Computersimulation nonverbalen Interaktionsverhaltens
37. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Psychologie 1990 in Kiel
Bente, Gary (Duisburg)
nnerhalb des letzten Jahrzehnts hat sich die Computeranimation zu einem mächtigen Werkzeug für die Modellierung und Simulation komplexer Prozesse in vielen Bereichen der Wissenschaft, der Technik und der Kunst entwickelt. Von der Möglichkeit, mit Hilfe der Computergrafik numerische Datenprotokolle in eine sichtbare Realität sich bewegender, verändernder und interagierender Objekte zurückzuübersetzen, geht nicht nur eine beachtliche Faszination aus, sondern es eröffnen sich auch, wie Hut & Sussman (1987) argumentieren, neue Perspektiven für die Entwicklung leistungsfähiger Forschungsansätze: "Computational Experiments are enriching scientific investigation. They are now becoming as important as theory, observation, and laboratory experiments" (S. 145). Innerhalb der Verhaltenswissenschaften ist die Nützlichkeit grafischer Simulationen naturgemäß besonders dort gegeben, wo die visuell wahrnehmbaren Aspekte des menschlichen Verhaltens im Zentrum des Interesses stehen, in einem Gebiet also, das traditionell als "Nonverbale Interaktionsforschung" bezeichnet wird. Die Vorzüge der Simulation menschlicher Verhaltensabläufe liegen auf der Hand: Computersimulationen erlauben zum einen die präzise Definition der unabhängigen Untersuchungsvariablen und sie eröffnen zum anderen Freiheitsgrade in der experimentellen Kontrolle und Bedingungsvariation, wie sie mit Hilfe konventioneller Methoden kaum zu erreichen sind.
Bisher allerdings konnte die nonverbale Kommunikationsforschung von den methodischen Vorzügen computergrafischer Simulationen kaum profitieren. Die Ursache hierfür liegt weniger in Unzulänglichkeiten der Standard-Hardware oder der verfügbaren Animationsalgorithmen, sondern vielmehr in einem immanenten methodischen Problem, das die nonverbale Kommunikationsforschung lange Zeit belastet hat: das Problem der Verhaltensnotation. Denn eine unabdingbare Voraussetzung für die Simulation von Bewegungsabläufen ist die Verfügbarkeit einer leistungsfähigen Kodiersprache, die eine hochauflösende Dokumentation und gleichzeitig die interaktive Manipulation der interessierenden Verhaltensaspekte ermöglicht. Diese Voraussetzungen konnten in den letzten Jahren mit der Entwicklung zeitreihenbasierter Transkriptionsysteme geschaffen werden. Zeitreihen-Notationsverfahren basieren auf einer bivariaten Kodierungslogik, derzufolge das komplexe Bewegungsgeschehen als eine Folge von Positionszuständen unterschiedlicher, zur unabhängigen Verhaltensvariation fähiger Subsysteme beschrieben wird. Aus dieser Verfahrensvorschrift resultieren Datenprotokolle, die unmittelbar für die Zwecke der Computeranimation umgesetzt werden können.
Der vorliegende Beitrag stellt einen auf dem "Berner System zur Zeitreihen-Notation nonverbaler Interaktion" (Frey, Hirsbrunner, Pool & Daw, 1981) basierenden Ansatz zur experimentellen Computersimulation menschlichen Bewegungsverhaltens vor und demonstriert die Verfahrenslogik anhand eigener Softwareentwicklungen unter dem Betriebssystem MS-DOS. Die präsentierten Computerprogramme umfassen Möglichkeiten der On-Line Animation zum Zwecke des visuellen Feedbacks während nonverbaIer Verhaltenskodierungen sowie Editierprogramme und Animationsroutinen zur experimentellen Simulation nonverbaler Verhaltensabläufe.
