Musterklausur für Magister, Nebenfach, WS 1999/2000

zur Frage:

"Vergleichen Sie die klientenzentrierte Persönlichkeitstheorien mit den Selbstkonzepttheorien von
Epstein und Filipp und diskutieren Sie die pädagogischen und therapeutischen Implikationen der in Rede
stehenden Theorien."

Die Selbstkonzepttheorien von Epstein und Filipp sind zunächst durch ihre Zuordnung zu einem bestimmten
theoretischen Ansatz von den klientenzentrierten Persönlichkeitstheorien abzugrenzen. Vergleicht man alle drei
Theorien, so fällt von vornherein eine Ähnlichkeit zwischen Epsteins und Filipps Ansatz auf. Beide sind in der
kognitiven Psychologie anzusiedeln, das bedeutet, daß beide Theorien davon ausgehen, daß Menschen ihr Wissen
in organisierter, strukturierter Form abspeichern.

Sowohl Epstein als auch Filipp beziehen diese Annahme auch auf die kognitiven Repräsentationen, die das
Individuum von seiner eigenen Person hat. Wenngleich beide Ansätze also davon ausgehen, daß dieses Wissen
über sich selbst in konzeptualen Systemen abgespeichert ist, so weisen die Theorien doch auch deutliche
Unterschiede auf, die im folgenden noch zu erläutern sind.

Auch in Carl Rogers klientenzentrierter Persönlichkeitstheorie spielen Kognitionen oder genauer gesagt
Wahrnehmungen eine wichtige Rolle, ja sind entscheidend für die Persönlichkeitsentwicklung. Nicht umsonst wird
Rogers Ansatz auch als phänomenologisch ( d.h. orientiert an den Wahrnehmungen/ Erfahrungen des Menschen)
bezeichnet.

Um zunächst aber vor allem den Unterschied zu Epstein und Filipp hervorzuheben, muß betont werden, daß Rogers
Ansatz einer anderen "Schule" entstammt.

Wie die Bezeichnung "klientenzentriert" bereits andeutet, geht es Rogers um den einzelnen Menschen, den
individuellen Klienten der empirischen, psychotherapeutischen Praxis. Seine Persönlichkeitstheorie basiert sogar
auf seinen Erfahrungen in der Psychotherapie. Dementsprechend geht es auch in seiner Therapie, im Gegensatz
zu Epstein und Filipp, nicht so sehr um eine präzise Darlegung des Aufbaus und vor allem der Organisation der
Selbstkognitionen, sondern vielmehr um den Aspekt der Veränderbarkeit, des Wachstums, der Selbstverwirklichung.
Rogers Theorie ist ein deutlich humanistischer Ansatz, der die positive Sicht des Menschen, seiner Veränderbarkeit
in den Vordergrund rückt.

Um diese Unterschiede, aber auch die Gemeinsamkeiten der drei Theorien sowie ihrer pädagogischen und
therapeutischen Konsequenzen detaillierter zu skizzieren, sollen nun die Ansätze im einzelnen erläutert werden:

Die Gemeinsamkeiten der Theorien von Epstein und Filipp wurden bereits eingangs angesprochen. Dennoch hebt sich
Epsteins Ansatz klar von dem Filipps ab, denn während Filipp einen eindeutig kognitiven Ansatz verfolgt, ist Epsteins
Theorie als integrativ zu bezeichnen. Neben Theorien aus der kognitiven Psychologie kommen hier auch Verhaltens-
psychologie, Psychoanalyse und andere Selbstkonzepttheorien zum Tragen.

Der kognitionspsychologische Aspekt ist von Bedeutung für seine Auffassung des Selbstkonzeptes. Im Gegensatz zu
Filipp, die von einem Selbstsystem spricht, benutzt Epstein ausdrücklich den Begriff einer Selbsttheorie. Ähnlich wie
Filipp geht er davon aus, daß Menschen in ihrem alltäglichen Leben ständig Theorien aufstellen, also wie
Wissenschaftler tätig sind. Epstein unterscheidet hier Selbsttheorien und Umwelttheorien, die zusammen die
Realitätstheorie des Individuums ergeben. Diese Theorien verfolgen den Zweck einer Orientierung in der Welt einer
opitmalen Anpassung. Die Selbsttheorien haben im wesentlichen drei spezielle Funktionen. Sie dienen der Assimilation
von Erfahrungsdaten, der Aufrechterhaltung der Lust-Unlust-Balance (weitestgehende Vermeidung von Schmerz/
negativen Gefühlen und Streben nach lustvollen, positiven Gefühlen) sowie der Aufrechterhaltung oder idealerweise
Maximierung des Selbstwertgefühls.

