Dieser rein deskriptive Beitrag verfolgt zwei Ziele: 1. Er soll am Beispiel
der Forschungsprojekte des Laboratorio di Informatica Musicale (LIM) am
Dipartimento di Informatica, Sistemistica e Telematica (DIST) in Genua auf die
in Deutschland wenig bekannten, aber international regen Forschungen zur
Musikinformatik aufmerksam machen. 2. Er soll dem historisch-hermeneutisch
orientierten Musikwissenschaftler Einblick in Aspekte der Aufführungspraxis
zeitgenössischer Werke geben, die eine enge Verbindung zu
informationstechnologischem Denken in der Musik aufweisen.
Bei der Anwendung informationstechnologischen Denkens im Musikbereich sind die
drei Felder Wissenschaft, Kunst und Technik zu unterscheiden:
a) Wissenschaft: Anwendung in der musikwissenschaftlichen Forschung;
b) Kunst: Anwendung in der künstlerischen und musikpädagogischen
Ausbildung an Musikhochschulen und Konservatorien;
c) Technik: Anwendung im ingenieurwissenschaftlich-technologischen
Bereich in der angewandten Informatik.
Unterschiedliche Forschungsinteressen bedingen folglich verschiedene
Einsatzbereiche des Computers.
In wissenschaftlicher Hinsicht steht die theoretische Durchdringung eines einen
Begründungszusammenhang fordernden Forschungsgegenstandes im Vordergrund. Die
musikwissenschaftliche Perspektive informationstechnologischen Denkens findet
ihren Ausdruck in der Kognitiven Musikwissenschaft. In ihr dient die
Computermetapher als Heuristik zur Erforschung der Musikwahrnehmung kognitiver
Systeme. Diese Metapher wird dabei in einem doppelten Sinn verwendet:
a) Der Computer wird als technologisches Produkt betrachtet, mit dem
Modellbildungen durch Simulationen realisiert werden.
b) Der Computer bildet als abstraktes Rechensystem im Sinne einer
Turing-Maschine oder eines endlichen Automaten den Bezugspunkt der Grenzen der
Formalisierbarkeit in der Theoriebildung.
Der künstlerische Bereich ist gekennzeichnet durch ein mehr unbewusstes, meist
wenig wissenschaftlich reflektiertes, jedoch stark ausgeprägtes ästhetisches
Vermögen, etwa individuelle Schönheitsvorstellungen der Komponisten; diese
mögen einhergehen mit religiösen und sonstigen weltanschaulichen
Überzeugungen. Der enge Umgang mit dem Material und die Kenntnis bestimmter
eingeschränkter Traditionen werden im europäischen Kontext vorwiegend durch
eine Institution wie die Musikhochschule oder das Konservatorium vermittelt,
wobei auch musikpädagogische Problemstellungen zu berücksichtigen sind. In
diesen Sektor ist neben Computermusik auch das computergestützte Lernen
einzuordnen. Innerhalb der erwähnten Institutionen lassen sich drei
Standardapplikationen unterscheiden: Der Computer als Musikinstrument, der
Computer als Kompositionsmittel und der Computer als Orchesterinstrument. Wird
der Computer als Musikinstrument betrachtet, so ergeben sich Fragen der
Klanggenerierung und des Sound-Designs. Er dient also zur Synthese und
Manipulation von Klängen. Beispielhaft seien hierfür die Forschungen von Max
Mathews und Jean-Claude Risset genannt, die unter Einsatz und Entwicklung von
Music V und Csound stattfanden. Im Bereich der Komposition kann der Einsatz
des Computers als Kompositionshilfe bis hin zur automatischen Komposition
unterschieden werden. Die Anwendung algorithmischer Verfahren zur Generierung
musikalischer Formen bildet den Kern dieses Einsatzes. Als Orchesterinstrument
muss sich der Computer in Echtzeitsituationen bewähren. Hier findet z.B. die
Multimedia-Programmierumgebung mit MAX/MSP im Rahmen der interaktiven
Komposition Anwendung. In der Musikpädagogik können Multimediaanwendungen
zur Vermittlung allgemein-musikalischen Wissens bis hin zum synchronen bzw.
asynchronen netzbasierten 'computer supported cooperative learning'
unterschieden werden.
Hier bricht die Leseprobe des Beitrags ab.
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