realisiert wird dieser positive Bedeutungsüberschuß mit normativer Orientierung in einer exegetischen Lektüre, die die Nähe zum Gegenstand zu ihrem Prinzip macht. Erst in der intimen Kenntnis, so die Erwartung, entfaltet sich die Wirkung des Phänomens als ein untrügliches Zeichen für seine eigentliche Realität. Das Sachwissen der objektivierenden Tatsachenbeobachtung wird dagegen in seiner Relevanz prinzipiell eingeschränkt. Als letztlich nur auf die Oberfläche fixiert, wird es als ein wie nützlich auch immer bloßes Hilfswissen auf Distanz gehalten, da andernfalls sein kalter Blick das Phänomen neutralisiert. Was sich dieser Hierarchisierung unterschiedlicher Wissens bzw. Lektüreformen nicht fügt, wird unter den generellen Verdacht einer illegitimen, weil "monistischen" Wissenschaftlichkeit gestellt.18 Den Einwand, daß das Phänomen ohne diese Standards des Wissens auch nicht ‘sicher’ und ‘objektiv’ zu erkennen sei, nimmt man dabei nicht nur in kauf, sondern wendet ihn umgekehrt zur positiven Eigenschaft, zum Beweis für das Besondere der Literatur: "Im kalten Licht der Vernunft", so die Maxime, "ist Dichtung unmöglich".19 Vagheit und Undurchdringlichkeit, üblicherweise Kriterien eines Erkenntnisdefizits, adeln das Phänomen zum Geheimnis, das man nicht wissen, sondern an dem man nur teilhaben kann.
Auch wenn diese kontroverse Sicht des Phänomens den Status der Literatur nicht klärt20, so hat sie gleichwohl der Literatur Konturen gegeben. Und zwar weit über den engeren Kreis des Fachpublikums hinaus. Sie zählt, wenn auch in diffuser Form, zu jenen Topoi, die die Erwartungen, die man sich über die Literatur gewöhnlich macht, prägen.21 Das kann man genauer haben: Die Kontroverse arbeitet als ein Gefälle, das das Phänomen mit Bedeutung auflädt. Die Literatur erscheint dabei auf der einen Seite der Unterscheidung von emphatischer und neutraler Beobachtung des Phänomens. Der Phänomenbereich wird aus dem negativen Bezug auf eine als szientifisch oder steril kritisierte Wissenschaftlichkeit gesehen. ‘Literatur selber` avanciert unter den Prädikaten Wahrhaftigkeit und Weisheit zum positiven Gegenpol zu einem nur rationalistischen Verhältnis zur Welt. In dieser Gestalt des Okkulten, seit der Romantik geläufig als das "Unverfügbare, rationaler Wissenschaft Entzogene"22, entsteht die Literatur als ein Freiraum, der emphatisierende Auslegungen in Richtung auf eine "wahre Wahrheit der Dichtung"23 anzieht und der umgekehrt den Zugang zur Realität der Literatur als Zugang zu ihrer Wahrheit nahelegt. Wie immer das im einzelnen ausformuliert wird, stets wird das Phänomen als Gegenrealität zur Wissenschaft, zur Gesellschaft, zur Zivilisation, zum Phonozentrismus etc. als Alternativprogramm in Stellung gebracht und in nachvollziehenden Lektüren als Utopie,24 als das Andere der Vernunft, als poetische Sicht der Welt, als authentischer Ausdruck personaler Subjektivität, als das Subversive oder, aktueller, als das Inauthentische, das alle Behauptungen eines Gegenteils widerlegt, bestätigt. Das Phänomen der Literatur wird so in eine weltanschaulich aufgeladene Epistemologie hineinfundamentalisiert: "Zu allen Zeiten", so Friedrich Nietzsches vielfach variierte Losung, haben sich die "Genie’s und die Gelehrten befehdet (...) Die letzteren wollen nämlich die Natur tödten, zerlegen und verstehen, die ersteren wollen die Natur durch neue lebendige Natur vermehren".25 Polare Zuspitzungen sind suggestiv. Muß man das Phänomen in diesen Alternativen von strengem Wissenschaftler versus einem immer schon vom Gegenstand seiner Zuneigung begeisterten Liebhaber, von wertneutraler Forschung versus intimer Vertrautheit suchen? Soll man diese Spannung "zwischen Logik und Literatur"26 zur Kulturkritik dramatisieren und z.B. die `apokalyptische’ Frage stellen, ob ein solches Phänomen ohne feste Funktion heute überhaupt überlebensfähig sein kann, um dann erst recht gegen alle Skepsis die widerständige Kraft einer autonomen Literatur zu beschwören? Oder kocht man das Ganze besser auf kleiner Flamme, hält sich im Unverbindlichen27 und pflegt ansonsten ein je eigenes, gleichsam privates Verhältnis zu diesem Gegenstand?
All dies sind Optionen, die das Thema einer ‘Literatur selber` in handgreiflichen Interventionen und Fragen der Motivation enden lassen. Davon unberührt ist festzuhalten, daß eine problemlose Referenz auf das Phänomen und über diese kontroverse Fassung hinweg nicht möglich ist. Angesichts des "vielspältigen" (Nietzsche) epistemologischen Felds, auf dem die Literatur in unserer Gesellschaft erscheint, können beide Alternativen nicht überzeugen: Weder die strikte Begrenzung auf das allein ‘Tatsächliche’ (aus Angst, daß die Kompaßnadel des Forschers gleichsam vom Magnetberg LITERATUR abgelenkt werden könnte), noch die Behauptung einer unmittelbar erfahrbaren Sonderrealität, ohne einzugestehen, daß dafür eine allem vorausgehende Selbstbindung an das Phänomen notwendig ist.

III.

