„Das philosophisch gesehen höchst spektakuläre und auch
deswegen wichtigste Zauber-Gerät, das die Technik in der jüngsten Zeit
in das Alltagsleben des modernen Menschen eingeführt hat, ist der
Computer“
(Joseph
Weizenbaum 1992, S. 142).
Wer sich einen
Überblick über die aktuellen Beiträge zur Philosophie des Computers
verschaffen möchte, stößt rasch auf ein merkwürdiges Phänomen: Die
meisten der heute publizierten Gedanken zum Computer, soweit sie im
Kontext der akademischen Philosophie entstehen, setzen sich affirmativ
oder kritisch mit dem Verhältnis von menschlichem Gehirn und
elektronischem Rechner (bzw. mit dem Verhältnis von Neurobiologie und
Informatik) auseinander. Dieser Umstand verdeutlicht, in welchem Maße die
von den Technikphilosophen Ernst Kapp (1877) und Arnold Gehlen (1953,
1957), aber auch dem Medientheoretiker und Literaturwissenschaftler
Marshall McLuhan (1964) entwickelte These, Technik sei eine Art
Organerweiterung oder gar Organersatz, den Diskurs prägt. Die
pointierteste Darstellung der Technik als Einrichtung, die die natürlichen
Defizite des Menschen kompensiert, hat zweifellos Gehlen vorgelegt und ihr
die begriffliche Trias „Organersatz, Organverstärkung und Entlastung“
wie eine unüberhörbare Leitformel vorangestellt. McLuhan ergänzte
dieses suggestive Bild nur um einige, wenn auch markante Nuancen. So wies
er auf den Schock hin, den jede neue Technik zunächst auslöst, indem sie
das erweiterte Organ gleichsam amputiert. Erträglich ist dieser
traumatische Prozess der Verselbständigung – laut McLuhan – allein
deshalb, weil die technische Innovation, sobald sie zum Einsatz kommt,
ihre menschlichen Opfer, die zugleich Täter sind, betäubt und gegenüber
den medialen Tiefenwirkungen blind macht.
Fügt man die
Computertechnik in das hier nur grob skizzierte Modell ein, dann erscheint
sie als eine Erfindung, die das bedeutsamste menschliche Organ, das
Gehirn, verstärken und ggf. auch ersetzen kann. Dessen Größe und
Leistungsfähigkeit zeichnen den Menschen vor allen anderen Lebewesen aus.
Und die Überzeugung, dass es dem in natürlicher Evolution entstandenen
Gehirn bald gelingen wird, sich selbst durch ein künstliches Gebilde
nicht bloß zu verdoppeln, sondern zu überbieten, würde den Narzissmus
der Gattung, der allzu leicht in prometheische Scham umschlägt, auf die
Spitze treiben.
Zu den
vordringlichsten Aufgaben einer ‚Medienphilosophie des Computers’ gehört
es daher, die Prothesen- oder Kompensationstheorie der Technik zu
demontieren. Diese Theorie hat bereits mit der Erfindung des Rades
Probleme, weil dessen ungewöhnliche Bewegungsform sich nur mit viel
Fantasie auf die menschlichen Gangarten beziehen lässt. Sie steht
allerdings erst mit dem Aufkommen der Computertechnik ernsthaft auf dem Prüfstand;
denn jetzt ist definitiv zu klären, ob es je angebracht war, bestimmte
Rechenmaschinen als „Elektronengehirne“ zu bezeichnen. Das starke Wort
ist inzwischen ungebräuchlich geworden, doch die Vorstellungen, die
seinen Gebrauch begleitet haben, zirkulieren immer noch im aktuellen
Diskurs, der in erster Linie darauf abzielt, technische Errungenschaften
zu vermenschlichen.
Ernstlich gefordert ist medienphilosophische Reflexion, sobald wir Anlass
zu der Vermutung haben, dass der Computer nicht nur, aber eben „auch
etwas tut, für das es in unserem Verhalten und Denken schlichtweg kein
Vorbild gibt und das an uns auch keinen Maßstab findet“ (Krämer 1997,
S. 86).
Damit die
Medienphilosophie ihr Ziel, den Computer als grundlegend Anderes und
Neuartiges zu denken, erreichen kann, muss sie einen Perspektivenwechsel
einleiten. Sie wird dieser Aufgabe aber nur gewachsen sein, wenn sie die
Vorzüge und Nachteile der vorhandenen Sichtweisen analysiert und erst
dann ihre eigene Version präsentiert. Zunächst wäre also die (bereits
umrissene) technikphilosophische Perspektive zu sondieren. Hier erscheint
der Computer als Schlussstein einer Geschichte der Artefakte, die von der
Antike bis in die Gegenwart reicht und die menschliche
Selbstverwirklichung als Prozess der Selbstentäußerung in Szene setzt.
Sodann wäre diejenige Perspektive zu untersuchen, welche sich von den
klassischen philosophischen Fragen leiten lässt und neue technische
Errungenschaften nur zum Zweck theoretischer Explikation heranzieht. Hier
erscheint der Computer als aufschlussreiches Modell für menschliche Vermögen,
deren Bedingungen der Möglichkeit ebenso ungeklärt sind wie ihre
Funktionsweisen. Von diesen beiden Perspektiven wäre schließlich die
angestrebte medienphilosophische Sicht abzuheben, die den
spezifisch medialen Charakter des Computers zum Ausgangspunkt der
Reflexion macht. Eine solche Schrittfolge empfiehlt sich nicht nur als
heuristische Strategie, sie berücksichtigt auch die historische
Entwicklung. Es ist ja keineswegs selbstverständlich, dass man den
Computer zum Medium erklärt. Die Exemplare der frühen
Rechnergenerationen wurden als Automaten oder Werkzeuge verstanden und
entsprechend eingesetzt. Erst bestimmte Fähigkeiten des Computers, die
mit neuen Nutzungsweisen einhergingen, haben den Medienbegriff attraktiv
gemacht:
Medialität wird dem Computer aus mehreren Gründen zugesprochen: 1. weil
er „das Verarbeiten (Aufnehmen, Speichern und Reproduzieren) analoger
optischer und akustischer Informationen“ (Walitsch 1998, S. 243)
leistet; 2. weil er eine doppelte Integration vollbringt: er kann
einerseits alle bisherigen Medien zu einem ‚Universalmedium’
zusammenfassen und andererseits als Software-Programm in alle bekannten
Einzelmedien eingefügt werden; 3. weil er „Beziehungen zwischen
Menschen“ stiftet und damit anstelle der Geräteeigenschaften und der
subjektiven Eingriffsmöglichkeiten (welche der Rechner als Werkzeug
bereitstellt) die „Vernetzung vermittelter Kooperation“ (Coy 1994, S.
5) ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt; 4. weil er nicht mehr primär
als ein Objekt gilt, das Subjekten, die vor ihm sitzen, dienlich
ist, sondern als ein Gebilde, mit dessen Hilfe Datenräume, virtuelle
Realitäten geschaffen werden können, in denen sich die Akteure
bewegen und regelrecht auf Reisen gehen.
Entscheidend für
die Verwendung des Medienbegriffs sind also zum einen der Netzwerk- und
Kommunikationsaspekt und zum anderen die Konstruktion virtueller Welten.
Beides werde ich im Folgenden nur am Rande erwähnen.
Ich möchte mich vielmehr auf eine historische Darstellung konzentrieren,
die zugleich auch systematischen Ansprüchen genügt. Im ersten Anschnitt
diskutiere ich die Rolle der Kybernetik in der Nachkriegsphilosophie, die
verständlicherweise durch anthropologische, existentialistische und
gesellschaftspolitische Fragestellungen auch dort dominiert wird, wo sie
Aussagen über das transhistorische Sein von Sprachzeichen trifft. In
einem zweiten Schritt greife ich die philosophischen Debatten um die Künstliche
Intelligenz auf und erläutere die erkenntnis- und sprachtheoretische
Kritik an deren Kernideen. In einem dritten Schritt stelle ich die
ethischen Implikationen dieser Einwände dar und nenne die Probleme, die
ein vorschneller Rückgriff auf vermeintlich unantastbare normative
Bindungen aufwirft. Zum Abschluss skizziere ich eine Reihe von Aufgaben,
die eine Medienphilosophie des Computers in Zukunft zu bewältigen hat,
und versuche – gestützt auf eigene empirische Studien – die neuen
Denk- und Orientierungsweisen zu beschreiben, die der permanente Umgang
mit der Computertechnik hervorbringt oder zumindest begünstigt.
I. Kybernetik
und Philosophie
Nur wenige
Jahre nachdem Konrad Zuse seine verschiedenen Rechenmaschinen (Z1 bis Z4)
und die inzwischen legendäre Bletchley-Park-Gruppe, zu der auch Allan
Turing zählte, das „logische Entschlüsselungsgerät“
Colossus gebaut hatten, setzte Norbert Wiener 1946 im Rahmen einer
„Conference for Circular Casual and Feedback Mechanisms in Biological
and Social Systems“ den Begriff Kybernetik in die Welt. Dieser aus dem
Griechischen hergeleitete Ausdruck soll eine Wissenschaft bezeichnen, die
sich dem Studium von Nachrichten, ihrer technischen Steuerung und
insbesondere ihrer Rückkopplung widmet.
