Am Beispiel einiger
vorwiegend instrumentaler Hauptwerke Luciano Berios und Karlheinz Stockhausens
aus der zweiten Hälfte der 1950er Jahre hat Dietrich Kämper in seinem Beitrag
zum Internationalen Kölner Stockhausen-Symposion 1998 erstmals auf
kompositionsgeschichtliche Zusammenhänge aufmerksam gemacht, die bis dahin der
Musikwissenschaft weitgehend verschlossen geblieben waren. Dass Kämper dabei -
seinem zurückhaltenden Naturell entsprechend - den damaligen "imaginären
Dialog" beider Komponisten mit einem vorsichtigen Fragezeichen versah,
stellt sich indes nicht nur angesichts der vielfältigen, im Vortrag erörterten
konkreten Anhaltspunkte als unbegründet heraus, insofern die präsentierten
musikalischen Details unmittelbar einleuchten (und wohl nicht zuletzt durch
einen eingehenden Briefwechsel Berios mit Stockhausen untermauert werden),
sondern die These eines intensiven, deutsch-italienischen kompositorischen
Austauschs findet auch eine nachhaltige Bekräftigung, wenn man einen
zusätzlichen Blick auf das gleichsam personell erweiterte musikhistorische
Szenario wirft, aus dem die Anfänge der Elektronischen Musik in Italien
hervorgegangen sind.
So folgten Luciano Berio und Bruno Maderna bei der
Gründung des Studio di Fonologia Musicale am Italienischen Rundfunk in Mailand
im Jahre 1955 ganz offensichtlich dem Vorbild des Studios für Elektronische
Musik, das im Kölner Funkhaus des Westdeutschen Rundfunks 1953 eingerichtet
worden war und in Karlheinz Stockhausen mit den elektronischen STUDIEN I und II
(1953 und 1954) einen international reüssierenden Protagonisten fand. Werner
Meyer-Eppler, den Maderna ebenso wie Stockhausen bei seiner erstmaligen
Teilnahme an den Internationalen Ferienkursen für Neue Musik in Darmstadt 1951
kennenlernte - während Berio dort auf Vermittlung Madernas 1954 hinzukam, aber
erst seit 1956 mit Werkaufführungen kompositorisch hervortrat -, hatte für
beide Projekte als experimentierender Theoretiker Pate gestanden; im Institut
für Phonetik der Universität Bonn half er Maderna im Frühjahr 1952 bei der
Verwirklichung eines Tonbandes für die erste, nach einer missglückten
Uraufführung bei den Darmstädter Ferienkursen am 21. Juli 1952 zurückgezogene
Experimentalversion der Musica su due dimensioni. (Eine vollständig
neue, unter dem selben Titel für Flöte und stereophones Zuspielband im Studio
di Fonologia realisierte Fassung, die nicht bloß instrumentale und
elektronische Klangereignisse unverbunden konfrontiert, sondern vielmehr in
fünf Abschnitten alternierend miteinander verschränkt und vermischt, datiert
auf 1958.)
[...]
Eine direkte, öffentliche persönliche Begegnung
zwischen Stockhausen, Maderna und Berio fand im Rahmen eines Podiumsgesprächs
über Kompositorische Möglichkeiten der elektronischen Musik bei den
Darmstädter Ferienkursen am 20. Juli 1956 statt. Unter der sarkastischen
Leitung Ernst Kreneks, die in eklatantem Kontrast zur bemerkenswert aufgeschlossenen Haltung des
ebenfalls teilnehmenden Alois Hába stand, präsentierte nach theoretischen
Stellungnahmen von Luigi Rognoni, Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen und
Hermann Heiß - der zudem ein Klangbeispiel darbot, gegen dessen einer
ernsthaften Rezeption Elektronischer Musik hinderlichen Dilettantismus
Stockhausen scharf intervenierte - Maderna zwei Kompositionen aus dem Studio
di Fonologia. Mit der für seinen künstlerischen Habitus, der verbalen
Reflexionen abgeneigt war, bezeichnenden Einschränkung, man habe in Mailand
"eben begonnen" und könne deshalb "wahrscheinlich nicht über
Kosmologie oder ähnliche Dinge oder große Probleme, philosophische Probleme
sprechen", ließ er Berio das oben bereits erwähnte Werk Mutazioni
vorführen und brachte von sich selbst mit humorvollem Kommentar ein 1956
realisiertes "kleines Stück" zu Gehör, "das Notturno
heißt, wahrscheinlich, weil ich nachts gearbeitet habe ...". Abgesehen
von dieser, Madernas eher ungezwungene Kompositionsauffassung (von der später
noch eingehender die Rede sein wird) erhellenden Bemerkung und Stockhausens
betont pragmatischen Gesprächsbeiträgen, überwogen in der besagten Diskussion
elementare Informationsfragen und theoretisch-spekulative, allgemeine
Meinungsäußerungen, ohne dass es etwa zu einer unmittelbaren kompositorischen
Erörterung unter den Protagonisten der Elektronischen Musik Kölner und
Mailänder Provenienz gekommen wäre.
Hier bricht die Leseprobe des Beitrags ab.
Den vollständigen Artikel lesen Sie in: