Inhalt der Ausgabe 1/2006:
Lusophone Literaturen und Kulturen im Kontakt (Sektion im Rahmen des VI. Lusitanistentages in Leipzig)

Inhaltsverzeichnis

Vorwort:
Lusophone Literaturen im Kontakt
1
Marga Graf
Dialog der Kontinente: Afrika versus Brasilien im Roman O ano em que Zumbi tomou o Rio von José Eduardo Agualusa
5
Claudius Armbruster
Brasilien, Angola und Portugal bei Agualusa
23
Christoph Müller
Das Brasilienbild in der Dichtung der Kapverdischen Inseln
46
Helmut Siepmann
Von der Notwendigkeit der Differenz: Saramagos Roman O Homem Duplicado
54
Hubert Pöppel
Das Klonen von Menschen in Zeiten des Menschenparks: Utopie und Anti-Utopie bei João Ubaldo Ribeiro (O sorriso do lagarto) und Michel Houellebecq (Les particules élémentaires)
60
Alexandre Martins
Umkehr des Kulturvektors? Über die Rolle des brasilianischen Nordostromans im portugiesischen Neo-Realismus
73
Gunnar Nilsson
Filmische Antropophagie in schwarzem Kleid: "Terra estrangeira" und der amerikanische Film noir
82
Cornelia Sieber
Construção e desconstrução duma identidade portuguesa no contacto com o Oriente: Os Lusíadas e a Peregrinação
105
Autorenverzeichnis
118


Vorwort: Lusophone Literaturen und Kulturen im Kontakt


Die von Claudius Armbruster, Christop Müller und Helmut Siepmann organisierte Sektion des 6. Deutschen Lusitanistentages in Leipzig hatte sich unter dem Titel, "Lusophone Literaturen und Kulturen im Kontatkt" zum Ziel gesetzt, die Verbindungslinien zwischen den verschiedenen Ländern portugiesischer Sprache in den Bereichen Literatur, Medien, Sprache, Gesellschaft und Geschichte zu erforschen. Die Ergebnisse der Sektionsarbeit finden sich in diesem Band in überarbeiteter Form.

Marga Graf (Aachen) befasst sich in ihrem Beitrag "Dialog der Kontinente: Afrika versus Brasilien im Roman "O ano em que Zumbi tomou o Rio" von José Eduardo Agualusa" mit dem Buch des angolanischen Schriftstellers O Ano em que Zumbi tomou o Rio (2002) über eine Favelarevolte in Rio de Janeiro. Dieser Roman berührt das brasilianisch-angolanische Verhältnis insoweit, als in der Romanfiktion frühere angolanische Offiziere die bewaffneten Drogenbanden aus der Favela Morro da Barriga in Rio de Janeiro mit Waffen versorgen und trainieren und ein angolanischer Journalist das Geschehen dokumentiert und kritisch hinterfragt. In diesem Zusammenhang wird dann auch die Frage nach einer wirklichen Entkolonialisierung, in der Brasilien seine schwarze, afrikanische Tradition integrieren und wertschätzen müsste, aus angolanischer Sicht gestellt. Zum einen stellt Agualusa die Gemeinsamkeiten Angolas und Brasiliens in Geschichte und Gegenwart dar, zum anderen kritisiert er, vor allem durch die Perspektive seiner angolanischen Mittelpunktsfiguren, die Diskriminierung der Afrobrasilianer durch die weißen Eliten und die Probleme Brasiliens, das afrikanische Erbe des Landes zu akzeptieren und zu valorisieren.

