Vermutlich jeder Intendant eines heutigen deutschen Opernhauses kennt die
Situation, dass ein ursprünglich künstlerisches Problem zu einem Fall für die
Gerichte wird oder zumindest zu werden droht: Ist der Intendant berechtigt, die
Inszenierung eines prominenten Gastregisseurs nach einer von heftigen
Publikumsprotesten geprägten Premiere zu verändern? Inwieweit dürfen
Orchestermusiker (ohne zusätzliche Bezahlung) in die Bühnenhandlung mit
einbezogen werden? Wie viele solistisch gesungene Takte machen einen Choristen
zum Solisten?
Streitigkeiten wie diesen begegnet man auch, wenn man sich mit der Geschichte
eines italienischen Opernhauses im 18. oder 19. Jahrhundert beschäftigt.
Prozesse gehören zum Theateralltag. Die dazu gehörigen Prozessakten stellen
für den Musikhistoriker aufschlussreiche Quellen dar, wenn etwa - wie im
vorliegenden Fall - in den Akten Stellungnahmen eines Komponisten vom Rang
Gaetano Donizettis sowie der beiden wohl bedeutendsten Impresari des 19.
Jahrhunderts, Domenico Barbaja und Alessandro Lanari, zu finden sind. Bei den
Dokumenten zur "Causa Cosselli" handelt es sich um die auf Latein
abgefasste Anklageschrift (Aniceto Pistoni gegen Domenico Cosselli)# und um die
Erwiderung der Gegenpartei. Im Anhang sind jeweils unter dem Titel "Summarium"
die verschiedenen Zeugenaussagen beziehungsweise als Brief eingegangene
Stellungnahmen zu finden sowie weitere für den Prozess relevante Dokumente, in
diesem Fall die Scrittura, um deren juristische Auslegung es bei dem Streit
ging.
Zum Verlauf der Ereignisse: In der Karnevalssaison 1827 geriet der Impresario
des römischen Teatro Valle, Aniceto Pistoni, in Schwierigkeiten, weil der
Komponist Carlo Conti die Anfang Februar zur Uraufführung vorgesehene Opera
buffa L´innocente in periglio nicht rechtzeitig ablieferte. Pistoni
setzte daraufhin die an seinem Theater bislang nicht gespielte Erfolgsoper Otello
von Gioacchino Rossini auf das Programm. Für die Rolle von Desdemonas Vater
Elmiro sah er den Bassisten Domenico Cosselli
vor, der bei der Saisoneröffnung als Olivo in der Uraufführung von Gaetano
Donizettis Melodramma giocoso Olivo e Pasquale einen großen
persönlichen Erfolg hatte verbuchen können. Cosselli lehnte die Rolle jedoch
mit der Begründung ab, er habe einen Vertrag als "Primo Basso Cantante
assoluto" unterschrieben und könne deshalb nicht zu kleinen Rollen (parti
secondarie) verpflichtet werden - wenigstens nicht ohne eine zusätzlich
eingefügte Solonummer. Zudem argumentierte er, die in der Scrittura gebrauchte
Bezeichnung Basso cantante bedeute, dass er nur für Opere buffe und semiserie,
nicht aber für eine Seria wie Otello eingesetzt werden dürfe (obwohl er
zuvor am Teatro Valle unter anderem Faraone in Rossinis Mosè in Egitto
und Assur in Semiramide gesungen hatte).
Der Impresario Pistoni versuchte, den renitenten Sänger per
Gerichtsbeschluss zur Übernahme der Rolle zu zwingen. Anklage und Verteidigung
holten bei verschiedenen Persönlichkeiten Stellungnahmen ein (man würde heute
vielleicht von Expertengutachten sprechen), in denen es vor allem um die genaue
Definition der Bezeichnung Primo Basso Cantante assoluto ging sowie um die
Frage, welche Kriterien darüber entscheiden, ob eine Rolle als Parte primaria
oder secondaria zu gelten hat.
Hier bricht die Leseprobe des Beitrags ab.
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