Promotion an der Universität zu Köln
von Jan Kegler , Köln
Das Ziel der Promotion ist die Vorlage des
archäologischen Materials der Höhle von Mas d'Azil in Südwest Frankreich und
die Charakterisierung des sog. Aziliens, einer spätaltsteinzeitlichen Kultur
etwa 12.000 Jahre vor heute.
Europa kann zu diesem
Zeitpunkt bereits eine jägerische und sammlerische Geschichte aufweisen, die
sich über 1 Million Jahre nachvollziehen läßt. Das Tun und Handeln des Menschen
war immer von äußeren, naturräumlichen Gegebenheiten beeinflußt. Bestimmt war
dieses Handeln nicht nur durch den jahreszeitlichen Wechsel, sondern auch durch
große geologische Epochen, wie Warmzeiten oder Eiszeiten, die das Bild der
Landschaften prägten. Vor etwa 12.000 Jahren kommt es auf der Nordhalbkugel des
Globus zum bisher letzten großen klimatischen Wandel: Das Ende der letzen
Eiszeit und das Entstehen unseres heutigen, warmzeitlichen Klimas. Für den
Menschen jener Zeit bedeutete dieser Wandel eine komplette Änderung der
bisherigen Lebensweise.
Das Ende der Altsteinzeit
läßt sich an einem eklatanten Wandel der Lebensweise des Menschen erkennen: aus
einer wildbeuterischen (aneignenden) Gesellschaft formt sich eine seßhafte und
produzierende Gesellschaft. Grund ist der letzte tiefgreifende Klimawechsel der
Erdgeschichte. Skizzenhaft läßt sich die Anpassung des Menschen an diese
Umstände wie folgt darstellen:
--> Jungpaläolithikum
(etwa zwischen 17.800 und 11.750 v.H.): Die wildbeuterische Gesellschaft des
sog. Magdalénien , war während der letzten Eiszeit in Europa
ansässig. Der Mensch des Magdalénien war auf die Jagd großer Tierherden
spezialisiert, die im jahreszeitlichen Wechsel durch die großen eiszeitlichen
Steppen zogen. In diese Epoche sind die großen bemalten Bilderhöhlen Europas
einzuordnen sowie zahlreiche kleine Kunstobjekte aus Knochen und Geweih.
--> Spätpaläolithikum
(zwischen 11.750 und 9.800 v.H.): In diese Epoche fällt die Wiederbewaldung
Europas sowie ein vollständiger Wechsel der Tier- und Pflanzengesellschaften.
In der Lebensweise und den materiellen Hinterlassenschaften der Jäger und
Sammler des sog. Aziliens äußert sich der Klimawandel deutlich. Pfeil
und Bogen treten hier zum ersten Mal auf.
-->
Mesolithikum (zwischen 9.800 und ca. 6.500 v.H.): Die Zeit der
großen Wälder des gemäßigten, atlantischen Klimas. Die Wildbeuter der Mittelsteinzeit
leben in den großen Wäldern Europas.
-->
Neolithikum (ab 6.500 v.H.): Die ersten bäuerlichen Kulturen der Jungsteinzeit,
die Ackerbau und Viehzucht betreiben, lassen sich dauerhaft seßhaft in Europa
nieder. Der erste "Kunststoff" der Menschheit: Keramik, wird von
diesen Menschen hergestellt. Sie bilden die Fundamente unser heutigen Kultur.
