Vielsehen - Ein neuer Weg in die Isolation?
Auswirkungen des Fernsehkonsums auf Interaktionsverhalten und Aggressionsbereitschaft von Kindern und Jugendlichen.
(39. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Psychologie 1994 in Hamburg)
Backes, M. & Bente, G.
Problemstellung
"Ohne Fernsehen wäre das Leben langweilig". Aussagen wie diese werden heutzutage immer häufiger geäußert, insbesondere von der heranwachsenden Generation. Die Medien sind für eine Vielzahl junger Menschen im Laufe der letzten Jahrzehnte zu einem bedeutenden Bestandteil ihres Lebens geworden, nicht selten sogar wichtiger als Familie, Schule und Freundschaften.
Mittlerweile belegen zahlreiche Studien, daß den visuellen Medien bei der Herausbildung und Stabilisierung von Verhaltensmustern und Bewußtseinsstrukturen der Menschen eine entscheidende Rolle zukommt (Horn, 1983). Besonderes Schwergewicht lag seit jeher auf der Erforschung des Zusammenhangs zwischen den konkreten Reizangeboten des Fernsehens und der Gewaltbereitschaft des Rezipienten. Im Zusammenhang mit dem expansiven Zuwachs der Quantität des Medienkonsums, also der Tatsache, daß heute viele Menschen einen Großteil ihrer Freizeit vor dem Fernseher verbringen, wird es unumgänglich, sich neben den Effekten der Fernsehinhalte auch mit den Auswirkungen der Konsumhäufigkeit zu beschäftigen. Das sogenannte ”Vielsehen” wird nach traditionellen medienpsychologischen Ansätzen bislang unter dem Aspekt einer erhöhten Wahrscheinlichkeit der Konfrontation mit aggressionsfördernden Stimuli (etwa Gewaltszenen) betrachtet. Vergleichsweise vernachlässigt wird jedoch die Möglichkeit, daß der Faktor "Vielsehen" einen eigenen psychologischen Wirkfaktor darstellt: "Vielsehen" beinhaltet nicht nur eine höhere Trefferwahrscheinlichkeit hinsichtlich des Konsums von Sendungen mit gewalttätigem und aggressiven Inhalt, sondern ist bei den entsprechenden Konsumenten auf einen qualitativen Unterschied in der Zuwendung zu bestimmten Genres zurückzuführen. Zusätzlich ist die Betrachtungsweise von Bedeutung, daß Verhaltensdefizite nicht allein durch den Konsum von gewalthaltigen Genres hervorgerufen werden, sondern auch auftreten können, da - bedingt durch einen exzessiven Fernsehkonsum - adäquate Formen der Kommunikation nicht entwickelt werden können.
Um das Phänomen des Vielsehens differenziert erfassen zu können, geht die vorliegende Untersuchung von einer Defizit-Hypothese aus: Zum einen sind Vielseher aufgrund des hohen Prozentsatzes an Gewaltdarstellungen in den Programmen in wesentlich stärkerem Maße Fernsehsendungen mit gewalttätigen Inhalten ausgesetzt als Wenigseher (Groebel & Gleich, 1993). Dadurch besteht insbesondere bei Vielsehern die Gefahr, daß sie das von den Modellen übernommene, gewalttätige Verhalten in realen Beziehungen anwenden. Da sie darüber hinaus aufgrund des Mangels an realen zwischenmenschlichen Beziehungen kaum Gelegenheit haben, sozial kompetente Verhaltensweisen zu erlernen, stehen ihnen diese nicht als Verhaltensalternative zur Verfügung. Bedingt durch diesen Erfahrungsmangel wächst bei Vielsehern die Gefahr, in realen zwischenmenschlichen Begegnungen auf die aus dem Fernsehen