Zur visuellen Kommunikationskultur von Fernsehnachrichten
39. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Psychologie 1994 in Hamburg
Bischoff-Krauthäuser, K. & Bente, G.
1. Theoretische Grundlagen
Ergebnisse der Medienwirkungsforschung zeigen, daß die Wirkung des Fernsehens auch bei erklärter Informationsabsicht eher emotionaler als kognitiver Art ist. Bei der Vermittlung emotionaler Fernsehwirkungen spielen die formalen Angebotsweisen, zum Beispiel das Darbietungstempo-bestimmt durch die Schnittfolge- und die Kameraperspektive eine wichtige Rolle. STURM (1991) [2] zeigte, daß alleine die Laufbilddarbietung zur physiologischen Erregung führt. Aus der Beobachtung, daß Fernsehprogramme in den letzten Jahrzehnten immer rasanter präsentiert werden und den Ergebnissen von STURM schlußfolgert GROEBEL, daß Fernsehen eine bedeutsame Funktion für die Adaption an immer heftigere physiologische Erregungszustände einnimmt und wirft die Frage auf, ob man in diesem Zusammenhang nicht auch von Mediensozialisation als von einem Anpassungsprozess an immer höhere Erregungsniveaus sprechen kann [2, S.190].
BENTE et. al. untersuchten über einen Zeitraum von einem Monat die Hauptnachrichtensendungen in Deutschland, Frankreich und den USA. Schwerpunkt der Untersuchung lag in der Erfassung der Bildpräsentation politischer Akteure. Der Studie folgend, dominiert in den USA die "Nahaufnahme", in Frankreich die " halbnahe Darstellung", in Deutschland werden Politiker mit der größten Distanz dargestellt. Weiterhin weisen die USA, gefolgt von Frankreich, die geringsten Einstellungslängen auf. Insgesamt weisen die Sendungen zwar Gemeinsamkeiten auf, gleichzeitig existieren aber auch länderspezifische Darstellungsweisen. Die Unterschiede zwischen den Ländern waren dabei sehr viel größer als die Differenzen zwischen verschiedenen Sendern innerhalb eines Landes und die Gemeinsamkeiten innerhalb Europas größer, als zwischen Europa und den USA. BENTE et al. folgerten aus ihren Ergebnissen, daß formale Angebotsweisen in besonderer Weise auf die Rezeptions- und Verarbeitungsgewohnheiten des jeweiligen Publikums zugeschnitten sind, indem sie sich sozusagen am kleinsten gemeinsamen Nenner einer virtuellen kulturellen Darbietungsnorm orientieren [1].
1.1 Fragestellung
Die diversifizierende Medienlandschaft wirft die Frage auf, inwieweit auch in den Nachrichten der heimischen Sender unterschiedliche Kommunikationskulturen gepflegt werden und welche Wirkungen von diesen Angeboten auf das Publikum ausgehen. Die Untersuchung ist in zwei Abschnitte gegliedert:
I. Strukturanalyse:
- Unterscheiden sich die Sender im Tempo der Darbietung?
- Unterscheiden sich die Sender in der Darstellung der Moderatoren?
II. Wirkungsanalyse:
- Führen unterschiedliche formale Angebotsweisen zu differenzierenden Wirkungen auf die Rezipienten?

Tabelle 1: Das Tempo der Sendungen
Die ARD weist die geringste Anzahl von Schnitten auf. Bei der durchschnittlichen Zeit der Einstellung im Verhältnis zur Dauer der Sendung und der zeitlichen Variation der Einstellung unterscheidet sich die ARD von allen anderen Sendern. Innerhalb der privaten Sender setzt sich VOX deutlich ab.
2. Die Strukturanalyse (Exzerpt)
Als Datenmaterial dienten die Hauptnachrichtensendungen der Sender ARD (Tagesschau), RTL (RTL- aktuell), SAT1 (SAT1 News), VOX (Weltvox) und ZDF (heute) im Zeitraum zwischen dem 19.4.1993 und dem 23.4.1993. Die Sender wurden einzeln und in der Klassifikation private- (RTL, SAT1, VOX) und öffentlich-rechtliche Sender (ARD, ZDF) untersucht. Zur Erstellung von Zeitprotokollen wurde in die Aufnahmen der Sendungen ein Laufzeitsignal (Timer) eingeblendet. Aus der Fernsehbildfrequenz von 50 Hz ergibt sich ein Zeitfehler von +/- 0.02 Sekunden. Die Kodierung erfolgte im Standbildmodus.
2.1 Das Tempo der Sendung
Jeder Wechsel der Einstellung wurde als Schnitt kodiert. Aus den Rohdaten wurden weitere Parameter extrahiert:

Tabelle 2: Das Tempo der Sendung - private und öffentliche Sender im Vergleich
Insgesamt sind die Privatsender durch ein höheres Tempo der Darbietung gekennzeichnet. Moderatoren im öffentlich-rechtlichen Fernsehen sind weiter rechts im Bild positioniert und weisen eine signifikant geringere Variabiliät der horizontalen Achse auf. Moderatoren der privaten Sender sind dem Zuschauer kameratechnisch betrachtet signifikant näher und weisen eine höhere Variabilität der "sozialen Distanz" auf.