Um das Funktionieren von Selbsttheorien in Epsteins Sicht zu verstehen, muß man sich verdeutlichen, wie dieser sich
deren Struktur vorstellt. Epstein geht von einer hierarchischen Organisation des Selbstkonzeptes aus, bestehend aus
Postulaten unterschiedlicher Rangordnung. Ausgehend von einigen wenigen stark generalisierenden und damit relativ
starren Postulaten höchster Ordnung (z. B. "Ich bin ein Versager") verzweigen sich diese Selbstaussagen immer
weiter bis hin zu einer großen Zahl an wenig generalisierenden und daher vergleichsweise leicht veränderlichen
Postulaten niedrigerer Ordnung (z. B. "Ich bin ein schlechter Tischtennisspieler").

Diese deutliche Unterscheidung verschiedener Flexibilität von Postulaten unterschiedlicher Ordnung beinhaltet bereits
eine erste therapeutische Implikation. Während ein einfaches Postulat unterster Ordnung durch eine konkrete, der
Selbstaussage wiedersprechende Erfahrung relativ leicht verändert werden kann, ergeben sich bie einem Postulat
höchster Ordnung deutlich größere Probleme. Postulate höherer Ordnung, zu denen auch das Selbstwertgefühl (im
Unterschied zu Filipp/ bei Epstein eigene Kategorie!) gehört, werden zum größten Teil sehr früh und meist unbewertet
ausgebildet. Das Selbstwertgefühl zum Beispiel entwickelt sich bereits in der frühen Kindheit durch Verinnerlichung
eines liebenden Elternteils. Da diese Entwicklung unbewußt stattfindet, sieht Epstein hier die einzige Möglichkeit einer
therapeutischen Intervention bei Störungen in der Psychoanalyse.

Dagegen schlägt er zur Veränderung bei Störungen im Bereich niedriger Postulate verhaltenstherapeutische
Maßnahmen vor, die eine Veränderung, ein Umlernen durch konkrete Erfahrung möglich machen. Im Gegensatz dazu
ist eine Veränderung höherer Postulate ungleich schwerer neben den bereits genannten Gründen auch deshalb, weil
sie sich aufgrund der hierarchischen Ordnung zwangsläufig auf Postulate niedrigerer Ordnung auswirkt.

Ein weiterer Punkt in Epsteins Theorie ist im Vergleich mit den Ansätzen Rogers und Filipps noch besonders
erwähnenswert:

Im Unterschied zu Filipp, die ihre Aufmerksamkeit voll auf die Kognitionen lenkt, (eine Tatsache, die durchaus auch ihre
Mängel mit sich bringt), erläutert Epstein, welche zentrale Rolle die Emotionen für das Selbstkonzept spielen.

Zunächst geht Epstein davon aus, daß Emotionen, die via regia zu den Postulaten darstellen, daß also bestimmte
emotionale Reaktionen auf einen "wunden Punkt" hindeuten können.

Er nimmt an, daß eine enge Verbindung zwischen Emotionen und Kognitionen besteht. Während frühe Postulate/
Kognitionen noch stärker emotionsvermittelt sind, sind später eher Kognitionen für eine bestimmte emotionale Reaktion
verantwortlich nach Epstein steckt also hinter jeder Emotion auch eine Kognition.

Darüber hinaus sind Emotionen laut Epstein in dem auch von Rogers besprochenen Wachstumskonflikt von Bedeutung.
Wie Rogers geht Epstein davon aus, daß bei Inkongruenz (ein Begriff aus Rogers Theorie) zwischen Selbstkonzept
und Erfahrung Angstgefühle entstehen, die entweder durch Abwehrmechanismen (Verleugnung, Rationalisierung,
Projektion) abgewiesen werden (= Nullwachstum) oder aber zugunsten einer Weiterentwicklung, Veränderung,
Ausdifferenzierung des Selbstsystems ausgehalten werden. Epstein wie Rogers befürworten klar letzteres, das
Wachstum des Selbstkonzepts mit der Voraussetzung einer Öffnung für neue Erfahrung. Diese Punkte werden von
Rogers als Therapieziele formuliert!

Wie bereits erwähnt, stehen bei Filipp die kognitiven Strukturen im Vordergrund. Sie betrachtet den Menschen als
informationsverarbeitendes Wesen und beschreibt dementsprechend den Aufbau und Wandel des Selbstsystems
(so ihre Terminologie im Ggs. zu Epsteins Selbsttheorie) als Prozesse menschlicher Informationsverarbeitung sowie
den Menschen selbst als naiven Handlungstheoretiker.

Im Unterschied zu Epstein sieht Filipp die Kognitionen des Selbst als Schemata organisiert, als komplexe, lose verknüpfte Gefüge von Selbstkognitionen.

Sie nennt zunächst verschiedene Quellen selbstbezogener Informationen: direkte und indirekte Prädikatenzuweisung durch andere sowie komperative, reflexive und identionale Prädikatenselbstzuweisung.