Kybernetik ist ein werbeträchtiges Label, unter dem Erkenntnisse und
Methoden der Regelungs-, Informations-, Automaten- und Algorithmentheorie
zusammengefasst werden. Seiner programmatischen Schrift Cybernetics or
Control and Communication in the Animal and the Machine von 1948,
die sich an ein Expertenpublikum wandte, ließ Wiener alsbald ein populärwissenschaftliches
Buch The Human Use of Human Beings (Cybernetics and Society)
folgen, in dem er die neuen Denkmodelle und ihre technischen
Realisierungen auf eine auch „für den Laien“ (Wiener 1952, S. 11)
verständliche Weise erläuterte. Dieser Text, der eine Vielzahl von
sozialen Problemen anspricht und auch die Gefahr „eines neuen
Faschismus“ (ebd., S. 195) nicht unerwähnt lässt, hat erhebliche öffentliche
Resonanz gefunden und ist auch in geisteswissenschaftlichen Fächer wie
Philosophie, Psychologie und Soziologie nicht unbeachtet geblieben. Wiener
präsentiert die Kybernetik als ein interdisziplinäres Konzept der
Problemerfassung und Problemlösung, dessen Vorteile und Möglichkeiten
gerade vor dem Hintergrund des überstandenen 2. Weltkrieges an Profil
gewinnen. Er versucht zu zeigen, dass hier Erkenntnisse gewonnen und
praktisch umgesetzt werden können, die keine Wertfreiheit für sich
reklamieren, sondern durchaus normative Implikationen enthalten, deren Berücksichtigung
mit großer Wahrscheinlichkeit die Korrektur bestimmter (wenn nicht
typischer, so doch häufiger) menschlicher Einstellungen und
Verhaltensweisen zur Folge hat. Da die kybernetischen
„Kommunikationsmaschinen“ wesentlich auf Prozessen der Rückkoppelung
bzw. Rückmeldung beruhen, würde ihr Einsatz zum Abbau von Machtverhältnissen
führen, für die eine Form der „Organisation“ kennzeichnend ist,
„in der alle Information von oben kommt und keine zurückgeht“ (ebd.,
S. 27). Eine durch kybernetische Modelle geregelte und kontrollierte
Gesellschaft wäre eine demokratische und gerade keine totalitäre
Sozialordnung. Das neuartige Wissen ist deshalb weit davon entfernt, die
Serie der anthropologischen Kränkungen fortzusetzen, die die Theorien von
Keppler, Darwin, Marx und Freud der Gattung zugefügt haben.
Aus der Annahme, dass „die Arbeitsweisen des lebenden Individuums und
die einiger neuerer Kommunikationsmaschinen völlig parallel verlaufen“
(ebd., S. 26), resultiert für Wiener kein grundsätzliches Problem. Diese
Maschinen lassen zwar „die unheimliche Fähigkeit erkennen [...],
menschliches Verhalten nachzuahmen“, aber sie bieten deswegen auch die Möglichkeit,
„das Wesen des Menschen zu erhellen“ (ebd., S. 13). Es geht in der
Kybernetik also nicht zuletzt um eine anthropologische Bestandsaufnahme,
die verborgene Strukturen freilegt. Die hier praktizierte Wesenschau
generiert eine Perspektive, die den Beobachter, der sich immer auch als
technisch versierter Akteur versteht, dazu befähigt, die Frage nach der
Substanz der Phänomene so umzuformulieren, dass man am Ende von der inneren
Natur der anvisierten Gegenstände absehen kann und stattdessen auf die
Form oder die Relationierung der Gegenstände blickt: „Von den
verschiedenen Betrachtungsweisen der Welt ist eine der interessantesten
die, sie sich aus Schemata zusammengesetzt zu denken. Eine Schema ist im
wesentlichen eine Anordnung. Es ist charakterisiert durch die Ordnung der
Elemente, aus denen es gebildet ist, und nicht durch die innere Natur
dieser Elemente“ (ebd., S. 15). Diese Sicht hat weitreichende
Konsequenzen und lässt sich auf beliebige Themen anwenden. Die Verwendung
von Sprache gilt zum Beispiel nicht primär als Verständigungshandeln,
sondern als ein lustvoller Vollzug von Transformationen, bei denen die
Bedeutung der benutzten Zeichen mal verborgen und mal aufgedeckt wird:
„Das Phänomen des menschlichen Sprechens (scheint) ein ureigener Trieb
zum Verschlüsseln und Entschlüsseln zu sein“ (ebd., S. 87). Auch die
„geistige Individualität“ des Menschen zeigt sich jetzt in anderem
Licht: Sie besteht nämlich „in der Speicherung ihrer früheren
Programmierungen und Gedächtnisinhalte und in der Fortsetzung ihrer
Entwicklung in bereits angelegten Richtungen“ (ebd., S. 99). Nicht
weniger lakonisch lautet Wieners Kommentar zu den sozialen
Konfliktstoffen, die (nach gewöhnlicher Vorstellungen) durch Rechtsnormen
bearbeitet werden: „Rechtsprobleme sind kommunikativ und kybernetisch,
d.h. sie sind Probleme der geordneten und wiederholbaren Regelung gewisser
kritischer Situationen“ (ebd., S. 107). Wiener offeriert seine
Betrachtungsweise, die zu einer Serie ernüchternder Detail-Befunde führt,
allerdings mit großem moralischem Pathos. Die Kybernetik steigert seiner
Ansicht nach nicht die Gefahren technokratischer Systeme,
die die Freiheit des Einzelnen ersticken, sondern bringt Rettung in höchster
Not: „Die Stunde drängt, Gut und Böse pochen an unsere Tür; wir müssen
uns entscheiden“ (ebd., S. 194).
Während bei
Wiener das philosophische Gewicht der Kybernetik darin liegt, die
dramatische Situation, in der sich die Welt befindet, durch eine an den
„Naturwissenschaften“ geschulte Sprache
zu beschreiben und so Wege zur Entschärfung dieser Situation zu finden,
schließt Gotthard Günthers Arbeit über Das Bewusstsein der Maschinen,
die 1957 (und in stark erweiterter Form 1963 erscheint) explizit an
kanonische Denkfiguren und Fragestellungen der akademischen Philosophie
an. Attraktiv ist für Günther die Kybernetik, weil sie jene Dualismen
der klassischen Metaphysik (z.B. Subjekt/Objekt, Sein/Denken, Leben/Tod)
unterläuft, die Hegels dialektische Logik nur durch spekulative Sätze,
aber nicht etwa schon durch eine formalsprachliche Operationalisierung
‚aufzuheben’ vermochte.
Die Analysen von Wiener, Shannon und anderen zeigen, dass weder „das
Faktum der Information“ noch „der Kommunikationsprozeß, durch den
dieselbe übermittelt wird“ (1963, S. 21), sich auf jeweils einer der
beiden Seiten der exemplarisch genannten Differenzen verorten lassen.
Diese drastische Relativierung der klassischen Zweiwertigkeit wirkt laut Günther
wie ein philosophischer Befreiungsschlag. Das kybernetische Denken erzeugt
ein „neues Weltgefühl“ (ebd., S. 81). Freilich nicht primär, weil es
die alte Idee eines ‚Dritten’ aufgreift und in einen Formalismus
einzuschreiben sucht. Sondern weil es die gewöhnlich als
quasi-transzendente Vermittlungsinstanz zwischen Geist und Körper
verstandene „Seele“ nun im „Diesseits“ der technisch
konstituierten Lebenswelt ansiedelt. Dergestalt sorgt es dafür, dass
soziale Entfremdung und Verdinglichung durch Prozesse der Reflexion aufgelöst
werden. Aber damit nicht genug; das universalwissenschaftliche Unternehmen
mit dem Namen Kybernetik gibt endlich auch eine befriedigende Antwort auf
die Frage nach dem Verhältnis von Reflexion und Selbstbewusstsein. „In
der mit ‚Denken’ und ‚Bewußtsein’ begabten Maschine gestaltet der
Mensch eine Analogie des eigenen Ichs“ (ebd., S. 87) und schafft so die
operative Form für eben die subjektive Selbstbezüglichkeit, deren
unverzichtbare Funktion Fichte und Hegel dargelegt haben, ohne eine
angemessene Beschreibung ihrer Struktur liefern zu können.
Andere Wege
zur philosophischen Interpretation der Kybernetik hat Max Bense bereits in
einem Aufsatz aus dem Jahre 1951 eingeschlagen. Er wählt nicht
begriffliche Konstellationen des Deutschen Idealismus als
Argumentationsfolie, sondern Heideggers Fundamentalontologie. Hier glaubt
er Kategorien vorzufinden, mit deren Hilfe es gelingt, „das Seinsverhältnis
der Maschine festzulegen“ (Bense 2002, S. 480). Die Orientierung an
einer ontologischen Reflexion der Technik hält Bense für erforderlich,
weil mit den „elektronischen Rechenmaschinen“ (ebd., S. 475), in denen
sich das kybernetische Wissen förmlich materialisiert, eine ganz neue Art
der Technik hervortritt, die eine entsprechend fundamentale Betrachtung
verlangt: „Technik war bisher im wesentlichen ein Phänomen der Oberfläche
der bewohnten und bewohnbaren Sphäre: was jetzt vor unseren Augen
entsteht, ist Tiefentechnik, wir erleben ihr Eindringen in die
Feinstrukturen der Welt, in die immateriellen Bestandteile, wo
dementsprechend ihre pathologischen Züge verborgener und gefährlicher
sind. Die kybernetische Erweiterung der neuzeitlichen Technik bedeutet
ihre Erweiterung unter die Haut der Welt; Technik kann in keiner
Weise mehr isoliert (objektiviert) betrachtet werden vom Weltprozeß und
seinen soziologischen, ideologischen und vitalen Phasen. Sie bezieht alles
ein, sie hat einen verstärkten konsumierenden Charakter angenommen“
(ebd., S. 467). Mit extremer Deutlichkeit zeigt sich jetzt, dass die
„technische Welt durch und durch funktionales Sein“ ist (ebd., S.
480). Diese ‚Unverborgenheit’ des Funktionalen, welches das
menschliche Leben in jeder Hinsicht zu erfassen scheint, ist laut Bense
allerdings nicht unbedingt der Beweis für ein seingeschichtliches Verhängnis,
dem die Gattung ausgeliefert ist, sondern weist auch auf neue Möglichkeiten
des „Daseins“ hin. Bisher war die Gattungsgeschichte vom „Missverhältnis
zwischen Natur und Mensch“ geprägt, jetzt ergibt sich „eine seinsmäßig
zu rechtfertigende Chance“. Denn die kybernetischen Maschinen lassen
sich als „Lösung jenes anthropologisch fixierbaren Missverhältnisses
auffassen“. Sie schaffen Bedingungen, unter denen der Mensch sich „als
technische Existenz“ (ebd., S. 483) entwerfen und vielleicht vollenden
kann.