Die Dissertation wird sich
hauptsächlich mit dem Phänomen des Übergangs zwischen den eiszeitlichen Jägern
des Magdalénien und insbesondere mit den Hinterlassenschaften der Jäger und
Sammler des Azilien beschäftigen. Mit dem Begriff des Aziliens wird ein
europaweiter, archäologischer Kulturhorizont am Ende der letzten Eiszeit ca.
zwischen 11.750 und 9.800 vor Heute bezeichnet, der sich in leicht
unterschiedlicher Ausprägung vom Atlantik bis nach Russland ausdehnt. Das
Azilien unterscheidet sich grundlegend von der vorhergehenden Kulturstufe
Magdalénien und den nachfolgenden Kulturen durch die Form seiner Steingeräte,
künstlerischen Äußerungen und Lebensweise. Die kulturelle und technische
Innovationsleistung dieser "Zwischenkultur", dem Spätpaläolithikum
und dem Mesolithikum, wurde 1895 durch die Pionierarbeiten von Edouard Piette
in der Definition des "Azilien” verdeutlicht.
Der herausragende und
namensgebende Fundplatz dieses spätglazialen Kulturhorizonts ist die
monumentale Grotte von Mas d’Azil in der Ariège am Nordrand der
französischen Pyrenäen. Die Erschließung dieses Fundplatzes durch Eduard Piette
(1895), Henri Breuil (1902, 1903), Marthe und Saint-Juste Péquart (1960, 1961,
1962, 1963) in mehreren Grabungskampagnen zwischen 1887 und 1944, stellt für
die damalige und heutige Urgeschichtsforschung einen wichtigen Meilenstein dar,
der das Verständnis dieses Kulturwandels erst ermöglichte.
Die Ausgangsbasis aller
weiteren Untersuchungen bilden die Steingeräte der Ausgrabungen von Piette,
Breuil und Péquart. Archäologische Ausgrabungen fanden in den letzten
Jahrzehnten nicht mehr statt. Die im Laufe der vergangenen 100 Jahren
geborgenen paläolithischen Funde wurden bisher kaum, oder nur sporadisch
wissenschaftlich bearbeitet. Darin liegt die ganz besondere Herausforderung und
Forschungsaufgabe; diese Funde umfassend und im übergreifenden Zusammenhang mit
modernen Methoden zu bearbeiten.
Ausgangs- und Befundsituation :
Die Große Höhle von Mas d'Azil
liegt im Südwesten Frankreichs, im Departement Ariège, zwischen Pamiers und
Saint Girons. Es handelt sich um eine Tunnelhöhle mit mehreren Etagen, die von
dem Flusssystem der Arize geformt wurde. Durch ein Teilstück der Höhle verläuft
sogar ein Abschnitt der Nationalstrasse D119 nach Mas d’Azil. Die Breite
der Höhle beträgt zwischen 30 und 50 Meter, ihre Höhe ca. 60 Meter und ihre
Länge etwa 470 Meter. Auf dem linken und dem rechten Ufer liegen Galerien und
Plateaus die von den prähistorischen Menschen aufgesucht wurden. Bereits 1887
führte Edouard Piette in der Höhle am rechten Ufer (rive droite) der Arize und
ab 1889 auf dem linken Ufer (rive gauche) Ausgrabungen durch. Die Schichten am
rechten Ufer beinhalteten ein reichhaltiges Inventar des Magdalénien, die
Schichten am linken Ufer lieferten zahlreiche Funde des zeitlich späteren
Azilien (Piette 1895).
Die denkmalgeschützte
Grotte von Mas d’Azil ist damals wie heute ein beliebtes Ausflugsziel.
Die prähistorischen Galerien auf dem rechten Ufer der Arize sind den Besuchern
zugänglich und können zu bestimmten Zeiten besucht werden; dabei stehen die paläolithischen
Gravierungen und Malereien an den Höhlenwänden im Vordergrund der
Besichtigungen.
Heute befindet sich der
Großteil der ungeordneten Funde in zwei Museen in Frankreich: Das Musée des
Antiquites Nationales in Saint Germain-en-Laye bei Paris bewahrt die Funde der
Ausgrabungen von Edouard Piette und Henri Breuil aus den Jahren 1870 bis etwa
1902 auf. Die Gegenstände der Ausgrabungen von Marthe und Saint-Just Péquart
zwischen 1935 bis 1944 bilden den Grundstock der Sammlung des Musée de Préhistoire
in Mas d’Azil bei Saint Girons (Ariège). Darüber hinaus finden sich noch
kleinere Ensembles der Sammlungen in weiteren urgeschichtlichen Museen
(Toulouse, Foix, etc..).
