Hans Elmar Bach

... gigante anche quando giuoca

Zwei Fassungen der Scharade Ave Maria von Giuseppe Verdi

    

Die Entstehungsgeschichte des aus den Quattro pezzi sacri bekannten vierstimmigen Ave Maria von Giuseppe Verdi ist seit Marcello Conatis diesbezüglichem grundlegenden Aufsatz ausführlich dokumentiert. So genügt eine knappe Rekapitulation. Im Zusammenhang mit dem Aufsatz stellte Conati die erste, fast gänzlich unbekannte Fassung vor, die Verdi für sich skizzierte und dann Giuseppe Gallignani, dem Direktor des Konservatoriums von Parma, überließ. Im August 1888 war die fragliche Skala in der Gazzetta Musicale di Milano erschienen. Die Leser wurden aufgefordert, ihre Vorschläge zur Harmonisation einzusenden, ein Unternehmen, an dem sich Verdi jedoch nicht beteiligte. Erst im März des folgenden Jahres reagiert er auf die "sgraziata scala", die "plumpe Leiter", und bittet seinen Freund Arrigo Boito, der offenkundig im Besitz einer möglicherweise durch ihn provozierten, angefangenen Lösung Verdis war, ihm diese zu senden. Er selbst, Verdi, hatte teilweise vergessen, wie er verfahren war, und die diesbezüglichen Notizen verbrannt. Wenige Tage, nachdem er die Skizzen erhalten hatte, stellte er das vierteilige Ave Maria im a cappella-Satz fertig. Es sei dies eine Sache, die nicht der Rede wert sei, befand der Komponist und erbat gar im Januar 1895, sechs Jahre nach der Aufzeichnung, das Manuskript von Gallignani zurück mit der Bemerkung, er wolle einige Exemplare drucken lassen. Eines davon solle Gallignani erhalten. Den Plan führte Verdi jedoch nicht aus. Vorsorglich hatte Gallignani das Manuskript kopieren lassen, und so konnte dennoch im Juni 1895 eine heimlich vorbereitete Erstaufführung unter seiner Leitung im Konservatorium von Parma vonstatten gehen. Conati veröffentlichte das Faksimile der Kopie, auf der auch die hier mitgeteilten Beobachtungen basieren.

Die Bewunderung der Presse kannte keine Grenzen: Wohl in Anspielung darauf, dass Verdi die Arbeit an der kuriosen Leiter lediglich als Zeitvertreib und technische Übung auffasste, schrieb ein Kritiker schon im Vorfeld der Aufführung: "Verdi è gigante anche quando giuoca". Verdi selbst kommentierte "quella non è vera musica, è un tour de force, è una sciarada". Mit dergleichen, sein Werk niedrig hängenden Äußerungen hielt er auch seinen Verleger Ricordi hin, der ihn zum Druck drängte. Erst 1897 ließ sich der Maestro erweichen, teilte aber Ricordi mit, dass er die ursprüngliche Fassung nicht mehr finden könne, und gab in seinem Brief vom 4. Juni des Jahres der Hoffnung Ausdruck, Modulationen und Stimmführung möchten in der eigens nun neu geschaffenen Version korrekter geworden sein. Er verfügte im gleichen Brief, dass das Stück nur in der Gazzetta Musicale und ohne Nennung seines Namens gedruckt werden dürfe. Und weiter solle man von der von Verdi selbst initiierten Überschrift una sciarada absehen, ein Titel, der für ein Ave Maria nicht so recht passe. So wurde das Ave Maria auch nicht den Pezzi sacri zugefügt. Das geschah erst später und vermutlich gegen Verdis Willen. Die ersten Aufführungen der 'tre' Pezzi sacri fanden ohne Ave Maria statt. Erst im November 1898 erklang das motettische Werk erstmals mit den anderen drei unterschiedlich besetzten Kompositionen Stabat mater, Laudi alla Vergine Maria, Te Deum zyklisch in Wien. Ricordi hatte inzwischen ein ganzes viersätziges Opus in der heute geläufigen Form ediert.

Trotz aller Zeugnisse der Geringschätzung seiner Elaboratio des scala-rebus aus der Gazzetta, das eine Bologneser Lokalgröße namens Adolfo Crescentini erfunden und auch in einer eher simpel zu nennenden Harmonisation zur Debatte gestellt hatte, fällt eine Facette in Verdis Zurückhaltung bezüglich der Publikation auf. Er begründet sie in einem Brief vom 9. Juli 1895 an seinen Verleger so: Man bewundere, ja verstehe diese Musik überhaupt nicht mehr zu einer Zeit, in der es möglich sei, dass ein Kompositionslehrer in Italien lehre, der noch darauf stolz sei, das Studium palestrinascher Werke für eine veraltete und völlig nutzlose Angelegenheit zu halten. Verdis resignierendes Fazit: "È inutile mostrare il Sole ad un cieco", was wohl unserem Sprichwort nahe kommt: "Man soll keine Perlen vor die Säue werfen."

So mag sich die ambivalente Haltung Verdis gegenüber seiner Arbeit erklären, die er einerseits nur als eine handwerkliche Herausforderung, andererseits aber auch im Bewusstsein, sich an dem zeitlebens von ihm hoch geachteten Ideal Palestrina orientiert zu haben, gleichwohl als ernst zu nehmende Angelegenheit ansah. Das berühmte Wort Verdis "Torniamo all'antico: sarà un progresso" mag hier seine Verifizierung finden, verbindet er doch, und dafür ist Teil 3 der Urfassung des Ave Maria ein besonders beredtes Exempel, die Sprache seiner Zeit mit den im weitesten Sinn historischen polyphonen Usancen des Cinquecento, ohne auch nur einen Anflug primitiver Stilkopie zu demonstrieren. Verdis "Palestrina in primis et ante omnia" als Motto über einer Vorschlagsliste für die Komponistenausbildung ist mehr als ein Lippenbekenntnis. "Il talento verdiano era in grado di padroneggiare e di trasfigurare la lezione che il passato gli offriva", hat Albert Dunning schon 1966 beim Internationalen Verdi-Kongress in Venedig resümiert.

Angesichts der Tatsache, dass bisher eine detaillierte Gegenüberstellung der Urfassung und der bekannten zweiten Fassung des Ave Maria, wie es scheint, noch nicht vorliegt und diese Aufgabe als Gesamtkomplex den hier gesteckten Rahmen sprengen müsste, sei der Aspekt der Verschmelzung von historischer und aktueller Satztechnik am Ende des 19. Jahrhunderts wenigstens an einigen charakteristischen Beispielen beider Fassungen dargestellt.

Hier bricht die Leseprobe des Beitrags ab. Den vollständigen Artikel lesen Sie in:

Aspetti musicali

Musikhistorische Dimensionen Italiens 1600 bis 2000

Festschrift für Dietrich Kämper zum 65. Geburtstag
herausgegeben von Norbert Bolin, Christoph von Blumröder und Imke Misch
Verlag Dohr, Köln 2001
ISBN 3-925366-83-0
Seite 225-234


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