Heidegger
selbst hat dieser exzentrischen Deutung nicht beigepflichtet. Er sieht in
der Kybernetik, auf die er ausdrücklich (in der Version von Wiener) Bezug
nimmt, den Höhepunkt der abendländischen Metaphysik, die das Sein zu
etwas Vorstellbarem, Gegenständlichem und damit letztlich Berechenbarem
gemacht hat. Um die Metaphysik, die die großartigen Ansätze des
vorsokratischen Seinsdenkens nicht weiterführen wollte, zu überwinden
oder (wie Heidegger präzisierend sagt) zu ‚verwinden’, muss der
Mensch zwar den Zirkel der ‚Seinsvergessenheit’ ausschreiten, aber
gleichwohl liefert die Kybernetik kein Modell für eine nachmetaphysische
Lebensform. Denn in der technischen Sprache, die die Informationstheorie
propagiert, wird die „Sprache auf das bloße Zeichengeben, das Melden
reduziert, d. h. verkümmert“ (1989, S. 26).
Eine solche Reduktion betrachtet Heidegger als „Bedrohung des eigensten
Wesens des Menschen“ (ebd., S. 27). Obschon die Kybernetik nicht als
Vorgriff auf die Kommunikationsverhältnisse, die in einem
nachmetaphysischen Zeitalter walten, interpretiert werden darf, legt sie
durch ihre rücksichtslose Offensive die eigene „Grenze“ frei und gibt
damit zu verstehen, welche menschlichen Eigenschaften von den
metaphysischen Verstellungen nicht angetastet werden können. Die
Informationstheorie muss nämlich den Gebrauch der natürlichen Sprache
voraussetzen. Sie hängt mithin von der „Umgangssprache“ ab, die
Heidegger als Sprache der Überlieferung entziffert. Und „Überlieferung
ist nicht bloß Weitergabe, sie ist Bewahrung des Anfänglichen, ist
Verwahrung neuer Möglichkeiten“ (ebd., S. 27). Sprachliches Geschehen
ereignet sich für Heidegger in einem transmetaphysischen Raum, weil die
impliziten, nichtformalisierbaren Voraussetzungen, auf denen es ruht,
immer auch Potenziale für menschliche Praxis-Entwürfe mit
unkalkulierbaren Risiken und Chancen bereitstellen. Es ist dieses Verständnis
von Sprache als Medium der Welterschließung, die später für die
KI-Kritik von Dreyfus u.a. richtungsweisend wurde.
Auffällig an
Heideggers Darstellung der Kybernetik
ist, dass sie mit dem Vorwurf des Reduktionismus arbeitet und selbst eine
verborgene reduktionistische Pointe besitzt. An der Informationstheorie
der Sprache, die Wiener u.a. ausbreiten, nimmt er nur den Zwang zur
Formalisierung und Berechnung wahr. Derrida hat in seiner Grammatologie
von 1967 hervorgehoben, dass die Kybernetik das Konzept einer neuen
Schrift ins Werk setzt und allein deshalb schon aus dem Bann der
Metaphysik heraustritt (1974, S. 23). Derrida teilt Heideggers Kritik an
der abendländischen Metaphysik, speziell an deren Subjektbegriff, der den
Menschen als das ‚Zugrundeliegende’ definiert und seinen enthemmten
‚Willen zur Macht’ speist. Kern der Metaphysik ist aber für Derrida
nicht primär die begriffliche Vergegenständlichung der Welt, die ihre
technische Zurichtung ermöglicht, sondern die geradezu fixe Idee, dass
die Welt im menschlichen Zeichengebrauch vergegenwärtigt wird. Präsenz
und nicht Funktionalität steht im Zentrum der metaphysischen Weltsicht.
Daher gilt im philosophischen Diskurs des Abendlandes die Stimme als Träger
des Sinns.
Und ihr Primat liefert die Deutungsfolie für die phonetische Schrift, der
die Fähigkeit zugesprochen wird, jedes beliebige semantische Phänomen zu
verzeichnen. Mit dem Auftreten der Kybernetik beginnt laut Derrida das
„Ende des Buches“, gernauer: der Ideologie des Buches, derzufolge
selbst in einer gedruckten Schrift immer nur die ihr vorausgehende Stimme
re-präsentiert wird. Mehr als jede interne Kritik der Metaphysik markiert
die Kybernetik den „Anfang“ einer anderen (mit Heidegger könnte man
sagen: der eigentlichen) Schrift, die auch in jeden noch so kompakt
wirkenden Formalismus eine räumliche und zeitliche Differenz einträgt.
Die (stimmlich artikulierte) Präsenz ist damit als Leitvorstellung der
Welterschließung verabschiedet. An ihre Stelle treten Differenzfiguren,
die die phonetische Schrift in eine Schrift der Spuren verwandeln.
Derrida lässt
sich von Heideggers Vorbehalten gegen die Kybernetik also nicht
beeindrucken, weil die Kybernetik 1. nicht bloß die phonetische
Grundierung der Schrift verabschiedet, sondern auch ihre Linearität
aufbricht, und 2. die Dezentrierung des Subjekts fortführt, die Heidegger
selbst mit seiner Daseinsanalyse einleitet hat. Es ist daher auch nicht
verwunderlich, dass Derridas Differance-Theorie unter den
Apologeten der Computertechnik viel Anklang gefunden hat. So wird etwa der
sog. „Hypertext“ als rechner-basierter Vollzug der Dekonstruktion
gefeiert
oder eine „polykontexturale Programmierung“ angepriesen, die sich als
„Übertragung“ (AG-Text-Code 1992, S. 6) der derridaschen Thesen in
die Welt der Computer versteht.
Die bisher
diskutierten ‚Berührungen’ zwischen dem kybernetischen und dem
philosophischen Diskurs lassen viele Fragen offen. Die vertretenen
Positionen sind mit erheblichen Problemen und Unschärfen behaftet.
Manches hat einen penetrant ‚weltanschaulichen’ Anstrich. Wieners
Ausflüge auf das Gelände der sozial-philosophischen und
anthropologischen Reflexion weisen erstaunlich manichäistische Züge auf
und wirken politisch naiv;
die Thesen von Bense und Günther – beides Autoren, die über erhebliche
mathematische und technische Kenntnisse verfügen – sind zwar aufregend,
stehen aber argumentativ auf schwachen Beinen; und der ‚Kybernetik’-Begriff,
den Heidegger und Derrida verwenden, bleibt äußerst vage und ist weit
davon entfernt, den theoretischen Explikationsansprüchen zu genügen, die
diese Philosophen ansonsten erheben und oft genug einlösen. Alle diese
Schwierigkeiten sind nicht zufällig. Denn es geht den behandelten Autoren
bei ihren Erörterungen immer auch um eine Gesamtdeutung der okzidentalen
Moderne. Entwicklung und Einsatz der neuartigen Rechenmaschinen werden im
Kontext eines epochalen Rationalisierungs- und Formalisierungsprozesses
betrachtet, dessen umfassenden Charakter als erster Max Weber dargestellt
und kritisch beurteilt hat.
Im Hintergrund der unterschiedlichen Stellungnahmen zur ‚kybernetischen
Revolution’ steht daher die Frage, ob es sich hierbei um Manifestationen
einer instrumentell verkürzten Vernunft oder um die technisch initiierte
Befreiung aus den Zwängen traditioneller Herrschaftsformen handelt. Wer
dies zu entscheiden hat, schert sich offenbar nicht sonderlich um Details,
seien dies nun präzise Beschreibungen des Computers aus philosophischer
Warte oder solide Explikationen erkenntnistheoretischer, ethischer,
politischer und anthropologischer Probleme aus kybernetischer Sicht.
II. Berechnung
– Bedeutung – Intelligenz
Prägnante
Konturen erhält die Philosophie des Computers erst, als der
‚Gegenstand’, um den sich die Debatten drehen, begrifflich so
zugeschnitten wird, dass sich die Aufmerksamkeit auf wenige entscheidende
Fragen konzentriert. Die Ambitionen der Forschungsprojekte müssen
deswegen, wie sich bald zeigt, nicht abnehmen. Der von John McCarthy 1955
kreierte Begriff Artificial Intelligence
leistet in dieser Hinsicht Beachtliches. Er stellt die kognitiven Fähigkeiten
des Menschen ins Zentrum einer neuen Disziplin und weckt die Erwartung,
dass die Bezugnahme auf Operationen des Computers Aufschluss über die
Voraussetzungen und Abläufe des menschlichen Denkens liefern kann. Dabei
lässt sich der Vergleich zwischen Menschen und Maschine beliebig weit
treiben und mit genau den Erfolgsaussichten kombinieren, die für
potenzielle Geldgeber (insbesondere aus dem militärisch-industriellen
Komplex) ebenso interessant sind wie für gewisse Schwärmer, die mit
interesselosem Wohlgefallen von der Mensch-Maschine-Symbiose fantasieren.
Die Philosophie kann solche Extremfälle den Beurteilungskompetenzen der
Soziologie und Psychologie überlassen, um sich primär mit zwei Bündeln
von Fragen zu beschäftigen:
1. In welcher
Hinsicht stimmen die Berechnungen
oder die symbolverarbeitenden Prozesse,
die der Computer ausführt, mit Vorgängen im menschlichen Bewusstsein überein?
Sind für Berechnungen und Erkenntnisakte basale Operationen
charakteristisch, die als ähnlich oder gar identisch bezeichnet werden dürfen?
Sind ggf. neben kognitiven Prozessen auch weitere psychische Phänomene
(z.B. Wünsche oder Schmerzen) mit Zuständen des Computers vergleichbar?
2. Kann die
Genese sprachlicher Bedeutung mit den Formalismen und Regeln in
Zusammenhang gebracht werden, auf denen Computerprogramme beruhen? Oder
schaffen biologische und/oder soziale (interaktive und historische) Abläufe
derart einzigartige Gebilde, dass weder strukturelle noch funktionale Äquivalente
denkbar sind?