Darauf aufbauend beschreibt Filipp den Verarbeitungsprozeß selbstbezogener Information als in vier Phasen verlaufend: der Phase der Diskrimmilation/ des Erkennens, der Aneignungs- o. Enkodierungsphase, der Speicherungs- und zuletzt der Abruf-/Erinnerungsphase.

Entscheidend für ihre Auffassung vom Menschen als naiven Handlungstheoretiker ist die letzte Phase des Abrufs. Denn
hier zeigt sich letztlich, welche selbstbezogenen Aussagen als handlungsleitendeKognitionen dem Einzelnen zur Verfügung stehen. Als solche werden sie vom Individuum getestet, um in der Antizipationsphase einer Handlung "wenn-dann"-Aussagen zu gewähren, in der Durchführungsphase als Korrektive zur Verfügung zu stehen und schließlich in der Interprätationsphase bestätigt oder erweitert zu werden.

Mit letzterer Überlegung werden auch bei Filipp Aspekte der Wandelbarkeit angeschnitten, die aber insgesamt bei ihr,
im Vergleich mit Rogers oder Epstein, eher etwas zu kurz kommen. Filipp beschreibt die Veränderbarkeit des
Selbstsystems mit Piagets Terminologie der Assimilation ( kumulative "Veränderung") und der Akkomodation
(evolutionäre Veränderung) und weist des weiteren darauf hin, daß revolutionäre Veränderungen nur selten vorkommen.

Das mag aber auch daran liegen, daß sie selbst mit ihrer Arbeit andere Absichten verfolgt, als etwa Epstein oder gar
Rogers. Speziell im Unterschied zu Rogers fällt auf, daß konkrete Therapiemöglichkeiten oder Konsequenzen für die
pädagogische Praxis nicht explizit erläutert werden.

Geht man aber davon aus, daß Filipps Ansatz ein deutlich kognitionspsychologischer Ansatz ist, der sich wenig mit
Emotionen beschäftigt und auch auf unbewußte Prozesse, vor allem im Unterschied zu Epstein, nur wenig eingeht,
(erwähnt wird wohl, daß bestimmte unbewußte Inhalte als Hintergrundschemata fungieren können) so wäre die
therapeutische bzw. pädagogische Konsequenz daraus wohl eine solche, die auf eine kognitive Umstrukturierung in
adaptiven Selbstaussagen abzielt.

Einige wesentliche Aspekte von Rogers Theorie sind bereits im Vergleich mit Epstein und Filipp genannt worden.

Rogers Theorie ist klientenzentriert und orientiert sich am Menschen sowie an der psychotherapeutischen Praxis. Sie ist, anders als Epsteins und Filipps Ansatz, keine kognitionspsychologische Theorie, die sich hauptsächlich für die Organisation der Selbstkognition und für deren Entstehung durch informationsverarbeitende Prozesse interessiert.

Im Mittelpunkt von Rogers Theorie steht der Mensch und seine persönliche Erfahrungswelt ein humanistisch-
phänomenologischer Ansatz.

Zentrale Größe ist auch hier das Selbstkonzept, welches sich aufgrund individueller Erfahrungen konstituiert. Rogers
unterscheidet Real- und Ideal-Selbst und unterstellt dem Menschen die grundsätzliche Tendenz zur Selbstverwirklichung. Veränderung, Aktualisierung und Wachstum machen seine positive Sichtweise des Menschen aus und stellen gleichzeitig wichtige Therapieziele dar, dort, wo diese grundlegende Tendenz sich noch nicht durchgesetzt hat, bzw. es Störungen gibt.

Diese durchweg bejahende, positive Auffassung ist unter pädagogischen wie therapeutischen Gesichtspunkten als
sehr positiv hervorzuheben. Ähnlich gibt es auch bei Epstein eine Sichtweise, die für eine grundsätzliche Veränderbarkeit spricht. Filipp verfolgt wie bereits gesagt wurde etwas andere Absichten mit ihrem Modell, so daß man hier keinen zu direkten Vergleich ziehen kann.

Ein Phänomen, was bei Rogers (wie Epstein) im Zentrum therpeutischer Bemühungen steht, ist das Erleben von
Inkongruenz. Prinzipiell strebt das Individuum sowohl nach Konsistenz seines Selbstkonzeptes als auch nach Kongruenz zwischen Selbstkonzept und Erfahrungen. Ist letzteres nicht gegeben, kommt es zu Inkongruenz und damit zu Angst.

Wie bereits beschrieben, kann dieser Konflikt durch Abwehr oder aber Aushalten der Angst und damit Erweiterung,
Wachstum des Selbstkonzeptes gelöst werden.

Im Idealfall wird auch in Rogers Sicht letzteres angestrebt.

Kongruenz (Echtheit) ist auch für den Therapeuten neben Akzeptanz und Empathie (einfühlendem Verstehen) nach
Rogers Auffassung eine wichtige Voraussetzung. Das Gelingen einer Therapie macht er darüber hinaus von einem
Wohlfühl-Klima abhängig.

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