Klaus Wolfgang Niemöller

Musica et Poesia

Zur Stellung der Musik im Emblem-Buch des Mailänder Humanisten Andrea Alciato in der kommentierten Ausgabe Padua 1621

    

Die musikalische Ikonographie hat im letzten Dezennium von der ursprünglichen Frage nach Instrumentenkunde und Aufführungspraxis mehr und mehr abgesehen und gerade für Mittelalter und Renaissance mit der Frage nach Symbolik und Allegorese tiefgründige Bildprogramme herausgearbeitet, die die Musik in die kulturellen Gesamtkontexte der Zeit stellen. Dazu gehört auch eine Hinwendung zur Emblematik, die in der literarhistorischen und kunstgeschichtlichen Forschung seit längerem eine wichtige Rolle spielt. Ausgangspunkt ist hier die Begründung der zahlreichen (über 600) Emblembücher durch den Mailänder Juristen und Humanisten Andrea Alciato (Alciatus) (1492-1550). Sein Emblematum liber erschien erstmals 1531 in Augsburg und hatte bis ins 17. Jahrhundert hinein über 170 Editionen. Der italienische Renaissance-Jurist gilt als Begründer der humanistischen Jurisprudenz in ihrer philologisch-historischen Ausrichtung. Darin stimmte er mit dem französischen Renaissance-Jjuristen Guillaume Budé überein, aus dessen Annotationes ad pandectas (1508) er den griechischen Begriff Emblema entnahm. Allerdings legte Alciatus dem Augsburger Drucker Heinrich Steyner lediglich die Texte vor, für die er vornehmlich aus dem Hieroglyphen-Buch des Horapollo, der Anthologia graeca, und den mythologischen Dichtungen wie Ovids Metamorphosen Anregungen entnahm. Erst als der Augsburger Drucker durch Jörg Breu Holzschnitte dazu anfertigen ließ, entstand ein Emblembuch mit der entsprechenden text-bildlichen Struktur: Die Inscriptio in Form eines Stichwortes (lemma), eines Mottos oder einer Devise steht über der Pictura (imago, auch Symbolon), unter der als Subscriptio zumeist ein Epigramm in Distichen steht. Bei musikalischen Themen in Texten oder Bildern hat dann auch seit einigen Jahren die Musikforschung angesetzt. Unter den 104 Emblemen Breus sieht man fünf mit Musikinstrumenten. Reinhold Hammersteins Studie von 1994 widmet sich zwei Emblemen. Nr. 2 zeigt unter der Überschrift Foedera Italorum eine Laute; in dem Epigramm ist die Cythara genannte Laute, wenn sie nicht gut gestimmt ist oder eine Saite gerissen ist, Allegorie der gestörten Harmonie zwischen Bündnispartnern. Die Doppelbedeutung von lateinisch fides (Vertrauen/Saite) steht hier im Hintergrund. In dem zweiten Emblem, das erst in der Pariser Edition von 1534 unter den auf 113 angewachsenen Bildern als Nr. 108 erscheint, wird die Musik selbst in der Inscriptio thematisiert: "Musicam Diis curae esse" (Die Musik liegt den Göttern am Herzen). Wieder ist eine Laute abgebildet, nun aber mit einer gerissenen Saite, deren fehlenden Ton eine auf ihr sitzende Zikade durch ihren Gesang ersetzt. Bezug genommen wird auf die mythische Erzählung von dem Wettstreit des Kitharöden Eunomos mit Aristo. Die Wirksamkeit dieser Embleme demonstriert ihr Eingang auch in die Musiktheorie. Gioseffo Zarlino hat bereits 1548 in seinen Istitutioni harmoniche neben die Abbildung seines chromatisch-enharmonischen "Clauocembalo" die 1. Zeile des 3. Distichons aus dem Epigramm zum Foedera-Emblem gesetzt, das von der Schwierigkeit des Stimmens von Saiten handelt: "Difficile est, nisi docto homini tot tendere chordas. Alciat. Embl. 2. lib. 1." In der Auflage von 1573 (S. 164) werden mit der Quellenangabe "And. Alciati Mediolan. Emble. 2. lib.I." auch die folgenden drei Zeilen mitzitiert. Paul P. Raasfeld, der auf diesen Zusammenhang hinwies, hat 1995 den Schwerpunkt seiner Untersuchung auf die Embleme des 17. Jahrhunderts mit Liedern auf bestehende oder neu komponierte Musik gelegt. Im selben Jahr stellte Werner Braun den Zusammenhang eines musikalischen Liebesemblems und dem Musiktheater dar.

Mit der Heranziehung der umfangreichsten Edition von Alciatos Emblembuch, der in der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln aus dem Besitz des ehemaligen Jesuitengymnasiums stammenden Ausgabe Padua 1621, soll über Einzelfragen hinaus die Frage nach der Stellung der Musik in Wissenschaften und Künsten sowie ihre Veränderung durch Renaissance und Humanismus generell aufgeworfen werden.

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Die Neuartigkeit der emblematischen Zuordnung von Musik und Poesie wird zwar schon durch die unmittelbare Aufeinanderfolge in der Pariser Edition von Christian Wechel mit den deutschen Versen des Wolfgang Hunger von 1542 eingeleitet: Nr. 107 "Insignia Poetarum / Der Poeten wappen" (Schwan) und Nr. 108 "Musicam Dijs curae esse / Saitenspil ist Got gefellig" (Lyra mit Zikade), jedoch vollzieht erst der Kommentar der Ausgabe von 1621 die inhaltlichen Konsequenzen. Sie erscheinen im Zusammenhang der artes liberales um so eindrücklicher von grundsätzlicher Bedeutung zu sein, als bis weit ins 16. Jahrhundert hinein das Bild der Musica eine ganz andere Zuordnung hatte. Auf der Folie der mittelalterlichen Zuordnung zum mathematisch orientierten Quadrivium in den ikonographischen Quellen soll im Folgenden versucht werden, die Entstehung einer neuen (bildhaften) Zuordnung der Musik zur Poesie bis hin zum Emblembuch von 1621 zu skizzieren. Die in jüngerer Zeit intensivierte Erforschung der ikonographischen Zeugnisse für die personifizierte Frau Musica, ihre Begleiter, insbesondere die Erfinder der Musik (inventores musicae), sowie deren Einordnung in die bildlichen Darstellungen von Artes-Zyklen vermitteln in ihrer Bildfülle eindeutige Bedeutungsstränge. Betrachtet man allerdings als paradigmatisches Beispiel das häufiger herangezogene artes-Bild der Musik des Bartolomeo di Bartoli aus dem 14. Jahrhundert (Abb. 1) unter dem strukturellen Gesichtswinkel der Emblembücher, so zeichnen sich unübersehbar Verbindungslinien ab: Es gibt eine inscriptio ("Musica") eine Pictura mit der Frau Musica, die eine Laute stimmt nach den Intervallangaben T(J)ubals und seiner Hämmer sowie eine Inscriptio in Form von vier Hexametern ("Iste Tubal cantum vocumque simphonie").

 

 

 





Abbildung 1, Bartolomeo di Bartoli, Canzone delle virtu e dell scienze, 14. Jahrhundert


Hier bricht die Leseprobe des Beitrags ab. Den vollständigen Artikel lesen Sie in:

Aspetti musicali

Musikhistorische Dimensionen Italiens 1600 bis 2000

Festschrift für Dietrich Kämper zum 65. Geburtstag
herausgegeben von Norbert Bolin, Christoph von Blumröder und Imke Misch
Verlag Dohr, Köln 2001
ISBN 3-925366-83-0
Seite 347-362


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