Tabelle 3: Die Moderatorenposition - Einzelvergleiche
Die ARD und VOX zeigen die geringste Variabilität der X-Koordinate. Die ARD unterscheidet sich signifikant vom ZDF. Bezüglich der Kameradistanz nehmen die ARD und VOX entgegengesetzte Extrempositionen ein. Diese beiden Sender unterscheiden sich untereinander und von allen anderen Sendern. Das Mittelfeld bilden ZDF, SAT1 und RTL zwischen denen keine signifikanten Unterschiede bestehen.
2.2 Die Moderatorenposition
Zur Vermessung der Abbildungsgröße und Bildschirmposition der Moderatoren wurde ein Computerprogramm eingesetzt [1]: Ein graphisches Overlay in der Form einer Ellipse wird dem Videobild überlagert. Die Größe wird über die Tastatur mit der Plus- und Minustaste gesteuert. Der X-Wert (0 - 1140) bezieht sich auf die horizontale Position. Die Fläche der Ellipse (Z-Koordinate) ist ein Maß für die Distanz des Moderators.

Tabelle 4: Vergleich der Moderatorenposition - private und öffentliche Sender im Vergleich
3. Das experimentelle Design
Die vergleichende Wirkungsanalyse fand zwischen dem 10.7.1993 und dem 21.07.1993 an 75 Probanden statt. Als Homogenitätskriterium wurde der Schulabschluß gewählt; alle Probanden haben Abitur. Insgesamt wurden 5 Gruppen a 15 Personen gebildet. Jeder Proband sah eine Sendung. Zur Vermeidung von Positionierungseffekten, wurden die Sendungen immer in der Reihenfolge ARD, ZDF, VOX, RTL und SAT1 gezeigt. Als Reizmaterial wurden die Sendungen des 19.4.1993 gewählt. An diesem Tag zeigten alle Sender ihr spezifisches Profil, ohne in Extreme zu fallen.
Nach Darbietung der Sendung bearbeiteten die Probanden folgendes Instrumentarium:
Allgemeiner Erhebungsbogen (52 Items; erfasst demographische Merkmale, Fernsehkonsumgewohnheiten, Stellenwert von Moderatoren, Bedeutung von Fernsehnachrichten), Allgemeine Beurteilung der Sendung (Ratingskala mit 25 Adjektiven), Beurteilung der Verständlichkeit (Ratingskala mit 12 Adjektiven), Beurteilung der Nachrichtensendung (Ratingskala mit 4 Adjektiven), Beurteilung der Moderatoren (Ratingskala mit 28 Adjektiven), IPC nach KRAMPEN (1981), Gedächtnisprotokoll (freies, nicht standardisiertes Erinnerungsprotokoll)
Während der Sendung wurden EKG, EEG, Temperatur, Raumtemperatur und PGR abgeleitet.
3.1 Der experimentelle Aufbau

