Wolfram Steinbeck

Pur ti miro

Schritte der Näherung

Zur Dramaturgie in Monteverdis L'Incoronazione di Poppea

    

Mit Monteverdis L'Orfeo beginnt 1607, rund zehn Jahre nach ihren ersten Anfängen, die Geschichte der Oper gleichsam aufs neue. Die reichhaltige Ausstattung des Werkes mit Instrumentalstücken, Ritornellformen, Tanzliedern und Scherzi musicali sowie der Einbeziehung vielfältiger madrigalischer Mittel in die monodischen Partien, wie sie schon 1605 im V. Madrigalbuch erprobt und vorgestellt worden waren, hat der jungen Gattung gleichsam das Leben gerettet, ihr wiedergegeben, was ihr verloren gegangen zu sein schien: Die Musik. Das ist oftmals beschrieben worden. Vor allem die auffallende Vielfalt reiner Instrumentalmusik und ihre dramaturgische Bedeutung im Orfeo gehört seit Alfred Heuss' bahnbrechender Darstellung zu den immer wieder bewunderten Eigenschaften dieser Partitur.

Zugleich ist erkannt worden, welch hohes Maß an konzeptioneller, formrelevanter Durchgestaltung Monteverdi seiner ersten Oper zu geben vermochte. Jeder Akt ist nach einem eigenen musikalischen Bauprinzip angelegt, das den Ablauf der 'favola' dramaturgisch strukturiert und dem Ausdruck der Handlung dient. Der erste Akt z.B. ist, seiner Handlung als Reigen heiterer Hirtengesänge und -spiele gemäß, symmetrisch um den großen Liebesgesang des Orfeo in der Mitte gruppiert (Rosa del ciel). Der zweite dagegen bricht bewusst in der Mitte auseinander, indem zunächst in zunehmender Steigerung Freudengesänge einander folgen, um im Liebeslied des Orfeo zu gipfeln (Vi ricorda, o boschi ombrosi), wonach ein Pastore begeistert zur Fortsetzung ermuntert. Genau hier aber bricht die Messaggiera herein, und mit ihrem Auftritt schlägt die freudige Stimmung jäh in Schmerz und Trauer um. Eindringlicher kann der Schreckensbericht vom Tode Euridices kaum musikalisch inszeniert werden. Auch die weiteren Akte zeigen eine jeweils eigene dramaturgisch sinnfällige Anlage, die deutlich macht, wie sehr es Monteverdi auch bei dieser jungen Gattung auf werkhaften Bau, auf Durchsichtigkeit und Klarheit der formalen Konstruktion und vor allem auf die darin gefasste Sinnaussage ankommt.

Die Opernproduktion des frühen 17. Jahrhunderts hat aus dieser Vielzahl musikalischer und dramatischer Mittel vor allem eines gelernt: Die Oper wird zunehmend bunter, ausladender, reicher vor allem an Formen des ein- und mehrstimmigen Singens und instrumentalen Musizierens sowie aufwendiger an Ausstattungs- und Darbietungsmitteln. Zunehmend weniger geachtet wird dagegen auf die Stringenz von Handlung und dramaturgischer Konzeption der Musik, wie sie der Orfeo bei aller Vielfalt eben auch gezeigt hatte. Oper war bekanntlich schon seit ihren Anfängen eine mehr oder weniger offene, zumindest veränderbare und von den Aufführungsbedingungen diktierte Folge komponierter Einzelteile. Die besondere Stringenz und Werkhaftigkeit des Orfeo fällt demgegenüber besonders auf. Das mag eben auch damit zusammenhängen, dass Monteverdis erste Oper ja nicht für eine der zahlreichen höfischen Festlichkeiten komponiert worden war, sondern für eine Akademie von Kennern und Liebhabern, die des Werkes und nicht einer Feierlichkeit wegen zusammengekommen waren. Aber es scheint nicht nur am Anlass gelegen, sondern zu seinen kompositorischen Grundüberzeugungen gehört zu haben, dass Monteverdi selbst einer so aufführungsbedingten Anlage wie der Oper eine solch stringente, erkennbar sinnstiftende musikalische Gestalt zu geben suchte, wie er sie auch in anderen Werken realisiert hat. Das wird nicht nur an den übrigen gedruckten musikdramatischen Werken Monteverdis deutlich, dem Ballo delle ingrate (1608) oder dem Combattimento di Tancredi e Clorinda (1624). Das zeigt sich auch an seiner letzten Oper, der Incoronazione di Poppea (1642), die doch unter so völlig anderen Verhältnissen entstand als die uns überlieferten früheren Werke.

Hier bricht die Leseprobe des Beitrags ab. Den vollständigen Artikel lesen Sie in:

Aspetti musicali

Musikhistorische Dimensionen Italiens 1600 bis 2000

Festschrift für Dietrich Kämper zum 65. Geburtstag
herausgegeben von Norbert Bolin, Christoph von Blumröder und Imke Misch
Verlag Dohr, Köln 2001
ISBN 3-925366-83-0
Seite 141-152


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