Volker Kalisch

Side effects bei der Beschäftigung mit Musica

Einige Bemerkungen zur Aktualitätsfrage mittelalterlichen Wissenschaftsdenkens

    

Die (musikalische) Mittelalterforschung erinnert immer wieder daran, dass musica im Fächerkanon der mittelalterlichen Universitäten unbestritten von besonderer Bedeutung war. Sie hat überdies hervorgehoben, dass unter musica allerdings keine praktische Musikausübung gemeint war, sondern eine Art theoretische Beschäftigung mit ihr, die, wenn auch nur sehr ungefähr, einer Mischung aus Musikwissenschaft und Musiktheorie ähnelt. Damit im Zusammenhang stünde jedenfalls jene Kuriosität, dass dem Mittelalter als echter Musiker eher der Theoretiker galt, eben der musicus, und nicht der Praktiker, der cantor oder der ioculator, wie es in den zeitgenössischen Quellen heißt. Tatsächlich hat sich das musikwissenschaftliche Interesse schon immer auf die unterschiedlichen Bestimmungsversuche und Definitionen von Musik konzentriert, dabei aber Musik nur flüchtig im Konzert der anderen artes sowie insbesondere musica nur unzureichend im Gesamtsystem seiner institutionellen Verankerung, hier zum Beispiel der Universität, aufgesucht und berücksichtigt.

Die mittelalterlichen Universitäten waren alles Andere als künstliche Schöpfungen nach irgendwelchen fremden Vorbildern, auch nicht etwa von der Kirche bewusst lancierte Rekrutierungsanstalten in eigener Sache, sondern sie entstanden gleichsam organisch aus den erweiterten Lehr- und Wissensbedürfnissen eines sich Bahn brechenden neuen Zeitalters. Gerade an Orten, wo, wie zum Beispiel in Paris, gleich mehrere Schulen unterschiedlichen Typs und unterschiedlicher Art nebeneinander wirkten und immer mehr Scholaren aus näherem oder weiterem Umfeld herbeilockten, da führte die Ausdehnung und Intensivierung der Lehrgebiete zum Generalstudium, und die Gesamtheit von Lehrenden und Lernenden begann sich sowohl als eine einheitliche Körperschaft, als eine universitas, zu fühlen und später auch mit eigenem Rechtsanspruch zu formieren. Vollzog sich diese Selbstorganisation anfangs auch noch in sehr lockerer, manche Abenteuerlichkeit in sich bergender Form – von Anfang an allerdings mit dem Kernanspruch, sich die Lehrberechtigung durch einen Kanzler selbständig zu erteilen –, so nahm im Laufe des 13. Jahrhunderts die Universität festen statutenmäßigen Institutionencharakter an. Paris, wo Theologie und Philosophie (Dialektik) dauernd die Studien beherrschten, wurde Vorbild für die meisten anderen nordalpinen Universitäten, so zum Beispiel für Toulouse oder auch für Oxford und als Abspaltung davon für Cambridge. In den frühesten Universitäten des Mittelmeerraumes standen hingegen ganz die Fachstudien im Vordergrund: Rechtswissenschaft in Bologna, Medizin in Salerno, beides nebeneinander in Montpellier.

Die Herausbildung der Idee der Universität aus dem Schoße der Kathedral-, Kloster- und Bürgerschulen brachte freilich nicht nur neues Wissen zu der ihm eigenen Geltung und Bedeutung, beförderte nicht nur einen sich in der Universität verkörpernden Geist, sondern wirkte freilich auch zurück auf Inhalt, Verhältnis und Wertigkeit des bisherigen, schon vor den Universitäten existierenden Fächerkanons. Ein Blick auf die innere Universitätsstruktur soll dabei helfen, das Verständnis für das Zusammenspiel der Fächer und Disziplinen mit- und untereinander zu schärfen.

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Wer sich deshalb mit Musik beschäftigt, der beschäftigt sich in Wahrheit mit der Welt, mit dem, was menschliche Wirklichkeit bestimmt und ordnet, was sie im Innersten zusammenhält. Durch ein Reflektieren auf die Musik lassen sich Sinn und Bedeutung unserer Existenz erahnen. Musik-Wissenschaft ist demnach Seins-Wissenschaft, ist eine bestimmte Art von Philosophie und insofern nur allzu naheliegend eben eine der Disziplinen der septem artes liberales.