Für die damalige und
heutige Urgeschichtsforschung stellen die Ausgrabungen von Mas d’Azil
einen wesentlichen Meilenstein dar. Die wissenschaftlichen Untersuchungen
konzentrierten sich meist auf die künstlerischen Erzeugnisse. Leider wurden die
Steinartefakte des Azilien von Mas d'Azil seit dem Zeitpunkt der Entdeckung
nicht mehr wissenschaftlich ausgewertet (Delporte 1979). Dies liegt zum einem
daran, dass die Arbeiten von E. Piette schlichtweg in Vergessenheit geraten
sind, zum anderen auch daran, dass die Sammlung Piette im Musée des Antiquites Nationales
niemals öffentlich zugänglich war. Die geplante Dissertation hat das Ziel diese
zentrale Forschungslücke zu schließen und die bisher nicht wahrgenommene
Möglichkeit nutzen, beide Sammlungen gemeinsam einer modernen, methodisch
adäquaten und technisch aktuellen Analyse zuzuführen. Dabei kommt dem
Promotionsvorhaben zu gute, dass seit der letzten Grabungskampagne in Mas
d'Azil - während der vierziger Jahre- durch Marthe und Saint-Just Péquart
erhebliche methodische Fortschritte in der archäologischen Forschung erzielt
werden konnten, die in die Bearbeitung der Funde einfließen werden.
Einführung in die Thematik:
Entscheidend für die
geplante Dissertation ist die Darstellung der Entstehung und Ausprägung des
Aziliens. Das dafür charakteristische und aussagekräftigste Werkzeug ist die
sog. Rückenspitze, eine Pfeilspitze aus Silex. Da sie nicht nur einer
funktionalen Entwicklung, sondern auch einer stilistischen Entwicklung
unterliegt, hat sie eine chronologische Aussagekraft.
Der klimatische Wechsel am
Ende der letzten Eiszeit und damit die Herausbildung des Aziliens stellt nach
französischer Terminologie den Wechsel zwischen der jüngeren Altsteinzeit
(Jungpaläolithikum) und der Mittelsteinzeit (Mesolithikum) dar. In der
deutschen Terminologie wird dagegen noch vom Spätpaläolithikum gesprochen, als
Übergangsphase zwischen den beiden archäologischen Zeitstufen.
Für das Spätpaläolithikum
wird darüber hinaus eine regional unterschiedliche Ausprägungen des Aziliens
angenommen. So werden für den nordwesteuropäischen Raum die Jäger-Sammler
Kulturen der ausgehenden Eiszeit – in Analogie auf ein charakteristisches
Artefakt – als “Federmessergruppen” beschrieben, dagegen wird
die entsprechende Epoche im südwesteuropäischen Raum als “Azilien”
bezeichnet (Thévenin 1998, 24f.). Mit dieser unterschiedlichen Klassifizierung
ist die Frage verknüpft, ob es regional unterschiedliche Antworten auf die
durch Klima- und Umweltänderung verursachten Herausforderungen des Menschen
gegeben hat oder ob sich 12.000 Jahre vor Heute in Europa tatsächlich ein
einheitlicher Kulturraum etabliert hat?
Nach verschiedenen
Theorien entsteht das Aziliens entweder aus den lokalen Ausprägungen des
Magdalénien und hat in diesen Räumen eigene Charakteristika (Célérier 1993,
Bodu 1993, Valentin 1995, Bodu u. Valentin 1997), oder weist einen Einfluß aus
Südeuropa (Italien, Spanien) auf, wo bereits im Jungpaläolithikum vergleichbare
Rückenspitzen auftreten (Thévenin 1998, Barbaza 1999). In Mitteleuropa tritt
dagegen erst später das Azilien mit seinen charakteristischen Artefakten auf
(Ickinger 1998, Baales 2001).