Dringlicher dagegen, und das schieben wir dazwischen, ist die Frage, wie bzw. in welcher Version das Phänomen der Literatur trotz dieser ungeklärten epistemologischen Situation eine gleichwohl stabile Realität gewinnen konnte und nicht etwa als bloßes Kuriosum im Feld der Texte längst verschwunden ist. Unsere These ist, daß dafür gleichsam natürliche, d.h. als solche gar nicht erkennbare Epistemologien und Optiken gesorgt haben (und es noch immer tun). Sie unterlaufen die offizielle Dichotomie und machen aus der erkentnnistheoretischen Schwierigkeit eine wirkungsmächtige Glaubenstatsache.
Die notwendige Schematisierung des Blicks auf die Literatur leistet folglich keine theoriegestützte Abstraktion, sondern eine weithin bekannte (Form der) Erzählung: die LiteraturLegende. In ihren HeldenGeschichten ist die `Literatur selber` einziges Thema. Am Beispiel eines jeweils wahren, aber gleichwohl außergewöhnlichen Falls aus dem wirklichen Leben wird LITERATUR als besondere Wirkung, als schöne Macht anschaulich: "Hingerissen auf das Hinreißende zu zeigen"28 ist ihre poetologische Maxime. Aus den vielen Aufzeichnungen sei (die) eine herausgegriffen. Als eine Art Urszene berichtet sie den Späteren von einer Zeit, als man Literatur noch unmittelbar erleben konnte. In ihrem Angesicht werden Geld und Liebe, doch unstreitig harte Realitäten auch damals, belanglos. Das jedenfalls zeigt der Lebensweg jenes jungen Mannes, der später zu d e m Zeugen für dieses Goldene Zeitalter werden sollte: Zwischen der sicheren Beamtenlaufbahn (einschlielich einer Zukünftigen) und der Literatur entscheidet das eigentliche, weil für ihre höhere Bedeutung empfängliche Ich: "meine Existenz wäre also für immer gesichert, aber ich muß es wegwerfen, weil etwas Edleres mich treibt und mir winkt (...), meine hohe Braut, die Kunst." Was Literatur ist, was sie als LITERATUR vermag man muß nur lesen, wie es ihm bei der Lektüre seines Idols ergeht: "Ich las seine Lieder und las sie immer von neuem und genoß dabei ein Glück, das keine Worte schildern. Es war mir, als fange ich erst an aufzuwachen und zum eigentlichen Bewußtsein zu gelangen". Eckermanns LebensEntscheidung richtig: der Eckermann für das hohe Gut macht ihn, wie viele andere seiner Zeit auch, zum Wallfahrer, der nach Weimar zieht, um endlich GOETHE Text(e) und Person läßt die Erzählung überkreuzlaufen zu "verehren und lieben".29 Eckermanns Fall führt exemplarisch eine in der Gestalt des großen Autors vergegenständlichte Literatur vor. `Goethe sehen’ und ‘Literatur sehen’ verschwimmen in der metonymischen Gleichsetzung und so sieht Eckermann in den Gesichtszügen Goethes, daß die Literatur "in sich selber ruhet und über Lob und Tadel erhaben ist"30. Wie die textuelle und die leibhaftige Realität miteinander verbunden sind, wie genau in der Figur des großen Autors als dem vorbildlichem Menschen schlechthin ‘Literatur selber` zum Erscheinen gebracht werden kann das ist der LiteraturLegende nicht wichtig. Was zählt, ist die schiere Evidenz. Eckermanns planvoller Einsatz für ‘Goethe’31 verwischt beide Ebenen in einer Verklärung, für die Erleuchtung und Geheimnis, Wissen und Bewunderung keine Gegensätze sind. Aus dem ‘realen` DienstVerhältnis zwischen dem Autor und seinem Sekretär macht eine unterderhand sich zur informellen Epistemologie32 mausernde Erzählweise den Beweis für die besondere im offiziellen Wissen gar nicht darstellbare Wirkungsmacht des Phänomens. Was könnte die Existenz der Literatur als LITERATUR überzeugender bekunden als ein nur ihr geweihter, allem ‘Irdischen’ entsagender wirklicher Lebenslauf? 33 Das scheint auch lange Zeit ein großer Teil des Fachs so gesehen zu haben. Verklärung war auch hier der zentrale Modus, um die Sonderrealität des Phänomens auszuweisen. Wieder ist es der Blick des Fans (seit Klopstock gehört er zur Literatur 34), der das Phänomen auf eine Weise konkretisiert, die Anverwandlung und Verlebendigung amalgamiert mit einem sammelwütigen Wissen, das noch die entlegensten Sachen, so sie nur irgendwie mit dem Idol verbunden sind, aufhäuft. Auch nach dem Goldenen Zeitalter soll es allein aus der Begeisterung heraus möglich sein, mit der Literatur verlustfrei, ohne Einfluß einer nur störenden Technik, ohne jede hermeneutische Gebrauchsanleitung in Direktkontakt zu treten. Person Charakter, Körper, Gemüt sind zusammen mit dem Sammler und KennerWissen die Schnittstelle, über die die Realität der Literatur ungehindert und unverfälscht Eingang findet: "Interpretation ist unnötig für den, welchem eine Dichtung zum Besitz geworden ist."35 In der existentiellen Selbstbindung an das aufgeladene Phänomen sieht man sich als einen (besonders sensiblen) Resonanzkörper, in dem sich Reichtum, Lebendigkeit etc. des Phänomens ganz entfalten kann. Die Feier schon Eckermann hatte seinen Faust nach eigenem Bekunden nur an Festtagen gelesen 36 setzt einen epistemologischen Effekt frei, der das Unwahrscheinliche Realität werden läßt: Man liest einen Text und nimmt LITERATUR selber wahr. Daß das Phänomen dabei als begrifflich nicht faßbar ausgegeben wird, kann nicht weiter überraschen.37 Allenfalls, daß solche Beschwörungen einer magischen Realität sich auch mehr als 100 Jahre nach Eckermanns Gesprächen mit Goethe finden: "Dichtung", so heißt es in einem Sachwörterbuch (sic!) der Literatur, "schafft eine in sich geschlossene Eigenwelt von größter Höhe, Reinheit und Einstimmigkeit mit eigenen Gesetzen", und leiste die "wesenhafte Erhellung und bildstarke Verdichtung tiefster Seinsgründe".38
Gegenwärtig, so mag man einwenden, ist diese Philologie nur eine Autorität von gestern und ihre Version des Phänomens eines jener ParteiProgramme, das man zwar gern hört, von dem aber jedermann weiß, daß es die wirkliche Realität nicht erreicht. Auch diese Erzählungen sind inzwischen als bloße Sagen durchschaut.39 Sie sind nurmehr eine Nachricht aus einer fernen Zeit, in der das Phänomen der Literatur von einem Publikum dominiert und folglich auch definiert worden ist.40 Doch dieser bildungsbürgerliche Glaube an die Macht der Literatur ist längst Teil der eigenen, heroisierten Vergangenheit und das Phänomen hat in dieser Version wenig mehr als museale Realität. Und doch zirkulieren die Geschichten vom Leben und den Taten der LITERATUR weiter, allerdings weniger zur Erbauung als zur Unterhaltung. Erzählt wird nicht mehr im Pathos junger Idealisten bzw. ihrer ob der allgmeinen Gleichgültigkeit melancholisch gewordenen Nachfolger41, sondern mediengerecht.42 An die Stelle der emphatisierten Lebensläufe und Bildungsgänge der Literaturanhänger ist das (noch ungleich publikumswirksamere) Bild der (vor allem) elektronischen Massenmedien getreten. Die Großen Erzählungen des Bildungsbürgertums sind dem Interesse der Medienindustrie durchaus kompatibel: Der Dichter, der Klassiker, das Genie wird jetzt zum Autor, der immer für eine Geschichte gut ist. An ihm interessiert (und nur das), was informationstechnisch zählt, ein Mix aus Skandal, Starqualität, human touch und personality. Erlebnis und Ereignis zählen auch hier und folglich spricht man über Literatur (nur) dann, wenn es den aktuellen Aufhänger gibt:43 das Spektakel, die (Gedenk)Feier oder die spezielle Literaturshow, bei der weniger das Buch, der Text, die Lektüre(n) im Gedächtnis des Zuschauers bleiben, als der showmaster selber, der in einer ebenso kenntnisreichen wie unterhaltsamen Moderation durch die Welt der Texte führt, und dem unbelesenen Leser weismacht, was Literatur ist.44 Es ist der Blick der elektronischen Massenmedien, der inzwischen (auch) das Phänomen der Literatur einem Massenpublikum als Teil der aktuell erfahrbaren Welt plausibel macht: "Der Fernseher stimmt immer."45 Natürlich weiß man irgendwie noch, daß es nicht um Fernsehen, sondern um Literatur geht aber deren Realität rutscht, wenn jüngste Beobachtungen nicht täuschen,46 mehr und mehr in ein concept dropping. So wie man man an den richtigen Stellen (i.e. in einer auf den Nachweis von Bildung ausgelegten Konversation) Autornamen wie ‘Einstein’ oder ‘Goethe’ fallen läßt, so zeigt man an, daß einem auch die Literatur nicht unbekannt ist.47

IV.