Claudius Armbruster (Köln) untersuchte denselben Roman O Ano em que Zumbi tomou o Rio (2002) im Vergleich mit Agualusas bekanntem historischen Roman Nação Crioula (1997). Dabei werden einige Konzepte, die die Gemeinsamkeiten der lusophonen und lusographen Welt zu kategorisieren versuchen, in der Analyse der beiden Romane überprüft. Es stellt sich also die Frage, ob die Kategorien Lusotropikalismus, Lusophonie, postmoderner, postkolonialer, postnationaler und globaler Roman zur Verortung, Einordnung und Erklärung der beiden Romane, aber auch der portugiesischsprachigen Literatur überhaupt, sinnvoll und tauglich sind. Ein besonderes Augenmerk gilt in diesem Kontext der Frage nach der literarischen Konstruktion eines afro-luso-brasilianischen Verhältnisses und der Diskurstraditionen, auf die Agualusa dabei rekurriert. In beiden Romanen unternimmt der Autor einen weit ausgreifenden Dialog mit der portugiesischen und brasilianischen Literatur. Agualusa versucht, die literarischen Traditionen Portugals, Brasiliens und Angolas zu verbinden und in seinen Roman einzubinden. Zu diesen intertextuellen Verhältnissen fügt er in O Ano em que Zumbi tomou o Rio durch den Einbezug von Musik und Film noch eine intermediale Dimension hinzu. Dabei schließt er auch den Kreis von hoher und populärer Lyrik und führt Lyrik als reine Schrift mit gesungener Lyrik, die von den Sambas Noel Rosas bis zu den Liedern Caetano Velosos und den Raps von MV Bill reicht, zusammen.

Ebenfalls mit dem lusoafrikanisch-brasilianischen Verhältnis beschäftigt sich Christoph Müller (Aachen/Berlin) in der Analyse "Das Brasilienbild in der Dichtung der Kapverdischen Inseln". Er stellt dar, wie im Kontext der interkulturellen Beziehungen der lusophonen Staaten untereinander der Einfluss, den Brasilien seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts auf die afrikanischen Saaten portugiesischer Sprache ausübt, in der Lyrik Cabo Verdes besondere Bedeutung erlangte. Bei diesem Süd-Süd-Kontakt lag und liegt die Aktivität jedoch nicht ausschließlich bei Brasilien, das als größte und wirtschaftlich, politisch wie kulturell erfolgreichste portugiesischsprachige Nation seit langem die Führung in der lusophonen Welt übernommen hat. Es sind auch die afrikanischen Staaten portugiesischer Sprache, die sich im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts aktiv dem neuen Vorbild Brasilien zugewandt haben. Vor diesem Hintergrund analysiert Müller das Bild, das in der Lyrik der Kapverdischen Inseln von Brasilien gezeichnet wird, sowie dessen kulturelle Bedeutung für die Dichter des Inselstaates.

Die Forschungen und Fortschritte im Bereich der Genetik und Reflexionen über neue genetische Verfahren, die bis zum Klonen von Menschen reichen, schlagen sich auch in den portugiesischsprachigen Literaturen und Kulturen nieder. In diesem Zusammenhang beschreibt Helmut Siepmann (Aachen) in "Von der Notwendigkeit der Differenz - Saramagos Roman O Homem Duplicado", wie der Kontakt zum "Anderen" sich problematisch gestaltet, wenn der "Andere" das differenzierende Element vermissen lässt und zur Identität neigt. Der Roman des portugiesischen Nobelpreisträgers José Saramago gibt unter der bedrohlichen Vorstellung von der Existenz identischer Menschen dem traditionellen Bild des Doppelgängers eine aktualisierte Form. Was Utopie scheinen mag, wird durch das narratologische Konzept zur Alltäglichkeit, mit tragischen Folgen in der Fiktion. Siepmann interpretiert Saramagos Roman auf dem Hintergrund der thematischen Duplizität von Identität und Vielfalt.

