"Der classische Philolog [...] spricht [...] ein Urtheil."1
Daß eine Philologie, die nur noch (niedere) Kritik und Grammatik kennt und sich selbst als eine ‘charakterologisch’ kontrollierte Praxis definiert, die eigentliche Bestimmung der Disziplin verfehlen muß auch diese Einsicht hat die Philologie des 19. Jahrhunderts formuliert. Allerdings durch einen Vertreter, den die Fachgemeinschaft nicht als einen der ihren akzeptieren wollte, obschon er, anders als Friedrich Schlegel, zumindest für einige Zeit einen ordentlichen Lehrstuhl für (klassische) Philologie innehatte, ja sogar zum Zeitpunkt seiner Berufung im Alter von 24 Jahren! als eine der großen Hoffnungen des Fachs galt2: Auch Friedrich Nietzsche ist nicht schulbildend geworden.3 Und auch hier kann die Biographie wie die Publikationsgeschichte seiner Schriften viel erklären, ohne daß damit bereits gesagt wäre, warum das Fach auf seine philologischen Schriften, insbesondere im Fall der Geburt der Tragödie (1871), nur mit Schweigen reagierte.4 Unstreitig dagegen ist, daß die Altphilologie Nietzsche lediglich als Außenseiter und die deutsche Philologie5 ihn (anders als die deutsche Literatur) offenbar überhaupt nicht wahrgenommen hat.6 Im folgenden kann der Philologe Nietzsche nicht erschöpfend dargestellt werden. Der Grund dafür ist weniger eine unüberschaubare Zahl an Einlassungen Nietzsches zur Philologie als vielmehr der gegenwärtige Stand der (allgemeinen) NietzscheDiskussion. Eine von Frankreich ausgehende und dann in den USA aufgenommene poststrukturalistische Rezeption hat den Philosophen Nietzsche philologisiert. An die Stelle wohlbekannter Themen und Fragen, die um Politik, Moral oder auch Geschichte kreisten Stichwort ‘Nietzscheanismus’ , dominiert heute eine Diskussion, die sich auf einen erkenntnistheoretischen Textualismus bzw. auf eine grunsätzliche Rhetorizität der Sprache konzentriert. Unter diesem ‘philologischen’ Vorzeichen werden gegenwärtig die alten Probleme und Fragen neu interpretiert.7 Hier dagegen ist der Focus ungleich enger. Thema bleibt eine problemorientierte Wissenschaftsgeschichte der Philologie8, und entsprechend hält sich das Folgende, trotz einer weitausgreifenden Parallelstellensuche, zunächst einmal an Nietzsches Einleitung in das Studium der classischen Philologie 9 als dem Kern seiner "philologischen Propädeutik"10. Sie ist, zusammen mit den Skizzen zu einem ungeschriebenen Buch Wir Philologen (1874) sein expliziter Beitrag zur Tradition der philologischen Fachenzyklopädie und so nach eigenem Bekunden nichts geringeres als ein Versuch, den "idealen Philologen" zu zeichnen.11
I.
Der Abstand zwischen Nietzsche und der in Lachmann ‘verkörperten’ textkritischen Philologie scheint auf den ersten Blick nicht groß, ja es überrascht, wie entschieden auch der philosophisch ungleich sachverständigere Nietzsche die akribischgenaue Lektüre ins Zentrum seiner Fachkonzeption stellt. Sitzfleisch, Exaktheit und unbestechliche Schärfe des Urteils zählen auch für ihn zu den unabdingbaren Tugenden des Philologen.12 Philologe sein, heißt zunächst einmal den richtigen Charakter haben: Von der "strengen Methode" der Philologie heißt es etwa, ganz im Tonfall eines Lachmann:
Es handelt sich hier um etwas Ethisches. Der Trieb der Wahrheit befriedigt sich erst in streng logischen Operationen. Der charaktervolle Philolog macht hier die strengsten Anforderungen.13
Wissenschaft meint auch hier einen (moralischen) Habitus. "Sittliche Strenge", so Nietzsche mit Blick auf die universitäre Philologie seiner Zeit und deren Leistungen in der Emendation, "ist das Charakteristikum unserer Periode."14 In der Tat ist Nietzsche mit der textkritischen Lektüre als Paradigma philologischer Erkenntnis aufs engste vertraut. Schon in Schulpforta zählte sie zum festen Bestand des Unterrichts15, ehe Nietzsche schließlich als Musterschüler Friedrich Ritschels am Beispiel der Quellen des Diogenes Laertius selber als Editionsphilologe arbeitet.16
Die exakte Lektüre prägt auch den fachlichen Bezug auf den Gegenstand. Wie Lachmann und die gesamte (Formal)Philologie sieht auch Nietzsche in ihr das philologische Erkenntnismittel schlechthin.17 Freilich verläßt die Begründung das Gewohnte. Mit Lachmann hatte man das Methodische der Lektüre durch den normativen Verweis auf charakterologische Qualitäten geregelt. Nietzsche beläßt es nicht beim metonymischen Übergang von der Person des Wissenschaftlers auf die Disziplin und deren Epistemologie in Gestalt einer professionellen LeseMoral. Das Philologische dieser Lektüre wird für ihn erst dort wirklich greifbar, wo das Moralische oder auch Charakterologische zugleich der Einstieg ist, um nach den epistemologischen sowie kultur und wissenschaftskritischen Qualitäten zu fragen. Denn die langsamgenaue Lektüre des Philologen erklärt für sich genommen noch nicht die disziplinäre Eigenart des Fachs. Sie ist, wie eine Beobachtung Nietzsches zeigt, ein Hinweis, der erst noch weiter zu entschlüsseln ist: Mit kulturhistorischem Gespür erkennt er in der philologischen Lektüre einen kulturellen Anachronismus: "Der Philologe liest noch Worte, wir Modernen nur noch Gedanken".18 Das Unzeitgemäße der Lektüre, hinter dem sich der eigentliche Wert dieses ‘philologischsten’ aller Verfahren verbirgt, ist hier alles andere als ein Relikt der alten "Sammelgelehrsamkeit" mit ihrer ins Beliebige ausufernden Selektionsschwäche. Die "ehrwürdige Kunstfertigkeit" der philologischen Lektüre ist wesentlich (lektüre bzw. medien)technischer Natur, und ihre besondere Bedeutung ergibt sich aus ihrer Differenz zu der inzwischen allgemein gewordenen zivilisatorischen Norm eines (zu) schnellen, (weil) allein am Sinn interessierten Lesens. Die vielgerühmte Akribie der philologischen Lektüre ist, so Nietzsches Rekurs auf die schon aus dem 18. Jahrhundert bekannte Unterscheidung zwischen statarischer und cursorischer Leküre19, selber nur die Folge einer grundsätzlicheren Qualität. Genau ist der Philologe, weil er ein eigenes, wesentlich retardierendes Lesetempo in Anschlag bringt:
Philologie nämlich ist jene ehrwürdige Kunst, welche von ihrem Verehrer vor Allem Eins heischt, bei Seite gehn, sich Zeit lassen, still werden, langsam werden , als eine Goldschmiedekunst und kennerschaft des W o r t e s, die [...] Nichts erreicht, wenn sie es nicht lento erreicht.20
Das Neue ist nicht sofort zu sehen, denn auch in Nietzsches Tieferlegung des überkommenen Lektüreideals stehen technische Anleitungen und moralische Kriterien nebeneinander. Wer sich den Anweisungen zum richtigen Lesen nicht fügt, wird z.B als "moralischer Cretin" abqualifiziert.21 Doch im Gegensatz zur ganz überwiegenden Mehrheit seiner Fachgenossen reflektiert Nietzsche über den Rückgriff auf den entscheidenden technischen Parameter der exakten Lektüre die reduzierte bzw. anachronistische Geschwindigkeit auch deren Konsequenzen für die Textexegese. In der akribischgenauen Lektüre erkennt er eine bislang nur praktisch wirkende und daher weitgehend unbegriffene Hermeneutik. Offen bleibt jedoch, auch nach Durchsicht der entsprechenden Äußerungen, ob und wieweit es Nietzsche für möglich hielt, dieses verborgene Juwel tatsächlich freizulegen, ohne durch die dafür notwendige philosophische Hermeneutik zugleich seine Eigenart zu verfälschen und so das, was ursprünglich als Korrektiv zur spekulativen Exegese galt, wieder der Sinn-Hermeneutik einzuverleiben.22
II.
Wie schon Schlegel und Boeckh, so versucht auch Nietzsche die disziplinäre Eigenständigkeit über die basale Operation des Fachs zu begründen. Erneut wird die Lektüre zum Prüfstein für die Frage, ob es eine philologische Erkenntnis gibt bzw. ob sich das Eigentümliche einer philologischen Lektüre auch über die rein (kultur)technische Dimension hinaus explizieren läßt.