Diese doppelte
‚Engführung’ der philosophischen Reflexion, die jetzt in erster Linie
mit den Phänomenen Erkenntnis und Bedeutung befasst ist und alle anderen
Aspekte zunächst einmal vernachlässigt, hat entscheidende Vorteile. Das
Gemisch aus ontologischen, epistemologischen, sozialphilosophischen und
anthropologischen Fragen, welches für die Kybernetik-Debatte
kennzeichnend ist, wird nicht wieder angerührt. Das Auftauchen des
Computers gilt als ein Ereignis, das die Philosophie dazu zwingt, ihre
Begriffe zu schärfen und klarer als bisher zu sagen, was sie unter
Wissen, Vernunft, Geist, Körper, Bewusstsein, Sprache, Sinn, Intention
etc. versteht. Dazu gehört es sicher auch zu bestimmen, was mit Begriffen
nicht klar ausgedrückt, sondern durch ästhetische Darstellungen oder
rituelle Praktiken nur gezeigt bzw. vorgeführt werden kann. Die
vollmundigen Ankündigungen von Herbert Simon und Allen Newell, die
Prognosen von Marvin Minsky und Edward Feigenbaum, die Spekulationen von
Hans Moravec sowie die zahlreichen Projekte und Kampagnen der AI-Zunft
zwischen 1950 und 1970 sind von der Sache her keine echte Herausforderung
für die Philosophie, aber sie liefern durch ihre Übertreibungen einen günstigen
Anlass, den notorischen philosophischen Fragen und Einsichten eine zeitgemäße
Fassung zu geben. Wenn die Disziplin ihren eigenen Ansprüchen genügen
will, so muss sie sich den technischen Innovationen stellen, ohne ihren
Faszinationskräften zu erliegen (wie es mitunter in
medienwissenschaftlichen Erkundungen geschieht). Sie muss folglich in
gewohnter Manier und aus hinreichender Distanz die relevanten Verständnisweisen,
in deren Rahmen Individuen und Kollektive sich denkend und handelnd
orientieren (und das schließt das jeweilige Verständnis von Denken und
Handeln und deren interne Beziehung ein), nun auch für das sog.
Computerzeitalter aufdecken und beurteilen. Dass sie im Zuge dieses
Unternehmens zunächst bei Detailfragen ansetzt und (vielleicht) erst nach
langen Vorarbeiten zu einer Gesamtschau gelangt, ist nicht unbedingt ein
Nachteil.
Hilary Putnam,
der sein großes Buch über das Zusammenspiel von Reason, Truth and
History (1981) mit Überlegungen zum berühmt-berüchtigten
Turing-Test
beginnt, hat zwischen 1960 und 1975 mehrere Aufsätze
geschriebenen, die das klassische Body-Mind-Problem mit Rücksicht auf die
Grundlagenforschung im Bereich der Mathematik und der Computer-Theorie
analysieren. Putnam bezieht sich hier nicht auf das weite Feld der
Kybernetik und die spektakulären KI-Projekte der Gründerjahre, sondern
verwendet in seinen Analysen nur die universelle Turing-Maschine.
Als ein für alle Computer gültiges Grundmodell soll sie Aufschlüsse über
die Funktionsweise des Geistes liefern und Argumente stützen, mit denen
u.a. materialistische und behavioristische Erklärungskonzepte zurückgewiesen
werden können. Dieses Vorgehen allein lässt noch nicht den Schluss zu,
dass geistige Tätigkeit und maschinelle Rechenleistung, dass Mensch und
Apparat gleichzusetzen sind (vgl. Putnam 1975, S. 364). Dies ist letztlich
eine empirische Frage und kann deshalb philosophisch nicht vorentschieden
werden (ebd., S. 412).
Es soll zunächst nur gezeigt werden, inwiefern Theorien, deren Konzepte
schon den besonderen Eigenschaften der Turing-Maschine nicht gerecht
werden, auch zur Beschreibung menschlicher Kompetenzen ungeeignet sind.
Faszinierend an Turings ‚Maschine’ ist, dass sie zum einen den
Berechnungsbegriff klar definiert (also das Berechenbare vom
Unberechenbaren unterscheidet) und zum anderen zeigt, dass es diverse Möglichkeiten
gibt, das Programm der Maschine zu ‚realisieren’. Die logischen Zustände
der Maschine legen demnach keineswegs fest, mit welchen strukturellen Zuständen
sie konkret verknüpft werden müssen, damit sie überhaupt existieren können.
Schriftzeichen, Zahnräder, Vakuumröhren und Siliziumchips erfüllen,
wenn sie entsprechend angeordnet sind, gleichermaßen diese Funktion.
Nicht die stofflich-materiellen, sondern die operativen Eigenschaften sind
für die Leistungen der Maschine ausschlaggebend. Setzt man nun den
menschlichen Geist in Analogie zu den logischen, und den Körper zu den
physikalischen Zuständen der Maschine, so erhält die sog.
funktionalistische Theorie
des Body-Mind-Problems, die die Autonomie des Geistes unterstellt,
wenn schon keine Plausibilität, so doch zumindest eine gewisse Plastizität:
Heteronom ist der Geist, weil er sich auf irgendeine Weise verkörpern muss,
frei hingegen, weil er an keine spezifische Verkörperung gebunden ist.
Auf die nahe liegende Frage, wie es überhaupt zur Verbindung
zwischen beiden Zustandsformen – den funktionellen und den strukturellen
– kommen kann, lässt sich mit dem Hinweis auf faktische Computer eine
erste, vorläufige Antwort geben. Insofern solche Geräte als mögliche
Realisierung der Turing-Maschine gelten dürfen, liefern sie mit ihren
Hardware- und Software-Zuständen ein handgreifliches Beispiel für die
Verknüpfung von materiellen und semantischen Eigenschaften.
Diese Verknüpfung weist bei lauffähigen Computern Merkmale auf, die sie
als kausale Relation kenntlich machen; trotzdem gibt sie dem Beobachter
nicht den geringsten Anlass, eine der beiden Zustands- oder
Eigenschaftsklassen auf die andere zurückzuführen. Der Funktionalismus
präsentiert also eine merkwürdig dualistische Theorie über zwei kausal
sich wechselseitig bedingende, aber zugleich unreduzierbare Sphären. Was
ist damit gewonnen? Putnams umstrittene Vorschläge, die Mitte der
siebziger Jahre durch Arbeiten von Ned Block, Jerry Fodor und anderen
starken Flankenschutz erhalten, beruhen auf der Annahme, dass der Computer
(qua universeller Turing-Maschine) eine transparente und verständliche
Konstruktion ist, die sich eignet, ein Licht auf heikle und schwierige
Probleme der Philosophie des Geistes zu werfen.
Diese Vorgehensweise ist legitim und nützlich, kann aber nur als ein
Teilstück der angestrebten Philosophie des Computers betrachtet werden.
Erforderlich wäre der Versuch, die eingenommene Perspektive umzudrehen:
die Philosophie müsste durch transparente Begriffe und Analysestrategien
das rätselhafte Phänomen Computer erhellen. Sie müsste m. a. W. nicht
auf den schon vorverstandenen Computer zugreifen, um ihn im Kontext ihre
Aussagen über klassische Probleme regelrecht zu ‚funktionalisieren’,
sondern dieses Gebilde als etwas Undurchschautes auffassen und
dementsprechend minutiös untersuchen. Es käme also darauf an, sich durch
den Computer in jenes Erstaunen versetzen zu lassen, das Platon als Auslöser
des Denkens beschreibt. Nur wenn ein solches Programm mit einem
anspruchsvollen Theoriedesign durchgeführt wird, erübrigt es sich künftig,
Arbeiten von Baudrillard, Virilio, Flusser, Kittler und Bolz als
philosophische Texte über den Computer zu verbuchen.
Ein erster
Schritt könnte darin bestehen, das Bild des Computers, das
philosophisches Interesse weckt, komplexer zu gestalten. Denn es geht
nicht darum, den Theoretikern durch ein bestimmtes Computer-Konzept „das
Leben“ bzw. den Umgang mit alten ungelösten philosophischen Fragen
„einfacher zu machen“ (um noch einmal Dennetts saloppe Formulierung zu
zitieren). Genau diese gebotene ‚Erschwerung’ des
Forschungsgegenstandes ist aber ein Problem für sich; denn bislang
erweisen sich ambitionierte Beschreibungen des Computers eher als
philosophisch naiv, schwach oder fehlerhaft. Sieht man von den Arbeiten
der oben genannten Medientheoretiker, denen man kaum ein hohes
philosophisches Niveau zubilligen wird, einmal ab, so kommt man um das
Urteil nicht herum, dass die gehaltvollsten und provokantesten
Darstellungen des Computers aus dem Lager der KI-Anhänger und zwar sowohl
aus dem Bereich der logischen Programmierung und der Expertensysteme, als
auch aus dem Bereich der Konstruktion künstlich neuronaler Netze stammen.
Hier wird der Computer (und das ganze Spektrum der unterschiedlichen
Modellierungsmöglichkeiten, die er bietet) als eine Technik betrachtet,
die es erlaubt, aus einfachen Elementen hochkomplexe und in mancher
Hinsicht nicht mehr nachvollziehbare oder durchschaubare Gebilde zu
erschaffen. Eben diese Darstellung hat die philosophischen Experten jedoch
nicht dazu bewogen, eine entsprechend vielschichtige philosophische
Theorie über den Computer anzufertigen, sondern vielmehr angeregt, noch
entschiedener der Frage nachzugehen, ob selbst der denkbar leistungsfähigste
Computer in der Lage sein könnte, die Eigenarten des menschlichen
Bewusstseins zu imitieren. Festzuhalten bleibt jedenfalls: Philosophische
Reflexionen über die Grenzen einer Technologie, die auf Prozessen der
Formalisierung beruhen, fallen wesentlich brillanter aus als all jene
Versuche, die den Computer unmittelbar zum Gegenstand der Untersuchung
machen. Offenbar können die Philosophen ihre Potenziale besser
ausspielen, wenn sie durch einfallsreiche Gedankenexperimente oder lange
Argumentationsketten aufzeigen, dass Geist und soziales Leben komplexer
und eigensinniger sind als noch so smarte Computerprogramme. Auch Putnam
schwenkt nach seinen frühen Koketterien mit dem Maschinenmodell auf diese
Linie ein. Die Analogie von psychischen/körperlichen Zuständen des
Menschen und funktionalen/strukturellen Zuständen der Maschine wird jetzt
nicht mehr als erhellend, sondern als irreführend eingeschätzt. 1981
entwirft Putnam ein Szenario, das nicht nur mit dem Turing-Test (1950),
sondern auch mit dem Plot des Films Matrix (1998)
gewisse Ähnlichkeiten aufweist: „In einem Tank mit einer Nährlösung“
befindet sich ein Gehirn, dessen Nervenenden mit einem
„superwissenschaftlichen Computer“ verbunden sind, der das Gehirn
(bzw. die Person, um deren amputiertes Gehirn es sich handelt) durch die
perfekte Simulation der Wirklichkeit im Glauben lässt, „alles verhalte
sich völlig normal“ (1982, S. 22). Putnam argumentiert nun, dass die
Gehirne im Tank, obschon sie über Vorstellungsbilder verfügen, nicht auf
die äußeren, tatsächlichen Dinge, von denen diese Vorstellungsbilder
handeln, bedeutsam Bezug nehmen können. Bedeutungen sind nämlich nicht
als geistige Objekte im Gehirn repräsentiert, wie Fodor (1975) im
Einklang mit den Annahmen der ‚harten’ KI-Fraktion meint, sondern
entstehen im praktischen (auch nicht-sprachliche Aspekte umfassenden)
Umgang mit den Dingen selbst. Wir müssen uns auf die Außenwelt, die wir
kraft der sprachlichen Bezugnahme geistig präsent zu haben glauben, so
einlassen, dass wir in eine „kausale Wechselbeziehung“ (Putnam 1982,
S. 34) zu ihr treten. Die Erzeugung von Bedeutungen in realen
Handlungskontexten weist demnach eine Qualität auf, die der
‚intelligenteste’ Computer durch Rechenleistungen allein nicht
simulieren oder aufwiegen kann. Der ‚Mehrwert’ der menschlichen
Lebensform gegenüber dem Maschinenprogramm ist folglich garantiert.
