Im Italien des frühen 19. Jahrhunderts ist die Bezeichnung
'Grand’Opéra' in
entsprechenden Partituren nur selten anzutreffen. So auch in Frankreich, wo
selbst Opern wie Robert le Diable, Les Huguenots, Le Prophète oder L’Africaine
von Meyerbeer, die vorrangig für den Erfolg dieser Gattung stehen, lediglich unter
dem Begriff 'opéra en cinques actes' veröffentlicht werden. In den Jahren 1830
bis 1840, als Komponisten wie Rossini, Donizetti und Verdi Originalkompositionen
oder französische Adaptionen der 'Grand'Opéra' in Paris schreiben und Italien
sich mit Werken zufrieden gibt, die jenseits der Alpen entstanden, oder mit
italienischen Opern, die im französischen Stil komponiert sind, werden die
Bezeichnungen 'opera con balli analoghi' und 'grande opera' in etwa
gleichbedeutend. In den Jahren zwischen 1840 und 1860 verdrängt der
Gattungsbegriff 'grande opera' die ältere Bezeichnung (eher in der Literatur als in
der Musik). Dennoch ist damit nicht die Gattung verschwunden; vielmehr zielt die
knappere Bezeichnung 'opera-ballo' auf eine italienische Eigenart der Gattung,
die ihre Unabhängigkeit vom französischen Begriff betont und von den Jahren der
Einigung bis zum Ende des Jahrhunderts gültig sein wird (zeitgleich mit der Blüte
der Opern Boitos, Ponchiellis, Marchettis und Gomes, die unter dem Zeichen der
'Grandiosità' entstanden und für italienische Bühnen bestimmt sind). 'Opera-ballo'
ist dennoch nicht vollkommen gleichbedeutend mit 'Grand'Opéra': Der historische
Hintergrund kann durchaus fehlen (parallel zu Richard Wagners Musikdrama der
80er Jahre werden zunehmend magische, märchen- und sagenhafte Stoffe
verwendet), und zu den wesentlichen Voraussetzungen zählt nicht vornehmlich
Großartigkeit, sondern die Integration von zusätzlichen Tanzeinlagen.
Durch die Analyse des zahlreichen Opern zugrunde liegenden Modells, können
beträchtliche Ähnlichkeiten formaler und inhaltlicher Art zwischen 'grande opera'
und 'opera verista' festgestellt werden. Formale Ähnlichkeiten betreffen:
- die vokale Gestik, sichtbar in Monologen mit starker Deklamatorik, oft vom
Sprechtheater inspiriert,
- die nebeneinanderstehenden musikalischen und
szenischen Kontraste,
- die sinfonische Erzählung im beschreibenden Charakter
der 'Intermezzi', die die Handlung zusammenfassen oder die Katastrophe
ankündigen.
Etwas allgemeiner läßt das unstete und fiebrige Spiel der
dynamischen und agogischen Anweisungen in einigen italienischen 'grandi opere'
in der Auflösung der Phrasen, Formen und Intonationen eine Sinnlichkeit spüren,
in der eine Vielzahl an Keimzellen für die zukünftige veristische Oper verborgen
liegt. Unter inhaltlichen Gesichtspunkten fällt für die 'Grand’Opéra' und die 'opera
verista' als beständiges Element der Libretti das Vorhandensein
bedeutungsvoller, extremer politischer oder ethischer Konflikte und ihrer
'Lösungen' (wie beispielsweise in Selbstmorden) auf, die häufig zwischen
exzentrischen, ausschweifenden, oder auch perversen Figuren ausgetragen
werden, deren krankhafte Seelenzustände Voraussetzungen für die zeitgleichen
'positivistischen Untersuchungen' ihrer Psyche entsprechen.
Übersetzung: Nathalie Wauters
Hier bricht die Leseprobe des Beitrags ab.
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