Allerdings fehlen noch
übergreifende Untersuchungen dieser Zeitspanne für Nordwest- und Südwesteuropa.
Die unterschiedliche Terminologie beruht so nicht zuletzt auf den
unterschiedlichen Forschungstraditionen. Inwiefern die dargestellte
Unterscheidung überhaupt sinnvoll ist, soll am Material von Mas d’Azil
untersucht, und in einem Vergleich mit modern ergrabenen Fundstellen aus
Deutschland und Frankreich verifiziert werden.
Im weiteren Kontext sind
die materiellen Zeugnisse dieser Epoche ein zentrales Beispiel für die
Innovationserfordernisse, bedingt durch den Wandel des Klimas. Im
gesamteuropäischen Zusammenhang stellen sie darüber hinaus den europaweiten
Transfer wichtiger Kulturtechniken auf einer frühen menschlichen
Gesellschaftsstufe dar.
Darüber hinaus soll in
einem zweiten Arbeitsschritt die Innovationsleistung der Kulturstufe des
Azilien von Mas d'Azil im Kontext zur Vorgängerkultur des Magdalénien sowie im
gesamteuropäischen Kontext der späten Eiszeit eingeordnet werden. Der Arbeit
profitiert dabei vom technischen Erkenntnisfortschritt in der Ur- und
Frühgeschichte, der ermöglicht, dass die z. T. vor mehr als hundert Jahren
ergrabenen Funde mit modernen Methoden gesichtet und dokumentiert werden
können.
Zielsetzung der Arbeit:
Im Rahmen der Arbeit
werden an erster Stelle die archäologischen Quellen der Grotte von Mas d'Azil
untersucht. Die Grundlage bildet, wie schon erwähnt, eine Untersuchung der
Steingeräte der prähistorischen Menschen. Insbesondere zielt die Untersuchung
auf die Fundstelle am linken Flußufer der Arize, wo eine kontinuierliche
Schichtenfolge des späten Magdalénien und des Azilien bis zum Mesolithikum
beobachtet wurde. Im Rahmen dieser Untersuchungen sollen alle bisherigen
Ergebnisse (Geologie, Paläontologie, Ökologie) mit einbezogen und einer
erneuten kritischen Betrachtung unterzogen werden.
An erster Stelle steht die
Rekonstruktion der ehemaligen Befundeinheiten. Edouard Piette und Saint-Just
Péquart haben für ihre Zeit jeweils herausragende und richtungsweisende
Dokumentationen der Fundstelle vorgelegt (Delporte 1987).
Die Quellen werden
hinsichtlich folgender Kriterien untersucht und auf ihre Aussagefähigkeit
überprüft:
--> Typologie:
Die zeitliche Gliederung des spätpaläolithischen Fundhorizontes basiert auf dem
Auftreten von bestimmten Rückenspitzenformen. Die vorliegenden Stücke werden
auf ihre Formgestaltung und in Bezug zu den aktuellen Vorstellungen einer
Abfolge im Rückenspitzen-Kreis untersucht (Célérier 1993, Valentin 1995, Bodu
u. Valentin 1997, Ickinger 1998). Die Interpretation zielt hier auf die Frage,
ob in Mas d'Azil ein diversitäres oder homogenes Inventar vorliegt; also auf
Frage, inwieweit allochtone oder autochtone Entwicklungen an Fundplatz sichtbar
gemacht werden können.