Das Fach hat sich, muß man das noch sagen?, nicht zu allen Zeiten und auch nicht ausschließlich als primärer Träger des Phänomens verstanden.48 Gestärkt durch die Arbeit mit und an (eigenen oder aus anderen Disziplinen übernommenen) Theorien, hat man versucht, dem irritierenden Phänomen der Literatur eine sachliche(re) Sichtweise abzugwinnen. All das muß im folgenden nicht im einzelnen dargestellt werden. Die zahlreichen Unternehmungen sind kartographiert49, und, mehr noch, sie können inzwischen als abgeschlossen gelten. Ein Ergebnis liegt vor auch wenn es gerade nicht das ursprünglich erhoffte ist.
Ein Hinweis auf die generelle Versuchsanordnung gibt bereits die Leitfrage, unter der die Suche organisiert wird: "Wenn es so etwas wie Literaturtheorie gibt, dann muß es offensichtlich auch etwas namens Literatur geben, womit sich diese Theorie beschäftigt. Wir können also zuerst einmal die Frage stellen: Was ist Literatur?"50 Die direkte Form des "Was ist?" scheint ebenso selbstverständlich wie dem Grundsätzlichen der Frage nach dem Gegenstand angemessen. Die implizite Voraussetzung, die in dieser nur zu einleuchtenden Direktheit steckt, bleibt meist unerkannt: Gibt es überhaupt das, wonach gefragt wird? Gibt es die Literatur als gegenständliche Realität, als Ausschnitt aus der realen Welt der Dinge und Sachen? Als (z.B.) eine eigene Textart, die im Blick des Forschers ihre Geheimnisse, ihre Eigentümlichkeiten, kurzum ihre Wesensnatur verrät? So daß am Ende nur noch die Summe zu ziehen ist, wie etwa in einem Handbuchartikel, sagen wir über "Vulkanismus", ein Artikel, der jedermann erklärt, was das ist und welche, selbstredend unrichtigen Vorstellungen es bis zum gegenwärtigen fortgeschrittenen Kenntnisstand der Wissenschaft gegeben hat?
Inzwischen weiß man, daß dem nicht so ist. Im Reallexikon zur deutschen Literaturgeschichte, das repräsentative Fachlexikon, fehlt der entsprechende Artikel.51 Das ist weniger Zufall als Folge einer für das Unternehmen charakteristischen Dynamik: Je länger die Suche geht, desto sicherer stößt sie gerade nicht auf ein Fundament, sondern verliert sich im Grundlosen. Anstelle der erwarteten positiven Bestimmungen lassen sich nur negative Resultate formulieren, und der Forschungsbericht wird zum Bericht der Enttäuschungen."We never reached agreement", so Jonathan Culler als Resümee, "about the literariness of literature"52. Als sicher gilt nur, daß das Gesuchte grundsätzlich unterbestimmt ist. Hier die bekannten Resultate, als Liste zusammengestellt:
1. Die lange und aufwendige Suche nach textinternen Merkmalen, die das Phänomen Literatur von anderen Texten abgrenzen und als gleichsam an der Oberfläche ablesbare Objektqualitäten einen eigenen Textkorpus bestimmen sollen, hat kein positives Ergebnis gebracht. Selbst das in diesem Zusammenhnag viel zitierte Telefonbuch, Inbegriff eines Sachtextes, läßt sich als literarischer Text lesen.53
2. Was einmal Literatur war, muß es nicht bleiben und umgekehrt. Literatur läßt sich keineswegs, wie ein Vergleich der Literaturgeschichten klarstellt, als ein in der Zeit mit sich identisches Phänomen fixieren. Und schließlich hat 3. auch die Selbstbeschreibung des Phänomens, insbesondere dort, wo es um die Frage geht, wie wird Literatur ‘gemacht’, keine Konstanten ergeben zumindest keine, die sich in einer einheitlichen Poetik des literarischen Werks oder Textes zusammenstellen lassen. Was man feststellen kann, ist allenfalls eine Tradition des Traditionsbruchs.54 Die Suche nach der `Literatur selber`, dem Literarischen oder der Literarizität als der vermuteten Quintessenz des Phänomens, ist in allgemeine Skepsis ausgelaufen. Der objektive Nachweis der Literatur als Teil der jedermann zugänglichen Realität ist nicht gelungen: Offensichtlich gibt es jenseits einer dichotomischen Epistemologie, jenseits der Legenden und medialen images keine feste Identität zu entdecken.55 Eine Wirklichkeit des Phänomens nach dem Modell einer objektiven Entsprechung zwischen der Literaturtheorie und dem, was im Phänomenbereich als Fakten oder Tatsachenwissen kursiert, gibt es nicht oder nicht mehr.56 Dafür fehlen im gegenwärtigen nachmetaphysischen bzw. postmodernen Zeitalter die notwendigen feststehenden Orientierungs und Beobachtungspunkte. Natur, Geschichte oder Emanzipation werden nicht länger als sicheres und unbezweifelbares Fundament, von dem sich kulturelle Sachverhalte verbindlich herleiten lassen, anerkannt: (Auch) Das Phänomen der Literatur hat eine grundsätzliche Entsubstanzialisierung und Entkonkretisierung erfahren.
Das ist gut zu sehen am Erfolg von Minimalformulierungen. Die ontologisierende Perspektive ersetzt der Focus auf den bloßen Wort bzw. Begriffsgebrauch. Nur so scheint noch eine Fixierung des Phänomens zu gelingen wie etwa in dieser umgekehrten Analogie aus der Botanik und der Welt der "Gärtner". Der Terminus Literatur, heißt es da, "funktioniert etwa so wie das Wort ‘Unkraut`: Unkraut ist keine besondere Pflanzenart, sondern jede beliebige Pflanze, die der Gärtner aus irgendeinem Grund hier nicht haben will. Vielleicht bedeutet ‘Literatur` so etwas wie das Gegenteil davon: jede beliebige Art von Text, den jemand aus irgendeinem Grund besonders schätzt."57 Ein solcher Vergleich bricht in seiner trockenen Schlichtheit mit dem typischen Vokabular der Mystifikation allerdings hat das scheinbar so realitätsnahe Bild seinen Preis: Die Konkretheit des Musters macht aus der literaturwissenschaftlichen Frage nach der Literatur unversehens einen Fall für die WertSoziologie bzw. Ideologiekritik: Wer ist im Fall der Literatur der `Gärtner`? Wer hat ihn eingestellt? Aus welchem gruppen, klassen oder geschlechtertypischen Milieu resultieren seine "Einstellungen"58?

V.

Ist dies das Aus? Endet die Literatur irgendwo zwischen einer allgemeinen Beliebigkeit, in der alle Katzen grau sind oder nur noch nach den Kriterien einer ideologiekritischen Statistik unterschieden werden kann? Haben wir inzwischen eine Literaturwissenschaft ohne Literatur? Das ist nur dann der Fall, wenn man das Fach für eine gegenständlich konkrete, möglichst noch in Werten und Normen greifbare Version des Phänomens verantwortlich macht.59 Doch ein Zurück zu einem Prinzipienwissen, also gegen das, was gegenwärtig kognitive Plausibilität hat, läßt sich nicht verordnen. Vielmehr muß eine von der Gegenwart ausgehende Suche nach dem Phänomen den Wandel berücksichtigen und ihre Optik neu einstellen: Wenn das Phänomen der Literatur keine tiefere oder auch nur beständige Realität hat, was ist dann überhaupt noch Gegenstand der Suche?
Wo nichts so gewiß scheint, wie die Tatsache einer ungebrochenen allgemeinen Veränderung, die auch das nicht ausnimmt, was einmal unverrückbar galt, wird bereits die einfache Beobachtung erklärungsbedürftig, daß das Phänomen gleichwohl floriert, daß man Literatur noch immer schreibt, druckt, liest, erforscht. Anders gesagt: Literatur wird als ein höchst unwahrscheinliches Phänomen sichtbar. "Unwahrscheinlich" heißt dabei gerade nicht (wie Luhmann immer wieder versichert): "unmöglich". Und dennoch wird dieses Sichtbarwerden des Unwahrscheinlichen gewöhnlich als Krise der LITERATRUR verstanden und weckt bei nicht wenigen Bewahrungs und Verteidigungsinstinkte.60 Richtig ist, daß diese Umorientierung die alte Form der Frage nach dem Gegenstand suspendiert. "Was ist Literatur?" suggeriert stets von neuem, daß irgendwann und irgendwo doch noch oder wieder eine wirkliche Realität des Phänomens entdeckt werden könnte und blockiert so den Weg zu einer kognitiven Realitätskonstruktion: Der Phänomenbereich der Literatur ist nicht länger mit einem natürlich gegebenen Gegenstand auf Übereinstimmung hin zu vergleichen oder als verehrungswürdiger Eigenwert zu beschwören, sondern auf die "ungesicherte Möglichkeit" von ‘Literatur selber` zu beziehen.61 Kürzer und mit eingebauter Heuristik: "Wie ist Literatur möglich?"62 Aus dieser Sicht ist die Literatur weder beobachterunabhängige Tatsache noch hehre Wirklichkeit, sondern ‘nur’ ein immer schon gelöstes Problem aber, und darauf kommt es an, niemals definitiv oder grundsätzlich. Literatur bleibt ein Problem, bleibt unwahrscheinliche Realität auch in ihren Lösungen und wird als eine Problemstellung immer neue, veränderten Plausibilitätsrahmen (besser) angepaßte Antworten provozieren.63