Fündig wird Nietzsche zunächst im Verhältnis der Philologie zur Theologie die von Nietzsche gleichfalls über ihren typischen Textumgang charakterisiert wird. Im scharfen Kontrast zur Philologie mit ihrer gewissenhaften Lektüre regiert hier eine "unverschämte Willkürlichkeit der Auslegung". Beherrscht von einer "Wuth der Ausdeutung und Unterschiebung", ist die Theologie schlichtweg die "Kunst des SchlechtLesens".23 Ohne ein gründliches Studium des Texts als "Thatsache", ungebremst durch das "Urkundliche, Wirklich-Feststellbare, Wirklich-Dagewesene" geht die theologische Exegese auf einen spekulativen Sinn.24 Der Buchstabe kommt im leichtfertigen Hang zur metaphysischen Deutung zu kurz. Anders die philologische Lektüre. Schon allein ihr retardierendes Moment scheint sie immun zu machen gegenüber unbedachten Schnellschlüssen. Handwerkliche Sorgfalt wie professionelles Ethos überschneiden sich in ihr und verhelfen dem Philologen zu einer fachtypischen Haltung gegenüber dem zu verstehenden Text: Sie läßt ihn abwarten, macht ihn bedächtiger, so daß der spekulative Sprung von den allein sichtbaren Buchstaben in die "Gedanken" wenn nicht unterbleibt, dann doch ungleich kontrollierter stattfindet. Der Theologe dagegen ist in seinem "Unvermögen zur Philologie" unfähig,
Thatsachen ablesen zu können [...] ohne im Verlangen nach Verständnis die Vorsicht [...] zu verlieren. Philologie als Ephexis in der Interpretation: handle es sich nun um Bücher, um ZeitungsNeuigkeiten, um Schicksale oder WetterThatsachen, nicht zu reden vom ‘Heil der Seele`... Die Art, wie ein Theolog, gleichgültig ob in Berlin oder Rom, ein ‘Schriftwort` auslegt oder ein Erlebniss [...], ist immer dergestalt k ü h n, dass ein Philolog dabei an allen Wänden emporläuft.25
Was den Philologen bzw. die Lektüre, die ihn erst zu einem solchen qualifiziert, ausmacht, klärt sich so in einer doppelten Frontstellung: Falsch ist einmal die vorschnelle Behauptung eines Sinns, der ohne Rücksicht auf das Faktische in den Text hineingelesen wird.26 Auf Abwege führt aber auch eine Lektüre, die ausschließlich auf den Buchstaben liest und den sowohl epistemologisch unvermeidlichen als auch zum pädagogischen Selbstverständnis der Philologie zählenden hermeneutischen Bezug auf einen wertvollen bzw. bildenden ‘Gehalt’ der Schriftworte meint unterschlagen zu können. "Abgelesen", so Nietzsches Unterscheidung, die den Mangel auf den Begriff bringt, ist nicht "entziffert".27 Zurückgewendet auf das philologische Organon heißt das, daß kein Bereich der philologischen Erkenntnis von der hermeneutischen Aufgabenstellung getrennt werden kann: "Kritik selbst kann nicht Ziel sein, sondern nur Mittel für das volle Verständniss. Insofern ist Kritik nur eine Phase der Hermeneutik."28
Verkennt die Textkritik die auch für sie als Subdisziplin der Philologie verbindliche hermeneutische Grundverpflichtung, kann sie nach Nietzsches Kritik am zeittypischen Selbstverständnis des Fachs nicht im vollen und eigentlichen Sinne philologische Wissenschaft sein. Auch wenn sie noch so sehr strenge Objektivität für sich reklamiert und die Interpretation weil grundsätzlich ungenau als unwissenschaftlich aus ihrem Tätigkeitsbereich verbannt eine solche Selbststilisierung verkennt das eigene Unternehmen. Die Hermeneutik ist, wie F. Schlegel oder A. Boeckh gezeigt haben, ein koextensives Moment der philologischen Lektüre. Sie ist eine unhintergehbare Notwendigkeit, die man nicht ungestraft leugnen oder auch nur gedankenlos mißachten kann. Die militante Selbstsicherheit, mit der die textkritische Philologie ihr Wissen als Ergebnis einer scheinbar selbstverständlichen Verbindung des Buchstäblichen mit dem Vorzeigbaren und direkt Beobachtbaren ausgibt29, überdeckt nur die eigene Blindheit. Wo der authentische Buchstabe als der direkte und eindeutige Weg zu dem einen Sinn und der ‘klassischen’ Größe des Texts avanciert, fällt auch die textkritische Lektüre einem Verstehen anheim, das insoweit, wie es sich ohne die Arbeit der Interpretation einstellen soll, spekulativ ist. Gerade in der hermeneutisch ungeklärten Autorität des Buchstabens wird die Textphilologie zur Zwillingsschwester der theologischen Sinnexegese. Friedrich Schlegel hatte das schon zwei Generationen früher gesehen und bereits seinerseits alle Versuche, die philologische Lektüre auf ein überzogenes Exaktheitsideal zu verpflichten, verworfen. Auch jene Bescheidenheit, wie sie von Lachmann u.a. als disziplinäres Programm der textkritischen Philologie noch gut 50 Jahre später herausgestellt wird30, ist letztlich nur ein extremer Fall von hermeneutischer Hypertrophie: "Die recht kritischen Philologen lesen sehr philosophisch ohne es zu wissen. Streben nach einem a b s o l u t e n Verstehen."31.
Es ist in der Tat unstreitig, daß sich Nietzsche den "unverrückbar strengen philologischen Standards"32 verpflichtet weiß. Doch in dem Maße, wie er die exakte Lektüre auf ihr hermeneutisches Potential durchleuchtet und sie so nicht länger nur als eine epistemologisch ebenso unaufgeklärte wie selbstzufriedene Praxis weitertradiert, formiert sich seine Konzeption des Fachs als scharfe Kritik am Fach, genauer: an der Reduktion der philologischen Tradition auf bloße Textkritik. Sein Einspruch stützt sich dabei weniger auf eine allgemeine Weltanschauung oder eine großangelegte Bildungsphilosophie. Nietzsche argumentiert vielmehr selber aus der praktischen Erfahrung des Textkritikers und behauptet so, der eigentliche (Text)Philologe zu sein. Entgegen dem naiven Glauben von der Existenz einer buchstäblichen, direkt beobachtbaren Textualität zeigen sich die Textverderbnisse, so Nietzsche, weder sofort und unmittelbar, noch können sie allein mittels streng logischer Verfahren, wie es noch Lachmanns Ideal einer durchformalisierten Editionstechnik versprach, lokalisiert werden. Unter der Überschrift "Ueber die Methode zu lesen" setzt Nietzsche dagegen eine (sicherlich nicht nur ihm) vertraute Beobachtung: "Das wahrhaft Bemerkenswerthe erscheint nicht sofort: wie bei verdorbenen Stellen die Corruptel erst spät und nach langem Betrachten gespürt wird."33 Lesen ist offensichtlich mehr als nur eine epistemologisch problemlose Wahrnehmung der Sprache bzw. des Textes nach dem Modell einer einfachen Tatsachenperzeption.34 Gerade das, was nicht mehr ohne weiteres als Sprache vorfindbar ist, sei es die textgenetisch frühere Form oder aber die besondere Qualität des klassischen Gegenstands, ist das Wesentliche. Entsprechend verdient sich der Philologe seine disziplinäre Eigenständigkeit erst dort, wo er sich an diesem Problem einer tieferen Erkenntnis abarbeitet35 und das Positive auf sein eigentliches Fundament "hinterfragt"36. Der authentische Text wie die Klassizität des Überlieferten sind nur erschließbare nicht ablesbare Größen und verlangen so ein Methodenideal, das nicht nur über die bloße Akribie der textkritischen Lektüre hinausgeht, sondern deren vornehmlich detailinteressierten und histor(ist)ischen Zugriff zugleich als prinzipiell unvereinbar mit dem eigentlichen Gegenstand des Fachs kritisiert. Gegenüber dem Klassischen am "Klassischen Altertum" ist die textkritischen Lektüre unempfindlich und "steril"37 obwohl genau diese Qualität des philologischen Gegenstands von Wolf bis F. Schlegel, ja selbst für einen Lachmann, erst die eigene Arbeit rechtfertigen soll. Doch für die große Mehrheit im Fach ist das Besondere des Gegenstands allenfalls ein Lippenbekenntnis, während man, so Nietzsches Kritik weiter, sich tatsächlich einer Erkenntnis verschreibt, die blind ist gegenüber der "Superiorität"38 einer Vergangenheit. Die "ideale" Philologie dagegen strebt nicht nach wissenschaftlicher Erkenntnis per se, ist nicht einfach eine Applikation einer allgemeinen Wissenschaftstheorie oder nur ein Feld mehr für ein andernorts aufgestelltes Wissenschaftsmodell. Wer seinen "Drang zu erkennen irgendwo zu entladen" sucht und so der "reinen Wissensgier" folgt, ist nur "Historiker oder Sprachforscher".39 Zum Philologen fehlt das verplichtende Wissen um die pädagogische Aufgabe des Fachs, wie sie aus der "classischen Tendenz"40 des philologischen Gegenstands folgt. Eine Erkennntis nur um der Erkenntnis willen wird kategorisch ausgeschlossen: "Ich verlange, dass auch der wissenschaftliche Trieb beherrscht werde von jener classischen Tendenz: somit, dass die Mittel jener wissenschaftlichen Triebe nicht Selbstzweck werden, noch einziger Zweck.41
Anders als Schlegels Philosophie der Philologie nimmt Nietzsches Fachenzyklopädie den Traditionsstrang der erziehenden Philologie wieder explizit in die Selbstbestimmung des Fachs auf. Philologe sein heißt für Nietzsche auch Pädagoge sein und deshalb muß der Philologe "das Classische begreifen".42 Erst dann kann er als "Pädagog im hohen Sinne"43 seine ererbte "erziehende Wirkung" auch in der Gegenwart wieder ausüben bzw. das inzwischen Verlorene sich erst wieder "erobern".44 Die unbezweifelbare Autorität des Wissens der Alten, Fundament und Legitimation der als Wissenschaftsparadigma längst verworfenen Gelehrsamkeit, lebt auch hier fort, und zwar in zweifacher Gestalt: als (philosophische) Behauptung von der bildenden respektive klassischen Qualität großer Texte und als Forderung nach einer wissenschaftlichen Erkenntnis, deren Form mit eben dieser essentiellen Qualität des Gegenstands korrespondiert.
Schon hier ist zu erkennen, daß eine Akribie, die sich auf alles und jedes richtet und überdies noch glaubt, der Hermeneutik entbehren zu können, diese eigentliche Bestimmung der Philologie verfehlt.45 Ohne den pädagogischen Imperativ, so Nietzsche im Klartext, ist "der größte Teil jener Ameisenarbeit einfach Unsinn und überflüssig."46 Unangemessen ist aber nicht nur die textkritische Lektüre auf Exaktheit oder die ‘historische’ Lektüre auf "Sammelgelehrsamkeit". Von zweifelhaftem Wert ist auch die literarhistorische Lektüre jedenfalls dann, wenn sie nur auf Vergleichbarkeit liest und so die Einzigartigkeit als das "Nichtgemeinsame"47 ihrer Funde verkennt: Nietzsche kritisiert deren demokratisches Erkenntnisideal paradigmatisches Vorbild ist die (neue) Sprachwissenschaft in ihre gleichmäßig auf alle Sprachen ausgerichteten Erkenntnisintresse48 und klärt zugleich den eigenen Focus aus der Umkehrung:
Die Litteraturgeschichte betrachtet sowohl die Kunstwerke als die Machwerke, sofern sie die Zeit reprässentieren. Sie steht somit im Bunde mit der Pfuscherei, oder anerkennt wenigstens auch das Geringe.49
Nietzsches Philologie hat ihre raison d’etre in einer hochselektiven Auswahl des Überlieferten: Nur am "höchsten Bildungsmaterial" und "Ewiggültigen", nur am "Ideal als solchem"50 kann sich ein Bildungsimperativ legitimieren, der das Fach sowohl in seinen kognitiven Strukturen als auch in seinem wissenspolitischen Selbstverständnis auf den Begriff bringt.