Freilich führt von diesem mittelalterlichen Musik-Wissenschaftsbegriff kein direkter Weg zu unserem neuzeitlich-modernen. Dies ist weder zu beklagen noch etwa in Rückwärtsgewandtheit zu fordern; es gilt dies lediglich als Tatsache festzuhalten und zu bedenken. Zwar hat Musikwissenschaft heute noch immer mit Ordnung, vielmehr mit Ordnungen, zu tun. So ist das Moment der Ordnung zumindest aller Kunstmusik des europäischen Kulturkreises in Gestalt der musikstiftenden mathesis inhärent, wenn Emotion und Mathesis die beiden aufeinander bezogen sich widerstreitenden Pole sein sollen, die als Begriff wie als Prinzip abendländische Musik wesenhaft formen. Mit mathesis sei dabei die Summe aller mit Erkenntnis, Wissenschaft und Theorie verbundenen, geistigen Anstrengungen bezeichnet, die sowohl in Musik eingehen als auch in ihr aufgehoben bleiben und deshalb in ihr weiterwirken soll, obschon ich aus dem Blickwinkel des Soziologen darauf insistieren möchte, Musik nicht nur werkhaft zu verstehen, sondern als eine Grundform menschlichen Handelns. Freilich erschließt sich der Musikwissenschaft das angesprochene Verhältnis von Musik als Emotion, Mathesis und Kulturwert nur als ein zutiefst geschichtliches, das nicht nur in der konkreten Art und Weise, wie diese drei Momente zusammenwirken, sehr unterschiedliche Lösungen eingegangen ist, sondern auch und zunächst in Hinsicht auf den Grad, in welchem sie überhaupt Geltung erlangt haben. Musikwissenschaft hat es deshalb, ich wiederhole das, nicht nur mit einem bestimmten Verhältnis, mit einem bestimmten Ordnungsgefüge zu tun, sondern mit deren Pluralen.

Hingegen ist die Tatsache der Andersartigkeit heutigen musikwissenschaftlichen Denkens weder das Produkt nur zufälliger Einzelentscheidungen noch zwingendes Ergebnis eines übermächtigen Entwicklungsprozesses. Sicherlich hat diese Unterschiedlichkeit damit zu tun, dass unser heutiger Wissenschaftsbegriff wie unser wissenschaftliches Denken vielmehr völlig andersgearteten Grundbedingungen und Kulturentscheidungen aufruht. Musikwissenschaft heute bestimmt sich von ihrem Gegenstand her, im besten Falle von ihren Gegenständen. Damit aber ist wesentlich gemeint: die klingende Realität, gelegentlich präzisiert durch das Personalpronomen 'unsere' wie durch das Zugeständnis, dass sich unsere musikalische Realität eigentlich nur als komplex geschichtete Realitäten verstehen lässt. Was sich hingegen nicht als unsere klingenden 'Realitäten' aufzeichnen, beschreiben und analysieren läßt, das verbannen wir umgekehrt in das Reich bloßer Spekulation – Spekulation freilich im pejorativen Sinne. Unsere musikalischen Wirklichkeiten sind unserem Wissenschaftsdenken Anfang und Ende des musikwissenschaftlichen Diskurses, auf keinen Fall Teilbereich einer höheren und anderen, sich möglicherweise direktem methodischen Zugriff nicht nur entziehenden, sondern ihm sogar resistierenden Wirklichkeit. Die Einschränkung musikwissenschaftlichen Denkens auf ihren Gegenstand hat Musikwissenschaft im Verbund mit allen neuzeitlich-modernen Wissenschaften vollzogen; vollzogen, umgesetzt und danach freilich auch beeindruckende Ergebnisse geschöpft, um sich durch diesen Vollzug ihren gleichberechtigten Platz im Kanon anderer Wissenschaftsdisziplinen zu erstreiten und zu sichern. Die sich beständig ausweitende Fülle wie Intensivierung ihrer geschöpften Erkenntnisse scheint ihr dabei Recht zu geben. Nur hat sie für diesen Erfolg auch ihren Preis zu entrichten gehabt. Sie hat mit und durch ihren neuzeitlich-modernen Wissenschaftscharakter dazu beigetragen, ihre eigene kulturelle Bezugsgröße, Musik, wachsender Beliebigkeit und allgemeiner Nivellierung auszusetzen. Der Musikwissenschaft heute sind die klingenden Erscheinungsweisen der Musik Gegenstand, kulturelle Kontexte und Produktionsbedingungen bestenfalls noch deren zu beachtendes Beiwerk; worin hingegen Sinn und Bedeutung der Musik für den Menschen liegen, sind ihr außerwissenschaftliche und damit unbeantwortbare Fragen geworden.

Hier bricht die Leseprobe des Beitrags ab. Den vollständigen Artikel lesen Sie in:

Aspetti musicali

Musikhistorische Dimensionen Italiens 1600 bis 2000

Festschrift für Dietrich Kämper zum 65. Geburtstag
herausgegeben von Norbert Bolin, Christoph von Blumröder und Imke Misch
Verlag Dohr, Köln 2001
ISBN 3-925366-83-0
Seite 363-370


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