Ebenso wie der späte Wittgenstein, favorisiert der späte Putnam eine
Gebrauchstheorie der Bedeutung und verwirft mit den frühen Konzepten, in
denen der Computer Modell stand, auch jede intentionalistische Version der
geistigen Bezugnahme auf physische Gegenstände. In einem ähnlich berühmten
und breit diskutierten Gedankenexperiment hat auch John Searle (1980)
prinzipielle Einwände gegen die künstliche, algorithmen-basierte
Produktion von Bedeutung erhoben. Freilich beruht sein Argument auf der
Annahme, dass die von Putnam des sprachtheoretischen Feldes verwiesene
Intentionalität eine notwendige Bedingung für Bedeutung darstellt. Ohne
intentionale Geisteszustände soll die sprachliche Bezugnahme auf Dinge
und Ereignisse in der Welt gar nicht möglich sein. Damit nähert sich
Searle, dessen Sprechakttheorie als Fortsetzung der wittgensteinschen Spätphilosophie
gilt, allerdings den Kernideen der ‚harten’ KI-Fraktion an und muss
deshalb die Frage beantworten, ob Intentionen Geisteszustände sind, die
eine symbolverarbeitende Maschine ‚simulieren’ kann. Dem „Chinese-Room-Argument“
kommt in diesem Zusammenhang ein hoher Stellenwert zu. Denn es soll
demonstrieren, dass Computer nicht in der Lage sind, Intentionalität zu
erzeugen. Der Witz von Searles Gedankenexperiment besteht nun darin, dass
es den Wert des Turing-Tests zu entkräften versucht, indem es dessen
Gelingen als Indiz seines Scheiterns vor Augen führt:
Selbst wenn die Maschine die gleichen Leistungen wie der Mensch erbringt
und Turings „imitation game“ (1950, S. 441) erfolgreich zu spielen
vermag, so wird ein entscheidender Mangel sichtbar. Die Maschine bzw. die
Person im chinesischen Zimmer ‚versteht’ nämlich die Aufgaben nicht,
die sie programmgerecht abwickelt: Das Gehirn ist kein Computer,
weil die syntaktischen Operationen, die die Maschine virtuos und mit
enormer Geschwindigkeit ausführt, niemals ausreichen (werden), um
semantische Beziehungen zu konstituieren. Dieses Argument versucht Searle
noch zu erhärten, indem er ihm die These zur Seite stellt, dass
Intentionen ein biologisches Phänomen sind, das durch kausale Prozesse
zustande kommt, die von keinem Formalismus hervorgezaubert werden können.
Allerdings schafft eine derartige ‚naturalistische’ Annahme mehr
Probleme, als sie löst, und hat daher entsprechend harsche Kritik
erfahren. Auch Roger Penrose, der ebenso wie Searle prinzipielle Einwände
gegen die Computer-Geist-Analogie erhebt, bezweifelt den Wert der These:
„Was ist das Besondere an biologischen Systemen [...], das ausgerechnet
ihnen erlaubt, Intentionalität oder Semantik zu erwerben?“ (1991, S.
21). Aus der Warte von Penrose sind Searles Spekulationen ohnehin unnötig;
denn nicht die stoffliche Eigenart des Menschen, sondern der Charakter
formaler Systeme liefert das schlagende Argument, mit der die Vorstellung,
menschliches Denken und algorithmische Operationen seien (zumindest in
funktioneller Hinsicht) identisch, ad absurdum geführt werden kann. Die
Existenz der Gödelschen Unvollständigkeitssätze zeigt, dass der
menschliche Verstand dazu fähig ist, die Grenzen formaler Systeme zu
erkennen und zu überschreiten. Hier manifestiert sich eine Art des
Verstehens, die sich nicht in der Produktion und Befolgung von
mathematischen Regeln erschöpft. Der Geist besitzt vielmehr Zugang zu
einer gleichsam Platonischen Welt logischer Entitäten, deren Gestalt
durch kein Computerprogramm simulierbar ist. Ein ähnlich gelagertes
Argument trägt Klaus Mainzer vor: Sowohl die Gödelschen Sätze als auch
„die mathematische Theorie“, die das Verhalten „nicht-linearer
dynamischer Systeme“ untersucht, liefern Belege dafür, dass die
„Vernunft über alles, was sie zu formalisieren vermag, hinausgehen“
kann, und dass die „Phantasie [...] dissipativ und irreversibel, nicht
programmierbar und nicht reproduzierbar“ ist (1994, S. 780).
Bei Mainzer dient der Hinweis auf Gödel und die Chaos-Theorie aber nicht
einer raffinierten Dekonstruktion der künstlichen Intelligenz. Vielmehr
schafft die Selbstrelativierung der avancierten Mathematik den
Protagonisten der KI-Forschung erst freie Bahn.
Weil die prinzipielle Überlegenheit der gattungsspezifischen Vernunft
mathematisch bewiesen ist, wird die „uralte Angst des Menschen“ vor
einer Wissenschaft „hinfällig“, die ihn „durchschaut“ und am Ende
in „eine mechanische Puppe“ (ebd.) verwandelt. Nachdem dieses heikle
Problem beseitigt ist, kann die KI-Zunft ihre ambitionierten Projekte
verfolgen, ohne sich bei jedem ihrer Schritte erkenntniskritischen und
ethischen Reflexionen zu unterwerfen. Von der eingetretenen Entlastung
profitiert auch die Philosophie. Denn das kritische Denken muss sich nicht
länger als Hüter einer Lebensform aufspielen, die vielleicht durch die
KI oder andere Richtungen der Informatik bedroht ist. Der Philosophie
verbleibt die angenehme Rolle, Stärken und Schwächen der aktuellen
Lehrmeinungen zu beurteilen und den Stand der Forschung in den einzelnen
Disziplinen miteinander zu vergleichen. Aus solcher Distanz lässt sich
dann zum Beispiel behaupten, dass die „neurobiologischen Begriffe auf
dem Niveau der modernen Logik noch nicht greifen“ (ebd., S. 774). Und
dies bedeutet: Die Biologie muss im Begriffsdesign mit der Mathematik erst
noch gleichziehen, bevor an eine praktische Integration beider
Wissenschaften zu denken ist. Der schon bereitgestellte „Theorierahmen
komplexer dynamischer Systeme“ liefert aber immerhin einen
Kriterienkatalog, dem Biologie und Informatik genügen müssen, um die
erstaunlichen „Phänomene des Geist-Gehirn-Systems“ (ebd., 779)
aufzuklären und sie dann ggf. (mit stetiger Rücksicht auf das
nicht-formalisierbare Transzendierungspotenzial der Vernunft) auch zu
simulieren. Mainzers äußerst moderate Version einer Philosophie der
Computertechnik beruht auf umfangreichen Fachkenntnissen im Bereich von
Logik und Informatik und einer nicht minder kundigen Einschätzung der
Urteilskompetenzen, die sich philosophische Reflexion heute noch zumuten
kann und anmaßen darf. Aber seine Texte hinterlassen einen merkwürdigen
Eindruck: Die ernsthafte Frage, ob die Computer als „neue Flügel des
Geistes“ (1994) in die Weltgeschichte eingehen werden, scheint die
Schwingen der Philosophie gestutzt zu haben.
Weitaus schärfere
und engagiertere Kommentare zur KI-Entwicklung liefert seit Jahren der
Philosoph Hubert Dreyfus,
der sich auch mit Studien zu Foucault einen Namen gemacht hat. Aus seinem
Windschatten sind 1986 die Informatiker Terry Winograd und Fernando Flores
hervorgetreten und haben „zur Neugestaltung von Computersystemen“
aufgerufen. Alle drei Autoren und viele andere, die ihnen gefolgt sind,
verlassen sich nicht auf die internen Kontroll- und Lernmechanismen der
einmal entfesselten informatischen Praxis. Die lehrreichen Erfahrungen mit
der Formalisierungsgrenze, die Gödel aufgezeigt hat, kommen nämlich –
soviel lehrt die anhaltende Softwarekrise – zu spät. Daher ist es nötig,
nachdrücklich darauf aufmerksam zu machen, dass die KI, aber auch weite
Teile der sog. Kern-Informatik, auf verfehlten Konzepten von Sprache und
Kognition beruhen.
Dreyfus greift Analysen von Heidegger und Merleau-Ponty auf, Winograd/Flores
beziehen sich primär auf Heideggers und Gadamers Kritik der
rationalistischen Tradition und verbinden sie mit Studien zur biologischen
Selbstorganisation, die Maturana und Varela vorgelegt haben. Folgt man den
genannten Theoretikern, so erschließen sich Menschen ihre Welt durch eine
leiblich-sprachliche Praxis, die stets auf ein implizites
Hintergrundwissen, das die lebensnotwendige Vertrautheit stiftet,
angewiesen ist.