III.
Das Altertum ist in Nietzsches Projekt einer idealen, d.h. an der vollen Entfaltung ihres Begriffs wie ihrer erzieherischen Tradition arbeitenden Philologie keineswegs nur ein Objekt lediglich historischer Erkenntnisinteressen.51 Das unterscheidet Nietzsche von dem später in der Tat schulbildenden WilamowitzMoellendorf. Die behauptete Klassizität des Gegenstands ist für ihn vielmehr das Programm für die (erst noch zu findende) Facharchitektur. An ihr nicht an einem allgemeinen, wesentlich gegenstandsneutralen Wissenschaftsideal hat sich eine philologische Erkenntnis zu messen. Damit nimmt Nietzsche zugleich jene grundsätzlichen Probleme einer genuin philologischen Disziplinarität wieder auf, die bereits zu einem großen Teil Schlegel bekannt waren und ihm die Formulierung einer geschlossenen Fachidentität verwehrt hatten. Nietzsche hält an dem unmöglichen Ort der Philologie zwischen ‘Wissenschaft’ und ‘Bildung’ fest, sucht die Disziplinarität des Fachs im Konflikt zwischen historischem Wissen und einer für den zeitüberdauernden Wert der Überlieferung stehenden "Classicität", auch wenn er weiß, daß dieser Gegensatz eine einfache Lösung für das Problem der philologischen Disziplinarität ausschließt: "Der wissenschaftliche Mensch und der gebildete Mensch gehören zwei verschiedenen Sphären an, die [...] nie [...] miteinander zusammenfallen."52
Von dieser Ausgangslage her fällt zugleich ein neues Licht auf die Frage nach der richtigen, nach der originär philologischen Lektüre. Was noch im Verhältnis zur Theologie als fachspezifische Besonderheit heraussticht die langsambedächtige Lektüre als praktische Interpretationskritik an jeder metaphysischen Textausdeutung scheint nun selber Gegenstand eines grundsätzlicheren Zweifels: Kann eine Lektüre, die sich gegenüber der philologia sacra als eine wesentlich voraussetzungslose ErkenntnisOperation profiliert hat, die bildende Kraft des Klassischen überhaupt erfassen? Das Kritikpotential, das Nietzsche als gleichsam natürliche Funktion in der retardierenden Lektüre des Philologen entdeckt und als Kernbestand des philologischen Ethos herausstreicht, richtet sich schließlich nicht nur gegen die Theologie, sondern gegen jede Weltanschauungshermeneutik: Sie macht den Philologen zum "Antichrist"53, zum "Vernichter jeden Glaubens, der auf Büchern ruht."54
Daß ein emphatisches, mit Blick auf den Bildungsimperativ des Fachs modelliertes Gegenstandsverständnis mit der Forderung nach Wissenschaftlichkeit kollidiert, ist für die disziplinäre Selbstreflexion nicht neu. Das belegt schon die Krititk an Wolfs bildender Philologie. Offen ist, wieweit Nietzsches Beschreibung dieses Problems ein Mehr an Präzision und so möglicherweise auch einen Zugewinn für die disziplinäre Epistemologie erreicht. Schlegels Philosophie der Philologie hatte bei aporetischen Widersprüchen innerhalb der Logik des Fachs auf nichtwissenschaftliche Erkenntisweisen zurückgegriffen. Intuition, Emphase, Magie, so Schlegels Einsicht, sind auch in einer Disziplin, die sich vorrangig als Wissenschaft denkt, unverzichtbar. Oder, mit Blick auf die gesuchte Einheit des Fachs formuliert, ein zureichender Begriff des Fachs ist nur dann zu gewinnen, wenn die systematische Reflexion auf die Arbeit des Philologen auch diese Erkenntnisform ausweist bzw. allererst eingesteht. Das gilt auch für Nietzsche. Auch er sieht sich vor die Aufgabe gestellt, die philologische Leküre gegenüber der intuitiven Erkenntnis zu öffnen, ohne zugleich das handwerkliche Ideal einer philologischen Lektüre oder gar den ursprünglichen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit aufzugeben.
Nietzsche setzt wiederum bei der praktischen Arbeit des Philologen an und bestätigt einmal mehr, wie sehr seine philologische Grundausbildung fortwirkt. Den allseits anerkannten Beweis für die Interdependenz von vor bzw. nichtwissenschaftlicher und wissenschaftlicher Erkenntnis findet er in der Konjektur und in ihrem kontrollierten Sprung über die bislang sichere Erkenntnis. Gerade diese "subtilere Operation der Textkorrektur"55 beweist die Unverzichtbarkeit wie besondere Potenz der Phantasie bzw. Kreativität und avanciert so zu einem grundsätzlichen Modell (nicht nur) philologischer Erkenntnis: "Man muß beim Denken schon haben, was man sucht, durch Phantasie dann erst kann die Reflexion es beurtheilen."56 Nach diesem Muster postuliert Nietzsche ein "Gefühl für das Klassische"57, einen "Instinct der Classicität"58 oder einen "Trieb zum klassischen Altertum"59 allesamt Prädikate, die auf den Begriff des Erlebnisses als einer wesentlich emphatischen Erfahrung der Vergangenheit bzw. ihrer klassischen Überlieferung zulaufen. Das Erlebnis, das sich nicht aus dem direkten Sachbezug, sondern aus einem prinzipiellen Mißtrauen gegenüber der eigenen Kultur und ihrer Selbstdarstellung herleitet, ist die ideale Basis des Fachs. Das "Erlebnis", so Nietzsche unmißverständlich, ist die "unbedingte Voraussetzung für einen Philologen."60 Erst in einem zweiten Schritt können "Gründe" der Rechtfertigung gefunden werden. Erst dann, und auch das ist ein Reflex auf das Problem, sich bei der Selektion des Gegenstands entscheiden zu müssen zwischen der historischen Fülle und der überhistorischen Bedeutung des überlieferten, "darf er [der Philologe] sich näher in das Einzelne einlassen, ohne befürchten zu müssen, den Faden zu verlieren."61 Hilfestellung soll die Philosophie geben. Schließlich fungiert die "Classicität des Alterthums" als "philosophische Voraussetzung der classischen Philologie."62 "Voraussetzung" heißt jedoch nicht Lehrmeister.63 Wie schon bei Schlegel ist die Nähe zur Philosophie nicht problemlos. Weder gibt es eine fixe Grenze zwischen beiden Disziplinen, noch kann die eine ohne die andere auskommen.64 Entscheidend ist, daß selbst ihre Kooperation nicht ausreicht, um das Problem des Klassischen als Gegenstand der Philologie zu klären oder auch nur als Aufgabenstellung zureichend zu beschreiben. Nietzsche bringt nach der ‘buchstäblichen’ Nähe zum Text, dem emphatischen "Erlebnis" des Altertums und der wertbewußten Philosophie ein weiteres, ebenso grundsätzliches wie irreduzibles Moment ins Spiel. Die "Hellenen", zwar nicht die einzige, aber, wie Nietzsche pragmatisch argumentiert, für unseren Kulturkreis erste Manifestation des Klassischen, sind in ihrer Größe weder der schlicht ablesenden, noch der begrifflich operierenden Lektüre zugänglich: "Es gehört zu den großen Eigenschaften der Hellenen, daß sie ihr Bestes nicht in Reflexion umwandeln können. Das heißt: sie sind naiv."65 Damit verkompliziert sich erneut das Erkenntnisproblem. Die bisher angeführten Strategien stoßen an ihre Grenzen bzw. erweisen sich gegenüber dem derart hermetisierten Gegenstand als zu unsensibel, um seine Besonderheit(en) in eine Sprache der gegenwärtigen Wissenschaften zu übersetzen. Selbst Schlegels Antwort auf das Problem des philologischen Gegenstands greift angesichts der neuerlichen Vertiefung des Gegenstands zu kurz. Zumindest muß zur unaufhebbaren Spannung von ‘Buchstabe’ und ‘Geist’, von akribischer Genauigkeit und hermeneutischkreativem Schwung jetzt zusätzlich ein Sinn für ästhetische Erkenntnis hinzutreten66, haben doch die Griechen in ihrer dem Begriff verschlossenen Größe, so Nietzsches Begründung für eine nun auch künstlerische Philologie, "etwas von Kunstwerken an sich."67
Spätestens an diesem Punkt wird deutlich, wie komplex eine Disziplinarität wird, die Nietzsches Anspüchen auf philologische Erkenntnis genügen will. Die postulierten Qualitäten des Gegenstands werden immer vielfältiger, die Bandbreite seiner Erscheinungsformen immer größer angefangen von seiner Existenz als Sprache bzw. Buchstabe, seine Realität als Stoff oder historische Tatsache über sein Dasein als Kunstwerk und "höchstes Bildungsmaterial" bis hin zu seiner Funktion als Katalysator für eine emphatische Erfahrung. Entsprechend groß muß umgekehrt auch das Arsenal an Erkenntnisformen sein, um dem derart mehrfach perspektiviertem Gegenstand in seiner ganzen Besonderheit erst Realität zu geben. Das Fach wird, mehr noch als im Fall der Textkritik mit ihrem Spezialistentum, für potentielle Bewerber bzw. Studierende hochselektiv: "99 von 100 Philologen sollten keine sein."68 Die Philologie ist demnach nicht nur kein "Brotberuf", so noch die Exklusivitätsformel im Zeitalter des Neuhumansimus, und erst recht ist sie keine Aufgabe, die sich der gelehrte Fleiß oder eine hochspezialisierte, gleichwohl aber auch andernorts geltende Forschungslogik zutrauen darf. Diese Philologie ist aufgrund ihrer multidisziplinären, überdies in Emphase gefärbten Problemstellungen schwer zugänglich. Entsprechend verlangt das mehrsträngige Reflexionsniveau auch eine MehrfachBegabung69, wie sie nur die wenigsten haben, ja vielleicht niemand haben kann: Die Philologie erreicht hier als epistemologisches Ebenbild eines Gegenstands, der sich dem einfachen Zugriff prinzipiell entzieht, ein Höchstmaß an Exklusivität.