Nach der Analyse des Romans des portugiesischen Nobelpreisträgers vergleicht der folgende Beitrag Hubert Pöppels (Jena) "Das Klonen von Menschen in den Zeiten des Menschenparks: Utopie und Anti-Utopie bei João Ubaldo Ribeiro (O sorriso do lagarto) und Michel Houellebecq (Les particules élémentaires)" brasi
lianische und französische Gegenwartsliteratur. Pöppel geht von der Prämisse aus, dass utopische Gesellschaftsentwürfe in der Regel mehr über die jeweils gegenwärtigen Lebenssituationen und politischen Systeme aussagen, als dass sie wirklich realisierbare Zukunftsprojektionen entwerfen und dass Utopie und ihr Gegenüber, die Anti-Utopie, einander nicht unversöhnlich gegenüberstehen, sondern sich durchdringen und wechselseitig bedingen. Dem Wunsch, die ideale Welt auszudenken, ist schon immer die Sorge um die Kosten eingeschrieben, die deren Erreichen impliziert. Und die Abscheu vor einer Schreckensvision in der Anti-Utopie kann wiederum begleitet werden von der Faszination für das so Abgelehnte. Damit einher geht das dritte Element, das bei der Lektüre von João Ubaldo Ribeiro und Michel Houellebecq Beachtung verdient: Die literarische Ausformulierung einer Utopie oder Anti-Utopie muss notwendigerweise die Ebene der reinen Ästhetik verlassen, um sich auch den Aspekten der ethisch-moralischen Abwägung und den technisch-wissenschaftlichen Details zuwenden zu können. Und so verwundert es denn nicht, dass die ersten Zeilen des Romans O sorriso do lagarto (1989) den folgenden Text als "relato" - "Bericht" bezeichnen, und dass Les particules élémentaires (1998) die, freilich deutlich abgewandelte, Form der Forscherbiographie oder gar der Hagiographie annimmt.

Unter diesen Voraussetzungen stehen drei den beiden Romanen gemeinsame Themenkreise im Vordergrund der Analyse Pöppels: die Behandlung der Sexualität, die einen zentralen Problembereich jeglicher Utopie darstellt; der Bezug auf einen spezifischen Intertext: Huxleys Brave New World; sowie die literarisch-formale Ausarbeitung der Texte.

Die folgenden Beiträge richten sich auf den portugiesisch-brasilianischen Kontext, zum einen in literarturgeschichtlicher, zum anderen in filmgeschichtlicher Perspektive. Zunächst fokussiert Alexandre Martins (Köln) in "Umkehrer des Kulturvektors? Über die Rolle des brasilianischen Nordostromans im portugiesischen Neo-Realismus" die literarischen Beziehungen zwischen Portugal und Brasilien, danach analysiert Gunnar Nilsson (Jena) den brasilianischen Film Terra Estrangeira, der vor allem in Portugal spielt und die nordamerikanische Filmsprache der 1940 Jahre transformiert.

In literaturhistorischer Perspektive untersucht Alexandre Martins (Köln), wie in einer Zeit, in der das portugiesisch-brasilianische Verhältnis noch vom so genannten Sprachenstreit dominiert wurde, sich eine neuhumanistisch-sozialistisch geprägte Generation von portugiesischen Schriftstellern, die sich rasch unter der Epochenbezeichnung "Neo-Realismus" versammelten, brasilianische Romanciers des Nordostens zum Vorbild wählten und damit ein neues Kapitel der brasilianisch-portugiesischen Literaturgeschichte aufschlugen. Martins geht in seiner Darstellung von dem Vorwurf vor allem der spätmodernistischen Presença-Generation, die Neo-Realisten würden "brasilianisch" schreiben, aus und erfasst zunächst den historischen Vorlauf der lusobrasilianischen Beziehungen. Anschließend beschäftigt er sich mit der Frage, wo genau die Beweggründe für diesen interessanten brasilianischen Bezug der portugiesischen Neo-Realisten, der gern als kulturelle "Umkehr" des Verhältnisses zwischen Ex-Kolonie und Ex-Metropole überhöht wird, liegen.