VI.

Das gibt Gelegenheit, die veränderte Optik auszuprobieren. Frei vom Zwang nach inhärenten Eigenschaften, substantiellen Qualitäten, nach Aprioris, einer petitio princeps (principii?)) und ähnlichen Fixsternen fahnden zu müssen, kann nun näher an das Phänomen selber herangefahren werden, dorthin, wo in einer ersten Prozedur und stets von neuem! die Literatur in die Welt der Texte tritt. Was ist das für eine Operation, in der (irgend)ein Text aus dem Kosmos der Texte herausgegriffen respektive als Literatur identifiziert wird? An dieser Prozedur interessieren hier weder die sozialen Kontexte, in denen sie typischerweise vollzogen wird, noch die psychischen Motivationen, die ein Leser für seine Wahl (eines Textes als Literatur) verantwortlich macht. All dies erklärt nicht den Vorgang selber, sondern ersetzt ihn durch externe Realitäten wie z.B. Schichtenstruktur und Leserpsychologie, oder begreift ihn als bloße Konvention, als Subsumption unter eine allgemeine Regelmäßigkeit64 oder als Wiedererkennung einer besonderen Wesensqualität. Hier dagegen geht es um die Selektion selber, oder, transzendentalphilosophisch formuliert, um die Bedingung der Möglichkeit von Literatur: Ohne diese im Herausgreifen vollzogene Einteilung kann die Literatur nicht als von anderen Texten unterschieden in der Welt der Texte zirkulieren.65 In Sichtweite kommt dieses strukturelle Erfordernis dort, wo alle Vorgaben und FestwertOrientierungen abgezogen werden und nur das Trennen selber zurückbleibt: "Trennen ist eine herkulische Entscheidung."66 Was aber ist dann eine Entscheidung? Das Verständnis, das man von ihr hat, kommt zumeist aus dem alltäglichen Wortgebrauch.67 Dort sieht man eine Entscheidung vornehmlich als Wahl zwischen zwei Alternativen bzw. die Entscheidung ("das ist meine Entscheidung") erscheint als ein Teil einer solchen Alternative. Das übersieht, daß eine Entscheidung nur dort sein kann, wo gerade nicht mehr ausgewogen oder ausgerechnet werden kann andernfalls bräuchte ja nicht mehr entschieden zu werden. Kann man diesen Punkt, wo ohne hochrechenbare Vorgaben allein in der Form einer Entscheidung referiert wird, genauer haben? Zeitlich gesehen wird im Moment der Entscheidung, in ihrer je aktuellen Gegenwart, allererst eine Alternative in die Welt der Texte hineinkonstruiert. Für diese Alternativität selber, also das, was "zwischen" Alternativen ist und sie zugleich aufbaut, gibt es jedoch keinen Schlüssel, sie ist das Ausgeschlossene Dritte: Die "Form der Alternativität (ist) aus dem Bereich möglichen Entscheidens ausgeschlossen, obwohl (...) sie ihn konstituiert."68
Zurück zum Fall der Literatur als einer solchen ‘nicht entscheidbaren’, aber gerade deshalb zu entscheidenden Frage.69 Aus der paradoxen Struktur der Entscheidung wird klar, daß sich das Phänomen einer ‘Literatur selber` als solches nicht zeigt. Alle Klassifikationen, alle Kanonisierungen kurzum: alle Formen, in denen gewöhnlich die Literatur vorgestellt bzw. erfahren wird sind nur nachträgliche Versuche, einer Spur nachzugehen oder sie erst sichtbar zu machen. Es sind Konstruktionen, die in die disparate Menge der Entscheidungspunkte (jede Entscheidung ist immer wieder nur eine Entscheidung) einen Faden hineinlegen, und so einen am Gegenstand erfahrbaren Zusammenhang als LiteraturGeschichte, als AutorenOevre oder LiteraturGenre plausibel machen.
Reicht das? Oder ist der ganze Aufwand nur eine neue Verpackung? Von einer mystifizierten Dichtung in das Mysterium der Entscheidung? Dieser Einwand hat Gewicht. Schließlich ist zwischen der Entscheidung als Operation der Trennung innerhalb einer vor dieser Entscheidung nicht oder anders geordneten Welt der Texte und der Beobachtung der derart geschiedenen Texte als Literatur eine Lücke: Wenn solche Entscheidungen als Entscheidungen, d.h. als Operationen, die überall und gerade nicht nach bekannten Vorgaben und allgemeingültigen Ordnungen erfolgen (können), nicht zugänglich sind, wie wird dann das Phänomen als die eine Seite einer Alternative wahrgenommen? Wie kann Literatur schließlich am greifbaren Objekt, in der Form eines Textes, eines Werks erfahren werden? Z.B. in der Lektüre. Sie ist ein Ort, wo das unsichtbare und ungreifbare Phänomen der ‘Literatur selber` den Moment der Entscheidung überlebt, Vergangenheit und Zukunft erhält und so erst wenn auch auf Kosten der ursprünglichen Radikalität! Stabilität und Dauer gewinnt. Die philologische Exegese transformiert das Phänomen in eine Gegenständlichkeit, in der sein `Mangel an Sein` nicht (jedenfalls nicht als prinzipielles Problem) sichtbar wird.70 Als vergegenständlichende Lektüre arbeitet sie dabei wider besseres Wissen. Sie weiß, daß ihr Gegenstand seinen Möglichkeitsgrund in einer Entscheidung hat, also nicht nachträglich ‘wirklich’ fundiert und an eine tiefere oder auch nur exakt vermeßbare Wirklichkeit angeschlossen werden kann. Daher ist die gewohnte Selbstdarstellung dieser Lektüre als ein Urteil nur eine um ihrer Wirksamkeit willen gewählte RealitätsFiktion. Sie ist, insofern sie ihre Beobachtung als ein Urteilen und nicht als ein bloßes Entscheiden ausgibt, eine Lektüre, die weiß, daß die Prädikate, die sie ihrem Gegenstand als gefundene zuschreibt, doch immer nur erfundene sein können.71 "Urtheilen" so Nietzsche als Stratege der philologischen Epistemologie, "ist am schwierigsten".72 Die vorgebliche Objektivität des Urteils im Unterschied zur sprichwörtlichen `Willkür` der Entscheidung ist auch hier niemals das Ergebnis eines sicheren Bezugs, einer stabilen Verbindung zu einer vorgefundenen Realität des Phänomens. Sie verdankt sich vielmehr einem speziellen, d.h. mittels asymmetrischer Leitunterscheidungen präparierten Beobachtungskontext:73 Was durch seine Form hindurch an Texten gesehen wird, steht im Licht eines positiven VorUrteils, das in Gestalt einer textgebundenen Lektüre nachträglich begründet wird. Kürzer, und jetzt auch in vertrauter Begrifflichkeit: Die unzugängliche Entscheidung wird als Kommentar entfaltet. "Es ist bekannt", so Walter Benjamins Rechtfertigung für diese Art der voreingenommenen Beobachtung, "daß ein Kommentar etwas anderes ist als eine abwägende, Licht und Schatten verteilende Würdigung. Der Kommentar geht von der Klassizität seines Textes und damit gleichsam von einem Vorurteil aus. Es unterscheidet ihn weiter (...), daß er es mit (...) dem positiven Gehalt seines Textes allein zu tun hat."74 Der Kommentar, sensibel für die Dimension der Relevanz, ohne andererseits die curiositas über dieser positiven Zuwendung aufzugeben, hat demnach nur die einmal vorgenommene Entscheidung zu bestätigen75 auch und gerade dann, wenn er es mit dem zu tun hat, "was eigentlich niemals gesagt worden ist"76, wenn er so lesen muß, "als handle (sic!) es sich um einen vielerprobten, mit Gedankengehalt beschwerten kurz: klassischen (Text)".77 Ein von seinem Einsatz für die Literatur her gedachter Kommentar wird zur taktischen Größe. Er will zustandebringen, was keine Wissenschaft kann: das bloße "Vorurteil" der Entscheidung nicht als unhaltbar diskreditieren, sondern als eine starke Behauptung in der Welt der Texte rechtfertigen, genauer: gegen die Zumutungen der Indifferenz durchsetzen. Dazu muß die ‘Literatur selber’ aus der leeren Operation der Entscheidung heraus in faktische Situationen, in konkrete Textverhältnisse und damit gegen andere Texte geführt werden. Dorthin, wo ihr die sie von Hause aus gerade nicht jene geheimnisvolle Sagkraft des von Natur aus Überlegenen mitbringt das Ausgezeichnete als Unterschied, als Verhältnisbestimmung zugeschrieben wird: "Der Gegner", so die erste Maxime für eine polemologisch vermessene Topographie der Textwelt, "ist das wichtigste Lageelement."78 In diesem kriegerischen Kalkül, wo jede Geometrie nur von ihrem möglichen Vorteil her gedacht wird, muß sich zeigen, ob der Kommentar Superiorität als Form des ‘realen’ Erscheinens der Literatur gewährleisten kann.79 Die Strategien und Taktiken, die Gewinne und Niederlagen, in denen sich diese starke Lektüre erweisen muß, sind dabei niemals endgültig oder auch nur vorhersehbar wie anders, wenn erst der ‘richtige` Gegner die Entfaltung des Phänomnes als das positiv Unterschiedene, das einen Unterschied macht, zuläßt.80 Doch auch die polemologische Realität des Phänomens ist nur eine Konstruktion, kann an keiner Stelle verlängert werden zu einer tieferen SeinsRealität, auch nicht in Gestalt einer allgemeinen, die conditio humana und/oder das Gesellschaftliche repräsentierenden politischen Natur. Die Literatur bestätigt kein irgendwie durch die Widrigkeiten der Geschichte sich hindurchkämpfendes Substrat, und erst recht ist sie keine Kraft, die ihr eigenes Gesetz durchsetzen kann. Gegen eine solche neuerliche Mystifikation spricht die ungleich weniger dramatische mediale Realität des Phänomens. Erst hier, als Teil des Textuniversums, gewinnt die Literatur ihren strukturellen Halt: Sie ist eine, wenn auch besonders feine Navigationshilfe für das sich noch immer weiter ausbreitende Universum der Texte. Denn ohne die Literatur und dazu braucht es nur ein einfaches Gedankenexperiment stünde man einer Welt gegenüber, in der alle Texte gleich gut und von gleichem Belang wären, in der unterschiedslos Machwerke wie Meisterwerke unsere Aufmerksamkeit beanspruchen. Die Literatur sagt nichts über die Welt, sondern sie teilt sie bzw. die in ihr zirkulierenden Texte ein: "We will always have some capital or primary texts (...) because the expanding universe of books makes us impatient for a purge (...) we clutch at classics. There is a fear in us that to abandon the concept of the primary or classic work would mean ushering in chaos again: mingling great with inferior, primary with secondary or even trivial."81 Diese "Angst in uns", von der Geoffrey Hartman spricht, geht demnach auch nicht zurück auf ein existenzielles Bedürfnis nach Ordnung. Viel eher berührt sie sich mit der Sorge des Benutzers, daß dieses "Universum der Bücher" in die amorphe Masse eines ungeschiedenen Textkosmos abstürzen könnte. Aus der Sicht des users ist die Literatur ‘nur’ ein medientechnisches Erfordernis: ein Hilfsprogramm für eine ohne sie erst recht unüberschaubare Welt der Texte. Und was ist jetzt ‘Literatur`? Hat all dies überhaupt ein zählbares Ergebnis auch für den Leser? Nun ja, als ‘Literatur selber` ist sie ihm prinzipiell entzogen. Als Grundlage für eine interpretatorische Haltung, als eine verbindliche Anweisung für den Umgang mit dem Gedruckten, ist sie uns so nahe wie zuvor. Nur wissen wir jetzt genauer, wie uns Literatur allein kraft ihres in der unendlichen Reihe der Kommentare erworbenen guten Namens dazu bringt, all jene Bücher zu lesen, die man eigentlich immer schon und immer wieder gelesen haben sollte.