Das allein macht Nietzsche noch nicht zu dem Philologen des 19. Jahrhunderts. Zumal man kritisch einwenden kann, daß der überlange Katalog an Anforderungen eher die Idiosynkrasie eines Intellektuellen spiegelt, der hier nur die eigene Überschätzung in Szene setzt. Daß das Projekt immer verzweigter und damit zugleich auch unwahrscheinlicher wird, letztlich sogar auf ungesichertes Terrain drängt und so zum "Problem der Wissenschaft selbst"70 wird, ist keineswegs nur durch Nietzsches bekannte Abneigung gegen die zeittypische Philologie motiviert. Wer hier nur eine eigennützige Überbietungsstratgie am Werk sieht, die das disziplinäre Niveau so hoch zieht, bis schließlich am Ende keiner mehr mithalten kann, verkürzt Nietzsches Beitrag zur Reflexionsgeschichte und gibt jenen Recht, die in Nietzsche einen prinzipiellen Gegner jeder Philologie erkennen und ihn so noch einmal aus der Geschichte des Fachs ausgrenzen wollen.
Bedrohlich unübersichtlich wird seine "ideale Philologie", weil die überkommene Selbstbestimmung der Disziplin, nämlich zugleich ‘Wissenschaft’ und ‘Bildung’ zu sein, nicht geklärt ist und auch über die Aporie hinaus nicht geklärt werden kann: "Stellen wir uns historisch zum Alterthum, so degradiren wir es gewissermaassen: wir verlieren das Bildende."71 Hält man es dagegen mit Wolf und finalisiert das eigene Fach nach Maßgabe einer Bildungsmetaphysik, so ist der Anspruch auf eine wissenschaftliche Philologie aufgegeben. Beides kann nicht zusammenfallen, kennt keinen versöhnenden Ausgleich und doch muß sich die Disziplin an diesem für sie konstitutiven Gegensatz ausrichten: Die aporetische Form, in der sich zwei divergierende, ja sich ausschließende (Selbst)Bestimmungen des Fachs widerstreiten, gibt dem Fach seine epistemologische Besonderheit und verhilft zugleich dem durch sie hindurch erkannten Gegenstand zu jener Lebendigkeit, die das ideale Prädikat der "Classicität" anzeigt. Wie ein Sog zieht dieser Grundwiderspruch stets neue Lösungen an Antworten, die sich an diesem Problem abarbeiten, die Kluft jedoch nicht schließen können und so letztlich in ihrem Scheitern die Aporie von ‘Wissenschaft` vs. ‘Bildung` als ebenso unerreichbaren wie idealen Kern des Fachs bestätigen und zugleich den ‘klassischen’ Gegenstand in jener distanzierten Nähe halten, der er seine Wirkung schuldet. Demnach sind es gerade diese Lösungsversuche, die das Fach (vor)antreiben. In dem Maße, wie sie in ihrer Unzulänglichkeit sichtbar werden, erzeugen sie selbst wieder auf dem Weg der disziplinären SelbstKritik neue Anstrengungen, bis auch sie ihrerseits wieder von neuen Reformulierungen der aporetischen Problemstellung abgelöst werden: Als exakt definierte Disziplin ist die Philologie eine epistemologische Illusion.
IV.
Auch eine Philologie, die ihrer epistemologischen Disziplinarität nach ohne feste Antwort bleibt, muß praktisch Arbeiten. Auch Nietzsches vielschichtige Philologie muß beides tun: ihre disziplinäre Eigenart klären wie praktische Arbeit an der Überlieferung leisten. Das verlangt einmal ihre soziale Existenz. Darüberhinaus jedoch läuft auch die Reflexion auf sich selbst, wie das Beispiel des ‘Textkritikers’ Nietzsche zeigt, wesentlich als begriffliche Aufarbeitung praktischer Erfahrung. Kürzer gesagt: Auch diese Philologie muß lesen. Hier ist der praktische Ort, an dem die aufgestellten Prädikate einer dem Gegenstand "Classicität" angemessenen philologischen Disziplinarität zusammenkommen und ihre erkennende Kraft entfalten.72
Ob allerdings nun der Praxis gelingt, das Postulat einer genuin philologischen Lektüre im Sinn einer wesentlich problemlosen Anwendungstechnik zu lösen, ist fraglich. Bereits F. Schlegel war hier wenig zuversichtlich und auch Nietzsches Versuch, die philologische Praxis eines genauen Lesens zu einer allgemeinen Methodologie hochzurechnen, war wie gesehen letztlich nur begrenzt erfolgreich. Was fehlt, ist eine Position, die weder der Chimäre einer ebenso klaren wie einfachen Fachsystematik folgt, noch alle Probleme einfach der intuitiven Erkenntnis der Praxis überantwortet. Sind damit alle theoriebautechnischen Mittel erschöpft? Die Antwort ist zwiespältig. Einerseits verläßt Nietzsche an dieser heiklen Stelle das streng Epistemologische, gibt aber andererseits dem Dilemma eine neue Wendung und öffnet das Fachs gegenüber dem Politischen: Die Philologie wird zur radikalen Kulturkritik.
Dazu im einzelnen. Die so vielschichtigen wie heterogenen Prädikate einer Lektüre, die sich sowohl auf das Buchstäbliche konzentriert als auch "noch das Geheimniß" versteht, "zwischen den Zeilen zu lesen"73, ordnet Nietzsche in einen funktionalen Zusammenhang: die innere Ordnung der philologischen Lektüre soll sich aus einer verbindlichen Zwecksetzung klären. Geht es um den Erkenntnisgegenstand in seiner Gesamtheit, ist von den "Griechen" oder den "Hellenen" die Rede, dann ist die adäquate philologische Erkenntnis eine "Abschätzung" oder "Schätzung"74. Der Gegensatz zu einem "neutralen Sichbefassen"75 ist offensichtlich. Das Griechentum, so Nietzsche im Klartext, wird "geprüft"76, nach seinem im Begriff des "classischen Altertums" postulierten Wert "taxiert"77, oder, alles zusammenfassend, es wird beurteilt: "Urteilen", so Nietzsche über die eigentliche Aufgabe wie die problematische Natur der philologischer Lektüre, "ist am schwierigsten".78 Hier ist die epistemologische und kulturpolitische Zielvorgabe der philologischen Lektüre benannt; hier ist der Focus, unter dem das Disperate der philologischne Lektüre sich einfügen soll.
Die Lektüre auf ein (Wert)Urteil weiß, daß sie kein einfacher Ausweg aus der problematischen Natur philologischer Erkenntnis sein kann. So war sich Nietzsche als Philosoph im klaren, daß Werte sich einer Epistemologie des Ablesens prinzipiell entziehen "Als ob die Werte in den Dingen stecken und man sie nur festzuhalten hätte."79 Damit jedoch gerät die Philologie in Gefahr, an entscheidender Stelle ohne ihr lektüretechnisches Fundament wie es im wörtlich verstandenen Topos von der ‘Nähe zum Text’ greifbar ist operieren zu müssen. Gleichwohl riskiert Nietzsche seine "ideale" Philologie auf diesen Punkt hin. Entsprechend unmißverständlich fällt die Warnung vor der anstehenden Schwierigkeit aus: "Im Puncte des Lesens muss jeder Student der Philologie von vorn anfangen."80 Doch seine philologische Propädeutik kennt, wie auch anders, kein Patentrezept. Es bleibt bei vagen Empfehlungen wie dieser: "Der Philolog hat also vor Allem auf der Universität sich zu üben, die Dinge ernst und gross zu betrachten, und sich und seine Umgebung aus der Vereinzelung zu reissen."81 Nur ihrer allgemeinen Form nach hat Nietzsche diese urteilende Lektüre näher charakterisiert: Es ist ein Lesen, das die disperaten Prädikate philologischer Lektüre in ein Zugleich überführt, das nicht nur mehrfache Erkenntnisabsichten, sondern auch mehrere Erkenntnisformen (von der Faktenwahrnehmung über das Werturteil bis hin zur Ästhetik) in Anschlag bringt: "Das Sonderbare ist einen Text mit verschiedenen Augen zugleich anzusehn, mit denen aller möglichen Interessen."82
Das könnte auch bereits das Schlußwort sein. Denn ob eine Philologie, die an der Aporie von `Wissenschaft’ vs. ‘Bildung’ festhält, über solche ebenso vielsagenden wie rätselhaften Aphorismen hinaus begrifflich durchleuchtet werden kann, ist alles andere als ausgemacht. Gleichwohl sei der Versuchung nachgegeben und die Frage gestellt, wieweit Nietzsche das Problem des Werturteils als Teil der philolologischen Selbstreflexion durchdacht hat.83 Der skeptische Nietzsche wußte, daß Werte von den jeweiligen Akteuren selber zu begründen sind. Doch das ist nur die eine Seite. Zum Wesen des Werts zählt untrennbar seine Autorität was Folgen haben muß für die Art und Weise, wie solche Wertfeststellungen formuliert werden müssen. Ein Wert, der die hinter ihm stehende Interessenlage zu schnell und zu leicht zu erkennen gibt, kann kaum auf die notwendige überparteiliche Geltung rechnen. Geht es um Autorität und Geltung und das trifft auch und gerade die "höchste Humanität" als Kernbestimmung einer vorbildlichen Überlieferung zu muß an erster Stelle das `Klassische’ interessieren.84 Sein Ansehen ist unübertroffen. Als Inbegriff des Vorbildlichen ist es zwar nicht die einzige, aber eine zur modernen Wissenschaft (noch) konkurrenzfähige Autoritätsgrundlage für ein bildendes Wissen.85 Und doch ist auch seine Macht keine objektive oder definitive Größe. Auch hier, so Nietzsche unmißverständlich, gilt die erkenntnistheoretische Einsicht, wonach Werte nicht Resultat eines schlichten Sachbezugs auf einen historischen und in diesem Sinne faktisch gegebenen Gegenstand sein können: "Die Niederwerfung vor den `Fakten`, eine Art Kultus. Tatsächlich vernichten sie die bestehenden Wertschätzungen."86 Eine wahre Abschätzung der Griechen, trotz oder gerade wegen des allgemeinen Respekts87, die sie als Gipfel des Klassischen und Inkarnation des Humanum genießen, hat es daher nie gegeben, ja kann es gar nicht geben, da die unüberwindliche Aporie von `Wissenschaft’ vs. ‘Bildung’ eine objektive Erkenntnis vereitelt, ja umgekehrt eher zweifelhafte, gemessen am wissenschaftlichen Neutralitätsideal sogar falsche Ergebnisse produziert:
Die Griechen sind gewiß nie überschätzt worden: denn da müßte man sie doch auch so geschätzt haben, wie sie es verdienen; aber gerade das ist unmöglich. Wie sollten wir ihnen gerecht in der Schätzung sein können! Nur falsch geschätzt haben wir sie.88
Richtig bewertet, und das kann jetzt nur ein relatives Urteil meinen, das mit Blick auf die jeweilige Jetztzeit und ihre Kultur gefällt wird, ist die Antike nur dann, wenn die Lektüre der "Antinomie der Philologie"89 folgt: Die eigentliche Erkenntnisrichtung der Philologie zielt nämlich, so Nietzsche, entgegen ihrer Beschäftigung mit der Überlieferung, nicht auf die Vergangenheit, sondern auf die Gegenwart. Die Jetztzeit, so Nietzsche in der zunächst widersinnigen Umkehrung des Gewohnten, soll "aus dem Altertum" verstanden werden.90
Über das Ergebnis kann es dabei der Form nach keinen Zweifel geben. Philologische Erkenntnis, soweit sie wertbewußte Ganzheitswahrnehmung ist, steht grundsätzlich unter einem strategischen Vorurteil: "Der richtige Ausgangspunkt ist [...] von der Einsicht in die moderne Verkehrtheit auszugehn und zurückzusehn".91 Noch klarer, noch aggresiver gesagt: "Mein Ziel ist: volle Feindschaft zwischen unserer jetzigen `Kultur’ und dem Altertume zu erzeugen. Wer der ersten dienen will, muß das letztere hassen."92 Das erste und alles weitere prägende Urteil ist demnach bestimmt durch seine Verwendung nicht durch ein wie immer gedachtes Einverständnis mit der `wahren Natur’ des klassischen Gegenstands. Entscheidend ist, daß sich das Votum in der gegenwartskritischen Bildung bewährt. Von diesem Fixpunkt aus gewinnt das Urteil von den "ewiggültigen" Griechen seinen eigentlichen, d.h. strategischen Sinn: es ist die Autoritätsgrundlage für den Einspruch gegen die Verhältnisse. Wahr ist ein solches Urteil, sofern es eine kulturkritisch aufgeladenen Differenz vollzieht zwischen der Jetztzeit und einer anderen, in ihrer Vorbildlichkeit möglichst anerkannten sprich: ‘klassischen’ Kultur. Zugleich wird in dem Maße, wie sich das Erlebnis der anderen Kultur zur kritischen Haltung gegenüber der eigenen verdichtet, ein Bezug auf den Gegenstand anvisiert, der als urteilende Lektüre nicht nur Gegenwart und Vergangenheit zusammenbringt, sondern wissenschaftliche und praktische Erkenntnis verbindet: Im Lesen auf ein Urteil realisiert die Philologie das ihr als eigentliche Bestimmung aufgegebene bildungspolitische Engagement allerdings nicht als Vollzug einer dogmatischen Weltanschauung oder quasitheologischen Bildungsmetyphysik, sondern als eigenständige, ‘philologische’ Form der Gesellschaftskritik.
V.
Selbst Nietzsche war sich nicht sicher, wieweit die schwierige Balance, die er seiner Philologie zwischen Stoffbezug und Rangwahrnehmung, zwischen wissenschaftlicher Objektivität und bildungspolitischem Engagement zumutet, tatsächlich hält. Skepsis bleibt, wie etwa im Verdacht, daß die Philologie um ihres aktuellen Engagements willen das Vergangene bzw. die andere Kultur, allzu perspektivisch wahrnehme: "Flucht aus der Wirklichkeit zu den Alten: ob dadurch nicht die Auffassung des Altertums gefälscht ist?"93 Gleich ob Nietzsche diese Frage ans Ende oder schon an den Beginn seiner Arbeit am Fach stellt: Sie ist unvermeidlich, weil sie an den theoriebautechnischen Preis erinnert, den jede Grundentscheidung und so auch die von der "Classicität" einer (z.B. griechischen) Kultur unweigerlich haben muß.
Bei solchen Skrupeln über zu hohe, möglicherweise das Objektivitätsideal der modernen Wissenschaft grundsätzlich übersteigende Kosten hilft nur eine Gegenrechnung. Die aber ist nicht mehr ohne weiteres Teil einer historischen Rekonstruktion. Nietzsche nur historisch lesen, hieße ihn als Klassiker unterschlagen: "Klassisch ist eine Theorie", so Niklas Luhmann im Versuch, disziplinäre Tradition(en) auf ihren aktuellen Nutzen zu befragen, "wenn sie einen Aussagezusammenhang herstellt, der in dieser Form später nicht mehr möglich ist, aber als Desiderat oder als Problem fortlebt."94 Anders gesagt: Nietzsche wie F. Schlegel interessieren weder als Zeugen für die jeweilige historischstatistische Realität des Fachs, noch als einzigartige Begabungen, die den Späteren die schlußendlichen Lösungen für invariante Problemstellungen vorgeben. Ansprüche und Problemniveau des Fachs haben sich inzwischen geändert. Was von den Klassikern des Fachs in die aktuelle Reflexion eingehen kann, liegt im Bereich der Theorie bzw. auf der Ebene disziplinärer Modelle: Eine erkenntnistheoretisch erfahrenere Gegenwart des Fachs kann an Schlegel oder Nietzsche nur sehen, "was zu leisten wäre; aber nicht mehr: wie es zu leisten ist."95
Wolf hatte alle Teile des Fachs durch die Bildungsmetaphysik des Neuhumanismus durchdekliniert, letztlich ohne Rücksicht auf die geforderte Eigenart einer philologischer Erkenntnis. Ähnlich einseitig, jetzt unter dem Vorzeichen der Faktengenauigkeit, verfährt die textkritische Philologie. Beidesmal bleibt das Klassische des philologischen Gegenstands in den Bahnen gegenständlicher Objektivität. Das bestätigt der jeweilige Erkenntniszugriff, gleich wie verschieden sich die bildende und die exakte Lektüre zunächst darstellen: Glaubt letztere die eigentliche Qualität des Gegenstands dank einer möglichst vollkommenen Texttreue ablesen zu können, so orientiert sich die Wolfsche Philologie an der Theologie und versteht auch ihren Gegegenstand als eine sich selbst mitteilende Offenbarung. All dies jedoch führt nicht zu einer über sich selbst aufgeklärten Wissenschaft; das Fach bleibt im Bann magischer Erkenntnis.
Anders F. Schlegel. An die Stelle des epistemologisch naiven Denkens in Objekten setzt er die Arbeit an den disziplinären Widersprüchen, wenn auch, zumindest in den uns erhaltenen Heften, nur mit Blick auf das formale Organon der Philologie. Das Pädagogische bleibt am Rande. Im Zentrum steht der "philologische Imperativ", wie er sich in in der philologischen Basisoperation des Lesens verwirklicht. Die Logik dieser Lektüre folgt nicht einer vermeintlich problemlosen Faktenwahrnehmung. Als praktisches Resultat der "philologischen Antinomien" zwischen Hermeneutik und Kritik, zwischen Buchstabe und Geist fundiert sie vielmehr selber den Gegenstand: Klassisches kann es unabhängig von der Art seiner Behandlung nicht geben.
Andererseits kann Schlegel die gesuchte Disziplinarität nicht allein über eine spezifische Untersuchungsmethode definieren. Selbst seine Lektüre auf Klassik vermag keine befriedigende Klarheit über das notwendige Zusammenspiel ihrer heterogenen Elemente zu gewinnen. Feste, nachvollziehbare Regeln, die das Gelingen der Lektüre sichern, bleiben Desiderat. Doch diese fehlende Sicherheit im Operieren wird um so mehr ein Problem, wenn die Ergebnisse der Lektüre nicht schon aus dem folgen, was gelesen wird.
Nietzsche zieht das Reflexionsniveau noch einmal an. Das gelingt durch die Kritik an einer Gegenstandsdefinition, die das Klassische historisch denkt und seine Erkenntnis durch die Kontinuität des historischen Prozesses gesichert glaubt. Nietzsche wendet sich nicht gegen historische Erkenntnis per se, aber er zeigt auf die Aporie, wonach einerseits das Historische des Gegenstands Voraussetzung seiner Erkennbarkeit ist, aber zugleich das Wesentliche dieses Gegenstands, seine "Classicität", ihn aus der Geschichte heraus setzt. Nietzsches eigener Vorschlag geht weder zurück in die magische Vorstellung eines selbstbedeutenden Objekts, noch folgt es dem Glauben an eine exakt explizierbare Erkenntnismethode als dem ebenso sicheren wie szientifischen Fundament der Philologie. Das Klassische ist für ihn eine differentielle Relation zwischen der eigenen Gegenwart und einer Vergangenheit. An die Stelle eines Denkens in Prozessen setzt Nietzsche die topologische Bestimmung. Entsprechend liegt der Wahrheitsgehalt respektive die Autorität des Gegenstands weder im Objekt selbst noch im methodisch genauen Bezug. Ausschlaggebend ist die strategische Verhältnisbestimmung bzw. ihr Vollzug in Form eines Werturteils. Im Kern dieser urteilenden Lektüre steht selbst wiederum ein Urteil, ein Vorurteil, das die gegenwärtigen Verhältnisse keinesfalls als ein (kulturelles) Maximum oder auch nur als einen unzweifelhaften Fortschritt akzeptiert: Das Klassische ist nur insofern das schlechthin Vorbildliche als an ihm die Beschränktheit einer selbstgefälligen bzw. sich gegen Kritik immunisierenden Gegenwart demonstriert werden kann.