--> Technologie:
Die Untersuchung der Herstellungstechnik von Steinwerkzeugen macht den
prähistorischen Menschen fast greifbar. Die Idee und die Verwirklichung der
Bedürfnisse an das Objekt Stein haben in dieser Periode eine chronologische
Aussagekraft. Die Fähigkeit (compétence) und das Werk (pérformance) stehen in
einem scheinbaren Widerspruch innerhalb der unterschiedlichen Konzepte
"Magdalénien" und "Azilien". Mit der Verbindung zweier
europäische Forschungstraditionen soll dieser Widerspruch geklärt werden: Zum
einen die französische Methode der "chaîne operatoire
(Arbeitsschrittanalyse)", in der die einzelnen Etappen der Bearbeitung
dargestellt werden. Die deutsche Methode der Werkstückanalyse zum anderen,
untersucht die Entwicklung von Ausgangsstück (Edukt) zum fertigen Werkzeug
(Produkt).
-->
Rohmaterial: Eine Bestimmung der bei der Steingeräteherstellung
verwendeten Rohmaterialien bildet die Grundlage für die Rekonstruktion der
Herkunftsgebiete. Im Spätpaläolithikum lassen sich die Wege, des für die Geräte
verwendeten Feuersteins, vom Ort ihres Auffindens (approvisionnement) bis zu
den Orten ihrer Verwendung (consommation) nachvollziehen. Die
Rohmaterialzusammensetzung der unterschiedlichen Kulturhorizonte erlaubt
weiterhin Schlüsse über das Verhältnis zwischen Mas d’Azil und anderen
Fundplätzen, die miteinander in einem chronologischen Horizont stehen. Darüber
hinaus läßt sich das Fundensemble von Mas d’Azil in das umfassende Modell
eines Siedlungsmusters der Pyrenäenregion integrieren sowie über weite Strecken
Kommunikations- und Austauschwege des sozialen und ökonomischen Netzwerkes
nachzeichnen.
Nach der Vorlage dieser Quellen
gilt es das Umfeld des Fundplatzes zu betrachten, um zu einer Vorstellung des
klein- wie auch großräumigen Kontext zu gelangen. Gesucht werden soll nach
einer Einbindung in das allgemeine Subsistenzbild (Lebensweise), wie es für
einige Fundstellen des Pyrenäenraums bereits herausgearbeitet wurde (Troubat,
Églises, Abri Rhodes II; Barbaza 1999, Lacombe 1998, Simmonet 1996). Dabei
zielt die Frage in erster Linie auf die Unterschiede in der Nutzung der
Landschaft und hier wieder und im besonderen auf den Unterschieden in der
Subsitenz der Menschen des Magdalénien und des Azilien.
An diese Untersuchungen
des lokalen Umfeldes schließt sich die Einordnung in das Gesamtbild des
"Phänomens" Azilien an. Dies gilt nicht nur für eine Entstehung
hinsichtlich eines Einflusses aus Südeuropa, sondern auch in Bezug zu lokalen
Entwicklungen in typo-technologischer sowie chronologischer Hinsicht.
Grundlegend ist die Untersuchung der räumlich unterschiedlichen, aber
zeitgleichen Konzepte “Federmessergruppen” und
“Azilien”. Inwieweit unterscheiden sich die beiden Konzepte und in
welcher Hinsicht ist eine Trennung eines europaweit fassbaren Kulturhorizontes
in verschiedene Einheiten überhaupt sinnvoll? Lassen sich Unterschiede in der
Lebensweise heraus arbeiten, oder handelt es sich evtl. um chronologisch
unterschiedliche Horizonte?
Ein weiterer Schwerpunkt
liegt in der Erarbeitung eines absolut chronologischen Rahmens für den
Pyrenäenraum. Für diese Region liegen zahlreiche konventionelle 14C Daten
(Radiokarbondaten) vor. Allerdings werden diese in Bezug zu ihrer
geographischen und klimatischen Aussagefähigkeit in Frankreich nur begrenzt
interpretiert. Aber gerade in den letzten Jahren fand in Deutschland,
insbesondere an der Kölner Universität, eine kritische Auseinandersetzung mit
den Radiokarbondaten (Jöris, Weninger 2000) und ihrer statistischen Richtigstellung
(Kalibration) statt (Danzeglocke, Jöris, Weninger 2001). Der Bezug zu den
klimatischen Daten, die in den letzten Jahren durch internationale Projekte
gewonnen wurden (Lotter et al. 1992), weisen neue Interpretationsmöglichkeiten
auf. Die bei der Magisterarbeit (Kegler 1999), in der Zusammenarbeit mit Dr.