Anmerkungen




* Für Anregung und Diskussion bedanke ich mich bei Heiko Christians.

1Arnold Gehlen, Über die Macht der Schriftsteller (1974), in: ders., Einblicke (= Bd 7 der Gesamtausgabe), hg. v. KarlSiegbert Rehberg, Fft/M: Klostermann, 1978, S. 286295, hier S. 294.

2 Aurelius Augustinus, nicht über Literatur, sondern über die Zeit; vgl. Augustinus, Bekenntnisse, München: dtv 61992, 11. Buch, S. 312.

3 Das ist zumindest seit Hegel bereits der EröffnungsTopos zu diesem Thema: "Das Poetische als solches zu definieren abhorreszieren fast alle, welche über Poesie geschrieben haben"; hier zitiert nach: Volker Bohn, Der Literaturbegriff in der Diskussion. Zur Abgrenzung des literaturwissenschaftlichen Gegenstandsbereichs, in: Literaturwissenschaft. Probleme ihrer theoretischen Grundlegung, Berlin 1980, S. 1559, hier S. 15, Bohn zitiert seinerseits Peter Hacks, Das Poetische (1966) und Peter Hacks seinerseits...

4 Ein risikoloser? Radikalismus läßt diese Kiste zu und leitet die Frage um auf das, was man "auch noch" oder "statt dessen" tun kann. Vgl. Jörg Schönerts informativer Überblick zu den z.Z. stattfindenden Ausgriffen des Fachs auf "Comics, auf Hörfunk, Fernseh und Videoprodukte und auf den Film", auf allgemeine und interkulturelle Kulturforschung etc.: Germanistik eine Disziplin im Umbruch? Zur disziplinären Entwicklung der Germanistik in den neunziger Jahren, in: Mitteilungen des Germanisten Verbandes, 1(1994), S. 1524.

5 Vgl. Renate von Heydebrand, Artikel 'Wertung, literarische`, in: Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, 2. Aufl., hg. v. Werner Kohlschmidt u.a., Bd. 5, Berlin: de Gruyter, 1984, S. 828871, hier S. 832.