Der topologisch definierte Gegenstand des Fachs ist so alles andere als eine fest vorgegebene oder zumindest methodisch fixierbare Größe. Er steht für die offen zu haltende Möglichkeit einer Kritik an den Verhältnissen, denn je klarer sich die Philologie über ihren Gegenstand wird, desto überzeugender fällt ihr Urteil über die jeweils eigene Zeit aus. Nietzsche konzipiert den philologischen Gegenstand so als Engführung von wissenschaftlicher und praktischer Erkenntis, von Sachbezug und emphatischer Kulturkritik. Dabei besteht er einerseits wie schon Schlegel auf der grundsätzlich problematischen Natur philologischer Erkenntnis. Der "vielspältige Charakter"96 des Fachs ist fundamental. Zugleich aber hält er explizit an der humanistischen Tradition des Fachs fest und reaktualisiert sie als bildungspolitischen Auftrag. Nietzsche widerspricht einer Philologie des bloßen Spezialistentums. Seine Universalphilologie umgreift die ganze Breite philologischen Tuns, ohne dabei auf das (gelehrte) Schema der bloßen Problem bzw. Aufgabenaddition zurückgreifen zu müssen. An dessen Stelle rückt die traditionsgesättigte Aporie von ‘Wissenschaft’ und ‘Bildung’. Als disziplinären Klammer überbrückt sie die alte Grenze zwischen dem engen und weiten Begriff der Philologie.
Allerdings muß auch für Nietzsches Philologie die gesuchte Verbindung zwischen wissenschaftlich geklärter Erkenntnis und emphatischem Engagement, und hier ist einmal mehr die disziplinäre Sollbruchstelle zwischen `Wissenschaft’ und ‘Bildung’ erreicht, schwierig bleiben. Auch seine Philologie paßt in keinen Leitfaden. Auch sie bleibt auf den unmöglichen Zirkel verwiesen von erkenntnistheoretisch kontrolliertem Sach respektive Vergangenheitsbezug und der Idealität eines als klassisch (voraus)gesetzten Gegenstands.
VI.
Bleibt noch der Einwand der Unwahrscheinlichkeit. Auch Nietzsche ist sich der geringen Realisierungschancen seines Konzepts bewußt. Zwei Wege werden diskutiert zwei Wege, die in ihrem alternativen Verlauf zwischen Außenseiter und disziplinärer Gemeinschaft, zwischen individueller Abweichung und systemischer Ordnung eine zentrale wissenschaftsinterne Dynamik erkennen lassen. So setzt Nietzsche zum einen auf die "Wucht philologischer Persönlichkeiten"97, die kraft ihrer personalen Eigentümlichkeiten die widersprüchlichen Anforderungen des Fachs erfüllen98: Anders als die "Angestellten der Wissenschaft"99 haben sie den "schöpferischen Blick" und verfügen so über jene besondere Qualität(en), auf der "alle grossen Fortschritte der Philologie beruhen"100 und die Nietzsche sich zumindest zum Zeitpunkt der Geburt der Tragödie selber zugebilligt hat. Könnte so nicht im Genius einer singulären Begabung das Fach zur Einheit kommen? "Solche Naturen bringen, mit diesen ihren personenhaften ErkenntnisGebilden jene Täuschung hervor, daß eine Wissenschaft [...] fertig sei und am Ziele stehe."101 Der genaue Wortlaut zeigt an, daß dieser Erfolg weder sicher noch fehlerlos ist. Zwar gewinnt das Fach, weil es dank solcher außerordentlichen Talente der eigenen "Beschränktheit"102 ein Stück weit entkommen kann. Aber der Teilerfolg endet unterm Strich im negativen Ergebnis. Der partielle Erkenntiszugewinn läßt sich nicht auf die Disziplin selber übertragen: "wie sie [die philologischen Talente] selber durch und durch Person sind, so wachsen auch alle ihre Einsichten [...] wieder zu einer Person zusammen".103 Die gesuchte Disziplinarität verliert sich in einer kaum noch zu kontrollierenden Personalisierung und Subjektivierung prinzipiell überindividueller Wissens bzw. Wissenschaftsstrukturen.
Die HomerSchrift, Nietzsches Antrittsvorlesung in Basel (1869), ersetzt das "philologische Genie" (Schlegel) und seine zumindest angedeutete Anverwandlung an den originalen Schöpfer der (klassischen) Überlieferung durch ein ganz anderes, dem ersten direkt entgegengesetztes Modell. Philologie meint hier die Fachgemeinschaft. Nietzsche skizziert sie als ein Kollektiv, das sich nicht nur selbst organisiert, sondern das in seinem disziplinären Entwicklungsgang sich auf ein Ziel hin selbsttätig korrigiert. Zugleich wird die außergewöhnlich problematische Existenz des Fachs als Überforderung jeder individuellen Anstrengung begriffen: "Für den Einzelnen gibt es [...] gar keine Rettung vor dem [...] Zwiespalt". Die Einheit des Fachs wird nur im "großen Ganzen", so Nietzsches Formel für eine in die Zukunft gerichtete, subjektlos prozessierende disziplinäre Logik, zu erringen sein:
Die gesamte wissenschaftlichekünstlerische Bewegung dieses sonderbaren Zentauren [d.i. die Philologie] geht mit ungeheurer Wucht, aber zyklopischer Langsamkeit darauf aus, jene Kluft zwischen dem idealen Altertum [...] und dem realen zu überbrücken; und damit erstrebt die klasssische Philologie nichts als die endliche Vollendung ihres eigensten Wesens, völliges Verwachsen und Einswerden der anfänglich feindseligen und nur gewaltsam zusammengebrachten Grundtriebe"104
Auch das läßt sich kritisieren als ein bloßes Verschieben der Probleme in eine ferne Zukunft. Wiederum stünde am Ende, wie schon im Fall Schlegel, eine Enttäuschung. Statt der definitiven Antwort auf die Frage nach dem Philologischen an der Philologie findet sich nur eine bedenklich komplexe Beschreibung des Fachs, in der mehr oder minder lose miteinander verknüpfte Problemstellungen erst dort zusammenfinden, wo das Fach bereit ist, Wissenschaftlichkeit und Engagement zu amalgamieren. Für diese Antwort auf die Frage nach der philologischen Disziplinarität spricht jedoch, daß die rekonstruierten Problemstellungen ihrem Kern nach über das 19. Jahrhundert hinaus fortbestanden haben und noch immer fortbestehen, ganz gleich, ob dem Bildungsimperativ nun eine textkritische, eine historische oder eine kommunikationssoziologische Wissenschaft gegenübersteht. Nietzsches Problemreflexion ist noch immer die Kröte, an der sich die Philologie verschluckt sofern sie die WertDifferenz in ihrem klassischen Gegenstand nicht aufgeben will!105
Nicht zuletzt um dem zu entgehen hat sich die Disziplin später in neuen Fächern organisiert. Doch der Fortschritt, der sich nicht nur im Titel einer Literaturwissenschaft, sondern auch in den fachinternen Ausgrenzungen des Literaturdidaktischen oder Literaturkritischen spiegelt, ist wenig überzeugend. Er ist eher ein Indiz mehr für eine zeittypische Haltung, die der aporetischen Problemlage keine Spannung mehr geben kann, denn ein Beweis für die angeblich endlich errungene Selbständigkeit im Kreis der universitären Disziplinen. Haben die Außenseiter des Fachs wie Schlegel oder Nietzsche Recht, sind es jedoch die epistemologischen Widersprüche und wissenschaftlichen Anomalien, die zum Philologischen dieser Wissenschaft führen; erst sie verhelfen der Philologie über die bloß archivierende Bestandssicherung hinaus zum Erbe der klassischen Überlieferung.
Die Einheit des Fachs kann nach all dem keine Frage von sonntäglichen Reden vor gebildetem Publikum bzw. vor Bildungsbürokraten sein. Nicht nur, weil es diese Einheit so nicht gibt. Die zwiespältige Existenz der Philologie muß im Fach selbst ausgesprochen und ausgetragen werden. Widersprüche, gelehrte Anachronismen oder gar Anregungen zu einem epistemologischen Sonderweg der Philologie beweisen nicht einfach Schwäche und Mangel. Im Gegenteil. Sie und nicht eine als zeitenthobene Substanz wie als ideologisches Konstrukt verkannte Klassizität sind die Arbeitsgrundlage der Philologie. "What proved disabling is not the failure of humanists to agree on objectives, but their failure to disagree on them in ways that might become recognizable."106 Folgt man Gerald Graff, der nicht zufällig aus der angelsächsischen Nachfolgedisziplin der Philologie argumentiert, dann ist das Fach selber beteiligt am gegenwärtigen Geltungsverlust. Zwar wird der öffentliche wie universitäre Bedeutungsverlust ebenso beredt wie berechtigt beklagt, aber dabei bleibt man blind für die eigene Herkunft aus der Aporie von `Wissenschaft’ vs. ‘Bildung’. Wer nicht länger bereit oder fähig ist, das Urteil über die "Classicität" auf unsere Jetztzeit hin zu reaktualisieren, ist zunächst einmal selber verantwortlich für die "durchherrschende Erschlaffung der Teilnahme an philologischen Problemen."107
1 F.Nietzsche, Einleitung in das Studium der classischen Philologie (Vorlesung Sommer 1871, dreistündig, in: F. Nietzsche, Musarionausgabe, Bd. 2, S. 337365, hier: S. 344f. Im folgenden zitiert als: Einleitung und Seitenangabe.
2 Nietzsche erhielt in Basel im Februar 1869 eine außerordentliiche, ab März 1870 dann schon eine ordentliche Professur für Altphilologie.
3 Vgl. ausführlich James Whitman, Nietzsche in the Magisterial Tradition of German Classical Philology, in: Journal of the History of Ideas 47 (1986), S. 453468, sowie die dort auf S. 453, Anmerkung 1, verzeichnete Literatur zum Thema Nietzsche und die (klassische) Philologie. Nietzsches TragödienSchrift wurde mit der gewichtigen Ausnahme der Wilamowitzschen Polemik ("Zukunftsphilologie!" Erstes und Zweites Stück, Berlin 1872/73) mit Schweigen übergangen.
4 Whitman hat diese Frage mit der These von zwei sich widerstreitenden Traditionssträngen innerhalb der klassischen Philologie beantwortet. Nietzsche, für Whitman Vertreter der "magisterial tradition", sei von der damals dominierenden RealPhilologie und ihrer positivistischen Wertschätzung des Faktischen bewußt übergangen und so aus dem Fach selbst ausgegrenzt worden. J. Whitman, Nietzsche in the Magisterial Tradition (= Anm. 3).
