Universität zu Köln
Department Psychologie
Sozialpsychologie II Kommunikations- und Medienpsychologie
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Sozialpsychologie II - Kommunikations- und Medienpsychologie - Prof. Dr. Gary Bente

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Vielsehen - Ein neuer Weg in die Isolation?

Auswirkungen des Fernsehkonsums auf Interaktionsverhalten und Aggressionsbereitschaft von Kindern und Jugendlichen.

(39. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Psychologie 1994 in Hamburg)

Backes, M. & Bente, G.

Traditionelle medienpsychologische Ansätze zur Fernsehgewalt weisen trotz unterschiedlicher theoretischer Ableitungen gewisse Gemeinsamkeiten auf: (1) Sie sehen einen relativ engen Zusammenhang zwischen dem konkreten Reizangebot des Fernsehens und der Gewaltbereitschaft des Rezipienten. "Vielsehen" wird dabei, hinter dem Aspekt einer erhöhten Wahrscheinlichkeit der Konfrontation mit aggressionsfördernden Stimuli (etwa Gewaltszenen) betrachtet. (2) Die fernsehvermittelte Aggression wird als "Verhaltensexzeß" aufgefaßt. Die Möglichkeit, daß dieses Verhalten auftritt, weil adäquatere Formen der Kommunikation - fernsehbedingt - nicht zur Verfügung stehen (Verhaltensdefizit) wird dabei kaum in Betracht gezogen (Kunczik, 1982). Die vorliegende Untersuchung geht von einer Defizit-Hypothese aus, der zufolge der Erwerb subtilerer nonverbaler Mechanismen der zwischenmenschlichen Kommunikation unter extensivem Fernsehkonsurn leidet: "Vielsehen verhindert das Erlernen sozialer Kompentenzen durch das Vorherrschen monologischer Kommunikationssituationen und begünstigt die Entstehung von Kontrollillusionen durch fast uneingeschränkte "Fern"-steuerbarkeit der affektiven Stimulation bei gleichzeitiger motorischer Passivität". Um diese These empirisch zu erhärten, wurde eine kombinierte Befragungs- und Interaktionsstudie an 13- bis 14- jährigen Hauptschülern und Gymnasiasten zweier unmittelbar benachbarter Schulen durchgeführt. Die 1. Phase der Datenerhebung umfaßte einen umfangreichen Fragebogen zum quantitativen und qualitativen Fernseh- und Videokonsum, eine Lehrerbeurteilung des Schülerverhaltens sowie einen Situationstest zur Aggressionsbereitschaft (EAS; Petermann & Petermann, 1992). Die Datenanalyse ergab signifikante Zusammenhänge zwischen täglicher Konsumdauer und Aggressivität, wobei kritische Testwerte bereits ab einer Sehdauer von 2 Stunden/Tag auftreten und darüber hinaus unverändert hoch bleiben. Zudem wurden Wechselwirkungen zwischen Schultyp, Konsumverhalten und Aggressivität festgestellt, die auf mögliche Kompensationsfaktoren hinweisen. Auf der Grundlage der Fragebogenergebnisse wurden aus den Extremgruppen beider Schulen (Vielseher vs. Wenigseher) je 11 Dyaden gebildet und deren Interaktionsverhalten in einer freien Geprächssituation aufgezeichnet. Die Videoaufzeichnungen wurden mit Hilfe von Zeitreihennotationsverfahren transkribiert und die Verhaltensprotokolle einer Mikroanalyse zugeführt. Die vorläufigen Ergebnisse verweisen auf subtile Unterschiede im nonverbalen Kommunikationsverhalten von Viel- und Wenigsehern, die als erste Bestätigung der Defizithypothese gewertet werden können.

ausführlicher Bericht

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