6 Als aussichtsreiche Grabungsorte gelten die 'Klassiker` und nicht nur die aus der Literatur oder LiteraturTheorie. Vgl. z.B. die zahlreichen MarxEngelsExegesen. So zuletzt: Claus Träger, Artikel 'Literatur` in: Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften, hg. v. HansJörg Sandkühler, Hamburg: Meiner 1990, Bd. 2, S. 6366.

7 "Was nicht zu Papier zu bringen ist, steht für uns im Verdacht, daß es nichts ist." V. Flusser, Die Schrift. Hat Schreiben Zukunft?, Göttingen: European Photography, 31990, S. 94.

8 Und das über den abendländischen Kulturkreis hinaus. Vgl. dazu ausführlich: Robert Escarpit, Definition des Wortes 'littérature', in: Literatur und Dichtung, hg. v. Horst Rüdiger, Stuttgart: Kohlhammer, 1973, S. 4758.

9 Lange Zeit eine so selbstverständliche Qualität, daß man sie meist übersehen hat. Inzwischen hat Derrida und eine von ihm ausgehende Kritik diese Geschichte der Verkennung als Phonozentrismus sichtbar gemacht. Das läßt Arbeitsfelder wie etwa die Geschichte des Buchhandels innerhalb des Fachs avancieren jedenfalls dann, wenn sie eine erweiterte Kompetenz als Historische Kommunikationsforschung, Mediengeschichte oder, wie in den USA, als BookHistory beansprucht. Als Überblick: Reading in America. Literature and Social History, hg. v. Cathy Davidson, Baltimore: Johns Hopkins UP, 1989.

10 "Die Bundesrepublik Deutschland ist eine Mediengesellschaft, in welcher das Buch, zumal das belletristische Werk, ein 'Medium` unter anderen (...) ist." Ralf Schnell, in: Deutsche LiteraturGeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, von Wolfgang Beutin u.a., Stuttgart: Metzler, 31989, S. 526.

11 Literatur ist als Buchhandelsware gesetztlich geschützt, z.B. durch die Preisbindung. Sofern dieser Schutz der an das Medium Buch gebunden wird, stehen mit dem Aufkommen des elektronischen Publizierens spannende Musterprozesse ins Haus: Seitdem mehr und mehr (auch literarische) Texte auch auf CDROM angeboten und in (Computer)Läden verkauft werden, stellt sich die Frage, ob eben auch solche TextCDROMs von diesem generellen Ansehen profitieren sollen. Zum Stand der Dinge: Der C.H.Beck Verlag (er bietet u.a. juristische Textdatenbanken an) hat gegen die Kartellbehörde, zunächst einmal, verloren, denn, so die Begründung, diese Texte seien nicht nur zum Lesen gemacht (sic!), sondern "dienten wesentlich weitergehenden Anwendungsmöglichkeiten." Aus: Die ZEIT, 10.6.94, S. 32.

12 Typischerweise mit einem Dringlichkeitsindex: i.e. weil "die Kultur durch eine elektronische Bilderflut bedroht ist" oder ein "allgemeiner Werteverfall" die Rückbesinnung auf die "große Literatur" verlangt. Als Beipiel für eine alte Parole: Günter Kunert, Die Abschaffung der Kultur durch die Zivilisation, in: Die ZEIT, 4.2.1994, S. 53.

13 Speziell im deutschen Kontext wurde (und wird) `Literatur` zum ZweitBegriff 'Dichtung' gesteigert. Vgl. Georg Bollenbeck, Artikel 'Dichtung', in: Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften, Bd. 1, S. 570573. Die Auszeichnung einer exklusiven Menge von Texten als LITERATUR ist gleichwohl ein internationales Phänomen. Zur Vorgeschichte dieser Aufladung des Begriffs als Theoriegeschichte vgl. jetzt auch: Karlheinz Barck, Poesie und Imagination. Studien zu ihrer Reflexionsgeschichte zwischen Aufklärung und Moderne, Stuttgart/Weimar: Metzler 1993.

14 Ausführlich: N. Wegmann, Was heißt einen 'klassischen Text' lesen? Philologische Selbstreflexion zwischen Wissenschaft und Bildung, in: Wissenschaftsgeschichte der Germanistik im 19. Jahrhundert, hg. v. Jürgen Fohrmann und Wilhelm Voßkamp, Stuttgart: Metzler, 1994, S. 334450.

15 Emil Staiger, Die Kunst der Interpretation, in: ders., Die Kunst der Interpretation. Studien zur deutschen Literaturgeschichte (Zürich 1955), München: dtv, 1971, S. 10.

16 Oder man läßt sie weil man am Status des Phänomens parasitiert unwidersprochen 'still' mitlaufen.

17 Karl Otto Conrady, Gegen die Mystifikation von Dichtung und Literatur, in: Literatur und Dichtung, hg. v. Horst Rüdiger, Stuttgart: Kohlhammer 1973, S. 6478, hier S. 76.

18 Z.B. Pierre Bertaux, Literatur, Dichtung, Poesie, in: Literatur und Dichtung, S. 5963, hier S. 59.

19 Ein zufälliger Fund und gerade darin Beleg für die Allgegenwärtigkeit des Gedankens: Charles Simic, Worte lieben sich wie Fliegen in der Sommerhitze. Katzenmusik unterm Fenster und die Vollendung Amerikas: Warum die Dichter den Ideologen voraus sind, Essay in der FAZ (Vorabdruck Hanser ) vom 5.5.1994, S. 37.

20 Zuletzt: Oliver Jahraus, Der Diskurs der Literatur im Diskurs der Wissenschaft oder Literaturwissenschaft als Interessenkollision von Leser und Wissenschaftler, in: WW 3/93, S. 645658.

21 Das läßt sich leicht belegen: In der ReclamReihe Arbeitstexte für den Unterricht gibt es einen eigenen Band, der diesen Topos für den Unterricht aufbereitet: Literatur und Erkenntnis. Texte zum Streit zwischen Dichtung und Wissenschaft, für die Sekundarstufe II hg. v. Ulrich Chappa, Stuttgart: Reclam, 1988.

22 Christian Thiel, Zur Dynamik von Wissenschaft, Grenzwissenschaften und Pseudowissenschaften in der Moderne, in: Besichtigung der Moderne, hg. v. H. Holländer/ C.W. Thomsen, Köln 1987, S. 215232, hier S. 218.

23 Als Geschichte eines Topos und als Credo: Wolfgang Kayser, Die Wahrheit der Dichter. Wandlungen eines Begriffs in der deutschen Literatur, Hamburg: Rowohlt, 1959, S. 56.

24 Vgl.: Literatur ist Utopie, hg. v. Gert Ueding. Fft/M: Suhrkamp, 1978. Thema ist nichts weniger als das "utopische Wesen der Literatur", S. 13.

25 Friedrich Nietzsche, Unzeitgemäße Betrachtungen (Schopenhauer als Erzieher); KSA (=Kritische Studienausgabe) hg. v. Giorgio Colli und Mazzino Montinari, München 1980, Bd. 1, S. 399f.

26 Vgl. Gottfried Gabriel, Zwischen Logik und Literatur. Erkenntnisformen von Dichtung, Philosophie und Wissenschaft, Stuttgart: Metzler, 1991.

27 Explizit gegen eine solche Haltung "Unbelangbarkeit": Helmut Arntzen, Der Literaturbegriff. Geschichte, Komplementärbegriffe, Intention, Münster: Aschendorff 1984. Arntzen geht dafür in die Geschichte des Begriffs: gemeinsam mit den Autoritäten will er 'Literatur` als Antonym zu "Journalismus", d.h. hier gegen 'Geschwätz', Information` und 'Kommunikation` verteidigen.

