Kerstin Schüssler

Noi, più baldi e men devoti - Vogliam l'arte dei nepoti

Arrigo Boito und Franco Faccios Oper Amleto als Manifest des nuovo melodramma

    

Seine beiden kongenialen Shakespeare-Libretti Otello und Falstaff haben Arrigo Boito über seine Bedeutung als Komponist und Dichter hinaus einen festen Platz in der Verdi-Literatur gesichert. Bekannt ist die große Zurückhaltung, mit der Verdi 1879 dem Wunsch des 29 Jahre jüngeren Boito nach einer Zusammenarbeit begegnete, denn obwohl sie bereits 1862 für die Gelegenheitskomposition Inno delle Nazioni zusammengefunden hatten, war ihr Verhältnis durch lange zurückliegende Differenzen nachhaltig getrübt. Wenig Beachtung fand dagegen bislang jenes Werk, mit dem sich der junge Boito als Mitglied der antibürgerlichen Scapigliatura-Bewegung von den tradierten Formen des Melodramma - als deren Repräsentant der Übervater Verdi gelten musste - zu distanzieren suchte: mit der Einrichtung des Hamlet für den Komponisten Franco Faccio führte sein erster Libretto-Versuch den 20jährigen Boito direkt zu Shakespeare.

Boito und Faccio verband seit ihrer Studienzeit am Mailänder Konservatorium nicht nur eine herzliche Freundschaft, sondern auch der Glaube an dieselben Ideale: in patriotischer Begeisterung für die nationale Befreiungsbewegung schlossen sie sich 1866 der Armee Garibaldis an. Ihr erstes studentisches Gemeinschaftswerk, die Cantata patria Il quattro giugno, widmete sich ebenso dem Befreiungsgedanken wie ihre Diplomkomposition Le sorelle d'Italia, mit der sie 1861 ihr Studium abschlossen. Für sein Debüt als Opernkomponist wählte Faccio jedoch einen anderen Librettisten: I profughi fiamminghi, mit einem Libretto von Emilio Praga, erzielte am 11. November 1863 - immerhin an der Mailänder Scala - einen nur mäßigen Erfolg. Praga gehörte ebenfalls der Bohème-Bewegung der Scapigliati an - deren Zielsetzung ebenso uneinheitlich und ungekämmt war wie der programmatische Name -, doch sein dichterisches Potenzial war offensichtlich geringer einzuschätzen. Als Affront wurde von den Traditionalisten allein die Tatsache empfunden, dass ein 23jähriger Komponist sich mit seinem Opernerstling ausgerechnet an der Scala präsentierte. Entsprechend "complessivamente ostile" gaben sich die Kritiken, doch eine anonym erschienene Rezension in der Zeitschrift Perseveranza nahm Faccios Oper zum Anlass, von der Zukunft der Kunst - wohl unterschieden von Wagners Kunstwerk der Zukunft - zu sprechen. Der Rezensent konstatiert eine "fase battagliera" im Richtungsstreit um die Entwicklung des Melodramma, für die er Glucks Reformbestrebungen als Vergleich heranzieht; Faccio falle die Rolle eines Anführers in diesem Kampf zu. Aus der Proklamation des "avvenire dell'arte" leitete sich für diese Reformbewegung bald das Etikett "avvenirismo" ab, das zunächst durchaus pejorativ verstanden wurde. Die kontroverse Rezeption der Profughi fiamminghi bereitete jedoch den Boden für eine Diskussion um jenes nuovo melodramma, als dessen Schlüsselwerk Boitos und Faccios Amleto zu gelten hat.

Boito verleiht dieser Aufbruchsstimmung nur wenige Wochen vor der Uraufführung der Profughi fiamminghi eine erste vorsichtige programmatische Stimme: er wendet sich gegen die melodramatische Formel ("formula"), also gegen die Konvention schematisierter Gattungen, und setzt an ihre Stelle die Form ("forma"), die sich nun auch in der dramatischen Musik entfalten müsse. Unmittelbar nach der Premiere der Profughi fiamminghi sorgt Boito allerdings für eine Eskalation der Diskussion um das nuovo melodramma. Seine Ode All' arte italiana, die er als Trinkspruch bei einem Bankett zu Ehren Faccios rezitiert, glorifiziert nicht nur die baldige Hegemonie der wiedererstarkten italienischen Musik, sondern proklamiert bereits den zukünftigen Messias, der den Altar der Kunst wieder reinigen werde - einen Altar, der "bruttato come un muro di lupanare". Es bedurfte nicht einer besonderen Sensibilität, um Verdi diese Zeilen als offene Provokation empfinden zu lassen, und ebensowenig bestand Zweifel darüber, dass Boito niemandem anderen als seinem Freund Faccio die Rolle des Heilsbringers zugedacht hatte.

