"Anarchist",
"Kunstverderber", "Führer der musikalischen
Sozialdemokratie", "Vertreter der Anti-Musik und
Nicht-Musik", "radikaler Sudler und Schmierfink",
"Ungeziefer" - starke Worte, mit denen Max Bruch seinen erklärten
"Erzfeind" Richard Strauss belegte. Dessen Werke waren für ihn
"Mist", "unqualifizierbare Scheußlichkeiten",
"grauenhafte Producte", und in der Berliner Philharmonie habe Strauss
einen "Kunstschweinestall" etabliert. Der erzkonservative Komponist
lehnte zwar alle neuen Strömungen der zeitgenössischen Musik ab, doch gegen
niemand richtete sich sein Zorn so heftig wie gegen den besonders erfolgreichen
Richard Strauss. Zu den künstlerischen Gründen kamen Eifersucht und
Verbitterung als Triebkräfte für die massiven verbalen Attacken, die seit den
frühen 1890er Jahren in zahlreichen Briefen von Max Bruch überliefert sind.
Strauss ließ sich von den Tiraden jedoch nicht anfechten, mit steigendem Erfolg
erst recht nicht. Dass er mehrmals, vor allem in der Alpensinfonie
(1915), das zweite Thema aus dem Adagio des berühmten g-Moll-Violinkonzerts von
Max Bruch verwendete, unterstreicht sein entspanntes Verhältnis zu dem
Älteren, der sich längst selbst ins Abseits manövriert hatte.
Bevor Bruch aber sein vernichtendes Urteil über Strauss fällte, gab es in den
Jahren 1888/89 sogar einen brieflichen Kontakt zwischen den beiden ungleichen
Künstlern, der zunächst durchaus von gegenseitiger Höflichkeit, von Respekt
des Jüngeren und Wohlwollen des Älteren gekennzeichnet war. Strauss, dritter
Kapellmeister an der Münchener Hofoper, stand noch vor seinem Durchbruch als
Komponist. Max Bruch war zu jener Zeit Musikdirektor in Breslau (1883-90) und
erfreute sich allgemeiner Anerkennung als Schöpfer des berühmten
Violinkonzertes und zahlreicher Oratorien, überhaupt als einer der
musikalischen Exponenten des gründerzeitlichen Deutschland. Insgesamt vier
Briefe - zwei im Max-Bruch-Archiv der Arbeitsgemeinschaft für Rheinische
Musikgeschichte (im Musikwissenschaftlichen Institut der Universität zu Köln),
zwei in der Garmischer Privatsammlung der Familie Strauss - sind erhalten, wobei
die Briefe Max Bruchs neuerdings auch ediert vorliegen.
Im Jahre 1886 gab es vorab schon eine indirekte Berührung, bei der sich der
junge Richard Strauss zuvorkommend gegenüber Max Bruch zeigte. Hans von Bülow
hatte für Hamburg die Aufführung der f-Moll-Sinfonie von Strauss und einer
Bruch-Sinfonie in zwei aufeinander folgenden Konzerten angesetzt. Max Bruch bat
ihn aber um eine Terminänderung, woraufhin Bülow beide Werke tauschen wollte.
Zu diesem Zweck sandte er Bruchs Brief mit einem Begleitschreiben an den
Verleger Spitzweg: "Liebster Freund! Sei so gut, beif. Brief (von Max
Bruch) zu lesen und R. Str. lesen zu lassen (später bitte zu retournieren) und
dann à deux mir Indemnität zu erteilen, dass ich die f-moll-Sinfonie nicht am
11. Jan., sondern am 17. [...] in Hamburg mache." Anstelle des erkrankten
Spitzweg antwortete ihm Strauss (ohne freilich den Brief von Max Bruch
wunschgemäß zurückzusenden) und erklärte sein Einverständnis mit der
Verlegung. Trotz eigener Terminprobleme sei es ihm angenehm, "wenn ich
meinem verehrten Kollegen, Herrn Bruch, gefällig sein könnte"; er freue
sich, "Herrn Max Bruch diesen kleinen Dienst erweisen zu können".
Zwei Jahre später plante Max Bruch für den 4. Dezember 1888 eine Aufführung
der sinfonischen Dichtung Aus Italien an seiner Breslauer
Wirkungsstätte. Um dieses Werk dreht sich denn auch der Schriftwechsel aus der
Zeit zwischen September 1888 und Dezember 1889.
Hier bricht die Leseprobe des Beitrags ab.
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