28 Rainald Goetz nicht über Goethe, sondern über Pop. R. Goetz, Hirn, Fft/M: Suhrkamp, 1986, S. 188.

29 Eckermann, Einleitung zu: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens, S. 23 und: ders., Briefe vom 23.10.1817 und 13.7.1817, hier zitiert nach: Heinz Schlaffer, Einführung zu: J.P. Eckermanns Gespräche mit Goethe (= Johann W. Goethe, Münchner Ausgabe Bd. 19), hg. v. H. Schlaffer, München: Hanser 1986, S. 707f.

30 Eckermann, Gespräche, Eintragung vom 10.6.1823, S. 35.

31 Was so naiv scheint, fällt in die rhetorische Kategorie der kunstvollen Kunstlosigkeit. H. Schlaffer hat Eckermann in seiner Einführung zu den "Gesprächen" (S. 701733) als ein für das eigene Produkt anfälligen Marketingstrategen rekonstruiert. Daß Eckermanns 'Gespräche` das meistgelesene Buch von (!) Goethe ist (so Schlaffer), belegt erst recht die Künstlichkeit dieser Natur.

32 Begriff so bei Barbara Herrnstein Smith, Belief and Resistance: A Symmetrical Account, in: Critical Inquiry 18(1991), Nr.1, S. 125139. Informelle Epistemologie meint all das, was uns davon überzeugt, daß unsere Wissensansprüche entgegen dem offiziellen Wissen durch "autonomously resistant objects" korrigiert werden könnten (S. 125).

33 Analog zur Rhetorik der MärtyrerGeschichten. Das Martyrium als ein tatsächliches Leiden bezeugt, was die alltägliche Beobachtung nicht sehen kann eine höhere (hier eben: göttliche) Realität.

34 Und Fans, wer wüßte dies nicht, schließen sich gern zusammen zu FanClubs, zu besonderen Gesellschaften allein zu Ehren des gemeinsamen Idols.

35 Erich Trunz, Über das Interpretieren deutscher Dichtungen, in: Studium Generale 5(1952), Heft 2, S. 6568. Auch Trunz ist, nicht zufällig, GoetheHerausgeber; seine `Hamburger Ausgabe` ist noch immer eine der meistgekauften.

36 Eckermann, Gespräche, S. 23.

37 Im Klartext (was heute Teil der Alltagsrealität, war damals repräsentatives Fachwissen): "Das letzte Unabwägbare, das erst den Dichter zum schöpferischen Gestalter macht, ist begrifflich nicht erfaßbar, sondern bleibt dem lebendigen Nacherleben vorbehalten und ist nur der ästhetischen Einfühlung zugänglich." Bruno Markwardt, Artikel `Dichter` in: Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, hg. v. Paul Merker/ Wolfgang Stammler, Bd 1, Berlin: de Gruyter, 1925/26 S. 190193, hier S. 190.

38 Gero V. Wilpert, Sachwörterbuch der Literatur, Stuttgart 41964, S. 130. Auch die jüngste Ausgabe von 1989 hält an der emphatischen Rede über 'Dichtung` fest. Und auch die LegendenSammlungen gibt es noch; vgl. den jüngsten Auswahlband: "Goethe aus der Nähe" (sic!), hg. v. Eckart Kleßmann, Zürich: Artemeis & Winkler, 1994.

39 Und folglich darf man fragen: What was Literature? vgl. Leslie Fiedlers gleichnamigen Sammelband: New York: Simon and Schuster, 1982

40 All dies ist zu studieren in der (vorerst?) letzten (Neu)Auflage unter dem programmatischen Titel: Literaturgesellschaft DDR. Kein Zufall, daß diese Neufassung u.a. in einem remake von Goethes Werther greifbar wird. Plenzdorfs Neue Leiden machen die emphatische Lektüre von 'Literatur selber` zum Thema.

41 Am Beispiel: "Die, welche das Verstehen [der Dichtung] bewahren, sind nur ein kleiner Hundertsatz, ein Schiff einsamer Segler; wenn das Meer sie verschlingt, kann es Jahrhunderte dauern, bis neue Schiffer kommen und einen Rest von Strandgut bergen." E. Trunz, Über das Interpretieren, S. 68.

42 Bald auch als Themenpark "Klassische Literatur" in Weimar? Alles original, authentisch und historisch?

43 Das lädt ein zur kulturkritischen Kritik an den Medien als Trivialisierungsmaschine. Doch das übersieht die Nähe beider Realitätskonstruktionen beides sind magische Veranstaltungen.

44 Die mediengerechte Darstellung der Literatur lohnt längst eine eigene Arbeit. Die Genres reichen vom "Großen Preis` ein 'Fan` zeigt alles, was man 'überhaupt' zu einem Autor und seinem Werk wissen kann bis zur "Umfrage" und "persönlichen Stimme" , die das Phänomen als privates Erlebnis in den Kriterien von Geschmack, Vorlieben und Betroffenheit(en) abfragen: "Und wer ist Ihr Lieblingsautor? Welches Gedicht hat Sie am stärksten bewegt?"

45 R. Goetz, Hirn, S. 190.

46 Am Beispiel der Physik: Jürgen Audretsch, Physiker als Hüter der letzten Geheimnisse. Nebel statt Aufklärung bei den Naturwissenschaften: So entstehen Mythen (= Vortrag an der ETH Zürich zum Thema: Wissenschaft als Kultur), in: FAZ 15.3.1994, S. 13.

47 Fund im Schaufenster meines Buchhändlers: OriginalMeisterwerk als Bandarole zu einem Roman (von Kipling). Die großen Vokabeln von ehedem sind also noch bekannt, doch man scheint ihnen nicht mehr zu glauben und legt besser noch eins drauf!

48 In einer Reihe mit dem Künstler, dem Bildungsbürger, den Fans und Spezialisten und mit Blick auf die statistische Vermessung der Leserschaft den Frauen.

49 Vgl. V. Bohn, Der Literaturbegriff in der Diskussion (vgl. Anm. 3); Terry Eagleton, Was ist Literatur? in: ders., Einführung in die Literaturtheorie, Stuttgart: Metzler, 1992 (engl.Orig. 1983), S. 1 19; Roger Fowler, Literature, in: Encyclopedia of Literature and Criticism, hg. v. Martin Coyle u.a., London: Routledge 1990, S. 326 mit ausführl. Bibliographie; und Rainer Rosenberg, Eine verworrene Geschichte. Vorüberlegungen zu einer Biographie des Literaturbegriffs, in: LiLi 77(1990), S. 3665, mit ausführl. Bibliographie.

50 T. Eagleton, Was ist Literatur?, hier S. 1.

51 Das neuere (21990) "MetzlerLiteraturLexikon", hg. v. Günther u. Irmgard Schweikle, hat zwar den entsprechenden Artikel allerdings nimmt er in den 500 zweispaltig gesetzten Seiten ganze 30 Zeilen ein.

52 Jonathan Culler, Issues in American Critical Debate (Amsterdam 1982), S. ... Vgl. auch de Man, der bei den aufgelaufenen Definitionen des Phänomens feststellt, daß die jeweils eigene Antwort stets als Korrektur eines vorgängigen Irrtums formuliert wird obwohl doch allein die Zahl der 'Irrtümer' schon das Verfahren bedenklich machen müßte! De Man, Blindness and Insight, Essays in the Rhetoric of Contemporary Criticism, Minneapolis: University of Minnesota Press 1983, S. 279.