Erkenntnis erscheint dann nicht mehr als eine symbolische Repräsentation
der vorhandenen Einzeldinge und Ereignisse, sondern als ein ganzheitlicher
Entwurf, der sich in der jeweiligen konkreten Handlungssituation bewähren
muss und einer beständigen, zumeist unbewussten Korrektur unterliegt.
Dreyfus’ und
Winograd/Flores’ Versuch, bestimmte philosophische Einsichten verständlich
dazustellen und unter Informatikern zu popularisieren, hat in Fachkreisen
der KI manchen Widerspruch provoziert, aber auch erheblichen Anklang
gefunden. Ohnehin sieht sich 1986, im Erscheinungsjahr von Understanding
Computers and Cognition, die ‚harte’ KI bereits in die Defensive
gedrängt. Rumlhart/McClelland publizieren ihr begeistert aufgenommenes
Buch Parallel Distributed Processing: Explorations in the
Microstructures of Cognition. Ein Paradigmenwechsel wird verkündet
und schon wenige Jahre später formiert sich im Kielwasser von David
Chapmans Werk über Vision, Instruction, and Action (1991) die sog.
‚interaktive KI’. Winograd/Flores’ Wunsch, durch die hermeneutisch
inspirierte Sicht auf Sprache, Handlung und Wissensproduktion eine veränderte
Form des Umgangs mit Computern zu ermöglichen und für alternative
Softwareprojekte den Weg zu ebnen, geht – wie man glauben könnte –
endlich in Erfüllung. Doch zur Euphorie besteht noch kein Anlass. Dreyfus
weist darauf hin, dass auch die ‚interaktive KI’ die sprach- und
handlungstheoretischen Mängel der klassischen Ansätze nicht beheben
kann. Die neuen Konzepte orientieren sich zwar an „Heideggers Phänomenologie
der Alltagslebens“, versuchen aber nicht, „seine Darstellung der
Hintergrundvertrautheit umzusetzen“ (Dreyfus 1993, S. 668). Obschon sie
in vieler Hinsicht Vorteile gegenüber der „good-old-fashioned AI“
aufweisen, fehlt den künstlich neuronalen Netzen – nicht anders als den
alten KI-Systemen – „die Fähigkeit, Situationen zu erkennen, in denen
das von ihnen Gelernte unangemessen ist“ (ebd., S. 674).
Diese kritischen Bemerkungen klingen entschieden und klar, dennoch haftet
ihnen eine gewisse Zweideutigkeit an. Als Hermeneutiker und
Diskursanalytiker nimmt Dreyfus an, dass die impliziten Voraussetzungen
der menschlichen Praxis reflexiv eingeholt, wenn auch nicht formalisiert
werden können. Daher ist klarzustellen: Den Vertretern der neuen Konzepte
gebührt kein Tadel, weil sie eine algorithmische Darstellung der sog.
„Hintergrundvertrautheit“ erst gar nicht versucht haben. Vorhaltungen
wären nur dann angebracht, wenn sie den Rekurs auf Heidegger als
Legitimation eines exzessiven Formalisierungsprojekts und nicht als
Anleitung zur Bescheidenheit benutzen würden. Aus hermeneutischer Warte
kann die Computertechnik einen sinnvollen Beitrag zur menschlichen
Lebenspraxis leisten, indem sie in erster Linie unterstützende Aufgaben
übernimmt und nur in Bereichen zum Einsatz kommt, in denen sicher
gestellt ist, dass Chancen und Gefahren in einem ausgewogenen Verhältnis
zueinander stehen.
Die genannte
Zweideutigkeit in Dreyfus’ Kritik an der ‚interaktiven KI’ ist aber
nicht durch eine schlichte Präzisierung ihrer Stoßrichtung und
Reichweite zu beheben. Denn sie verweist auf Probleme des hermeneutischen
Ansatzes, die für eine aktuelle Philosophie des Computers besonders
relevant sind. Damit meine ich nicht den generellen dekonstruktiven
Einwand gegen die Hermeneutik, welcher besagt, dass der alltagsweltliche
Horizont des Verstehens und der Vertrautheit gar kein verbürgter Ort der
Orientierung ist, sondern ein heterogenes und fragmentiertes Feld, in dem
jede Markierung prinzipiell unsicher und strittig ist. Ich verzichte hier
auf die Diskussion dieses Einwandes. Es geht mir vielmehr 1. um Genese und
Status des impliziten Wissens unter Bedingungen der spätmodernen
‚Informationsgesellschaft’ und 2. um die normativen Bindungen (commitments),
die wir nach Winograd/Flores im Vollzug unserer Sprechakte auch dann
eingehen, wenn wir sie explizit leugnen oder durch unser Verhalten in
Abrede stellen.
Die leib- und
kontextgebundenen Modi des Alltagswissens, die Menschen dazu befähigen,
sich eine Welt des Handelns zu erschließen, mögen immun gegen jede Art
der Formalisierung sein, sie sind heute aber in einer bislang noch nicht
gekannten Weise durch avancierte Kommunikationstechnologien geprägt. Ihre
ausgiebige Nutzung ist Teil des gewöhnlichen Lebens mit all seinen
unbefragten Selbstverständlichkeiten und Routinehandlungen geworden. Die
Annahme, „dass es gerade die vortechnischen Aktivitäten sind, die
wirklich befriedigend und identifizierend sind“ (Lenk 1994, S. 58), hat
daher kaum noch diagnostischen Wert. „Durch die Artifizialität der
Informationssphäre verändern sich auch die aisthetischen
Rahmenbedingungen der herkömmlichen Hermeneutik“ (Capurro 1995, S. 73).
Und mit den modifizierten „Wahrnehmungsmöglichkeiten“ (ebd.) nehmen
die existentiellen Selbstentwürfe eine neue Gestalt an. Auch die
leibliche Verankerung kognitiver und kommunikativer Akte unterliegt durch
die medial produzierten Körperbilder und die computertechnisch ermöglichten
neuartigen Körpererfahrungen einem gravierenden Wandel (vgl. Ellrich
1997b, 2000). Voreilig und unbegründet wäre es freilich, aus diesem
Umstand zu schließen, dass die elektronischen Medien „das
unhintergehbare historische Apriori unseres Weltverhaltens“ (Bolz 1993a,
S 113) geworden sind. Dennoch kann der Rekurs auf ein implizites Wissen,
das sich nur durch phänomenologische bzw. hermeneutische Analysen
erfassen lässt, nicht mehr die entscheidenden Kriterien liefern, um Sinn
und Unsinn der Computertechnik zu beurteilen. Das zeigt sich besonders
deutlich an den ethischen Fragen, die ihr Einsatz aufwirft.
III.
Moralische Aspekte der Computertechnik
Dreyfus,
Winograd und Flores stellen nicht bloß epistemologische Überlegungen an.
Sie richten einen moralischen Appell an Ingenieure, Softwareentwickler und
reflektierte Nutzer. Sie verstehen Computerphilosophie als Beitrag zum
abendländischen Projekt der Philosophie, das „Einsicht in das Gelingen
unserer Praxis“ gewinnen und eben das „Gute“, das eine gelungene
Praxis auszeichnet, zugleich fördern will (Menke 2003, S. 243). Der
Umgang mit der Computertechnik kann – so lautet die These – in eine
gelungene Praxis nur einmünden, wenn bestimmte Irrtümer, die mit der
Implementierung dieser Technik verknüpft sind, erkannt und korrigiert
werden: Problematisch und philosophisch relevant ist die Computertechnik,
weil sie Entwickler und Anwender dazu verleitet, von den Voraussetzungen
ihrer Tuns abzusehen. Diese Blindheit für die latenten Grundlagen des
Handelns hat gravierende, aber keine irreparablen Folgen. Die Effekte des
Computereinsatzes reichen jedoch nicht aus, die konstitutive Basis aller
operativen Prozesse, die symbolische Maschinen durchführen, aufzulösen
und durch ein anderes Fundament zu ersetzen, das die Übertragung
von Information ganz ohne lebensweltliches ‚Vorverständigtsein’ ermöglicht.
Eine durch die Brille der Formalisierung betrachtete und entsprechend
modellierte Welt erweckt nur den Anschein, sie besäße den gleichen oder
sogar einen höheren Wirklichkeitsgehalt als eine durch implizites Wissen
erschlossene Welt. Diese Suggestion beeinträchtigt die Kraft
lebensweltlicher Sinnbildung und ist daher auch eine Gefahr für das
kommunale Leben. Denn sie erzeugen keine medial erweiterten,
sondern verengte und reduzierte Beziehungen zwischen den
Menschen. Die Effekte der digitalen Medien sind allerdings begrenzt. Der
Computer ist außer Stande, seine nicht-formalen Voraussetzungen
aufzuzehren und sich ganz auf sich selbst zu gründen. Daher ist eine
Revitalisierung der verschütteten Grundlagen informations-technischer
Verfahren durch Akte hermeneutischer Reflexion erforderlich.
Auf der Folie
dieser Diagnose gelangen die hermeneutischen Theoretiker zu dem Fazit,
dass die Informationstechnik eine ethische Herausforderung ersten Ranges
darstellt, auf die die Betroffenen mit verantwortlichem Handeln reagieren
können. Es steht den Menschen prinzipiell frei, ob sie sich die
interpretativen Rahmenbedingungen, in denen sie Computerprogramme
entwickeln und einsetzen, vergegenwärtigen und sich darauf in ihren
Gestaltungsintentionen einstellen, oder ob sie sie abblenden und nicht
wahrhaben wollen. Wenn sie letztere Alternative wählen, dann richten sie
sich in einer sozialen Welt ein, die sich dem technologischen Schein
unterworfen hat, und verzichten darauf, die vitalen Ressourcen, die eine
sprachlich konstituierte Welt enthält, zu nutzen.
