"Als Busoni auf der Bühne des Adelspalastes in St. Petersburg erschien,
wurde er von einer Flut Rosen überschüttet, die wir, die Schüler von Madame
Barinova - sie selber war Schülerin von Busoni - von unseren Plätzen auf der
Galerie auf den großen Künstler hinabwarfen. [...] Das Programm dieses
denkwürdigen Konzertes von Busoni war, wie gewöhnlich, das Programm eines
Riesen - die Hammerklaviersonate von Beethoven, die als eine seiner höchsten
Interpretationsleistungen galt, gehörte dazu. Als nach einem Wirbelwind von
Tönen Busoni dann das Vorspiel zur Fuge hören ließ - ein Vorspiel, das er
zart anspielte, aber mit einem Klang, der in sich eine reine Magie umschloss, da
lief es mir kalt den Rücken herunter - eine Reaktion, die vor großer Kunst die
natürlichste ist [...]. Busoni übersetzte den Impressionismus in der Manier
der französischen Malereischule und der großen französischen Dichter. Obschon
er den ganzen Hintergrund einer klassischen Ausbildung und alle Kenntnis der
stilistischen Traditionen besaß, ging doch jede Mechanisierung der Kunst wider
seine Natur; er hätte nie ein Stück zweimal spielen und dabei dieselben
Nuancen in derselben Phrase wiederholen können. In der Interpretation Busonis
klang jedes Stück, als würde es zum ersten Mal gespielt. Fortgerissen von der
Phantasie der Einbildungskraft und der Emotion, entfernte er sich von Zeit zu
Zeit von der gewöhnlichen Spielweise und zog so die Attacken einiger Kritiker
auf sich, die das einmalige Spiel Busonis nicht begriffen und nur eine
sklavische Reproduktion geschriebener Noten erwarteten."
Der diese Erinnerungen an den Konzertauftritt Ferruccio Busonis im Winter
1912 niederschrieb, war damals gerade 21 Jahre, selbst ein virtuoser Pianist und
als Komponist zu seiner Zeit einer der kühnsten Neuerer: Arthur Vincent
(eigentlich Naum Chackelevic) Lourié - den Künstlernamen hatte er sich aus Verehrung für den Philosophen
Schopenhauer und den Maler Van Gogh zugelegt -, erwachsen aus jüdischem
Elternhaus und bald musikalischer Wortführer der russischen Futuristen. Im
selben Jahr 1912 komponierte er seine Deux compositions mit den Sätzen Essor
(Aufschwung) und Ivresse (Trunkenheit), in dessen zweitem Satz an
Kernstellen der Komposition das volle Zwölftonspektrum im Sinne einer
kalkulierten Klangexplosion erscheint.
[...]
Für das, was uns in der Periode vor dem Ersten Weltkrieg als früheste
Denkmäler avantgardistischen Tonsatzes begegnet, war Ferruccio Busoni in vielen
Fällen der Anreger, in anderen eine Art Schutzpatron. Deren Formen
entwickelten sich zumeist nicht im Zuge eines systematischen Beginnens zur
planmäßigen Schöpfung einer Neuen Musik, sondern als Ausnahmen und einmalige
Lösungen, als Spielformen einer Salonkultur und Seitensprossen
einer Belle Epoque, die im Prinzip noch einer hochromantischen Ästhetik
verpflichtet war. An deren Spitze vollzog sich der Bruch, der Umschwung zu einer
völligen Neubesinnung, für die der Boden unter den Füßen erst
nachträglich bereitet wurde.
Hier bricht die Leseprobe des Beitrags ab.
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