Abbildung 1: Der Untersuchungsaufbau
Die physiologischen Daten wurden mit dem "Kölner-Vitaport-System" (VPS) erhoben. Zur Erstellung einer detaillierten Verlaufsanalyse der physiologischen Parameter wurde von jedem Proband während der Untersuchung ein Videoprotokoll angefertigt, auf dem ein Zähler für die physiologischen Signale, das Reizmaterial, der Proband und der zeitliche Verlauf der Sendung festgehalten wurden:
Die Nachrichtensendung wird von Videorecorder1 (VCR1) abgespielt und dem Probanden auf Monitor 1 dargestellt. Gleichzeitig wird das Videosignal von VCR1 PC1 zugeführt. In PC1 befindet sich eine Einsteckkarte die zusammen mit der dazugehörigen Software ("Screenmachine") die Umsetzung des Videosignals (FBAS) in ein Computersignal (VGA) ermöglicht. Bei diesem Prozess wird das Bild gleichzeitig verkleinert.
Die physiologischen Signale des Kölner-Vitaport-Systems wurden auf PC2 gespeichert, auf dem auch eine Software zur Online-Darstellung der physiologischen Daten abläuft. Außerdem werden die physiologischen Signale PC1 zugeführt. Auf PC1 ist ein Hintergrundprogramm installiert, das die Anzahl der einlaufenden Bytes zählt und diese unterhalb des verkleinerten Signals von VCR1 einblendet. Das VGA-Signal von PC1, welches nun das Reizmaterial und den Zähler der physiologischen Daten enthält, wird nun in ein FBAS-Signal umgewandelt (Mediator) und einem Mischpult zugeführt. Das Mischpult bekommt ein weiteres FBAS-Signal von der Kamera mit der die Probanden gefilmt werden.
Im Mischpult werden die Signale so integriert, daß die linke Hälfte des Gesamtbildes das Reizmaterial und den Bytezähler enthält und in der rechten Hälfte das Bild des Probanden zu sehen ist. Bevor dieses Gesamtbild auf Videorecorder 2 (VCR2) aufgenommen wird, spielt man eine Uhr ein (Timer), um den zeitlichen Verlauf zu dokumentieren. Zur Kontrolle des Videorecorders ist hinter VCR2 ein Monitor angeschlossen (Hinterbandkontrolle). Das gesamte Bild stellt also rechts den Probanden dar (B), links oben das Stimulusmaterial (A), unter dem Stimulusmaterial die Anzahl der Bytes der physiologischen Daten und darunter die Zeit.
4. Die Wirkungsanalyse (Exzerpt)
4.1 Beurteilung der Sendung
Niedrige Werte entsprechen einer hohen Ausprägung der jeweiligen Variable. Der Wert 3 entspricht einer neutralen Beurteilung.
Tabelle 5: Beurteilung der Sendung
Die öffentlich-rechtlichen Sender werden positiver beurteilt, als die Privaten. Insgesamt zeigt die ARD die besten Bewertungen.
4.2 Erinnerungsleistung
Die Themen sind in der Reihenfolge ihres Auftretens während der Sendung aufgeführt. Jeweils unter den Themen ist die absolute- (a GI) und die prozentuale Gedächtnisleistung (%) des Probanden dargestellt. Themen in "Fettschrift" werden in allen fünf Sendungen behandelt (Essentials). Themen in kursiver Schrift überschneiden sich bei einigen Sendern. Themen in normaler Schrift werden werden nur bei den jeweiligen Sendern behandelt (Exklusivthemen).
Tabelle 6: Darstellung der Erinnerungsleistung
4.2.1 Die globale Gedächtnisleistung im Sendervergleich
Bei der globalen Gedächtnisleistung handelt es sich um die Summe aller behaltenen Themen pro Sender.
Tabelle 7: Globale Gedächtnisleistung
Prozentual betrachtet ergeben sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den Sendern: Unabhängig von der Dauer der Sendung und der Anzahl der behandelten Themen, die Erinnerungsleistung liegt immer bei ca. 50%.
4.3 Physiologische Reaktionen
Auf der X-Koordinate sind die Themen-, auf der Y-Koordinate die Herzrate im zeitlichen Verlauf der Sendung dargestellt.
S = Anmoderation zum Thema
F = Filmbeitrag


Abbildung 2: Verlauf der Herzrate bei ARD und RTL

Verlauf der Herzrate bei SAT und VOX
5. Zusammenfassung
- Die Trennung zwischen privaten und öffentlichen Sendern scheint nicht gerechtfertigt. Bezüglich der formalen Präsentationsweisen sind innerhalb der beiden Gruppen Differenzen, zwischen diesen beiden Gruppen Überschneidungen festzustellen.
- Der wahllose Einsatz amerikanischer Stilelemente wurde in der untersuchten Stichprobe negativ bewertet.
- Unabhängig davon, wie lange eine Sendung dauert und wieviele Themen behandelt wurden, die prozentuale Gedächtnisleistung unterscheidet sich nicht zwischen den verschiedenen Sendern. Es werden immer ca. 50% der Beiträge behalten.
- Welche Themen behalten werden, hängt von der Themendarbietungsstruktur ab. In der Regel werden die Essentials besser behalten, als die Spezialthemen. Unterschiedliche Plazierungen und Auswahl der Themen beeinflußen die Erinnerungsleistung.
- Die Anmoderation der Beiträge hat einen positiven Einfluß auf die Gedächtnisleistung.
- Ausgewogene Präsentationsformen lösten bei den untersuchten Probanden einen gleichmäßigen physiologischen Rhythmus aus. Den Ergebnissen zufolge wird dieser als angenehm empfunden. Die Untersuchung gibt Hinweise auf die Existenz unterschiedlicher medialer Kommunikationskulturen. Die Schlußfolgerungen von STURM und GROEBEL scheinen gerechtfertigt [2]: Fernsehkonsum - oder differenzierter die Präferenz bestimmter Sender - scheint mit der Adaption an immer rasanter werdende Darstellungsformen verknüpft zu sein. Dabei ist zu berücksichtigen, daß gesellschaftliche Veränderungen durch wechselseitige Beeinflussungen der sozialen Gefüge bedingt werden und nicht durch kausale Wirkungsmechanismen. So kann nicht geschlossen werden, daß der willkürliche Einsatz amerikanisierter Elemente zu induzierten kulturellen Veränderungen in einer Gesellschaft führt. Aber es ist vielleicht ein Fragment, welches gesellschaftliche Wandlungen mitbedingt.
6. Literatur
[1] Bente G. & Frey S.: "Visuelle Zitate" als Mittel der Fernsehberichterstattung in der Bundesrepublik, Frankreich und den USA;
in Schulz W. (Hrsg.): Medienwirkungen. Einflüsse von Presse, Radio und Fernsehen auf Individium und Gesellschaft
Forschungsbericht/DFG; VCH Verlagsgesellschaft; Weinheim 1992
[2] Sturm H.: Fernsehdiktate: Die Veränderung von Gedanken und Gefühlen. Ergebnisse und Folgerungen für eine rezipientenorientierte Mediendramaturgie;
Bertelsmann Stiftung; Gütersloh 1991