53 Vgl. u.a. K. Weimar, Enzyklopädie der Literaturwissenschaft, Paderborn: UTB, 1980, S. 29.

54 Großräumige Zusammenstellung unter dem Stichwort 'Ars poetica` im entsprechenden Artikel von F.H. Robling für das Historische Wörterbuch der Rhetorik, hg. v. Gert Ueding, Tübingen: Niemeyer, 1992, Bd. 1, Sp. 10481063. Näher zur Gegenwart im Originalton der literarischen Autoren z.B. Walter Höllerer, Theorie der modernen Lyrik. Dokumente zur Poetik, Reinbek: Rowohlt, 1965 und, zentriert auf jüngere Autoren der Gegenwartsliteratur: Tendenz Freisprache. Texte zu einer Poetik der achtziger Jahre, hg. v. Ulrich Janetzki u. Wolfgang Rath, Fft/M: Suhrkamp, 1992.

55 Das Fach hat 'seinen` Phänomenbereich schon früher nicht zu einem Fachbegriff verdichten können. Die Wissenschaftsgeschichte kann nur, so Klaus Weimar, "semantischen Nullwert" dieses 'Begriffs' konstatieren: "Was nun im einzelnen zu dieser Literatur gehören sollte, die man intensional (...) und stillschweigend bestimmt hatte (...), das hat man pragmatisch und intuitiv festgelegt oder sich von Traditionen und Gewohnheiten vorgeben lassen." K. Weimar, Literatur, Literaturgeschichte, Literaturwissenschaft. Zur Geschichte der Bezeichnungen für eine Wissenschaft und ihren gegenstand, in: Zur Terminologie der Literaturwissenschaft (= DFG Symposion IX), hg. v. Christian Wagenknecht, Stuttgart: Metzler 1986, S. 923, hier S. 17.

56 Bernhard Giesen, Die Entdinglichung des Sozialen. Eine evolutionstheoretische Perspektive auf die Postmoderne, Fft/ M: Suhrkamp, 1991, S. 117.

57 Eagleton referiert hier John M. Ellis, Eagleton, Einführung in die Literaturtheorie, S. 10.

58 Ebenda, S. 10.

59 Dafür zwei prominente Beispiele: Hayden White sieht in der gegenwärtige Un(ter)bestimmtheit des Gegenstands nur das "unausweichliche Schicksal eines Wissenschaftsbereichs, der seine kulturellen Verankerungen gelöst hat (N.W.)". (Das absurdistische Moment in der gegenwärtigen Literaturtheorie (1976), in: Jürgen Schlaeger, Kritik in der Krise. Theorie der amerikanischen Literaturkritik, Übers. a.d. Amerikanischen, München: Fink, 1986), S. 196f. Alvin Kernan dagegen kämpft jetzt im Fach selber gegen die "disintegration of literature" (The Death of Literature, New Haven: Yale UP, 1990, S. 3)

60 Dagegen: "Das ist in einer Zeitung gestanden, daß alles so bedroht ist (...) die ganze Kultur, alles muß verteidigt werden (...) Jaja, sagte ich, muß alles verteidigt werden, ist voll wichtig, muß gegen die Literatur verteigt werden, oder für oder von oder wie oder was" (usw.). R. Goetz, Hirn, S. 18.

61 So Luhmann über den soziologischen Gegenstand 'Ordnung` (vgl. Anm. 62), S. 195.

62 Diese Fragetechnik ist seit langem bekannt und von prominenten Autoren verschiedener Disziplinen angewandt worden: Wohl zuerst von Georg Simmel. Fast zeitgleich auch bei Georg Lukács (in seiner Heidelberger Philosophie der Kunst: "Es gibt Kunstwerke wie sind sie möglich?") und, besonders ausführlich auch in den wissenschaftstheoretisch Konsequenzen: N.Luhmann, Wie ist soziale Ordnung möglich?, in: ders., Gesellschaftsstruktur und Semantik, Bd. 1., Fft/ M: Suhrkamp 1981, S. 195.

63 Führen wir Luhmanns erkenntnistheoretischen Kommentar fort: Antwortet man auf die Frage 'Wie ist Literatur möglich?' durch "LiteraturLegenden", so verlagert sich das Problem 'nur' auf die Erzähltheorie und das Studium narrativer Epistemologien und erkenntnistheoretischer Effekte. Vgl. N.Luhmann, Wie ist Ordnung möglich?, S. 203.

64 Z.B.: Was in Versform oder als Fiktion geschrieben ist, ist Literatur.

65 Klaus Weimar untersucht diesen Akt der Identifikation dagegen gleichsam am Phänomen selber: Worauf beziehen wir uns, wenn wir sagen: dies ist `Literatur`!, K. Weimar, On Traps for Theory and How to Circumvent Them, in: Stanford Literary Review, spring 1986, S. 3146.

66 R. Goetz, Hirn, S. 193.

67 Für das Folgende: N.Luhmann, Die Paradoxie des Entscheidens, in: Nummer, 1(1994), Heft 1, S. 2232.

68 N.Luhmann, Paradoxie des Entscheidends, S. 22.

69 Als Korrektur dieses weichen Alltagsverständnisses formuliert: "Only those questions that are in principle undecidable, we can decide." Heinz von Foerster zitiert nach N.Luhmann, Die Pradoxie des Entscheidends, S. 22.

70 Wohlverstanden: Sie löst nicht das Entscheidungsparadox. In ihr als einer institutionalisierten Lektüreweise wird die Alternativität der Entscheidung als ein asymmetrisches Textverhältnis entfaltet.

71 Gelegentlich hat man den Eindruck, als werde dies im dekonstruktiven Kommentar und seiner Präferenz für die Sprache als Ermöglichungsgrund (in der Form von Rhetorizität oder Schrift) von Literatur vergessen.

72 F. Nietzsche, Wir Philologen, SchlechtaAusgabe, Bd. III, S. 328.

73 Anders gesagt: Die Form des Unterschieds erscheint immer nur in Formen, nicht in invarianten Inhalten. Für Nietzsche war es z.B. der Gegensatz zwischen einer als verkehrt erkannten Gegenwart und einer dagegen als klassisch gesetzen Antike. (Vgl. N. Wegmann, Was heißt einen 'klassischen Text' vestehen, Kap. VI, bes. S. 436.) Uns näher liegen Antonyme wie Zensur vs. (Rede)Freiheit, Dissonanz vs. Normalität oder mainstream vs. Radikalität.

74 Und das im konkreten Fall auch und gerade an einem (damals) noch nicht als Literatur anerkannten Text. W. Benjamin, Kommentare zu Gedichten von Brecht, in: Gesammelte Schriften, hg. v. Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Bd. II.2, Fft/M: Suhrkamp, S. 539.

75 "Every commentary is in principle an affirmation of the text." Karlheinz Stierle, Studium: Perspectives on Institutionalized Modes of Reading, in: NLH 22(1991), Nr. 1, S. 115127, hier S. 117

76 Michel Foucault, Die Ordnung des Diskurses (1970), München: Ullstein, 1977, S. 18.

77 W. Benjamin, Kommentare zu Gedichten von Brecht, S. 540.

78 R. Goetz, Hirn, S. 54. Goetz hat Carl Schmitt gelesen: "Worte wie Staat, Republik, Gesellschaft (...) sind unverständlich, wenn man nicht weiß, wer in concreto durch ein solches Wort getroffen, bekämpft, negiert und widerlegt werden soll." Der Begriff des Politischen. Text von 1932 mit einem Vorwort und drei Corollarien, Berlin: Duncker & Humblot, S. 31

79 Der Topos formuliert das als : "Schlechte Literatur gibt es nicht!"

80 Auch eine Literatur, die 'nichts anderes, als Literatur sein will', hat wie die poesie pure belegt einen polemischen Sinn.

81 Geoffrey. H. Hartman, Criticism in the Wilderness. The Study of Literature Today, New Haven: Yale UP, 1980, S. 170.


zurück zur Übersicht / home

last update 01/04/22 by Mladen Gladic