beobachteten aggressiven Verhaltensweisen zurückzugreifen. Aufgrund der Einseitigkeit des Kommunikationsprozesses während des Fernsehens ist weiterhin anzunehmen, daß sich das Vielsehen auch auf subtilere Formen der zwischenmenschlichen Kommunikation negativ auswirkt, da das Einüben subtiler nonverbaler Mechanismen der zwischenmenschlichen Kommunikation unter dem extensiven Fernsehkonsum leidet. Zusammenfassend kann folglich festgehalten werden: Vielsehen verhindert das Erlernen sozialer Kompetenzen durch das Vorherrschen monologischer Kommunikationssituationen und begünstigt die Entstehung von Kontrollillusionen durch fast uneingeschränkte ”Fern”steuerbarkeit der affektiven Stimulation bei gleichzeitiger motorischer Passivität.
Ausgehend von dieser Defizit-Hypothese gewinnt die Studie spezifische Erkenntnisse über Ursachen und Wirkungen des Vielsehens bei Kindern. Im Zentrum des Interesses liegt der Vergleich des sozialen Interaktionsverhaltens von Viel- und Wenigsehern.
Methode
Um diese These empirisch zu prüfen, wurde eine kombinierte Befragungs- und Interaktionsstudie an 13- bis 14-jährigen Hauptschülern und Gymnasiasten zweier unmittelbar benachbarter Schulen durchgeführt. Die Stichprobe umfaßte insgesamt 88 Schüler der Stufe 7. Die 35 Mädchen und 53 Jungen waren im Durchschnitt 13,3 Jahre alt.
Um die Stichprobe zunächst hinsichtlich der Viel- und Wenigseher differenzieren und Informationen über spezifische Konsumgewohnheiten der Vielseher erheben zu können, wurde eigens ein Fragebogen zur Erfassung des Medienkonsums von Kindern und Jugendlichen entwickelt. Dieser Medienfragebogen gibt Aufschluß über die Verbreitung der visuellen Medien, das Ausmaß der Mediennutzung und die Konsumgewohnheiten der Rezipienten. Auf der Grundlage der mit Hilfe dieses Fragebogens ermittelten Informationen kann eine Differenzierung von Viel- und Wenigsehern erfolgen.
Um das Sozialverhalten von Viel- und Wenigsehern differenziert erfassen zu können, kam der ´Erfassungsbogen für aggressives Verhalten in konkreten Situationen´ (EAS) zur Anwendung. Mit Hilfe dieses situationsspezifischen Diagnoseinstrumentes kann ein Gesamtwert für Aggressivität ermittelt werden; zusätzlich können die Schüler hinsichtlich spezifischer Aggressionsformen und sozial kompetenten Verhaltens differenziert werden.
Um mögliche Auswirkungen des Vielsehens auf subtilere Formen der zwischenmenschlichen Kommunikation zu untersuchen, wurden auf der Grundlage der Fragebogenergebnisse aus den Extremgruppen beider Schulen (Vielseher vs. Wenigseher) je 11 Dyaden gebildet und deren Interaktionsverhalten in einer freien Gesprächssituation aufgezeichnet (Siehe Abbildung 1). Die methodische Grundlage für die Analyse nonverbalen Interaktionsverhaltens bildet das Berner System, ein modernes Analyseverfahren zur differenzierten Erfassung menschlichen Bewegungsverhaltens. Die Anwendung dieses Zeitreihennotationsverfahrens bietet eine Vielzahl von Auswertungskriterien an. So können sowohl das isolierte Bewegungsverhalten als auch die dyadischen Zusammenhänge zweier Interaktionspartner erfaßt werden. Der Kombination unterschiedlichster Verhaltensparameter sind hier keine Grenzen gesetzt.