Weninger , gewonnenen Erfahrungen werden hier genutzt und vertieft. Darüber
hinaus soll versucht werden, auch die Verbreitung des Aziliens im
geographischen Kontext sowie ihre räumliche Perspektive darzustellen (vgl.
Müller 2000).
Vorgehensweise und Methoden:
Die Arbeiten werden mit
"historischen" Recherchen begonnen, insbesondere was überhaupt am
Fundplatz seit der Entdeckung geschehen ist. Wie und wo im Detail wurden die
Ausgrabungen in der Höhle durch Piette, Breuil und Péquart durchgeführt? Eine
zwingende Voraussetzung für die Rekonstruktion der stratigraphischen Einheiten.
Aus diese Vorarbeiten resultiert die Rekonstruktion der ehemaligen
Befundeinheiten und eine Trennung der Schichtkomplexe bzw. der Fundstellen:
linkes und rechtes Ufer.
In einem zweiten
Arbeitsschritt erfolgt die typologische und technologische Aufnahme der
Steingeräte. Dabei werden für diese Untersuchungen folgende Methoden angewandt:
--> Bei der typologischen Bestimmung
kommt ein quantitatives Analyseverfahren zum Einsatz, das bestimmte Merkmale
beschreibt und die Vergleichbarkeit der Inventare gewährleistet.
-->
Die technologische Analyse verbindet die Untersuchungsmethoden der
"chaîne operatoire" und der Werkstückanalyse. Also ein qualitatives
Verfahren wird mit einem quantitativen Verfahren verbunden.
-->
Eine Bestimmung der Rohmaterialien erfolgt in Zusammenarbeit mit Robert
Simmonet (vgl. 1998, 1999) ( Laboratoire de
Préhistoire Toulouse, UMR 5608 ), der seit über 40 Jahren auf diesem
Forschungsgebiet tätig ist. Ziel ist die Ermittlung der Ursprungsgebiete des
Silex und damit eine Rekonstruktion des Siedlungsmusters (Schweifgebiete des
Menschen).
Der
Aufnahme der Steingeräte folgt ein typologischer, technologischer und
chronologischer Vergleich, der auf einer intensiven Literaturrecherche beruht.
Dieser wird zum einen auf regionaler Ebene, zum andern auf überregionaler
Ebene, insbesondere auch im Bezug zum benachbartem Ausland (Spanien, Italien,
Deutschland) durchgeführt. Darüber hinaus wird geklärt, ob das Inventar eine
hohe Diversität aufweist, also eine interne Vermischung aufweist und ob das
Inventar eine hohes Aussagepotential besitzt.
Parallel zu diesen
Arbeiten wird ein umfassender Katalog der bisher gewonnen Radiokarbondaten
erstellt. Er dient als Datenbasis für eine kritische Neuinterpretation des
chronologischen Rahmens des Spätglazials für Südwesteuropa. Die gesammelten
Daten werden dem Kalibrationsverfahren
zugeführt. Unter Zuhilfenahme von Geographischen Informationssystemen (GIS),
erfolgt eine räumliche Darstellung des Phänomens Azilien für das europäische
Spätglazial. Die Kartierung von archäologischen Leit- oder Markerhorizonten, im
direkten Bezug zu den physikalischen Datierungen, läßt recht einfach große
Zusammenhänge erkennen und ermöglicht so eine eventuelle Rekonstruktion
prähistorischer Prozesse.
Die Dissertation wird im
Rahmen der Graduiertenförderung des Landes Nordrheinwestfalen unterstützt.
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