Dimensionen des Erlebens und ihre kardiovaskulären Korrelate
41. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, Dresden, 1998
Gary Bente & Ansgar Feist
In einem experimentellen Setting wurden 240 Probanden 30 Beiträge aus Fernsehtalkshows gezeigt. Das Stimulusmaterial enthielt eine heterogene Themenauswahl (Tod, Verlust, Erotik, Gesundheit etc.). Während der Rezeption wurde kontinuierlich die Blutdruckkurve mit dem Portapres Model 2 erhoben. Im Anschluß an jeden Beitrag wurde, mittels eines durch Expertenrating konstruierten Fragebogens, das Erleben jedes Beitrages, sowie Gesamtbewertung des Beitrages (Einstellung) und Absicht, den Beitrag unter normalen Rezeptionsbedingungen weiter anzuschauen (Verhalten), erfaßt. Der Fragebogen beinhaltete als dimensionale Markiervariablen die Self-Assessment-Manikin von Lang (1980). Als Faktoren einer Hauptkomponentenanalyse (Varimaxrotation, Screetest) des Erlebens ergaben sich: 1. Valenz (Varianzanteil: 46,2%), 2. Informationsverarbeitung (Varianzanteil: 22,9%), 3. Erregung (Varianzanteil: 11,8%) und 4. Kognitive vs. Emotionale Beteiligung (Varianzanteil: 6,2%). Die Tauglichkeit der ersten drei Faktoren zur Vorhersage der Einstellung (R = .96) und des zweiten und dritten Faktors zur Vorhersage des Verhaltens (R = .94) konnte nachgewiesen werden. Aus emotionstheoretischer Perspektive überrascht insbesondere das Ladungsmuster von Ärger: Demnach ist Ärger zwar als unangenehmer und erregter Zustand zu beschreiben, am höchsten ist die Ladung jedoch auf dem Informationsverarbeitungsfaktor (.54), das bedeutet, daß Ärger mit einer Verminderung der Informationsverarbeitung verbunden ist. Die vorgefundenen Faktoren des Erlebens wurden mit den aus der Blutdruckkurve ableitbaren Kennwerten (systolischer und diastolischer Blutdruck, Herzminutenvolumen etc.) in Beziehung gesetzt, wobei unter anderem neu entwickelte physiologische Variabilitätsparameter, die parasympathische Aktivität erfassen, eingesetzt wurden. Die faktorenanalytische Betrachtung des Erlebens und der kardiovaskulären Parameter gestattet erstmals eine Aussage darüber, wie das autonome Nervensystem zwischen Emotionen und Informationsverarbeitungsprozessen unterscheidet.