Ergebnisse
1. Konsumverhalten
Die Ergebnisse der Studie ermöglichen die Betrachtung der Quantität des Fernsehkonsums in Abhängigkeit von einer Reihe intervenierender Variablen. Als entscheidende Faktoren kristallisierten sich das Bildungsniveau der Rezipienten, die Einstellung der Eltern zum Fernseh- und Videokonsum ihrer Kinder und nicht zuletzt auch die aufgrund der geschlechtsrollentypischen Sozialisation entstandenen Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen hinsichtlich der Konsumhäufigkeit heraus. Als der typische Vielseher entpuppte sich der männliche Hauptschüler; Mädchen und Gymnasiasten konsumieren vergleichsweise weniger Fernseh- und Videosendungen. Abbildung 2 veranschaulicht den Anteil der Hauptschüler und Gymnasiasten an der Gruppe der Viel- und Wenigseher.


Auch sind Vielseher im Vergleich zu Wenigsehern signifikant häufiger im Besitz eigener Fernseh- und Videogeräte, wie aus Abbildung 4 ersichtlich wird.

Vielseher verbringen einen Großteil ihrer Freizeit mit dem Konsum von Filmen (an Schultagen durchschnittlich 6,5 Stunden, an freien Tagen 9 Stunden).

Zusätzlich zeichnen sich Vielseher auch durch spezifische Präferenzen für gewalttätige, actionreiche, spannende und in ihren Darstellungen oft unrealistische Filme aus. Zu ihren Lieblingsfilmen gehören Horrorfilme, Science-Fiction- und Gruselfilme. Wenigseher bevorzugen dahingegen eher Komödien, Tierfilme und Spielfilme. Die Verteilung der Beliebtheit der einzelnen Genres in der Gruppe der Viel- und Wenigseher sind aus Abbildung 6 zu ersehen.

Es zeigt sich, daß sich Viel- und Wenigseher hinsichtlich der Bevorzugung von bestimmten Genres kaum unterscheiden. Dies betrifft Krimis, Komödien, Musikfilme, Dokumentarfilme, Lehrfilme und Tierfilme. Unterschiede werden jedoch ersichtlich, betrachtet man die Beliebtheit von gewalttätigen und in ihren Darstellungen oft unrealistischen Genres wie Grusel-, Horror-, Kriegs-, Sex- und Science-Fiction-Filme. Dieses Ergebnis spricht für den qualitativen Unterschied zwischen Viel- und Wenigsehern hinsichtlich der Zuwendung zu bestimmten Genres und widerlegt die Sichtweise, Vielseher würden Gewaltfilme lediglich dadurch häufiger sehen, da sie insgesamt öfter Fernsehsendungen konsumieren. Speziell im Bereich der Horrorfilme ergeben sich ebenfalls massive Unterschiede zwischen Viel- und Wenigsehern (siehe Abbildung 7).

2. Aggressionsneigungen
Die Datenanalyse des Medienfragebogens und des Erfassungsbogens für aggressives Verhalten in konkreten Situationen (EAS) ergibt folgendes Ergebnis: Das Vielsehen erweist sich gemäß den Resultaten der vorliegenden Arbeit als eine mit Aggressivitätswerten korrelierende Größe: Vielseher zeichnen sich in ihrem Sozialverhalten durch ein wesentlich höheres Maß an Aggressivität aus als Wenigseher. Veranschaulicht wird dieses Ergebnis in Abbildung 8.

Auch das mit Hilfe des EAS ermittelte Ausmaß sozial erwünschter Verhaltensweisen steht in signifikantem Zusammenhang mit dem Umfang des Fernsehkonsums: Wenigseher zeigen wesentlich häufiger sozial erwünschte Verhaltensweisen als Vielseher (Siehe Abbildung 9).

