Die musikalische Ikonographie hat im letzten Dezennium von
der ursprünglichen Frage nach Instrumentenkunde und Aufführungspraxis mehr und
mehr abgesehen und gerade für Mittelalter und Renaissance mit der Frage nach
Symbolik und Allegorese tiefgründige Bildprogramme herausgearbeitet, die die
Musik in die kulturellen Gesamtkontexte der Zeit stellen. Dazu gehört auch eine
Hinwendung zur Emblematik, die in der literarhistorischen und
kunstgeschichtlichen Forschung seit längerem eine wichtige Rolle spielt.
Ausgangspunkt ist hier die Begründung der zahlreichen (über 600) Emblembücher
durch den Mailänder Juristen und Humanisten Andrea Alciato (Alciatus)
(1492-1550). Sein Emblematum liber erschien erstmals 1531 in Augsburg und
hatte bis ins 17. Jahrhundert hinein über 170 Editionen. Der italienische
Renaissance-Jurist gilt als Begründer der humanistischen Jurisprudenz in ihrer
philologisch-historischen Ausrichtung. Darin stimmte er mit dem französischen
Renaissance-Jjuristen Guillaume Budé überein, aus dessen Annotationes ad
pandectas (1508) er den griechischen Begriff Emblema entnahm. Allerdings
legte Alciatus dem Augsburger Drucker Heinrich Steyner lediglich die Texte vor,
für die er vornehmlich aus dem Hieroglyphen-Buch des Horapollo, der Anthologia
graeca, und den mythologischen Dichtungen wie Ovids Metamorphosen
Anregungen entnahm. Erst als der Augsburger Drucker durch Jörg Breu
Holzschnitte dazu anfertigen ließ, entstand ein Emblembuch mit der
entsprechenden text-bildlichen Struktur: Die Inscriptio in Form eines
Stichwortes (lemma), eines Mottos oder einer Devise steht über der Pictura (imago,
auch Symbolon), unter der als Subscriptio zumeist ein Epigramm in Distichen
steht. Bei musikalischen Themen in Texten oder Bildern hat dann auch seit
einigen Jahren die Musikforschung angesetzt. Unter den 104 Emblemen Breus sieht
man fünf mit Musikinstrumenten. Reinhold Hammersteins Studie von 1994 widmet
sich zwei Emblemen. Nr. 2 zeigt unter der Überschrift Foedera Italorum
eine Laute; in dem Epigramm ist die Cythara genannte Laute, wenn sie nicht gut
gestimmt ist oder eine Saite gerissen ist, Allegorie der gestörten Harmonie
zwischen Bündnispartnern. Die Doppelbedeutung von lateinisch fides
(Vertrauen/Saite) steht hier im Hintergrund. In dem zweiten Emblem, das erst in
der Pariser Edition von 1534 unter den auf 113 angewachsenen Bildern als Nr. 108
erscheint, wird die Musik selbst in der Inscriptio thematisiert: "Musicam
Diis curae esse" (Die Musik liegt den Göttern am Herzen). Wieder ist eine
Laute abgebildet, nun aber mit einer gerissenen Saite, deren fehlenden Ton eine
auf ihr sitzende Zikade durch ihren Gesang ersetzt. Bezug genommen wird auf die
mythische Erzählung von dem Wettstreit des Kitharöden Eunomos mit Aristo. Die
Wirksamkeit dieser Embleme demonstriert ihr Eingang auch in die Musiktheorie.
Gioseffo Zarlino hat bereits 1548 in seinen Istitutioni harmoniche neben
die Abbildung seines chromatisch-enharmonischen "Clauocembalo" die 1.
Zeile des 3. Distichons aus dem Epigramm zum Foedera-Emblem gesetzt, das von der
Schwierigkeit des Stimmens von Saiten handelt: "Difficile est, nisi docto
homini tot tendere chordas. Alciat. Embl. 2. lib. 1." In der Auflage von
1573 (S. 164) werden mit der Quellenangabe "And. Alciati Mediolan. Emble.
2. lib.I." auch die folgenden drei Zeilen mitzitiert. Paul P. Raasfeld, der
auf diesen Zusammenhang hinwies, hat 1995 den Schwerpunkt seiner Untersuchung
auf die Embleme des 17. Jahrhunderts mit Liedern auf bestehende oder neu
komponierte Musik gelegt. Im selben Jahr stellte Werner Braun den Zusammenhang
eines musikalischen Liebesemblems und dem Musiktheater dar.
Mit der Heranziehung der umfangreichsten Edition von
Alciatos Emblembuch, der in der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln aus dem
Besitz des ehemaligen Jesuitengymnasiums stammenden Ausgabe Padua 1621, soll
über Einzelfragen hinaus die Frage nach der Stellung der Musik in
Wissenschaften und Künsten sowie ihre Veränderung durch Renaissance und
Humanismus generell aufgeworfen werden.
[...]
Die Neuartigkeit der emblematischen Zuordnung von
Musik und Poesie wird zwar schon durch die unmittelbare Aufeinanderfolge in der
Pariser Edition von Christian Wechel mit den deutschen Versen des Wolfgang
Hunger von 1542 eingeleitet: Nr. 107 "Insignia Poetarum / Der Poeten wappen"
(Schwan) und Nr. 108 "Musicam Dijs curae esse / Saitenspil ist Got gefellig"
(Lyra mit Zikade), jedoch vollzieht erst der Kommentar der Ausgabe von 1621 die
inhaltlichen Konsequenzen. Sie erscheinen im Zusammenhang der artes liberales um
so eindrücklicher von grundsätzlicher Bedeutung zu sein, als bis weit ins 16.
Jahrhundert hinein das Bild der Musica eine ganz andere Zuordnung hatte. Auf der
Folie der mittelalterlichen Zuordnung zum mathematisch orientierten Quadrivium
in den ikonographischen Quellen soll im Folgenden versucht werden, die
Entstehung einer neuen (bildhaften) Zuordnung der Musik zur Poesie bis hin zum
Emblembuch von 1621 zu skizzieren. Die in jüngerer Zeit intensivierte
Erforschung der ikonographischen Zeugnisse für die personifizierte Frau Musica,
ihre Begleiter, insbesondere die Erfinder der Musik (inventores musicae), sowie
deren Einordnung in die bildlichen Darstellungen von Artes-Zyklen vermitteln in
ihrer Bildfülle eindeutige Bedeutungsstränge. Betrachtet man allerdings als
paradigmatisches Beispiel das häufiger herangezogene artes-Bild der Musik des
Bartolomeo di Bartoli aus dem 14. Jahrhundert (Abb. 1) unter dem strukturellen
Gesichtswinkel der Emblembücher, so zeichnen sich unübersehbar
Verbindungslinien ab: Es gibt eine inscriptio ("Musica") eine Pictura
mit der Frau Musica, die eine Laute stimmt nach den Intervallangaben T(J)ubals
und seiner Hämmer sowie eine Inscriptio in Form von vier Hexametern ("Iste
Tubal cantum vocumque simphonie").

Abbildung 1, Bartolomeo di Bartoli, Canzone delle virtu e dell scienze, 14. Jahrhundert
Hier bricht die Leseprobe des Beitrags ab.
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