Martina Grempler

Aus dem Alltag eines römischen Theaters 1827

Gaetano Donizetti als Gutachter im Prozess um Domenico Cosselli

    

Vermutlich jeder Intendant eines heutigen deutschen Opernhauses kennt die Situation, dass ein ursprünglich künstlerisches Problem zu einem Fall für die Gerichte wird oder zumindest zu werden droht: Ist der Intendant berechtigt, die Inszenierung eines prominenten Gastregisseurs nach einer von heftigen Publikumsprotesten geprägten Premiere zu verändern? Inwieweit dürfen Orchestermusiker (ohne zusätzliche Bezahlung) in die Bühnenhandlung mit einbezogen werden? Wie viele solistisch gesungene Takte machen einen Choristen zum Solisten?

Streitigkeiten wie diesen begegnet man auch, wenn man sich mit der Geschichte eines italienischen Opernhauses im 18. oder 19. Jahrhundert beschäftigt. Prozesse gehören zum Theateralltag. Die dazu gehörigen Prozessakten stellen für den Musikhistoriker aufschlussreiche Quellen dar, wenn etwa - wie im vorliegenden Fall - in den Akten Stellungnahmen eines Komponisten vom Rang Gaetano Donizettis sowie der beiden wohl bedeutendsten Impresari des 19. Jahrhunderts, Domenico Barbaja und Alessandro Lanari, zu finden sind. Bei den Dokumenten zur "Causa Cosselli" handelt es sich um die auf Latein abgefasste Anklageschrift (Aniceto Pistoni gegen Domenico Cosselli)# und um die Erwiderung der Gegenpartei. Im Anhang sind jeweils unter dem Titel "Summarium" die verschiedenen Zeugenaussagen beziehungsweise als Brief eingegangene Stellungnahmen zu finden sowie weitere für den Prozess relevante Dokumente, in diesem Fall die Scrittura, um deren juristische Auslegung es bei dem Streit ging.

Zum Verlauf der Ereignisse: In der Karnevalssaison 1827 geriet der Impresario des römischen Teatro Valle, Aniceto Pistoni, in Schwierigkeiten, weil der Komponist Carlo Conti die Anfang Februar zur Uraufführung vorgesehene Opera buffa L´innocente in periglio nicht rechtzeitig ablieferte. Pistoni setzte daraufhin die an seinem Theater bislang nicht gespielte Erfolgsoper Otello von Gioacchino Rossini auf das Programm. Für die Rolle von Desdemonas Vater Elmiro sah er den Bassisten Domenico Cosselli vor, der bei der Saisoneröffnung als Olivo in der Uraufführung von Gaetano Donizettis Melodramma giocoso Olivo e Pasquale einen großen persönlichen Erfolg hatte verbuchen können. Cosselli lehnte die Rolle jedoch mit der Begründung ab, er habe einen Vertrag als "Primo Basso Cantante assoluto" unterschrieben und könne deshalb nicht zu kleinen Rollen (parti secondarie) verpflichtet werden - wenigstens nicht ohne eine zusätzlich eingefügte Solonummer. Zudem argumentierte er, die in der Scrittura gebrauchte Bezeichnung Basso cantante bedeute, dass er nur für Opere buffe und semiserie, nicht aber für eine Seria wie Otello eingesetzt werden dürfe (obwohl er zuvor am Teatro Valle unter anderem Faraone in Rossinis Mosè in Egitto und Assur in Semiramide gesungen hatte).

Der Impresario Pistoni versuchte, den renitenten Sänger per Gerichtsbeschluss zur Übernahme der Rolle zu zwingen. Anklage und Verteidigung holten bei verschiedenen Persönlichkeiten Stellungnahmen ein (man würde heute vielleicht von Expertengutachten sprechen), in denen es vor allem um die genaue Definition der Bezeichnung Primo Basso Cantante assoluto ging sowie um die Frage, welche Kriterien darüber entscheiden, ob eine Rolle als Parte primaria oder secondaria zu gelten hat.

Hier bricht die Leseprobe des Beitrags ab. Den vollständigen Artikel lesen Sie in:

Aspetti musicali

Musikhistorische Dimensionen Italiens 1600 bis 2000

Festschrift für Dietrich Kämper zum 65. Geburtstag
herausgegeben von Norbert Bolin, Christoph von Blumröder und Imke Misch
Verlag Dohr, Köln 2001
ISBN 3-925366-83-0
Seite 205-210


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