Gegen diese
zwar alarmierende, aber zugleich auch Heilmittel anbietende Auffassung
lassen sich nun nicht allein Einwände machen, die den
informationstechnisch veränderten Status des impliziten Wissens betonen,
sondern auch Bedenken erheben, die die Geltungskraft eben jener Moral in
Frage stellen, auf die das hermeneutische Argument noch blindlings
vertraut. Gedeckt durch weitausholende historische Analysen hat Sybille Krämer
(1988, 1992, 1993) das ethische Grundproblem, das der Computer erzeugt,
herausgearbeitet. Ihre These lautet: Mit der neuzeitlichen
Wissensexplosion kommt ein Formalisierungsprozeß in Gang, der einen
eigenständigen, nicht mehr lebensweltlich rückgebundenen und d.h.
verstehend auch nicht mehr zugänglichen Bereich geschaffen hat. Diese
emergente Sphäre einer selbstreferentiellen Zeichenwelt, deren Strukturen
allein durch das Möglichkeitsspektrum algorithmischer Codierung geprägt
sind, schafft eine merkwürdig ethik-averse Zone. Kommt es nun im Zuge
wissenschaftlicher Entwicklung zu einer breitgestreuten, alle Grenzen
ignorierenden Anwendung informationstechnischer Produkte, so werden die
jeweiligen Gegenstandsfelder regelrecht über-formt. Und dies führt
letztlich dazu, dass in diesen Bereichen die Quellen ethischer
Orientierungen und Begründungen, die den Umgang mit den technischen
Apparaturen normativ kontrollieren könnten, versiegen.
Dreyfus und
Winograd/Flores unterstellen – wie oben dargelegt – die Vorgängigkeit
eines nicht-formalen Sinns, von dem die Formalisierung unbemerkt zehrt und
von dem sie sich auch in seiner Verstellung niemals völlig abkoppeln
kann. Daraus ergibt sich die vorsichtig optimistische Folgerung, dass die
wirklichen Bedingungsverhältnisse aufgedeckt, falsche Konzepte von den
Potenzialen und Wirkungen der Computertechnik ausgeräumt und Kriterien für
einen angemessenen Einsatz des Rechners geliefert werden können. Alles
weitere ist dann eine Frage des guten Willens der Betroffenen und
Beteiligten.
Krämer geht
zwar ebenfalls von einer grundsätzlichen Differenz formaler und
nicht-formaler Sinn- und Repräsentationsbereiche aus, gibt aber die
Annahme einer unaufhebbaren, wenngleich kaschierbaren Abhängigkeit der
einen von der anderen Sphäre preis. Sie schreibt stattdessen dem
nicht-formalen Bereich die Unfähigkeit zu, gegenüber formalisierenden
Eingriffen resistent zu bleiben und seine originären Sinnstrukturen zu
bewahren: Denn das „ethische Fundament“ der Moderne wird einer
Revision unterzogen (1992, S. 340). Die informale Grammatik ethischer Abwägungen
und Entscheidungsfindungen nimmt dadurch einen Schaden, der nicht zu
reparieren, sondern allenfalls einzudämmen ist. In späteren Arbeiten hat
Krämer diese Position argumentativ angereichert und sie mit einer Pointe
versehen, die ihre Diagnose nur scheinbar abmildern: In den neunziger
Jahren ändert sich mit der Etablierung des PCs und den ständig
wachsenden Zahlen der Internet-Nutzer die Einstellung zum Computer. Er
„fasziniert nicht mehr so nachhaltig als Instrument der Intelligenzverstärkung,
sondern beschäftigt eher als Medium der Kommunikation“ (1998, S. 10).
Dies hat jedoch keine Einbindung des Computers in bereits bestehende
Formen sozialer Interaktion zur Folge, sondern – im Gegenteil – die
Produktion einer post-sozialen Sphäre, die nicht mehr den alten Regeln
gehorcht. Der Index von Anonymität zum Beispiel, mit dem das Internet
nach Wunsch und Bedarf der Akteure jede Kommunikation versieht, sorgt für
eine eigentümliche Fiktionalisierung des Geschehens. „Von den
moralischen, politischen, rechtlichen Verankerungen unserer ‚gewöhnlichen’
Kommunikation“ wird gerade abgesehen (1997, S. 96f.). Im
„elektronischen Netz“ bildet sich eine Art der Interaktion, die nach
herkömmlichem Verständnis eher dem „alltagsweltentlasteten
‚Spiel’“ als dem „alltagsverstärkenden ‚Ernst’ zugehörig
ist“ (ebd., S. 98).
Die hier benutzte Unterscheidung von
Spiel und Ernst ist ein theoretisches Provisorium. Für die neuartigen
Verhältnisse fehlen offenkundig noch die ‚passenden’ Begriffe.
Unverkennbar ist allerdings, dass die basalen „commitments“, von denen
Winograd/Flores sprechen, durch den derzeit vorherrschenden
Computereinsatz gekappt werden. Krämers Thesen lassen sich mit
soziologischen Untersuchungsergebnissen stützen, die die Erosion der
normativen Bestände in spätmodernen Gesellschaften konstatieren. An die
Stelle von Wertbindungen und Normorientierungen treten nämlich zunehmend
‚normalistische’ Konzepte des Handelns und Erlebens, bei deren Aufbau
die neuen Medien eine kaum zu überschätzende Rolle spielen (vgl. Ellrich
2001). Derartige Befunde muss eine Philosophie des Computers, die einen
Beitrag zur politischen Philosophie leisten möchte, sorgfältig
studieren. Die aktuellen Prozesse der Globalisierung, die vorhandenen
technischen Möglichkeiten der Kontrolle und Überwachung, die sich
abzeichnenden Formen des ‚Cyberkrieges’, die merkliche
Umstrukturierung der demokratischen Öffentlichkeit, die gravierenden Änderungen
auf dem Arbeitsmarkt – all dies und mehr lässt sich philosophisch
gehaltvoll nur dann thematisieren, wenn zuvor geklärt ist, welch
tiefgreifenden Einfluss die Computertechnik auf den sog. ‚moral point of
view’ der modernen Menschen nimmt. Ein solches Unterfangen wird auch
haarsträubende Ideen zur moralischen Qualität der Gattung in die
Diskussion einbeziehen und auch (wie z.B. im Film Blade Runner
vorgeführt) die Frage zulassen müssen, ob Roboter nicht am Ende die
besseren Menschen sind. Peter Sloterdijk hat angesichts der Tatsache, dass
die Evolution bisher nur wenige großzügige und gutartige Exemplare
hervorbrachte, provokante und weithin diskutierte Überlegungen
angestellt: Die erforderliche ‚Humanisierung’ der hinter ihren eigenen
Ansprüchen deutlich zurückbleibenden Gattung könne nur geleistet
werden, wenn wissenschaftliche und politische Eliten (unter
philosophischer Anleitung) den Mut aufbringen, Projekte zur biologischen Züchtung
moralisch hochwertiger Individuen einzuleiten. Vergleichbare Denkübungen
ließen sich mit Blick auf den Computer durchführen. Ekkehard Martens hat
das Problem auf den Punkt gebracht: „Die verantwortliche Anwendung von
Computern könnte aus ethischen Gründen die Forderung nahe legen, dass
der Mensch als fehlerhaftes, irrationales Subjekt möglichst ausgeschaltet
werden sollte. Computerethik wäre im Interesse menschlichen Glücks Sache
eines Ethik-Computers“ (Martens 1993, S. 144).
IV. Fünf Aufgaben einer zukünftigen
Medienphilosophie des Computers
(1) Charakteristisch für die
Philosophie ist ihr vordringliches Interesse an einer Klärung von
Grundbegriffen. Die philosophische Arbeit am Begriff „Computer“
erfordert deshalb Auskünfte darüber, was mit Computation oder Berechnung
gemeint sein könnte. Ob Denken, Fühlen, Wollen etc. etwas mit Berechnung
im Sinne der Turing-Church-These oder mit den Formen der verteilten
Berechnung zu tun haben, ist eine weitere Frage, die ihren Reiz (trotz
vieler enttäuschender Studien zum Thema) sobald nicht verlieren wird. Wünschenswert
wäre neben solchen Beiträgen aber auch ein kritischer Kommentar zur gängigen
(und auch von mir strapazierten) Rede von ‚dem’ Computer. Dass es ein
Kompaktphänomen, welches so genannt werden könnte, im strengen Sinne
nicht gibt, ist etlichen Sprechern/Hörern durchaus bewusst; gleichwohl
verwenden sie gewöhnlich diesen Ausdruck, der eine Einheit des
bezeichneten Objekts suggeriert, die sich bei genauerer Analyse der
technischen Gegebenheiten und der vielfältigen Gebrauchsweisen auflöst.
Der Rekurs auf die Turing-Maschine als ‚Urform’ des Computers stiftet
in diesem Zusammenhang mehr Verwirrung als Einsicht. Wer unbedacht von
‚dem’ Computer spricht, operiert mit einer metaphorischen Verdichtung,
die zumeist praktisch, doch nicht immer erhellend ist. Hier könnte die
Philosophie einen Beitrag zur Suche nach geeigneten Sprechweisen leisten.
(2) Man findet – wie bereits dargelegt
– auf dem Feld der Computerphilosophie einerseits Aussagen über
das Medium Computer und andererseits Argumente, in denen eine bestimmte
Definition des Computers als Modell des Geistes, des Lebens, der
Erkenntnis etc. fungiert. Diese beiden Sichten sind nun dringend durch
eine dritte zu ergänzen, nämlich eine Art philosophischer Performance
von Einsichten, die sich nur dann ergeben, wenn ‚der’ Computer nicht
als Gegenstand oder als lehrreiches Beispiel, sondern selbst als Medium
der Reflexion verstanden wird.
Bei diesem Unterfangen ist allerdings der Weg zu meiden, den Vilém
Flusser einschlägt. Für ihn sind „numerisierte Bilder auf
Computerschirmen“ das zeitgemäße Medium des Denkens: „Man kann und
soll nicht weiter in Worten philosophieren, wenn es jetzt einen Code gibt,
der bildlich darstellt, wofür Worte nicht mehr kompetent sind“ (1998,
S. 190). Flussers paradoxe Anstrengung, den Verzicht auf Worte mit Worten
zu begründen und die referenzlosen Bilder des Computers zu feiern, ist
nicht überzeugend. Wesentlich ergiebiger wäre es, die Computertechnik
als Medium zu fassen, das die Differenz von Schrift und Bild relativiert
und neue hybride Darstellungs- und Ausdrucksweisen entstehen lässt.