Betrachtet man den Zusammenhang zwischen täglichem Fernsehkonsum und der Ausprägung der Aggressivität und dem sozial erwünschten Verhalten, fällt ein qualitativer Sprung ab einem täglichen Fernsehkonsum von 2 Stunden auf. Ab einem täglichen Fernsehkonsum von 2 Stunden steigen die Aggressivitätswerte stark an, und auch bei quantitativen Zuwachs des Fernsehkonsums ist kein weiterer Aggressivitätszuwachs zu verzeichnen. Umgekehrt zeigt sich ein starker Abfall sozial erwünschten Verhaltens ab einem täglichen Fernsehkonsum von 2 Stunden. Diese Ergebnisse stützen die These, daß der quantitative Zuwachs des täglichen Fernsehkonsums nicht einen linearen Anstieg der Aggressivität mit sich bringt, sondern daß Vielsehen als eigener psychologischer Wirkfaktor betrachtet werden kann, der qualitative Besonderheiten beinhaltet.
3. Nonverbales Interaktionsverhalten
Die Quantität des Fernsehkonsums wirkt sich jedoch nicht nur auf grobe Verhaltenskategorien, wie aggressives und sozial kompetentes Verhalten aus, sondern auch auf subtilere Formen des zwischenmenschlichen Kommunikationsverhaltens. Bedingt durch die Einwegkommunikation mit dem Fernsehgerät, die insbesondere bei Vielsehern an die Stelle wechselseitiger Kommunikation mit einem realen Interaktionspartner tritt, reduziert sich der Kommunikationsprozeß auf ein einseitiges Reagieren des Rezipienten. Subtile Formen der wechselseitigen Abstimmung zweier Interaktionspartner können aufgrund des mangelnden Feedbacks sowie fehlender notwendiger Rückkoppelungsprozesse vom Interaktionspartner nicht gelernt werden. Die Mikroanalyse nonverbalen Kommunikationsverhaltens von Viel- und Wenigsehern bestätigt dies. Die mit Hilfe des Berner Systems gewonnenen Ergebnisse deuten auf ein Defizit in der Gestaltung zwischenmenschlicher Interaktion bei Vielsehern hin. Dieses Defizit bezieht sich insbesondere auf den Prozeß des "Turn-takings", das wechselseitige Abstimmen der Hörer- und Sprecherrolle innerhalb des Kommunikationsgeschehens. Vielsehende Kinder sind sowohl im Aussenden als auch im Empfangen von den für den Interaktionsprozeß notwendigen Signalen unsensibler als Wenigseher. Diese mangelnde Sensibilität bezieht sich insbesondere auf Signale, die der Abwechslung von Hörer- und Sprecherrolle innerhalb der Kommunikation dienen. Ein falsches Plazieren bzw. ein zu spätes Reagieren auf die Signale bewirkt eine Störung im zwischenmenschlichen Kommunikationsprozeß.
So benötigen Vielseher z.B. mit durchchschnittlich 0,65 sek mehr als doppelt so lange bis sie ihr Gegenüber anblicken als Wenigseher, die nur 0,30 sek verstreichen lassen, bis sie nach Sprechende den Blick ihrem Gegenüber zuwenden (Siehe Abbildung 10).

Das Moment der Verzögerung bei den Vielsehern zeigt sich auch bei der Auswertung eines weiteren Parameters, der die Zeitspanne erfaßt, die der Proband benötigt, um seinen Blick abzuwenden, nachdem er aufgehört hat zu sprechen. Die Vielseher schauen nach Beendigung der Sprechphase ihr Gegenüber auffallend länger an (durchschnittlich 0,99 sek) als die Wenigseher. Diese wenden nach 0,59 sek ihren Blick vom Interaktionspartner ab und signalisieren ihm somit, daß sie von der Sprecherrolle in die Hörerrolle wechseln, ohne mittels einer Verzögerung den Interaktionsfluß zu gefährden (Siehe Abbildung 11).

Fazit
Die Ergebnisse der Studie bestätigen die Sichtweise, 'Vielsehen' nicht nur als einen quantitativen Zuwachs der Konsumhäufigkeit, sondern als einen eigenen psychologischen Faktor mit qualitativen Besonderheiten zu betrachten. Viel- und Wenigseher bilden eigene Peer-Gruppen, die sich durch spezifische Charakteristika und Werthaltungen auszeichnen. Vielseher gehören meist zur Gruppe der männlichen Hauptschüler. Sie sind im Vergleich zu Wenigsehern häufiger im Besitz eigener Fernseh- und Videogeräte und verbringen einen Großteil ihrer Freizeit mit dem Konsum von Fernseh- und Videofilmen. Zu ihren Lieblingsgenres zählen Vielseher aggressive, gewalttätige und actionreiche Filme. Insgesamt ist eine starke Ausrichtung der gesamten Lebensführung auf Medieninhalte zu beobachten. Ihr Sozialverhalten zeichnet sich durch Aggressivität und einen Mangel an sozial kompetentem Verhalten aus. Sie sind ungeübter in der zwischenmenschlichen Kommunikation und reagieren im 'Fein-tuning' der Kommunikation unsensibler.
Die Kinder aus der Gruppe der Wenigseher zeichnen sich demgegenüber durch sozial kompetentere Verhaltensweisen aus. Hinsichtlich des Medienkonsums bevorzugen sie vorwiegend neutrale oder lehrreiche Filme, besitzen weniger eigene visuelle Medien. Die Medien als Ersatz für echte zwischenmenschliche Beziehungen spielen für sie eher eine untergeordnete Rolle.
