24.04.2012: Dr. Uwe Neugebauer (Universität zu Köln, IDSL II):
„Praxis der Deutschdidaktik bei Kindern mit Deutsch als L2“
Die Vermittlung von Schriftlichkeit ist eine der großen Aufgaben im Rahmen des Deutschunterrichts. Kinder und Jugendliche mit einer nicht-deutschen L1 benötigen hierbei gehäuft spezifische Wege der Vermittlung. Diese Beobachtung steht im Einklang mit Forschungsergebnissen zum Transfer zwischen den Sprachen und der Schwellenniveau- (Skutnabb-Kangas, 1992) sowie der Interdependenzhypothese nach Cummins (2000).
Gleichzeitig wird die Bedeutung der Interdependenz- und Schwellenniveauhypothese durch Studien (z.B. Moser, Bayer &Tunger, 2008; Benati, 2011) relativiert. Für die Majorität der in Deutschland lebenden Kinder und Jugendlichen, deren Eltern eine nicht-deutsche L1 aufweisen, gilt, dass die Kinder und Jugendlichen nie in dieser L1 schulisch sozialisiert wurden und entsprechend „nur“ konzeptionell mündlich, nicht aber konzeptionell schriftlich (vgl. Koch & Oesterreicher, 2008), Kompetenzen in der L1 erworben haben.
Fraglich ist, inwiefern Lehrkräfte im Rahmen der Deutschdidaktik auf die bei den Schüler/innen in der L1 ggf. bestehenden Kompetenzen bei der Vermittlung von Schriftlichkeit und Mündlichkeit eingehen. Es werden folgende Fragestellungen betrachtet:
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Sind Schwellenniveau- oder Interdependenzhypothese oder auch das Phänomen eines „Interlingualen Transfers“ bei den Deutsch-Lehrkräften bekannt?
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Über welches Wissen bzgl. einer DaZ-Didaktik verfügen die Lehrkräfte, und in welchem Umfang setzen sie dieses ggf. ein?
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Existieren überhaupt die durch die o.g. Hypothesen postulierten Effekte nachweisbar für eine ausgewählte Population von L2-Lernenden?
Zur empirischen Fundierung der Fragestellungen wurde ein vierstufiges, responsiv angelegtes Forschungsdesign entworfen. Hierzu sind (1) Einzelinterviews mit Deutsch-Lehrkräften zum didaktischen Konzept sowie zu der Frage, ob es spezifische Adaptionen für L2-Lernende gibt, vorgesehen; (2) es erfolgt eine Erfassung der vorhandenen L1- und L2-Kompetenzen bei den Kindern & Jugendlichen mit nicht-deutscher L1; (3) (ggf. bestehende) Zusammenhänge zwischen den in der L1 und L2 erreichten Kompetenzen werden bei den SuS der Lehrkräfte ermittelt und werden eingespeist in eine (4) Gruppendiskussion mit den Lehrkräften, ob / wie auf diese eingebrachten Stärken didaktisch bislang eingegangen wurde.
22.05.2012 : Dr. Wenke Mückel (Universität zu Köln, IDSL II):
„Phraseodidaktische Potenziale von Sprachunterricht“
Phraseologische Einheiten sind wesentliche lexikalische Elemente und als solche von großer Bedeutung im Sprachgebrauch: Vor allem Kollokationen, aber auch andere phraseologische Formen, wie z.B. Redewendungen, Routine- und Paarformeln, kennzeichnen die persönliche Ausdrucksweise und treten verhältnismäßig häufig in der Alltagskommunikation auf. Diese Frequenz wird selten wahrgenommen, sodass mitunter erst der Fremdsprachenunterricht das ausschlaggebende Moment ist, Phraseologismen mit ihren sprachlichen Eigenschaften, Funktionen und Wirkungen ins Bewusstsein zu rücken – sei es bei der meistens sprachvergleichend angelegten Besprechung von idiomatischen Redewendungen, von Sprichwörtern, von Kollokationen, von False Friends in diesem Bereich. Der muttersprachliche Unterricht trägt der Relevanz von Phraseologismen für den Sprachgebrauch und für die Ausdrucksfähigkeit noch zu wenig Rechnung, denn im Rahmen der Wortschatzarbeit im Deutschunterricht fehlt bisher ein didaktisches Modell zur systematisch angelegten Entwicklung phraseologischer Fähigkeiten durch den Deutschunterricht. Einzelne Komponenten sind erkennbar, aber gerade in den Sprachbüchern, die unterrichtsbegleitend und z.T. unterrichtsbestimmend sind, wird noch kein gezieltes phraseodidaktisches Konzept sichtbar.
Im Vortrag soll der Stand der phraseodidaktischen Arbeit mit Bezug auf Sprachbücher beleuchtet werden. Auf der Basis einer dazu vorgenommenen exemplarischen Analyse wird versucht zu skizzieren, wo die Arbeit an einem phraseodidaktischen Modell ansetzen könnte und wie diese Ansätze in eine generelle Wortschatzarbeit eingebettet werden könnten. Die müsste darauf abzielen, die lexikologischen Fähigkeiten des Schülers durch den Unterricht zu entwickeln, dabei sein sprachanalytisches Vermögen, aber auch sein Sprachgefühl zu schulen (z.B. ein Gefühl für stimmige Kollokationen). Gesucht wird nach einem möglichen Weg für die unterrichtlich angeleitete Förderung der lexikologischen Kompetenz am Beispiel der Phraseologismen.
