Johannes Fritsch

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Zum Verhältnis Deutschland - Italien in der Neuen Musik

    

Traditionen des musikalischen Schaffens und der Rezeption bilden als kulturelle Erscheinungen mit Hilfe bestimmter Stereotypen den Stil einer Epoche: "Tradition ist das, was den Evolutionsprozessen der Kunst einen kontinuierlichen Charakter verleiht und - aus territorialer Perspektive - der Kunst der einzelnen Länder ihren einheitlichen nationalen Charakter gibt.

Das Konglomerat von Vorstellungen und Vorurteilen über die grundsätzlichen Unterschiede zwischen deutscher und italienischer Musik hat eine Jahrhunderte zurückgehende Tradition, auf die ich im einzelnen nicht eingehen kann. Erinnert sei aber an den Pariser Opernstreit der Gluckisten und Piccinisten, den Ernst Theodor Amdeus Hoffmann in seinen Briefen Über die Tonkunst in Berlin, und zwar in seinen Nachträglichen Bemerkungen über die Oper Olympia von Gasparo Spontini, der 1820 sein Amt als Generalmusikdirektor in Berlin angetreten hatte, erwähnt. Hoffmann hatte übrigens den Klavierauszug dieser Oper arrangiert. Er schreibt am 4. Mai 1821: "Damals war noch, was den Gesang betrifft, Italien die Wiege, die Pflanzschule der Musik, und die größten deutschen Meister (Gluck, Händel, Hasse etc.) pilgerten hin und setzten Opern, um an Ort und Stelle einzudringen in das Geheimnis, das dem italienischen Gesange jenen unnachahmlichen Schwung, jenen unwiderstehlichen Zauber gab, der die Welt entzückte. Mehrere deutsche Tonsetzer verließen Italien als in jenes Geheimnis Eingeweihte [...]. In der Tiefe seines ernsten deutschen Geistes erkannte Gluck die Gefahr, in die die wahrhaft tragische Oper durch die Sirenenlockung jenes zärtlichen, meistens reichen Gesangs versetzt werden mußte [...]. Der tragische Ernst, die tiefe Bedeutung, die in Glucks Melodien herrscht, läßt nicht zu, dass sich eine einzige Floskel, die nur dasteht, um, außer dem Zusammenhange mit dem Ganzen, das Ohr augenblicklich zu kitzeln, einschleiche. So mußten aber denen, die eben nur dieses in der italienischen Musik liebten, die Gluckschen Kompositionen schroff, trocken, unmelodisch vorkommen [...]. Eben jenes hinreißenden entzückenden Zaubers des italienischen Gesanges war Piccinni im höchsten Grade mächtig [...]. Mochte er ihn in der Anmut, in dem Reiz des Gesanges Übertreffen, so war es dagegen die Tiefe der Gedanken, die das Innerste erschütternde Gewalt des Ausdrucks, die den großen Gluck als siegenden Heros der wahrhaftigen Kunst erscheinen liess." In Mozart, dem 'Shakespeare der Musik', sieht Hoffmann dann im weiteren Verlauf des Textes die Synthese dieser beiden Nationalcharaktere. Dessen Genie allerdings sei in Italien nicht recht gewürdigt worden: "In Mailand (irrt der Ref. nicht, so war es eben an diesem Orte) wurde Mozarts 'Don Juan' nach neun vergeblichen Proben als eine völlig unausführbare Musik beiseite gelegt." Wenn auch Arnold Schönberg noch glaubte, mit seiner Zwölftontechnik "die Vorherrschaft der deutschen Musik für die nächsten hundert Jahre" gesichert zu haben, so ist die Musikgeschichte doch spätestens seit der auf die Wiener Schule folgenden seriellen Epoche international, besser supranational geworden. Dennoch sind die Sozialgeschichten, Mentalitätsgeschichten, Kulturgeschichten und schließlich Musikgeschichten der einzelnen Länder Europas so deutlich voneinander zu unterscheiden, dass Akkulturationsprozesse auf den verschiedenen Ebenen des internationalen Systems Neue Musik deutlich wahrnehmbar bleiben. Ob dieses System heute noch in der Lage ist, seine 'übersummative Ganzheit', wie in den ersten Jahrzehnten der Darmstädter Ferienkurse, zu bewahren, bleibe dahingestellt. Dass die Teilkultur Neue Musik nur einen verschwindend kleinen Prozentsatz der Menschen in unseren Ländern betrifft - in Nordrhein-Westfalen waren es einmal 0,5 % der radiohörenden Bevölkerung - soll uns nicht entmutigen. [...]

Hier bricht die Leseprobe des Beitrags ab. Den vollständigen Artikel lesen Sie in:

Aspetti musicali

Musikhistorische Dimensionen Italiens 1600 bis 2000

Festschrift für Dietrich Kämper zum 65. Geburtstag
herausgegeben von Norbert Bolin, Christoph von Blumröder und Imke Misch
Verlag Dohr, Köln 2001
ISBN 3-925366-83-0
Seite 245-262


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