In den folgenden Monaten festigt Boito in seiner mit Praga herausgegebenen Zeitschrift Figaro das theoretische Fundament des nuovo melodramma: In griffigen Thesen fordert er die Abkehr von den ausgelaugten Formeln zugunsten einer zusammenhängenden Form, die "attuazione del più vasto sviluppo tonale e ritmico oggi possibile" und ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Libretto und Komposition. Zur Verfeinerung des musikalischen Geschmacks propagiert er das Studium deutscher Kammermusik und gründet zu deren Verbreitung im Oktober 1862 gemeinsam mit Faccio und Giulio Ricordi eigens einen Verein, die Società del Quartetto di Milano.

Die Streichquartettkompositionen Faccios nimmt Boito zum Anlass, um sich im Mai 1865 offen für die wahre Sendung seines Freundes auszusprechen: "Nuovo d'anni, d'intelletto, di forze, egli aspira alle conquiste dell'arte nuova. Il melodramma è il suo sogno, le sue battaglie". Zu dieser Zeit hatte Boito seinen Beitrag zu Faccios Mission freilich längst geliefert: bereits am 2. Juli 1862, also fast anderthalb Jahre vor der Uraufführung von Faccios Debütwerk I Profughi fiamminghi, konnte Boito seine Arbeit am Libretto des Folgewerks Amleto abschliessen und erkannte darin "l'idea di quel tale melodramma così fatto, presentito, sognato, invocato dall'arte e un pochino anche dal pubblico".

Mit der Wahl eines Shakespeare-Stoffes markiert Boito seine hohen Ansprüche an einen Operntext. Neben Dantes Divina commedia und Goethes Faust gehörten Shakespeares Dramen - von denen er Anthony and Cleopatra und Macbeth auch übersetzte - zu seinen stärksten Inspirationsquellen. Seine Wahl des Hamlet entspricht der besonderen Rolle, die diesem Drama in der Shakespeare-Begeisterung der literarischen Romantik nicht nur in Italien zufiel. In einer Konfrontation mit Shakespeare, so Boito, könne sich das Melodramma zu neuer Qualität und Aktualität erheben und müsse sich nun der Stoffe des englischen Dichters als würdig erweisen.

Wie ordnet sich nun Boitos erster Librettoversuch in diese selbst gesetzten Maßstäbe ein? Zunächst liegt die außergewöhnliche sprachliche Qualität und Schönheit der Amleto-Verse, aus denen mitunter die preziöse, sehr nuancierte Wortwahl der Scapigliatura spricht, weit über dem Durchschnitt der zeitgenössischen Librettistik. In der Gesamtdramaturgie überrascht die Souveränität, mit der Shakespeares längstes Drama für ein operntaugliches Maß bearbeitet wird: Die Gliederung in sieben statt der originalen 19 Szenen, die Streichung zahlreicher Nebenepisoden und -figuren, darunter Rosenkranz und Güldenstern, Fortinbras und Osric, erweist sich nicht als Einbuße, denn umso konzentrierter fokussiert Boito die Haupthandlung. Boito dachte nicht an eine bloße Einkürzung des Dramas, und wörtliche Übernahmen sind selten. Statt dessen verfolgt er bereits hier, wie Jahre später bei der Arbeit an Otello, das Prinzip, szenische Situationen zu etablieren, die der Musik genügend Freiräume bieten. Es wäre daher sinnlos, eine synoptische Gegenüberstellung der jeweiligen Szenen von Oper und Drama zu geben, denn ebenso wie er großzügige Streichungen vornimmt, erfindet Boito - wie später bei Otello und noch stärker bei Falstaff - ganze Szenenkomplexe, die nicht aus dem Drama hergeleitet werden können, sondern allein den spezifischen Erfordernissen musikalischer Umsetzung gehorchen. Dies bedeutet zunächst: Angebote von Arien beziehungsweise ariosen Einschüben ebenso wie von großen Chorszenen. Widerspricht Boito nicht damit seiner eigenen Zielsetzung, die konventionelle Formel zu verbannen? Ein erster Blick mag enttäuschen: Die Preghiera findet sich ebenso wie das unvermeidliche Brindisi, das große eröffnende "Viva il Re"-Chortableau ebenso wie die Wahnsinnsszene der Heldin. Doch eine genauere Prüfung, bei der auch die Musik Faccios mit einem Blick in die autographe Partitur einbezogen wird, belegt, wie - in Boitos Sinne einer angestrebten Gleichberechtigung von Wort und Musik - in der Etablierung der Formeln zugleich ihre Infragestellung und schließlich ihre Auflösung liegt.

Hier bricht die Leseprobe des Beitrags ab. Den vollständigen Artikel lesen Sie in:

Aspetti musicali

Musikhistorische Dimensionen Italiens 1600 bis 2000

Festschrift für Dietrich Kämper zum 65. Geburtstag
herausgegeben von Norbert Bolin, Christoph von Blumröder und Imke Misch
Verlag Dohr, Köln 2001
ISBN 3-925366-83-0
Seite 175-186

 

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