(3) Die Philosophie muss – auch darauf
wurde schon hingewiesen – einen ausreichend komplexen Begriff des
erstaunlichen Phänomens Computer entwerfen. Dies setzt voraus, dass man
stärker als bisher den Zusammenhang von zwei Aspekten analysiert, welche
auf den ersten Blick kaum gegensätzlicher sein könnten. Die
Computertechnik fasziniert sowohl durch die ungeheuren Mittel zur
Steuerung und Kontrolle, die sie bereitstellt, als auch durch die
permanente Erfahrung von „Unkontrollierbarkeit“ und
„Unvorhersehbarkeit“ (Esposito 2003, S. 29), der sie Gestalt verleiht.
Möglicherweise bahnt sich bei der noch ausstehenden Analyse der widersprüchlichen
Konstellation ein Revival dialektischer Denkfiguren an.
(4) Die gesellschaftliche Bedeutung
‚des’ Computers lässt sich im Rahmen einer Medienphilosophie nur
bestimmen, wenn dieses neue Projekt einerseits technik- und
kulturphilosophische Überlegungen zusammenführt und andererseits die
Frage nach der ‚Pathologie des Sozialen’ nicht aus
den Augen verliert. Um das zu erreichen, sind interdisziplinäre Diagnosen
nötig. Ob eine fächerübergreifende Forschung und Verständigung
gelingt, hängt von zahlreichen Faktoren ab. Ein erster Schritt besteht
wohl darin, den methodisch begrenzten Versuch von Dreyfus und Winograd/Flores
mit alternativen Ansätzen fortzuführen. Die Medienphilosophie sollte
hierzu ohne Scheu Anregungen aus den Reihen der technischen Experten
aufgreifen. Dass solche Impulse schon vorliegen, sei durch ein Zitat
belegt, das ich einem Text des Informatikers Jörg Pflüger entnehme:
„In der maschinellen Nachbildung einer sich evolutiv organisierenden
Wissensform wird die Informatik zum Vorbild für einen generalisierbaren
Zugang zur Welt. Die Computertechnologie stellt so für den Menschen eine
äußere Repräsentanz dar, an der sich sein Weltbild festhalten und sein
Menschenbild ausformen kann. Sie garantiert gleichermaßen seiner
Weltdeutung eine gewisse Zuverlässigkeit und verleiht seiner
Selbstdeutung Außenstabilität“ (1992, S. 393). Diese These eines
philosophierenden Computerfachmanns macht schlagartig klar, welchem Erklärungsanspruch
eine professionelle Medienphilosophie, die sie sich der Computertechnik
zuwendet, genügen muss.
(5) Alle bisher genannten Aufgaben sind
gewissermaßen Vorübungen für die entscheidende Leistung, die die
Medienphilosophie des Computers zu erbringen sucht. Es geht letztlich um
die Frage, ob es sinnvoll ist, neben der mimisch-gestischen,
oral-auditiven, literalen bzw. chirografischen und typografischen auch von
einer telematischen Prägnanz
zu sprechen, die maßgeblich durch das aktuelle Leitmedium Computer
bestimmt wird. Wie aber lässt sich zeigen, dass es ‚eigenartige’
Denk- und Handlungsweisen, Einstellungsmuster und Weltsichten gibt, die
der Umgang mit dem Computer fordert und fördert? Für viele Autoren sind
die umwälzenden Effekte des neuen Mediums bereits eine ausgemachte Sache.
Immer wieder wird z.B. behauptet, dass die Computertechnik, sobald sie
ausgiebig zum Einsatz kommt, bei professionellen Akteuren ebenso wie bei
Gelegenheitsnutzern den Sinn für die unhintergehbare Kontingenz ihrer
Unterscheidungen und Entscheidungen schärft. Diese auf den ersten Blick
recht plausible These lässt sich nun allerdings auf gegensätzliche
Weisen ausbuchstabieren: Einmal läuft sie auf die Vermutung heraus, dass
die reizvollsten Anwendungen des Computers den „grundsätzlich
konstruktivistischen Charakter von Wirklichkeit, die Interpretativität
all unserer Wirklichkeitsauffassungen zu Bewusstsein bring(en)“ (Welsch
1998, S. 241), zum anderen mündet sie in die (von Kittler und Bolz
propagierte) Vorstellung ein, dass der Computer „Klartexte“
hervorbringt, die immer auch anders ausfallen können und sich trotzdem
ohne deutende Anstrengung entziffern lassen. Neben solch radikalen
Ansichten hat eine weitere starke These, die oben bereits erwähnt wurde,
große Beachtung gefunden. Schenkt man ihr Glauben, so führt der
Computereinsatz zur Ausbreitung jener dekonstruktiven und rhizomatischen
Denk- und Schreibweisen, die Derrida und Deleuze vorexerzierten. Die
digitale Technik, die letztlich auf der Differenz ‚Strom ein’/‚Strom
aus’ beruht, erzeuge, so heißt es, hybride Gebilde und untergrabe
traditionelle binäre Schemata wie wahr/falsch, wirklich/scheinhaft,
authentisch/simuliert, poetisch/wissenschaftlich, buchstäblich/metaphorisch,
weiblich/männlich etc.
Um den Erkenntniswert dieser und ähnlich
gelagerter Aussagen, die sich teils überschneiden, teils widersprechen,
beurteilen zu können, darf die Medienphilosophie nicht bloß den Wandel
der philosophischen Paradigmen und Moden (seit der Einführung des
Computers) als Indikator in Betracht ziehen, sie muss auch die Ergebnisse
der empirischen Sozialforschung berücksichtigen. Erst die eingehende
Untersuchung von Personen, die sich intensiv und andauernd mit dem
Computer beschäftigen, liefert das nötige Basiswissen über die prägende
Kraft des neuen Mediums. Zwingende Beweise für bestimmte Annahmen sind
freilich auch hier nicht zu erwarten; denn das in qualitativen und
quantitativen Studien erhobene Datenmaterial wird (trivialerweise) von den
eingesetzten Forschungsmethoden beeinflusst und unterliegt den Auslegungen
der Beobachter und Interviewer. Aber man erhält zumindest signifikante
Angaben darüber, welche Theorien nur aufregende (z.B. Angst schürende
oder Hoffnungen weckende) Spekulationen anzubieten haben und welche Überlegungen
einigermaßen zu den empirischen Befunden ‚passen’. Aus den
Selbstbeschreibungen der Computerprofis können – so lautet meine These
– Schlüsse gezogen werden, die wertvolle Erkenntnisse über die
(bereits vorhandene und zukünftig wohl noch deutlicher hervortretende)
mediale Prägnanz des Computers stiften. Ich möchte daher vorschlagen,
dass die medienphilosophische Reflexion der bislang avanciertesten
Kommunikations- und Simulationstechnologie sich an einigen interessanten
Befunden der qualitativen Sozialforschung orientiert:
Die Computerprofis besitzen einen
durchaus ‚postmodernen’ Sinn für offene Situationen, pflegen eine
relativistische Haltung gegenüber Normen und Werten und verstehen den
Computer als eine Technologie, die Sphären des Spiels, der Variation, der
Unbestimmtheit zugänglich macht. Zugleich aber (und das wird in den gängigen
Darstellungen ignoriert) betonen sie, dass diese affirmative Haltung zur
Kontingenz nur ein vorübergehender Zustand ist, der sich gerade mithilfe
des Computers überwinden lässt. Offenbar ermöglicht das Medium Computer
durch sein Virtualisierungspotential eine Sicht auf Realität, die die
Subjekte dazu bewegt, prinzipiell alle eingespielten Denk- und
Verhaltensmuster zur Disposition zu stellen. Es gewährt ihnen jedoch auch
die Gewissheit, dass in nicht allzu ferner Zukunft eine neue verbindliche
Ordnung entstehen wird. Die Computertechnik scheint also ein Denken zu fördern,
dass die kurzfristige Hingabe an das Unbestimmte mit der Erwartung einer
baldigen Epiphanie des Eigentlichen verknüpft.
Wenn man zu ergründen versucht, wie es
zu dieser widersprüchlichen Einstellung kommen kann, stößt man auf eine
eigentümliche Konstellation. Auffallend und überraschend ist, dass die
Computerprofis den provisorischen Zustand begrüßen und affirmieren,
dessen Überwindung sie gleichzeitig prophezeien und herbeisehnen.
Kontingenz löst bei ihnen (wie sie zugeben) im Grunde Unbehagen aus und
wird doch ganz gelassen hingenommen. Woher stammt diese Sicherheit, dieser
Mangel an Nervosität? Auf der Basis meiner Untersuchungen möchte ich
hier eine bündige Antwort geben: Nicht weil sie durch ihre Computerpraxis
lernen, die plötzlich errungene Freiheit von subjektiver Identität zu
genießen und sich als multiple Persönlichkeiten zu entfalten, sondern
weil sie eine neue, verblüffend feste Identität finden, sind die Profis,
die ich befragt habe, so aufreizend entspannt und ertragen geduldig die
instabilen Verhältnisse, die sie eigentlich gar nicht schätzen. Im
Umgang mit dem Computer entsteht nämlich eine Ich-Einheit, die
hinreichend tragfähig ist, um die Erfahrung mit zunehmender sozialer
Unverbindlichkeit produktiv zu verarbeiten. Das Fundament der neuen
subjektiven Identität – und das ist entscheidend – wird durch die
Kopplung von Körper und Computer gelegt, ohne dass die Hilfsmittel des
Cybergeschirrs ins Spiel kommen müssen. Es setzt sich gerade nicht aus
Erlebnissen zusammen, die die Akteure mit einem mentalistischen Vokabular
beschreiben, sondern bildet sich im direkten Kontakt mit dem Rechner und
seinen diversen Zuständen, die gleichsam erspürt werden. Der Computer
ist für den Personenkreis, der sich ihm bei aller virtuosen Handhabung
auch immer ausliefert, weniger eine „Geistmaschine“ (Schachtner 1993),
als vielmehr ein Motor des leiblichen Bei-sich-Seins. Hier liegt seine
identitätsstiftende Kraft. – Eine Medienphilosophie, die das ignoriert,
dürfte zum Verständnis der erstaunlichen Beziehung zwischen Mensch und
programmierbarer Universalmaschine nur geringe Beiträge liefern können.
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Letztes Update am 16.11.05 von Gereon
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