5 Deren Intresse an kognitiven Fragen war gering. Scherers Einsicht, daß "alle Streitfragen, welche wir jetzt [1876] mit Lachmanns Namen vorzugsweise verknüpft sehen, ganz allgemeiner Natur und keineswegs der classischen oder deutschen Philologie eigentümlich" seien, ging an denn meisten der deutschen Philologen vorbei. Ihnen fehle es, so Scherer, nur zu oft an der dafür notwendigen philosophischen Grundkompetenz. W. Scherer, Rezension (= Anm. 34, Kap. 5), S. 98.
6 Von Schlegel wie Nietzsche hat man sich andere Bilder gemacht. Schlegel konzediert man zwar das 'Genie`, hält ihn aber andererseits für unfähig, ein einmal skizziertes Projekt zu einem vollständigen Werk auszuarbeiten. Die NietzscheRezeption verdiente eine eigene Darstellung. Selbstbeschreibungen Nietzsches, etwa wie hier aus dem Jahr 1877, ist man kaum nachgegangen: "Ich weiss es [...], daß es eine höhere Bestimmung für mich giebt, als sie sich in meiner Baseler so achtbaren Stellung ausspricht; auch bin ich mehr als ein Philologe, so sehr ich für meine höhere Aufgabe auch die Philologie selbst gebrauchen kann." Brief an Frau Baumgartner, zitiert nach Max Oehler/ Richard Oehler, in: F. Nietzsche, Musarionausgabe, Nachbericht zu Bd. 2, München 1923, S. 389405, hier: S. 391. Daß Nietzsche als singuläre Doppelbegabung sowohl in der Philologie wie der Philosophie kompetent war, also wie kaum ein anderer Fragen der Fachidentität bearbeiten konnte, wird gewöhnlich übersehen. Immerhin schließt Elrud KunneIbsch ihre Arbeit über Die Stellung Nietzsches in der Entwicklung der modernen Literaturwissenschaft, Tübingen 1972, mit der nur zu berechtigten These, daß Nietzsches die richtigen Fragen gestellt habe und seine Fragen "zum großen Teil noch unsere offenen Fragen" seien. S. 257.
7 Henning Ritter hat seinen Bericht über eine Tagung zu Nietzsches philosophischen Anfänge dann auch überschrieben: "Nietzsche für Philologen?", vgl. FAZ (Geisteswissenschaften), 25. März 1992, S. N 5.
8 Hilfreich: Hendrik Birus, Wir Philologen. Überlegungen zu Nietzsches Begriff der Interpretation, in: Revue Internationale de Philosophie 38 (1984), S. 373395 und H. Birus, Nietzsche als Interpret, in: Euphorion 78 (1984), S. 436449. Stärker gefärbt durch die französische NietzscheRezeption ist dagegen Friedrich Kittler, Nietzsche, in: Klassiker der Literaturtheorie, hrsg. von H. Turk, München 1979, S. 191206.
9 F. Nietzsche, Einleitung ( =Anm. 1).
10 Einleitung, S. 356.
11 Brief Nietzsches an Rohde vom 7.6.1871, zitiert nach J. Whitman, Nietzsche in the Magisterial Tradition (= Anm. 3) , S. 463. Allerdings kann die schon aus pragmatischen Gründen erzwungene Begrenzung auf das 'Philologische' nicht immer befriedigen. Die Grenze zur Philosophie ist fließend.
12 In der zivilisationskritischen Umwertung sind sie zugleich "MaschinenTugenden": Der Philologe war deshalb bisher der Erzieher an sich; [...] unter seiner Fahne lernt der Jüngling 'ochsen`; erste Vorbedingung zur einstmaligen Tüchtigkeit machinaler Pflichterfüllung (als StaatsBeamter, Ehegatte, BüroSklave, Zeitungsleser und Soldat)". Aus dem Nachlass der Achtzigerjahre, in: F. Nietzsche, SchlechtaAusgabe, München 61969, Bd. III, S. 630.
13 Einleitung, S. 349. Zum Ethos des Philologen gehören nach Nietzsche aber auch Werte, die bei Lachmann eher am Rande stehen wie etwa das Heroische, Skeptische. So wie der Textkritiker auf der Suche nach dem richtigen Wortlaut sich von keiner noch so anerkannten (Text)Konvention blenden läßt, so mißtraut der Philologe auch allen (kanonisierten) Lesarten der Philologe wird zum "Zerstörer": "Dank dem unbezwinglich starken und zähen MannsCharakter der großen deutschen Philologen und Geschichtskritiker (welche, richtig angesehen, allesamt auch Artisten der Zerstörung und Zersetzung waren) stellte sich allmählich [...] ein n e u e r Begriff vom deutschen Geiste fest, in dem der Zug zur männlichen Skepsis entscheidend hervortrat"; F. Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, Nr. 209 (Wir Gelehrten), SchlechtaAusgabe, Bd. II, S. 673.
14 Einleitung, S. 350.
15 Vgl. F.Nietzsche, Autobiographisches aus den Jahren 18561869, Schlechta Ausgabe, Bd. III, S. 149ff.
16 De Laertii Diogenis fontibus, in: Rheinisches Museum für Philologie, Bd. XXIII (1868) und Bd. XXIV (1869).
17 "Unter Philologie soll hier, in einem sehr allgemeinen Sinne, die Kunst, gut zu lesen, verstanden werden, Thatsachen ablesen können, o h n e sie durch Interpretation zu fälschen, o h n e im Verlangen nach Verständniss die Vorsicht, die Geduld, die Feinheit zu verlieren." F. Nietzsche, Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum, Nr. 52, in: Kritische StudienAusgabe, hrsg. von G. Colli und M. Montinari, München 1980 (= KSA), Bd. 6, S. 233.
18 F. Nietzsche, Gedanken zur Einleitung. Zu 'Homer und die classische Philologie`, Musarionausgabe, Bd. II, Nr. 19, S. 29. Ausdeutungen in Richtung auf aktuelle Sprach bzw. Texttheorien sind offensichtlich. Von hier aus klärt sich auch das Rätselhafte der unter der Kopfzeile "Vom Lesen und Schreiben" gesammelten Aphorismen, wie etwa: "Wer den Leser kennt, der tut nichts mehr für den Leser. Noch ein Jahrhundert Leser und der Geist selber wird stinken." Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen, in: Schlechta Ausgabe, Bd. II, S. 305.
19 In seiner Einleitung (S. 357) weist Nietzsche ausdrücklich auch auf die "Bedeutung der cursorischen Lectüre" hin, ist doch der Philologe nicht nur der Gelehrte, sondern auch der Gebildete, liest mithin nicht nur auf positive Exaktheit, sondern auch auf Sinn und "Werth". Vgl. zur Differenz von statarischer vs. kursorischer Lektüre und ihre hermeneutischen Konsequenzen D. Kopp/ N. Wegmann, Wenige wissen noch, wie Leser lieset. Anmerkungen zum Thema; Lesen und Geschwindigkeit, in: Germanistik und Deutschunterricht im Zeitalter der Technologie, Vorträge des Germanistentages Berlin 1987, Tübingen 1988, Bd. 1., S. 92104 und N. Wegmann, Lesetechnik als Hermeneutik? Zur Geschichte des Lesens in der deutschen Philologie, Vortragsmanuskript USA 1990.
20 F. Nietzsche, Morgenröthe. Gedanken über die moralischen Vorurtheile, KSA Bd. 3, S. 17.
21 F. Nietzsche, Zur Psychologie des Paulus, Nachgelassene Fragmente Frühjahr 1888, 14 [57], KSA Bd. 13, S. 244f. Vgl. auch Birus, Wir Philologen ( =Anm. 8), S. 379.
22 Das hermeneutische Potential technischer Lektüreparamter ist nur über den Umweg der philosophischen Reflexion zu ermessen. Das Textverstehen wird so allerdings leicht ausschließlich als Bewußtseinsakt konzipiert. Dagegen wird die Lektüretechnik hier als ein Korrektiv zur hermeneutischen Theoriebildung verstanden.
23 F. Nietzsche, Morgenröthe (= Anm. 20), Nr. 84 (Die Philologie des Christenthums), S. 79f.
24 F. Nietzsche, Werke und Briefe (= Anm. 344), Bd. III, S. 337f.
25 F. Nietzsche, Antichrist (= Anm. 17), S. 233.
26 Als Muster: "Eine Hypothese beweist sich durch den sublimen Schwung, welche sie ihrem Urheber giebt", F. Nietzsche, Zur Psychologie des Paulus, (= Anm. 342), S. 245.
27 So auch H. Birus im Rückgriff auf Nietzsches Unterscheidung aus der Vorrede zur Genealogie der Moral. Vgl. Wir Philologen (= Anm. 8), S. 389.
28 Einleitung, S. 350.
29 Aber auch die Selbstevidenz fällt weder vom Himmel, noch spricht aus ihr die 'Natur der Sache'. Daran hat zuletzt Zdravko Radman erinnert: "Instead of being selfexplanatory, ostension is something that first of all has to be learned." Z. Radman, On the Limits of Literalness, in: Zeitschrift für philosophische Forschung, 46(1992), S. 7688, hier: S. 78.
30 Vgl. Kap. 4, S.
31 ZP II, Nr. 120, S. 71. Spätestens hier stellt sich die Frage, ob und wieweit Nietzsche F. Schlegel bzw. die Frühromantik gekannt hat. E. Behler ist dem nachgegangen und hat sowohl einen für beide gemeinsamen "Typ einer Geistigkeit" als auch breit gestreute Kenntnis Nietzsches von F. Schlegels Schriften nachweisen können. E. Behler, Nietzsche und die frühromantische Schule, in: Nietzsche Studien 7 (1978), S. 5987, hier bes.: S. 60 und S. 7072.
32 H. Birus, Wir Philologen, (= Anm. 8), S. 380.
33 Einleitung, S. 360. (Hervorhebung N.W.).
34 Anders in der Polemik zur spekulativen Hermeneutik. Hier hat Nietzsche das einfache Modell der positiven TatsachenErkenntnis gegen die Behauptung eines eigentlichen Sinns ausgespielt.
35 Vgl. Johann Figl, Hermeneutische Voraussetzungen der philologischen Kritik. Zur Wissenschaftsphilosophischen Grundproblematik im Denken des jungen Nietzsche, in: NietzscheStudien 1983, S. 111128, hier: S. 117.