05.06.2012 : Dr. des. Juliane Stude (Universität zu Köln, IDSL II):
„Frühes Thematisieren von Sprache und sprachlichem Handeln“
Wenn wir miteinander kommunizieren, nutzen wir Sprache in erster Linie als Mittel der Verständigung. Zugleich kann Sprache und ihre Verwendung aber auch Gegenstand der Kommunikation sein. In besonderem Maße gilt dies für unterrichtlich gestützte Lernprozesse, die entscheidend über metasprachliche Aktivitäten gesteuert werden. Der Vortrag widmet sich der Frage, wie genau sich Kinder bereits vor der Einschulung die Fähigkeit des Sprechens über Sprache aneignen. In welchen Interaktionszusammenhängen kommt Metasprache in ihrem Alltag vor und wie sind diese Kontexte jeweils beschaffen? Auf welche Ressourcen können Kinder beim Aufbau metasprachlicher Kompetenzen zurückgreifen? Analysegrundlage bildet ein dreißig Aufnahmestunden umfassendes Korpus natürlicher Interaktionen zwischen Kindern und ihren Erzieherinnen sowie derselben Kinder untereinander. Die Analysen beleuchten, auf welche Weise Vorschulkinder insbesondere in Interaktionen mit Gleichaltrigen reichhaltige Gesprächsmöglichkeiten zum Thematisieren von Sprache und sprachlichem Handeln nutzen. Abschließend soll diskutiert werden, wie Unterricht sinnvoll auf vorschulischen Fähigkeiten zur Sprachbetrachtung aufbauen kann.
26.06.2012 : Jun.-Prof. Dr. Magdalena Michalak (Universität zu Köln, IDSL II):
„Verbindung von Theorie und Praxis im DaZ-Bereich - Portfolio als Reflexionsinstrument der Kompetenzentwicklung von Lehramtsstudierenden“
Mit dem neuen Lehrerausbildungsgesetz in NRW (LABG 2009) sind für alle Lehramtsstudierenden – unabhängig von gewählten Fächern und angestrebten Schulformen –Veranstaltungen in Deutsch als Zweitsprache verpflichtend geworden. Zugleich soll im Studium der Berufsfeld- und Praxisbezug durch mehrere Praxiselemente intensiviert werden. Die Entwicklung eigener Lehrkompetenzen durch verschieden Praktika wird in einem Portfolio systematisch dokumentiert und reflektiert. Damit ist auch das Portfolio zu einem verpflichtenden Bestandteil der Lehrerausbildung geworden.
Um die angehenden Lehrkräfte bei der Arbeit mit mehrsprachigen Klassen zu unterstützen, wurde im Rahmen des Projektes LIDAG (Linguistische und didaktische Grundlagen für den (Fach-) Unterricht mit Kindern und Jugendlichen nichtdeutscher Muttersprachen) ein Portfolio entwickelt, das die Entwicklung eigener Professionalität für die sprachliche Vielfalt stärkt. In dem Vortrag wird zunächst die Modellierung der Lehrkompetenzen unter dem Aspekt sprachlicher Heterogenität im Klassenraum dargestellt, wodurch die Deskriptoren für die Selbstbeurteilung und Reflexion festgelegt wurden. Auf dieser Basis werden die einzelnen Bausteine des Portfolios erläutert. Abschließend werden Chancen und Grenzen portfoliogestützter Arbeit in DaZ-Modulen in der Lehrerausbildung diskutiert.
10.07.2012 : Prof. Dr. Swantje Weinhold (Leuphana Universität Lüneburg):
„Konzeptspezifische Merkmale schwieriger Lernentwicklungen auf Basis kontrastiver fachdidaktischer Zugänge zum Schriftspracherwerb. Eine qualitative Studie“
Im Rahmen meiner vierjährigen Längsschnittstudie über Effekte fachdidaktischer Ansätze auf den Schriftspracherwerb in der Grundschule (vgl. Weinhold 2009) konnten in 13 Klassen auch Lese-, Schreib- und Metadaten von Kindern erhoben werden, die – trotz verschiedener didaktischer Zugänge zum Lesen und Schreiben – mit dem Schriftspracherwerb besondere Schwierigkeiten haben. Aufgrund der engmaschigen und zugleich langzeitlichen Datenerhebung (alle 6-8 Schulwochen von Anfang Klasse 1 bis Ende Klasse 4) liegen detaillierte Informationen darüber vor, ab wann und wie lange welche Schriftstrukturen von welchen Kindern (noch) nicht bzw. nicht mehr sicher realisiert werden. Diese Leistungen werden vor dem Hintergrund der jeweiligen fachdidaktischen Ansätze (Tobi-Fibel/Fara und Fu-Fibel sowie der Silbenanalytischen Methode (SAM)) analysiert, um Aufschluss über konzeptspezifische Merkmale schwieriger Lernentwicklungen zu gewinnen. Diese werden dann mit sog. "normalen" Lernverläufen verglichen.