Universität zu Köln
Department Psychologie
Sozialpsychologie II Kommunikations- und Medienpsychologie
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Sozialpsychologie II - Kommunikations- und Medienpsychologie - Prof. Dr. Gary Bente

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Computer-Morphing: Ein Verfahren zur Untersuchung geschlechtsbezogener Personwahrnehmungs- und Urteilsprozesse

Feist, A. & Bente, G., Universität zu Köln
unter Mitarbeit von Ch. Frick, A. Hirsmüller und A. Tischlik

Einleitung

Im Rahmen der "Geschlechter-Schema-Theorie" wird das "psychologische Geschlecht" als Funktion kulturell vermittelter kognitiver Strukturen aufgefaßt, die sowohl zur Differenzierung der Objektwelt im Sinne von "männlich/weiblich" als auch zur Selbstkategorisierung herangezogen werden.

Geschlechtstypisierte Personen neigen demnach eher dazu, Informationen über sich selbst und andere im Sinne der Geschlechterdichotomie zu verarbeiten als untypisierte oder androgyne Personen. Möglicherweise betrifft diese Bereitschaft jedoch nicht nur die kritischere Verwendung der Urteilsdimensionen "feminin" und "maskulin", sondern äußert sich bereits in der spontanen Tendenz, eine Stimulusperson auf Grund des Erscheinungsbildes als Mann oder als Frau zu diagnostizieren. Diese Hypothese war bisher jedoch nur schwer empirisch zu prüfen: Da Personen eher selten sind, bei denen auf Grund des Aussehens eine Verwechslungsmöglichkeit des Geschlechtes gegeben ist, mangelte es an urteilskritischen Stimuli, um entsprechende Verhaltensvarianz zu evozieren. Mit Hilfe sog. Morphing-Verfahren ist es heute jedoch möglich, Porträts von Männern und Frauen quasi stufenlos ineinander zu überführen und realistische "Mischbilder" mit unterschiedlichen Merkmalsausprägungen der Originale zu erzeugen. Dieses Verfahren wurde in der vorliegenden Studie eingesetzt, um den Einfluß des psychologischen Geschlechts von Beurteilern auf die kategoriale Einschätzung und Bewertung urteilskritischer Stimuli zu untersuchen.

Voruntersuchung

Methode

In einem ersten Schritt wurden 188 Schwarzweiß-Fotographien von Universitätpersonal und Studenten angefertigt. Auf diesen Fotographien war stets nur der Kopf und der Schulteransatz zu sehen. Bei den Aufnahmen wurde darauf geachtet, daß die zu fotographierenden Personen keinen Bartwuchs hatten und nicht geschminkt waren. Aus diesen Aufnahmen wurden 21 Portraits von Männer und 21 Portraits von Frauen für das Computer-Morphing ausgewählt, somit konnten 21 Mann-Frau-Paare gebildet werden. Das Alter dieser Fotomodelle lag zwischen 20 und 25 Jahren, wobei altershomogene Paare gebildet wurden.

Bei der Erstellung der Zwischenbilder von Männer und Frauen zeigte es sich, daß wenn 50% des Bildes eines Mannes und 50% des Bildes einer Frau in ein Zwischenbild einflossen, öfter ein Mann als eine Frau gesehen wurde.

Aus diesem Grund wurde diese Voruntersuchung durchgeführt, in der Veränderungsabläufe des Morphingprozesses erstellt wurden. Diese Sequenzen wurden Studenten der Betriebswirtschaftslehre (N = 61) und der Psychologie (N = 69) in zwei Vorlesungen mittels eines Overheaddisplays vorgespielt. Die Studenten wurden dabei gebeten, die Nummer des Bildes aufzuschreiben, bei dem sich ihrer Meinung nach das Geschlecht der Person auf dem Portrait ändert.

Überraschenderweise zeigte sich, daß einige Probanden bereits bei vielen Ausgangsbildern nicht eindeutig sagen konnten, ob es sich um Mann oder Frau handelt. Möglicherweise ist dies auch auf die geringe Auflösung (640 x 480 bei 256 Farben) des Overheaddisplays zurückzuführen.

Ergebnisse

Ein interessanter Befund der Voruntersuchung ist, daß in der Regel mehr Bildanteile einer Frau (ca. 54%) in ein Zwischenbild eingemischt sein müssen, um auch eine Frau zu erkennen. Bei 14 von 21 Paaren war ein größerer Bildanteil des ursprünglichen Bildes der Frau nötig, um auch eine Frau zu erkennen (siehe Abbildung 1).

Hauptuntersuchung

Methode

Aus den 21 Sequenzen wurden 14 ausgewählt, bei denen die Ursprungsbilder sich relativ klar als Mann oder Frau kategorisieren liessen. Von diesen 14 Morphingsequenzenwurden jeweils sieben Bilder für die Hauptuntersuchung verwendet.

Dies waren die beiden Ursprungsbilder des Mannes und der Frau sowie fünf Zwischenbilder. Hierbei wurden solche Zwischenbilder ausgewählt, bei denen jeweils 10%, 30%, 50%, 70% und 90% der Probanden aus der Voruntersuchung einen Wechsel des Geschlechtes feststellen konnten. Diese 98 Bilder wurden auf insgesamt sieben Gruppen verteilt, so daß in jeder Gruppe vier Ursprungs- und 10 Zwischenbilder vorhanden waren. Zudem wurde in jeder Gruppe noch ein identisches Beispielbild gezeigt, bei dem in der Voruntersuchung von 50% der Probanden ein Wechsel des Geschlechtes festgestellt worden ist. Die Erhebung der Daten wurde in der Hauptuntersuchung im Einzelversuch durchgeführt. Hier wurde zu jedem Bild danach gefragt, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handele, wie alt die Person auf dem Bild sei, wie kindlich das Gesicht sei und wie ausgeprägt männliche und weibliche Züge des Gesichtes seien. Ferner wurde um eine Beurteilung der Person hinsichtlich Sympathie, Attraktivität und Interessantheit gebeten.

Zur Erfassung des psychologischen Geschlechtes wurde die deutsche Neukonstruktion des Bem Sex-Role-Inventory von Schneider-Düker und Kohler (1988) eingesetzt.

Mittels Medianhalbierung der Maskulinitäts- und Femininitätsskala wurde eine Typisierung der Probanden hinsichtlich des Psychologischen Geschlecht in Undifferenzierte, Feminine, Maskuline und Androgyne vorgenommen.

Ergebnisse

Angestrebt ist in der Hauptuntersuchung ein Stichprobenumfang von ca. 100 Probanden pro Gruppe. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt liegen erst die Daten von insgesamt 300 Probanden vor. Die einzelnen Gruppen sind für eine statistische Analyse noch zu klein. Allerdings wurde ein Bild in allen sieben Gruppen gezeigt, nämlich das Beispielbild. Für dieses Bild sollen hier die Ergebnisse mitgeteilt werden:

Zwischen dem wahrgenommenen Geschlecht der Person des Beispielbildes und dem psychologischen Geschlecht der Urteiler (N = 272) konnte kein Zusammenhang festgestellt werden.

Ebenso konnte kein Zusammenhang zwischen dem wahrgenommenen Geschlecht der Person des Beispielbildes und dem biologischen Geschlecht der Urteiler (N = 296) festgestellt werden.

Allerdings zeigten sich in Varianzanalysen mit den Faktoren psychologisches Geschlecht des Urteilers, biologisches Geschlecht des Urteilers und wahrgenommenes Geschlecht der Person des Beispielbildes Zusammenhänge mit den Urteilen hinsichtlich des Alters, der Sympathie, der Attraktivität und der Interessantheit des Gesichtes wie auch der Kindlichkeit des Gesichtes.

Bezüglich des eingeschätzten Alters ist festzustellen, daß wenn die Beispielperson als Frau eingeschätzt wurde, zugleich auch ihr Alter höher (23,9 Jahre) eingeschätzt wurde, als wenn ein Mann (21,2 Jahre) wahrgenommen wurde. Hier zeigen sich nun auch Wechselwirkungen zwischen dem psychologischen Geschlecht und dem biologischen Geschlecht, wie auch zwischen dem wahrgenommenen Geschlecht und dem psychologischen Geschlecht.

Hinsichtlich Sympathie und Attraktivität läßt sich feststellen, daß Frauen die Person auf dem Beispielbild als sympatischer und attraktiver einschätzen als Männer. Signifikante Wechselwirkungen traten nicht auf. Bei der Beurteilung der Interessantheit des Gesichtes war eine signifikante Wechselwirkung zwischen allen drei Faktoren zu verzeichnen.

In Bezug auf die Einschätzung der Kindlichkeit des Gesichtes zeigt sich ein deutlicher Einfluß des psychologischen Geschlechtes: Während undifferenzierte, feminine und androgyne Probanden das Gesicht als kindlich einschätzten, beurteilten maskuline Probanden das Gesicht als weder kindlich noch erwachsen.

Die vorliegenden Ergebnisse dürfen als nur vorläufig gelten. Weitere Datenerhebungen und Analysen sind notwendig, um den Einfluß des psychologischen und biologischen Geschlechtes auf die Personwahrnehmung beurteilen zu können.

Das Computer-Morphing an sich erscheint jedoch bereits jetzt als eine interessante und brauchbare Methode, psychologisch relevantes Stimulusmaterial zu erzeugen.

 

 

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