36 F. Nietzsche, Morgenröthe (= Anm 20), Nr. 523, S. 301.
37 F. Nietzsche, Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten, Sechs öffentliche Reden, in: Schlechta Ausgabe, Bd. III, S. 175263, hier: S. 222.
38 Einleitung, S. 339.
39 Ebd., S. 340f.
40 Das meint zunächst das klassische Altertum. Aber auch die deutsche Tradition hat hier ihren (funktionalen) Ort. Autoren wie Winckelmann oder Göthe müssen nach Nietzsche als Wegbereiter zu einer richtig verstandenen Antike erkannt werden.
41 Einleitung, S. 355f.
42 Ebd., S. 342.
43 Ebd., S. 342.
44 F. Nietzsche, Wir Philologen, SchlechtaAusgabe, Bd. III, S. 326. Im folgenden zitiert als: Wir Philologen und Seitenangabe.
45 Das hat H. Schröter gegen alle Behauptungen, wonach sich Nietzsche in seiner Kritik an der Philologie zugleich auch vom Fach selbst bzw. seiner disziplinären Tradition abgewandt habe, ausführlich nachgewiesen. Vgl. Schröter, Historische Theorie und geschichtliches Handeln. Zur Wissenschaftskritik Nietzsches, Mittenwald 1982 (= Kunsterfahrung und Zeitkritik Bd. 3), bes. S. 2943.
46 Wir Philologen, S. 326.
47 F. Nietzsche, Bildungsanstalten (= Anm. 37), S. 223.
48 Ebd.
49 F. Nietzsche, Werke u. Briefe, Historischkritische Gesamtausgabe, hrsg.v. H. J. Mette, Bd. III, S. 326; hier zitiert nach Helmut Pfotenhauer, Die Kunst als Physiologie. Nietzsches ästhetische Theorie und literarische Produktion, Stuttgart 1985, S. 132f.
50 F. Nietzsche, Homer (= Anm. 27, Kap. 2), S. 157f.
51 Die Auseinandersetzung zwischen beiden kann hier nicht berücksichtigt werden auch wenn sie über Nietzsches Status als Außenseiter entschieden haben dürfte. Vgl. ausführlich dazu J. Whitman, Nietzsche in the Magisterial Tradition (=Anm. 3), bes. S. 463ff. WilamowitzMoellendorff Kernschrift: Zukunftsphilologie! eine erwidrung auf Friedrich Nietzsches, ord.professors der classischen philologie zu Basel, geburt der tragödie, Erstes und Zweites Stück, Berlin 1872 und 1873 ist als Nachdruck zugänglich: Der Streit um Nietzsches Geburt der Tragödie. Die schriften von E. Rohde, R. Wagner, U. v. WilamowitzMoellendorff, zusammengest. u. eingel. v. Karlfried Gründer, Hildesheim 1969, S. 2755 u. S. 113135.
52 F. Nietzsche, Bildungsanstalten (=Anm. 37), S. 205.
53 "In der Tat, man ist nicht Philolog und Arzt, ohne nicht zugleich Antichrist zu sein. Als Philolog schaut man nämlich hinter die 'heiligen Bücher`, als Arzt hinter die physiologische Verkommenheit des typischen Christen: Der Arzt sagt unheilbar, der Philolog 'Schwindel`...", F. Nietzsche, Der Antichrist, Nr.47, SchlechtaAusgabe, Bd. II, S. 1212
54 F. Nietzsche, Fröhliche Wissenschaft Nr. 358 (Der Bauernaufstand des Geistes), KSA Bd. 3, S. 603.
55 Vgl. Figl, Hermeneutische Voraussetzungen (= Anm. 35) und die von ihm zusammengestellten Belege auf S. 124.
56 F. Nietzsche, Nachgelassene Fragmente (Sommer 1872Anfang 1873), KSA 7, Nr 19 [78], S. 445. Vgl. auch Figl, Hermeneutische Voraussetzungen (= Anm. 35) und seine Belege, S. 114.
57 F. Nietzsche, Bildungsanstalten (= Anm. 37, S. 209.
58 Einleitung, S. 347.
59 Wir Philologen, S. 325.
60 Ebd., S. 325.
61 Ebd.
62 Einleitung, S. 339.
63 Selbst dort, wo in der Einleitung von "Humanität" und der "höchsten Menschheit" die Rede ist (S. 346), geht es nicht um eine alles unter sich subsumierende Bildungsphilosophie. Erfahrbar wird all dies erst an der Kunst als dem "höchsten Bildungsmaterial" (S. 347).
64 Vgl. Nietzsches "Glaubensbekenntnis": "philosophia facta est quae philologia fuit". (F. Nietzsche, Homer (= Anm. 27, Kap. 2), S. 174.
65 Einleitung, S. 365.
66 Vgl. die Kritik an einer an Kunst desinteressierten Universität. (F. Nietzsche, Bildungsanstalten (= Anm. 37), S. 255ff.
67 Einleitung, S. 365.
68 Wir Philologen, S. 324.
69 Typisch dafür: "Wer nichts weiter als Kenntnisse und gesunden Menschenverstand mitbringt, der ist zu ausgezeichneten Kärrnerdiensten noch zu brauchen, aber zu nichts mehr. Er ist kein prädestinirter Philolog, weil er kein Philosoph und unkünstlerisch ist." Einleitung, S. 351.
70 So Nietzsche im selbstkritischen Rückblick auf die Geburt der Tragödie, SchlechtaAusgabe, Bd.I, S. 10.
71 Nietzsche, Gedanken zur Einleitung (= Anm. 18), Nr.23, S. 30.
72 Die anvisierte Frage: Wie liest Nietzsche? könnte auch beantwortet werden über die Rekonstruktion seiner 'philologischen' Schriften, jetzt verstanden als schriftlich fixierte, besser: praktizierte Lesepoetik. Das hat Paul de Man in seinen Nietzsche Aufsätzen getan und die eigentlich unmögliche "höhere Einheit" der Philologie in Gestalt der dekonstruktiven Lektüre erkannt. Das wünschenswerte und von hier aus sich direkt anschließende Kapitel über den Außenseiter de Man muß hier ausgespart bleiben. Vgl. de Man, Rhetoric of Tropes und Rhetoric of Persuasion, beides in: P. de Man, Allegories of Reading, New Haven/London (Yale Univ.Press) 1979, S. 103118 und 119131. Ausführlich zur Rekonstruktion einer nietzscheanischen Lesepoetik im Lichte der Dekonstruktion: Lutz Ellrich, Der Ernst des Spiels. Zu drei Versuchen einer dekonstruktiven NietzscheLektüre, Vortragsmskpt. Ammerbuch 1992.
73 F. Nietzsche, Vorrede zu Ueber die Zukunft unserer Bildungsanstalten, in: KSA, Bd. 1, S. 648650, hier: S. 649
74 Wir Philologen, S. 326.
75 F. Nietzsche, Bildungsanstalten (= Anm. 37), S. 255.
76 Ebd., S. 325.
77 Ebd., S. 329.
78 Wir Philologen, S. 326.
79 F. Nietzsche, Aus dem Nachlass der Achtzigerjahre, (= Anm. 12), S. 447.
80 Einleitung, S. 358.
81 Ebd., S. 347.
82 F. Nietzsche, Gedanken zur Einleitung (=Anm. 18), Nr.17, S. 29.
83 Wenig hilfreich: Matthias Politycki, Der frühe Nietzsche und die deutsche Klassik. Studien zur Problemen literarischer Wertung, Straubing/ München 1981.
84 Zur Zeit der gelehrten Philologie war der Kreis des Wissen noch größer. Es umfaßte, wenn auch zunehmend umstritten (Querelle!) das gesamte Wissen der Alten.
85 Im Gegensatz zur Theologie und deren Geltungsverlust.
86 F. Nietzsche, Aus dem Nachlass der Achtzigerjahre, (= Anm. ), S. 447.
87 Für Nietzsche ist das nicht mehr als eine "traditionelle Verklärung". Wir Philologen, S. 329.
88 F. Nietzsche, Wissenschaft und Weisheit im Kampfe, SchlechtaAusgabe Bd.III, S. 348. Wissenschaft vs. Weisheit auch das eine der Unterscheidungen, unter denen Nietzsches ideale Philologie ihre Konturen sucht.
89 Wir Philologen, S.325.
90 Ebd.
91 Ebd., S. 328.
92 Ebd., S 329.
93 Ebd., S. 324.
94 N.Luhmann, Arbeitsteilung und Moral. Durkheims Theorie, in: Emile Durkheim. Über die Teilung der sozialen Arbeit (dt. Übers.), Frankfurt am Main 1977, S. 1735, hier: S. 17f. Dieser Hinweis ist nicht frei von Ironie: Ausgerechnet die Philologie als Expertin für das Lesen auf Klassik muß sich von der soziologischen bzw. systemtheoretischen Wissenschaftsgeschichtsschreibung sagen lassen, wie berechtigt eine Lektüre ist, die ihren Gegenstand aktuell bleiben läßt!
95 Ebd., S. 18.
96 F. Nietzsche, Homer (= Anm. 27, Kap. 2), S. 157.
97 Ebd., S. 158.
98 Vgl. Whitman und seine These von der "Magisterial Tradition" in der Philologie des 19. Jahrhunderts (= Anm. 3)
99 F. Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches, Nr. 171 ("Die Angestellten der Wissenschaft und die anderen"), SchlechtaAusgabe, Bd.I, S. 942.
100 F. Nietzsche, Gedanken zur Einleitung (= Anm. 18), Nr. 27, S. 30.
101 F. Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches (= Anm. 96), S. 943.
102 Ebd.
103 Am Ende scheint die Kritik an dieser Art des philologischen Fortschritt zu überwiegen: "Es fehlt ihnen jede unpersönliche Teilnahme an einem Problem der Erkenntnis." Ebd.
104 F. Nietzsche, Homer (= Anm. 27, Kap 2), S. 160f. (Hervorhebung N.W.).
105 Vgl. H. Ritter, Nietzsche für Philologen? (= Anm. 7), S. N 5 und sein Hinweis auf Karl Reinhardt.
106 Gerald Graff, The Future of Theory in the Teaching of Literature, in: The Furture of Literary Theory, ed. by. Ralph Cohen, New York 1989, S. 250267, hier: S. 263.
107 F. Nietzsche, Homer (= Anm. 27, Kap. 2), S. 158.