Gunnar Nilsson (Jena) analysiert den brasilianischen Film Terra Estrangeira (1995) vor dem realen Hintergrund der Emigrationswelle von Brasilien nach Portugal zu Beginn der neunziger Jahre. In dem Film von Walter Salles und Daniela Thomas wird der Verlust von Lebensperspektiven der brasilianischen Jugend in der Heimat inszeniert und darüber hinaus der misslingende Versuch, eine neue Identität in der iberischen Fremde zu finden. Da es sich um Selbstvergewisserung in nicht allein persönlichen, sondern auch "nationalen" Begriffen handelt, beziehungsweise die Verquickung von beidem, ist es kein Zufall, dass ausgerechnet Portugal als sprachlich benachbartes ehemaliges Mutterland zum Ort des Geschehens gewählt wurde. Nirgendwo besser als hier, wo kulturelle Nähe auf ein Mehr an Verständnis schließen lassen müsste, kann die Verlorenheit jener "lost generation" Brasiliens in Szene gesetzt werden, die das Land verließ, um sich einer unsicheren Zukunft in einer "terra estrangeira" auszuliefern. Dafür sprechen die zahlreichen ausdrucksstarken Einstellungen, die den Film von seinem trostlosen Anfang in der Betonwüste São Paulos bis zu seinem Ende in den düsteren Gassen des Bairro Alto Lissabons und der nordportugiesischen Küste begleiten. Nilsson analysiert das hintergründige Licht- und Schattenspiel, mit dem der Kameramann Carvalho den morbiden Charme des heruntergekommenen Lissabon einsetzt, um die Stimmungslage der Protagonisten und ihre Beklemmung zu illustrieren und kommt zu dem Schluss, dass es sich bei dem Film Terra estrangeira um eine anthropophage Aneignung des amerikanischen Film Noir handelt. Der Film von Walter Salles und Daniela Thomas inszeniert eine genuin brasilianische Problematik mit dem Instrumentarium des nordamerikanischen Film noir aus den 1940er Jahren in einem portugiesisch-brasiliansichen Szenarium der 1990er Jahre. Die aus Nordamerika stammenden Techniken, Verfahren und Handlungsmuster sind allerdings nicht selbstgenügsame Koloraturen, die einfach dem thematischen Kontext übergestülpt werden, sondern formen sich mit ihm zu einem durchaus sinnhaften Neuen und Ganzen. Wenn man die Anthropophagie der brasilianischen Modernisten als Aneignung und Verdauung kultureller Fremdelemente mit dem Ziel einer Verarbeitung mit dem Eigenen zu einem neuen Ganzen verstehen will, dann erscheint Terra estrangeira als Resultat eines gelungenen anthropophagischen Verfahrens.

Bis in das Zeitalter der portugiesischen Entdeckungen und Eroberungen zurück reicht der literatur- und kulturwissenschaftliche Blick von Cornelia Sieber (Leipzig) die sich in "Construção e desconstrução duma identidade portuguesa no contacto com o Oriente: Os Lusíadas e a Peregrinação" mit den "Verhandlungen" um portugiesische Identität im Zusammenhang mit den Begegnungen der portugiesischen Literatur mit Asien beschäftigt. Ausgehend von Eduardo Lourenços Reflexionen über die Spezifika des portugiesischen Identitätsdiskurses analysiert Sieber die diskursiven Strategien von Os Lusíadas und Peregrinação von Luís de Camões und Fernão Mendes Pinto. Obwohl beide an Entdeckungsfahrten im 16. Jahrhundert nach Asien teilnahmen, weisen ihre literarischen Diskurse über den Orient fundamentale Unterschiede auf: Während das Epos von Camões die Überlegenheit Portugals gegenüber anderen Völkern und damit des Eigenen im Verhältnis zum Anderen herausstellt, verzichtet Mendes Pinto auf eine diskursive Inbesitznahme des Fremden durch eine eindeutige narrative Strukturierung. Die Symbole des Eigenen bleiben seltsam verstreut, die eigene Identität erscheint als instabil und schwach, in einem Raum, in dem das eigene Portugiesische und das andrere Orientalische nicht in hierarchischer Konkurrenz festgestellt werden.