Das Verhältnis Ferruccio Busonis zu Italien war immer durch eine starke,
gleichzeitig widerstreitende Sehnsucht nach dem eigenen Heimatland
charakterisiert, die wohl typisch für jeden 'entwurzelten' Künstler ist, der sich in
der Fremde nicht dem kulturellen Klima seiner Herkunft entsprechend entwickeln
kann. Auch wenn Busoni nachdrücklich den italienischen Ursprung seiner
kulturellen Prägung betonte, sind eigenartigerweise die Huldigungen an Italien -
wie beispielsweise das Konzert für Klavier, Orchester und Männerchor op. 39 -
innerhalb seines kompositorischen Schaffens die am geringsten 'Italienischen', im
Vergleich damit, was man zu dieser Zeit erwartet hätte. Italien wirkt vielmehr als
Quelle eines inneren Nachhalls, die eine ununterdrückbare Sehnsucht nährt und
ständig in ihm den Wunsch aufkommen läßt, trotz unvermeidbarer
Enttäuschungen nach Italien zurückzukehren und dort zu wirken.
Der widersprüchliche Charakter der Beziehung Busonis zu Italien wird vor allem
während der Kriegsjahre und in der unmittelbar darauf folgenden Zeit deutlich, als
er sich der italienischen musikalischen Avantgarde gegenübersieht, die in der
Figur Alfredo Casellas kulminiert. Busoni nahm gegenüber der sogenannten
'Generation der 1880er' eine kritische Haltung ein, wie übrigens im Allgemeinen
gegenüber allen europäischen Avantgarde-Bewegungen.
Als außenstehender Beobachter hatte Busoni das Triumvirat Casella - Malipiero
- Pizetti als Kern der italienischen Avantgardisten ausgemacht. Seine Angst, sich
nicht rechtzeitig vollkommen gleichberechtigt in diese Gruppe integrieren zu
können, war begründet. Busoni musste bewusst geworden sein, dass die von
Casella geführten Erneuerer ihrer Generation entsprechend danach strebten, alle
ihnen unmittelbar vorausgegangenen Erfahrungen auszuschließen. Busoni
erkannte historische Irrtümer in den Positionen der 'Italiener'. Auch wenn er darin
fortschrittliche Intentionen ausmachte, beklagte er den Generationen-Wechsel
und die Ablehnung der neueren Geschichte durch die Jüngeren, die Musik im
Gegensatz zu seiner eigenen Auffassung nicht als organisches Ergebnis eines
klaren historischen Kontextes verstanden, sondern als Frucht der Willkür
Einzelner.
Trotz beidseitiger Missverständnisse schuf Busoni eine recht solide menschliche
und künstlerische Verbindung zu jedem Komponisten der 'Generation der
1880er', insbesondere zu Alfredo Casella. Zwischen diesen beiden Musikern
entstand ein reger Briefwechsel, der einen intensiven Austausch von Ideen und
Beurteilungen bezeugt. Möchte man mögliche Verbindungen zwischen beiden
Komponisten herstellen, so treten einige bemerkenswerte Parallelen zutage,
besonders die 'neoklassizistischen Ähnlichkeiten', die seit 1920 in den Werken
Casellas und im Kompositionsstil des späten Busoni festzustellen sind:
Charakterzüge der 'Jungen Klassizität'. Trotz zahlreicher Unterschiede impliziert
der Rückbezug auf die Vergangenheit beider Komponisten nicht eine bloße
Imitation alter Meister, sondern das Wiederentdecken deren Geistes für eine auf
Natürlichkeit, Einfachheit und Ausgewogenheit gerichtete Zukunft.
Übersetzung: Nathalie Wauters
Hier bricht die Leseprobe des Beitrags ab.
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